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Der Maskenball in der Ca' Torcelli

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Der Maskenball in der Ca' Torcelli - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleDer Maskenball in der Ca' Torcelli
publisherMeister verlag Rosenheim
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderChristine Weber
created20140410
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»Maskenball in der Ca' Torcelli!« – »Sta notte sara un ballo in maschera nella Ca' Torcelli!« –

Die Leute aus dem »Sestiere«, dem Stadtbezirk, in dem der Palazzo lag, riefen sich's zu, wenn sie einander begegneten; es war ein Ereignis und die gegenseitige Mitteilung davon so gut wie eine Verabredung, sich auf dem Campo an der Westfront einzufinden, um die Masken in den Gondeln ankommen zu sehen.

Maskenball in der Ca' Torcelli! Nicht, daß ein Fest in diesem weitläufigen Patrizierpalaste zu den Raritäten gehörte, seit der Prinzipe Don Angelo die russische Fürstin als Herrin heimgeführt! Im Gegenteil, die Ca' Torcelli hatte seitdem ihre nur selten geöffneten Pforten weit und oft genug aufgemacht, um zu zeigen, daß der alte Glanz des Dogengeschlechtes nicht erloschen, sondern frisch wiederhergestellt worden war. Die Patriziergondeln legten wie in früheren, halbvergessenen Tagen oft vor den Wasserportalen an, hinter den Fenstern des »piano nobile« war jeden Abend Licht zu sehen, auch Fremde von höchstem Rang gaben in der Ca' Torcelli ihre Karten ab. Aber ein Maskenball in der Ca' Torcelli – das war etwas, wovon das ganze Sestiere etwas hatte. Man würde die Masken sehen, alle, alle. Oh, Don Angelo war ein Venezianer, er kannte seine Mitbürger und wußte, womit er sie erfreuen konnte. Er hatte befohlen, die Wasserportale zu schließen, das heißt die Gitter an Stelle der schweren Türen vorzuziehen, damit man vom Wasser aus in die große Halle mit dem bunten Treiben darin sehen konnte; alle Gondeln mußten am Campo anlegen, und die ankommenden Masken unter einem zeltartigen mit Teppichläufern belegten Gange durch das Landportal mit dem Wappenbilde darüber im Palazzo ihren Einzug halten. Man würde sie also alle einzeln sehen können, und Don Angelo hatte es extra so bestimmt, um seinen Mitbürgern und Nachbarn im Sestiere eine Freude zu machen. Die Polizeibehörde war eingeschaltet worden, um zu verhindern, daß sich ungebetene Gäste einschmuggelten, um Silber und Juwelen zu stehlen, oder um einmal zu sehen, wie es bei den Großen der Stadt zuging, sich schließlich betranken und gröbliche Szenen aufführten. Solche Sachen waren schon in anderen Häusern vorgekommen und hatten die Vorsichtsmaßregeln veranlaßt. Doch Don Angelo war sehr beliebt in Venedig und für Donna Zoe, »la Russa«, wären die Leute geradezu durchs Feuer gegangen. Die Stadt hallte wider von ihrer großzügigen Wohltätigkeit, ihrer Herzensgüte und ihrer Freundlichkeit. Besonders hoch wurde ihr auch angerechnet, daß sie außer Iwan nur italienische Dienerschaft um sich hatte und daß zu den Instandsetzungsarbeiten in der Ca' Torcelli und der Malinconica keine Ausländer zugezogen worden waren. Natürlich bekam die »Russa« hin und wieder Besuch von ihren Landsleuten. Zwei- oder dreimal war die Dame schon dagewesen, mit der Donna Zoe zuerst nach Venedig gekommen war, aber jedesmal hatten der Prinzipe und seine Gemahlin verreisen müssen, wenn sie kam. Sie hatte kein Glück. Einmal mußten Don Angelo und Donna Zoe eine Stunde vor ihrer Ankunft nach Rom, weil Donna Fabiola erkrankt war. Es war nichts als ein Schnupfen gewesen, aber man wußte ja, daß Donna Fabiola gleich so viel Wesens von allem machte. Dann war es – ja, was war es doch? Kurzum, die Dame mußte in der Ca' Torcelli jedesmal mit Don Orso fürliebnehmen. Hingegen wurde ein russischer Minister, der sich auf der Durchreise nach Rom befand, auf mehrere Tage gastfreundlich aufgenommen. Eingeweihte wußten, daß es ein gefährlicher Gast war, den die Ca' Torcelli beherbergt hatte. In Rußland waren schon mehrere Attentate auf ihn versucht worden; deshalb zogen in der Ca' Torcelli auch mehrere Geheimpolizisten ein, die der Prinzipe sich zur Sicherheit seines Gastes ausgebeten. Seitdem Don Angelo die »Russa« heimgeführt hatte, gab's fortwährend etwas zu sehen und zu besprechen in der Ca' Torcelli, aus der am Abend so wunderbare Geigentöne herausklangen, daß die Gondeln sich auf dem Kanal Grande davor versammelten und ihre Insassen lautlos zuhörten, was drinnen unter den Fingern und dem Bogen der Donna Zoe wie mit Engelsstimmen sang ...

Und heut war Maskenball in der Ca' Torcelli! Donna Fabiola war eigens dazu von Rom gekommen, wo sie im Palazzo Corleone auf den besonderen Wunsch ihrer jungen Nichte, der blonden Principessa Donna Daphne Wohnung genommen hatte, nachdem diese nach Neujahr als Kandidatin auf das Noviziat im Kloster von Santa Croce auf der Giudecca in Venedig eingetreten war. Eine so süße, wunderbare, junge Himmelsbraut!

»Heute abend ist Maskenball in der Ca' Torcelli«, sagten die Leute erwartungsvoll und hüllten sich fester in ihre Mäntel beziehungsweise Tücher, denn die Februarnacht zog kühl herauf. Endlich kamen die ersten Masken, bewundert und kritisiert von dem Publikum auf dem hellerleuchteten Platz. Nachdem sie ihren Gondeln entstiegen waren, mußten sie die Lästerallee bis zum Portal der Ca' Torcelli zu Fuß zurücklegen, wobei sie von den Schaulustigen je nach der Kostbarkeit ihrer Tracht mit beifälligem Gemurmel oder mit Händeklatschen begrüßt wurden. Besonderes Aufsehen erregte eine Gruppe, die mit einer Pracht ausgestattet war, die eigentlich die naive Freude des Volkes am Schimmernden, Farbenfrohen hätte voll entfachen müssen. Aber ein kurzes Gemurmel wich bald einer tiefen Stille. Es waren vier gleichgekleidete, gleichgroße Männergestalten in den phantastischen Kostümen orientalischer Priester in goldstarrenden Gewändern und gleißenden Kopfbedeckungen von eigentümlicher, konischer Form. Alle vier hatten lange, schneeweiße Bärte, die lockig bis auf die Brust herabwallten, und lange weiße Haare – sie waren einander so ähnlich durch die vollkommen gleiche Kleidung und durch ihre Größe, daß es unmöglich gewesen wäre, sie von einander zu unterscheiden. Auf ihren Schultern trugen die vier eine vergoldete Tragbahre, auf der ein hochlehniger Sessel stand, der mit einem dichten, weißseidenen, weichen Gewebe verhüllt, aber leer war. Mit ernsten, gemessenen Schritten trugen die vier Orientalen ihre Bürde zum Palazzo, gefolgt von vielen tausend Blicken, in einem Schweigen, als ob in San Marco der Patriarch zur Prozession getragen würde, oder als ob etwas Sinistres, Unheimliches von diesen vier gleichen Gestalten ausginge. Am Portal faßte der eine in den Gürtel seines Gewandes und reichte dem Majordomo die Einladungskarte mit dem Alliancewappen Torcelli-Berdischeff, indem er auf die vier darauf verzeichneten Namen deutete und stumm auf sich und seine drei Ebenbilder zeigte. Der Majordomo anerkannte die Karte, las die Titel: »Graf, Baron, Ritter« und nochmals »Graf«, machte eine tiefe Verbeugung und hob die Rechte, zum Zeichen, daß die beiden Schweizer, welche das Portal mit ihren gekreuzten Hellebarden versperrten, die Gäste passieren lassen durften.

Am Fuß der breiten, teppichbelegten Treppe, die zum piano nobile führte, stand der Herr des Hauses Principe Angelo Torcelli in der Tracht, die der letzte Doge seines Namens getragen: dem langschleppenden hermelinverbrämten Gewande von Goldbrokat mit bis zum Boden fallenden Ärmeln, auf dem ausdrucksvollen, rassigen Kopfe die Dogenmütze, den historischen »Corno« von Goldstoff und dem edelsteinfunkelnden diademartigen Rande. Er hatte keine Maske vor dem Gesicht, welche für seine Gäste obligatorisch war bis zur Demaskierung mit dem Schlage der Mitternacht, denn er mußte erkannt werden als Herr des Hauses; sein Gesicht war ernst wie immer, aber sein Auge hatte den oft sehr bitteren Ausdruck verloren und sah klug und wohlwollend drein. Wie Don Angelo auf seinen goldenen Stab, ein Erbstück von seinem Ahnherrn, gestützt stand, war er jeder Zoll das wieder lebendig gewordene Oberhaupt der toten und begrabenen Republik, der Meereskönigin Venezia, die als Großmacht dereinst in Pracht und Herrlichkeit geherrscht hatte. Die vier Orientalen stellten wie auf Kommando ihren Tragsessel nieder, als sie vor dem Herrn des Hauses angelangt waren und verbeugten sich tief und lange vor ihm.

»Sie kommen ja aber mit leerem Throne, hohe Herren«, meinte Torcelli lächelnd, indem er auf den verhängten Sessel deutete, nachdem er den Gruß gebührend erwidert hatte.

»Dieser Schleier birgt ein großes Geheimnis, o Herrscher der hohen Republik«, erwiderte laut der zuvörderst rechts stehende der vier Orientalen, leise aber setzte er rasch in französischer Sprache zu: »Das stand nicht im Programm, Fürst, daß Sie uns hier abfassen sollten! Wir haben mit der Principessa, Ihrer Gemahlin, eine kleine Überraschung verabredet –«

»Ah ja – meine Frau tat sehr geheimnisvoll mit ihrer Maske«, erwiderte Torcelli gleichfalls leise, indem er versuchte, die Larve zu durchdringen, die das Gesicht des Sprechers eng umschloß. »Nun, ich habe nichts gesehen und verspreche, sehr überrascht zu sein. Vorwärts, meine Herren – die Masken fangen an sich zu drängen, wir dürfen keine Stockung verursachen!«

Die Orientalen nahmen ihren Tragsessel wieder auf.

»Wir sollen die Principessa in ihrem Appartement abholen«, flüsterte der Sprecher Torcelli im Vorübergehen zu.

»Schon recht – im zweiten Stock, die Tür rechts von der Treppe – Sie kennen ja wohl jedenfalls den Salon meiner Frau«, gab Torcelli leise zurück, schon mit der Begrüßung der Nächsten beschäftigt.

Und die Orientalen stiegen zum piano nobile hinauf, geleitet von dem Lakaien, dem Torcelli gewinkt, hatte, die Gäste zu führen, wandten sich, ohne in den sich füllenden großen Saal zu treten, direkt zur Treppe des zweiten Geschosses und traten mit ihrer Last in den Salon – demselben, in dem Zoe Sarakow am Vorabend ihrer Verlobung mit Angelo Torcelli auf der Amati gespielt hatte.

»Melden Sie der Principessa, daß ihre Freunde sie hier erwarten«, sagte der Orientale, der unten mit dem Fürsten gesprochen, zu dem Lakaien, der unterwürfig sein »zu Befehl, Exzellenza«, murmelte und verschwand.

Draußen im Korridor kam Iwan ihm entgegen von der Loggia her. »Was machst du im Salon der Herrin?« fragte er. »Du hast deinen Dienst unten, scheint mir!«

»Der Signor Prinzipe hat mich geschickt, ich soll der Signora Principessa ihre Freunde melden«, erklärte der Lakai beflissen, denn ein wenig Dampf hatte die ganze Dienerschaft des Palazzo vor »Ivanno«.

»Was für Freunde?« forschte der Kammerdiener.

»Was weiß ich? Der Signor Prinzipe hat sie mir nicht vorgestellt!«

»Das kann ich mir denken, du Erzesel du«, rief Iwan mit gutmütigem Spott. »Na, wenn der Signor Principe dich geschickt hat, dann tu, was dir befohlen ist. Klopfe dort an jene Tür – die Signora Principessa ist noch bei der Toilette – mache deine Meldung, wie es sich schickt, und trolle dich dann, verstanden?«

Damit trat Iwan ein paar Stufen die Treppe hinab, um, während er auf seine Herrin wartete, ein wenig der Ankunft der Masken zuzuschauen ... Sie hatte ihm zwar verboten, ihr zu folgen, damit sie nicht gleich erkannt würde, aber er wollte sie doch wenigstens sehen, ehe sie im Gewühl verschwand, denn daß sie heute Abend die Schönste sein würde, das stand fest für ihn.

*

Zoe Torcelli hatte eben ihre Kammerfrau entlassen, um auch sie der Ankunft der Gäste zuschauen zu lassen, und trat noch einmal vor den hohen, dreiteiligen, beweglichen Spiegel, in welchem sie sich von allen Seiten betrachten konnte.

»Angelo wird zufrieden sein«, dachte sie mit ihrem lieblichen Lächeln, als das Spiegelbild ihre strahlende Erscheinung zurückwarf, die im Braut-Kostüm der Elsa aus dem »Lohengrin« wie eine Vision vergangener Tage aussah. Sie freute sich, weil sie glaubte und hoffte, in Angelo Torcellis Augen die Bewunderung und Befriedigung zu lesen, die zu erwecken sie sich einzig und allein geschmückt hatte. Denn was immer auch Zoe Torcellis Fehler und Unzulänglichkeiten sein mochten, die sie besitzen mußte, weil sie »nur ein Mensch« war, – sie wurden alle bei ihr zur Tugend und zur Liebenswürdigkeit, weil alles, was sie tat und dachte, nur auf das Leitmotiv Ihrer großen und tiefen Liebe zu ihrem Gatten gestimmt war.

»Er wird mich an dem Alexandriten gleich erkennen«, dachte sie. »Aber ich denke, ich hoffe, er würde es auch ohne ihn. Zwar, man könnte ihn hinter dem Ausschnitt des Kleides verschwinden lassen – so. Ob ich dafür eine Spange daran stecke? Ach was! Der Schmuckschrank ist schon geschlossen und es würde mir die ganze Freude an dem Feste verderben, wenn inzwischen eine dreieckige Botschaft hineingezaubert worden wäre –«

Sie schüttelte sich leicht, als wenn es sie kalt überliefe und streifte scheu mit dem Blick den Schmuckschrank. Seitdem sie nach dem Tode der armen Jelisaweta das Dreieck mit dem Totenkopf darauf gefunden, hatte sie keine Botschaft durch ihn mehr erreicht. Das »Komitee« hatte einen anderen Weg gewählt, den gewöhnlicher Sterblicher, durch die Post, aber nur einmal. Die französische Briefmarke trug den Stempel »Ambulant«, es war also nicht zu ersehen, woher das Dreieck kam, das von einem Briefumschlag gewöhnlicher Form, aber von sehr starkem Papier umschlossen wurde. Diese Botschaft forderte Zoe auf, daß sie die dem Schreiben in einer besonderen Papierhülle beiliegende, gewöhnliche Stecknadel von geschwärztem Stahl ihrem Gast, dem russischen Minister des Innern, in den unteren Rand eines Ärmels seines Rockes oder seines Überziehers stecke, doch so, daß die Spitze herausragend nach oben zeige. Sie, Zoe, habe nichts dabei zu fürchten; die Wirkung des kleinen, unbedeutenden Stiches oder Risses dieser Nadel sei ebenso unmittelbar wie unnachweisbar, wie das Beispiel mit ihrer Kammerfrau Jelisaweta bewiese. Das »Komitee« sprach die feste Erwartung aus, daß Zoe der Bruderschaft und dem Vaterlande diesen Dienst der Befreiung von einem nachsichtslosen Schergen der Tyrannei freudigen Herzens leisten würde, widrigenfalls sie selbst jede Anwartschaft auf ihre »Begnadigung« verwirken würde.

Zoe hatte nicht für eine Viertelstunde Länge geschwankt, was sie tun müsse. Sie hatte den Brief verbrannt wie alle seine Vorgänger, die unschuldig aussehende Stecknadel mit einer Pinzette aus ihrer Hülle genommen, im Feuer glühend gemacht, und, damit noch nicht zufrieden, die Nadel im Garten in die Erde gesteckt und diese festgetreten. Und dann hatte sie ernstlich ihre Rechnung mit dem Himmel gemacht – die Hoffnung mit ihrem süßen »Vielleicht –« war für immer von ihr geschieden. Angelo Torcelli erfuhr nichts von all den »Botschaften«, die sie seit ihrer Verlobung mit ihm erhalten hatte. Er hatte sie einmal, nur einmal nach der Vermählung gefragt, ob die »Bruderschaft« es gewagt hätte, sich ihr zu nähern, und sie hatte, ohne zu zucken »nein, nie mehr«, geantwortet. Seine ruhige Antwort: »Ich dachte es und sagte es dir schon: sie haben dich nur einschüchtern wollen. Du mußt mir sofort – sofort, Zoe, sagen, wenn sie den Versuch zu einer Erpressung machen«, hatte sie schon in Ängste versetzt, ob auch die Wände in der Malinconica nicht Ohren hatten, um zu hören, daß er es wußte, daß er es wußte!

Seit dem glücklich verlaufenen Besuche des russischen Ministers hatte das »Komitee« geschwiegen, über vier Wochen waren vergangen, ohne daß irgend etwas geschehen war, das Zoes Sicherheit bedroht hätte, und die begrabene Hoffnung begann allmählich wieder aufzuerstehen und mit leiser, leiser Stimme ihre süße Weise »vielleicht – vielleicht« in das willige Ohr zu hauchen. Denn ein Mensch, der nicht gegen alle Hoffnung hofft, wenn es sich um sein eigenes Leben handelt, ist auf der Welt nicht zu finden. Die Hoffnung verlängert ihm den Termin mit ihren immergrünen Griffen, barmherzig wie sie ist, eine der göttlichen drei Schwestern, von denen die Liebe die größte ist. Heute abend, am Abend des Maskenballs in der Ca' Torcelli, hatte die unwillkürliche Feststimmung Zoe mit fortgerissen; sie freute sich auf das bunte Bild unten im piano nobile, weil sie sah, daß es Angelo Freude machte, Venedigs und der Umgebung beste und erlesenste Gesellschaft zu einem der glänzendsten Feste in seinem Hause zu versammeln, wie des Südländers Phantasie sie liebt, weil sie ein leiser Widerhall sind von dem Glanz und der Macht vergangener Tage. Der Maskenball war seine Idee, und sie hatten sie zusammen ausgestaltet – er mit Eifer, weil er glaubte, ihr wenigstens Feste schuldig zu sein für das wenige, das er ihr geben konnte von seinem Herzen – sie, weil sie glaubte, es mache ihm Freude und weil sie nicht um die Welt verraten wollte, daß sie eine rettungslos Totgeweihte war. Wenn Arria, nachdem sie sich den Dolch ins Herz gestoßen hatte, ihrem Gatten ermutigend sagen konnte: »Es schmerzt nicht!« so wurde ihr vielbewunderter klassischer Heldenmut zehnfach übertroffen von dieser Weltdame des neunzehnten Jahrhunderts, die lächelnd und sich schmückend einem ganz unbekannten Tode mit jeder Minute um einen Schritt näher ging und keinen Finger rührte, um sich zu retten, nur damit der Mann, den sie liebte, nicht mit ihr fiel! Die Helden sollen ausgestorben sein, klagen einige Dichter, die Heldinnen sind es nicht, auch wenn sie nicht mit Panzer und Helm zu Roß sitzen wie die Jungfrau von Orleans. Zoe Torcelli sah hinaus in die sternenhelle Nacht, strich mit der Hand über die Augen und griff nach der schwarzen Samtmaske, die auf dem Tisch bereit lag. Da klopfte es an ihrer Tür.

»Wer ist da?«

»Ich – Giulio, Altezza. Ich soll Altezza sagen, daß Ihre Freunde Sie in Ihrem Salon erwarten.«

»Meine – o ich weiß. Es ist gut, Giulio! Natürlich –« Mein »Lohengrin«, Graf Rheinstein, kommt mich holen? dachte sie. Er hat mich mißverstanden – ich sagte ihm ausdrücklich, daß ich um halb neun Uhr im Grünen Zimmer neben dem Salotto sein werde. Aber es tut nichts, wir können auch über die Treppe von der anderen Seite unseren Einzug halten.

Sie ging dann in ihren Salon, zu welchem sie eine kleine Bibliothek durchschreiten mußte, die nur durch eines der sie einschließenden Gelasse Zutritt hatte. Als Zoe die Tür des Salons öffnete, sah sie, daß dieser dunkel war. Sie stieß einen leisen Ruf der Überraschung aus, trat vollends ein und langte nach dem Knopf für die Beleuchtung, – in diesem Moment aber wurde schon von einer anderen Seite die Krone am Plafond entzündet, und Zoe sah sich den vier Orientalen gegenüber, die mitten im Salon standen mit gekreuzten Armen, stumm und unbeweglich wie Statuen. Den Tragsessel hatten sie seitwärts hingestellt.

»Oh –!« machte Zoe überrascht, aber ohne jede Spur des Erschreckens. »Mir scheint, die Herren sind durch ein Versehen hier hereingeführt worden. Dies ist mein Privatsalon – der Maskenball beschränkt sich auf die Räume des piano nobile. Aber da ich selbst bereit bin, hinabzugehen, kann ich die Herren führen –«

Damit deutete sie nach der Korridortür und sah jetzt erst, daß hier, wie über einer anderen, der Bibliothek gegenüberliegenden Tür die schweren Samtportieren herabgelassen und die Vorhänge der Fenster gleichfalls geschlossen waren. Die vier Orientalen hatten sich nicht von der Stelle gerührt bei ihren Worten, kein Laut, kein fröhliches Wort unterm Schutz der Maskenfreiheit antwortete ihr. Hätte sie die acht Augen hinter den Larven nicht blitzen sehen, sie hätte denken können, daß hier vier Wachsfiguren aufgestellt waren. Aber sie sah die Augen und richtete sich hoch auf.

»Die Herren werden die Güte haben, ihre Masken zu lüften«, sagte sie laut und scharf. »Ich weiß nicht, wie Sie hier hereingekommen sind – jedenfalls durch einen Irrtum, ein Mißverständnis. Da dieses Zimmer aber außerhalb des Maskenbereiches steht, und ich hier unmaskiert die Herrin bin, so verlange ich zu wissen, wer die Herren sind. Maskenscherze sind in diesem Stockwerk ausgeschlossen – der Kordon über der Treppe zur zweiten Etage drückt das deutlich genug aus, und ich bitte diesen Wunsch ihrer Wirte zu respektieren.«

Nun kam Leben in die Gruppe. Während der Äußere zur linken einen Schritt vorwärts trat, streckte sein Ebenbild zur äußersten Rechten seine behandschuhte Rechte vor und machte damit eine Bewegung, die ein Dreieck beschrieb.

»Zoe Torcelli«, sagte er mit einem weichen, klangvollen Bariton leise aber deutlich auf russisch, »Zoe Torcelli, nimm eine demütige Haltung an, denn du stehst vor dem Komitee der Bruderschaft, das gekommen ist, dich, die Abtrünnige, die Verräterin, zu richten!«

Zoe Torcelli zuckte nicht zusammen, sie erblaßte nicht und verlor nichts von ihrer stolzen Haltung; wenn man monate-, jahrelang etwas Furchtbares erwartet und nicht weiß, in welcher Gestalt es einen ereilen wird, so ist es eine Erlösung, wenn die Stunde kommt, in der die entsetzliche Spannung von einem genommen wird. Im Gegenteil, statt, wie es vielleicht erwartet wurde, vor Schreck in die Knie zu sinken, feuerte der Mummenschanz ihre lang aufgespeicherte Entrüstung zu offener Verachtung an; statt zu erblassen, bedeckte das Rot der Empörung ihr sonst so zartes Gesicht.

»Ich konnte es mir denken, daß das hohe ›Komitee‹ sich in irgendeiner Vermummung einschleichen würde – lichtscheue Wege brauchen natürlich die Maske. Ich hätte mir aber niemals träumen lassen, die Bekanntschaft des ›Komitees‹ in solch malerischem Aufzug zu machen«, sagte sie mit einer Ruhe, von der sie wußte, daß sie ihre einzige Chance war – wenn es überhaupt noch eine gab. »Sie haben den Augenblick gut gewählt, meine Herren – Sie haben ihn geschickt ausgesonnen. Ich mache Ihnen mein Kompliment. Ach – ich sehe, der eine dieser ehrwürdigen Priester hat mir den Rückzug durch mein Ankleidezimmer abgeschnitten – eine unnütze Mühe, denn ich denke nicht daran, zu fliehen. In meinem eigenen Hause? Ich bin nicht so feig wie die, welche sich maskiert einschleichen, natürlich mit gefälschten Einlaßkarten, um zu viert eine wehrlose Frau zu ermorden! Tun Sie, was Sie wollen – nur das eine verbitte ich mir: Mich eine Verräterin zu nennen. Ich habe, ohne zu wissen, was ich damit tat, der Bruderschaft Stillschweigen geschworen und mit versiegelten Lippen habe ich meine Bürde getragen!«

»Du hast unseren Befehl mißachtet, den Schergen der Tyrannei, den sie Minister nennen, zu richten, als er unter deinem Dache weilte«, erwiderte der weiche Bariton eindrucksvoll, als sänge er ein Liebeslied.

»Mein Dach ist für meine Gäste ein geheiligter Ort«, entgegnete Zoe mutig wie zuvor. »Ich bin keine Meuchelmörderin und habe niemandes Befehlen zu gehorchen, besonders nicht denen der Bruderschaft, aus der ich ausgeschieden bin.«

»Und wer garantiert uns, daß du den Minister nicht gewarnt hast?« sagte der Bariton mit schmelzenden Tönen.

»Ich garantiere dafür mit meinem Worte«, gab Zoe ohne Zögern zurück. »Das Komitee macht sich den Scherz, das Spiel der Katze mit der Maus aufzuführen«, setzte sie hochmütig hinzu. »Was soll das? Mich einschüchtern? Damit sind Sie an die falsche Adresse geraten, und Sie wissen es. Sie wissen sehr genau, daß ich dem Minister keinen Wink geben konnte, weil ich unter dem Schwur des Stillschweigens stehe. Aus diesem Grunde durfte auch Olga Petrowna Vareskoi ungehindert abziehen aus meinem Hause, nachdem sie mir meine Kammerfrau getötet hatte mit einem eurer infernalischen, keine Spur zurücklassenden Mittel. Was sollte ich tun, wenn ich doch keine Anklage gegen sie erheben durfte? Unter der Maske der Freundschaft hat sie es so gut verstanden, mir eure dreckigen Botschaften in meinen Schmuckkasten zu ›zaubern!‹ Natürlich war der Mechanismus von euch darauf eingerichtet worden, soviel kann ich mir schon denken. Nur einmal – nach dem Tode des Fürsten Sarakow, als sie nicht annehmen konnte, daß ich mich in meiner Trauer mit Steinen behängen würde, da heftete sie mir das Dreieck an mein Kopfkissen, das mir die Blutschuld am Tode des Gouverneurs zur Last legte. Ich kann mir alles zusammenreimen, seit ich einen stummen Zeugen in der Hand meiner alten Jelisaweta fand, der so beredt sprach ... Wenn Sie, meine Herren vom ›Komitee‹, Olga Petrowna sehen, so sagen Sie ihr, daß ich niemals zufällig abgereist war, wenn sie herkam, mich zu besuchen. Ich mochte sie nicht mehr wiedersehen, ich konnte nicht. Ich habe dem Fürsten nie gesagt, daß sie kommen würde, denn er ist viel zu sehr Kavalier, als daß er einen Gast, eine Dame noch dazu, nicht in seinem Hause empfangen hätte. Ich bat ihn einfach, fortzureisen, und er tat es. Ich hoffe, Olga Petrowna hat mich endlich verstanden. Sie, die Kluge mit ihrer raschen Auffassungsgabe, fing an manchmal schwerfällig zu werden. Vielleicht mit Absicht.«

»Und ist Fürst Torcelli ganz ahnungslos, daß seine Frau unserer Bruderschaft angehört?« flötete der Bariton sanft.

Zoe maß den Sprecher mit einem erstaunten Blick.

»Hat das Komitee meine schriftliche Erklärung darüber nicht erhalten? Hat Olga Petrowna sie unterschlagen?« fragte sie.

»Nein. Olga Petrowna ist zwar eine Eingeweihte, aber sie würde nicht wagen, dem Komitee etwas vorzuenthalten, das ihm bestimmt ist. Wir haben diese Erklärung erhalten. Ist Zoe Torcelli bereit, sie mündlich zu beschwören?«

Zoe wußte, daß sie verloren war, wenn nicht ein Wunder geschah – sie wußte, daß sie eine schwere Sünde durch diesen falschen Schwur auf ihre Seele lud, an deren Unsterblichkeit sie fest und unverbrüchlich glaubte, aber sie wußte auch, daß das leiseste Zögern, daß ein Schwanken ihrer Stimme schon das Verderben ihres Gatten sein konnte. Sie konnte diese Schuld nicht auf sich laden, weil sie ihn liebte, und aus Liebe lud sie auf sich, was sie als ewiges Verderben erkannt hatte. Sie hob ohne Zögern, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken die Rechte empor und sagte mit fester, klarer Stimme:

»Ich schwöre, daß Fürst Torcelli nichts über die Bruderschaft von mir erfahren hat.«

Ob es wohl »Lügen« geben mag, bei denen die Engel im Himmel jubilieren?

*

Der Maskenball in der Ca' Torcelli war in seinem Beginn ein zweifelloser Erfolg. Die Masken waren zahlreich, elegant, zum größten Teil originell und paßten mit ihren bunten, oft kostbaren Kostümen prächtig in die lichtstrahlenden Räume des piano nobile, in welchem Olga Petrowna heute vergeblich nach zerschlissenen Möbelstoffen gesucht hätte. Zoe hatte mit ihrem wunderbaren Taktgefühl, das sie nicht nur Menschen, sondern auch Dingen gegenüber bewies, die Restaurierung der Ca' Torcelli so bewerkstelligt, daß scheinbar nichts dadurch berührt schien und doch alles die unsichtbaren Stützen der Erhaltung erhielt, nichts strahlte und protzte mit neuen Vergoldungen, Stoffen, Möbeln und doch war alles ersetzt, was dem Ruin verfallen schien. Wer das kann, ist ein großer Meister, und Angelo Torcelli hatte seiner Frau auch scherzend ein »Diplom« dafür versprochen. Und alles das hatte sie getan mit dem Schwerte des Damokles über ihrem Haupte.

Unter seinen Gästen, doch unmaskiert, bewegte sich Angelo Torcelli in seiner Dogenrobe hin und her, nachdem der Empfang unten in der Halle als beendet gelten konnte. Er suchte seine Frau, die mit ihrem Kostüm so geheimnisvoll vor ihm getan, aber bisher hatte er keine Gestalt entdecken können, die der Zoes glich. Donna Fabiola, in der Tracht ihrer Ahnfrau auf dem berühmten Bilde Van Dycks in der Galerie Corleone zu Rom, sah prachtvoll aus; sie war trotz Maske nicht zu verkennen. Aber Zoe konnte er beim besten Willen nirgends entdecken. Der alle um Haupteslänge überragende »Lohengrin«, der sich bisher abseits gehalten hatte, stand plötzlich an seiner Seite.

»Du, Torcelli«, murmelte er auf ihn herab, »ich weiß nicht, was ich mir denken soll – – ich soll zwar nichts verraten, aber ich sitze und sitze und warte auf deine Frau im grünen Kabinett, und sie kommt nicht! Wir hatten uns als Elsa und Lohengrin verabredet, weißt du, – wenn sie also noch kommt, dann tu' recht überrascht, damit wir ihr die Freude nicht verderben. Um halbzehn Uhr wollten wir uns treffen; jetzt ist's fast elf. Hast du sie nirgends gesehen?«

»Nirgends«, erwiderte Torcelli ruhig. »Sie hat dich vielleicht schon unter einer anderen Maske geneckt, Rheinstein! Vielleicht verrät Iwan etwas – sieh doch mal zu, ob du Ihn in der oberen Loggia erwischen kannst. Oder Onkel Orso. Er hat das Kostüm des ›Rigoletto‹. Es ist in dem Gewühl sehr schwer, jemand herauszufinden, der nicht so lang ist wie du und mit seinem Schwan über den Massen schwebt. Du siehst aber famos aus, mein Junge.«

»Das soll nun ein Pflaster auf eineinhalbstündigen Warteschmerz sein«, brummte Lohengrin und verschwand nach der Loggia zu. Angelo Torcelli, der sich gerade ungefähr in der Mitte des großen Saales befand, ließ seine Augen suchend über die Masken gleiten, die zum Klange des gleichfalls kostümierten Musikkorps lebhaft und mit schönem Eifer um Ihn herumtanzten. Er suchte nicht nur seine Frau, sondern auch noch etwas anderes; es fehlte ihm jemand, den er unten in der Halle begrüßt, und als er eben den Schwan auf dem Helm Lohengrins um die Tür verschwinden sah, da fiel es ihm ein: es waren die vier Orientalen mit dem Tragsessel, die er suchte! Ja, und auch sie behaupteten eine Verabredung mit seiner Frau zu haben, und er selbst hatte sie zu ihr in den oberen Stock geschickt. Es war ihm damit klar, daß Zoe einen doppelten Maskenscherz ausgedacht hatte, aber eigentlich hätte sie den armen Kerl, den Rheinstein, nicht so lange warten lassen brauchen – Wo waren die Orientalen hingekommen? Zu übersehen waren sie nicht durch ihre vierfache Erscheinung, und mit dem Tragsessel mußten sie doch auch etwas vorgehabt haben –

»Aha! Der Wolf in der Fabel«, sagte er vor sich hin, denn in diesem Moment erschien die Gruppe in der breiten Flügeltür des Saales, die auf die Loggia nicht nur geöffnet, sondern ausgehoben war, wodurch der Saal mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen werden konnte.

Die vier ganz gleichen Orientalen, den Tragsessel auf den Schultern, blieben im Eingange stehen und warteten, bis die Musik die letzten Takte des eben gespielten Walzers beendet und der Tanz aufgehört hatte. Dann schritten sie langsam und feierlich vor mit ihrer Last und standen mit ihr unter dem mittelsten der fünf Kristalleuchter still.

Neugierig umringten die Masken die seltsame Gruppe, und ein Murmeln des Beifalls erscholl ringsum, das sowohl den vier wie aus einem Stück gegossenen Trägern in ihren priesterlichen Prachtgewändern galt als auch ihrer Last: einem vielleicht echten, jedenfalls aber wohl nur glänzend imitierten, vergoldeten und von eingesetzten, bunten Steinen funkelnden thronartigen Sessel mit purpursamtenen, goldgestickten Kissen belegt, wie sich Königinnen in den Tagen des Glanzes solcher Möbel bei feierlichen Gelegenheiten bedient hatten. Auf diesem Sessel saß aufrecht eine verhüllte Gestalt; der weiße, dichte Seidenschleier, der sie vom Kopf bis zu den Füßen einhüllte, schmiegte sich durch sein weiches, glänzendes Gewebe so dicht ihren Formen an, daß man sie unschwer als die einer Frau erkennen konnte, die eine Krone auf dem Haupte trug. Das voll auf die Thronende fallende Licht lockte durch die Kettenfäden des Gewebes hie und da einen leuchtenden Schein wie von durchscheinenden Juwelen; unterhalb des Kopfes, der an dem Rückenkissen lehnte, hinter dem Schleier, welcher der ganzen Gestalt opalartige, verschwommene Umrisse verlieh, schimmerte und glühte es wie ein rotes Licht.

Minutenlang standen die Träger dieser geheimnisvollen Last mit ihr unter dem strahlenden Kronleuchter unbeweglich still, dann hob der eine der vorn stehenden Orientalen seine weißbehandschuhte Hand und exakt, als wäre es lang geübt worden, setzten sie die Tragbahre mit dem Sessel und der Gestalt darin nieder, grüßten tief zuerst den unmittelbar davor stehenden Herrn des Hauses, dann die anderen Umstehenden, kreuzten die Arme über der Brust und standen still wie bemalte und vergoldete Statuen.

Man sah die eigentümliche Gruppe an, lachte, warf den vieren kecke Reden zu, auf die sie so wenig antworteten, als wären sie nicht für sie bestimmt, und ein paar vorwitzige Masken zupften die verhüllte Gestalt am Schleier, ohne daß sie ein Zeichen gab, daß sie's bemerkt, so regungslos blieb sie sitzen.

»Welch hohe Person – Priesterin oder Göttin – ist es, die mein armes Haus beehrt?« sagte Torcelli, der dem allem unbewegt zugesehen hatte, im Geiste des Festes zu den Orientalen, die offenkundig eine Anrede von ihm erwarteten. Seine Tracht stimmte zu dem Ernst, mit dem er sprach, aber in seine Frage klang ein Unterton hinein, etwas wie eine Warnung, die Grenzen nicht zu weit zu stecken und etwas wie Mißtrauen, das vielleicht am stärksten durch den Ton des Mummenschanzes hörbar war.

Die vier Orientalen verbeugten sich gleichzeitig, als sie angeredet wurden.

»Großer Doge, durchlauchtigster Herr«, begann der vornan rechts stehende Priester mit einer wunderbar melodischen Baritonstimme, die jedes seiner Worte zu einem Liede machten, »auf Befehl Buddhas, unseres Herrn und Meisters, haben wir in dein schimmerndes Haus das verschleierte Bild von Sais gebracht. Wenn du, sobald die Glocke Mitternacht schlägt, seinen Schleier lüftest, wirst du erfahren, was die Menschen oft ihr Leben lang vergeblich suchen – die Wahrheit. Deinem Schutze vertrauen wir dies wunderbare Bild an, damit vor dem zwölften Glockenschlage keine vorwitzige Hand es berührt!«

»Bravo!« riefen die Masken und klatschten in die Hände. Die vier Orientalen aber machten wieder ihre tiefe, feierliche Verbeugung und verschwanden nach den vier verschiedenen Richtungen im Gewühl.

»Noch eine Stunde bis Mitternacht!« rief ein Pierrot lachend und begann um den Tragsessel zu hüpfen. »Das arme Bild von Sais wird sich bis dahin unter seinem Schleier sträflich langweilen!« Und er gab der Gestalt mit seiner Pritsche einen leichten Schlag aufs Knie ...

»Das Bild rührt sich nicht, es ist eine Puppe!« lachte er.

»Natürlich ist's eine Puppe!« bestätigte eine niedliche Pierette, die eine schelmische, diskrete Kneif-Attacke auf die Schulter der Verhüllten gemacht hatte. »Ein Mensch, besonders ein weiblicher, fährt zusammen, wenn man ihn kneift ... Bild von Sais! Schüttle deinen Kopf, wenn du lebendig bist!«

Aber die Gestalt regte sich nicht. Nur das rote Licht, das durch den Schleier glühte, als wär's ein lebendiges Feuer, irrte unter dem von den Händen der Neugierigen bewegten Gewebe hin und her.

»Es ist Marmor – die Schulter fühlt sich ganz kalt an«, rief die niedliche Pierette, die ihre Forschungen fortgesetzt hatte, und trat so hastig zurück, als könnte Marmor brennen. Und ihre Augen blickten durch die Maske furchtsam auf die verschleierte Gestalt. Einen Moment lang fiel ein tiefes, seltsam beklommenes Schweigen auf die Gruppen, die sich um den Tragsessel drängten.

»Verkürzen wir dem Bild von Sais die Zeit bis Mitternacht – tanzen wir!« rief dann der Pierrot mit einer Stimme, die lustig klingen sollte, aber nur etwas sonderbar Schrilles hatte. »Musik – spiel auf!«

Die Musiker, die auf der Galerie über den Säulen mit vorgebeugten Köpfen dem Maskenaufzug zugesehen hatten, besannen sich auf ihre Pflichten und stimmten einen rauschenden Walzer an, zu dessen Klängen die Masken sich alsbald rund um den Tragsessel in der Mitte drehten.

Torcelli, der bis dahin schweigend vor der Gruppe gestanden hatte, wich den Tanzenden aus und trat neben die verhüllte Gestalt.

»Zoe, bist du es?« fragte er leise. Keine Antwort.

»Zoe, ich habe die Form deiner Tiara erkannt«, flüsterte er. »Du trägst das Diadem, das der Kaiser dir als Hochzeitsgeschenk schickte. Und den Alexandrit um den Hals – er leuchtet durch den Schleier –«

Keine Antwort, keine Bewegung der Verschleierten.

»Soll ich dem armen Rheinstein sagen, daß er nicht auf dich warten soll?« fragte Torcelli nach einer Pause noch einmal leise.

Keine Antwort.

Torcelli zuckte mit den Achseln und entfernte sich: es war ihm klar, daß Zoe die Puppe mit Diadem und Alexandrit geschmückt hatte, um über ihre wahre Maske zu täuschen und ihn wie die anderen Gäste irre zu führen; das war im Interesse des Maskenscherzes ihr gutes Recht, war schön und gut, aber sie hätte die Mystifikation nicht so weit treiben sollen, den armen »Lohengrin« fern von dem Tanze und dem dicksten Maskentreiben in die relative Einsamkeit des »grünen Kabinetts« zu verbannen, nachdem sie sich mit ihm verabredet hatte. Nein, eine solche Rücksichtslosigkeit, besonders einem geschätzten Freunde gegenüber, sah Zoe doch gar nicht ähnlich!

Etwas verstimmt machte Torcelli sich daran, die Orientalen wieder aufzusuchen, um von ihnen etwas zu erfahren. Sie konnten ihm, dem unmaskierten Herrn des Hauses, eine Antwort nicht gut verweigern. Ihm nicht unter dem Schutze der Maske entschlüpfen. Aber er fand keinen der vier Gleichen. Nirgends. Die er befragte, hatten sie noch im Saal gesehen, als sie wie ein Strahlenquadrat von dem Tragsessel in vier Richtungen sich entfernt hatten, dann waren und blieben sie verschwunden, denn auch das unten in der Halle und an den anderen Türen auf der Landseite des Palastes stationierte Personal wie die Geheimpolizisten hatten nicht gesehen, daß die vier Orientalen die Ca' Torcelli verlassen hatten. Man fand später ihre Gewänder hinter den Fenstervorhängen versteckt vor – sie selbst waren wahrscheinlich lange vor Mitternacht nicht mehr unter den Gästen, sondern über allen Bergen verschwunden –

Dafür fand Torcelli den »Lohengrin«, der ihm zuraunte: »Der Mantel Elsas von Brabant liegt droben in ihrem Salon auf dem Flügel, sagt Iwan. Er weiß nicht, was das bedeuten soll ... Er hat sie nicht aus ihren Zimmern kommen sehen – irgend jemand hatte ihn irgendwohin gerufen, so daß er's verfehlt hat, sie zu sehen. Ich weiß wirklich nicht, was ich mir denken soll!«

»Es wird sich schon aufklären, Rheinstein«, redete Torcelli dem ersichtlich pikierten Schwanenritter zu. »Ich weiß selber nicht, wie ich mir dieses merkwürdige Verhalten meiner Frau erklären soll! Die Demaskierung wird's ja offenbaren – es kann ja nur ein Mißverständnis vorliegen. Zoe ist wirklich zu einer solchen Nachlässigkeit, solchen Unhöflichkeit ganz unfähig –«

»Na natürlich, das versteht sich ganz von selbst«, lenkte Lohengrin besänftigt ein. »Ich bin auch eigentlich mehr beunruhigt als pikiert –«

Torcelli wußte bei diesen Worten plötzlich, daß er auch beunruhigt war. Es war wirklich seltsam, wo Zoe steckte. Wollte sie erst nach der Demaskierung als Elsa von Brabant erscheinen? Wo waren die Orientalen hingekommen?

Es lag schon wirklich etwas Unheimliches unter diesen verhüllenden schwarzen Samtlarven, die das Gesicht zur selben, undurchdringlichen Maske nivellierten ...

Die Zeit bis Mitternacht wollte Torcelli ungewöhnlich langsam vergehen. Als die Zeiger der Uhren sich der Zwölf näherten, drängte er sich durch die Reihen der Tänzer in die Mitte des Saales, von wo er das Zeichen zur Demaskierung geben wollte, aber da stand der Tragsessel mit der verschleierten, unbeweglichen Gestalt darauf, um die das fröhliche Treiben, der Tanz unentwegt ihren Fortgang nahmen. Die Musik hatte den Auftrag, mit dem Glockenschlage abzubrechen und einen Tusch zu blasen – endlich war's soweit – Angelo Torcelli hatte gedacht, die letzten fünf Minuten würden nie ein Ende nehmen. Der Tusch schmetterte durch den Saal, durch den ganzen Palast, die Tänzer hielten ein, und er rief laut in den Kreis seiner Gäste hinein:

»Meine Damen und Herren – Demaskierung! Ich erkläre die Maskenfreiheit für aufgehoben! Zum Souper, wenn's Ihnen gefällig ist!«

Ein neuer Tusch, ein allgemeines Abnehmen der Masken, ein lautes, lebhaftes Erkennen und Begrüßen – das war keine Maskenanarchie mehr, sondern eine gebildete Gesellschaft, die lachend, scherzend, amüsiert gegenseitig von einander feststellte, ob das gewählte Kostüm auch kleidete.

Nur die Gestalt auf dem Thronsessel lüftete ihren Schleier nicht. Unbeweglich saß sie da wie ein Rätsel und manch einer der Gäste hat nachträglich erklärt, daß es ihm verdächtig erschienen war – aber nachträglich erklärte Gefühle haben wenig Wert, wenn auch immer noch mehr als nachträgliche Prophezeiungen.

»Durchlaucht, entschleiern Sie das Bild von Sais – es wartet darauf«, rief die niedliche kleine Pierette, die sich als eine der reizendsten Patrizierinnen Venedigs demaskiert hatte. Aber als Angelo Torcelli den seidenen Schleier ergriff, wich sie mit einem Schrei zurück – weil die Schulter sich so kalt angefühlt hatte.

»Bild von Sais – ich enthülle dich«, sagte Torcelli laut, und die demaskierten Masken drängten sich neugierig um ihn und den Tragsessel herum. Ganz vorn hatte »Lohengrin« sich aufgestellt; sein sonnverbranntes Gesicht sah mit einem merkwürdig gespannten Ausdruck aus der blonden Lockenperücke unter dem Schwanenhelm herab auf die Verschleierte, – sein Auge begegnete dem Torcellis und dessen Hand sank wieder herab. Viel später erst haben die beiden Freunde sich's gestanden, daß sie unter dem Schleier etwas zu sehen erwarteten, was sie lieber verhüllt gelassen hätten.

Aber das ging nicht an. Die Maskenfreiheit war aufgehoben, ein paar hundert Augen waren auf das regungslose Bild von Sais gerichtet – ein Ruck – und der Schleier fiel, und dann, und dann – ein Schrei des Entsetzens –

An das Purpursamtpolster des Tragsessels gelehnt, saß Zoe Torcelli im weißen, weitärmeligen Gewande, auf dem Haupt mit dem aufgelösten, krausen Haar ein strahlendes, kronenartiges Diadem von Brillanten, an der Brust den rotflammenden Alexandrit. Ihr Gesicht war weiß wie Marmor, weiß ihre Lippen, um die ein liebliches Lächeln spielte, gebrochen die geradeaus starrenden braunen Augen – eine Tote, um die eine Stunde lang die Masken getanzt und gescherzt und gelacht hatten.

Denn in ihrer linken Brust steckte bis ans Heft ins Herz gestoßen ein Dolch von eigenartiger orientalischer Arbeit, und darunter war ein dreieckiger Zettel mit einem schwarzen Totenkopfe darauf angeheftet, auf dem mit roter Tinte einige fremdartige Charaktere geschrieben standen.

*

In weniger als einer Viertelstunde war keine Maske in dem großen Saal mehr zu sehen, in weniger als einer halben Stunde hatten alle Gäste die Ca' Torcelli verlassen und standen in Ihre Mäntel gehüllt, schweigend, vor Frost und Erregung zitternd auf dem Campo, um ihre Gondeln zu erwarten, die nur eine nach der anderen anlegen konnten. Viele zogen vor, zu Fuß in ihre Behausungen zurückzukehren.

In der Ca' Torcelli erloschen die Lichter, noch ehe die letzten Gäste den Campo verlassen hatten; schweigend, lautlos räumten die Diener die Tafeln wieder ab, an denen sich niemand niedergelassen hatte, verwischten die Spuren des Festes, das so jäh und grausig endete.

Nur in dem großen Saal, demselben, in welchem Zoe bei Ihrem ersten Besuch das Gefühl eisiger Kälte beschlichen hatte, brannten die Lichter weiter und beleuchteten unbarmherzig das lächelnde Gesicht der Toten. Ihre Augen waren jetzt geschlossen; Iwan hatte sie ihr zugedrückt und sich dann in eine Ecke zurückgezogen, von wo er sie sehen konnte.

Angelo Torcelli wehrte es ihm nicht. Er stand, wo er den Schleier von der verhüllten Gestalt fortgezogen, auf derselben Stelle und sah wie erstarrt auf die Tote, er hörte nicht, was man zu ihm sagte, es war, als begriffe er das alles noch nicht, als wäre ein schwerer Traum über ihn gekommen, der ihm den Gebrauch der Glieder, der Sprache raubte, der wie ein Alpdrücken auf ihm lastete.

Graf Rheinstein nahm sich mit Don Orso und Iwan der notwendigsten Anordnungen an, das heißt, er schickte nach einem Arzt, nach der Quästura. Der Arzt konnte natürlich nur bescheinigen, was jedermann sah: daß die Principessa Torcelli tot war. Der Dolchstoß war von einer sicheren, ihres Zieles durchaus kundigen Hand geführt worden, nur einige Tropfen färbten das weiße Kleid von starrem Figurendamast als der Arzt den Dolch, der den Behörden als Korpus delicti zu dienen hatte, aus der Brust der Toten zog; eine dreischneidige, lange, fast nadeldünne Waffe von maurischem Ursprung.

Die Herren vom Gericht, die alsdann erschienen, nahmen den Tatbestand zu Protokoll, fügten das dreieckige Blatt von der Brust der Toten dem Dolche bei und entfernten sich wieder, nicht viel klüger, als sie gekommen waren, nur daß Iwan imstande gewesen war, die roten Charaktere zu lesen und zu übersetzen, weil sie Russisch waren.

»Also, jedenfalls ein Geheimbund, der sich nicht damit begnügte, den Gouverneur von X. aus dem Wege zu räumen, sondern seine Rache auch noch auf seine Witwe ausgedehnt hat«, war ihr Verdikt, bei dem es auch blieb.

Über allen diesem »notwendigen« Hin und Her verging der größte Teil dieser furchtbaren Nacht, und die ersten Morgenglocken begannen schon zu läuten, als endlich alles still wurde in der Ca' Torcelli.

Angelo hatte auf das Zureden Don Orsos und seines Freundes hin sein Zimmer aufgesucht, nachdem er noch nach seiner völlig aufgelösten Mutter gesehen und ein paar zuredende Worte gemurmelt hatte. Als alles still war, ging er leise hinab in den Saal und kniete zu einer ernsten, stillen Vigilie neben der Toten nieder, auf deren blasses, lächelndes Gesicht jetzt nur das Licht zweier Wachskerzen fiel, die Don Orsos vor Schmerz und Weh zitternde Hände für sie entzündet hatten. Im übrigen war sie »bis auf das Weitere« unverändert so gelassen worden, wie die vier Orientalen sie hereingetragen hatten.

Es waren erst ein paar ernste Stunden, die der in tiefster Seele erschütterte Mann vor den irdischen Resten derer zubrachte, von deren Liebe für ihn er nur ein Bruchteil ahnen konnte. Er wußte wohl, daß sie ihn liebte und empfing beschämt und sich seines eigenen leeren Herzens nur zu bewußt, täglich neue Beweise ihrer Liebe, die zu vergelten er redlich bemüht gewesen war. Aber er konnte nicht wissen, daß sie ihr Leben für ihn hingegeben hatte, ihm ihre ewige Seligkeit geopfert hatte dafür, daß sie ihn vor der Gefahr gewarnt, ehe sie seine Werbung annahm.

Was er aber imstande war von der Größe ihrer Liebe für ihn zu begreifen, dafür dankte er ihr in diesen stillen, grauen Morgenstunden, in denen er vor ihr kniete und in das lieblich stille Antlitz blickte, auf dem ein unsagbarer Friede lag, das durch die Majestät des Todes zu wunderbarer Schönheit verklärt wurde. Angelo Torcelli prüfte sich selbst während dieser Vigilie und ging aus der Prüfung gerechtfertigt hervor, aber nicht ohne Reue darüber, daß er sich nicht bemüht hatte, ihr noch mehr zu geben. Denn unseren besten Willen erkennen wir erst dann für unzulänglich, wenn wir vor lieben Toten stehen.

Sie war ihm eine »liebe« Tote, denn sie war ihm eine liebe Lebende gewesen, wenn auch nicht in dem hohen, dem höchsten Sinne des Mysteriums reinster, vollkommenster Gattenliebe. Aber wie er ihre Schönheit bewunderte, so anerkannte er ihre Güte, ihre Freundlichkeit und Sanftmut ohne Rückhalt und war ihr dankbar für die Liebe, die sie ihm gab.

Die ersten, vom Dunkel der Nacht zum Grau übergehenden Morgenstunden des neuen Februartages wichen dem silbernen Lichte, das der spät aufgehenden Sonne vorausgeht; das silberne Licht färbte sich allmählich perlmutterartig, und endlich schoß im Osten wie ein roter Pfeil ein glorioses Morgenrot über den schillernden Horizont –: Der Vorbote eines frostigen Sonnenaufgangs. Durch die offene Tür zum Salotto, der zwei Fenster nach Osten hatte, kam ein Schein dieses Morgenrots in breitem Streifen bis in den Saal und machte das Licht der beiden dicken, geweihten Kerzen erblassen und den Alexandrit auf der Brust der Toten in seinen nebeneinander gehenden Farbtönen, vom Rot zum Grün schwanken.

Angelo Torcelli, das Gesicht in beide Hände vergraben, fühlte mehr als er sah das Licht des Tages in den riesigen Raum dringen – ein Geräusch wie von leichten Schritten machte ihn aufblicken und verständnislos sah er auf eine weiße Gestalt, die auf ihn und die Tote zukam – eine gertenschlanke, leichte Gestalt im weißen, schlichten Wollkleid der Kandidatinnen gewisser Frauenorden. Diese Erscheinung kam mit dem Morgenrot näher, bis sie neben der Toten stand. Da erst begriff Angelo Torcelli, daß er nicht träumte.

»Daphne!« sagte er zweifelnd.

»Ja, ich bin's, Daphne«, erwiderte sie, die wundervollen dunklen Augen auf ihn gerichtet. »Sie – Zoe – hat mir das Versprechen abgenommen, ungerufen zu dir zu gehen in der Stunde, in der es einmal im Leben erlaubt ist, die Schranken zu überschreiten. Ich dachte nicht, daß diese Stunde jemals kommen könnte und ging darum in das Kloster. Aber Zoe war weiser als ich. Ich habe es ihr versprochen, und darum bin ich gekommen.«

»Daphne!« – Es war zum ersten Male, daß ein Schluchzen seine Stimme zu ersticken drohte, und mit einer Mischung von scheuer Ehrfurcht und mühsam unterdrückten Gefühlen fragte er, indem er auf die Tote deutete: »Aber woher weißt du – wer hat dir Nachricht gegeben –«

»Sie selbst«, sagte Daphne, und beugte sich herab, die kalten Hände zu küssen, die übereinander gekreuzt, weißer als der weiße Stoff im Schoß der Toten lagen.

»Sie selbst? Wann war das, Daphne?«

»Sie selbst. Sie kam im Traume zu mir. Dreimal. Erst war's bald nachdem ich eingeschlafen war. Sie hatte einen blauen, mit funkelnder Borte eingefaßten Mantel um und sagte: ›Geh zu Angelo, Daphne! Denk an dein Versprechen!‹ Ich wachte auf und hörte es zehn Uhr vom Turme schlagen. Ich war sehr unruhig, aber ich schlief wieder ein. Und wieder träumte mir, sie stünde an meinem Bette, aber da hatte sie den Mantel nicht mehr um, und wieder sagte sie: ›Geh zu Angelo, Daphne. Du hast es mir versprochen.‹ Ich wachte auf und hörte es Mitternacht schlagen. Die Schwestern gehen da zur Hora mit den Novizen, die Kandidatinnen aber nicht. Ich stand aber doch auf und bat die Oberin, mich in die Ca' Torcelli zu schicken und sagte ihr, wie Zoe mich gerufen habe. Die ehrwürdige Mutter aber sagte mir sehr gütig, ich möchte nur wieder schlafen gehen, man dürfe auf Träume nicht zu viel geben. Wir Kandidatinnen müssen gehorchen lernen. Ich tat, wie mir befohlen wurde, und zum dritten Mal träumte mir dasselbe. Nur daß ich dieses Mal die Augen offen hatte und Zoe so vor mir sah, wie sie hier sitzt. Sie sagte mir, sie wäre von dieser Erde geschieden und käme nicht mehr wieder. Gott, der eine schwere Schuld von ihr in eine strahlende Krone umgewandelt, hätte ihr erlaubt, noch einmal vor mich zu treten, um mich zu bitten, zu dir zu gehen, weil du mich ja nicht rufen würdest, da ich doch schon mit einem Fuße im Kloster wäre. Das war, als der Tag zu dämmern anfing. Da stand ich auf und ging wieder zu der Oberin, die eben zur Mette wollte und sagte ihr, daß ich fort müßte und warum. Da erlaubte sie es mir. Und so bin ich gekommen. Es war Zoes Wille.«

Angelo Torcelli antwortete nicht. Er legte das Gesicht auf den Schoß der Toten, und ein lautloses Schluchzen erschütterte seinen Körper wie unter einem schweren, seelischen Sturm, und auf seinem Haupte brannten die feurigen Kohlen, die eine erst in dieser Stunde voll und ganz verstandene Liebe ihm verständlich machten. Als er es wagte, das Gesicht wieder emporzuheben zu dem stillen, weißen Antlitz, da war das Morgenrot verschwunden und die Sonne aufgegangen.

»Wie glückselig sie aussieht!« sagte er mit verhaltener Stimme. »Man sollte meinen, sie hätte gelächelt, als der Mörder ihr den Dolch ins Herz stieß –«

Daphne beugte sich herab und legte ihr eigenes, lebensprühendes, junges Gesicht gegen das weiße Antlitz der Toten.

»Gewiß hat sie gelächelt, weil sie an dich gedacht und mit deinem Namen auf den Lippen gestorben ist«, sagte sie zuversichtlich. Und mit leichter, liebreicher Hand nahm sie den weißen Schleier vom Boden auf und deckte ihn über die stille Gestalt.

»Komm, Angelo – es ist Tag geworden, und die Fremden werden kommen. Laß uns hinaufgehen«, bat sie. Und er folgte ihr. Draußen in der Loggia trat ihnen ein Diener entgegen: »Der Gondoliere aus dem Kloster, der Donna Daphne hergerudert hat, wollte wissen, ob sie bald zurückkehren würde oder wann er sie wieder abholen solle.«

»Er kann zurückfahren – allein. Ich kehre nicht mehr in das Kloster zurück«, erwiderte sie ohne Zögern und stieg dann die Treppe zur zweiten Etage hinauf.

*

Am Abend dieses Tages lag Zoe Torcelli schon unter dem jetzt weißen Baldachin des katafalkartigen Bettes in der Malinconica aufgebahrt vor ihrer Überführung in die Kapelle – ein »Opfer, gefallen durch eine unbekannte Hand«. Sie hatten ihr die Tiara abgenommen und ihr einen Kranz von weißen Blütensternen in die krausen, goldschimmernden Haare gedrückt. Über die Füße hatten sie ihr die purpursamtene, hermelingefütterte und verbrämte Decke gebreitet, unter der alle Torcelli als einem Zeichen ihres fürstlichen Blutes aufgebahrt wurden. Ringsum brannten in hohen, silbernen Leuchten florumwundene Wachskerzen, deren Licht in den Silberfäden des weißen Brokates spielte, mit dem die Wände bespannt waren, und wenn der Wind von den Lagunen durch die Ritzen der Fensterläden strich, dann flackerten die Flammen der Lichter und knisterten leise ... Und neben dem Katafalk knieten zwei Kapuzinermönche und beteten unablässig für die arme Seele derer, die wie ein erstarrtes Engelsbild lächelnd im Sarge lag.

*

Die Fensterläden der Ca' Torcelli sind jetzt fast immer geschlossen, der nördliche Trakt ist vermietet, damit das riesige Gebäude nicht durch den Mangel an Benutzung zu Grunde geht. Die Industrie hat sich dort niedergelassen. Den südlichen Trakt hat die Familie sich reserviert, aber sie kommt selten oder nie mehr nach Venedig, seit so schreckliche Erinnerungen sich an das Haus unauslöschlich geheftet haben. Nur Don Orso hat ausgehalten; grau und zusammengefallen lebt er unter seinen Büchern weiter, ein Einsiedler in dem großen, großen Haus, dessen Kunstschätze er unter seiner Obhut hat. Man darf mit ihm gar nicht von jenem furchtbaren Maskenball sprechen – die Tränen stürzen ihm gleich aus den guten alten Augen und alles, was er sagt, ist: »Der Alexandrit ist Schuld an allem! Aber sie hat nicht auf mich hören wollen!«

Der Alexandrit aber ist heut die kostbarste Reliquie, die Daphne besitzt. Sie trennt sich nie von diesem eigenartigen Schmuck, und niemand ist darüber froher als der gute alte Don Orso. Denn der Alexandrit ist ja Daphnes Glücksstein. Seine Kraft dafür hat er schon bewährt, denn vorübergehend im Palazzo Corleone in Rom, dauernd aber im Schlosse zu Heatherstone kann man die schöne blonde Frau mit den klaren, treuen, schwarzen Augen an der Seite ihres Gatten sehen, der den Erben seines alten Namens mit kräftigen Armen zu seiner jungen Mutter emporhebt. Denn die Erbin vieler Titel hat sich noch einen weiteren beigelegt, der ihr der liebste von allen ist; sie heißt jetzt Daphne, Principessa Torcelli dal Giglio.

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