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Der Maskenball in der Ca' Torcelli

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Der Maskenball in der Ca' Torcelli - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleDer Maskenball in der Ca' Torcelli
publisherMeister verlag Rosenheim
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderChristine Weber
created20140410
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Der Ausflug nach der Malinconica gestaltete sich nach Angelo Torcellis Vorschlag zu einer Familienpartie, an der nur Donna Laura nicht teilnahm, weil sie vorzog, die Enttäuschte und Gekränkte zu spielen, – eine Rolle, die sie indeß nicht abhielt, ruhig unter dem Dache ihres Vetters zu bleiben, »der ihre Hand verschmäht und seine Pflichten gegen sein Haus dadurch verabsäumt hatte«.

Auch Olga Petrowna nahm an dem Ausflug nicht teil, da sie am Abend nach Petersburg abreisen sollte und ihre Sachen zu packen hatte.

Bevor Zoe das Hotel verließ, sagte sie zu ihrer Kammerfrau:

»Höre, Jelisaweta, mir kommt es vor als ob jemand, wenn ich aus bin, in mein Zimmer ginge und darin herumsuchte. Es wäre mir daher lieb, wenn du dich mit deiner Handarbeit hier hereinsetztest und, wenn du zum Essen oder sonst hinausgehst, die Türen abschließen würdest.«

»Mütterchen, die Türen in diesem Lande, das kein Land sondern Wasser und Marmor ist, haben Schlösser, die ein kleines Kind ohne Mühe mit einem krummen Nagel aufmachen kann«, erwiderte Jelisaweta verächtlich. »Wenn du erlaubst, rufe ich Iwan herein, solange ich beim Essen bin. Er ist freilich, besonders während der Mahlzeiten der Gäste, immer im Gange draußen, weil dann die Hoteldiebe ihre Ernte halten, aber besser ist besser. Es ist mir auch schon so vorgekommen, als besuchte »jemand« dein Zimmer, Mütterchen, der nichts darin zu suchen hat. Wenn man reden dürfte –« »Also gut: du bleibst in dem Zimmer und darfst Iwan hereinrufen, wenn du hinausgehst«, unterbrach Zoe schnell die Gute. Klatsch wollte sie nicht hören, und wer weiß; zu welchen Übertreibungen sich Jelisaweta durch ihren Haß verleiten ließ ...

Trotz des hellen Tages, der leuchtenden Sonne, des blauen, wolkenlosen Himmels kam die »Malinconica« Zoe bei diesem ihrem zweiten Besuche des Landsitzes noch melancholischer, noch verlassener und öder vor als beim ersten Male.

»Es liegt an der Landschaft, an der ihr eigenen Stimmung und Beleuchtung, welche das Gefühl der Verlassenheit, der Trauer in einem auslöst«, sagte Don Orso, als hätte er ihre Gedanken bei der Landung erraten. »Das eigentümliche, silberne Licht, das um diese Stunde Venedig eigen ist, wird durch die vielen Weiden und Oliven in diesem flachen Lande zu einem ins Grau getönten Schleier, den der langsam, kaum merklich fließende Kanal schnurgrade durchschneidet. Es ist die vom Lande abhängige Beleuchtung, welche die melancholische Stimmung macht. Sie sollten die Malinconica bei Mondlicht sehen, bei Vollmond. Dann ist sie zauberhaft, ein Märchenschloß! Aber auch ohne den verzaubernden Mond verdient sie nicht die Vernachlässigung, die sie seit hundert Jahren über sich hat ergehen lassen müssen, und es freut mein altes Torcelli-Herz, daß Sie, liebe und gnädige Nichte in spe, das erkannt haben und diesem imposanten Bau seinen alten Glanz zurückgeben wollen.«

Zoe ging mit Begeisterung ans Werk. Sie entwarf eine lange Liste von Aufträgen, nicht nur zur Instandsetzung und Ergänzung der Möbel, sondern auch für Restaurationsarbeiten der Plafond- und Wandgemälde, die durch das Unbewohntsein des Schlosses teilweise stark gelitten hatten. Der Takt aber, mit dem sie alles tat, war bewundernswert und gewann ihr die Herzen aller Anwesenden. Zoe veranlaßte nichts, ohne sich vorher mit Donna Fabiola beraten und um ihre Erlaubnis zu Vermehrungen oder Veränderungen, auch geringfügigster Art gebeten zu haben. Obgleich Donna Fabiola alle ihre Rechte an der Malinconica ihrer künftigen Schwiegertochter abgetreten hatte, wurde sie von dieser als die eigentliche Herrin angesehen. Geschmeichelt darüber vergaß sie fast ganz, daß die umfassenden Ausgestaltungen des verödeten Landsitzes mit – russischen Rubeln bezahlt wurden.

Das mitgebrachte Picknick, das in dem großen, fast leeren Speisesaal eingenommen wurde, war heiter und angeregt. Nachdem die Mahlzeit beendet war, ging Zoe nochmal in das Gemach mit dem katafalkartigen Bett, denn sie fühlte sich magnetisch von diesem Raum angezogen, den sie wie in einer Vision gesehen oder geahnt hatte, noch ehe ihr Fuß ihn betreten. Irgend etwas wollte ihr an dem Bild dieses Raumes noch nicht stimmen. Allein, ohne Beisein der anderen, wußte sie's gleich: hier gehört eine Tapete von dem weißen Silberbrokat des Bettvorhangs hinein. Wenn sie weiß ist, brauchen die Wände nicht mehr verhängt zu werden, wenn statt des Bettes ein Katafalk unter dem Baldachin zu stehen kommt.

Sie lachte unwillkürlich, weil die Idee des Katafalks in diesem Zimmer, das ihr Schlafzimmer werden sollte, sich so in ihr festgesetzt hatte – – –

»Ah! Principessa Corleone. Suchen Sie mich, Daphne? Darf ich Daphne sagen?«

Sie war aufgesprungen und trat der jungen Erbin entgegen, die sich verwundert umsah.

»Nein, gesucht habe ich Sie nicht«, erwiderte Daphne in ihrer einfachen Art, die nie Umschweife machte. »Ich habe Entdeckungsreisen im Haus gemacht. Natürlich ›dürfen‹ Sie mich Daphne nennen, ich habe schon lange darauf gewartet, daß Sie mir's anbieten würden, denn da ich doch Angelos Cousine bin, so werde ich auch die Ihrige.«

»Die deinige, Daphne, nicht?« fragte Zoe betont und küßte das junge Mädchen auf die Wange. »Ich wußte nicht, wie es hier Sitte ist, aber es zog mich gleich eine Sympathie zu dir. Ich würde mich freuen, wenn du nicht nur meine Cousine, sondern auch meine Freundin würdest, Daphne, wie du auch sicherlich Angelos Freundin bist. Ich hoffe es, denn mir scheint, daß er sehr allein steht...«

»Das tut er. Aber jetzt wird er dich haben«, sagte Daphne tapfer.

»Ja, ja – doch wie lange?« rief Zoe mit zuckenden Lippen, und als sie Daphnes erstaunten Blick sah, setzte sie erklärend hinzu: »Ich meine, weil das Leben so unsicher ist. Du weißt, was diese Wahrheit mir so tief eingeprägt hat, – der Tod des Fürsten Sarakow – wir drüben in Rußland wissen nie, ob wir die Sonne am kommenden Morgen wiedersehen werden – ich selbst – was weiß ich, ob ich nicht auch für irgendeine politische Sünde des Fürsten noch zu büßen habe. Sie – die Feinde der Regierung, suchen diese durch alle Mittel zu treffen. Aber ohne das ich weiß nicht, mir ist manchmal, als würde ich nicht alt werden. Und wenn ich gegangen bin, fort, ins unbekannte Land, Daphne, verlasse Angelo dann nicht! Versprich mir's!«

»Ich weiß nicht, ob ich das versprechen kann und darf«, entgegnete Daphne erblaßt. »Wenn er mich ruft, ja dann –«

»Es gibt Stunden im Leben, in denen man ungerufen kommen darf«, fiel Zoe fast feierlich ein. »Denn es kommen auch Stunden für – für den anderen, in denen er die Macht verliert, zu rufen. Du wirst die einzige sein, die ihm dann helfen kann. Ich habe das gefühlt, als ich dir zum ersten Male die Hand reichte, wie du gefühlt hast, daß ich ihm Leid und Weh bringen werde. Ja, sieh mich nur groß an, süße kleine Daphne – man nennt das Telepthieren. Nur warum damals die Augen meiner Seele noch blind, und ich meinte, er müßte dich gewählt haben, weil du so schön, so apart, so verständnisvoll bist. Aber er hat mich gewählt, und weil ich ihn doch so über alles liebe, so war ich zu schwach, ihm zu widerstehen, obgleich ich die Ahnung habe, als wäre dein Empfinden das richtigere gewesen. Aber was reden wir da für Sachen, während draußen die Sonne scheint. Ob die Luft in der Malinconica daran Schuld ist?«

Daphne antwortete nicht. Sie stand mit großen, glänzenden Augen vor Zoe, und in ihr eben noch so blasses Gesicht stieg eine wunderbare, köstliche Röte. Und dann tat sie, was ihr in England nie eingefallen wäre zu tun, weil ihr dort gelehrt worden war, ihre Gefühle zu beherrschen – sie schlug beide Arme um den Hals von Zoe Sarakow und sagt innig:

»Ich danke dir, daß du ihn so über alles liebst! Du hast mir ein Geschenk damit gemacht, du Schöne, Gute, und mir ist's jetzt ganz leicht ums Herz –!«

Zoe Sarakow sah mit umflorten Augen auf den blonden Kopf an ihrer Schulter nieder.

»Vergiß es nie, Daphne, daß ich ihn so sehr geliebt habe«, flüsterte sie. »Nie! Versprich es mir –«

»Ja-ich-«

»Denn dann wirst du auch vieles verstehen lernen«, fuhr Zoe fort. »Ein jeder Mensch hat ein Anrecht an das Glück. Mancher muß lange darauf warten, lange. Ich denke nicht, daß du sehr lange warten wirst, Daphne, nur verliere nicht die Geduld, nicht den Mut, und wenn die Stunde kommt, dann lasse deinen Stolz und gehe ungerufen zu ihm. Vergiß es nicht. Es ist mein Vermächtnis.«

»Zoe, du sprichst wie – wie –«, Daphne suchte überwältigt nach dem rechten Worte, aber wagte nicht es auszusprechen.

»Wie eine Sterbende«, vollendete Zoe unentwegt. »Wir sind alle Sterbende, denn ›mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben‹, heißt es in der alten Kirchenhymne. Doch man kommt. Gehen wir ihnen entgegen.«

Daphne löste ihre Arme von Zoes Hals, und dabei streifte sie mit der Hand den Alexandrit, der an ihrer Brust mit seinem tiefen, feierlichen Tannengrün glänzte.

»Lege ihn ab, diesen Stein«, sagte sie. »Onkel Orso wünscht so sehr, du möchtest dich von dem Alexandrit trennen. Es ist eigen – es durchrieselt mich ganz wohlig, wenn ich ihn berühre –«

»Ob Onkel Orso recht hat oder nicht mit seinen Kassandrarufen – der Alexandrit hat bei mir wohl den Zenith seiner Wirkungskraft überschritten«, meinte Zoe mit einem leisen, trüben Lächeln. »Wir dürfen es Onkel Orso nicht sagen, um ihn nicht zu kränken, aber mir fehlt wirklich der Glaube für seine Botschaft. Der Alexandrit soll dein Glücksstein sein, kleine Daphne – du sollst ihn haben, wenn ich heimgehe – – »

»Zoe -»

»Was weißt du, ob ich nicht hundert Jahre alt werde«, scherzte Zoe, aber sie seufzte leis dabei. »Dann bist du dreiundneunzig, und der Alexandrit wird zu deinen weißen Haaren wunderbar passen.«

Als Zoe in das Hotel zurückgekehrt war, berichtete ihr Iwan auf ihre Frage, daß er nichts Verdächtiges bemerkt habe. Er eilte seiner Herrin voraus, um ihr die Schlafzimmertür zu öffnen.

»Um Himmels willen!« kam es von den Lippen des entsetzten Dieners, als er die Tür aufgestoßen hatte. Mitten im Schlafzimmer Zoes lag auf dem Gesicht mit ausgestreckten Armen die lange, hagere Gestalt Jelisawetas.

»Sie ist ohnmächtig geworden – komm Iwan, hilf mir, sie auf den Rücken legen, damit wir ihr helfen können, zu sich zu kommen«, rief Zoe nach einem kurzen Moment des Zurückweichens. Sie hatte Hut und Handschuhe von sich geworfen und kniete neben der regungslos daliegenden Dienerin nieder. Mit Iwans Hilfe wurde sie umgewendet und starrte nun mit verglasten Augen aus einem farblosen Gesichte, in dessen Zügen sich ein namenloses Entsetzen ausdrückte, hinauf zur Decke –

»Sie ist ganz kalt, Iwan!« flüsterte Zoe dem Diener zu, der ernst und erschrocken aussah.

»Ich – ich fürchte Durchlaucht, sie ist tot«, erwiderte er halblaut.

»Nein, o nein!« rief sie und rieb die kalte Hand der Dienerin mit ihren beiden Händen. »Sie ist sicher nur ohnmächtig! Sie war ja heut früh noch ganz gesund. Schnell Iwan, lasse einen Arzt rufen. Es soll einer dicht nebenan wohnen – nur rasch! Rasch! Wer weiß, wie lange sie schon so liegt. Sie ist vielleicht betäubt von dem Falle. Eile dich Iwan, eile dich!«

Iwan verschwand, wie ihm befohlen war, aber er schüttelte den Kopf. »Wenn das nicht der Tod ist, dann habe ich ihn nie gesehen«, murmelte er im Gehen.

Zoe netzte drinnen indeß die Stirn Jelisawetas mit Kölnischem Wasser und ließ einige Tropfen Melissengeistes über die blauen Lippen in den halbgeöffneten Mund laufen – umsonst. Sie kniete neben der Ausgestreckten nieder und nahm wieder die festgeschlossene, knochige Hand in die ihrige, hauchte sie an, rieb sie und versuchte, die nach innen gekrallten Finger zu öffnen, aber sie waren ganz steif und unbeweglich. Zwischen ihnen sah ein weißer Fetzen hervor, den die Hand festzuhalten schien; – Zoe zog daran und brachte ein Stück Spitze hervor, das sie achtlos zur Seite warf. Es blieb auf ihrem Hut liegen, den sie neben sich niedergelegt hatte.

Nach einiger Zeit erschien Iwan mit dem Arzt, der nur eines Blickes bedurfte, um den Tod, wahrscheinlich infolge eines Herzschlages, festzustellen.

Zoe war tief und aufrichtig betrübt, – sie fühlte, daß sie ein Wesen verloren hatte, auf das sie sich verlassen konnte, eine treue, ergebene Seele. Daß diese »nur in einer Dienerin« wohnte, machte für sie keinen Unterschied; die Dankesschuld, die sie der so plötzlich Verschiedenen ohne Einschränkung zugestand, wurde in ihren Augen durch »gute Behandlung und hohes Salair« nicht getilgt.

Noch während der Arzt da war und mit Hilfe Iwans den starren Körper in das Zimmer der Verstorbenen trug, erschien Olga Petrowna und war natürlich entsetzt über den peinlichen Fall, der sich vielleicht ereignet hatte, während sie nebenan ruhig den Tee trank. Sollte sie ihre Reise aufschieben und bei Zoe bleiben? Aber selbstredend! Die Arme konnte doch nicht so allein hier mit der Leiche – –

Diesen Einwand schnitt das Erscheinen des Direktors des Hotels ab, der überfließend von Höflichkeiten der »Signora Principessa« erklärte, daß die Überreste der Kammerfrau bei eingetretener Dunkelheit gleich nach der Gräberinsel San Michele überführt werden müßten, was so bewerkstelligt werden würde, daß keine Seele unter den Gästen etwas davon erführe, weil ja alle Welt sofort abreise, wenn ein Todesfall ruchbar würde. Leute, die so unvorsichtig und rücksichtslos sind, in einem Hotel oder einer Pension zu sterben, werden immer als »plötzlich abgereist« den anderen abgemeldet. Es ist ja auch durchaus keine Lüge, nur eine Form, ein zart besaitetes Gemüt nicht zu erschrecken.

Obgleich Olga Petrowna ihrer Freundin sofort die Erledigung aller Formalitäten bereitwilligst abnahm, ließ Zoe doch nach der Ca' Torcelli schicken, um ihren Verlobten zu sich zu bitten. Olga Petrowna hatte sofort davon gesprochen, Zoe einen Ersatz für ihre Kammerfrau aus Rußland zu schicken, aber sie widersetzte sich dem mit Entschiedenheit. Sie wollte eine Italienerin haben, die mit ihr in die Ca' Torcelli übersiedeln konnte.

Während Zoe auf das Kommen Angelo Torcellis wartete, ging sie in ihr Zimmer und bat Olga Petrowna, sie allein zu lassen. Doch diese folgte ihr.

»Besser, ich bleibe bei dir«, bat sie, indem sie den Blick auf dem Boden des Zimmers umherschweifen ließ. »Du bist naturgemäß aufgeregt – ich kann dir über die Zeit hinweghelfen, bis Fürst Torcelli kommt, ich kann die Stelle der armen Jelisaweta bei deiner Toilette vertreten –« sie legte ein Buch von einem Tisch auf den anderen, den Hut Zoes aber, der halb unter diesem Tischchen lag, übersah sie oder fand es nicht der Mühe wert, sich danach zu bücken, denn sie stieß ihn mit dem Fuße noch etwas tiefer darunter. Zoe, die wirklich nur das eine Bedürfnis hatte: allein zu sein, ging an die Tür zum Salon, öffnete sie und sagte freundlich und gelassen, aber entscheidend: »Du hast den besten Willen, und ich erkenne ihn dankbar an. Wir werden wegen deiner Reise noch sprechen, ob es nötig ist, sie aufzuschieben. Nur lasse mich jetzt auf eine halbe Stunde allein, ja? Sei so lieb, Olguschka. Ich weiß ja, wie gut du es meinst.«

Olga Petrowna umarmte stumm ihre Freundin und ging. Sie konnte nichts anderes tun. Ihre Augen schweiften noch einmal über den Fußboden, ehe sie die Tür hinter sich schloß, Zoe war eine ordnungsliebende Natur. Als sie allein war, endlich allein, hob sie erst ihren Hut, ihren Schirm und ihre Handschuhe auf, die noch auf dem Boden lagen. Sie tat es rein mechanisch – das Herumliegen der Sachen störte sie und unterbrach unliebsam ihre Gedanken. Sie legte die Handschuhe in einen Kasten auf dem Ankleidetisch und hing den Hut an einen Haken. Dabei fiel das Fetzchen Spitze herab, das Zoe aus der Hand der Toten gezogen und bei Seite geworfen hatte. Zoe hob das Endchen des feinen Gewebes auf und sah gerührt darauf nieder: die so plötzlich aus diesem Leben Abgerufene war in ihrem Dienst wohl noch beschäftigt gewesen, als der Tod sie überraschte, dies Stückchen Spitze –

Mit einem Gefühl, als hätte etwas sie gestochen, fuhr Zoe zurück und trat rasch an das Fenster, denn das Licht nahm ab, und wo sie stand, herrschte schon halbe Dämmerung. Es war nicht, daß ihr's eben erst auffiel, daß die Spitze an beiden Enden gewaltsam abgerissen war, was bei einem Endchen von 15 bis 20 Zentimeter Länge an sich seltsam erschien, – es war das Muster, das Zoe plötzlich auffiel. Die kostbare Spitze, echt Brüsseler Handarbeit, war etwa zehn Zentimeter breit und das Muster zeigte in jedem Bogen eine Lyra inmitten eines Lorbeerkranzes. Zoe hatte diese Spitze vor fast zwei Jahren bei einem Althändler entdeckt und des originellen Musters wegen gekauft. Olga Petrowna hatte sie so bewundert, daß Zoe für ihre Freundin ein Jabot daraus arbeiten ließ, das Olga Petrowna oft und gern anlegte ...

Wie kam ein Fetzen dieser Spitze in die krampfhaft geschlossene Hand der Toten? Ein Irrtum war des Musters wegen, das sicher nur einmal und für eine bestimmte Person angefertigt worden war, absolut ausgeschlossen. Hatte Olga Petrowna die Tote gebeten, ihr das Jabot umzuändern, hatte sie die Spitze im Augenblick zerrissen, als der Schlag sie traf? Aber wo war denn der Rest davon? Oder – oder –

Zoe wurde es eisig kalt, als dieses »oder« sich ihr aufdrängte, und in ihre Augen kam ein Ausdruck starren Entsetzens. Aber sie brach nicht darunter zusammen. Sie verschloß den Spitzenfetzen fest in ihrer Hand und ging an die Tür, die auf den Korridor führte, um Iwan hereinzurufen.

»Iwan«, sagte sie leise zu ihm, »du sollst mir eine seltsame Frage beantworten, wenn du kannst. Ich richte sie an dich im Namen deiner Treue für deinen ermordeten Herrn, der dir vertraut hat, wie ich dir vertraue: Kannst du dich erinnern wie Olga Petrowna gekleidet war, als du ihr den Tee heut Nachmittag serviert hast?«

Iwan dachte einen Augenblick nach.

»Sie hatte dasselbe Kleid an, dächte ich, das sie eben noch trägt. Sie geht aber immer in Schwarz, und ich kann mich irren.«

»Sie hatte keine Verzierung an der Taille, keinen Schmuck?«

»Ich meine, Durchlaucht, Olga Petrowna hat dieselbe Brosche mit dem blauen, goldgefaßten Steine getragen, in der ich sie jetzt vor fünf Minuten sah, als sie aus dem Salon in ihr Zimmer ging – doch halt, ja – zu Befehl, meine ich – sie trug zum Tee etwas Weißes vorn am Kleid, so ein Durcheinander von Spitzen.«

»Kannst du dich erinnern, was diese Spitzen für ein Muster hatten, Iwan? Bedenke es genau. Es hängt furchtbar viel davon ab.«

Iwan schüttelte den Kopf.

»Ich kann das nicht beschreiben, Durchlaucht. Ich habe Olga Petrowna oft mit diesen Spitzen gesehen, die mir darum aufgefallen sind, weil solche Dinger darauf waren, wie sie unter den Flügelinstrumenten angebracht sind mit den zwei Tritten daran, damit es laut und schwirrend tönt, was man spielt –«

Zoe machte die Hand auf und zeigte Iwan den Spitzenfetzen.

»Meinst du das, Iwan?«

»Ja, Durchlaucht. Das war die Spitze, die Olga Petrowna vorhin trug.«

Zoe schloß ihre Hand wieder über dem stummen Zeugen und sah Iwan an, blaß, Entsetzen und noch etwas anderes in den Augen, das er sich nicht deuten konnte. Es war aber »nur« der »Menschheit ganzer Jammer«, der einen zu packen pflegt, wenn man plötzlich hinter die Falschheit und Hinterlist derer kommt, die man für seine Freunde gehalten. Das hat jeder mindestens einmal in seinem Leben durchzumachen, und die schmerzhafte Wunde hinterläßt eine tiefe, sogar manche oft sehr entstellende Narbe, die wie alle alten und schweren Wunden manchmal noch nachschmerzt. Man nennt das »Lebenserfahrungen«.

»Ich danke dir, Iwan. Das war alles, was ich wissen wollte«, sagte Zoe nach einer Weile mit schwankender Stimme.

Iwan verbeugte sich und machte einen Schritt rückwärts.

»Olga Petrowna hat befohlen, ihre Koffer wieder heraufzubringen«, sagte er.

Zoe richtete sich auf, und ihr weiches Gesicht bekam einen harten, entschlossenen Ausdruck.

»Olga Petrowna wird heut Abend unter allen Umständen abreisen«, rief sie mit klingender Stimme, und gedämpft setzte sie hinzu: »Du wirst sie auf den Bahnhof begleiten, Iwan, und nicht eher den Bahnsteig verlassen, bis du sie mit eigenen Augen abfahren gesehen hast.«

»Amen!« war die seltsame und ungewöhnliche Antwort eines Kammerdieners auf einen erhaltenen Befehl.

Als sie wieder allein war, flog Zoe auf ihren Schmuckschrein los und öffnete ihn auf die Buchstaben »A. T.« Ein dreieckiges Schreiben mit einem Totenkopf geschlossen steckte in dem goldenen Gitter der Mittelnische. Zoe warf nur einen flüchtigen Blick auf den Inhalt dieses Schreibens, das eine Mahnung des »Komitees«, »sich bereit zu halten« enthielt und eine nochmalige Drohung, den »sogenannten« Fürsten Torcelli auf dem Fleck zu töten, falls sie ihm die »Bruderschaft« und ihre Zugehörigkeit zu derselben verriete.

Ein Mitglied könne wohl abtrünnig werden, ausscheiden aus der Bruderschaft könne es nur durch den Tod. Bevor sie den ihrigen erlitte, wäre sie zu einer großen Tat ausersehen, deren Gelingen ihr die Begnadigung sicherstellte.«

Zoe las kaum diese Botschaft des Dreiecks. Sein Vorhandensein in dem verschlossenen und versicherten Schrein war ihr heut nichts, als die Bestätigung eines furchtbaren Verdachtes. Sie sah die geheimnisvolle Person vor sich, wie sie durch irgendeinen Trick den Schrank öffnete, sie sah die treue Jelisaweta hereinstürzen und mit der – Person ringen, wobei sie ihr von dem Spitzenjabot einen Fetzen abriß, sie sah die Kammerfrau plötzlich zu Boden stürzen, vom Schlage getroffen oder – oder was? Zoe wagte es nicht auszudenken.

Am Abend reiste Olga Petrowna ab. Sie küßte ihre Freundin zärtlich zum Abschied und versprach, sobald als möglich nach Venedig zurückzukehren, um die Vorbereitungen zu der Vermählung zu leiten.

Und Zoe Sarakow stand mit blassem Gesicht und ließ sich geduldig küssen – ein-, zweimal – ein halb Dutzend Male. Sie hätte sich hundertmal von Olga Petrowna küssen lassen, nur um nicht durch ein Zucken den Mann, den sie liebte, der furchtbaren Bruderschaft zu überantworten. Aber als sie allein war, da wusch sie Ihr Gesicht dreimal, so oft, wie sie geküßt worden war und dachte, sie würde nie wieder rein werden, solange sie lebte ...

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