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Der Meineidbauer

Ludwig Anzengruber: Der Meineidbauer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefolkplay
booktitleDer Meineidbauer
authorLudwig Anzengruber
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000133-1
titleDer Meineidbauer
pages3-9
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1871
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Neunte Szene

Vorige. Vroni, ein Bündel unterm Arm, tritt zögernd ein.

Vroni.
Grüß Gott, Ahnl!

Lies (dreht sich überrascht um).
Was tausig, Vroni! Du bist's? – Schau einer, laßt dich a amol sehn? Was gar, mir scheint, du bist ausgestanden aus 'm Dienst? Wo trittst denn jetzt ein?

Vroni.
Hab noch kein' Dienst.

Lies.
Nit? Is dös so schnell gangen? Dein frumm' Bauerssuhn hat dich wohl sitzen lass'n, und jetzt is 's Weib ohne Gott und Glauben wieder gut Freund? Traust dich denn in die gottlose Wirtschaft da her?

Vroni (mit unterdrücktem Weinen).
B'hüt Gott, Ahnl! (Wendet sich.)

Lies (nimmt ihr den Bündel weg und wirft ihn auf den Tisch daneben).
Na, dumm's Mensch, mußt gleich flenna? Darf die alt' Ahnl sich leicht nit a bissel 'n Schnabel wetzen? Bleib nur da – d' Wahrheit verbrennt dich nit wie d' Sunn', wirst nit braun davon! War leicht das so schön, wie d' von mir g'rennt bist? Soll ich vor Freud' in Ohnmacht fall'n, daß d' jetzt kimmst, wo dich nit ausweißt und nit daher kamest, wußt d' dir ein' andern Ort?

Vroni.
Ich werd dir nit lang auf der Schüssel lieg'n.

Lies.
A meinetwegen lieg drein bis übers Jahr, dessentwegen is nit – war lang nit so harb auf dich, hätt ich's nit verspürt, wie d' mir abgehst.

Vroni (fällt ihr um den Hals).
Ahnl, du hast mich halt doch gern.

Lies.
Was tust denn wieder? Wirf mich noch um. (Tätschelt ihr die Wange.) Freilich, freilich, bist mein lieb's Dirndl! – Aber jetzt sei g'scheit, bleib fein da. Hab eh neamand, d' Arbeit geht mir schon hart; und a freundlich' G'sicht tat mir doch a wohl. (Wischt über den Tisch.) Setz dich her. (Trippelt zum Schrank und nimmt aus demselben eine Rein auf einem Brett.) Magst leicht ein Bissen essen? (Setzt ihr vor.) Mußt fruh weg sein, kimmst so zeitlich her nach Ottenschlag.

Vroni (etwas essend).
Der Postbot' hat mich her auf sein' Wagerl g'nummen.

Lies.
Dös sein die fein', mit die jung' Dirndl fahrn s' gleich meilenweit ins Land, daß sich dö ja d'Füß' nit vertreten; unseroans könnt' neben herrennen, daß d' Zung' aus 'm Hals hängt, saget keiner »Alte, magst aufsitzen?« – Na, schmeckt's? Gelt, Essen, Trinken und Verliebtsein, sunst steht euch nix an, jung's G'sindel? Habt's recht, gibt eh nix G'scheits weiters auf der Welt.

Vroni.
Du führst noch allweil so unebne Reden, bist nit anders word'n?

Lies.
Zahlet sich aus für die paar Jahrl, die ich noch leb!

Vroni.
Ahnl, ich bitt dich gar schön, sei nit so freimäulig. War mir a rechter Seg'n, wann ich's machen könnt, daß man dich wieder in der Kirchen sahet.

Lies.
Dummes Ding! Wann d' mir mit solche Vorsätz' kimmst, is's mir auch lieber, wann d' wieder gehst! Du machst mich nimmer katholisch. – Glaubst, ich bin dös über Nacht word'n, was ich bin? Da hab'n mehr Jahr' dran g'arbeit', als du auf der Welt bist. A Nacht hat's freilich fertig bracht, dö nämlich, wo dein' Mutter mit enk zwa Kindern an mein' Tür pocht hat, weil s' vom Meineidbauer vom G'höft g'jagt worden is.

Vroni.
Du meinst 'n Bauer vom Kreuzweghof? Warum gibst ihm den Spitznam' »Meineidbauer«?

Lies.
Is dös a schwer Ratsel? Warum hoaßt d' Elster a Dieb? Weil der Lump vom Kreuzweghof falsch geschworen hat, hoaßt er Meineidbauer bei mir, solang er lebt und länger noch, wenn ich ihn überleb, solang von ihm die Red' is.

Vroni.
Wenn das wahr wär, Ahnl, und mir könnt ihm's beweisen.

Lies.
Sein' falsch' Eid hab'n 's eben als Beweis für ihn gelten lassen. Dein' Mutter, die nie g'log'n hat, hat's in der nämlichen Nacht gleich g'sagt, wie's damals zugangen is, und is in ihrer letzten Not noch dabei blieben. Der Meineidbauer hat, bevor sein Bruder nach Wien is, schon ganz gut g'wußt, was dem sein Will' is, wenn er verstirbt; nämlich, daß all's der Vroni und ihr'n zwei Kindern g'hörn soll. (Legt die Hand auf die Schulter Vronis.) Aber a Testament war auch da – es war eins da! Wie da Meineidbauer vom G'richt heimkommen is, wo er die Händ' zu Gott aufg'hob'n hat, daß er von keiner Schrift was weiß, da hat er selb Schriftstück auf 'm Herd verbrennt, und sein Bub' is zufällig dazukommen; er war so a zwölf Jahrl alt, hat g'wußt, daß der Vater z'wegen 'm Testament zu G'richt is schwör'n gangen, und find't ihn da auf einmal, wie er die G'schrift ins Feuer halt'! – Lesen hat der Bub gut kinna, aber 'n Schnabel hat er a auftun müssen, wie die Bub'n gern tun, wenn s' glauben, jetzt können s' geg'n die Eltern aufkommen. Dös war damal a Spektakel auf 'm Kreuzweghof – die Vroni is grad noch dazukommen, daß s' so viel hört, daß sie sich ihr'n Teil draus entnehmen kann – die alt' Mutter vom Bauern hat den Bub'n gleich auf d' Seit' bringen müssen, so wütig war der Vater auf ihn. D' Großmutter und der Bub sind nach Wien gangen, sie hat sich seither hinunterkränkt über die Schlechtigkeit von ihr'n einzig noch übrigen Sohn und is vor'm Jahr verstorben. Ausg'sagt hätten die zwei nix, und der Meineidbauer hätt g'leugnet. So hat's halt beim alten bleiben müssen. – Sixt, Vronerl, und damals, wie der Meineidbauer sein' Hand hat zu Gott aufg'hob'n, nur daß ihm die g'studierten Leut' seines Bruders Hab und Gut zusprechen, da is kein Donner vom Himmel g'fall'n, die Erd' hat sich nit auftan, mein Kind is in Not und Unehr' dagestanden und a so verstorben, und der Meineidbauer is heuttags noch a reicher Mann. Seither war's fertig in mir! Dö Welt taugt mir nit, wo so was drin g'schehn kann. Seit damals heißen s' mich gottlos; ich glaub aber nit, daß amol z'wegen unsere Seel'n die Teixeln raffet werd'n. Der Himmel wird sich grad so viel g'freu'n, daß er 'n Meineidbauer derlangt, wie der Teixel, daß er a Alte mehr in d' Höll' kriegt!

Vroni (lacht).
No, geht's zu! (Ernst.) Ich hoff zu Gott, daß keins von uns in d' Höll kimmt!

Lies.
Na, soll hübsch warm drein sein, dös tauget schon für uns Alte, mir friert da ehnder 's ganz' Jahr; für dich paßt er schon, der Himmel, du hast noch hitzig' Blut und hitzt gar – koan Schatz dazu!

Vroni.
Geh, du red'st so viel wüst, Ahnl! Man muß sich frei schamen – hört mer dir zu!

Lies.
Ah was, z'weg'n ein bißl Neckerei brauchst nit gleich brennrot z' werden, bist doch kein' Heilige und is doch d' Magdalen' eine word'n; bin heut bißl lustig – weil d' mich aufg'riegelt hast! Kommen schon wieder Täg, wo di wundern wirst, wie grantig d' alt' Ahnl sein kann. Kind, lustig is schön, wer's nur allweil sein könnt! – Bleib nur da, dann werd ich's schon a öfter sein können. – Seit ich an kein' Sonntag mehr ins Ort abi komm, hab'n s' mich da allein sitzen lassen, selbst d' vertrautesten Bekannten hab'n nimmer zugesprochen, höchstens die arm' Holzknecht', wann s' viel Durst und wenig Geld hab'n, dö kimmen, und 'vor s' reintreten, schlagen s' a groß' Kreuz, aber so a gottlos Glas Wein für a bißl holzspaneln und a Vergeltsgott schmeckt ihna doch!

Vroni.
Und dös gebt's ös denen Leuten?

Lies.
Freilich gib ich's! Schimpf s' auch orndlich z'samm dabei. – Ich bin nit so schlimm, wie mich d' Leut' machen, ich g'freu mich a, daß d' noch a Vertrauen g'habt hast zu mir und kämma bist – bist a stark Dirndl, dir haben s' draußt in der Welt noch nicht ankönnen; ich wollt, ich hätt euch all' zwei bei mir halten können. – Schlechts hätt's ös da nit g'sehn.

Vroni.
G'wiß nit. Wollt selber, ich wär nit so dumm g'wes'n und von dir fort, ich seh, was ich jetzt davon hab. – Sag, Ahnl, was is denn aus 'm Brudern word'n? Hast nix von ihm g'hört?

Lies.
Ja, ja, den hab'n s' mir auch weggenommen. Ob ich von ihm g'hört hab? Ah freili, mehr als mir lieb is, aus 'm gottlosen Haus da hab'n s' ihn weg, das hat der Meineidbauer a noch auf'm G'wissen. Freilich, er is ja aus der frumm Schul' kämma, tauget ja nit her da. War der beste im Katechismus, hat alle Sünden g'wußt, die man nit tun soll, hat aber a g'wußt, daß die Sünden in der Beicht' vergeb'n werd'n, so is er halt a Dieb und Vagabund word'n. 's erste Mal is er auf'm Schub herkämma nach Ottenschlag, da hat ihn die G'meind' mir ins Haus g'schickt – ich hab glaubt, ich sink in d' Erd – lang is er aber nit blieb'n, und wie er von mir weg is, sein meine Silbertaler a mit fortg'west – dann hat er's weiter so forttrieben – is in die Strafhäuser rumkugelt, dann wieder der G'meind' zur Last g'fall'n – ich aber hab nix mehr von ihm wiss'n woll'n und hab 'n a seither nimmer g'sehn – will 'n a nimmer sehn.

Jakob (geht am Fenster vorüber).

Vroni.
Jesus und Josef!

Lies.
Was hast denn?

Vroni.
War mir doch, als gang einer da vorm Fenster vorbei – und 's wär der Jakob.

Lies.
Wär mir nit lieb.

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