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Der Meineidbauer

Ludwig Anzengruber: Der Meineidbauer - Kapitel 21
Quellenangabe
typefolkplay
booktitleDer Meineidbauer
authorLudwig Anzengruber
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000133-1
titleDer Meineidbauer
pages3-9
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1871
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Verwandlung

Wildromantische Felsengegend.

Die Szenerie repräsentiert ein Felsenplateau, vorne links in der Kulisse ein praktikables Felsstück, im Hintergrund ein solches über die ganze Bühne führend, das mit einer Brücke schließt, die über einen Abgrund führt, den aber ein kleinerer Fels dem Auge des Zuschauers verdeckt, rechts vorne ein sogenanntes »Marterl«.

Zehnte Szene

Franz, die Schwärzer, dann Ferner.

Melodram

Gewitter, Sturm, Donner und Blitz. Leiser, eigenartig aufzufassender Marsch, unter dem die Schwärzer, mit großen Warenpäcken auf dem Rücken, oben über die Brücke marschieren (fünf bis sechs Mann), bis zur Mitte des Weges stumm.

Erster Schwärzer.
Sakramentisches Wetter, hurtig, wenn der Wald drüben nit den Wind auffanget, blaset's uns samt die Bündeln von der Wand runter. Schaut's zu, daß wir's in Rücken krieg'n.

Franz (tritt auf von rechts).
Ich find' mich nimmer zurecht – zurück weiß ich noch, doch was vorwärts liegt? Bis hierher ging es herab – hier geht's wieder aufwärts.

Der letzte Schwärzer (in der Reihe ersieht ihn, die andern sind schon in der Kulisse).

Zweiter Schwärzer (pfeift grell).
He! ös da unten, wart's a wen'g, der Steig is nur für ein' breit g'nug, wart's, bis wir unt' sein. (Verschwindet. Mit dem Verschwinden schließt der leise Marsch.)

Ferner (noch hinter der Szene).
He, holla – Ferner Franz! – Franz!

Franz.
Wer ruft? – Holla he!

Ferner (stürzt in die Szene).
Da war's! Bist du's, Franz?

Franz.
Ihr treibt Euch noch da herum?

Ferner.
Is unnötig, weiß's schon! Komm mit, kennst dich eh da nit aus, ich führ dich.

Franz.
Ich brauche Eure Führerschaft nicht, unsere Wege gehen auseinander!

(Musik nimmt den Marsch wieder auf.)

Die Schwärzer (marschieren langsam im Hintergrunde über die Szene).

Ferner (zieht Franz noch mehr nach dem Vordergrunde, entschieden).
Franz, du hast 'n Brief!

Franz.
Wer sagt das?

Ferner.
Die Dirn selber.

Franz.
Ihr wart dort? – Nun, wenn sie's sagt, wird's wohl so sein!

Ferner.
Na, wenn's so is, so gib ihn heraus!

Franz.
Nein! (Wendet sich.)

(Die Schwärzer sind von der Bühne verschwunden.)

Ferner (hält ihn zurück).
Franz, um unser aller Seelenheil willen, trutz mir nur jetzt nit, gib ihn raus, den Brief, ich muß 'n hab'n. Schau, dein alter Vater bitt dich mit aufgehobenen Händen, treib ihn nit zur Verzweiflung; ich weiß nit, was alles g'schehen könnt, Franz, wo ich jetzt mich selber nit kenn, zwischen Furcht und Hoffnung.

Franz (reißt sich los).
Entschuldigt nicht schon früher, was etwa geschehen könnte – ich will's erwarten, was Ihr beginnt!

Ferner (faßt ihn neuerdings).
Du bleibst! Mir, dem Vater, hast z' g'horchen, so steht schon in der Heilig' Schrift.

Franz.
Laßt mich, sag ich – ich hab mit Euch nichts mehr gemein. (Er stößt ihn von sich, daß Ferner an das Felsstück taumelt, welches Franz nun hinaufsteigt.)

Ferner (sich aufrichtend).
Schuft, du vergreifst dich an mir? Du willst dein'm Vatern sein Unglück ausnutzen. – Oh, daß ich dich damal lebig aus mein'n Händen lassen hab. (Eilt gegen den Hintergrund.)

Franz (ist oben erschienen und schreitet gegen die Brücke vor).

Ferner (aufschreiend).
Bei allen Heiligen, Franz, wenn du nit stillhaltst und den Brief herausgibst, ich schieß dich herunter wie a Gems'!

Franz (an der Brücke).
Denk, daß die Finger an dem Schlosse deiner Büchse die Schwurfinger sind – und dann heb – hebe den Arm, wenn du kannst!

Ferner (außer sich).
Höllteufel! (Schießt.)

Franz (fällt lautlos von der Brücke).

Furioso

(unter dem Ferner nach dem Vordergrunde wankt).

Tremolo

Ferner (zitternd mit verhülltem Gesicht).
Oh, du mein Heiland, hat dös a noch sein müssen?! – (Kleine Pause, läßt die Hände herabsinken.) Er hat's selber nit anderscht woll'n, es is ihm völlig von Kind auf b'stimmt g'wesen durch meine Hand. – Tief liegt er jetzt unt' – der Wildbach reißt ihn mit – bis zum scharfen G'fäll dort über die Kanten bleibt kein Stuck von ihm ganz – den Brief verschwemmt's – den Aufweis gegen mich und den Mitwisser bringt keins mehr ans Licht. Dös is a Schickung, dös muß a Schickung sein. (Kniet an der Martersäule nieder.) Ich hab's ja ehnder g'wußt, du wurdst mich nit verlassen in derer Not! (Seine Kräfte verlassen ihn, und er sinkt an der Säule mit den Händen abgleitend zu Boden.)

(Kurze Melodie, eine düstere Gebetform, in die sich der Marsch der Schwärzer verschlingt, welche oben, ein zweiter Zug, an der Brücke erscheinen.)

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