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Der Maskenball in der Ca' Torcelli

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Der Maskenball in der Ca' Torcelli - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleDer Maskenball in der Ca' Torcelli
publisherMeister verlag Rosenheim
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderChristine Weber
created20140410
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Die Verlobung des Principe Torcelli dal Giglio wurde nicht nur in dem exklusiven Kreise der venezianischen Patrizier lebhaft besprochen, sondern in der ganzen italienischen Gesellschaft und natürlich auch in der russischen Hauptstadt.

Für die »mütterlichen Sorgen«, wie Donna Fabiola ihre Angst um die Mitgift ihrer künftigen Schwiegertochter nannte, war es ein Glück, daß sie in dem fernen Rußland in ihrer Cousine Bice eine getreuliche Berichterstatterin besaß, die umgehend ein Gratulationsschreiben voll des herzlichsten Ausdruckes ihrer Freude und Überraschung sandte und diesem einen Nachtrag beifügte, in dem sie auf Grund authentischer Erkundigungen versicherte, daß Zoe Sarakow der Nießbrauch des enormen Vermögens ihres verewigten Gatten uneingeschränkt zustünde und erst nach ihrem Tode mit den daran verknüpften, ihr zur persönlichen Verfügung stehenden Besitzungen, die freilich für sie unveräußerlich wären, an einen Seitenzweig des Hauses Sarakow fielen. Das Barvermögen des Fürsten – mehrere Millionen Rubel – sei seiner Witwe zugefallen und hätte sie zu einer der reichsten Partien Rußlands gemacht.

Angelo Torcelli hatte seine Verlobte natürlich nicht danach gefragt, aber sie hatte es ihm freiwillig gesagt, indem sie sich das Vorkaufsrecht auf die »Malinconica« erbat, von der sie gehört, daß sie veräußert werden sollte.

»Hat man Ihnen dieses Kapitel aus der Chronik der Torcelli schon erzählt?« hatte er bitter gefragt.

»Nein, nur Ihr alter Kustos, der mich für eine Kauflustige hielt, ehe ich's ahnte, daß die Malinconica – nicht in der Familie bleiben sollte«, erwiderte Zoe leichthin und mit dem schönen, innigen Blick ihrer Augen setzte sie hinzu: »Das darf nicht sein, Angelo – schon der nahen Gruft wegen – die Ruhe der Torcelli soll nicht durch die Stimmen Fremder gestört werden. Wenn die Malinconica schon verkauft werden soll, so lassen Sie mich die Käuferin sein; ich – ich habe so viel überflüssiges Geld –«. Und hier sagte sie ihm, was Tante Bice geschrieben, so ziemlich Wort für Wort.

Er anerkannte mit einem Gefühl der Dankbarkeit den Takt, mit dem sie eine heikle Sache zur Sprache brachte, die er um die Welt nicht hätte berühren wollen und die doch eigentlich nicht zu umgehen war. Aber das einzige, was sein Bewußtsein, ihr von seinem Herzen so blutwenig geben zu können, beruhigte, war wenigstens die unumstößliche Wahrheit, daß ihr Geld bei seiner Werbung keine Rolle gespielt hatte. Seine Empfindlichkeit in diesem Punkte, in dem er mit seiner Mutter niemals zusammenkam, geschweige denn übereinstimmte, war so groß, daß er mit einem wahren Gefühl der Erleichterung nach ihrer Auseinandersetzung erwidern konnte:

»Daß Sie so viel zu Ihrer Verfügung haben, Zoe, freut mich Ihrer eigenen Unabhängigkeit wegen – eine Rolle hat es bei mir nicht gespielt, denn ich habe nichts davon gewußt. Was die Malinconica betrifft, so bleibt sie in meinem – bald unserem – Besitz. Ich habe gestern alle Verhandlungen mit den beiden Kauflustigen definitiv abgebrochen. Diese günstige Wendung danke ich dem Umstande, daß ein kleiner, anscheinend wertloser Besitz, den ich in der Lombardei habe, als Industriegrundstück plötzlich ein Wertobjekt geworden ist, dessen Erlös vollkommen zur Deckung der Verbindlichkeiten ausreicht, die mich zu nötigen drohten, die Malinconica zu verkaufen. Sie würden mich verbinden, Zoe, wenn Sie diesen lombardischen Besitz und seinen gesteigerten Wert vor meiner Mutter unerwähnt ließen. Sie hat ein so sanguinisches Temperament, daß sie daraufhin imstande wäre, den Großmogul oder den Kohinoor zu kaufen.«

Zoe verstand und versprach Schweigen. Das Gespräch fand drei Tage nach der Verlobung gelegentlich eines Rundgangs durch die Ca' Torcelli statt, die ihrer künftigen Herrin dabei in ihrer ganzen Ausdehnung vorgestellt wurde. Zoe sollte natürlich die Räume Donna Fabiolas beziehen, für welche ein ständiges Absteigequartier vorgesehen war. Die Flucht der Fremdenzimmer, in denen Daphne untergebracht war, blieben davon unberührt, ebenso die Wohnungen von je drei Zimmern, welche Donna Laura und Don Orso innehatten.

»Ich möchte Sie nun auch noch bitten, Angelo, eine gleiche Wohnung für Olga Petrowna zu bewilligen«, sagte Zoe, als die ständige Anwesenheit dieser »Pensionäre« erwähnt wurde.

»Ihr Wunsch ist mir natürlich Befehl«, erwiderte er nach einer kleinen Pause, die aber doch lang genug war, um ihr eine tiefe Röte auf die Wangen zu treiben.

»Sie haben keine Sympathie für meine Freundin, Angelo!«

»Das ist ein so persönliches Gefühl, Zoe, daß es Sie unmöglich berühren oder gar verletzen kann. Fräulein Vareskoi hat selbst ihr menschenmöglichstes getan, um – um eine etwaige Sympathie im Keime zu ersticken. Ich muß mich in diesem Punkte absolut frei von Vorurteilen sprechen.«

»Ich weiß – ich weiß, was schuld ist!« rief Zoe lebhaft. »Olga hat mir selbst bekannt, was Sie Ihnen gesagt hat. Es geschah in einer Anwandlung von Eifersucht – sie fürchtete, mich für immer verlieren zu müssen, wenn ich mich verheiratete. Angelo – Sie sind großmütig –: alles verstehen, heißt alles vergeben. Ich habe es auch zuwege gebracht, denn Olgas unbegreifliche Taktlosigkeit hat mich ebenso wenn nicht mehr empört als Sie!«

Der Grund war plausibel, – so plausibel, daß Angelo Torcelli, menschlich gesprochen, ganz gut die Absichtlichkeit der Taktlosigkeit begriff und – großmütig, wie er wirklich war, – auch entschuldigte. Vom Konto Olga Petrownas blieb noch der Verdacht, und er brachte ihn offen zur Sprache.

»Wie Sie vergeben können, Zoe, ist mir eine Pflicht, zu vergessen«, sagte er ohne Zögern. »Aber eine andere Frage gestatten Sie mir: trauen Sie Ihrer Freundin rückhaltlos?«

»Ich weiß nicht!« sagte sie erstaunt. »Trauen – das ist ein schwerwiegendes Wort. Ich habe Olga nicht zur Vertrauten aller meiner Angelegenheiten gemacht. Sie wissen, was ich meine. Ich habe sie auch im Dunkeln gelassen über das Entstehen, die Entwicklung und die Entscheidung meines und Ihres Schicksals. Nicht ein Wort hat sie darüber von mir gehört, denn es gibt Heiligtümer, in welche selbst die Freundschaft keinen Zutritt hat. Ist das Mangel an Vertrauen – mit einem schärferen Wort: Mißtrauen?«

»Die beiden Fälle, Zoe, in denen Sie Fräulein Vareskoi ausgeschlossen haben aus Ihrem Vertrauen, nennen sich im ersteren ›das unerbittliche Muß‹, im zweiten das bewundernswerte Zartgefühl eines Frauenherzens, das sich wie die Mimose vor der Berührung selbst durch die liebreichste Hand schließt. In keinem dieser beiden Fälle kann man von Mißtrauen sprechen. Ich meine: haben Sie Fräulein Vareskoi nie in Verbindung gebracht mit –« er ließ seine Stimme unwillkürlich zum Flüstertone herabsinken – »mit der ›Brüderschaft‹, mit den geheimnisvoll erschienenen Botschaften des ›Komitees‹ –«

»Still!« rief Zoe erbleichend, indem sie sich umsah. »Davon darf man im geschlossenen Raume nicht reden. Sie haben überall ihre Ohren! Bei allem, was Ihnen heilig ist, Angelo, sprechen Sie nie, nirgends, zu keinem Menschen dieses Wort aus, das Sie als Mitwisser verrät. Schwören Sie mir's!«

»Sie sehen zu schwarz, Zoe! Ich schwöre nicht, weil ich nicht wissen kann, ob ich nicht in die Lage kommen werde, durch meine Mitwisserschaft zu Ihrem Schutze eintreten zu müssen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ohne diese Provokation nicht davon sprechen will, nirgends, zu keinem Menschen. Genügt das?«

»Es muß wohl, Angelo. Ich danke Ihnen«, sagte sie mit einem leisen Schauer und einem nochmaligen furchtsamen Blick hinter sich. Sie waren ganz allein in einem langen Korridor, an dessen Ende der Majordomo mit seinem Schlüsselbunde hinter einer eben geöffneten Tür verschwunden war. »Die Gefahr lauert überall«, flüsterte sie, »sie wacht, sie schläft niemals. Darum mußten Sie alles wissen, Sie durften nicht im Dunklen bleiben wie Fürst Sarakow. Ich bin schuld an seinem Ende.«

»Das sind Sie nicht«, erwiderte er mit vollster Überzeugung. »Ich habe die Berichte noch einmal durchgelesen. Das Dekret war die unmittelbare Ursache des Attentates und – wenn man sich auf den Standpunkt des – Feindes versetzen kann, so muß man schon sagen, daß es ihm den Boden unter den Füßen fortzog und ihm keine andere Wahl ließ. Die Aufhebung des Dekretes durch den Nachfolger des Gouverneurs war ein Rückzug, dem man vielleicht einen anderen Namen geben könnte. Wie Fräulein Vareskoi Ihnen dann sagen konnte, daß für das Attentat ein politisches Motiv nicht vorlag, das hat mich zu der Frage veranlaßt, ob Ihnen niemals der Gedanke gekommen ist, daß sie damit absichtlich einen Druck hatte auf Sie ausüben wollen.«

Zoe stand wieder still und sah Torcelli mit großen, erschrockenen Augen an. Dann aber schüttelte sie energisch den Kopf.

»Unmöglich! Ich halte das für vollkommen ausgeschlossen«, sagte sie überzeugt. »Für Olga Petrowna ist jede Maßregel der Regierung so gut wie das Evangelium, so vollkommen und nur zum Wohle aller derer, die es mittelbar oder unmittelbar berührt. Olga ist ultra-konservativ, reaktionär in ihrer politischen Überzeugung. Sie wird nie zugeben, daß ein Regierungserlaß eines der bei uns zum täglichen Brote gewordenen Attentate veranlaßt haben könnte. Sie sind nur ein Ausfluß der Schlechtigkeit der Menschen und ihrer Verblendung. Sie hätte diesen Ansichten selbst widersprochen, wenn sie zugegeben hätte, daß Fürst Sarakow Opfer seiner Politik geworden ist. Das zur Klärung der Wahrheit über Olga Petrownas Verhalten. Von dem Dekret hatte ich nichts gewußt, aber ich habe trotz der Versicherung meiner Freundin das politische Motiv nicht ausgeschlossen. Wie hätte ich das Leben sonst ertragen können? Die Politik ist zwischen Olga und mir nach getroffener Übereinkunft ein Gebiet, das wir nicht betreten, denn wir treffen uns darauf doch nicht, weil ich liberale Ideen habe, die Fürst Sarakow übrigens für ganz vernünftig zu erklären pflegte, weil er sie teilte. Nur nötigte sein Amt ihn oft zu Maßregeln, die sein Liberalismus eigentlich verwarf.« Torcelli hatte aufmerksam zugehört.

»Sie müssen Ihre Freundin besser kennen als ich«, sagte er dann, nicht ohne eine gewisse Reserve im Ton. »In dieser Darstellung ist ihr Verhalten ganz plausibel – wenn auch für den Außenstehenden nicht ohne Einwand. Es gehört ein gewisser politischer Fanatismus dazu, kaltblütig einer Witwe einzureden, daß ein Motiv für den Mord ihres Gatten nicht vorliegt, selbst wenn sie nicht ahnen konnte, daß sie ihre Freundin damit fast unerträglichen Selbstvorwürfen überantwortete. Doch wie gesagt, Sie, Zoe, müssen Ihre Freundin besser beurteilen können, aber auch vielleicht zu mild und – zu sehr nach sich selbst. Sie wünschen also Fräulein Vareskoi in der Ca' Torcelli zu behalten?«

»Nein, so weit geht meine Inanspruchnahme Ihrer Güte nicht«, erwiderte Zoe, indem sie ihm gerührt die Hand reichte. »Ich möchte ihr nur in – in unserem Hause ein Asyl für alle Fälle, ein Absteigequartier für ihre Besuche sichern. Ich bin ihr das schuldig. Es ist meine Absicht, Olga die Oberaufsicht über das Palais Sarakow in Petersburg zu übertragen, – formell, meine ich, denn inoffiziell ist sie längst damit betraut. Ich will ihr damit eine Lebensstellung bieten. Ihr Wohnsitz ist natürlich das Palais Sarakow. Sie verstehen mich?«

»Vollkommen. Was meinen Sie zu den Zimmern neben denen meiner Cousine Laura für Fräulein Vareskoi?«

Zoe meinte, daß sie ganz dem Zweck entsprächen, groß, luftig und angenehm seien, und so wurde diese Angelegenheit geregelt, zu ihrer Befriedigung, während er sich innerlich gelobte, daß Fräulein Vareskoi kein zu häufiger Gast in der Ca' Torcelli sein sollte. Denn voll hatten ihn Zoes Erklärungen nicht überzeugt und sie selbst insofern auch nicht, als aus ihren eigenen Begründungen ein leises Mißtrauen keimte, das freilich noch viel zu tief unter der Erde lag, um bald zum Tageslicht zu dringen ...

Ehe Torcelli mit seiner Verlobten den Rundgang durch den Palast beendete, brachte sie noch etwas anderes zur Sprache, das sie beschäftigte.

»Donna Fabiola fragte mich, wann wir unsere Vermählung zu feiern gedächten«, sagte sie. »Ich konnte Ihrer Mutter darüber keine bestimmte Antwort geben, da wir dies Thema ja noch nicht besprochen haben. Wenn ich es berühre, so geschieht dies einzig und allein, um Ihnen zu sagen, daß ich nicht gern mehr nach Rußland zurückkehren möchte. Sie werden sich's denken können, warum, Angelo, nicht wahr? Ich hatte Rußland mit der festen Absicht verlassen, es nicht wieder zu betreten. Ich hatte Olga davon nichts gesagt –«

»Ah – also ein dritter Fall, in welchem Sie Ihre Freundin nicht zur Vertrauten machten!« fiel er mit einem bedeutungsvollen Blick ein.

»Ja, es ist wahr. Ich habe daran noch gar nicht gedacht«, bekannte sie. »Ich denke, mein Motiv war, keine Gegenvorstellungen hervorzurufen – gleichviel, Sie haben recht: es ist sonderbar, daß ich es mit Olga nicht besprechen wollte. Jedenfalls war dieser Wunsch der Vater des Gedankens, mir in Venedig einen Palast zu kaufen. Auch das hat Olga erst erfahren, als ich es hier in der Ca' Torcelli zuerst aussprach, und Don Orso sich erbot, Umschau für mich zu halten. Ist es nicht sonderbar? Es hat sie ein wenig gekränkt, glaube ich. Das tat mir leid. Sie haben am Ende doch recht: Olga ist zwar meine Freundin, aber meine Vertraute ist sie nicht – nicht einmal in solch ganz privaten Dingen ... Doch das gehört nicht hierher, wenigstens nicht jetzt. Angelo, – wann immer Sie es wünschen, daß unsere Vermählung stattfindet: würde es sehr gegen Ihre Gefühle gehen, wenn Ihre Braut aus dem Hotel hier in Venedig mit Ihnen vor den Altar tritt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich kenne Ihre Motive und füge mich«, erwiderte er ohne Zögern. »Aber die Welt braucht für solche Außergewöhnlichkeiten Erklärungen, wenn sie auch nicht daran glaubt. Zu der ›Welt‹ rechne ich auch meine Verwandten, vor allem meine Mutter. Was wollen wir ihr sagen?«

»Was Sie wollen – ich nehme ja allen Tadel, alles Achselzucken auf mich, muß es auf mich nehmen«, rief Zoe leidenschaftlicher, als Torcelli es ihr zugetraut hatte. »Ich kann nicht mehr nach Rußland zurück, mir graut vor diesem Lande, in dem ich so Schreckliches erfahren, erleben mußte, wo jeder Blick für mich eine Drohung ist! Sagen Sie, es wäre eine Kaprice von mir. Vielleicht ist's auch wirklich eine – auf alle Fälle wird diese ›Erklärung‹ der ›Welt‹ genügen, der wir angehören, die es gewohnt ist, daß verzogene, denkfaule, unmutige Frauen Kapricen haben und diese schreckliche Eigentümlichkeit auch gern verzeiht, wenn die Frauen genügend hübsch, genügend reich und genügend vornehm sind, das heißt einige Titel zu ihrer Verfügung haben. Es wird sich ja wohl eine Erklärung beschaffen lassen, die den bösen Zungen die Möglichkeit nimmt, zu folgern, daß ich landesverwiesen, verpönt oder was weiß ich bin...«

Torcelli hatte so recht eigentlich nie über eine etwaige Hochzeitsfeier mit sich selbst als Bräutigam nachgedacht, wenn aber diese Zeremonie vor seinem geistigen Auge gelegentlich einmal vorüberzog, so holte er die Braut natürlich heim ... Als Daphne ihm noch täglich als einzig annehmbare und pflichtgemäße »Partie« anempfohlen, gepriesen und er damit gründlich in den Widerspruch gegen sie gesetzt wurde, hatte seine Mutter davon geträumt und geschwärmt, daß die Hochzeit natürlich in Rom vom Palazzo Corleone aus stattfinden würde. In Angelos Träumen war später die stattliche Rokokofassade des Palais Sarakow in Sankt Petersburg aufgestiegen. An das Hotel am Kanal Grande in Venedig hatte er nicht gedacht ... Während er die Motive seiner Verlobten aber verstand, war er nicht so sicher, ob er ihr dankbar dafür sein mußte, daß sie ihm ihr »Skelett im Schranke« gezeigt hatte. Wenn er auch durchaus nicht voll ihre Ansicht über die Furchtbarkeit dieses Gespenstes teilte, wenn er auch ganz und gar davon überzeugt war, daß Fürst Sarakow nicht an ihrer Statt dem Attentate erlegen war und er durchaus nicht an den Todesernst ihrer Lage glaubte, so blieb diese immer noch drohend genug für Erpressungen und andere Versuche unter Einschüchterung der Abtrünnigen. Vielleicht lag der geheimnisvollen Bruderschaft auch nur daran, Zoe in der Furcht zu erhalten, um damit ihr Schweigen zu erzwingen, sich durch Drohungen ihrer Mitarbeiterschaft, das heißt ihrer Spionage zu versichern ... Dieses Ziel war durchaus zu verstehen, solange Zoe die Gemahlin eines Mannes war, der die Macht besaß, der in engster Fühlung mit der Regierung selbst stand. Nachdem dieser Feind gefallen, war Zoe eigentlich wieder eine für die Bruderschaft bedeutungslose Person geworden, was schon daraus erhellte, daß das sogenannte »Todesurteil« über sie »aufgehoben« wurde. Diese Bedeutungslosigkeit büßte sie durch ihre zweite Ehe eigentlich nicht ein; nach Angelo Torcellis Dafürhalten wurde sie sogar noch unterstrichen, denn er selbst war politisch nie hervorgetreten und hatte auch nicht die Absicht, es zu tun; es war also von ihm nichts zu holen. Er anerkannte Zoes Loyalität, mit der sie ihm ihr gefährliches Geheimnis anvertraute, ehe sie ihm ihr Jawort gab, voll an; seine Achtung vor ihr war dadurch gewachsen und vertieft worden, und er bemitleidete ihre Jugend, die durch die unselige »Bruderschaft« vernichtet und verkümmert worden war, aber dankbar war er für die Mitwisserschaft nicht, da seiner Überzeugung nach bei einer Geheimbündlerei nie etwas Ordentliches herauskommen konnte, noch dazu bei einer solchen, wie Zoe sie angedeutet hatte. Die Versicherung, daß er sich seiner Kenntnis der »Bruderschaft« rücksichtslos bedienen würde, falls sie sich's beikommen ließe, seine Frau zu belästigen, war unüberlegt und mehr zur Beruhigung Zoes gegeben worden; bei näherer Überlegung mußte Torcelli sich sagen, daß er, selbst mit der Polizei hinter sich, nichts ausrichten konnte gegen einen Feind, von dem er wußte, daß er nicht Aug in Aug, sondern meuchlings und aus dem Hinterhalt seiner geheimnisvollen Deckung anzugreifen pflegte. Wenn er also Zoes Geheimnis teilte, so hatte das nur den einen Vorteil, daß er ihr eine Last tragen half, die zu schwer für sie geworden war.

*

»Das war ja ein langer Besuch, Zoe, mein Herz!« – Damit empfing Olga Petrowna ihre Freundin, als diese ins Hotel zurückkehrte, – strahlend, anmutiger, lieblicher denn je und in den Augen das neue, wunderbare Licht, das ihr ganzes Wesen verklärte. Olga Petrowna hatte zu diesem Besuch keine Aufforderung erhalten und war daher allein zurückgeblieben ...

»Ah – wir haben Zukunftsmusik gemacht«, erwiderte Zoe Sarakow mit einem glücklichen Lächeln. »Der eine Satz dieser Symphonie umfaßte einen Rundgang durch die ganze Ca' Torcelli... wer diese Reise nicht gemacht hat, ahnt nichts von der Raumverschwendung in einem venezianischen Paläste – davor dürfen wir daheim uns schon verstecken. Ich glaube, man könnte für 20 größere Haushaltungen ganz gut darin Wohnungen schaffen. Auf alle Fälle haben wir – Principe Torcelli und ich, meine ich – eine sehr mollige kleine Wohnung für eine gewisse Olga Petrowna Vareskoi ausgesucht!«

»Zoe! du willst doch nicht damit sagen, daß du mich bei dir – daß Fürst Torcelli mich bei sich aufnehmen will –?« rief Olga Petrowna scheinbar ungläubig, indem ein Strahl des Triumphs aus ihren kleinen Augen brach.

»Ja, ich will damit sagen, daß der Principe und die Principessa Torcelli dal Giglio sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen werden, die gewisse hochwohlgeborene Olga Petrowna Vareskoi bei sich zu begrüßen, sooft sie ihnen die Freude machen wird, bei ihnen abzusteigen«, erwiderte Zoe Sarakow beinahe übermütig, indem sie einen tiefen Knix machte.

Olga Petrowna biß sich auf die Lippen und kniff die Augen zu; ihre graue Gesichtsfarbe spielte ins Grünliche hinüber, als ihr für jede Nuance geübtes Ohr die im Gewande des Scherzes erteilte Korrektur, oder was sie als solche auffaßte, herauszuhören vermeinte. Zoe Sarakow hatte eine so merkwürdige Art, die Leute auf den von ihr für richtig erachteten Standpunkt zu stellen – namentlich hatte sich dieses Talent bei ihr in letzter Zeit merkwürdig ausgebildet! Olga Petrowna aber hatte ihre guten Gründe, Beleidigungen, das heißt Redewendungen, die sie als Beleidigungen empfand, zu überhören.

»Ach, ich Arme!« rief sie mit aufgehobenen Händen. »Oder solltest du wissen, daß ich das große Los gewinnen werde? Denn wie sollte ich sonst imstande sein Reisen nach Venedig zu machen?«

»Vom großen Los weiß ich freilich nichts – nur ein kleines, bescheidenes hab' ich für dich bereit«, entgegnete Zoe und erklärte ihrer Freundin dann, wie sie beabsichtigte, für ihre Zukunft zu sorgen. »Du hast selbst gehört, daß Fürst Sarakow sagte, er müsse daran denken, einen Konservator für seine Sammlungen und einen Bibliothekar anzustellen«, meinte sie. »Übrigens möchte ich die Sammlung gern nach Venedig überführen – wir haben ja in Rußland, soviel ich weiß, keine Gesetze, die das verbieten – und da wird es schon notwendig sein, daß du nach Petersburg fährst, einen Katalog machst und die Sachen hierherschickst. Ich selbst – gedenke nicht mehr nach Rußland zurückzukehren.«

»Zoe!« diesmal war Olga Petrowna wirklich ehrlich erstaunt. »Himmlische Güte! Welche Überraschungen werde ich noch an dir erleben? Du kannst dich doch nicht hier verheiraten!«

»Warum kann ich es nicht, Olguschka?«

»Nun, die Leute würden doch denken und sagen – ja, das kann man ja gar nicht aussprechen, was sie sagen würden! Ach – du machst Scherz! Eine Frau wie du, mit einem Schloß auf dem Lande, einem Palast in der Residenz, einem Landhaus an der See, und was weiß ich noch, macht Hochzeit im Ausland, als ob sie daheim oder hier etwas getan hätte, wovor sie sich schämen müßte, oder als wäre sie landesverwiesen, oder als mache sie eine ganz obskure Partie, oder – als fürchtete sie sich, in die Heimat zurückzukehren –«

»Olga, ich denke, man kann es gar nicht aussprechen, was die Leute sagen würden«, unterbrach Zoe ihre Freundin freundlich, aber fest. »Wir wollen uns lieber nicht die Lippen damit beflecken, nicht wahr? Wir beide sind doch mehr als einmal einig darüber gewesen, daß man über den Klatschbasen stehen sollte, und daß der Mensch noch nicht geboren ist, der imstande wäre, sie zu verhindern, ihre Sprachwerkzeuge in Bewegung zu setzen. Übrigens denke ich, daß der Name des Principe Torcelli die Petersburger Gesellschaft eines besseren belehren wird, schon weil die Frau des italienischen Botschafters die Cousine seiner Mutter ist. Ich denke, die Herrschaften werden zur Vermählung hierherkommen, und zwei oder drei nette Leute der Petersburger Kreise werden sich ihnen schon anschließen. Vielleicht tut auch der Zar ein übriges und schickt ein Telegramm, das dann in den Zeitungen gedruckt wird, damit du nicht nötig hast, von Pontius zu Pilatus zu laufen, um zu versichern, daß ich weder in Ungnade noch landesverwiesen bin. Und warum in aller Welt sollte ich mich fürchten, in die Heimat zurückzukehren – ja, weißt du eine Ursache dafür?«

»N – nein«, machte Olga Petrowna gedehnt. »Es müßte denn sein, die Leute glaubten, du fürchtest dich vor den Terroristen, die den Fürsten Sarakow –«

»Olga! die ›Leute‹, die du jetzt mit so viel Gläubigkeit zitierst, haben sich fast ein Jahr davon überzeugen können, daß ich mich nicht vor Terroristen gefürchtet habe, sondern ruhig im Lande geblieben bin, bis mich die Lust zum Reisen überkam«, fiel Zoe mit derselben ruhigen Freundlichkeit ein, indem sie ihrer Freundin fest und gerade ins Angesicht sah. »Man hätte viel zu tun, sich vor einem Schrecken zu fürchten, der ja absolut zwecklos, unnütz verschossenes Pulver bei mir wäre, die ich der Politik so fern stehe – wie du.«

»Ja natürlich – von diesem Standpunkt betrachtet –!« nickte Olga Petrowna. »Aber du kennst meine Angst vor diesen Menschen. Ich kann einmal den Gedanken nicht loswerden, daß der Schuß, der den Fürsten niederstreckte, nicht ihm gegolten hat, der ein Vater des Volks seines Gouvernements war. Die Autoritäten, die Zeitungen waren ja alle einig darüber, daß jeder Schatten eines Motivs für einen politischen Mord, wenn man's schon so nennen will, fehlte –«

»Natürlich, Olguschka, bei uns schreiben und drucken die Zeitungen wie die Papageien, was man ihnen vorsagt – sie müssen's eben.«

»Aber Zoe –«

»Aber Olguschka, wir wissen ja beide, wie's bei uns gemacht wird. Das Dekret gegen die geheimen Gesellschaften, dem der Fürst zum Opfer fiel, weil er es mit seinem Namen decken mußte, sollte totgeschwiegen werden; daher das gedruckte Erstaunen über das mangelnde Motiv des feigen Meuchelmörders!«

Olga Petrowna sah ihre Freundin eine Weile sprachlos blinzelnd an. Sie war wieder grünlich geworden.

»Woher weißt du denn das?« fragte sie mit trockenen Lippen.

»Was, Olguschka?« gab Zoe die Frage ruhig und harmlos zurück, ohne ihre Augen von ihrer Freundin zu wenden.

»Ich meine, daß es ein Dekret gegeben haben soll, das –«

»Gegeben hat«, berichtigte die Fürstin, immer ganz leidenschaftslos und harmlos. »Ja, um solche Dinge zu erfahren, muß man schon ins Ausland gehen; bei uns wagt ja kein Mensch überhaupt mehr zu atmen, wenn es nur einmal in der Stunde erlaubt wird. Mein Informator ist Don Orso Torcelli. Er ist ein Sammler von allen möglichen Dingen, auch von Zeitungsausschnitten der Zeitereignisse. Er hat den Fall Sarakow darunter, in der Darstellung einer offiziösen italienischen Zeitung. Nach dem Berichterstatter, der immer aus einwandfreien Quellen schöpfen soll, liegt der traurige Fall ganz klar. Es ist nicht der Schatten eines Zweifels, daß jenes unselige Dekret die Ursache der Tragödie war.«

»Das – das ist ja sehr interessant«, murmelte Olga Petrowna. »Ja, so etwas erfährt man wirklich bei uns zu Lande nicht. Es wird dich in gewissem Sinne beruhigen, ein Motiv für die – die Tragödie kennengelernt zu haben.«

»Das hat es. Weißt du, der alte Jlgow war auch solch Zeitungsausschnittsammler, und wir haben oft über ihn gelacht. Diese Passion hat doch ihr Gutes, wie man sieht. Ich habe Don Orso dafür gepriesen, denn es ist schrecklich, so im Dunkeln tappen zu müssen.«

»Ja, das ist schrecklich«, bestätigte Olga Petrowna heiser. »Dieser Don Orso ist überhaupt ein Tausendsassa! Ich freue mich schon auf seine nähere Bekanntschaft, obschon ich sagen muß, daß ich es nicht gerade taktvoll finde, die traurige Geschichte, die du kaum verwunden hast, zum Gesprächs- und Unterhaltungsstoff mit dir – ausgerechnet mit dir, zu wählen.«

»Ach, weißt du, Olguschka, die Grenze, wo der Takt anfängt, und wo er aufhört, ist ebenso individuell wie das Gefühl, das die Grenze zieht«, erwiderte Zoe fein, und Fräulein Vareskoi senkte den Kopf.

»Ist es indiskret, nach deinen Motiven zu fragen, die dich veranlassen, dich hier zu vermählen statt von deinem Hause aus?« sagte Olga Petrowna nach einer kleinen Pause.

»Nenn es Kaprize, wenn du willst«, erwiderte Zoe lächelnd.

»Es wäre zum ersten Male, daß du eine hättest.«

»Ja, wahrscheinlich. Aber was willst du? Die Menschen sind aus Unvollkommenheiten zusammengesetzt, und der Beste unter uns erliegt einmal der Schwäche, gegen die er zumeist ankämpft. Ich kann nicht anders. Ich habe dagegen gekämpft, aber es ist stärker als ich.«

»Und Fürst Torcelli? Was sagt er dazu?«

»Offen gesagt –: er hat große Augen gemacht. Und Donna Fabiola noch größere. Die größten aber machte die englisch-italienische Cousine mit den vielen Titeln. Aber das ist ein liebes Wesen, diese Daphne. Wenn ich an der Stelle meines Verlobten gewesen wäre, um keine andere hätte ich geworben, als um sie – zum Glück für mich aber dachte er nicht daran ... also, die süße Daphne hatte schließlich einen sehr hübschen Gedanken. Sie sagte: wenn Könige oder Thronfolger sich vermählen, müßte die Braut dazu immer nach der Residenz kommen, also wär es ganz gerechtfertigt, wenn unsere Hochzeit in Venedig stattfände, da jeder Principe Torcelli gewissermaßen Thronfolge der Dogenwürde wäre, obschon die Republik zu sein aufgehört hätte . .. Das war hübsch gesagt, nicht?«

»Hm! Man könnte es auch als eine maßlose Arroganz auffassen«, machte Olga Petrowna achselzuckend. »Übrigens ist diese blonde Cousine mit den vielen Titeln wirklich gefährlich hübsch ... vielleicht mehr pikant als direkt schön durch den Gegensatz ihrer hellen Haare mit den dunklen Augen. Diese Augen können, glaube ich, unbequem werden – sie spiegeln bis zum Grunde wider, was sie sehen, wie die Augen der Kinder. Bleibt die Principessa Corleone auch als eiserner Bestand in der Ca' Torcelli?«

»O nein – sie geht mit Donna Fabiola und Donna Laura nächsten Monat nach Rom in ihren Palazzo. Es bleibt nur Don Orso in der Ca' Torcelli zurück.«

»So so! Nun, es wir für dich angenehmer sein, die Regierung ohne eine Schar weiblicher Anverwandter anzutreten. Ist ein Termin für die Hochzeit festgesetzt?«

»Ja – wir wollen uns Mitte Oktober vermählen. Also in zirka vier Wochen. Und darum, Olguschka, wäre es unendlich lieb und freundlich von dir, wenn du jetzt nach Petersburg reistest, dort alles für mich zu ordnen –«

»Und dann dich hier installieren zu helfen. Aber mit tausend Freuden, Zoe mein Herz! Und die Hochzeitsreise –«

»Geht nicht weit, Olguschka! Nur – bis zur Malinconica!«

»Herr, du meine Güte! Hat man es schon erlebt, daß ein junges Ehepaar sich seine künftige Gruft zum Ziel der Hochzeitsreise aussucht?« – Olga Petrowna war ehrlich entsetzt.

»Auf dem Landgut des Fürsten Sarakow liegt das Mausoleum auch im Park. Vielleicht ein bißchen weiter vom Schloß, weil der Park größer ist«, erwiderte Zoe mit leisem Lächeln. »Donna Fabiola hat mir die Malinconica mit Wonne abgetreten, und morgen fahre ich mit Angelo –dem Prinzen Torcelli, hinaus, begleitet von dem Chef des großen Möbelhauses an der Merceria, um die Einrichtung zu ergänzen oder überhaupt erst zu machen. Man müßte die Sessel mit grünem Brokat beziehen und für das Empirebett Vorhänge von Silberbrokat nehmen. Und mit einem in die Ferne gerichteten Blick setzte Zoe leise, wie für sich, hinzu: »Nein, ich sah den Katafalk mit Weiß bedeckt... nur die Wände waren schwarz verhangen ...

»Zoe«, rief Olga Petrowna scharf, »du willst doch nicht gar in dem Zimmer schlafen, in dem du das Bett als Katafalk zu sehen vermeint hast? Ich weiß ja, es war eine Phantasie, eine Dichteridee zu einer Ballade, aber trotzdem –!«

»Willst? Ich werde dort schlafen, Olguschka!«

»Ah! Jeder, wie er will«, meinte Olga Petrowna achselzuckend. »Mich würde die Malinconica nicht verlocken, und an deiner Stelle ließe ich lieber die Möbel im Salotto der Ca' Torcelli neu überziehen, denn der Stuhl, auf dem ich saß, hatte ein großes Loch, und die Brokatdecke, die auf dem Sofa lag, war auch nichts als das Mäntelchen der christlichen Liebe, das den zerschlissenen Stoff zudecken mußte. Russische Goldrubel sind dafür wesentlich effektvoller.«

»Das war ungütig gesprochen, Olguschka«, erwiderte Zoe, indem sie sich erhob. »Die Eifersucht ist keine edle Leidenschaft. Ich meine, wir wären darüber einmal einig gewesen. Fürst Torcelli hätte vielleicht nur zu wollen brauchen, um seine Möbel mit englischen Guineen überziehen lassen zu können. Eine Guinee gilt mehr, wesentlich mehr als ein Goldrubel, nicht? Und wer weiß, ob jenes Gold nicht besser und begehrenswerter ist. Ich habe den Eindruck von ihm gewonnen, daß Geld ihn überhaupt nicht reizt. Mich auch nicht. Es öffnet viele Türen, es ist ein Sesam für sonst verschlossene Pforten, aber Glück wohnt selten dahinter.«

»Das sagen alle, welche Armut nie gekannt haben«, sagte Olga Petrowna bitter.

»Ich habe sie gekannt – in ihrer schlimmsten Form, der Abhängigkeit«, entgegnete Zoe. »Das Gnadenbrot, das mir, der Tochter des Verbannten, gegeben wurde, war recht bitter und recht karg und vom Teufel gesegnet. Es ist wahr, ich habe nicht zu hungern brauchen, aber man hat mich trotzdem ärmer gemacht als der Ärmsten eine, denn man hat mir – gottlob nicht für immer – den Glauben genommen an alles, was dem Menschen heilig ist und sein sollte. Es gab Jahre für mich, in denen ich sehr arm war. Das weiß ich erst jetzt, wo ich so reich geworden bin – hier in Venedig!« Sie nickte ihrer Freundin zu und trat in ihr Schlafzimmer, in das nur ihre Kammerfrau unangemeldet Zutritt hatte, und selbst Olga Petrowna nur, wenn sie von ihrer Freundin aufgefordert wurde. Dabei war es ihr, als wäre etwas zu Boden gefallen, was sie mehr fühlte als hörte, weil ein dicker Smyrnateppich den steinernen, unter dem Teppich noch mit Strohmatten geschützten Estrich bedeckte. Sie bückte sich, um nachzusehen, was es sein könnte, und fand die Brosche, die sie getragen hatte, am Boden mit zerbrochener Nadel.

Zoe Sarakow legte den zerbrochenen Schmuckgegenstand in eine Schale auf dem Toilettentisch und trat zu ihrem Juwelenkasten, um daraus ein anderes passendes Schmuckstück zu entnehmen. Fürst Sarakow hatte seiner jungen Frau für ihren Schmuck einen Kasten anfertigen lassen, den ein gewöhnlicher Koffer umschloß. Der Kasten war in der Form eines mit Perlmutter, Gold und Silber eingelegten sogenannten »Kabinetts« gearbeitet, eines Flügelschränkchens, das innen eine mit Samt verkleidete Stahlkammer war, deren Schloß nur der öffnen konnte, der das Geheimnis kannte. Dieses bestand zunächst darin, eine an der Zarge angebrachte Feder zu drücken, worauf eine oberhalb der Türen auf der Krönung befindliche, in Gold inkrustierte Sonnenscheibe, deren Strahlen mit Steinen eingelegt waren, aufsprang und ein im Kreise geordnetes Alphabet zeigte, in dessen Mitte ein beweglicher Zeiger war, mit dessen Spitze die Buchstaben berührt werden mußten, durch welche ein gewähltes Wort gebildet wurde. Jeder Buchstabe aber setzte einen Mechanismus zur Sicherung des Schlosses in Bewegung nach dem System der sogenannten diebessicheren Geldschränke; wer also das gewählte Wort nicht kannte, vermochte den Juwelenkasten nicht zu öffnen, den überdies eine sehr sinnreiche Einrichtung, die vielleicht für gewandte Diebe nicht unüberwindlich, jedenfalls aber sehr zeitraubend war, an jede beliebige Wand festklammerte.

In den beiden Fällen, in welchen Zoe nach ihrem eigenen Geständnis die Kassette einmal durch Olga Petrowna, das andere Mal durch ihre Kammerfrau hatte öffnen lassen, mußte sie natürlich das Wort nennen, auf welches der Mechanismus eingestellt war. Seitdem hatte keine andere Hand als die ihre mehr den Kasten geöffnet, und den Schlüssel, der in das Schloß eingeführt werden mußte, ehe das Werk in Bewegung gesetzt werden konnte, hing an einem feinen goldenen Kettchen unter dem Kleide um ihren Hals; eine Dublette dieses kleinen, flachen, nach dem Yale-System gearbeiteten, vielgezähnten Schlüssels befand sich im Depot des Bankhauses zu Petersburg, das die Geschäfte für das Haus Sarakow besorgte. Sollten beide Schlüssel verloren gehen, hätte der Kasten gesprengt werden müssen, da ein Dietrich nicht im Stande war, seine Stelle, selbst in der Hand des geübtesten Schlossers, zu vertreten.

Dieses so raffiniert gegen unbefugte Eingriffe gesicherte, äußerst hochelegante und kostbare Möbel stand auf einem soliden Tisch an der Wand. Zoe hatte es seit dem Abend im Palazzo Torcelli nicht mehr geöffnet und lächelte leise vor sich hin, als sie den Schlüssel in das Schlüsselschild, den Bart nach oben, steckte, die Sonnenscheibe sich öffnen ließ und den Finger auf den Zeiger legte, um das öffnende Wort mit zu formulieren. Sie lächelte, weil dieses Wort: »Angelo« hieß, unter dessen Schutz sie an jenem Abend die benutzten Juwelen wieder einschloß; sie hatte es gewählt in einem Impulse, als sie zwischen Hoffen und Fürchten schwankte, wie er das aufnehmen würde, was sie ihm zu sagen hatte, gewissermaßen als einen Talisman, als ein Symbol des Sesam, das die so lange und fest verschlossenen Schätze ihres Herzens, ihrer Seele geöffnet hatte. Und deshalb lächelte sie selig vor sich hin, als sie den Zeiger den Namen »Angelo« bilden ließ und jeder der berührten Buchstaben mit einem leisen, scharf schnappenden Laut einsprang, das Hindernis beseitigend, das die Flügeltüren an den sechs Punkten festklammerte. Je länger also das Wort, desto fester und besser die Sicherung, gerade wie wenn ein Dutzend Nägel in einen Kistendeckel geschlagen, ihn natürlich besser befestigen als vier.

Als Zoe nach dem »o« den Schlüssel nach links umdrehte, gingen die Türen des Schränkchens wie von selbst auf und zeigten eine Reihe Schubfächer, in denen die Juwelen auf seidenen oder samtenen Polstern aufbewahrt wurden. In der Mitte befand sich eine nischenartige Vertiefung zur Aufnahme der Etuis für Diademe, die sich in den Schüben nicht unterbringen ließen; ein köstlich gearbeitetes, vergoldetes Halbgitter schloß dieses Gelaß ab. Zoe konnte dies kleine Meisterwerk der Goldschmiedekunst nie ohne ein leises Gefühl des Widerwillens betrachten, denn zwischen den lanzenförmig auslaufenden Spitzen des Gitters waren jene beiden Schreiben eingeklemmt gewesen, die ihr die »Bruderschaft« auf diesem unbegreiflich geheimnisvollen Wege zugestellt; immer wenn sie seitdem den Kasten geöffnet, glaubte sie den dreieckig gefalteten Bogen mit dem schwarzen Siegel vor sich zu sehen, und mochte sie sich auch zehnmal sagen, daß die Form und das Siegel mit dem Totenkopf darauf nichts sei als ein plumper und billiger Apparat, um schwache Seelen in Furcht und Zittern zu versetzen, so mußte sie sich doch bekennen, daß auf sie diese »Mätzchen« seine Wirkung nicht ganz verfehlt hatte. Ein Jahr war vergangen, seit Zoe das zweite Schreiben auf diesem Wege erhalten; das dritte, nach dem Tode ihres Gatten war ja auf das seidene Kissen ihres Ruhebettes geheftet worden, das Jelisaweta noch kurz zuvor geordnet und leer gefunden hatte. Seitdem hatte die Bruderschaft sie weder durch ein Schreiben mehr belästigt noch auch ihre Drohung ausgeführt, die wie das Schwert des Damokles über ihrem Haupte hing, an das sie anfing sich zu gewöhnen, denn es ist eine ganz bekannte Tatsache, daß eine ständige oder lang andauernde Gefahr die Nerven abstumpft und das Furchtgefühl des Anfangs in Gleichgültigkeit umwandelt. Darum hatte sie auch jetzt schon einigemale den dreieckigen, schwarzgesiegelten Schrecken beim Beschauen des Schränkchens vergessen, und heute dachte sie erst recht nicht mehr daran, während ihre lächelnden Lippen das liebe Wort: »Angelo« wiederholten – um so jäher, furchtbarer, niederschmetternder war ihr Entsetzen, als sie die gefürchtete Botschaft heut wieder zwischen die Spitzen des goldenen Gitters geklemmt erblickte.

Sie glaubte erst, ihren Augen nicht zu trauen, und brauchte dann Minuten, die ihr wie Stunden vorkamen, ehe sie imstande war, die unter ihr zusammenbrechenden Knie durch den Willen zu ihrem Dienst zurückzuzwingen, um sie zu tragen wie vorher. Noch längerer Zeit bedurfte sie, ehe sie ihren Widerwillen und ihre Furcht soweit überwunden hatte, das ominöse Dreieck mit spitzen Fingern aus dem Gitter zu lösen. Wie lange hatte es schon darin gesteckt? Es war nicht da, als sie den Schrank öffnete, um den Schmuck herauszunehmen, den sie an dem Abend in der Ca' Torcelli trug; es war nicht da, als sie den Schmuck wieder zurücklegte; vier – fünf Tage waren seitdem vergangen. Und nun war es da. Wäre die Brosche nicht zerbrochen, es hätte noch länger ungefunden dort stecken können.

Die Hauptsache war: Der Feind war nach Venedig gefolgt, er war nicht in Rußland zurückgeblieben – sie war auch hier vor ihm nicht sicher. Wenn er Zutritt hatte in das Hotelzimmer, dessen Privatbesitz von zwei treuen Personen bewacht wurde, so würde er auch Eingang finden in der Ca' Torcelli, deren Pforte ebensowenig für jedermann offenstand wie die des Palais Sarakow in Petersburg. Aber diese Residenz galt für durchaus faul und infiziert durch die geheimen Verbände der Terroristen, die auch Eingang fanden im Zarenpalaste ... doch hier, in einem fremden Lande, das eine Konstitution hatte, von Freunden überschwemmt wurde ... Zoe Sarakow las keine italienischen Zeitungen, sonst wäre sie längst eines besseren belehrt worden, »daß die Rache der Bruderschaften« vor dem kunstheiligen Boden Italiens nicht zurückscheute und dunkle, mysteriöse, schreckliche Vorgänge, wie der in der Via Frattino in Rom, in den kein Strahl des Lichtes gefallen ist, zur Tagesordnung gehören.

»Hokuspokus!« sagte sie verächtlich, als sie auf das Siegel des Dreiecks in ihrer Hand herabschaute – schwarzes Papier in Gestalt eines Totenkopfes mit gekreuzten Beinen ausgestanzt. »Ekelhafter, erbärmlicher Hokuspokus!« wiederholte sie, indem sie das Dreieck mit kalten, bebenden Fingern auseinanderfaltete.

Das Blatt war wie die vorigen mit Schreibmaschine beschrieben, die dem Experten nichts verrät. Nur die Unterschrift unter »das Komitee« trug in roter Tinte ein eigentümliches Zeichen, das Zoe Sarakow kannte, denn sie hatte sich seiner auch einst mit dem süßen Schauer bedient, welchen der Jugend solche kabbalistischen Hieroglyphe durch die Adern jagt, ahnungslos, welche Kette es ihr werden kann, welche Schlinge um den Hals . ..

Der Brief aber lautete:

Das Komitee gibt Zoe Alexandrowna Sarakow kund und zu wissen, daß das über sie verhängte Todesurteil wegen Abtrünnigkeit und Ungehorsam keineswegs aufgehoben ist, sondern in Kraft besteht, bis das Komitee es für gut finden wird, es zu vollstrecken. –

Wenn dies bisher noch nicht geschah, nachdem der erste Versuch ihren Gatten irrtümlicherweise niedergestreckt, so war dem Komitee die Erwägung maßgebend, daß einer irrenden Schwester noch eine letzte Chance geboten werden durfte, die darin besteht, durch einen ihre Schuld überwiegenden Dienst die Möglichkeit zu gewinnen, sich vor der Bruderschaft derart zu rehabilitieren, daß durch Abstimmung vielleicht eine Annulierung der Strafe zu erreichen wäre. Das Komitee geht dabei von der Ansicht aus, daß die Verurteilte, Zoe Alexandrowna Sarakow, nicht aus Rachsucht oder Feigheit abtrünnig wurde, sondern aus Unwissenheit.

Worin die Dienstleistung besteht, behält das Komitee sich vor, der Verurteilten, aber zur Begnadigung Empfohlenen auf diesem oder anderem Wege nach Ermessen mitzuteilen.

Gegen die zweite Verehelichung Zoe Alexandrowna Sarakows mit dem venezianischen Patrizier Angelo Torcelli hat das Komitee an sich nichts einzuwenden, aber an dem Tage, an welchem Angelo Torcelli von ihr eine Andeutung, geschweige denn ein volles Bekenntnis über ihre Zugehörigkeit zu der Bruderschaft erhält, ist dieser von ihr erwählte zweite Gatte ein toter Mann.

Das Komitee erwartet von Zoe Alexandrowna Sarakow eine schriftliche Erklärung an Eides Statt, daß eine solche halbe oder ganze Mitteilung weder erfolgt ist noch erfolgen wird. Ein Ausbleiben dieser Erklärung wird als Bekenntnis ihrer Schuld betrachtet und demgemäß geahndet. Das erwartete Schriftstück soll an der Stelle niedergelegt werden, an welcher Zoe Alexandrowna Sarakow dieses Schreiben gefunden hat.

Gez.: Das Komitee.

 

Zoe Sarakow hatte nach Lesung dieser Zeilen zunächst das Gefühl, als wäre sie zu Eis erstarrt, dann aber ergoß sich wie ein Feuerstrom eine fast sinnlose Angst über sie – nicht um sich selbst, nicht, weil sie noch unter dem Todesurteil der Bruderschaft stand, sondern weil sie durch ihre Loyalität den Mann, den sie liebte, dem Tode geweiht hatte, was sie verhindern wollte. Ihn einer Gefahr auszusetzen, welcher er erliegen konnte wie Fürst Sarakow, das gerade hatte sie durch die Offenheit erreicht: Angelo Torcelli, an dem sie mit Leib und Seele, mit Herz und Gemüt hing, den sie mit der ganzen Kraft der ersten, heiligen Liebe liebte – er war ein toter Mann! Und durch sie! Der scharfe, furchtbare Schmerz, der bei diesem Gedanken durch ihre Seele ging, war dermaßen stark, daß er sie gewissermaßen zur Besinnung zurückpeitschte. Sie glättete das in ihrer Hand zusammengeknüllte Papier und las es noch einmal durch, und was ihr in der ersten Aufregung entgangen war, das wurde ihr jetzt zum rettenden Balken: Das allwissende »Komitee« war einmal wenigstens getäuscht worden, es wußte nicht, was sie Angelo Torcelli bekannt hatte, daß sie mit ihm im Kreuzgange von St. Stefano eine Zusammenkunft gehabt!

Zoe atmete auf wie befreit, im nächsten Moment aber erlag sie der Reaktion des Sturmes, der ihre Seele bis zum Grunde erschüttert hatte – sie sank vor der juwelenstrahlenden Ikone in die Knie und brach in einen Strom von Tränen aus – eine Erleichterung, welche die Natur ihr bisher versagt hatte. Es war wie eine Rettung für sie, denn der erlösende Strom schwemmte den Bann der sinnlosen Angst aus ihrer Seele und öffnete ihren Verstand einer ruhigen Überlegung.

Angelo Torcelli mußte gerettet werden, gerettet um jeden Preis. Zoe fühlte zum ersten Mal, daß man mit Begeisterung in den Tod gehen kann für die, welche man liebt. Die Verwöhnung, mag sie nun durch Menschen groß gezogen werden oder durch die Verhältnisse des Lebens, erzeugt auch bei den bestveranlagtesten Naturen einen gewissen Grad von Egoismus, den nur ein reines Empfinden, die selbstlose Liebe, welcher der Apostel Paulus in seinem Korintherbriefe ein unsterbliches Denkmal gesetzt hat, voll zu überwinden vermag. Es kommt für jedes Menschenherz einmal mindestens im Leben die erhabene Stunde, in welcher es die Probe zu bestehen hat, ob die Liebe, zu der es erwacht ist, auch die rechte, alles überwindende ist und besteht sie die Probe, so richtet sie das noch so tiefgebeugte Herz wunderbar auf und führt es zu der siegreichen Höhe jener Begeisterung, aus welcher die vielen, vielen ungenannten, unbekannten Märtyrer erstehen, die der Kalender nicht nennt.

Als Zoe sich von den Knien erhob, die eben vergossenen Tränen noch auf den zarten Wangen, da war auch nicht eine Spur von Selbstsucht mehr in ihr, nicht ein Gedanke galt mehr ihrer Person, ihrem wahrscheinlich unabwendbaren Schicksal – sie wußte nur, daß sie Angelo Torcelli retten mußte um den Preis ihres Lebens oder ihrer Seele. Zunächst mußte sie die letztere opfern –sie mußte lügen. Ihre zarte Jugend war in der Lehre aufgezogen worden, daß die Lüge eine schwere Sünde sei; in den Jahren, in welchen der Charakter sich entwickelt, hatte die gewissenlose Bruderschaft ihr den überwundenen Standpunkt dieser veralteten Lehre gepredigt und die Lüge als die einzig richtige Waffe im Kampfe ums Dasein erklärt. Mit der Jugendlehre geht es aber wie mit gewissen Pflanzen: Man kann das Erdreich, in welchem sie einmal Wurzeln gefaßt hat, umgraben und wieder umgraben, mit ungelöschtem Kalk bestreuen und mit Säuren ätzen, und siehe da! sie sproßt doch wieder, kümmerlich und verkrüppelt vielleicht, aber dennoch aus irgendeiner unberührt gebliebenen Scholle heraus und drängt zu dem Lichte, dem ihr Same entstammt. So war es auch Zoe Sarakow ergangen – die Liebe zur Wahrheit hatte in ihr gesiegt, und sie verabscheute die Lüge nicht nur als Sünde, sondern auch als Feigheit und Niederträchtigkeit. Und nun stand die Lüge, die nackte, zweifellose Lüge vor ihr als eine Notwendigkeit, als eine Sühne für ihre Schuld.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, nahm die Feder und schrieb mit ihren großen, festen Zügen ohne Zögern, ohne abzusetzen, was keine Todesdrohung gegen ihre eigene Person bisher vermocht hatte. Es war zum ersten Mal, daß sie eine »Botschaft« des »Komitees« beantwortete.

Die Bruderschaft weiß sehr genau und hat es in meiner Austrittserklärung schriftlich von mir erhalten, daß ich mich in Bezug auf das unverbrüchliche Stillschweigen über alles, was die Bruderschaft betrifft, für eidlich gebunden erachte. Die darüber hinaus geforderte besondere Erklärung ist mir deshalb ebenso unverständlich wie sie überflüssig ist. Ich wiederhole sie auch nur deshalb, weil ich gleichzeitig meinem Befremden darüber Ausdruck geben möchte, daß die Bruderschaft immer noch meine Austrittserklärung aus ihrem Verbande zu ignorieren beliebt. Ich wiederhole es: ich sage mich freiwillig und für immer von der Bruderschaft und ihren Zielen los, betrachte mich aber in Bezug auf das Stillschweigen über ihre Existenz und alles, was ich über sie und durch sie erfahren habe und weiß, eidlich für verpflichtet.

Über meine sogenannte »Verurteilung« verliere ich kein Wort, geschweige denn bitte ich um Gnade. Ich hoffe, daß man eine derartige Unwürdigkeit von der Tochter des Generals Berdischeff auch nicht erwartet, der mit dem Rufe: »Für Gott und den Zaren« in die unverdiente Verbannung ging. Der Tod aber ist nicht einmal eine solche, sondern die Pforte zur Heimat.

Zoe Alexandrowna Sarakow.

 

Als sie glühend von der Begeisterung für das Ziel, für das sie die Sünde und Unwürdigkeit der Lüge auf sich lud, wieder vor ihren Schmuckschrein trat, da packte ein ungeheuerer Ekel sie vor der schleichenden Post, die sich durch's Schlüsselloch bei ihr eindrängte und aus dem Hinterhalt ihre giftigen Pfeile auf sie abschoß. Freilich, was war zu erwarten von einer Vereinigung, deren Ziel nichts war als der feige Mord, die Zerstörung und der Umsturz.

Wie aber war es möglich in diesen Kasten zu dringen, den nicht nur dieser eine Schlüssel und die Kenntnis des Mechanismus, sondern hauptsächlich die Kenntnis des Wortes öffnete, auf das er eingestellt war? Wie, im Namen alles Wunderbaren, konnte man wissen, welches Wort sie wählen würde? Wenn schon ein Taschenspielerkunststückchen dabei in Anwendung kam, durch wessen Hand wurde es ausgeführt? Wer war der Helfershelfer? Zoe war von der Integrität Jelisawetas und Iwans vollkommen überzeugt, weil Fürst Sarakow es auch gewesen war; er, dessen Beruf als Diplomat es mit sich brachte, jedermann zu mißtrauen, er hatte diese beiden für zuverlässig, unbestechlich und unwandelbar treu befunden. Sie waren auch nicht aufgelesen, keine »Mietlinge« im Sinne dieses Wortes, sondern durch Jugendbande mit dem Fürsten verknüpft, denn Jelisaweta war seine Milchschwester und Iwan, der Sohn von seines Vaters Kammerdiener, war der Gespiele seiner Kindheit gewesen, hatte den Elementarunterricht mit ihm geteilt, war ihm als Diener aufs Gymnasium, die Universität, auf die verschiedenen Etappen seiner diplomatischen Laufbahn gefolgt und diente nun der Witwe seines Herrn. Zoe wußte, wenn sie Jelisaweta den Befehl gab, den Juwelenschrein nicht aus den Augen zu lassen, daß sie dann davor sitzen blieb wie eine Schildwache; aber dann konnte, wer immer es auch war, nicht zu ihrer Antwort an das »Komitee« gelangen, soviel stand fest. Durch Zauberei war der Brief aus dem Kasten nicht zu locken, es mußte also eine Person von Fleisch und Blut erscheinen, um das an sich scheinbar Unmögliche durch irgendein Mittel zu erreichen. Wer war diese Person? Zoe wollte dem unsichtbaren Feind das Handwerk legen, sobald er und zum letzten Mal, wie sie sich schwor, in dieses unzugängliche Gelaß eingedrungen war, sich seine Antwort zu holen.

Sie steckte also den Brief in das Gitter, schloß den Schrein und stellte ihn auf das Wort: »Petersburg«.

Kaum war sie darauf wieder an ihren Schreibtisch getreten und hatte den Brief des Komitees in ein Schubfach getan, als es an ihre Tür klopfte, und ehe sie »herein« sagen konnte, erschien Olga Petrowna in der Tür.

»Verzeih, wenn ich störe«, sagte sie, »aber mir ist wegen unserer Verabredung ein Gedanke gekommen. Ja, was ist dir, mein Herz?« unterbrach sie sich, »du siehst erhitzt aus und – ja, und verstört! Hast du schlechte Nachrichten erhalten? Du hast geweint, mein armer Liebling.«

»Krokodilstränen. Ich glaube, ich bekomme den Schnupfen«, erwiderte Zoe, die ein vages Gefühl, dessen sie sich nur halb klar war, auch zu dieser Unwahrheit trieb. Weniger, weil sie sich vor ihrer Freundin ihrer Bewegung schämte, als weil sie das unklare Bedürfnis hatte, sie vor ihr zu verbergen. »Ich werde mich zeitig zu Bett legen und Zitronenlimonade trinken.«

»Ja, tue das«, stimmte Olga Petrowna mit einem scharfen Blick auf das Gesicht ihrer Freundin bei, das noch Spuren der eben durchgekämpften und noch in allen ihren Gliedern vibrierenden seelischen Erregung zeigte. »Es war gewiß kalt in den unbewohnten Räumen der Ca' Torcelli und du bist leicht angezogen ... also zu meinem Gedanken. Wenn ich nach Petersburg zurückkehren und für dich dort alle Geschäfte und das Packen erledigen soll, so muß ich eine Vollmacht dazu haben, die mir dein Sachwalter ausstellen muß. Du mußt dem Mann also schreiben und den Brief mir am besten heut gleich vorausschicken.

»Gut, ich werde heute noch schreiben«, erwiderte Zoe. »Ungefähr so: Ich übertrage Fräulein Olga Petrowna Vareskoi das Recht oder die Vollmacht oder den Auftrag –«

»Wenn es dir recht ist, diktiere ich dir den Wortlaut«, fiel Olga Petrowna ein.

»Das ist sehr freundlich von dir, Olguschka; ich brauche dann nicht selbst zu denken mit meinem schnupfenbenommenen Kopfe«, sagte Zoe mit einem kleinen Seufzer. Sie wäre lieber jetzt allein geblieben, aber sie sah ein, daß Olga Petrowna recht hatte, weil sie Bescheid wußte mit diesen Dingen, und je eher diese Sache erledigt wurde, um so besser für den glatten Verlauf dessen, was getan werden mußte zur Erledigung des Abbruchs ihrer Zelte in der alten Heimat. Sie war nun eigentlich zwecklos geworden, diese Flucht, und Zoe überlegte, ob es nicht besser wäre, die Grenze des Hergebrachten lieber doch nicht zu überschreiten, um den Geliebten zu einem vielleicht nur kurzen Glücke in der orthodoxen Weise an der Schwelle ihres eigenen Hauses zu erwarten und ihm, wie üblich, vom Traualtar unter sein Dach zu folgen. Aber das bedeutete eine Trennung von Wochen vielleicht; und wenn sie auch nur Tage bedeutet hätte, so waren diese viel zu kostbar, als daß sie es über sich vermocht hätte, sie dem Moloch des Brauches zu opfern. Ihre Abneigung vor dem blutgetränkten Boden der Heimat und ihre heiße, hungrige Sehnsucht, von der unmittelbaren Nähe des geliebten Mannes keinen Tag, keine Stunde zu verlieren, entschied. Sie setzte sich an den Schreibtisch, der so ans Fenster gerückt war, daß sie dem Zimmer den Rücken zuwendete und sagte: »Fang an, Olguschka, ich bin bereit.«

Und Olga Petrowna diktierte, indem sie im Zimmer auf- und abging und zuweilen da und dort stehenblieb. Das Diktat war lang, aber präzis und erschöpfend, wie es für den Geschäftsgang erforderlich war und Zoe schrieb es nach, die Gedanken anderswo. Dabei hörte sie die hin- und hergehenden Schritte ihrer Freundin wie ein Nebengeräusch. Einmal gab es einen scharf metallischen Ton, der wie ein drei-viermaliges »Klick-klick! Klick-klick« klang und so deutlich war, daß sie sich unwillkürlich umdrehte – auch eine jener rein mechanischen Bewegungen, die keine Erwartung, kein Mißtrauen, kein Verdacht zu einer voll beabsichtigten macht, sondern in denen das Ohr mit halbem Bewußtsein den Körper zu einer einfachen Muskelbewegung veranlaßt. Zoe sah ihre Freundin vor dem Schmuckschranke stehen, die Linke auf dem Rücken und mit dem Zeigefinger der Rechten, das eingelegte Muster auf einer der Flügeltüren nachziehen. Sie war in diese gleichfalls rein mechanische Beschäftigung so vertieft, daß sie es gar nicht bemerkte, daß Zoe sich umgewendet hatte und gleich darauf den Kopf wieder über ihr Briefblatt beugte.

»Noch mehr, Olguschka?« fragte sie müde, als Olga Petrowna einen neuen Satz begann.

»Nur noch wegen der etwaigen Ausfuhr-Bedenken, Herz. Besser, man gibt gleich die notwendigen Erklärungen als daß der Mann noch einmal darum schreiben muß. Ein paar Worte, aber inhaltsschwer und zeitsparend.«

Und Zoe schrieb die paar Worte, die eine Oktavseite füllten. Mitten darin machte das »Klick-klick! Klick-klick!« von vorhin sie wieder aufhorchen und diesmal wandte sie sich aufmerksamer um. Olga Petrowna stand mit dem Rücken gegen den Schmuckschrein, den Blick auf den Plafond gerichtet, als holte sie sich von den gemalten und vergoldeten Balken desselben ihre Inspiration.

»Was war das?« fragte Zoe, vage beunruhigt.

»Was?« fragte Olga Petrowna erstaunt zurück.

»Das Geräusch – klick-klick!«

»Ja? Wo? Hier im Zimmer? Das müßte ich doch auch gehört haben. Es wird draußen gewesen sein.«

Olga Petrowna schien der Sache gar keine Bedeutung beizulegen, sondern diktierte ruhig den abgebrochenen Satz zu Ende und ging dann mit einem: »Also auf Wiedersehen beim Diner, Herz –« nach dem Salon hinaus.

Als sich Zoe zum Diner fertig machte, bemerkte sie vor dem Spiegel, daß sie über ihrem Schrecken vergessen hatte, die Brosche aus dem Schmuckschrank zu nehmen. Sie öffnete also nochmal den Schrein auf das lange und umständliche Wort »Petersburg«. Die Flügeltüren flogen auf und Zoe hätte fast einen Schrei ausgestoßen: ihr Brief, die Antwort an das »Komitee«, die sie vor einer halben Stunde hineingetan, war daraus verschwunden!

Und sie hatte das Zimmer nicht für einen Moment verlassen, das Unmögliche war in ihrer Gegenwart geschehen, kein Mensch hatte ihres Wissens den Raum betreten – Olga Petrowna!

Heiß schoß Zoe das Blut bei diesem Namen ins Gesicht; im nächsten Augenblicke schon verwarf sie aber den Gedanken als eine Unmöglichkeit. Um den Schrank zu öffnen, bedurfte es immer einer gewissen Zeit und Umständlichkeit. Gesetzt also, daß jemand einen Nachschlüssel hatte und das Wort kannte, so wäre er nicht imstande gewesen, den Schrank so rasch zu öffnen und wieder zu schließen, daß seine Besitzerin auch mit abgewendetem Gesicht es nicht bemerkt hätte; außerdem war die Chance, daß sie abgewendet blieb, sehr gering. Wer aber auch immer seine Hand im Spiele hatte, die Tatsache blieb, daß der Brief aus dem verschlossenen, mit einer langen, umständlichen, nur Zoe bekannten Formel unzugänglich gemachten Kasten in ihrer Gegenwart bei Tageslicht spurlos verschwunden war und ein kalter, abergläubischer Schauer kroch ihr durch die Glieder. Das ging nicht mit rechten Dingen zu, und wenn schon, dann besaßen diese Dämonen in Menschengestalt Mittel und Wege, die der Teufel ihnen segnete.

Zoe fühlte auf einmal, wie ihre Nerven nachgeben wollten, wie die Lust sie überkam, einen Schrei um den anderen auszustoßen, damit das ganze Hotel zusammenlief, um sie vor diesem verkappten Feinde zu retten; aber während sie mit beiden Händen ihren Kopf faßte und sich zu sammeln suchte, trat Jelisaweta in das Zimmer.

»Mütterchen«, begann sie noch in der Tür, »Seine Durchlaucht, der Principe, ist gekommen und fragt, ob du ihn noch empfangen könntest.«

»Angelo!« es kam wie eine Befreiung von ihren Lippen, der Bann wich, der liebe, liebe Name hatte sie vor etwas Schrecklichem gerettet. Mit fliegenden Händen nahm sie die erste Brosche aus dem Schrein, schloß ihn, um es nur rasch zu machen, auf die Buchstaben »A. T.« und lief wie gejagt in den Salon, wo Angelo Torcelli inzwischen eingetreten war. Und als sie ihn sah, schien er ihr wie der Fels in dem Meer, das sie zu ertränken drohte, wie die Zuflucht aus einem Gewimmel von Dämonen zum ersten Male seit sie ihn kannte, warf sie sich ihm an die Brust und schlang die Arme um seinen Hals.

»Angelo! Angelo! Gottlob, daß du da bist«, stammelte sie. Er schlang seinen Arm um die schlanke Gestalt und berührte das brennende Gesicht, das an seiner Brust lag, leicht und ehrerbietig wie ein Heiligenbild mit den Lippen.

»Brauchst du mich, Zoe?« fragte er freundlich. »Es sind noch keine zwei Stunden, daß du die Ca' Torcelli verlassen hast, und schon bin ich dir wieder unter den Augen. Ich kam noch einmal wegen unserer Partie nach der Malinconica. Meine Mutter meinte –«

»Ja ja, wir besprechen das alles noch«, unterbrach sie ihn, ohne ihre Arme von seinem Hals zu lösen. »Nur diesen Moment – es hat mich etwas außer Fassung gebracht – bleib zum Essen bei mir, Angelo! Wenn du da bist, ist alles wieder gut. Wir schicken nach der Ca' Torcelli und lassen sagen, daß du hierbleibst – ich will auch eine Zeile an deine Mutter schreiben. Nur bleib hier, tu mir die Liebe –«

»Aber sicherlich, Zoe, es bedarf nicht dieser Beschwörungen. Du brauchst nur zu sagen bleib und ich bleibe. Sehr gern! Aber sage mir, was –«

»Nichts. Kein Wort, kein Laut, Angelo! Die Wände haben hier Ohren!« flüsterte sie ihm zu. »Und kein Wort vor Olga Petrowna, ich bitte dich darum! Sie – sie plagt mich mit ihrer Fürsorge. Und dann – oh, da ist sie!« Sie war's. Sie glitt durch die Tür aus dem Speisezimmer in den Salon und fuhr mit einem lächelnden »Pardon« zurück beim Anblick des sich umschlungen haltenden Paares, das sofort eine korrekte Haltung annahm.

»Denk nur, welch reizende Überraschung für mich, Olguschka!« rief Zoe mit fieberhafter Heiterkeit. »Mein Verlobter ist gekommen, um mit uns zu dinieren! Würdest du so gut sein, Iwan zu sagen, daß er noch ein Gedeck auflegt?«

*

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