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Der Meineidbauer

Ludwig Anzengruber: Der Meineidbauer - Kapitel 19
Quellenangabe
typefolkplay
booktitleDer Meineidbauer
authorLudwig Anzengruber
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000133-1
titleDer Meineidbauer
pages3-9
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1871
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Achte Szene

Vorige ohne Toni.

Vroni (die Anfangsreden ungeheuer schroff ).
Na, da is recht lustig! Wärt Ihr nit dazwischenkämma, hätt ich den Buben schon selber nausg'wutzelt, daß er sich g'wundert hätt! Muß ich jetzt leicht warten, bis a dritter kommt, der wieder zu Euch »happ« sagt, daß ich Euch los werd?

Franz (ernst).
Der dritte wird nicht ausbleiben!

Vroni.
Wär mir nit lieb! Ich wurd ja bis morgen fruh nit mit 'm Nauswerfen fertig! Macht's fort, es is jetzt Zeit, daß man schlaft!

Franz.
Hör mich an, Vroni; ich verstehe, daß du ungehalten bist, weil ich jetzt bei dir eindringe; ich bin nur gekommen, dir einen Dienst zu erweisen; ob du ihn nun hoch oder nieder anschlägst, für mich ist er eine Pflicht! Und wenn ich dich warne und dir sage: ich bin da zu deinem Schutz – so nehme ich mir wahrlich nicht mehr Freiheit heraus als der Hund, der dich bewacht.

Vroni.
Nit notwendig! Wir haben eh zwei so Viecher im Haus, und wann Ös da ausg'schnofelt wurd's, taten Enk Eure neuen Kameraden schön zausen!

Franz.
Erst mußt du doch wissen, um was es sich handelt; um einer Kleinigkeit willen, das kannst du dir wohl denken, bin ich zu der Stunde nicht hierher gekommen. Gedulde dich doch einen Augenblick, bis ich dir's gesagt, du wirst doch mich nicht fürchten!

Vroni.
Fallt mir nit ein! Ich fürcht mich vor nichts auf der Welt!

Franz (ernst).
Sprich nicht so, Mädchen, wo mich, mich den Mann, die Furcht hergetrieben hat. Mein Vater ist auf dem Wege nach Ottenschlag. Was ihn treibt, hat er's auch nicht ausgesprochen, Gutes ist es sicher nicht!

Vroni (erschrocken).
Euer Vater? Geht's zu, das bild't's Euch nur ein!

Franz.
Wollte Gott, ich hätte mich getäuscht; aber ich muß dir sagen, was ich fürchte, damit dich nichts überraschen kann, was auch kommen mag! Der Mann ist gefährlich zu einer Stunde, wo bei ihm alles auf dem Spiele steht, er schreckt vor keinem Gewaltschritt zurück, ich darf das sagen, ich habe das selbst erlebt, und so furchtlos du tust, du bist doch nur ein Weib, ein anderes Kind, ihm gegenüber, und daß er sich nicht zum zweitenmal an Wehrlosen vergreife, bin ich hier!

Vroni (ängstlicher).
Ich könnt's nit glauben, daß er die Kurasch zu so was hätt, wie ich 'n heut vor mir g'sehn hab!

Franz.
Hat er auch den Mut sinken lassen, die Verzweiflung richtet ihn wieder auf. Was einer wagt, der verzweifelt, das wagt er! Darum bin ich gekommen, dich zu schützen, ich bin gekommen wegen uns allen, wegen dir – wegen mir – und wegen ihm selbst! Damit nichts Ärgeres geschehe, als schon geschehen ist!

Vroni (ist furchtsam nähergetreten).
Meint's wirklich, daß er so Schlechtes im Sinn hat?

Franz.
Er ist nicht bei Sinnen – er denkt nichts – und läßt alles kommen – wie's auch kommen mag. – Hab Mitleid mit meiner Angst, ich würde dich bitten, laß mich da draußen vor deiner Türschwelle liegen – ich darf nicht von hier – ich darf nicht!

Vroni.
Seid's a guter Bursch! – Aber daß ich Euch da im Haus verstecken tät, das geht doch nit, 's tät sich nicht schicken!

Franz.
Du magst recht haben, ich will dir nicht länger beschwerlich fallen, ich werde das Häuschen die Nacht über im Auge behalten – du weißt nun, von welcher Seite Gefahr droht, von welcher Hilfe kommt. Ich mag dir nach all dem nicht gute Nacht' sagen – aber lebe recht wohl! (Geht nach dem Hintergrund.)

Vroni (reicht ihm beide Hände).
Du bist doch der aufrichtigst' brävste Feind, den eins auf der Welt haben kann!

Franz.
Ich bin dein Feind nicht. – Vroni, mußt auch nicht der meine sein! Ich will dir's sagen, damit du mich verstehen lernst – ich bin's gewesen bis heute, jetzt ist das anders! Ich habe dich gehaßt von klein auf, dich und die Deinen, ihr war't, wenn nicht die Schuld, so doch die Ursache, daß sich mein Vater an mir vergriff, daß ich von der Heimat mußte; und je größer ich wurde, je mehr mir's aufs Gewissen fiel, wie wir an euch Unrecht getan – je erbitterter wurde ich gegen euch! Doch das ist vorüber, seit ich dich gesehen! Vroni, laß uns Frieden machen! Verzeih! Es ist wahrlich genug an dem, was wir alle gelitten! –!

Vroni.
Ich hätt mich dem, den d' früher da troffen hast, nit so unüberlegt anvertraut, hätt mich nit schon als klein' Ding nach wem verlangt, der mich schützt vor Not und Gefahr und vor eurer Feindschaft. Die Lieb' wär nit word'n ohne 'n Haß! Und bin recht froh, daß jetzt eins wie's andre aufhör'n soll! – Mußt nit ungleich denken über mich weg'n dem Bub'n!

Franz.
G'wiß nicht. – Liegt dir so viel daran, Vroni, wie ich über dich denke?

Vroni.
Freilich wohl, weil ich dir vertrau.

Franz.
Das kannst du wahrhaftig.

Vroni.
So is's gut und so is's recht, und jetzt fürcht ich mich auch nimmer, seit ich weiß, daß du zu mir haltst.

Franz.
Hab ich mir's doch schon heute früh am Adamshof gedacht, wenn du die Vroni wärst, ich müßte dich an etwas erkennen, ich hab es aber nicht herausgefunden. Jetzt fällt mir's ein, wie ich dich da so vor mir stehen sehe, voll Stolz und Trotz gegen alle Welt und voll Vertrauen gerade gegen mich – ja, das ist das Gesicht, das ich oft gesehen habe, das Gesicht der kleinen Vroni, so ungebärdig und treuherzig wie damals, als wir vier Kinder noch auf dem Kreuzweghof spielten. Weißt du noch was?

Vroni (verlegen).
G'wiß a recht a dumme Kinderspielerei?

Franz.
Wir spielten damals »Onkel und Vroni« – der Jakob – ich erinnere mich jetzt recht gut, wie der damals aussah – der war der Geistliche, der uns zusammengab, und die kleine Crescenz war die Kranzeljungfer –

Vroni.
Ja und die schönsten Schläg' hab'n wir für das Spiel kriegt, weil's d' Mutter nit hat leiden können, 's wär' unschicklich g'wes'n.

Franz (seufzt).
Doch ich vergesse, das alles ist lange vorüber – denken wir an das Jetzt! – Ich habe nicht eher Ruh noch Rast, bis ich dich außer aller Gefahr weiß – bis diese Nacht vorüber ist – ja, bis ich dich morgen ungefährdet in der Kreisstadt angelangt sehe, wo du tun magst, was nun einmal geschehn muß. Laß mich dich morgen dahin begleiten, es ist ohnedies mein Weg, ich kehre nicht mehr nach dem Kreuzweghof zurück.

Vroni.
Is mir lieb, wann d' mitgehst!

Franz (wendet sich).
So leb wohl für heute! ich gehe, da draußen Wache halten.

Vroni (kommt mit bis zum Fenster).
Das geht nit, schau, wie schwarz der Himmel is – und g'spürst nit, wie die Wetterluft schon herweht über die Bergkuppen? Hast d' höchst Zeit, daß d' nach Ottenschlag rabsteigst. Zu was sollst du die ganz' Nacht da draußt herumlungern? 's is morgen a weiter Weg, der sich übernächtig nit gut geht, brauchst a deine paar Stund' Schlaf. Der Alte kimmt heut g'wiß nimmer! Und wenn auch, wo er hitzt noch nit da is, tut er später kein' Schaden mehr. Weißt – dir kann ich's ja sagen, 's munkelt eh die ganz' Gegend davon – wir krieg'n grad heut wieder so spat Gäst'! 's dauert vielleicht kein' klein' Viertelstund' mehr, so kehr'n die Schwärzer bei uns ein, drum lieg'n a noch die Hund' drauß an der Ketten. Später, wann die verrufenen G'sellen da herein und die Hund' los sein, traut sich neam'nd Fremder da an die Hütt'n ran; wär auch kein'm z' raten! Kannst drum ruhig nach Ottenschlag abi.

Franz.
Du magst recht haben, du bist für heute wohl unter dem Schutze dieser Rechtlosen sicher, aber morgen mit dem frühesten komm ich herauf, und dann geht's über die Berge nach der Kreisstadt, dort magst du dem Geschicke seinen Lauf lassen, der Wirklichkeit ihr Recht geben – aber bis dahin laß mich träumen! Laß uns die Berge durchziehen, laß sie uns noch einmal im Geiste durchkosten, die Kinderzeit, die im Frühdämmer des Lebens liegt und uns erst später ihr ganzes Glück enthüllt, sobald sie für immer vorbei. Es ist die einzige unvergällte Zeit meines Lebens, denn auch die Zukunft liegt nicht lockend vor mir. Morgen will ich noch einmal Kindheit und Heimat aufleuchten lassen im Frührot der Berge, das sei das Letzte, was ich meinem Herzen zugestehe; diese Bilder will ich mit hinübernehmen in den heißen Tag, der folgen wird, und der soll dann, wo er mich auch trifft – vielleicht drüben überm Meer – seinen Mann an mir finden! – Aber morgen in die Berge! – Auf Wiedersehen, Vroni! –! (Steigt aus dem Fenster.)

Vroni.
B'hüt Gott! (Geht ans Fenster.) Jetzt weiß ich nit amol, ob er 'n rechten Steig gangen is – man sieht drauß kein' Strich vor die Augen – nimmt er 'n g'fehlten, geht er a Stund' um und 's Wetter is nur zum runterfall'n! (Kehrt zur Mitte zurück.) Wird a schlimme Nacht werd'n! Dös Häuserl steht so einsam auf der Höh' und da faßt's allmal der Wind von all'n Seiten, als wollt' er's davontragen, und wann ihm das nit g'rat'n will, kommt er in Zorn und beutelt's durcheinand, daß Tür und Fenster vor Angst schrei'n. (Ist zur Tür gegangen und hat sie geschlossen, geht jetzt gegen das Fenster.)

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