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Der Maskenball in der Ca' Torcelli

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Der Maskenball in der Ca' Torcelli - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleDer Maskenball in der Ca' Torcelli
publisherMeister verlag Rosenheim
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderChristine Weber
created20140410
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Iwan hatte auf seinem Posten im Korridor nicht allzulange zu warten, bis er dem Principe Torcelli die Tür öffnen und ihn, wie es sich gebührte, an seine Gondel geleiten konnte; im Salon aber stand Zoe auf der Stelle, an der er Abschied von ihr genommen hatte, noch lange still und sah mit seligem Lächeln herab auf ihre Linke, an deren schlankem, weißem Ringfinger ein seltsamer alter Ring funkelte, mit dem Angelo Torcelli sich ihr verlobt: ein Jahrhunderte altes Erbstück, das die Bräute der Torcelli von der Verlobung bis an den Traualtar trugen; den goldenen Reif des Ringes schmückte eine heraldische Lilie von tafelförmig geschliffenen Diamanten, und auf ihr ruhte, wie ein roter Blutstropfen, ein Herzlein von Rubin ...

Die Glocken der Salute, die über dem Kanal das »Ave« zu läuten begannen, weckten sie auf aus ihrem seligen Traume von einem für unmöglich gehaltenen Glück. Sie strich mit der Hand über die Stirn, die seine Lippen berührt hatten, wie man eine Reliquie küßt, nicht wie eine jubelnd errungene Braut, aber es genügte ihr, weil sie es nicht anders kannte und heiße Leidenschaft ihr Furcht einflößte und sie abstieß.

Das wunderselige Lächeln auf dem lieblichen Munde, strahlendes Glück in den Augen, trat sie in das Zimmer von Olga Petrowna.

»Ich komme, dich aus deiner Verbannung zu erlösen«, sagte sie herzlich. »Es tut mir leid, dich hereingeschickt zu haben, aber – aber es gibt Momente, wo man seine besten Freunde nicht brauchen kann. Dafür sollst du aber die erste sein, die mir Glück wünscht, denn ich habe mich mit Angelo Torcelli verlobt.«

Olga Petrowna, die sich bei Zoes Eintritt erhoben hatte, mußte sich wieder setzen. Ihr grauer Teint nahm einen fahlen Ton an, und um ihren Mund grub sich ein alter Zug.

»Ist das ein Scherz?« fragte sie mühsam.

»Oh – aber –! Kann man mit solchen Dingen scherzen?« rief Zoe vorwurfsvoll. »Nein«, setzte sie strahlend hinzu, »es ist nicht einmal ein Traum, sondern eine wunderbare Tatsache. Ach Olga – ich bin ganz unbeschreiblich glücklich.«

»Und Fürst Sarakow ist noch kein Jahr tot.«

»Du sagst das in einem Tone, als ob ich seinem Andenken ein Unrecht damit antäte«, rief Zoe verwundert. »Wenn es wahr ist, daß die Toten auf uns herabsehen, dann ist er es sicherlich, welcher sich meines Glückes freut und mich segnet, denn er war hier im Leben sehr gütig zu mir und versteht jetzt alles besser als hinieden schon. Zudem hat er nicht gewollt, daß ich allein bleibe, wenn er von mir schiede. Er hat es mir selbst gesagt.«

»Tat er das? In der Tat«, nickte Olga Petrowna, »man lernt nie aus. Ich habe dich für eine Frau gehalten, um die zu werben nicht leicht wäre, und siehe da! Es erscheint nach zwei-, dreimaliger Begegnung unter Austausch von einem halben Schock von Gemeinplätzen ein Ritter, dem die Burg über dem Kopfe zusammenzufallen droht, wirft mit Tiraden nach berühmten Mustern um sich, und du sinkst ihm hingerissen an die Brust. Es ist eigentlich zum Lachen!«

Zoe war unter diesen Worten tief verletzt zurückgetreten, aber sie nahm sich zusammen.

»Es ist wirklich zum Lachen – wie wenig du mich kennst!« sagte sie sanft und freundlich, ja mit einem gewissen Mitleid. »Oder vielleicht weißt du's nicht, daß eine Zuneigung, daß die Liebe zwischen zwei für einander bestimmten Menschen in dem Augenblick ihrer ersten Begegnung wie ein elektrischer Funken zündend von Herz zu Herzen springt? Doch das ist ein Geheimnis, das freilich nur die Beteiligten ergründen ... Du dürftest mir schon vertrauen, daß ich nicht ohne tiefe, gründliche Prüfung meiner selbst einen solchen Schritt tun, nicht auf das erste Wort das entscheidende Ja sprechen würde.«

»So hast du mit dem Principe korrespondiert?« rief Olga Petrowna erregt.

»Auf welchem Wege wir uns auch verständigt haben – wir sind einig miteinander geworden«, entgegnete Zoe mit unveränderter Freundlichkeit, doch ihr Blick und ihr Ton zogen ihrem Vertrauen jene feine, aber feste Grenze, die selbst der intimste Freund auf seine eigene Gefahr hin zu respektieren hat. Über Olga Petrownas Züge flog wieder das fahle Rot, das eine sensitive Natur verriet, welche gegen ihr besseres Empfinden Grenzen überschreiten muß. Ob es nun das war, ob ein anderer Grund sie trieb, – sie sprang auf und streckte ihrer Freundin beide Hände entgegen.

»Ich bin ein Ungetüm, ein dummes, auf deine Liebe eifersüchtiges Ungeheuer«, rief sie stürmisch, sich überstürzend. »Du mußt mich tüchtig moralisch schütteln, das wäre mir schon gesund. Natürlich gratuliere ich dir von Herzen. Der Principe ist solch ein gediegener, kluger Mann – ich kann es ja so gut verstehen, daß dein Herz sich zu ihm hingezogen fühlt – Du mußt alles vergessen, was ich gesagt habe in meiner Furcht, du könntest mir verloren gehen – – es war niederträchtiger, gemeiner Egoismus von mir, mit dem ich dich Ärmste bis aufs Blut gepeinigt habe. Aber du bist zu gut, mir etwas nachzutragen! Alles verstehen heißt alles vergeben, nicht wahr?«

»Ja ja, Olguschka – es bleibt alles beim alten zwischen uns«, rief Zoe, schnell versöhnt. Aber es blieb doch das Restgefühl einer Enttäuschung in ihr zurück.

*

Als Angelo Torcelli nach seinem Verlöbnis mit Zoe Sarakow in seinen Palazzo zurückkehrte, wurde ihm gesagt, daß seine Mutter ihn in ihrem Boudoir erwartete. Diese Einladungen pflegten immer die Einleitung zu irgendeiner mit großer Heftigkeit geführten einseitigen Polemik zu sein, wenn Donna Fabiola etwas durchzusetzen wünschte, von dem sie wußte, daß sie es eigentlich nicht durfte. Angelo empfing die Botschaft daher auch ohne allzugroßen Enthusiasmus, da er seiner Mutter aber sowieso die Nachricht seiner Verlobung überbringen wollte, so kam es auf eins heraus.

Donna Fabiola schien ihn mit Ungeduld erwartet zu haben.

»Wo bleibst du denn so lange, Angelo?« kam sie ihm entgegen. »Du hast ein Talent, abwesend zu sein, wenn man mit dir zu reden hat, das wirklich erstaunlich ist. Du hättest auch so viel Rücksicht nehmen können, mich wissen zu lassen, daß du die Gondel benutzen wolltest, denn als ich sie haben wollte, mußte ich mit langer Nase abziehen. Glaubst du, daß es angenehm ist?«

»Pardon Mama, – ich hätte dich fragen sollen, ob du die Gondel brauchst«, fiel Angelo Torcelli ein, der die Unterlassungssünde allerdings mit vollem Bewußtsein begangen hatte, um langen Fragen nach dem »Wohin?« auszuweichen. »Ich hatte verstanden, daß du mit Daphne einen Ausflug in ihrem Segelboot machen wolltest –«

»Segelboote machen mich nervös! Warum haben wir noch kein Motorboot? Alle Welt schafft sich eines an, aber wir Torcelli sind in allem zurück ... Doch davon wollte ich nicht reden. Daphne ist allein gesegelt – bis es einmal ein Unglück geben wird.«

»Bewahre, Mama! Daphne ist vollkommen Herrin ihres Bootes.«

»Es ist ein unweiblicher Sport«, entschied Donna Fabiola. »Wenigstens von unserem Standpunkt aus; die Engländer haben darüber andere Anschauungen. Dieses Mädchen segelt, reitet im roten Felde, klettert wie eine Gemse in den Bergen herum, behauptet, es würde krank, wenn es nicht täglich so und soviel Stunden bei scharfer Bewegung in freier Luft zugebracht hat und – will nun ins Kloster gehen. Wo bleibt da die Konsequenz, frage ich?«

»Daphne will ins Kloster gehen?« fragte Torcelli so erstaunt, daß er sich setzen mußte. »Ja um alles in der Welt, seit wann denn?«

»Sie behauptet, die Berufung zur Klosterfrau immer gehabt zu haben«, rief Donna Fabiola erregt. »Gesagt hat sie's mir heut nachmittag. Ich wollte dich gleich deswegen sprechen, aber du warst natürlich fort. Du bist immer fort, wenn man mit dir reden will! Sie will hier in Venedig bei Santa Croce als Novize eintreten. Eine Verwandte ihrer Mutter, Suor Chiara, ist dort Nonne – aber du weißt ja, daß Daphne öfter hinüberfährt, sie zu besuchen. Jedenfalls hat diese ihr den verrückten Gedanken in den Kopf gesetzt. Ich habe an sich nichts gegen den Klosterberuf – er ist eine vortreffliche Versorgung für undotierte Töchter, und Laura zum Beispiel könnte gar nichts Besseres tun, als Nonne zu werden ... aber für eine Erbin wie Daphne ... Natürlich haben die Vormünder ein Wort mitzureden, und mir ist es sehr unangenehm, denn nun werden sie denken, ich hätte Daphne ins Kloster bugsiert, ich! Und wenn sie ihren Willen durchsetzt – sie setzt ja immer ihren Willen durch, nicht mit Trotz oder Heftigkeit, sondern lachend, gerade wie wenn sie spielte – was soll denn aus ihrem Erbteil werden? Der Fürstentitel der Corleone mit dem Palast in Rom fällt an mich, das weiß ich sehr gut, aber was tue ich damit? Wo nehme ich das Geld her zur Erhaltung des Palastes, eh? Die Bildergalerie ist so gut wie ein totes, fressendes Kapital, seit das dumme Gesetz existiert, das die Ausfuhr der Kunstwerke verbietet und dem Staate im Inland das Vorkaufsrecht sichert. Was zahlt denn der Staat? Eine Bagatelle! Schließlich wäre es schon noch besser als nichts, aber man hat doch auch ein Herz, das sich dagegen sträubt, die Galerie Corleone aus dem Palast herauszulassen und diesen dem Meistbieter zu verkaufen. Und das alles, weil mein Herr Sohn – fahre nicht auf, Angelo! (Der Prinzipe hatte sich nicht gerührt). Ich sage ja nichts mehr darüber – hin ist hin!«

»Die Vormünder werden Daphne ihre Einwilligung verweigern, solange sie minderjährig ist«, meinte Torcelli. Und bis dahin ändert sie ihren Sinn vielleicht noch – vielleicht auch nicht, denn ich halte sie nicht für wankelmütig ... Was mich betrifft – «

»Gerade darüber hatte ich dich sprechen wollen«, unterbrach ihn Donna Fabiola, indem sie einen Brief mit fremdländischer Marke aufnahm und mehrere engbeschriebene Bogen daraus hervorzog. »Ich habe dir nicht gesagt, daß ich an meine Cousine Bice, die italienische Botschafterin in Petersburg, geschrieben habe, um Erkundigungen über die Fürstin Sarakow einzuziehen. Fahre nicht auf, Angelo – (der Prinzipe hatte sich nur resigniert zurückgelehnt), es war meine Pflicht als Mutter, es zu tun. Und wer könnte bessere Auskunft geben als meine Cousine Bice? Natürlich habe ich nichts davon gesagt, daß du ... wozu erst die Zungen in Bewegung setzen, und wenn man erst vermutet, daß – daß Absichten nicht ausgeschlossen sind, so erfährt man ja doch nichts mehr. Nein, ich habe nur geschrieben, die Fürstin wäre hier aufgetaucht, und weil doch so viel Abenteurer und Hochstapler gerade in Italien ihr Unwesen treiben ... und so weiter und so weiter. Nun höre, was Bice schreibt. Wenn hier ist es: Also die schöne Zoe Sarakow habt Ihr kennengelernt! Nach dem gräßlichen Nervenschock durch die Ermordung ihres Gatten – der nebenbei ihr Vater hätte sein können, reichlich sogar, – war es ein guter Entschluß von ihr, auf Reisen zu gehen, namentlich da sie in Fräulein Vareskoi eine vortreffliche Gesellschafterin mitgenommen hat. Es ist viel besprochen worden, daß Sarakow sich eine so junge Frau nahm – ich finde es viel wunderbarer, daß ein so junges Mädchen sich entschließen konnte, einen so alten Mann, den Jugendfreund ihres eigenen Vaters, zu heiraten. Freilich, wohl bedeutete dieser Schritt viel für die damalige Comtesse Berdischeff, die sozusagen ein Blatt im Winde war, nachdem ihr Vater, der Generaladjutant des Kaisers, so jäh von seiner Höhe gestürzt und verbannt wurde. Er starb schon im ersten Jahre in Sibirien, er hat es eben nicht verwinden können. Fürst Sarakow hatte Mut, die Tochter des Verbannten zu heiraten, denn er trat damit für die Unschuld seines Freundes ein, der in der Tat das Opfer eines Klüngels gewesen sein soll, welchem er im Wege war, weil er nicht bestochen werden konnte. Der Zar selbst hat die junge Fürstin Sarakow mit allen Ehren überschüttet, die das Andenken ihres Vaters rehabilitieren sollten: sie wurde Palastdame der Kaiserin, hat den Katharinenorden bekommen, einen Diamantschmuck zur Hochzeit, dessen keine Königin sich zu schämen brauchte, und was weiß ich noch. Übrigens hat Zoe Sarakow sich während ihrer kurzen Ehe und noch kürzeren Witwenschaft ganz einwandfrei benommen; sie war eine taktvolle, ganz neutrale Gouverneurin und scheinbar ihrem Manne sehr zugetan, der sie auf Händen trug. Es liegt nicht der Hauch eines Skandals gegen sie vor, und das will hier viel sagen. Die Leute, die ihre Nase überall hineinstecken, behaupten zwar, sie hätte als Mädchen nicht immer in guter Gesellschaft verkehrt, wäre in verrufenen Stadtteilen mit zweifelhaften Gestalten gesehen worden. Wer weiß denn aber, was Wahres daran ist? Irgend etwas kann nicht ganz richtig, ganz sauber gewesen sein mit der Familie des Hofrates – ich vergaß den Namen – bei dem sie nach der Verbannung General Berdischeffs untergebracht wurde, denn diese Leute verschwanden plötzlich und spurlos, allerdings erst, nachdem Zoe Berdischeff bei der alten Gräfin Rosanow im Hause war. Letztere erzählte, das junge Mädchen wäre gewissermaßen zu ihr geflüchtet, warum aber, hat man nicht erfahren. Also wird schon bei dem Hofrat etwas nicht in Ordnung gewesen sein; ich finde jedoch, es spricht für Zoe Sarakow, daß sie Energie genug hatte, sich diesen Einflüssen, welcher Art sie auch immer waren, zu entziehen. Wenn du sie in der Ca' Torcelli empfängst, so vergiß nicht, euch von ihr etwas vorspielen zu lassen – es ist wunderbar, was sie der Geige entlocken kann, Vielleicht nur noch wunderbarer ist es, wie Fräulein Vareskoi ihre Fantasien ohne Noten begleitet. Zoe Sarakow hat eine ganz eigenartige Schönheit, die einfach hinreißend ist, sobald sie die Violine spielt. Angelo soll nur hübsch sein Herz festhalten, denn es nützt gar nichts, sich in die schöne junge Witwe zu verlieben, die nichts tut, als Körbe austeilen – man munkelt sogar von einem nahen Verwandten des Kaiserhauses, den sie ausgeschlagen hat! Ich finde es auch geradezu unschicklich, dieses Goldfischangeln! Übrigens soll Zoe Sarakow nur den Nießbrauch des Vermögens ihres Gatten haben, und man behauptet sogar, daß auch dieser bei einer zweiten Vermählung ihr entzogen würde .. .

Donna Fabiola hielt ein, faltete den Brief wieder zusammen, steckte ihn in den Umschlag und sah ihren Sohn an, der vor sich hinblickte, vornüber gebeugt.

»Hast du gehört, Angelo?« fragte sie scharf. »Du siehst aus, als ob du an etwas ganz anderes gedacht hättest. Ich meine doch, dieser letzte Passus ist so wichtig – «

»Daß Tante Bice ihn eigentlich als ein gekreuztes Postskriptum hätte anhängen müssen«, vollendete Torcelli mit dem Ernst, der seine Mutter immer aufbrachte, weil sie nie recht wußte, wie er es meinte.

»Angelo!« entrüstete sie sich auch sofort, »wie kannst du nur so frivol reden, wo es sich um – um – ja doch, um das Wichtigste handelt.«

»Liebe Mama – die Einkünfte der Fürstin Sarakow haben gar nichts damit zu tun, daß ich durch mein Gelübde gebunden bin, zum mindesten alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihre Hand zu erringen. Ich habe das Glück gehabt, ohne sonderliche Bemühungen meinerseits, die Zuneigung der Fürstin zu erwerben, und kam, dir zu melden, daß ich mich eben mit ihr verlobt habe.«

Donna Fabiola fehlten, zum ersten Male in ihrem Leben wahrscheinlich, die Worte. Ganz überzeugt davon, daß »ein Gelübde ein Gelübde« war, hatte sie im tiefsten Schreine ihres Herzens den Mangel einer Mitgift doch für ein annullierendes Moment gehalten, eines, das sozusagen die Verpflichtung glatt aufhob.

»Und wenn es nun wahr ist, was Bice schreibt?« sagte sie endlich hilflos.

»So bleibt noch genug, um selbst dir die ersehnte Schwiegertochter zu einem angenehmen Familienmitgliede zu machen«, erwiderte Torcelli mit wider Willen hervorbrechender Bitterkeit. »Sie ist eine sogenannte ›große Dame‹, sie bekleidet ein Ehrenamt bei Hofe, das du stets für begehrenswert betrachtet hast, sie darf einen nur selten verliehenen Orden tragen und besitzt fabelhafte Juwelen. Daß sie nebenbei deinem Sohne ein Herz mitbringt, dessen er selbst sich nicht für wert hält, das fällt freilich nicht ins Gewicht –«

»Und Bice hat geschrieben, sie wäre in verrufenen Stadtteilen in zweifelhafter Gesellschaft gesehen worden!« fiel Donna Fabiola hastig ein, indem sie sich ihrer moralischen Pflichten erinnerte.

»Tante Bice schrieb, soviel ich mich erinnere, ›man sagt‹, erwiderte Torcelli. »Man sagt so viel, liebe Mama! Tante Bice ist doch sicherlich eine der korrektesten und tugendhaftesten Frauen, die ich kenne, und doch hat ›man‹ auch von ihr ›gesagt‹, daß sie ein Rendezvous mit einem Subalternen gehabt hätte, bis es sich herausstellte, daß es die Putzmacherin war, die ihr entschieden ähnlich sieht. Du erinnerst dich der Geschichte? Nun also. Die Comtesse Berdischeff wird sich wohl schwerlich in ›verrufenen Stadtteilen‹ herumgetrieben haben. Aber wenn es dich beruhigt, kann ich sie ja fragen –« »Angelo!«

»Oh, ich zweifle nicht, daß sie mir ganz wahrheitsgetreu antworten wird. Würde – für den Fall, daß ich den Wunsch hätte, diesen Fall aufzuklären. An der Tatsache, daß Zoe meine Verlobte ist, änderte auch ihre Bestätigung nichts. Sie wird morgen zu dir kommen, um sich dir als – Tochter vorzustellen. Vielleicht erwägst du bis dahin, daß es sehr leicht – eine andere hätte sein können. Ihre Freundin, Fräulein Vareskoi zum Beispiel. Ich – ich habe unverdientes Glück gehabt.«

Donna Fabiola gab, wie man so sagt, »klein bei«. – Die ganze Angelegenheit, ihr Verfolg, ihre Lösung erfüllte sie mit einer Art von Furcht und gab ihr einen sehr heilsamen Schreck in punkto voreiliger Gelübde. Es war nicht Angelos Art, sich wegen irgend etwas gleich hoch und heilig zu verschwören, wie sie selbst zum Beispiel es leicht tat. Es lag ihr im Blut; die Corleone waren immer eine sehr leidenschaftliche Rasse gewesen. Was von diesem römischen Blut in Angelos Adern rollte, hatte seine venezianische Abkunft väterlicherseits wohltemperiert; die natürliche Würde, mit welcher der Venezianer zu beherrschen weiß, was immer in ihm kochen und gähren mag, sie hatte ihn vor dererlei Wallungen meist bewahrt – bis ihm eben in einer unbedachten Minute die Entrüstung, der Widerspruchsgeist und die Qual des unerträglich gewordenen Druckes den Boden unter den Füßen fortzogen. Ein dumpfes Schuldbewußtsein gab Donna Fabiola das unbehagliche Gefühl, daß sie eigentlich die Ursache dieses Ausbruches war und dabei irgend etwas gutzumachen hatte, aber das lag zu unterst unter der Last ihrer glänzenden Selbstzufriedenheit und ihres ungeheueren Egoismus, der selbst in dieser Stunde nur die Frage hatte: »Was wird nun aus mir? Wer bezahlt meine Schulden, wenn Angelos Braut nur eine bedingte Mitgift hat oder gar keine?«

Angelo Torcelli deutete sich das Verstummen seiner Mutter, nachdem sie das Unabänderliche begriffen hatte, ganz richtig. Er sah ihr eine Weile zu, wie sie den Brief der Cousine Bice nervös um ihre Finger wickelte, und erhob sich dann.

»Du hattest mir deine Rechnungen geben wollen, Mama«, sagte er geschäftsmäßig. »Falls es dir nicht zu große Mühe macht, würde ich dir dankbar sein, wenn ich sie bald haben könnte. Und alle; nicht wahr, alle! Bitte, vergiß keine, damit ich einmal klar sehen kann, wie es um uns steht.«

»Ich werde sie heute noch zusammensuchen«, erwiderte Donna Fabiola, ohne aufzusehen.

Torcelli verließ ohne weitere Worte das Boudoir seiner Mutter und wandte sich nach seinen eigenen Gemächern. Als er an dem gemeinschaftlichen Salon des oberen Geschosses vorbeiging, hörte er drinnen Klavier spielen – nicht brillant wie seine Mutter und Donna Laura spielten, – eine »altmodische« Romanze von Mendelssohn mit einem Anschlag, der die Saiten klingen und singen ließ, sang ohne Worte ihre eindrucksvolle, mondlichtdurchflimmerte Weise, und er wußte, daß Daphne es war, die drinnen spielte.

Er ging an der Tür vorbei und – kehrte wieder um.

»Besser allein als vor anderen«, dachte er und machte entschlossen die Tür auf.

»Guten Abend, Angelo«, rief Daphne, als sie ihn eintreten sah, ohne ihr Spiel zu unterbrechen.

»Guten Abend, Cousine!« nickte er zurück und setzte sich auf den nächsten Stuhl, bis sie ihre Romanze fertig gespielt hatte. Es fing draußen an zu dämmern, und in dem großen, aber behaglichen Salon krochen die Schatten der Nacht schon schwarz aus den Winkeln und Ecken, aber das war ihm lieb. Wozu sollte sie bei Licht etwas sehen, was er gar nicht gewillt war, ihr zu zeigen. Als sie geendet hatte, aber nicht aufstand, trat er an den Flügel, denselben, auf dem gestern Olga Petrowna ihren Hexensabbath losgelassen, und lehnte sich gegen den aufgeschlagenen Deckel.

»Daphne«, sagte er unbewußt leise, »ich möchte gern von dir ein gutes Wort hören. Ich habe mich verlobt.«

Die schlanken und schöngeformten, aber kräftigen Hände auf den Klaviertasten schlugen einen Akkord an, dessen Tonfolge zu denen gehört, die man danach sein ganzes Leben lang suchen kann und doch nicht wiederfindet – und sanken dann kalt und schwer auf den Schoß der Spielerin herab.

»Mit – mit –« begann Daphne nach einer kleinen Weile.

»Ja – mit Zoe Sarakow«, nickte er bestätigend.

Daphne hatte ein tapferes Herz; es war keine Spur von Sentimentalität in ihr, obschon sie ihre Ideale hatte. In einer gesunden Atmosphäre aufgewachsen, war sie gesund an Leib und Seele, nichts Krankhaftes, Künstliches, Treibhausartiges war in ihr zu finden. Nur eine Portion Romantik, gerade genug, um in der richtigen Höhe über der Prosa des Lebens zu schweben. Aber Daphne Corleone war nicht nur tapfer und unerschrocken, sie war auch loyal – bis an die Grenzen der Unmöglichkeit heran.

Ein kurzes, kaum merkliches Zögern nur, ein momentan verhaltener Atem, und sie streckte ihm ihre kalte Hand entgegen und gab ihm damit einen herzlichen Händedruck.

»Zehn gute Worte für eins«, sagte sie leise. »Hundert, wenn's nach mir ginge. Deine Wahl ist – rasch erfolgt, aber ich kann sie dir nicht verdenken. Die Fürstin Sarakow ist sehr schön – sehr lieblich, was mehr ist. Ich denke auch, sie ist gut. Ich bin dessen sicher, denn sie hat es uns gestern abend selbst gesagt – auf der Amati.«

»Dank, Daphne! Ja, sie ist gut – mehr noch, sie ist mir gut. Sie – sie liebt mich. Sie hat es mir gesagt...« Er stockte.

»Das war lieb von dir, Angelo, und ich wünsche dir viel Glück, das allerglücklichste Glück!« sagte Daphne lauter und fester als vorher. »Ich – ich dachte mir, daß es so kommen würde. Es mußte so kommen, denn die Fürstin sieht dem Engel von Bellini so ähnlich, der ja dein Ideal ist. Du hast es mir selbst gesagt, – an meinem ersten Tage in Venedig. Ich dachte natürlich nicht, daß jemand so aussehen könnte nach so langer Zeit. Und daß du die Doppelgängerin des Engels auch gerade in Venedig finden mußtest – gerade in Venedig!«

»Ja – gerade in Venedig!« wiederholte er rein mechanisch und sah über den blonden Kopf seiner Cousine hinweg in den dämmernden Himmel und durch das offene Fenster. »Es geht sonderbar zu im Leben, Daphne! Man kann hundertmal an einer Rose vorübergehen und sieht doch nicht, ob sie weiß ist oder rot. Und dann, wenn man den Jasmin in der Hand hält, weiß man's erst, daß die Rose weiß blühte mit rosigem Kelch und daß man sie vielleicht hätte haben können –«

»Ja – Angelo – ich weiß nicht –«, Daphne ließ die Finger, ohne anzuschlagen, über die Tasten laufen. »Was willst du eigentlich damit sagen? Und warum gerade Jasmin? Es ist eine Totenblume. Oh – ich weiß – der Engel von Bellini hat einen Kranz von Jasminblüten im Haar! Angelo –!« Sie stand auf und lehnte sich zu ihm herüber. »Angelo, lasse die andere, die – wie heißt sie doch? Die gestern auf dem Flügel hier die Hölle losgelassen hat – laß sie nicht über die Schwelle deines Hauses!«

»Du hast eine Antipathie gegen sie gefaßt, Daphne! Nun, ich kann auch nicht sagen, daß ich gerade für sie schwärme – sie war gestern unglaublich taktlos, um es gelind auszudrücken –«

»Sie riecht nach Moschus, Angelo.«

»Dafür haben viele eine Schwärmerei, die ich freilich nicht verstehe. Ich kann nicht sagen, daß mir der Moschusgeruch aufgefallen wäre.«

»N–nein. Vielleicht nicht nach dem Parfüm, das man so nennt. Aber sie riecht nach Moschus. Mir wird ganz elend neben ihr – wie – wie wenn ein Reptil in der Nähe wäre. Ich sagte es dir schon. Und um die Fürstin schwebt es wie Jasminduft. Ich werde immer so schrecklich traurig, wenn ich Jasmin rieche. Aber das ist besser als Moschus. Angelo, lasse diese Olga Petrowna nicht in dein Haus! Ich weiß, sie ist die Freundin der Fürstin – ich weiß aber nicht, wie das möglich ist, außer, daß sie sich um sie herumgeringelt hat – ach, ich schwatze solchen Unsinn! Achte nicht darauf, Angelo! Nur halte dir diese Freundin fern.«

»Herumgeringelt –« wiederholte Torcelli. Ein Verdacht, der ihm heute früh gekommen war, zuckte ihm wieder durch den Kopf. Um ihn loszuwerden, richtete er sich auf und trat einen Schritt vor. »Daphne«, sagte er mit Anstrengung, »was ist das, was meine Mutter von dir behauptet –: du willst ins Kloster gehen?«

»Willst?« wiederholte sie mit einem kurzen Lachen. »Das ist natürlich wieder ganz Tante Fabiola, die gleich sagt, man will auf den Eifelturm steigen, wenn man nebenbei sagt, es soll eine hübsche Aussicht von oben sein. Ich sagte: im Kloster bei Suor Chiara ist's so hübsch ruhig und idyllisch; ich möchte manchmal ganz gern bei ihr leben, schon um – schon um nicht mit dem dummen Geheirate geplagt zu werden.«

»Wer plagt dich?«

»Ach, alle Welt! Wenn ich nicht in Ruhe damit gelassen werde, gehe ich ins Kloster. Ich mag nicht heiraten.«

»Es kann dich niemand dazu zwingen.«

»Ich würd's auch keinem raten! Und in das Kloster käme kolossales Leben, wenn ich drinnen wär'! Wenn ich Suor Chiara besuche, rennen alle Schwestern zusammen und quietschen vor Vergnügen, bei dem Unsinn, den ich ihnen vormache. Natürlich, wenn ich selbst den Schleier trüge, dürfte ich wohl keinen Unsinn mehr machen – ich hab' auch eigentlich die Lust dazu verloren. Und wenn ich hier im Kloster wäre, könntest du – und natürlich auch deine Frau – an das Gitter kommen und mit mir reden – sehen kannst du mich ja nicht, weil man den Schleier bei Besuchen vor dem Gesicht tragen muß, aber das tut nichts, denn ich kann dich sehen – und deine Frau natürlich auch. Ja, das ist eine köstliche Idee! Ich werde im Kloster bei Suor Chiara eintreten, und du kommst mich besuchen!«

»Daphne!« Es klang wie ein unterdrückter Schrei, den Torcelli in ein Lachen umzwang. »Wir können uns hier – ohne Schleier und ohne Gitter sehen!«

»Ich weiß nicht – in spätestens sechs Wochen soll ich ja mit Tante Fabiola nach Rom für den ganzen Winter, damit ich lerne, mich als Principessa Corleone zu fühlen. Ich bin wahrscheinlich sehr »dekadent«, weil's mir so davor graut. Mich friert es, wenn ich an den Palazzo denke mit seinen fünfhundert Zimmern, seinen hallenden Korridoren und Sälen, durch die der Kardinal Corleone allnächtlich seine marmorne Schleppe schleift, wenn er von seinem Sockel herabsteigt, um zu spuken ... Und wenn ich erst einmal in Rom bin ... ich meine, es wird schon besser sein, ich bleibe in Venedig im Kloster. Da kommst du – und deine Frau natürlich auch – eher mal nach mir sehen. Aber es wird schon finster, und ich muß gehen, mich zum Pranzo umzuziehen. Auf Wiedersehen, Angelo!«

Damit wollte sie hinaus, doch seine Stimme hielt sie zurück.

»Daphne – willst du mir noch einmal die Hand geben, ehe – ehe es anders wird?«

Sie hatte sich umgewendet, und das letzte scheidende Licht des Tages sammelte sich auf ihrer weißen Gestalt, in ihrem lichten Blonder, in ihrem zartgetönten, charakteristischen Gesicht, in dem die dunklen Augen nun doppelt dunkel erschienen.

»Ehe es anders wird?« wiederholte sie. »Aber es ist ja schon alles anders geworden, seit sie ihren ersten Besuch hier machte. Wenigstens mir kommt es so vor. Dir nicht auch?«

Er antwortete nicht, sondern streckte ihr nur die Hand entgegen, in die sie ohne Zögern die ihrige legte. Und er beugte sich darüber und küßte sie, küßte sie mit einer Inbrunst, unter der es wie ein elektrischer Strom durch sie hindurchrieselte. Hastig entriß sie ihm ihre Hand.

»Das ist eine dumme Sitte, dies Handküssen«, rief sie, indem sie beide Hände auf den Rücken legte. »Bei uns drüben in England küßt man der Königin die Hand – sonst aber niemandem. Ich mag's nicht leiden! Das mußt du nicht wieder tun, Angelo! Versprich mir's! Es ist doch auch nicht nötig zwischen uns beiden!«

»Ich werde es nicht wieder tun. Ich verspreche es. Es ist nicht nötig zwischen uns beiden«, wiederholte er feierlich.

»Also nochmals denn –: alles Glück dir und deiner Erwählten!« Und damit ging sie hinaus.

Eine Stunde später wußten es alle in der Ca' Torcelli, daß Don Angelo endlich eine Braut erwählt, und durch die »unteren Regionen« ging damit ein Seufzer der Erleichterung, und ein lebhaftes Durcheinander der Freude, denn Donna Fabiola war keine leicht zu befriedigende Herrin, und ihr Joch kein sanftes, wohingegen Don Angelo beliebt war und man neben ihm eine gütige Principessa erwartete.

Nach dem Grundsatz, daß »Schadenfreude die reinste Freude« ist, hatte Donna Fabiola es sich nicht versagen können, ihrer Nichte Laura Torcelli das große Ereignis selbst mitzuteilen. Sie kannte sehr genau die Pläne und Hoffnungen Donna Lauras und wußte ebenso genau, daß diese eingebildet und vergeblich waren. Laura Torcelli aber hatte daran mit einer Zähigkeit und einer Blindheit gehangen, die schon an den Fanatismus grenzten, der in ihrer Überzeugung wurzelte, daß es Angelo Torcellis Pflicht war, sie an die Spitze des Hauses zu setzen, dessen Erbrecht sein späteres Erscheinen auf dieser Erde ihr verwirkt hatte. Auf die Erfüllung dieser »Pflicht« hatte sie mit mehr oder weniger Geduld gewartet, zahllose Kerzen und ein silbernes Herz aufgeopfert und sich eingebildet, daß sie ihren Vetter leidenschaftlich liebe. Machte Donna Fabiola sich nun die Freude, die durchaus nicht bequeme Verwandte zu enttäuschen, so machte diese ihr die Gegenfreude, erst in Ohnmacht und dann in Weinkrämpfe zu verfallen, gegen die der Arzt herbeigerufen werden mußte, obwohl ein Eimer kaltes Wasser und ein paar Injurien sicherlich dieselben, wenn nicht die besseren Mittel gewesen wären.

Sehr herzlich war Don Orsos Glückwunsch für seinen Neffen und Gastfreund, wie es nicht anders zu erwarten war bei der Zuneigung, welche beide für einander hegten, und doch entdeckte Angelo Torcellis feines Ohr einen Flor über den freundlichen Segenswünschen für seine Zukunft.

»Welche Einschränkungen deiner Gratulation enthältst du mir vor, Onkel Orso?« fragte Torcelli, als er mit dem Verwandten nach dem Diner allein in der Loggia eine Zigarette rauchte.

Don Orso tat ein paar lange Züge aus seiner Zigarette, ehe er antwortete.

»In Anbetracht meiner kurzen Bekanntschaft mit der Fürstin Sarakow wäre es eine unverantwortliche Überhebung von mir, ein abschließendes Urteil über sie zu fällen«, sagte er. »Das wenige, was ich aber von ihr sah, hat mich sehr für sie eingenommen. Ich meine nicht nur ihre äußere Erscheinung, die schön und eigenartig ist. Ihr Auge hat vielleicht für ihre Jugend einen zu traurig-resignierten Ausdruck. Ich habe es auch einmal wie Furcht daraus hervorbrechen sehen ... aber ich kann mich darüber getäuscht haben. Jedenfalls möchte ich schwören, daß die Fürstin Sarakow eine edel veranlagte und wahre Natur ist.«

»Ich bin überzeugt davon, Onkel Orso. Und weiter –?«

»Weiter? Willst du noch mehr? Gut, sei es denn, auf die Gefahr hin, von dir ausgelacht zu werden: beschwöre deine Braut, verlange es von ihr als Beweis ihrer Liebe zu dir, daß sie –den Alexandrit nicht mehr trägt. Es ist schon übergenug, daß er in ihrem Besitz ist. Mag sie ihn behalten – fern von ihr aufbewahrt, kann er ihr nicht in dem Maße schaden, wie er es tut, wenn sie ihn ständig bei sich trägt –« »Aber, Onkel Orso –!«

»Ja, ja, ja! Ich weiß schon, was du sagen willst. Aberglauben! Halte es dafür – ich kann nichts tun, um dich zu überzeugen, welch bitterer Ernst es mir mit meiner Warnung ist. Der Alexandrit treibt Zoe Sarakow einem schrecklichen Ende entgegen, wenn sie sich nicht von ihm trennen kann. Es ist furchtbar für mich, der ich es weiß, untätig zusehen zu müssen.«

Und Don Orso trocknete sich mit seinem Taschentuch mit zitternder Hand den Schweiß, der in dicken Tropfen auf seiner Stirn perlte. Angelo Torcelli wußte, daß es der Gute ernst meinte, daß er ganz durchdrungen von seiner Warnung war. Es fiel ihm nicht ein, darüber zu lachen oder zu spötteln oder sich erhaben darüber zu fühlen, schon weil er sich gewisser Dinge erinnerte, in denen Don Orsos eigentümliche Veranlagung oder Begabung eine Rolle spielten, die zum mindesten sehr sonderbar war.

»Der Stein ist wundervoll«, sagte er mit einem mitleidigen Blick auf den sichtlich leidenden alten Herrn. »Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Ich gebe freilich zu, daß der Farbenwechsel mir fast unheimlich vorkommen wollte, das sonderbare Rot einen förmlich drohenden Eindruck auf mich machte. Aber du selbst hast das ja ganz natürlich durch den Dichroismus dieser Steine erklärt. Und das Grün ist so beruhigend für das Auge, so tief und unergründlich.«

»Ja, es ist ein sehr kostbarer, herrlicher Stein«, gab Don Orso halb widerwillig zu. »Laß Daphne ihn zum Beispiel tragen, und sein Einfluß auf sie, auf ihre Gesundheit, auf bestimmte Epochen ihres Lebens, auf an sie herandrängende Ereignisse und Katastrophen wird wunderbar ausgleichend, versöhnend, bewahrend sein, denn der Alexandrit ist einer ihrer Monatssteine. Auf Zoe Sarakow wirkt er vernichtend.«

Angelo Torcelli machte eine ungeduldige Bewegung.

»Sag ihr das selbst, Onkel Orso!«

»Ich habe es ihr gesagt – so deutlich, wie ich durfte. Sie hat mich ausgelacht. Natürlich. Ich habe es nicht anders erwartet, und ich dachte, wenn du – aber ich verstehe es ja sehr gut, daß du dich vor ihr nicht dem Fluch der Lächerlichkeit aussetzen willst, mit dem sie mich jedenfalls schon beladen, falls sie die Sache überhaupt eines Gedankens für wert gehalten hat. Ich habe getan, was ich mußte, indem ich sie und – dich warnte. Kassandra wurde verlacht und verspottet bis – Troja gefallen war. Das ist das Schicksal derer, die sich anmaßen, mehr wissen zu wollen als andere.«

»Es ist nur gut, daß die Warnungen, die ich heute erhalten habe, sich wenigstens nicht auf Zoe – auf meine Verlobte erstrecken«, sagte Torcelli nach einer Weile. »Daphne warnt mich vor Fräulein Vareskoi – auf Grund einer persönlichen Antipathie wenigstens. Das läßt sich hören, obschon auch dabei etwas Seltsames ist, weil sie den direkten Sinneseinfluß des Geruches damit verbindet – sie behauptet, es riecht um Fräulein Vareskoi nach – Moschus. Ich habe davon nichts gespürt, und ich bin sehr empfindlich gegen diesen Geruch –«

»So? Das hat Donna Daphne bemerkt!« nickte Don Orso mehr für sich als für seinen Neffen. »Ich habe mich oft schon gefragt, ob sie nichts geerbt hat von den Gaben ihrer schottischen Heimat. Sie wittert Moschus um die Person der Russin! Moschus!«

»Und Jasmin um Zoe Sarakow«, vollendete Torcelli mit einem leisen Lächeln.

»Jasmin!« wiederholte Don Orso flüsternd. »Angelo, wenn du Einfluß hast auf sie, dann biete ihn auf bis zum Äußersten, damit sie den Alexandriten ablegt. Er darf nicht einmal in ihrer mittelbaren Nähe bleiben, wenn Donna Daphne schon den Jasmin verspürt hat. Angelo, es ist mir solch bitterer Ernst damit.«

Torcelli hätte um nichts in der Welt seinen Onkel kränken wollen, denn er hatte den alten Herrn wirklich zu aufrichtig lieb dazu.

»Ja, ja, Onkel Orso, – ich werde tun, was sich tun läßt«, versicherte er beruhigend. »Rege dich nicht darüber auf. Nur denke nicht, daß ich deine Warnungen in den Wind schlage, wenn Zoe den Alexandrit nicht gleich ablegt. Sie hängt an ihm als an einem teuren Andenken, das dazu einen großen Wert hat, sich durch Seltenheit und Originalität auszeichnet.«

Angelo Torcelli erlaubte sich manchmal seinen sonst sehr lieben und verehrten Verwandten einen »in seine Ideen verrannten Phantasten« zu nennen; trotzdem aber konnte er ja ein Wort wegen des Alexandriten fallen lassen, um Don Orso mit gutem Gewissen sagen zu können, er habe »das Seinige« getan. Daphnes Warnung wegen Fräulein Vareskoi schien ihm viel eher der Beachtung wert. Er prüfte sich selbst mit Bezug auf diese Freundin seiner Verlobten und konnte nicht finden, daß sie ihm in dem Maße unsympathisch war wie seiner Cousine, wennschon sie ihn mit ihren Taktlosigkeiten vom Abend zuvor in eine rechtschaffene Wut versetzt hatte. Und dann war ihm ein Verdacht gekommen – heut früh im Kreuzgange von San Stefano. Warum hatte Fräulein Vareskoi ihrer Freundin weismachen wollen, daß weder ein politisches noch auch ein anderes Motiv für die Ermordung des Gouverneurs vorlag? Wie kommen die Botschaften des »Komitees« in den verschlossenen Kasten Zoe Sarakows?

Angelo Torcelli beschloß, die Augen offen zu halten und – Daphnes Warnung zu beherzigen. An Don Orso und den Alexandriten dachte er nicht mehr.

Zur selben Stunde sagte im Grand Hotel Olga Petrowna ihrer Freundin gute Nacht.

»Süße Träume brauche ich dir nicht erst zu wünschen«, fügte sie scherzend hinzu. »Wenn ich bloß wüßte – du wirst mich für entsetzlich neugierig halten, und ich bekenne, es auch zu sein – wenn ich bloß wüßte, wie du mit dem Principe einig geworden bist! Du bist nie, nicht einen Moment mit ihm allein gewesen – Zoe, lach mich nicht aus, aber ich finde es so furchtbar interessant, zu wissen, wie man sich verlobt.«

Die Fürstin lachte belustigt hellauf. Sie war so glücklich, ihr war so leicht und froh zumute, daß sie heut nur vergnügt machte, was sie gestern noch als eine geschmacklose Taktlosigkeit abgelehnt hatte.

»Diskretion ist Ehrensache!« sagte sie, den Finger auf den Lippen, leuchtendes Glück in den Augen. »Übrigens war ich allein mit Angelo – mit dem Principe. Heute nachmittag, als du beleidigt behauptetest, ich hätte dich hinausgeschickt.«

Olga Petrowna machte ein Gesicht.

»Du hast mich gebeten hinauszugehen – die Form ist unverletzt geblieben, es ist wahr – aber am Ende kommt's doch auf eines heraus. Ich gebe dir, großmütig wie ich nun einmal bin, zu, daß dir nichts anderes übrig blieb; vorausgesetzt natürlich, daß du gewußt hast, weshalb der Principe kam.«

»Es kommt mir ganz so vor, als ob ich's gewußt hätte«, lachte Zoe belustigt.

»Natürlich, es gibt ja eine Post, die solche Dinge vermittelt! Dabei fällt mir ein –: zeige mir doch einmal ein paar vom Fürsten Torcelli geschriebene Worte! Du weißt, ich bin Graphologin, und zwar eine überzeugte!«

»Sobald ich ein Billet oder Brief von ihm erhalte, will ich deinen Wunsch sehr gern erfüllen. Ich habe noch nie ein geschriebenes Wort von ihm gesehen.«

»Zoe!«

»Nein, wirklich! Er kennt auch meine schöne Handschrift noch nicht. Du kennst ja meine chronische Schreibfaulheit. Aber ich will deine neugierige Seele mit Wissenschaft speisen und dir verraten, daß der Weg vom Salotto in der Ca' Torcelli bis zum Speisesaal lang genug ist für die Abmachung eines Besuches, bei dessen Nahen man seine beste Freundin hinausgeschickt.«

»Ah – ich verstehe! Man lernt nie aus! Da hat der Dichter doch recht, der behauptet: ›Wenn zwei sich nur gut sind – keine Sorg' um den Weg‹! Und ich harmloses Geschöpf ziehe hinterdrein und freue mich noch, was ihr zwei für ein schönes Paar seid. Ja, das seid ihr – daran ändert meine Eifersucht nichts. Ich finde sogar, daß die wirklich kaum auffallende Lahmheit des Principe ihm eine ganz charakteristische Distinktion verleiht.«

»Nicht? Ich dachte, es käme mir bloß so vor, Olguschka, und ich freue mich, daß du denselben Eindruck hast! Was deine Eifersucht betrifft, so begreife ich aber wirklich nicht, wie du dazu kommst. Ein Gatte und eine Freundin beanspruchen so verschiedene Gefühle, daß diese doch ganz gut nebeneinander bestehen können.«

Olga Petrowna machte eine ablehnende Bewegung.

»Das bildest du dir ein, mein Herz«, sagte sie mit einem tiefen Seufzer. »Das Ende vom Liede ist aber doch, daß die Freundin Platz machen muß. Ich werde mich beizeiten nach einer Stellung umsehen.«

»Warte es noch ab, Olguschka. Es ist heut noch nicht aller Tage Abend. Und schließlich wäre es meine Pflicht, für dich zu sorgen, wenigstens würde ich mir das nicht nehmen lassen.«

»Wie gut du bist, mein Herz«, murmelte Olga Petrowna; anscheinend tief gerührt, schlug sie die Augen nieder.

»Ja was denn noch? Müde bin ich – und ich meine, diese Frage können wir besser ein andermal besprechen, als beim Gutenachtsagen zwischen Tür und Angel, nicht?«

Olga Petrowna verstand den Wink, behauptete auch, todmüde zu sein, und verfügte sich in ihr Zimmer, wo sie bis nach Mitternacht, ohne aufzusehen, schrieb. Für Zoe Sarakow war es gut, daß dieser lange Brief nicht schon in der vorigen Nacht entstanden war, sonst hätte sie ihren Ausgang am Morgen doch in irgendeiner Weise rechtfertigen müssen, denn ihre Freundin war am folgenden Tage sehr früh auf und stieg gleichfalls über die Reinigungsapparate an der Pforte des Hotels hinweg, um ihren Brief selbst in den Kasten am Postbüro zu stecken, obwohl das Hotel seinen eigenen Briefkasten hatte.

Zoe Sarakow aber wunderte sich wieder über sich selbst, warum sie ihrer Freundin nicht bei dieser Gelegenheit ganz offen erzählte, daß sie sich mit Angelo Torcelli heute früh getroffen hatte, um auf neutralem Boden zur Vermeidung überflüssiger Kommentare mit ihm eine Aussprache zu haben. Es hatte ganz nahe gelegen, diese Begegnung in aller Harmlosigkeit nachträglich zu bekennen, und doch hatte ein Etwas ihr das Wort auf den Lippen zurückgehalten, als hätte eine feste, freundliche Hand sich ihr auf den Mund gelegt.

Sie mußte später daran denken ...

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