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Der Meineidbauer

Ludwig Anzengruber: Der Meineidbauer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefolkplay
booktitleDer Meineidbauer
authorLudwig Anzengruber
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000133-1
titleDer Meineidbauer
pages3-9
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1871
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Zehnte Szene

Vorige. Jakob in abgetragenen Kleidern, elend, bleich, wankt, auf einen Stock gestützt, lautlos herein.

Lies.
Richtig is er's!

Vroni.
Bruder! – Jakob! – Du lieber Heiland, wie schaust denn du aus?

Jakob (wirft sich in einen Großvaterstuhl und holt tief Atem.)
Mit Verlaub! – Grüß Gott, Ahnl! – Grüß dich Gott, Vroni! – Bist a wieder da?

Lies.
Wo kimmst wieder her? Was willst denn da? Kimmst aus der Straf' wieder?

Jakob.
Zum letztenmal, Ahnl.

Lies.
Hast allweil g'sagt, weiß's vom G'meinvorsteher – bist jed'smal 's letzt' Mal in der Straf' g'wes'n.

Jakob.
Dösmal is's g'wiß! Ich hab mein' Teil! Ich hätt können sterben drin in der Stadt – im Spital – sie hätten mir's gern kommod g'macht – sein froh, wann unsereiner – a Gravierter – geht – hab mich aber bis her g'schleppt – gönnt's mir ä Platzl, Ahnl – wo mit mir a End' wird. – 's is letzt', was ich von Euch verlang!

Lies.
Dös is a Feiertag! Da kimmen s' mir ins Haus g'schneit – der verlebt' Bruder und die verliebt' Schwester, und kehr d' Hand um, wird koans mehr davon da sein, der ein' geht auf neu' Dieberei, die ander' auf neu' Liebschaft und die alt' Ahnl kann wie vor und eh allein auf ihrer Wirtschaft leb'n oder sterb'n!

Vroni.
Ahnl! (Ihr im Arm.) Ich geh g'wiß nimmer von dir!

Jakob.
Ich wollt, sie hätt'n mich niemals von Euch tan. Hitzt is's vorbei! – Ich werd nimmer g'sund – ich versprechet a nix – ich haltet's a nit – ich weiß, ich könnt kein gut mehr tun! – Aber gunnt's mir a Platzl zum Sterb'n!

Lies.
Dumms G'red! Zum Sterb'n wird's nit sein! – Vroni, schau derweil auf ihm, ich geh nur nach 'm klein' Acker auf der Höhen, wo der Niklas arbeit' – der muß g'schwind zum Bader im Ort! (Rasch ab.)

Vroni.
Jakob, ich bitt dich, sag d' Wahrheit! Is dir wirklich so schlecht, oder –

Jakob.
Ich weiß, denkst, wer amal lugt – wart, vielleicht dauert's neama bis morg'n, wirst sehn – daß ich d' Wahrheit red! – D' Ahnl möcht ich zum allerwenigsten betrüg'n – die is z'neb'n dir d' einzig' auf der Welt, die's recht g'meint hat mit mir! (Kleine Pause.) Vroni! 's is mir recht lieb, daß ich dich noch triff vor mein' End'. – Wie mir 's Reden schon schwer wird – 's liegt so hoch, der Ahnl ihr Haus – bin völlig raufkrochen – hätt' dir was z'sag'n – hab was für dich! –

Vroni.
Ich bitt dich – nur eins, Bruder – wenn's unrecht' Gut wär'?

Jakob (wischt sich den Schweiß).
Jesus, Vroni! Peinig mich nit in meiner letzten Stund' – was ich für dich hab, is mein von Gott und Rechts weg'n, weißt damal, wie unser Vater nach Wien is, war ich mit als Bub – hat a Schrift, glaub wohl, war sein Testament, nach Haus g'schickt – paar Tag' drauf hat er ins Spital müssen und is bald dort verstorben; 'vor er hat h'nein müssen, hab'n wir bei der Schwiegermahm g'wohnt und die hat 'm Vater sein' z'ruckg'lassen' Sach' bei ihr b'halten und hat noch g'sagt: »Jakoberl, dös heb ich dir auf!« Ich hab mich aber später nie zu ihr hin'traut, weil ich so a Lump worden bin. Nur dösmal, wo ich gar runterkämma bin wie nie, bin ich hin – so wie ich jetzt steh, hat einer wenig Genieren mehr nötig. Dös brav' Weib hat von damal richtig noch die paar Sachen aufg'hob'n, das G'wand hab ich verkauft, um a Wegzehrung bis her z' haben, aber Vaters Betbüchl wollt ich dir oder der Ahnl geb'n – is doch a Andenken. (Zieht das in ein rotes Tuch gehüllte Buch hervor und wickelt es heraus.) Nimm du's!

Vroni.
Ich dank dir recht, Jakob. (Indem sie sinnend die Hände mit dem Gebetbuch sinken läßt, blättert sie dasselbe auf.) Da liegt ja ein Brief drein?!

Jakob.
Weiß's – hab's so aufg'funden – Is noch von damal'n an Vater.

Vroni.
Was steht denn drin?

Jakob.
Weiß's nit – hab 'n nit g'les'n! – is ja doch nur 'n Vater angangen! – Was kunnt drin stehn, was mir noch half' oder schad't? – Geschriebenes mag ich heut noch schwer lesen – gang ungern dran! Hab nur tracht, daß ich noch daher triff!

Vroni.
's Siegel is eh schon ganz verbröckelt, ich mach 'n auf!

Jakob.
Tu's, is jetzt dein' Sach'!

Vroni (öffnet den Brief).
Er is vom Vater sein'm Bruder, vom Kreuzweghofbauer! – Heiliger Gott!

Jakob.
Du verschreckst ein'n!

Vroni.
Um Gottes will'n, Bruder, los zu, los nur zu, was er 'm Vater g'schrieb'n hat: »Lieber Jakob! Dein Testament, worin Du die Burger Vroni und ihre zwei Kinder als Erben von all Dein Hab und Gut einsetzt, hab ich erhalten. Es ist nit schön, daß Du mich und, meine Kinder so g'ring drein abfertigst...«

Jakob (auffahrend).
Jesus, Maria, so steht's drein? – Und dös wär der Beweis g'wes'n. (Faßt mit beiden Händen nach seinem Kopfe.) Vroni – dös gibt mir 'n Rest – mir wird schwindlich! – Ich wär nit schlecht word'n, Vroni, hätt nit g'sehn, wie der Kreuzweghof is reich und ang'sehn g'wes'n dabei – mein ganz' Leben voll Not und Schand' – war rein unnötig – nur dös Fetzl Papier – Jesus und Josef! Is dös a dumme Welt. (Senkt den Kopf und greift unsicher um sich.) Vroni! Vroni!

Vroni.
Bruder, um Himmels will'n, bleib bei dir! Du darfst jetzt nit versterben. Denk an unsern Brief, wart ab, die Ahnl muß gleich mit 'm Bader da sein.

Jakob.
Z' spat! Alles z' spat! – Mich freut nur oans, daß dir's noch gut gehn wird und der Ahnl – und daß ich noch rechtzeitig nach hoam troffen hab. (Blickt durchs Fenster.)

Vroni.
Is dir leichter?

Jakob.
Weiß's nit – Hörst, Vroni?

Vroni.
Was willst denn?

Jakob (zeigt nach der Zither)
Könntst? – Möchtst? –

Vroni.
Die Zither soll ich dir spielen?

Jakob (nickt).
Noch was – (Sagt im Tonfall der Melodie des kommenden Liedes:) »Dös war' mein letzter Wunsch.«

Vroni.
Dös Lied soll ich dir jetzt singen?

Jakob (nickt).

Vroni.
Ich kann nit, Jakob, ich kann nit.

Jakob (lächelt etwas und sagt wie oben).
»Gib mir die G'währ.«

Vroni.
Ich kann dir nix abschlag'n, aber hart wird mir's. – O du mein Gott, so viel hart. (Richtet sich am Tisch die Zither.)

Jakob (faltet die Hände).

Vroni (setzt mit gebrochener Stimme ein, bezwingt sich aber und singt dann mit der scharfen Prononcierung der ländlichen Lieder weiter).

        Dös war' mein letzter Wunsch,
gib mir die G'währ'
laß mich in der Heimat sterb'n,
himmlischer Herr.

Grüner Tann, blaue Berg',
du dunkler See,
euch möcht ich nochmal sehn,
bevor ich geh.

Möcht sterb'n in Elternhütt',
daß noch bewußt – (Liese tritt ein.)
ich mein' Kopf legen kann
an d' liebste Brust.

Jakob (wendet sich).
Großmutter! Großmutter!

(Liese eilt zu ihm, er legt das Haupt an ihre Brust.)

       

Ich mein' Kopf legen kann
an d' liebste Brust.

Daß mir die liebste Hand
d' Augen druckt zu,
b'hüt dich Gott, Heimatland,
ich geh zur Ruh.

B'hüt dich Gott, Heimatland...

(Vroni birgt laut schluchzend ihr Gesicht. Jakob stirbt; der Anblick wird dem Publikum durch Liese entzogen, die sich über den Sterbenden beugt; unter dem spielt das Orchester die Repetitionszeile und fällt der Vorhang.)

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