Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem >

Der Maskenball in der Ca' Torcelli

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Der Maskenball in der Ca' Torcelli - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleDer Maskenball in der Ca' Torcelli
publisherMeister verlag Rosenheim
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderChristine Weber
created20140410
Schließen

Navigation:

Im Gegensatz zum Vormittag war Donna Fabiola nach der Siesta außerordentlich gnädig gestimmt. Schon waren die Damen zum Tee versammelt, als ein Diener eintrat und zwei Visitenkarten auf silberner Platte überreichte.

»Ein Besuch?« fragte die Principessa mit gutgespieltem Erstaunen. »Unsere Bekannten sind doch alle noch verreist, wer kann denn – Zoe Alexandrowna, Prinzesse Sarakow, nee Comtesse Berdischeff und Olga Petrowna Vareskoi –? Ich kenne die Damen nicht. Wie kommen sie darauf, mir Besuch zu machen? Was wollen sie von mir? Ich weiß wirklich nicht – man muß mit diesen Fremden so vorsichtig sein –«

»Der Herr Fürst haben die Damen unten in der Halle begrüßt; Altezza scheinen sie zu kennen«, erlaubte der Diener sich zu bemerken.

»Oh, in der Tat, – nun, dann lasse ich die Damen bitten«, erwiderte Donna Fabiola scheinbar gleichgültig, und als der Diener sich entfernt hatte, fragte sie: »Sollte diese Fürstin die Witwe des früheren Botschafters in Rom sein? Ihr wißt, er wurde voriges Jahr von den Nihilisten ermordet –«

»Wie interessant!« rief Donna Laura, völlig getäuscht durch die gutgespielte Überraschung der Principessa. »Aber ich weiß nicht, woher es kommt: ich habe ein Vorurteil gegen Russinnen. Wer weiß –«

»Nun, wenn Angelo sie kennt –?« warf Daphne ein. »Er ist ihnen unten einfach in die Arme gelaufen«, behauptete Donna Laura. »Warum hat er auch so lange gezögert? Da blieb natürlich nichts anderes übrig, als sie melden zu lassen. Männer verstehen sich eben nicht auf Ausflüchte.«

»Warum sollte er auch welche suchen?« fragte Donna Fabiola, indem sie sich der Tür zubewegte, die in den riesenhaften Saal führte, durch den man die Zimmerflucht des Piano nobile betrat. Dieser Saal war das Paradestück des Palastes – ein Raum, wie er nur in einem venezianischen Patrizierhause zu finden ist, von den Dimensionen des Thronsaales in einem Königsschlosse, mit spiegelglattem Marmorfußboden, die Wände mit reichvergoldetem Stuck und eingelassenen Spiegelpaneelen, in den reichumrahmten, vergoldeten Kassetten der Decke auf grünem Grunde die heraldische silberne Lilie, das Wahrzeichen der Torcelli, in unzähliger Wiederholung wiederkehrend, wo nicht an ihrer Stelle ein Kristallkronleuchter mit seinen schimmernden Prismen herabhing. An den Wänden entlang standen mit purpurnem Seidendamast bezogene, weißlackierte, vergoldete Sessel, hie und da unterbrochen durch ein breites Sofa und von einigen schweren, geschnitzten und vergoldeten, konsolenartigen Tischen mit Marmorplatten, auf denen bronzene Kandelaber, kostbare japanische Vasen und eingelegte Uhren standen; nirgends ein Teppich, nur vor den hohen Fenstern, die auf den Balkon hinausführten, rotseidene Damastvorhänge, und doch ein imponierender königlicher Raum, in dem tausend Personen sich bewegen konnten, ohne irgendwie beengt zu sein.

In die Tür dieses für ein venezianisches Patrizierhaus typischen Raumes trat Donna Fabiola, ihre Gäste zu erwarten. Sie war eine imposante, noch sehr jugendlich aussehende Erscheinung im langschleppenden Teekleid von grauem Chiffon und silbergestickter Samtpasse, eine »letzte Schöpfung« aus Paris. Da ihr die unscheinbare, mißgestaltete Erscheinung Olga Petrownas zuerst in die Augen fiel, weil deren schwarze Kleidung auf die erst so jung verwitwete Fürstin hinzuweisen schien, durchfuhr sie ein gelinder Schrecken, aber die schlanke, jugendliche Gestalt neben ihr im weißen Schneiderkleid und dem großen, schwarzen Hut, neben der Angelo Torcelli schritt, gab ihr sozusagen den Atem zurück.

»Oh, – welche eisige Kälte!« rief die Fürstin Sarakow zusammenschaudernd aus, als sie kaum den ersten Fuß in den Saal gesetzt hatte, indem sie beklommen den Schritt hemmte.

Torcelli sah sie erstaunt an und Olga Petrowna desgleichen, denn es war in dem Raum zu dieser Jahreszeit nicht kalt, da durch die vier geöffneten Türen des Balkons die Spätsommersonne hereinströmte.

»Kalt? Hier?« gab Olga Petrowna ihrem Erstaunen Worte. »Mein Herz, du mußt krank sein, wenn es dir hier kalt vorkommt.«

»Ich – ich weiß nicht«, murmelte die Fürstin beschämt, aber dabei von neuem zusammenschaudernd. »Ich kann mir nicht helfen – o Gott, diese Kälte. Wie in einer Gruft – solche großen Säle haben das manchmal an sich – achten Sie nicht darauf, Principe, es ist so unhöflich von mir, das zu bemerken – ah. Ihre Frau Mutter, nicht wahr?« Mit sichtlicher Anstrengung, blaß bis an die Lippen, wollte sie den anderen voraus der Principessa entgegeneilen, aber mitten in dem Saale blieb sie wie angewurzelt stehen, weil eine Art von Schwindel sie ergriff, und wie nach einer Stütze suchend, streckte sie die Hände aus, ein roter Schleier legte sich vor ihre Augen – aber ehe noch Olga Petrowna zu ihr geeilt war, hatte Fürstin Sarakow den sonderbaren Anfall überwunden und konnte, wenn auch nur unter äußerster Selbstbeherrschung, Donna Fabiola begrüßen, welche die Bewegung ihres Gastes für eine ausländische Zeremonie hielt und mit weltgewandtem Takt darüber hinwegsah.

»Der Principe, dessen Bekanntschaft ich der Vermittlung eines von mir verlorenen und glücklicherweise von ihm wiedergefundenen Gegenstandes verdanke, hat mir den Mut gegeben, Ihnen einen Besuch zu machen, Altezza«, hörte sich Zoe Sarakow wie aus einer weiten Ferne sagen. »Ich hoffe nur, daß meine Kühnheit nicht über Ihrer Liebenswürdigkeit, mich zu empfangen, steht.«

»Sie kommen als Trägerin eines Namens, Fürstin, dem ich manche schöne Stunde in Rom verdanke«, erwiderte Donna Fabiola verbindlich. »Es gereicht mir zur Genugtuung, mich dafür unter meinem eigenen Dache revanchieren zu dürfen.«

Der »gesellige Drill« ist eine unfehlbare und zuverlässige Stütze der menschlichen Schwächen. Durch ihn gehalten, brachte es Zoe Sarakow zuwege, ihre Freundin vorzustellen, wenngleich ihr die Zähne durch die eingebildete oder wirklich empfundene Kälte zusammenschlugen und alles sich dabei um sie drehte, daß sie die Personen kaum zu unterscheiden vermochte. Zu ihrer Überraschung war die sonderbare Anwandlung, die sie im Saal gehabt hatte, total verschwunden, kaum daß sie die Schwelle des Salottos betreten hatte. Fort war die Empfindung der Kälte, das Singen in ihren Ohren, der rote Schleier vor ihren Augen, der entsetzliche, ungewohnte Schwindel. Sie hatte die fremden Empfindungen beinahe schon vergessen, als sie Donna Laura eine Verneigung machte und Daphne die Hand reichte, die ihr mit allen ihren Titeln vorgestellt wurde. Sonderbarerweise legte die junge Erbin nur zögernd und ganz flüchtig ihre Hand in die ihr mit einem reizenden Lächeln hingehaltene Rechte und zog sie danach mit einer Eile zurück, was Torcelli mit Verwunderung bemerkte, denn Daphne erwiderte sonst jede Freundlichkeit mit der gleichen Münze. Das ärgerte ihn, wie er sich selbst sagen mußte unvernünftigerweise, aber er hatte eigentlich gehofft, Daphne würde eine Altersgenossin, die sie in diesem Hause entbehren mußte, freudig begrüßen.

Mit Olga Petrowna wechselte sie überhaupt nur aus der Entfernung einen kühlen Gruß, und wieder ärgerte sich Torcelli, daß man seine Cousine, die das einfachste, natürlichste Wesen der Welt war, für hochmütig und arrogant halten könnte, besonders da sie sich auch an der Unterhaltung kaum beteiligte. Warum ihn diese ungewohnte Zurückhaltung ärgerte, war ihm eigentlich nicht recht klar.

Die Unterhaltung floß beim Tee dahin als ein wohlreguliertes, aber seichtes Bächlein. Die Heimat der Fürstin Sarakow wurde nur einmal berührt, als Don Orso nebenher erzählte, daß die Eremitage in Petersburg viele der größten Kunstwerke Venedigs besäße, die in der Zeit, da die gesetzliche Sperre noch nicht bestand, unverantwortlicherweise von ihren Besitzern, Patriziern der alten Republik, dahin verkauft worden waren. Don Orso fügte mit einigem Stolz hinzu, daß er diese alten Gemälde selbst in der berühmten Gemäldesammlung der nordischen Residenz gesehen habe, und daß sein Führer damals ein General Graf Berdischeff gewesen war, Adjutant des Kaisers. Vielleicht ein Verwandter der Fürstin?

»Er war mein Vater«, hatte Zoe Sarakow erwidert, aber nichts hinzugefügt, was ja Angelo Torcelli verstand, nach dem sie ihm gestern selbst einige Andeutungen über das tragische Schicksal ihres Vater gemacht hatte, und mit dem Takt der Gebildeten verschwand das Thema Petersburg sofort aus der Unterhaltung.

Nachdem der Tee eingenommen war, besichtigte die Gesellschaft die Gemälde des Palastes, für die Zoe Sarakow ein brennendes Interesse hatte; wieder ärgerte sich Torcelli, daß Daphne zurückblieb und sich ausschloß. Im großen Saal überkam die Fürstin abermals das Gefühl der eisigen Kälte. Zum Schluß der Besichtigung schritten die Gäste die monumentale Treppe hinab zum Garten, und diesem Gang schloß sich nun auch Daphne wieder an, still und unbeteiligt, wie um einer Pflicht zu genügen, der sie sich als ein Mitglied der Familie nicht entziehen konnte.

Der Garten mit den alten, hohen Bäumen begeisterte die Fürstin mehr als die Staatsräume der Ca' Torcelli mit ihrer verblichenen Pracht, denn der Hauch melancholischer Öde, der in allen für gewöhnlich unbewohnten Gemächern liegt, der leise Moderduft, der sie durchzieht, hatte sie beklommen gemacht, obgleich sie nicht zu den phantasielosen Menschen gehörte, die den Zauber nicht empfinden, der durch solch ein italienisches Patrizierhaus weht, das von vergangener Größe erzählt und sich mit Palästen des Auslandes nicht vergleichen läßt. Im Gegenteil, – der Gang durch die Staatsgemächer der Ca' Torcelli hatte sie, trotz aller Beklommenheit, deren sie darin nicht Herr werden konnte, in einem Beschlusse bestärkt, der sie schon länger insgeheim beschäftigt hatte. Nun gab sie diesem Donna Fabiola gegenüber zum erstenmal Worte:

»Das Ziel meiner Sehnsucht, das Venedig immer für mich war, hat mich so wenig enttäuscht, im Gegenteil so alle meine Erwartungen übertroffen, daß ich mir gern eine Zufluchtsstätte hier zulegen möchte, wohin ich flüchten kann, wenn's mir im Norden zu kalt und zu kahl wird.«

»Aber Zoe! Davon weiß ich ja noch kein Wort«, rief Olga Petrowna. »Du hast doch nicht die Absicht –«

»Ja, Olguschka«, nickte die Fürstin heiter. »Ich träume davon, mir einen alten Palast, je älter, desto besser, zu kaufen, an dem Ebbe und Flut sinken und steigen, neben dem solch ein verträumter Garten liegt. Von dem ich mit meiner eigenen Gondel hinausrudern kann in die Lagunen bei Sonnenuntergang –! Was willst du? Es hat eben jeder Mensch seine Träume.«

Don Orso wußte einen solchen Palast draußen am Canareggio, der zum Verkauf stand und versprach der Fürstin, sich danach zu erkundigen.

»Aber umsonst ist der Tod«, fügte er lächelnd hinzu. »Ich tue es nur gegen Belohnung, und die besteht darin, daß Sie mich ein andermal den Alexandrit in der Nähe sehen lassen, den Sie in dieser eigenartigen Fassung um den Hals tragen. Ich bin ein leidenschaftlicher Liebhaber von Edelsteinen –«

»Mehr als das, Don Orso«, fiel Daphne ein. »Diese für andere, gewöhnliche Sterbliche leblosen Mineralien sind für Sie Persönlichkeiten, die zu Ihnen sprechen und Ihnen, wie mir scheint, wundersame Dinge erzählen, nicht?«

Es war das erste Mal, daß sie sich in die Unterhaltung mischte. Don Orso widersprach nicht; er lächelte nur still vor sich hin, während seine verträumten Blicke wie gebannt an dem Stein auf der Brust der Fürstin Sarakow hingen, der mit seinem tiefgrünen Glanz, aus dem hie und da ein rotes Licht brach, aus seiner dunklen Goldfassung fremdartig leuchtete. Zoe Alexandrowna versprach mit lächelnder Bereitwilligkeit die erbetene »Belohnung«, und Donna Fabiola benutzte die Gelegenheit zu einer Einladung der russischen Damen für einen der nächsten Abende. Eigentlich hatte sie diese Einladung verzögern wollen, bis der bewußte Brief aus Petersburg eintraf, aber impulsiv, wie sie nun einmal war, hatte sie sich selbst vorgegriffen. Wenn sich diese angebliche Fürstin hier einen Palazzo kaufen wollte, dann mußte sie wohl die sein, für die sie sich ausgab und einen sehr gediegenen Hintergrund besitzen, der vielleicht an Daphnes Erbschaft nicht heranreichte, aber doch hinreichend sein mußte, den alten Glanz der Torcelli wieder herzustellen. Langsam ging der Principe an der Seite der Fürstin durch die Halle nach dem Portal, vor dem ihre Gondel lag.

»War das Ihr Ernst mit dem Ankauf eines Palastes?« fragte er sie unvermittelt.

»Aber gewiß«, versicherte sie eifrig. »Freilich wird das Ideal wohl etwas hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, falls nicht einer seines Palazzos müder Herr ihn mit seiner Einrichtung zu verkaufen willens ist, denn was tue ich in solch einem Hause mit einer modernen Einrichtung? Sie würde mir alle Illusionen nehmen.«

»Wenn es das ist, was Sie wünschen, Fürstin, so steht die Ca' Torcelli, wie sie steht und liegt, zu Ihrer Verfügung«, erwiderte er mit einer vor Bewegung schwankenden Stimme. Zoe Sarakow blieb vor Überraschung stehen.

»Sie – Sie wollen den Palast – verkaufen?« fragte sie mit unwillkürlich gedämpftem Ton.

»Das«, entgegnete er ebenso, indem er ihr fest in die Augen sah, »das wäre die dunkelste Stunde meines Lebens, in der ich das Haus meiner Väter verlassen müßte. Sie hinaus zuschieben, würde ich kämpfen wie ein Löwe um sein Junges.«

»Verzeihen Sie«, bat sie verlegen, »ich habe Sie mißverstanden. Aber wie ist es dann möglich, daß Sie mir die Ca' Torcelli zur Verfügung stellen?«

»Ich lege sie Ihnen zu Füßen mit mir selbst«, erwiderte er mit einem respektvollen, ritterlichen Anstand, der seine unerwarteten Worte zu einer Ehre, nicht zu einer Bitte machte. Dennoch aber wich sie in der ersten Überraschung einen Schritt zurück, die Röte vertiefte sich auf ihrem zarten Gesicht, um jäh einer schneeigen Blässe zu weichen, und ihr Atem ging schwer und stockend, als sie, scheinbar beherrscht und kühl sagte:

»Verzeihen Sie noch einmal. Principe, denn ich habe mich wohl wieder verhört. In meiner Heimat ist man mit solchen – solchen Fragen langsamer und – diskreter.«

»Es war keine Frage, sondern ein Faktum«, entgegnete er unbewegt. »Ich wiederhole es: Dieses Haus steht zu Ihrer Verfügung – mit mir selbst. Ich würde mir nicht erlauben, Ihnen eine Frage vorzulegen, auf die ich jetzt eine Antwort – wenigstens eine für mich günstige, nicht erwarten kann, aber ich erbitte mir die Erlaubnis dazu – für eine andere Stunde. Bis Sie diese selbst bestimmen oder – mir verweigern, werde ich nicht mehr versuchen, Ihnen meine Gegenwart aufzudrängen; aber ich werde die Minuten zählen.«

Der Eintritt der übrigen Gesellschaft in die Halle überhob Zoe Sarakow einer Erwiderung, die sie auch ohnedies nicht gefunden hätte, denn sie fühlte vage, daß ihre Weltgewandtheit sie im Stiche ließ, daß sie weder ein Wort zorniger Entrüstung noch hochmütiger Kühle finden konnte, wie es ihr in solchen Fällen sonst zu Gebote gestanden hatte, wenn ein kühner Freier sich ihr genaht hatte. Aber von diesen – Goldsuchern glich auch kein einziger dem Mann, der ernst und respektvoll, ohne Liebesbeteuerungen, ganz unkonventionell vor ihr stand. Keiner. Oder war es die eigenartige, mysteriöse Atmosphäre Venedigs und dieses alten Palastes, die sie betäubte, daß sie den Boden der großen Weltdame nicht mehr unter ihren Füßen fühlte? Wie in einem Traum hörte sie sich mit den üblichen Phrasen Abschied nehmen von den anderen, ja von Angelo Torcelli selbst, dessen Hand ihr in die Gondel half, ohne daß es ihr eingefallen wäre, seine Hilfe unter irgendwelchem Vorwand abzulehnen. Sie sah sich nicht mehr um, aber sie wußte, daß er im Portal stand und ihr nachschaute.

Indessen pflückte sich Daphne Corleone purpurne Clematisblüten von den Ranken ab, die an der Mauer zu den zwei Loggiengeschossen hinaufkletterten. Sie sah sich nicht um, als Torcelli in den Hof hinaustrat, obwohl sein Stock seinen Schritt charakteristisch genug verkündete. Erst als er neben ihr stand, sah sie auf zu ihm.

»Bei uns blüht die Clematis violett«, sagte sie. »Aber ich finde diese purpurroten schöner. Darf ich ein paar Ableger davon nach Heatherstone schicken?«

»Soviel du willst«, erwiderte er abwesend. »Was hast du gegen die Fürstin Sarakow?« setzte er unvermittelt hinzu.

»Ich? Was sollte ich denn gegen sie haben? Ich kenne sie ja gar nicht«, antwortete Daphne mit ehrlichem Erstaunen.

»Eben deswegen. Du hast sie erst so steif begrüßt wie – wie eine Engländerin –«

»Oh, – Tante Fabiola und Donna Laura sind ihr auch nicht gleich um den Hals gefallen, soviel ich gesehen habe –«

»Zwischen beidem gibt's doch noch eine Mittelstufe, nicht? Du hast kaum ein Wort gesprochen und am Rundgange durch die Zimmer nicht teilgenommen –«

»Ich weiß nicht, warum ich das alles getan oder nicht getan habe«, bekannte Daphne kleinlaut. »Es tut mir leid, wenn du mich unhöflich gefunden hast gegen einen Gast von dir. Es war nicht mein Wille, es zu sein. Es war nur – ich weiß nicht, was es war. Der Mund war mir wie zugefroren, und ich war so dumm, daß mir gar nichts einfiel. Was sollte ich denn gegen die Fürstin haben? Ich finde sie wunderhübsch. Sie sieht deinem Bellini'schen Engel ähnlich.«

»Woher willst du denn das wissen? Du bist ja nicht mitgewesen, als wir die Ähnlichkeit mit dem Bild besprachen.«

»Es fiel mir ein, ehe ihr den Rundgang machtet«, behauptete Daphne. »Es hat mich sofort geplagt, herauszufinden, wem in aller Welt die Russin ähnlich sieht. Wahrscheinlich war's das, weshalb ich nicht reden konnte.

»Es ist eine wunderbare Ähnlichkeit«, murmelte Torcelli nachdenklich.

»Sehr«, nickte Daphne. »Nur – nur hat die Fürstin etwas anderes in den Augen. Nicht immer. Aber als sie eintrat in den Salotto, da hatte sie ein Paar Augen, als hätte sie – wie soll ich's nur ausdrücken? als hätte sie Angst – eine wahnsinnige Angst vor irgend etwas. Ich habe einen ordentlichen Schrecken vor der Furcht in ihren Augen bekommen. Ich dachte erst, sie wäre nicht ganz – ganz richtig im Kopf, aber dann hatte sie wieder so schöne schwärmerische Augen wie der Engel auf dem Bild. Du kannst mir glauben, sie hat etwas auf der Seele, wovor sie sich fürchtet.«

»Ihr Gatte ist einem Attentat zum Opfer gefallen, Daphne. Ihre Nerven mögen dadurch erschüttert worden sein.«

,Die Arme. Nein, Angelo, du tust mir Unrecht, wenn du glaubst, ich hätte ein Vorurteil gegen sie – ich hoffe wenigstens, daß ich keins habe. Im Gegenteil, ich fühle, ich könnte die Fürstin lieb haben. Aber ihre Freundin –«

Torcelli machte eine Bewegung, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte. »Ja, schön ist Fräulein Vareskoi nicht«, meinte er zerstreut.

»Schön. Angelo, schäme dich. Als ob es zur Wertschätzung einer Person notwendig wäre, daß sie schön ist. Ist Onkel Orso schön? Meiner Ansicht nach sicher nicht, und doch liebe ich ihn zärtlichst. Aber dieses Fräulein Vareskoi – ist sie eigentlich häßlich? Sie sieht sehr klug aus. Doch ist sie galgenfalsch. Ich hatte die ganze Zeit, als sie da war, das Gefühl als ob eine riesige, grausige Schlange sich um uns alle ringelte und uns mit Fräulein Vareskois Augen hohnvoll-überlegen ansähe, als wollte sie sagen: ich brauche nur zu wollen, und ich zerquetsche euch alle. Ihr seid in meiner Macht.«

»Welche Phantasie, Daphne. Ich halte Fräulein Vareskoi einfach für eine Schmarotzerpflanze, wie's ihrer ja so viele gibt. Ich habe keine Beweise für diese Behauptung, es ist mir auch gleichgültig, weil Fräulein Vareskoi mich sehr wenig interessiert.«

»Mich desto mehr, Angelo! Ich habe sie immerzu ansehen müssen, indem ich mich fragte, wie man sich dies falsche Galgenholz zur Freundin aussuchen konnte. Der schaut ja der ganze Judas aus den Augen heraus – ich würde ihr nicht bis über die Türschwelle trauen, geschweige denn die Treppe hinunter und über die Straße. Ich nicht. Dumm sieht doch die Fürstin Sarakow nicht aus, aber wenn sie sich von dieser Freundin hat umgarnen lassen, dann muß sie es sein.«

Torcelli lächelte unwillkürlich.

»Warum nicht gar!« rief er halb belustigt, halb ärgerlich. »Die Fürstin macht mir den Eindruck großer Intelligenz.«

»Ich sagte dir ja, sie sieht nicht dumm aus. Was aber zieht sie dann zu dieser – dieser Person?«

»Ich glaube verstanden zu haben, daß es die Musik war, welche diese beiden Frauen zusammengeführt hat.«

»Dann muß es die Teufelssonate gewesen sein«, erwiderte Daphne mit solcher Überzeugung, daß Torcelli sie ganz erstaunt ansah und sich fragte, ob es Instinkt sei, der dieses junge Mädchen dazu verleitete, in solcher Weise von einer Persönlichkeit zu reden, die sie vor zwei Stunden noch gar nicht gekannt hatte.

»So schwarz möchte ich Fräulein Vareskoi doch nicht gleich an die Wand malen«, meinte er mit einem flüchtigen Lächeln.

»Würdest du sie gern bei dir im Hause haben wollen?« fragte Daphne. Torcelli wich unwillkürlich einen Schritt zurück, so sehr weckte diese Frage seine eigentlich bisher nur latente Aufmerksamkeit.

»Gern? In meinem Hause?« wiederholte er, indem er mit der Hand über die Augen fuhr, als blendete ihn ein plötzliches, unangenehm grelles Licht. »Ich habe darüber wirklich noch nicht nachgedacht. Fräulein Vareskoi hat in mir bis jetzt irgendein besonderes Interesse nicht erweckt –«

»Weil sie nicht mehr jung und neben der Fürstin doppelt garstig ist«, stellte Daphne mit einem leisen Anklang an ihre gewohnte Neckfreudigkeit fest. »Natürlich gefällt dir die Fürstin besser. Mir gefällt sie auch besser, wieviel mehr erst dir, weil sie doch deinem Frauenideal, dem Engel des Bellini, ähnlich sieht. Ich finde sie auch sehr interessant, denn es liegt etwas in ihren Augen, das ich gern lösen möchte – ein Rätsel. Aber die Augen können einen sehr lieben Blick haben – ich habe ihn ein- oder zweimal gesehen, und dann wäre ich gern zu ihr getreten und hätte ihr die Hand gegeben. Natürlich ging das nicht, und ich mußte es lassen.«

»Wie so vieles, was man bleiben läßt, weil es nicht konventionell ist«, fiel Torcelli ein. »Ach, Daphne, wie anders würden sich unsere Geschicke gestalten, wenn wir diesen guten und freundlichen Eingebungen ohne Angst vor einer Übertretung der ungeschriebenen Gesetze der Gesellschaft Folge leisten würden! Ich bin überzeugt, die Fürstin Sarakow wäre dir dankbar gewesen, während sie jetzt vielleicht das Empfinden hat, daß du ihr zum mindesten kalt und hochmütig gegenüberstehst.«

»Hochmütig!« wiederholte Daphne empört. »Ich möchte bloß wissen, auf was ich hochmütig sein sollte! Auf meine Titel? Von denen ich keinen einzigen mir erworben, sondern die ich ganz einfach geerbt habe? Ich habe mich ordentlich geschämt, als deine Mutter sie bei der Vorstellung droben alle hersagte, als wollte sie damit die Russinnen niederschmettern, bei denen zu Lande es ja eigentlich eine Auszeichnung ist, ausnahmsweise kein Fürst zu sein. Also den Hochmut streiche nur gleich in der Liste meiner Laster; nur dumme Leute sind hochmütig auf ererbte Titel oder Geld; nur mit Größenwahn behaftete sind hochmütig auf ihre geistigen Errungenschaften und Erfolge. Und kalt – nein, ich stand ihr nicht kalt gegenüber, denn du hast sie selbst in dein Haus eingeladen, folglich mußtest du ein Interesse für sie haben und – ich – ich hoffe, du gestattest mir, dieses mit dir teilen zu dürfen, weil ich dir doch so nahe verwandt bin, nicht?«

Die Logik war nicht nur schwach, sondern sie lahmte auf allen Füßen, denn der Himmel weiß es, daß gerade unsere nächsten Verwandten oft diejenigen sind, die nicht den geringsten Anteil an unseren Interessen nehmen; aber es lag etwas in Daphnes Worten, das nie einen Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit aufkommen ließ. Im Gegenteil, Angelo Torcelli hatte vor diesen dunklen und doch so klaren und durchsichtigen Augen immer das Gefühl unbedingter Zuverlässigkeit, auf die man Häuser bauen kann.

»Daphne! Angelo!« tönte aus der Loggia des zweiten Stockes eine scharfe, zornbebende Stimme herab, und aufblickend sahen die beiden Donna Fabiola sich über die Brüstung neigen.

»Sind wir beide befohlen?« fragte Daphne verdutzt. »Vetter, Vetter, mir scheint, das Gewitter von heute morgen ist wiedergekommen!«

Er zuckte mit den Schultern, und dann stiegen beide die Treppe hinauf und traten in das Boudoir der Principessa.

»Wünschest du etwas, liebe Tante?« fragte Daphne harmlos.

»Ich habe dich nicht gemeint, sondern meinen Sohn sprechen wollen«, war die schneidende Erwiderung, »aber da du dich von ihm nicht trennen zu können scheinst, so ist es ganz gut, daß auch du hörst, was ich zu sagen habe! Ich hätte dich sowieso unter vier Augen davon unterrichtet. Ich will wissen, was das für ein unerhörtes Benehmen ist; unter freiem Himmel, vor den Augen aller Dienstboten, die Köpfe zusammenzustecken und ohne jede Scheu zu flirten –«

»Mutter!« rief Torcelli erschrocken und unwillkürlich vor Daphne hintretend, aber diese fand den Vorwurf, der ihr noch niemals gemacht worden war, so komisch, daß sie lachen mußte.

»Flirten! Nein, was du für Einfälle hast!« rief sie belustigt, ohne jede Spur von Entrüstung oder Kränkung, weil der Vorwurf ganz von ihrer Harmlosigkeit abglitt.

»Lach nicht!« befahl Donna Fabiola, nur noch mehr aufgebracht. »Es ist mir bitterer Ernst in meiner Eigenschaft als deines Vaters Schwester, ich, die ich deine Hüterin bin! Schäme dich lieber, deine Absichten mit solch unmädchenhafter, unzarter Stirn zur Schau zu tragen! Und du, Angelo, schäme dich, diesem Mädchen, deiner Cousine, Dinge in den Kopf zu setzen, Gefühle in ihr zu erwecken, die du gar nicht die Absicht hast, jemals in dem Sinne zu erfüllen, in dem jeder im Hause sie deuten muß –«

Sie hielt inne, denn Daphne streckte beide Hände abwehrend gegen sie aus, und dieser stumme Appell brachte ihr zum Bewußtsein, daß sie in ihrer zügellosen Leidenschaftlichkeit, mit der sie heut verhindern wollte, was gestern noch ihr heißester Wunsch gewesen war, einen Schleier zerrissen hatte, dessen Unverletzlichkeit sie bisher mehr vage empfunden als bewußt gehütet hatte.

»Ich meine ja natürlich nur«, sagte sie dann wieder, aber völlig ernüchtert, doch Daphne, über deren Gesicht sich eine glühende Röte ergossen hatte, wandte sich ab und verließ langsam und leise das Zimmer, die Blumen zurücklassend, die zu Boden gefallen waren.

Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, bückte sich Torcelli und las den kleinen Strauß zusammen, ohne daß seine Mutter ein Wort dazu gesagt hätte, und als er sich wieder aufrichtete, sah er ihr stumm einen Moment in die Augen und ging dann auch hinaus.

Im linken Flügel der Loggia sah er noch die Gestalt seiner Cousine entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit langsam dahinschreiten. Er wartete, bis sie in der Tür zu ihren Gemächern verschwunden war und suchte dann die seinen auf. Dort verschloß er die Blumen in einer Kassette.

»Im Wasser hätten sie noch lange geblüht«, murmelte er. »Aber wozu diese Erinnerung an ein Erwachen pflegen, das kaum geboren, auch schon eingesargt werden muß! Warum erwacht man immer zu spät, wenn alles daran hängt, daß es rechtzeitig geschieht? Warum läßt man Blumen, noch ehe sie Knospen ansetzen, sich nicht ruhig und naturgemäß entfalten, sondern trägt sie in das Treibhaus seiner egoistischen Wünsche und erhitzt die künstliche Wärme darin bis zu dem Grade, der die Knospe abfallen lassen muß? Doch ich darf niemandem einen Vorwurf machen als mir selber, denn ich habe mich des Rechtes der Selbstbestimmung und das freien Entschlusses beraubt. Ach, Mutter! Mutter! Ich kann nicht mehr zurück. Ich selbst habe die Brücken abgebrochen, und wenn nicht das Unerwartete geschieht – es wird nicht geschehen, ich habe kein Glück. Ich habe in ihren Augen keine Abweisung gelesen und weiß auch jetzt, warum ich darauf gehofft habe, obgleich sie ja mein »Frauenideal« verkörpert, dieser russische Engel des Bellini.

Die beiden Freundinnen hatten in ihrer Gondel den größten Teil ihres Weges schweigend zurückgelegt. Olga Petrowna sah zwar diskret seitwärts ins Wasser, warf aber öfter einen scharfen, forschenden Blick auf das weiße kameenartige Gesicht ihrer Freundin, deren beunruhigter Ausdruck ihr nicht entging. Als ihr Hotel bereits in Sicht war, deutete Olga Petrowna auf den Palazzo Cavalli:

»Schade, daß er aus dem Besitze der bourbonischen Erben jetzt in festen Händen ist, denn das wäre doch wohl solch ein venezianisches Haus nach deinem Herzen, nicht?«

»Vielleicht – aber vor der sogenannten ›Restaurierung‹, die sicherlich innen alle Stimmung zerstört hat«, sagte Zoe Sarakow bedauernd. »Meinen Palazzo will ich so haben, wie ihm die Familie, die ihn errichtete, ihren Stempel seit Jahrhunderten aufgedrückt hat, mit ihren Geistern durch seine Räume wandelnd, in dunklen Ecken und Korridoren flüsternd und webend – ich glaube fest, daß der moderne Komfort die Geister der Vergangenheit vertreibt.«

»Du sprichst, als ob diese Idee keine momentane Kaprize, sondern eine beschlossene Sache wäre«, lächelte Olga Petrowna. Sie war ja am hübschesten, geradezu einnehmend, wenn sie lächelte; nur konnte sie nicht verhindern, daß gerade jetzt ihre Augen einen stechenden Blick hatten.

»Es ist keine Kaprize, durchaus nicht«, erwiderte Zoe Sarakow lebhaft. »Freilich ob's gerade eine beschlossene Sache ist, das hängt noch davon ab, ob ich einen solchen Palazzo finde, wie ich ihn mir denke, mit allem Inventar, mit historischer Vergangenheit, mit einem verträumten Garten!«

»Ah, ja, natürlich – das gehört dazu«, nickte Olga Petrowna zustimmend und fuhr dann wie beiläufig fort: »Der Direktor unseres Hotels, mit dem ich mich heut unterhielt, als ich vor unserer Abfahrt vorhin auf dich wartete, erzählte mir, daß die Torcelli wohl auch über kurz oder lang ihren Palast würden verkaufen müssen. Ein Wiener Bankier und ein Konsortium für Hotelbauten spekulierten schon darauf. Vielleicht – aber was solltest du mit einem Hause anfangen, das zweihundert Räume, die Treppen ungerechnet, enthält, wie der Onkel mir stolz erzählte!«

»Warum werden die Torcelli ihren Palast über kurz oder lang verkaufen müssen?« fragte die Fürstin, indem sie sich aufrichtete.

Olga Petrowna zuckte die Achseln.

»Wenn das Muß daneben steht, ist wohl der Grund nicht gar zu weit zu suchen«, meinte sie gleichmütig. »Der Direktor sagte, der Fürst trage keine Schuld, obschon er als Offizier bei den Gardereitern in Rom wohl auch nicht gerade Ersparnisse hätte machen können, denn es wäre das teuerste Regiment im ganzen Heer. Die alte Fürstin – sie sieht nebenbei für eine ›alte‹ noch verzweifelt jung aus, wirtschafte so toll darauf los mit ihrem Toilettenluxus. Hast du es übrigens bemerkt: das Kleid, das sie trug, war ein Gedicht, das ich in Gedanken dir anpaßte – dabei fällt mir ein: was hat doch diese Donna Laura – hieß sie nicht so? – für einen Rassekopf! Die würde ich mir als Maler zum Modell für eine Medea nehmen! Ein bißchen verblüht ist sie freilich schon, aber das war Medea wohl auch schon, als ihre Tragödie begann. Dafür ist aber die junge Dame mit den vielen Titeln, bei denen es einem im Kopfe schwirren konnte, so gewissenhaft wurden sie hergesagt, noch eine kaum erschlossene Knospe. Sie ist zum mindesten gefährlich interessant, wenn keine Schönheit, mit ihrem Flachshaar und ihren schwarzen Augen! Man braucht, glaube ich, nicht gerade eine Sibylle zu sein, um die Prophezeiung vom Stapel zu lassen, daß sie – vorausgesetzt, daß sie ebensoviel Geld wie Titel hat, dazu berufen scheint, dem Hause Torcelli den alten Glanz zurückzugeben, den ich wirklich etwas erblindet und abgeschabt gefunden habe. Der Stuhl, auf dem ich saß, hatte einen ganz zerschlissenen Überzug. Aber es kann ja auch möglich sein, daß solche Kleinigkeiten die Leute hierzulande nicht weiter stören –«

Hier wurde das im leichtesten Konversationstone vorgetragene Geplauder durch das Anlegen der Gondel vor dem Hotel unterbrochen, und als die Damen in die Vorhalle traten, sagte Olga Petrowna mit einem Blick, auf die Uhr:

»Noch einundeinehalbe Stunde bis zum Diner? Ich dachte, wir wären viel länger fort gewesen, – die Besichtigung der etwas ruppigen Pracht schien mir gar kein Ende nehmen zu wollen. Stelle dir vor, wenn man einen »ersten Besuch« bei uns so lange ausdehnen wollte! Aber für die Fremde gibt es ja keine gesellschaftlichen Gesetze. Hast du nicht auch noch das Bedürfnis nach etwas Bewegung und Luft? In dem Palazzo war solch eine schwüle, muffige Luft – dabei fällt mir ein: du fandest es ja dort so kalt, und ich hatte wirklich Angst, daß du krank werden könntest, denn das Gefühl war doch ein ganz unnatürliches, bei dieser Sommertemperatur! Bist du sicher, daß du dich ganz wohlfühlst, oder täten wir nicht besser, einen Arzt zu fragen –«

»Um alles in der Welt nicht!« unterbrach Zoe Sarakow zum ersten Mal das »harmlose« Geplauder, in dem Olga Petrowna eine solche Meisterin war. »Es war ja nichts als – als ein Gefühl, das man manchmal hat. Unsere Bauern sagen, wenn man über die Stelle geht, auf der die Totenträger unseren Sarg niederstellen, um auszurasten, dann überläuft's einen kalt. Oder wenn der Tod über unser Grab läuft.«

»Welche Idee! Wenn das Volk eine natürliche Erklärung nicht finden kann, dann muß irgend etwas Übernatürliches herhalten, was übrigens für eine Ballade ganz poetisch zu verwenden wäre. Mir liegt die nüchterne Erklärung, daß du dich mit der Eiscreme heut Mittag verkühlt hast, näher. Wollen wir noch ausgehen?«

»Ich möchte mich vor dem Diner lieber etwas hinlegen, ich bin müde und angegriffen«, erklärte die Fürstin entschuldigend. »Bist du böse, Olguschka, wenn ich dich allein gehen lasse?«

»Ich bitte dich! Lege dich, mein Herz, und lies nicht, sondern mache die Augen zu, ruhe, ruhe! Also auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« Und mit einem Kopfnicken setzte Zoe Sarakow sich in den Aufzug, während ihre Freundin das Hotel verließ und sich ziemlich eilig nach dem Markusplatze zu begab, und zwar so tief in Gedanken versunken, daß sie mehrmals mit anderen zusammenstieß. Vor dem Markusplatze trat sie dann in das Postamt ein, nahm an dem Tische in der Mitte Platz und begann auf einem Depeschenformular zu schreiben, doch mußte der Wortlaut ihr Mühe machen, denn sie knüllte drei oder vier Blätter zusammen und steckte sie in die Tasche, bis sie ihr Telegramm nach Wunsch aufgesetzt und dann noch einmal abgeschrieben hatte, worauf sie die Depesche mehrmals aufmerksam durchlas, indem sie mit dem Stift immer gewisse Zwischenworte übersprang.

Sie chiffriert, dachte der Herr, der auf ihren Platz wartete, mit der müßigen Verwunderung des ungeduldigen Zuschauers.

Das Telegramm aber, das Olga Petrowna endlich aufgab, trug die Adresse: Professor Vareskoi, Moskau, und enthielt in französischer Sprache so fabelhaft unwichtige Fragen und Mitteilungen, daß die niedliche kleine Telegraphistin, die es abnahm und mit gerunzelter Stirne zehnmal durchlas, zu dem Schlusse kam, es müsse doch hübsch sein, so viel Geld zu haben, um für derartige Lapalien, die auf jeder Ansichtspostkarte noch rechtzeitig ankämen, eine so große Summe hinauswerfen zu können.

Über dem Schreiben und Wiederschreiben der Depesche war so viel Zeit vergangen, daß Olga Petrowna ihre Sehnsucht nach Bewegung nicht mehr befriedigen konnte, sondern wieder recht eilig nach dem Hotel zurückkehren mußte, wollte sie ihre Freundin nicht mit dem natürlich extra für sie servierten Diner warten lassen. Sie hatte gerade noch Zeit, nachdem sie die vielen zerknüllten Depeschenformulare in ihrer Tasche fürs erste in ihre Reisetasche verschlossen und den Schlüssel in ihr Portemonnaie getan hatte, in fliegender Eile das Kleid zu wechseln und dann mit zehn Minuten Verspätung bei ihrer Freundin einzutreten.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, mein Herz!« rief sie noch in der Tür. »Es war aber so wunderschön in den Giardini – ja, ja, ich bin bis hin und zurück über die ganze Riva gelaufen und habe einen Hunger mitgebracht, einen Hunger –! Schade, daß du nicht mit warst, es war ein köstlicher Spaziergang in der silbrigen Abenddämmerung, und die Silhouette der Stadt von der Terrasse des Gartens aus – geradezu einzig!«

Zoe Sarakow war eine durchaus wahrhafte Natur; Erziehung und Beispiel hatten damit nichts zu tun, – die Liebe zur Wahrheit war ein angeborener Instinkt bei ihr, dem sie soweit gehorchte, als nicht Einflüsse sie bedrängten, die stärker waren als ihr Charakter. In jedem Falle aber verschmähte sie die Lüge in ihrer kleinlichen und schmutzigen Gastalt, weniger als Sünde, denn als Unwürdigkeit und Feigheit, und es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, sie bei anderen zu vermuten oder mißtrauisch zu suchen, besonders in einem Falle wie diesem, denn hätte Olga Petrowna ihr entweder gar nichts gesagt, oder einfach erzählt, sie wäre im Postbüro eingekehrt, um »Korrespondenzen zu erledigen«, so hätte sie weder nach der Natur dieser Korrespondenzen gefragt, weil sie diskret und gar nicht neugierig war, noch auch darüber nachgedacht, aber es hätte ihrer Wertschätzung der Freundin sicherlich einen argen Stoß versetzt, hätte sie auch nur ahnen können, daß diese ihr eine Lüge erzählte, die sie nicht herausgefordert hatte. Das Mißtrauen aber ist die natürliche Zwillingsschwester der Lüge; da Zoe nichts darauf erwiderte, schoß es durch Olga Petrownas Kopf: Sie glaubt mir nicht. Ist sie mir nachgegangen, und weiß sie, daß ich die ganze Zeit auf dem Postbüro zugebracht habe? Sie mußte darüber Gewißheit haben und erlangte sie später, indem sie die Kammerjungfer ihrer Freundin geschickt darüber ausforschte. Sie atmete auf, als sie hörte, Durchlaucht habe die Zeit bis zum Diner im Lehnsessel am Fenster zugebracht. Worauf dann Olga Petrowna ihre zerknüllten Depeschenformulare mit einer Schere in Atome zerschnitt und diese in Zwischenräumen in den Kanal warf, der unter ihrem Fenster vorbeifloß. Dann stand sie noch lange am Fenster und dachte darüber nach, was Zoe so zerstreut und geistesabwesend gemacht haben konnte, daß sie den ganzen Abend schweigsam und in sich gekehrt dagesessen und oft ganz verkehrte Antworten gegeben hatte, um dann sichtlich erleichtert das ungewöhnlich frühe Zurückziehen ihrer Freundin anzunehmen. Olga Petrowna wußte ganz genau, daß ihrer Eigenschaft als »Freundin« Grenzen gezogen waren, die sie Takt genug hatte, zu respektieren, oder – weil sie ihre Gründe hatte, es zu tun. Was sie bei Zoe Sarakow erreicht, war ja schon mehr, als viele Leute begreifen konnten. Ihre ungewöhnliche musikalische Begabung, die schon die höheren Regionen des Genies streifte, eine Begabung, die sie zu einer geradezu idealen Begleiterin machte für ein ausgesprochenes aber ungeschultes Genie, wie die junge, schöne Gemahlin des Gouverneurs es war, deren regellosen Fantasien und Gedanken sie mühelos auf dem Flügel folgen konnte, begeisterte die Autodidaktin auf der Geige dermaßen, daß davor ihre – zum mindesten gesagt – Gleichgültigkeit für die Person des Fräulein Vareskoi ganz in den Hintergrund trat. Die letztere, deren physische Kräfte, nach ihrer Aussage, einer Laufbahn im Konzertsaal nicht gewachsen waren, hatte früher die bescheidene Stellung einer Begleiterin in dem Hause inne, in dem die Fürstin Sarakow ihre Bekanntschaft machte. Es war wie ein Wunder, daß die völlig Fremde, die sie nie zuvor gesehen, nie gesprochen hatte, ihren Gedanken folgen konnte, die ihr Instrument in Harmonien erklingen ließ, die jeder Lehre spotteten. Und doch geschah das Unerwartete in einer Weise, welche diese ungeschulte Künstlerin derart begeisterte, daß sie nicht eher ruhte, bis sie den Schatz, dem sie so unerwartet begegnet war, für sich errungen hatte. Olga Petrowna zögerte mit ihrer Einwilligung nicht einen Augenblick, und es wurde schließlich auch der einflußreichen Persönlichkeit des Gouverneurs nicht schwer, durch seine Vermittlung den Vertrag des Fräulein Vareskoi mit ihren bisherigen Arbeitgebern in aller Freundschaft zu lösen. Zoe Alexandrowna entführte also die gefundene Perle in ihr eigenes Palais, dessen Mauern der eigenartige Genuß der Musik dieser beiden genial veranlagten Frauen damit gesichert war. Olga Petrowna war aber nicht nur eine Meisterin auf dem Flügel, sondern eine sehr vielseitig gebildete Persönlichkeit von großer Intelligenz, durch die sie auch den Gouverneur für sich einnahm, und ihr Anpassungsvermögen, verbunden mit einem feinbesaiteten Taktgefühl, gaben Ihr bald das Vorrecht der Unentbehrlichkeit, das sie, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen, für die Gesellschaft zu einer Ziffer machte, mit der man im Gouvernementspalais als einer der Hauptfaktoren rechnete. Das Attentat auf den Gouverneur mit seinem tragischen Ausgange gab Olga Petrowna Gelegenheit, der jungen Witwe näherzutreten durch ihre unaufdringliche Teilnahme und taktvollen Hilfeleistungen – sie war in Wahrheit in diesen Tagen ratlosen Wirrwarrs wie der Fels im Meer, an den die Gestrandeten sich hilfesuchend klammerten. Zoe Sarakow, die in ihrem Entsetzen zeitweise ganz den Halt verloren hatte, ergriff dankbaren Herzens die gebotene Hand, und verlieh der bisherigen »Gesellschafterin« den Freundinnentitel, der diese mit einem Male gesellschaftlich in eine ganz andere Sphäre versetzte – vor der Welt nämlich in die der sozialen Gleichberechtigung, die man einer Person in einer abhängigen Stellung nicht zugesteht, mag ihre Bildung sie auch dazu berechtigen. Die Leute der Petersburger Gesellschaft erinnerten sich nun plötzlich wieder, daß die Vareskoi »eigentlich« ein altes Bojarengeschlecht waren, das freilich den Fehler begangen hatte, wenn man es nicht Verbrechen nennen wollte, total zu verarmen. Dem Vater von Olga Petrowna hatte das gütige Väterchen Zar den Posten eines Adelsmarschalls in irgendeinem Gouvernement verliehen, doch dieser hatte sich dadurch unmöglich gemacht, daß er eine Ballettänzerin von zweifelhaftem oder vielmehr zweifellosem Rufe heiratete und mit ihr ins Obskure verschwand. Aber schließlich war das so lange schon her, und sein Sohn, Professor Vareskoi hatte sich nicht nur einen Namen in der Wissenschaft gemacht, er war auch ein so schöner interessanter Mann mit der wundervollsten Stimme, die man sich denken konnte. So war denn Olga Petrowna »anerkannt«; sie regierte eigentlich, wenn auch immer sehr diskret, im Palais Sarakow, gewissermaßen als Staatsminister für die inneren und äußeren Angelegenheiten, sie besorgte die Geschäfte ihrer Freundin, und doch – Olga Petrowna wußte, daß sie deren ganzes Vertrauen nicht besaß, daß es verborgene Winkel in Zoes Seele gab, die ihr verschlossen blieben und daß diese keine Ahnung davon hatte, daß Olga Petrowna ihre Existenz kannte und sich wohl hütete, sich einen Eintritt darin zu erzwingen, weil sie ja sowieso wußte, welch »Skelett im Schranke« vor ihr verborgen wurde, das heißt, sie hatte sich bis heute eingebildet, es zu wissen, es gab aber doch noch andere Dinge darin, wie es schien. Zum Beispiel einen Palast in Venedig, freilich vorläufig wohl nur im Entwurfe, aber dennoch etwas, das sie, Olga Petrowna, nicht gewußt, nicht vermutet hatte, davon sie vor anderen nur so beiläufig gehört, darum sie nicht um Rat gefragt worden war wie um alle anderen Angelegenheiten! Und dann diese Nachdenklichkeit, diese Geistesabwesenheit, kaum, daß man den Palazzo Torcelli verlassen hatte! Olga Petrowna konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, daß auch, nur ein Wort gefallen war, welches eine solche Nachwirkung hätte haben können! Es war ihr sicherlich nichts entgangen, sie war doch bei allem und jedem dabeigewesen, was gesprochen worden war, sie hatte Zoe nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen.

Jeder Mensch hat »eine Stelle, wo er sterblich ist«, und zwar liegt dieselbe immer außerhalb der Grenzen seines Berufes. Dieser war Olga Petrowna die Musik – aber daneben hatte sie ein Steckenpferd, eine Leidenschaft: die alten Ziehbrunnen und Zisternen vergangener Tage, um die sich eine ganze, eigene Poesie gebildet, deren Romantik berühmte Dichter bezaubert hat. Olga Petrowna besaß eine ganze Sammlung selbstaufgenommener Fotografien solcher alter malerischer Brunnen aus Dorf und Stadt, und die Zisternen von Venedig bereicherten diese durch ganz besonders eigenartige Bilder. Die berühmten erzenen Brunnen im Hofe des Dogenpalastes fesselten sie mehr als die Gemälde in demselben, und vor dem Brunnen im vorderen Hofe der Ca' Torcelli hatte sie für ein paar kurze Minuten auf ihre Freundin vergessen und es gar nicht bemerkt, daß diese allein mit dem Herrn des Hauses vorn in der Halle gestanden und gesprochen hatte, während sie sich die Erlaubnis ausbat, das zum Brunnenrand verwendete, antike Riesenkapitäl korinthischen Stils, ein marmornes Wunderwerk, fotografieren zu dürfen. Steckenpferde sind manchem schon zur Falle geworden, die sie selbst sich gelegt, was sie mit bitterer Reue zu spät erst erkennen müssen. Olga Petrowna ahnte gar nicht, daß ihr etwas entgangen war, und darum konnte sie auch keinen, gar keinen Anhalt finden für die auffallende Nachdenklichkeit und Insichgekehrtheit ihrer Freundin, die sie zwar in einem idealen, absolut unanfechtbaren Sinne war, obgleich sie gewisse Dinge ungeteilt für sich behielt. War das Instinkt, eine angeborene Reserve oder unbewußte Furcht? Olga Petrowna konnte nicht dahinterkommen und beschloß darum, die doch unumgängliche Entwicklung ruhig abzuwarten. Sie mußte sich damit zunächst in Geduld fassen, denn die Fürstin Sarakow erklärte am folgenden Morgen, ganz unfähig zu sein zu irgendeiner Besichtigung von Gemälden, und wirklich sah sie übernächtig und elend aus, dunkle Schatten lagen unter ihren fieberhaft glänzenden Augen und um ihren Mund ein Zug unsäglichen Schmerzes. Olga Petrowna war lebhaft besorgt um das Befinden ihrer Freundin, wenigstens gab sie diesen Gefühlen beredten Ausdruck und drang darauf, einen Arzt rufen zu lassen.

»Bitte, quäle mich nicht!« bat Zoe endlich, nachdem sie das Anerbieten ein halb dutzendmal abgelehnt, mit nervöser Ungeduld. »Ich werde schon selbst sagen, wenn ich einen Arzt brauche! Du meinst es so gut«, setzte sie reuig hinzu, indem sie der Freundin abbittend die Hand reichte, »Ich bin dir ja auch so dankbar, aber meine Nerven sind heute so unbotmäßig, daß du mich schon entschuldigen mußt, du liebe, treue Seele! Ich glaube, ich bleibe besser heut früh allein und versuche, den Schlaf ein wenig nachzuholen!«

»Gut, versuche es, mein Herz«, erwiderte Olga Petrowna zögernd. »Wir werden dann ja sehen, wie es dir geht. Irgend etwas muß aber in Unordnung sein, – ich wußte es gleich, nachdem du gestern diesen Frostanfall im Palazzo Torcelli hattest –«

»Bewahre. Ich bin physisch so gesund wie immer!«

»Du mußt das freilich wissen. Liebste! Aber dann – dann lastet etwas auf deinem Gemüte, mein armes Seelchen, – hast du schlechte Nachrichten erhalten?«

»Nein, Olguschka! Ich habe seit vierundzwanzig Stunden überhaupt nichts mehr mit der Post erhalten – die Zeitungen ausgenommen. Aber es gibt Stimmungen, die über einen kommen wie der Dieb in der Nacht. Das muß überwunden werden.«

»Wenn ich dir nur helfen dürfte, deine Last zu tragen! Bin ich nicht deine Freundin, die ein Recht darauf hat, ihr Teil daran zu beanspruchen? Wer weiß, ob es mir nicht gelänge, die Wolken ganz zu verjagen, die dir diesen schönen venezianischen Himmel trüben wollen!«

Zoe Sarakow schüttelte den Kopf.

»Es gibt Dinge, die keines Menschen Hand in einem berühren kann – und darf«, erwiderte sie freundlich, aber fest. »Dinge, die entweiht werden würden, wenn man sie dem Rate anderer unterwürfe, den zu fordern, selbst von seinem besten Freunde, man das Recht nicht hat, der Verantwortung wegen, die man damit auf des Freundes Schultern lüde. Dinge, von denen den Schleier des Heiligtums zu ziehen man nur dann vermag, wenn sie aufgehört haben, ein Heiligtum zu sein, oder es nie gewesen sind.«

»Es sei fern von mir, den Anspruch erheben zu wollen, den Fuß in ein Heiligtum zu setzen, auf das ich kein Recht habe«, entgegnete Olga Petrowna resigniert, indem sie ein leises Beben in dem Klange ihres angenehmen, diskreten Organes markierte, da sie auf das feine, jeder Stimmung zugängliche Ohr der Fürstin rechnete. Aber sei es, daß deren Gehör heut für äußere Klänge verschlossen war oder daß sie absichtlich überhören wollte – sie senkte den Blick und sagte nach einer kaum bemerkbaren Pause:

»Ich danke dir, Olguschka, obgleich es des Danks wohl kaum bedarf, da ich ja sicher sein konnte, das Verständnis bei dir zu finden, das mir deine Freundschaft so wert macht. Aber ich bitte dich – laß dich durch mich nicht abhalten, einen Spaziergang auf eigene Faust zu machen«, fuhr sie liebenswürdig fort, »und wenn du schöne Brunnen dabei entdeckst, dir die Lage zu merken, damit du mich später einmal hinführen kannst!«

Olga Petrowna merkte, daß Zoe das Gespräch abbrechen wollte, empfahl ihr, ohne eine Spur von Empfindlichkeit zu zeigen, völlige Ruhe und glitt mit einem lächelnden »Auf Wiedersehen, mein Herz!« aus dem Zimmer.

»Sie hat ein Geheimnis vor mir«, dachte sie, als sie ihr Zimmer betrat, das den Räumen der Fürstin gegenüberlag. »Ein Geheimnis, welches mit dem anderen, das ich besser kenne als sie, nichts zu tun hat. Oder doch? Ein »Heiligtum!« Also soweit wären wir noch nicht, um Eintritt in Heiligtümer zu finden! Vielleicht, wenn man mit Trennung drohte – unter Tränen – Damit hat es noch Zeit, bis sie weicher geworden ist; sie war jetzt irritiert, ich sah es in ihren Augen, sie hätte jetzt am Ende angenommen. Wahrscheinlich sogar. Vielleicht hat sie sogar gehofft, mit mir brechen zu können, als sie mich davor warnte, weiterzugehen, als sie mir erlaubte. Bei dem anderen – pah! das ist begreiflich. So etwas wagt man ja nicht einmal seinem Gatten zu sagen, wie wir wissen. Aber sie zieht mir Grenzen, die ich nicht erwartet hätte. Man lernt eben einen Menschen niemals ganz kennen. Sie will mich fort haben heute morgen, ich soll ausgehen! Nein, mein Schatz, wir werden hierbleiben und als getreuer Eckhard deinen – Schlummer bewachen.

Hinter dem Vorhang der halbgeöffneten Tür beobachtete Olga Petrowna mit der Geduld des zur Wache befohlenen Hundes oder – des gewerbsmäßigen Spions den ganzen Vormittag die Türreihe auf der anderen Seite des teppichbelegten Korridors, doch niemand ging dort aus noch ein, mit Ausnahme der Kammerjungfer, welche die Kleider bürsten ging und wiederbrachte – eine sehr beschränkte, aber pflichttreue Person, von der Olga Petrowna sicher war, daß man sie unmöglich zu irgendwelchem Auftrage brauchen konnte, der außerhalb ihres Kammerdienstes lag. Gegen Mittag kam der Portier mit den eingegangenen Postsachen, und Olga Petrowna, die ihn in das Zimmer eines anderen Gastes treten sah, kam ihm dann »zufällig« entgegen und nahm ihm die Mühe, bei der Fürstin zu klopfen, ab. Er hatte nichts für sie als die Zeitungen und einige indifferente Geschäftsanzeigen. Endlich war die Stunde des Lunch gekommen, und als Olga Petrowna das kleine, separate Speisezimmer betrat, das zu den Räumen der Fürstin gehörte, trat ihr diese zum Ausgehen gekleidet entgegen, sie sah wohler aus, jedenfalls völlig beherrscht und der Stunde gewachsen.

»Ich habe etwas geschlafen, und meine dummen Nerven erlauben mir jetzt wieder, vernünftig zu sein«, erklärte sie liebenswürdig. »Ich schäme mich fast, dir Dummheiten vorgeschwatzt zu haben, die eine Ausgeburt des Schirokkos waren, den wir heut nacht gehabt haben sollen. Hast du neue Brunnen entdeckt? Und bist du nicht zu müde zu einem Ausflug? Dann möchte ich einen nach dem Brentakanal vorschlagen, um die Villa Malinconica zu besuchen – die »Schwermütige«, von der mein Reisebuch erzählt, daß sie so malerisch in ihrer Vereinsamung liegen soll. Es geht ein Schiff um zwei Uhr ab, wir haben also Zeit.«

Olga Petrowna zeigte sich von dem Plan begeistert.

So fuhren sie denn mit dem Schiff nach Fusina und von dort am Brentakanal entlang. Sie fragten sich unterwegs, warum die Venezianer sich mit solcher Vorliebe diese flache, melancholische Landschaft für ihre Sommersitze ausgewählt und ihre manchmal palastähnlichen Häuser an die weiden besetzten Ufer dieses langsam dahinfließenden Wassers gebaut haben. Umgeben von Zypressen, Weiden und Maulbeerbäumen erhob sich die »Malinconica«, wie eine steingewordene Ballade über dem Kanal. Ein Hauch unsäglicher Melancholie, eine fast trostlose Verlassenheit ging von dem Palaste aus, vor dem die Steinstufen der eleganten Freitreppe abbröckelten in der feuchtwarmen Luft und das Gras aus den Ritzen darin sproßte, ungehindert von erhaltenden Händen. Moos wuchs auch in warmen, grünen Tönen auf den Marmorquadern, die das Gebäude mit seinen festgeschlossenen, modernden Fensterläden bekleideten, hinter denen man etwas mehr vermutete, als leere, unbewohnte Zimmer.

»Es könnte ein Katafalk dahinter stehen«, murmelte Zoe Sarakow mit einem leisen Schauer. »Und auf dem Katafalk ein offener Sarg mit – mit jemand darin, den eine unbekannte Hand gefällt, und rings umher hohe, brennende Wachskerzen. Und keine lebende Seele um den Katafalk, als nur der Kapuziner, der kniend seine Gebete für die arme, arme Seele murmelt, die vielleicht schon verloren war, ehe sie fortmußte ins unbekannte Land, aus dem niemand mehr zurückkehrt. Und dort um die Ecke über den grasverwachsenen Kiesweg kann jeden Augenblick der Leichenwagen biegen mit sechs schwarzverhängten Rossen davor –«

»Gott bewahre, Zoe, welche Phantasie!« unterbrach Olga Petrowna ihre Freundin mit einem mißglückten Lachen, indem sie unwillkürlich nach der angedeuteten Ecke blickte. »Man sieht schon, du bist mit deinen Nerven ganz fertig. Das ist nicht der Ort, um dich zu erheitern, zu zerstreuen! Es ist wahr, dieses Landhaus gleicht mehr einer riesigen Familiengruft als einem Ort der Erholung; kein Wunder, daß er unbewohnt ist. Laß uns ein schattiges Plätzchen unter den Bäumen suchen, oder vielleicht hat die Ortschaft hinter dem Park eine Osteria.«

Aber Zoe Sarakow wollte das Haus inwendig sehen.

»Nur damit ich mich überzeuge, daß der Katafalk nicht darin steht«, meinte sie mit einem matten Lächeln, und schulterzuckend folgte ihr Olga Petrowna um den verlassenen Palast, auf dessen Gartenseite richtig im Erdgeschoß die Wohnung des Aufsehers lag, der beim Anblick der beiden Damen einen Bund rostiger Schlüssel holte.

»Die Signora will die Villa wohl kaufen?« fragte er. »Es sind in letzter Zeit schon mehrere Kauflustige dagewesen, der österreichische Ebreo sogar schon zweimal.«

Zoe widersprach der Annahme nicht, daß auch sie eine Kauflustige auf die »Malinconica« sei; wozu auch? Schweigsam folgte sie ihm durch eine Flucht von Zimmern und Sälen, die wohl eingerichtet waren, aber erfüllt mit dem Moderhauch der Verlassenheit. Auf dem steinernen, teppichlosen Estrich hallten die Schritte von den hohen Wänden wider, die zum Teil mit seidenen, aber stark beschädigten Tapeten bespannt waren, oder zersprungene Freskomalereien mit Moderflecken darauf zeigten. Als sie in eines der Gemächer dieser fast endlosen Zimmerflucht traten, fuhr Zoe mit einem leisen Ausruf zurück: »Der Katafalk!« Freilich versuchte sie über den Irrtum zu lachen, denn das verkannte Möbel war nur ein breites Himmelbett, das von grünsamtnen Vorhängen halb verhüllt auf einer Estrade stand, aber es hatte in dem Dunkel, ehe der Aufseher die Läden öffnete, wirklich etwas von einem Katafalk.

»Und hier wohnt niemals jemand?« fragte Zoe beklommen. »Wer ist eigentlich der Besitzer?«

»Der Principe Torcelli dal Giglio«, erwiderte der Mann, erstaunt darüber, daß jemand das Haus kaufen wollte, ohne zu wissen, von wem.

»Ah!« Die beiden Damen sahen sich an, beide ehrlich überrascht, denn weder das allgemeine Reisehandbuch, das den Namen der »Malinconica« am Brentakanal nur eben mit einem Stern vor dem Namen führt, noch auch der treffliche englische Führer durch Venedig und seine Umgebung, der ausführlicher über die Geschichte und den edlen Bau dieses Landhauses berichtet, nennen den Namen seines Besitzers; nur den des Baumeisters, der zu den »Unsterblichen« gehört.

»Wir wollen gehen«, sagte Zoe Sarakow zu ihrer Freundin. »Hätte ich das ahnen können, so hätte ich nicht unterlassen, den Besitzer um die Erlaubnis zur Befriedigung meiner Neugierde zu bitten.«

Olga Petrowna nickte.

»Deines Interesses«, verbesserte sie.

»Wer weiß denn, wo jenes aufhört und dieses anfängt?« erwiderte die Fürstin, sichtlich peinlich berührt.

»Die Familie kümmert sich sicher nicht darum, wer dies Haus besucht«, redete ihr Olga Petrowna zu, »und erfährt es auch kaum, daß zwei fremde Damen hier waren –«

»Doch, denn ich werde der Principessa sagen – oder schreiben, daß ich hier war, und um Entschuldigung für meine unwissentliche Indiskretion bitten«, entgegnete Zoe kurz und wandte sich, sehr zum Erstaunen des Aufsehers, der durchaus noch die berühmte freskengeschmückte »Galleria« zeigen wollte, zum Gehen. Draußen auf der Terrasse der Freitreppe trat sie aber doch noch bis an die Balustrade heran und sah hinab in den verwilderten, verträumten Park, dem die hohen, dunklen Säulenzypressen etwas Feierliches, Melancholisches verliehen, das für die Weltabgeschiedenheit eines Klosters besser gestimmt hätte als für ein Landhaus, welches der Erholung und dem frohen Naturgenusse dienen soll. Dem Südländer freilich ist die Zypresse ein schmückender Baum wie jeder andere und besonders beliebt durch den malerischen Kontrast ihres dunklen, fast schwarz gegen die Laubbäume abstechenden Grüns, während wir gewohnt sind, sie nur auf den Friedhöfen zu finden, in denen sie ernst und schlank neben Gräbern zum Himmel ragen wie eine Trauernde, ein Symbol des ewigen Lebens. Weit hinten, am Ende des nicht allzugroßen Parks stand eine ganze Gruppe von Zypressen, zwischen denen ein Gebäude zu erkennen war, das einem der Barockzeit angehörigen Pavillon glich, mit anscheinend reichverzierter Fassade und breitem Portal; das Dach mit seiner Giebelkrönung verschwand ganz hinter den dichtstehenden, aufstrebenden Bäumen.

»Was ist das für ein Gebäude?« fragte Olga Petrowna, die neben ihre Freundin getreten war. »Wohl ein Sommerhaus?«

»Das ist die Familiengruft der Torcelli«, erwiderte der Aufseher bereitwillig. »Sie wurde vor hundertfünfzig Jahren gebaut, als kein Platz mehr in San Stefano war, wo sie eingepfarrt sind. Es lieben aber nicht alle, immer ihre letzte Wohnung vor Augen zu haben, und darum steht das Haus so oft und lange leer. Deswegen hat es auch den Namen »La Malinconica«, die Schwermütige, erhalten. Erst haben's die Leute nur so genannt, und heute weiß kein Mensch mehr, daß es eigentlich »Mia Gioia«, meine Freude, hieß. Der Frau Prinzessin-Witwe, der Mutter unseres Herrn, ist das Haus eigentlich als Witwensitz verschrieben, aber lieber Himmel, sie war noch nicht einmal hier, seit der Herr Principe, ihr Gemahl, starb, – das heißt, um hier zu wohnen, denn zum Requiem an seinem Todestage kommt sie natürlich immer her. Sie ist eben noch verhältnismäßig jung und lebenslustig und macht nur immer wieder, daß sie fortkommt – ja, ja, – die Gruft dort unten hat schon manchen Käufer vertrieben! Was aber, mit Erlaubnis zu sagen, töricht ist, denn was gehen einen Fremden die toten Torcelli an, frage ich? Nichts, denn sie brauchen sich da drinnen nicht begraben zu lassen, dürfen's gar nicht, selbst wenn sie wollten, denn die Gruft ist natürlich nicht verkäuflich. Der Wiener Ebreo –« dabei spuckte der Mann aus, wie es sich für einen Venezier oder Lombarden schickt, wenn er von einem Österreicher redet in der Erinnerung an die Herrschaft dieses Reiches, »der Wiener Ebreo sprach davon, eine Mauer aufführen zu lassen, welche die Aussicht auf die Gruft verstecken soll – meinetwegen, denn wenn er kommt, gehe ich sowieso. Einem Österreicher und einem Hebräer diene ich nicht. Ich bin ein Christ, und mein Großvater schon hat den Torcelli gedient. Ich hab's dem Principe gesagt, und er hat mir versprochen, ein Häuschen für mich zu bauen, zehn Schritte neben der Gruft, und dort bleibe ich Kustode für die Toten Torcelli, wenn ich schon aufhören soll, es für die Lebenden zu sein. Er ist ein guter Herr, unser Principe Don Angelo! Das ist er, und ein Mensch mit einem Herzen von Gold für unsereins, und sein Unglück – er ist mit dem Pferde gestürzt und seitdem lahm – trägt er wie ein Mann. Wer die Dame auch immer ist, der er die Ehre erweisen wird, seine Frau zu werden, die ist bei ihm geborgen wie in Vater Abrahams Schoß.«

Das Trinkgeld, das aus Zoes Hand in die bereitwillig hingestreckte Rechte des Mannes glitt, war derart, daß er mit offenem Munde stand und den Damen nachsah, als diese durch den Park dann noch bis zur Gruft hinwandelten. Nachdem er sich von diesem unerwarteten Gottessegen etwas erholt hatte, rannte er den Damen nach und fragte, ob er ihnen die Gruft aufschließen dürfe wegen des Altarblattes von Tiepolo, auf dem die Madonna schützend ihre Hände über die Lilien der Torcelli ausbreitet. Nach einem kurzen Zögern erlag Zoe der Versuchung – den Tiepolo zu sehen, der über dem Barockaltar der stimmungsvollen Grabkapelle mit seinen entzückenden Engeln auf sonnengolddurchglühtem Wolkenhintergrunde vielleicht besser in ein Hausoratorium oder – in ein Boudoir gepaßt hätte als zu der Stätte der Toten.

Zoe Sarakow, die wortlos durch den Palast gewandelt war und unter den Bäumen des Parkes einsilbig blieb, schwieg auch in der Gruftkapelle.

»Die Malinconica übt, wie es scheint, auch auf dich ihre Wirkung aus«, konnte Olga Petrowna sich nicht enthalten mit einem leisen Hauch von Spott zu bemerken. »Seit du durch die Mauer des Hauses die düstere Vision von dem Katafalk mit den flackernden Kerzen hattest, sind keine zehn Worte mehr aus deinem Munde gekommen.«

Zoe antwortete nicht.

Fräulein Vareskoi warf einen scharfen Blick auf das feine, durchsichtige Gesicht mit den eigentümlich leuchtenden Augen, die geradeaus vor sich hinsahen.

»Du hast doch ein wenig Fieber, mein Herz«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich gebe aber zu, daß einem diese Atmosphäre hier auf die Nerven geht; sie ist niederdrückend und beklemmend. Schon aus diesem Grunde hätten wir besser nicht herkommen sollen. Unser Ausflug war ein Mißerfolg, ein verfehltes Unternehmen.«

»Er war eine Offenbarung«, erwiderte Zoe mit einem so strahlenden Lächeln, daß Olga Petrowna nun wirklich, trotz aller Klugheit, nicht mehr wußte, woran sie war.

Als sie am Abend bei einem glorreichen Sonnenuntergange in ihr Hotel zurückkehrten, wurden ihnen Karten überreicht: die Herrschaften hatten sehr bedauert, die Damen verfehlt zu haben, und ließen bitten, gütigst eine Antwort senden zu wollen.

»Torcelli dal Giglio« stand nach der Gepflogenheit der italienischen Granden ohne jede Titelnennung unter einer sehr diskret aufgeprägten Fürstenkrone auf der einen dieser doppelt abgegebenen Karten; auf der anderen, unter demselben Emblem: Fabiola Torcelli-Corleone. Auf dieser waren die Worte gekritzelt: Bittet die Fürstin Sarakow und Fräulein Vareskoi morgen den Pranzo bei ihr zu nehmen. 8 Uhr.

»Sehr liebenswürdig«, murmelte Olga Petrowna, nachdem sie die Einladung gelesen hatte. »Werden wir annehmen?«

»Ich werd's mir noch überlegen«, erwiderte die Fürstin, indem sie müde in einen Sessel sank.

»Aber die Principessa bat um Antwort, nicht? Du bist angegriffen, Herz, ruhe dich jetzt etwas aus, ich werde natürlich in deinem Namen schreiben – wie immer, wenn Einladungen zu beantworten sind.«

»Ich danke dir für deine Liebenswürdigkeit, Olguschka, ich werde der Principessa selbst Antwort geben«, fiel Zoe freundlich ein.

»Aber, liebes Herz, das wäre doch das erste Mal, seit du mir diesen Teil deiner Korrespondenz anvertraut hast –«

»Ausnahmen vorbehalten, natürlich«, lächelte die Fürstin. »Wir sind im Ausland, in Italien, und Fürst Sarakow hat mir gesagt, daß man hier sehr großen Wert auf gewisse Zeremonien legt. Es wird besser und höflicher sein, wenn ich selbst schreibe.«

»Ich hätte es natürlich sehr höflich gemacht, aber wie du denkst, Herz! Ich wollte dir nur eine immer so lästige Arbeit ersparen.«

»Wofür ich dir dankbar bin, Olguschka.«

Fräulein Vareskoi mußte den Grund für die Ablehnung ihrer Dienste gelten lassen, – äußerlich; innerlich hatte sie mehrere Einwendungen. Beim Pranzo, das der Engländer wegen natürlich »Dinner« im Hotel genannt wurde, fragte sie dann so nebenher wieder an, welcher Bescheid der Principessa Torcelli gegeben worden war. Noch gar keine, es eilte nicht so sehr, wurde ihr sehr freundlich erwidert. Dann sprach man von anderen Dingen, und nach dem Mahl erklärte Zoe so müde zu sein, daß sie sich gleich zurückziehen müsse.

Olga Petrowna hatte an diesem Abend in der Stille ihres Kämmerleins den Rätseln des letzten Tages noch einige neue hinzuzufügen, die ihr schweres Kopfzerbrechen machten. Klug wie sie war, und so viele Lösungen sie sich ausdachte, es wollte ihr keine so recht stimmen, und sie beschloß, zur geeigneten Stunde Saiten aufzuziehen, die den gewünschten Ton vielleicht erklingen ließen.

In Zoes Seele waren aber inzwischen ganz andere Saiten zum Klingen gebracht worden. Zwar fand sie in dieser Nacht die Ruhe ebensowenig wie in der vorigen, aber es waren nicht nur Dissonanzen, die sie quälten, denn die große Tonmeisterin Hoffnung löste sie in Harmonien auf, wie sie in solchen wundervollen Akkorden nur die erklingen machen kann, von welcher der Apostel gesagt, daß sie »die größte unter den großen Dreien sei«. Bei dem Besuch von Torcelli hatte Zoe zum erstenmal Olga Petrownas Gesellschaft als überflüssig empfunden, als eine Kette, die ihr unbequem war, die sie irgendwo drückte. Zwar war ihr die Freundin unentbehrlich in ihrer Einsamkeit, doch war sie niemals so weit gegangen, ihr jede Kammer ihres Herzens zu öffnen; nicht nur, weil sie es überhaupt nicht durfte, sondern weil sie gar nicht zu den vertrauensbedürftigen Naturen gehörte, die sich einer Freundschaft derart in die Arme werfen, daß sie ihr ganzes Inneres entschleiern und nichts für sich zurückbehalten können, was ihr Eigentum bleibt. Im Gegenteil: seit sie vorgestern die Ca' Torcelli verlassen, hatte sie, vielleicht mehr instinktiv als gewollt, den deutlich gefühlten Wunsch, einem Vertrauensaustausch mit Olga Petrowna auszuweichen, ihn sogar abzulehnen, wenn es nicht anders ging, denn hingezogen wie sie sich zu ihr durch ihre ungewöhnliche musikalische Begabung fühlte, dankbar wie sie ihr für die erwiesenen taktvollen Aufmerksamkeiten in schwerer Zeit war, sympathisch, weil sie viele gemeinsame Interessen berührten, so gab es Momente, in denen sie flüchtig und vorübergehend wünschte, die Freundschaft weniger intim geschlossen zu haben. Sie konnte nicht einmal genau sagen, woran das lag, sie wußte nur, daß sie nicht alles geben konnte und wollte.

Zoe war zu sehr vom Hauche der Welt berührt worden, um sich im Unklaren darüber zu sein, welche Bedeutung es haben konnte, daß der venezianische Magnat im Verlaufe von 24 Stunden zum zweitenmal bewußt ihren Pfad kreuzte. Sie fühlte sich sehr zu ihm hingezogen, denn sie hatte in seinen Augen die unheilige, verzehrende Flamme nicht gefunden, die ihr so oft entgegengeschlagen war, ohne sie zu versengen. Sie hatte auch nichts von dem grob gemalten Feuer gesehen, mit dem sehr bald nach dem Tode des Fürsten die professionellen Goldfischjäger die reiche, junge Witwe zu betören kamen. Deshalb hatte sie auch nicht erwartet, daß er seine Absichten so bald und so unverhüllt zum Ausdruck bringen würde. Aber die vornehme Art und Weise, ohne die gewohnten Beteuerungen, hatten sie so gefesselt, daß sie nicht imstande gewesen wäre, Olga Petrowna etwas davon zu sagen, geschweige denn sie mit der Abfassung des Korbes zu beauftragen. Sie wollte selbst schreiben, und keine Seele sollte darum wissen. Aber mit der Feder in der Hand begann sie ihre Gefühle zu analysieren und kam erschrocken zu dem Schlusse, daß der Principe ihr nicht mehr gleichgültig war. Sie hatte die ganze Nacht mit sich gerungen, und fühlte dabei etwas ganz Ungewohntes in sich sprechen: ihr Herz. Zum ersten Male in ihrem Leben! So blieb der Brief zunächst ungeschrieben, und als in der Malinconica der Aufseher von seinem Herrn sagte: »Er ist ein Mensch mit einem Herzen von Gold – wer die Dame auch immer ist, der er die Ehre erweisen wird, seine Frau zu werden, die ist bei ihm geborgen wie in Vater Abrahams Schoß« – da kam es wie die Offenbarung über sie, und zugleich blendete sie ein solcher leuchtender Hoffnungsstrahl, daß sie die Augen vor ihm schloß. Als aber die Entscheidung von ihr durch die Einladung der Principessa gefordert wurde, da kam das Heer der Zweifel wieder über sie, und erst der neue Morgen brachte ihr den Mut eines Entschlusses, zu dem die Zuversicht und das Vertrauen sie unaufhaltsam führten.

Heiter und scheinbar ganz wieder hergestellt, trat sie am Morgen der Freundin entgegen, die sie forschend ansah, und brach mit ihr nach dem Frühstück in die Akademie auf. Olga Petrowna hatte außer den Fragen nach ihrem Befinden keine anderen an sie gerichtet, ehe sie aber in die Gondel stiegen, sagte sie, als ob sie sich von ungefähr darauf besänne:

»Halt, da fällt mir ein: müßtest du nicht am Vormittag eigentlich der Principessa Torcelli eine Antwort schicken?«

»Dank für die Erinnerung. Es ist schon geschehen«, erwiderte Zoe leicht. »Ich habe natürlich angenommen.«

»Natürlich?« fragte Olga Petrowna gedehnt. »Ich dachte – es ist freilich nur eine ganz unmaßgebliche Meinung – aber der Principe ist doch schließlich ein unverheirateter Mann und hat dir Aufmerksamkeiten erwiesen, die – die mich wieder einmal in die Lage versetzen könnten, einen der bewußten Briefe zu schreiben –«

»Ich würde ihn dir nicht zumuten, Olga.«

»Zumuten! Ich tue es ja sehr gern, nur –«

»Willst du die Beurteilung, ob ich die Einladung annehmen soll oder nicht, mir überlassen?« fragte Zoe Sarakow mit liebenswürdigem Lächeln, indem sie ihre Freundin voll ansah.

Olga Petrowna schlug die Augen nieder, und ein fahles Rot flog über ihre farblosen Wangen. Sie hatte verstanden, daß sie einen Übergriff getan, aber nun mußte sie weitergehen, um ihren Ruf zu retten – oder aus anderen Gründen.

»Mein Herz, du bist Herrin deiner Handlungen«, sagte sie sanft. »Aber mit dem Rechte der Freundschaft, die du mir geschenkt hast, ist es meine Pflicht, dir vorzustellen, daß es vielleicht nicht weise ist, bei diesen Leuten Erwartungen, wenn nicht Hoffnungen zu erwecken, die zu erfüllen du ganz gewiß nicht gewillt bist, nicht wahr?«

Zoe öffnete die Lippen, um etwas zu sagen – und schloß sie wieder, aber ihr Blick, der sich mit dem Olgas sekundenlang kreuzte, sagte mehr, als die schärfste, mündliche Ablehnung einer Einmischung in persönliche Angelegenheiten, die noch dazu verzweifelt einer moralischen Maßregelung glich, vermocht hätte.

»Steigen wir ein – ich freue mich auf einen langen Morgen in der Galerie«, sagte sie nach dieser sekundenlangen Pause ohne eine Spur von Erregung, ohne ihrem immer freundlichen Tone eine Nuance von Kälte zu geben, als hätte sie die Worte Olga Petrownas gar nicht gehört. Letztere folgte ihr mit einem eigenen Lächeln, das nichts mit dem sonst so sehr verschönenden zu tun hatte, und als die Damen nebeneinander in der Gondel saßen, legte sie ihre Hand auf die der Fürstin und murmelte:

»Zoe, mein Herz, – die Annäherung des Principe war doch zu betont, als daß du sie nicht richtig deuten könntest –«

Der erstaunte Blick, mit dem die Fürstin ihre Freundin ansah, war nicht im mindesten gemacht. Sie traute ihren Ohren einfach nicht. Olga Petrowna, dieses Vorbild des Taktes, war taktlos, und zwar zum zweiten Male binnen zehn Minuten.

»Sieh einmal die Barke da drüben, – das scheint ein Ruderklub zu sein«, sagte sie, scheinbar ganz ruhig, innerlich aber beinahe mehr beunruhigt als verletzt oder enttäuscht. Olga Petrowna schien nun endlich die erhaltenen Marken verstanden zu haben, aber sie folgte der nach rechts deutenden Handbewegung nicht. Zoe hatte ein großmütiges Herz und überwand rasch mit seiner Hilfe den Mißklang, den ersten, in ihrem Beisammensein mit Olga Petrowna, während diese für gut fand, einsilbig und in sich gekehrt zu bleiben. Bei einer anderen Person hätte man das »maulen« genannt; Zoe hielt es einfach für das Resultat einer beschämenden Selbsterkenntnis und glaubte ihrer Freundin, die ja nur im Übereifer für ihr, Zoes, Bestes sich vergessen haben konnte, am leichtesten darüber hinwegzuhelfen, daß sie tat, als wenn nichts geschehen wäre; aber die menschliche Natur kann alles verstehend wohl alles vergeben, indes so schnell nicht auch vergessen, und darum legte Zoe vor die so schon für Olga Petrowna noch nicht geöffnete Kammer ihres Herzens ein zweites Sicherheitsschloß ...

In der Ca' Torcelli wurden die fremden Gäste am Abend mit der ganzen Grandezza und ausgesuchten Höflichkeit empfangen, die der lateinischen Rasse eigen ist und dem Fremden das Gefühl einer Sonderstellung von höchster Auszeichnung verleiht. Zwar hatte Donna Fabiola den erwarteten Brief aus Petersburg natürlich noch nicht erhalten, aber sie hatte überlegt, daß es auf alle Fälle weise wäre, das Eisen zu schmieden, solange es warm ist; sollte wider Erwarten mit dieser nordischen Magnatenwitwe etwas nicht in Richtigkeit sein, so konnte man die Pforten immer noch verschließen. Nur zu einem hatte Donna Fabiola sich noch nicht verstehen können: die Fürstin Sarakow in der Intimität ihrer Wohnräume des oberen Geschosses zu empfangen; so weit wollte sie nicht gehen, ehe der Brief aus Petersburg ihr die Versicherung verschafft hatte, daß kein Schatten den Ruf der Fremden trübte, denn welche Fehler Donna Fabiola immer auch haben mochte, der Skandal hatte sich an ihren Namen nie geheftet. Über die Identität der Person hegte Donna Fabiola keine Zweifel mehr hinsichtlich der Fürstin Sarakow, denn ehe sie ihren Gegenbesuch im Hotel machte, hatte sie Don Orso mit einer diplomatischen Mission betraut, ohne ihrem Sohne davon etwas zu sagen, und Don Orso, der seinen Auftrag ganz gut begriff, kam von der Polizeibehörde mit der Versicherung zurück, daß die Pässe der Fürstin Sarakow und ihrer Freundin ganz in Ordnung seien und man keinen Grund hätte, an der Richtigkeit der Persönlichkeiten zu zweifeln. Das war wenigstens ein Stein vom Herzen, denn man überwacht aus naheliegenden Gründen die von Rußland kommenden Fremden in Italien schärfer als die aus anderen Ländern.

Angelo Torcelli verstand sehr gut die Meinung in der Anordnung seiner Mutter zum Empfange ihrer Gäste in den Staatsgemächern und machte keine Einwände, die nur eine Kontroverse hervorgerufen hätten, in welcher er schließlich nachzugeben hatte. Es war ja auch ganz gut so und machte sich sehr würdevoll; von der feinen Nuance, die darin lag, konnte die Fürstin Sarakow nichts wissen.

Zoe fand ihren Wirt älter und ernster aussehend, als er sie oben an der Treppe begrüßte und zu seiner Mutter geleitete, die ihren Gästen heute bis in die Mitte des großen Saales entgegenkam, in dem für die junge Fremde wieder jene eisige, beklemmende Kälte herrschte, die sie zwar ohne die Begleitempfindung des ersten Males verspürte, der zu entrinnen sie aber doch sehr froh war. Sie konnte es nicht verhindern, so sehr sie sich darüber ärgerte, daß eine rosige Röte ihr feines Gesicht überzog, als Angelo Torcelli sie mit der zeremoniellen Korrektheit des Romanen begrüßte, doch es berührte sie wiederum sehr wohltuend, daß sie in seinen Augen zwar eine ungeheuchelte Bewunderung ihrer Erscheinung las, aber nichts von jener wirklichen oder künstlichen Glut, die eine vornehme Frauenseele verletzt und zurückstößt. Sie wußte, daß sie heute strahlend schön aussah in ihrer kurzen, der Kleinheit des Kreises entsprechenden Abendtoilette von weißer, mit Spitzen inkrustierter Seide, die weich und anschmiegend ihre tadellose Gestalt umfloß. In dem wundervollen, bronzefarbenen Haar mit den wie Gold schimmernden, krausen Spitzen trug sie hoch über der Stirn einen flammensprühenden Stern von Diamanten und an der Brust den Alexandrit in seiner dunklen Goldfassung, der sein Grün im scheidenden Tage draußen zurückgelassen hatte und in dem elektrischen Lichte die nur diesem Steine eigene, unnachahmliche purpurviolette Farbe seines dichroitischen Charakters zeigte.

Zoe Sarakow hatte vor ihrem Spiegelbild im Hotel eine naive Freude, eine selten verspürte Befriedigung empfunden: denn ihre Schönheit schien ihr einen Zweck zu haben, den sie bisher in trüben Stunden vermißt hatte. Und doch sank diese Freude mit einem eigentümlichen, vagen Gefühle von Enttäuschung und Trauer von ihr, als sie im Salotto der jungen Erbin zweier großer Namen in zwei Reichen zum Gruße die Hand gab. Es war nicht Eifersucht auf die eigenartige, von der ihrigen ganz verschiedenen Erscheinung Daphnes – Zoe hatte sich oft schon siegreich neben ganz einwandfreien, allgemein anerkannten Schönheiten behauptet und sich nie von ihnen in den Schatten gestellt gefühlt, weil der Neid ihr ganz fremd war, aber über der Gestalt und dem Gesicht dieses jungen Wesens mit dem ährenblondem Haar und den schwarzen Augen lag ein Hauch von körperlicher und seelischer Gesundheit und Unschuld, der über den Höhen und Tiefen des Lebens schwebt wie auf starken und reinen Engelsschwingen. Wie Zoe, so war auch Daphne weiß gekleidet in ein einfaches, perfekt sitzendes Kleid von duftigem Chiffon, und als einzigen Schmuck trug auch sie einen Stern aus Diamanten im leuchtenden Goldhaar, der Zoe viel schöner dünkte als der ihrige. Daphne sah der Fremden interessiert ins Gesicht, als erblickte sie sie heute zum ersten Male. Zoe beantwortete den Blick der jungen Erbin mit einem Lächeln, und Daphne gab ihrer Hand den Druck, den sie ihr beim ersten Male nicht geben konnte. Zwar blieb Ihr Mund dabei ohne ein Lächeln, denn noch hatte sie es nicht gelernt, wie man in der »Gesellschaft« verbindlich lächelt, ohne daß das Herz davon etwas weiß, aber der Druck ihrer Hand ersetzte es reichlich.

Kaum daß die allgemeine Begrüßung vorüber war und die konventionellen Phrasen über das gegenseitige Befinden und das herrliche Wetter gewechselt waren, da meldete der Kammerdiener schon in dem üblichen, feierlichen Tone: »Der Pranzo ist bereit.« Angelo Torcelli reichte der Fürstin den linken Arm, da er den rechten für seinen Stock brauchte, und führte sie durch die lange Reihe der Gemächer in den Speisesaal, während Don Orso die Principessa führte und die drei Damen in einer Reihe folgten. Rascher als gewohnt hatte der Herr des Hauses sich vorwärts bewegt, so daß zwischen ihm und seiner Mutter ein Zwischenraum entstand, groß genug, um ein nicht zu lautes Wort unhörbar oder doch unverständlich für die anderen zu machen.

»Ich danke Ihnen, Fürstin, daß Sie gekommen sind«, sagte er halblaut, nachdem sie die Schwelle zum nächsten Raume überschritten hatten. »Sie werden es begreiflich finden, daß ich Ihre Antwort auf die Einladung meiner Mutter mit einer Spannung erwartet habe, die mir eine wache Nacht eintrug, deren Spuren vielleicht unauslöschlich bleiben werden.«

»Auch ich hatte eine – nein, zwei solcher wachen Nächte zu durchkämpfen«, erwiderte Zoe schlicht und offen. »Wenn ich mich nach hartem Kampfe entschloß, die Einladung der Principessa anzunehmen, so geschah es, weil ich Ihnen mündlich zu sagen hoffte, daß ich Sie sprechen muß. Ich konnte und wollte es nicht schreiben – ich bitte Sie nur, aus meinem Hiersein nichts anderes zu folgern, als was ich Ihnen eben sagte. Ich muß Sie sprechen. Wo kann das unauffällig an einem dritten Orte geschehen? Und es wird mir nur möglich sein, zu einer ganz frühen Morgenstunde unbeobachtet das Hotel verlassen zu können.«

Torcelli war viel zu sehr ein Mann von Welt, um sein Befremden über diese ihm unverständliche Heimlichkeit, um nicht zu sagen, Heimlichtuerei auch nur durch ein Zucken mit der Wimper oder einen Blick zu verraten, zu zeigen, wie unverständlich es für ihn sein mußte, daß diese große Dame die Intimität ihrer privaten Zimmer im Hotel unbeobachtet, zu einer ungewöhnlichen Stunde verlassen mußte, um eine Unterredung mit einer Person zu suchen, die sich doch, weiß Gott, nicht zu verstecken brauchte. Aber, wie gesagt, viel zu sehr Weltmann und vor allem Kavalier, verriet er durch keine Bewegung, durch kein Wort sein Befremden. Er dachte einen Augenblick nach und sagte:

»Können Sie morgen früh – vielleicht schon um 7 Uhr – in San Stefano sein, Fürstin?«

»Gewiß, aber –« sie sah ihn fragend an.

»Ich werde mir die Ehre geben, Sie dahin zu führen, wo wir um diese Stunde ungestört sind«, erwiderte er, da er ihren unausgesprochenen Einwand verstand. »Darf ich Sie am ersten Altar links vom Hauptportal, wo die Madonna mit den Engeln von Palma Vecchio steht, erwarten?«

»Ich werde um sieben Uhr am ersten Altar links vom Hauptportal in San Stefano sein«, wiederholte sie zum Zeichen, daß sie verstanden hatte. Dann blieb sie dicht neben der Tür zum Speisesaal vor einem dort aufgehängten Gemälde stehen und sagte laut: »Warum nur hat Crivelli sich immer so häßliche Modelle gewählt? Seine Köpfe sind ja ungemein ausdrucksvoll und für seine Zeit lebendig und bewegt, aber eigentlich doch abschreckend garstig, nicht?«

»Dabei ist diese Madonna noch eine Schönheit – für einen Crivelli«, bemerkte Don Orso dicht hinter ihnen und damit wurde von dem kleinen Kreise der Speisesaal fast gleichzeitig betreten. Olga Petrowna, der Donna Laura unterwegs eine Menge Fragen über russische Gepflogenheiten vorgelegt, hatte nur gesehen, daß Zoe und der Principe sich unterwegs unterhalten hatten, und das Benehmen beider ließ keinen Schluß darauf zu, daß Ihr Gespräch sich um anderes, als die üblichen Banalitäten gedreht haben konnte.

Bei Tisch erzählte Zoe von Ihrem Besuche in der Villa Malinconica und wie sie überrascht gewesen wäre, dort erst zu erfahren, wer der Besitzer sei. Hätte sie das früher gewußt, so hätte sie natürlich nie die Indiskretion begangen, dort einzudringen.

»Der Fehler liegt nicht auf Ihrer Seite, Fürstin, sondern auf der unseres braven alten Giuseppe, der als Zerberus der Malinconica dazu angestellt ist, Unberufenen den Eingang zu verwehren«, meinte Torcelli lächelnd. »Aber das ist ein ungeschriebenes Gesetz, und ich gönne dem treuen Menschen schon den Vorteil, der für ihn dabei herausfällt, wenn Fremde, was sehr selten vorkommt, eine Enttäuschung durch den Besuch des Hauses erleben wollen. Es ist nur zu bedauern, daß Sie ihm so viel von Ihrer kostbaren Zeit haben opfern müssen.«

»Es war ein Opfer, das ich nicht bereue«, erwiderte Zoe. »Ich habe nur bedauert, kein Maler zu sein, um dieses Stimmungsbild am Brentakanal mit dem Pinsel verewigen zu können, oder ein Dichter, um es zum Hintergrunde einer Ballade zu machen.«

»Die Malinconica ist ein monumentaler Bau, der ein besseres Schicksal als das seiner Verlassenheit verdient hat«, bemerkte Don Orso. »Ich kann dir nicht beistimmen, Angelo, daß ein Besuch dort verlorene Zeit ist – für jemand, der sieht und empfindet. Wahrhaft großartig und ergreifend ist das Haus bei Mondlicht; dann wird es wirklich zur Ballade.«

»Aber um darin zu wohnen –entsetzlich!« rief Donna Fabiola, indem sie sich schüttelte. »Mir nimmt das Haus den Atem, mich drückt die Atmosphäre darin nieder. Ich würde an chronischen Weinkrämpfen zugrunde geben, wenn ich verurteilt wäre, in der Malinconica zu leben.«

»Vielleicht liegt das aber nur an dem unbewohnten Zustande des Hauses, Tante Fabiola«, warf Daphne ein. Die Zimmer sind schön, sie haben etwas Großzügiges, Vornehmes. Lasse sie gründlich lüften und wohnlich einrichten, dann sind sie sicher ideal. In dem Parke läßt sich's gut träumen –«

»Und in der Gruft gut schlafen«, fiel Donna Fabiola ironisch ein. »Ich danke, mich schon bei Lebzeiten darauf freuen zu können – mit dem Schlafzimmer vor den Augen.«

Zoe glaubte zu erraten, daß Torcelli das Gespräch über die Malinconica peinlich war; sie erinnerte sich, daß die Besitzung zum Verkaufe stand, und wechselte geschickt das Gespräch. Nach Tisch kehrte man in den Salotto zurück, wo Don Orso die Gelegenheit ergriff, um dem fremden Gaste bedauernd zu sagen, daß es mit dem Verkaufe des Palazzo, an den er für sie gedacht, nichts sei; es hatte sich inzwischen schon ein anderer Käufer gefunden. Zoe dankte dem alten Herrn herzlich für seine Bemühungen; aber auch für deren negatives Resultat wollte sie ihm, wie sie scherzend hinzufügte, den geforderten Lohn nicht vorenthalten. Damit machte sie ihren Schmuck von seiner Kette los und reichte ihm den Alexandrit, auf dem seine Blicke fortwährend schon geruht hatten, zur Besichtigung. Don Orso geriet in eine wahre Extase, als er den Stein betrachtete und dazu einen wahren Dithyrambus über seine Größe und Reinheit, seinen perfekten Treppenschliff anstimmte.

»Er ist ein König unter den Edelsteinen«, rief er enthusiastisch, »nicht nur allein seiner Seltenheit und Kostbarkeit wegen, sondern auch weil seine Eigenschaften ihn dazu machen. Es ruhen in jedem Edelsteine unerklärliche Einflüsse, die aber vielleicht keiner so wuchtig betont wie der Alexandrit, dem auch die Geologen eine Sonderstellung eingeräumt haben, auch wenn sie ihn in die Familie der Chrysoberylle wiesen.«

Sie glauben an diese geheimnisvollen Einflüsse der Edelsteine auf den Menschen?« fragte Zoe erstaunt. »Ich habe es immer für einen Aberglauben, wenn auch für einen sehr poetischen gehalten, was nicht jeder Aberglaube für sich beanspruchen darf.«

»Man pflegt ja zumeist Aberglauben zu nennen, was man nicht begreifen kann«, erwiderte Don Orso mit leichter Ungeduld. »Schon den Alten war bekannt, daß jeder Mensch in dem Sternbilde, in dem er geboren ist, also in dem Zeitraume, den wir Monat nennen, beeinflußt werden muß von den Edelsteinen, welche mit den Gestirnen in einem unerklärlichen Zusammenhange stehen. Ein jedes Sternbild steht im Zusammenhange mit vier Steinen; zwei werden günstig, zwei ungünstig von ihm beeinflußt. Die übrigen Steine sind ohne Einfluß.«

»Also Ihrer Theorie nach, Don Orso, sollte jedermann bestimmte Steine zu tragen oder überhaupt zu besitzen, durchaus vermeiden?« entgegnete Zoe, halb wirklich gefesselt, halb aus Mitleid mit dem sympathischen alten Herrn, der ganz durchdrungen schien von dem, was er sagte.

»So ist es, Fürstin!« erwiderte er feierlich. »Es würde dadurch manches Leid, ja manche Tragödie abgewendet werden, die dem Träger oder Besitzer der ihm ungünstigen Steine mit unerbittlicher Konsequenz folgen, solange er sich nicht von ihnen trennt.«

»Kennen Sie die Steine, Don Orso, die den Menschen Glück oder Unglück bringen?« fragte Zoe, nicht nur, um dem alten Herrn den Gefallen zu tun, sondern wirklich interessiert und durch seinen Ernst beeinflußt.

Er sah sie an, dann wieder den Alexandrit, und indem er den Schmuck sodann mit einer tadellosen, kavaliermäßigen Verbeugung wieder in ihre Hände legte, erwiderte er einfach:

»Ich kenne sie.«

»Orso!« rief Donna Fabiola, welche nur die Höflichkeit für ihren Gast zum Zuhören gezwungen hatte. »Haha. Das wäre nicht übel. Damit könntest du zum reichen Manne werden, wenn du den Gläubigen deine Wissenschaft verkauftest.«

»Könnte, gnädigste Cousine, ja: nämlich wenn ich den Willen hätte, was du meine Wissenschaft nennst, feilzuhalten und – wenn es Gläubige dafür gäbe«, erwiderte Don Orso fein.

»Damit haben Sie wohl den Hauptfaktor genannt«, meinte Zoe lächelnd. »Der Glaube kommt freilich aber nicht von selbst, er muß verkündigt werden. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig, die Namen meiner Glückssteine zu hören – und meiner Unglückssteine natürlich erst recht – ohne mich darum doch unbedingt zu den Gläubigen zählen zu wollen.«

»Ihr Glaube oder Unglaube, Fürstin, ist Ihre Privatangelegenheit – die Tatsachen werden dadurch weder beeinträchtigt noch gefördert«, entgegnete Don Orso mit unerschütterlicher, ruhiger Höflichkeit. »Um Ihre Neugierde aber befriedigen zu können, müßte ich wissen, in welchem Monat Sie geboren sind – ich hoffe, im Oktober?«

»Warum gerade im Oktober?« lächelte Zoe belustigt.

»Weil dies der Monat ist, dem der Alexandrit als Glücksstein angehört.«

»Wie schade –! Ich bin im April geboren«, rief sie mit fingiertem Bedauern. »Mein geliebter Alexandrit, mein Amulett soll dadurch zu einem für mich indifferenten Stein herabgesetzt werden. Wie schrecklich! Aber Don Orso, was haben Sie? Warum sehen Sie mich so – so entsetzt an?« unterbrach sie sich selbst, halb belustigt den alten Herrn ansehend, in dessen Gesicht sich wirklich ein Ausdruck von Schrecken malte.

»Sie dürfen den Alexandrit nicht tragen, Fürstin«, sagte er, jede Silbe betonend. »Sie dürfen ihn nicht einmal besitzen, denn er ist einer der Unglückssteine des Monats April.«

»Nein, wirklich?« erwiderte sie, nicht gerade erschüttert von dieser Mitteilung, aber mit der freundlichen Höflichkeit, mit der man eine Botschaft entgegennimmt, für die einem der Glaube fehlt. »Wenn ich's überlege, so haben seine bisherigen Besitzer allerdings nicht viel Glück gehabt, aber das hängt doch sicherlich nicht mit dem Steine zusammen. Verzeihen Sie mir, aber –«

»Sie dürfen den Alexandrit nicht tragen«, wiederholte Don Orso mit eindringlicher Überzeugung. »Beherzigen Sie meine Warnung. Sie müssen auch alle Turmaline vermeiden, alle, besonders aber den rosa Turmalin, Rubelit genannt.«

»Aber nein!« rief Zoe lachend. »Das können Sie nicht von mir verlangen. Ich besitze ein so schönes, altes Collier von rosa Turmalinen und Aquamarinen – ein Sarakowsches Erbstück. Ja, und welche Steine darf ich dann tragen?«

»Alle anderen, aber Ihre Glückssteine sind die Saphire, die blauen aller Schattierungen, die gelben, die Leukosaphire, besonders aber die Sternsaphire. Und den morgenroten edlen Hyazinth des Orients aus der edlen Familie der Korunde. Nur nicht die Turmaline und vor allem nicht den Alexandrit.«

»Don Orso, Sie verlangen Unmögliches von mir. Nicht wahr, Sie sind mir nicht böse, aber von meinem Alexandrit kann ich mich nicht trennen. Sie hätten meine Angst sehen sollen, als ich ihn vor ein paar Tagen verloren hatte.«

Don Orso stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Ich habe Sie gewarnt«, sagte er bekümmert. »Möchten Sie sich dessen nicht erinnern müssen, wenn es zu spät dazu ist.«

Und mit einem seiner kavaliermäßigen Komplimente der alten Schule zog er sich zurück.

»Lassen Sie den guten Orso ruhig seinen Unsinn schwatzen«, meinte die Principessa mit einem vielsagenden Achselzucken. »Nicht allein diese Manie mit den Steinen hat er, denken Sie nur, er sieht auch eine Auriole um die Köpfe der Leute. Ich soll einen lila Schein um mich haben, mein Sohn einen, der wie eine Art von Regenbogen aus Gelb in Rot wechselt und ins Bläuliche verläuft. Daphne – meine Nichte Corleone hat eine schneeweiße Aureole – wie er behauptet.«

»Nein. Ist es möglich?« rief Zoe lachend. »Oh, er muß mir sagen, was ich für eine habe. Verzeihen Sie, einen Moment, ja?«

Und sie sprang auf und ging rasch zu dem alten Herrn hinüber, der neben Daphne getreten war.

»Bitte, bitte, Don Orso, sagen Sie mir, was ich für eine Aureole habe!« bat sie mit ihrem lieblichsten Lächeln.

»Gnädigste Fürstin«, erwiderte Don Orso ernst, »Sie wollen eine neue Quelle des Spaßes aus einem alten Manne machen. Aber sei es darum. Ihr junges Haupt ist von einer blutroten Aureole umgeben. Trennen Sie sich von den Steinen, die Ihnen feindlich sind, und ich bin überzeugt, daß Ihre Aureole sich, wenn auch nicht vielleicht mehr in das reine Weiß der – ja, der Unschuld, so doch in das Blau verwandelt, das wir die Farbe des Himmels nennen.«

»Oh, danke vielmals«, erwiderte Zoe, ein Lächeln unterdrückend. »Blau steht mir leider gar nicht, dafür aber Rot, Purpurrot – mit den rosa Turmalinen zusammen«, schloß sie neckend und ging zu der Principessa zurück. Sie fürchtete nicht, Don Orso gekränkt zu haben, denn sie wußte, daß sie unwiderstehlich war, wenn sie neckte, weil sie es nicht spottend, sondern mit Freundlichkeit tat.

»Sie ist sehr schön, und sehr lieblich«, sagte Daphne neidlos, indem sie ihr nachsah. »Ich möchte wissen –« Mit einem leisen Seufzer, der wie ein zurückgedrängtes Schluchzen klang, hielt sie inne, und ihre dunklen Augen sahen den alten Herrn hilfeflehend an.

»Kind«, entgegnete er traurig, »die Schleier heben sich von der Zukunft für unsere Ruhe immer noch viel zu früh. Wo ist denn Angelo hingekommen? Ah, er zeigt der anderen Russin den Saal.«

Torcelli, der mit Olga Petrowna, indessen die Fürstin mit Don Orso und Donna Fabiola zusammenstand, vor das Dogenbildnis getreten war und ihr die erbetenen Daten über seinen Ahnherrn gab, konnte als Herr des Hauses und wohlerzogener Mann nicht umhin, sie auch in den erleuchteten Saal zu geleiten, als sie diesen imposanten Raum in das Bereich ihres Interesses zog. Nicht daß Angelo Torcelli die Intelligenz der Russin unterschätzt hätte, im Gegenteil, er fand sie in der Geschichte und Kunstgeschichte Venedigs sehr unterrichtet und geistig gewiß bedeutender als ihre Freundin, aber es kam ihm dann in den Sinn, was Daphne über Fräulein Vareskoi gesagt hatte, und die Gesellschaft dieser Dame fing an, ihm unsympathisch zu werden. Ein Geigenkasten, der auf einem Tische stand, brachte ihm eine willkommene Abkürzung des Gespräches.

»Das hier ist eine Amati«, rief er und entnahm dem Kasten eine vor Alter tiefdunkelbraune Geige. »Sie gehörte meinem Großvater, und ich habe neue Saiten aufziehen lassen, um sie der Fürstin zu zeigen. Ich denke, das Instrument wird sie interessieren; meinen Sie nicht auch, Signorina?«

»Interessieren! Meine Freundin wird begeistert sein!« versicherte Olga Petrowna, deren Kennerblick den Wert der Geige sofort erkannt hatte. »Sie wird der Versuchung nicht widerstehen können, sie zu probieren. Ich wollte, sie täte es, denn sie findet durch die Vermittlung der Saiten und des Bogens hinreißende Herzenstöne. Sie hat damit schon manche Eroberung gemacht – nach allen Richtungen – und mit Recht. Es ist ihr zu gönnen nach allem Schweren, was sie erlebt hat. Und bei ihrer Jugend! Es freut mich für sie, daß sie Geschmack am Reisen findet; fremde Länder, fremdes Leben und Eindrücke wie hier in Italien werden ihr den besten, wenn auch immer unvollkommenen Ersatz bieten für die natürliche Bestimmung der Frau, die sie verfehlt hat durch ihre Ehe mit einem alten Mann, der ihr Vater hätte sein können.«

Torcelli sah Fräulein Vareskoi erstaunt an.

»Fürst Sarakow lebt nicht mehr«, sagte er diskret. »Eine Witwe darf sich doch wiedervermählen, nicht? – wenn sie nicht gerade eine indische Buddhistin ist.«

Olga Petrowna ließ den Blick flüchtig über das Gesicht des Principe schweifen und fand darin nichts anderes ausgedrückt als sachliche Höflichkeit. »Zoe Alexandrowna wird sich nie wieder verheiraten«, sagte sie.

»Oh«, machte Torcelli mit höflichem Bedauern, denn Zoes Worte klangen ihm in den Ohren, daß sie ihn an einem dritten Orte zu sprechen wünschte, also jedenfalls ohne das Vorwissen ihrer Freundin, und er war unwillkürlich auf seiner Hut. »Ist es indiskret, zu fragen, ob die Fürstin ein Gelübde abgelegt hat?«

»Das nicht gerade«, erwiderte Olga Petrowna, und Torcellis feines Ohr vermeinte, wie schon einmal so auch heut, und zwar deutlicher betont, eine versteckte Meinung in dem angenehmen Organ seines Gastes herauszuhören. »Nein, kein Gelübde, aber es gibt – Hindernisse, die auf dasselbe herauskommen. Unüberwindliche Hindernisse.«

»›Der Wille kann Berge versetzen‹, würde zwar meine Cousine Daphne Corleone sagen«, meinte der Fürst.

Olga Petrowna blieb stehen, als wäre sie starr vor Staunen.

»Die Principessa Corleone ist Ihre Cousine, Altezza?«

»Ja, gewiß, – wußten Sie das nicht, Signorina?«

»Nein – ja – doch!« besann sich Olga Petrowna. »Ich hatte darauf nur vergessen, weil natürlich, es ist ja zu dumm von mir, denn das eine schließt doch das andere nicht aus, nicht wahr?«

»Was? Daß sie gleichzeitig auch meine Tante ist?« scherzte er in einem Tone, der sie hätte warnen müssen.

»Welche Idee!« wehrte sie lachend ab. »Ich meine, es schließt nicht aus, Altezza, daß Ihre Cousine auch Ihre Braut sein kann.«

»Meine – was?« fragte er scharf. »Darf ich fragen, wer Ihnen diese – Umgehung der Wahrheit aufgebunden hat?«

»Aber alle Welt sagt es!« rief Olga Petrowna mit naiv-erstauntem Schrecken. »Ich wüßte auch nicht, warum wir es nicht hätten glauben sollen –«

»Natürlich nicht – wenn alle Welt es Ihnen sagt«, fiel Torcelli ein. »Ich wußte nicht, daß Sie mit ›aller Welt‹ hier in Berührung getreten sind und ermächtige Sie hierdurch feierlichst, ›aller Welt‹ diese Zeitung der Toren, als welche ich das Wort ›man sagt –‹ immer betrachtet habe, energisch zu dementieren.«

»Aber Altezza –« begann sie wieder, scheinbar betreten, doch er unterbrach sie mit einem:

»Ist es Ihnen gefällig, in den Salotto zu gehen?« mit einer Endgültigkeit, die sie unmöglich mißverstehen konnte. Aber sie tat es doch.

»Es tut mir furchtbar leid, wenn ich indiskret war«, sagte sie bedauernd, »aber wie konnte ich ahnen – und ich habe die Nachricht auch noch dazu in vollster Überzeugung von ihrer Richtigkeit und in vollster Harmlosigkeit in die Heimat geschrieben.«

»Nun, Sie können das im nächsten Brief berichtigen«, erwiderte er kühl. »Ich darf wohl die Erwartung aussprechen, daß Sie die Bagatelle nicht vergessen werden, nicht wahr?«

»Gewiß nicht, Altezza. Ich – es tut mir, wie gesagt, furchtbar leid, aber, am Ende, es ist keine Beleidigung für Sie, Ihren Namen mit dem einer so reizenden und distinguierten Dame in Verbindung gebracht zu wissen. Ohne Feuer kein Rauch, Altezza, sagt man bei uns zu Lande, und – was nicht ist, kann ja noch werden.«

Torcellis Gesicht bedeckte sich mit einer dunklen Röte, seine Augen schossen Blitze, und er öffnete die Lippen, um auf diese unerhörte Taktlosigkeit eine gebührende Abfertigung zu geben; aber er erinnerte sich, daß Olga Petrowna sein Gast war, und schwieg. Nur wartet er nicht mehr auf ihnen Vortritt, sondern ging selbst voraus und kämpfte unterwegs, so gut es gehen wollte, seine Empörung nieder. Sie aber folgte ihm mit einem Lächeln, das nichts gemeinsam hatte mit jenem, das sie zu verschönen pflegte.

Für Angelo Torcellis Gemüt klang dieser Abend dennoch in einer Harmonie aus, die für seine gequälte Seele zu wertvoll war, als daß er sie hätte vermissen mögen: Zoe sprach zu ihm durch die Geige, deren bloßer Anblick schon ihr Entzücken erregt hatte. Die goldreinen Akkorde, die sie probeweise den Saiten entlockte, begeisterten ihre musikempfänglichen italienischen Zuhörer derart, daß sie, zu einem Vortrag bestürmt, gerne nachgab und sich nach einem Flügel umsah, auf dem Olga Petrowna sie begleiten konnte. Und da geschah es, daß die Fremde, deren Leumundszeugnis noch nicht in Donna Fabiolas Händen war, auch ohne dieses Dokument eingeführt wurde in das engere Heiligtum ihrer Intimität, denn der schöne Flügel, auf dem Donna Fabiola musizierte, stand in ihrem Privatsalon, und nach einem kurzen, kaum merklichen Zögern lud sie ihre Gäste ein, ihr in das zweite Stockwerk zu folgen.

Zoe spielte mit ihrer Freundin das schöne »Ave Maria« von Gounod, dem der Meister als Begleitung die »Meditation« von Bach untergelegt hat, beziehungsweise zu welcher er die darüber schwebende Melodie zum Text des »Ave Maria« geschrieben, die nun von der Amati unter Zoes Bogen gesungen, wirklich wie ein Gebet durch den Raum flutete und durch die offenen Fenster über den Kanal zog, auf dem die Barken und Gondeln den Ruderschlag einstellten, um diesen goldreinen, großen und edlen Tönen zu lauschen. Die Geigerin aber in ihrem weißen Kleide, den funkelnden Stern über der Stirn im bronzeschimmernden Haar, mit den schwärmerischen Augen, die über den Raum und durch die Mauern in unbegrenzte Weiten zu schauen schienen, glich mehr denn je dem Engelsbilde des Bellini; ja, die Ähnlichkeit war so groß, daß selbst Donna Fabiola nicht umhinkonnte, durch einen Wink noch besonders darauf aufmerksam zu machen.

Nach dem Ave Maria gab Zoe, die immer noch verträumt den Bogen leise über die Saiten gleiten ließ, gern den Bitten um eine freie Fantasie nach und begann mit einer einfachen Melodie im Volkston, zu der die Begleiterin, auf die Entwicklung wartend und den Gedanken der Geigerin folgend, zuerst nur hier und da einen Akkord anschlug, um dann mehr und mehr in die begleitende Stimme zu verfallen. Diese Fähigkeit war ja das Band, das Zoe Sarakow mit Olga Petrowna verbunden hatte, die sie ihr unentbehrlich machte durch ihr unfehlbares Eingehen auf ihre Gedanken und Empfindungen, die sie in Tönen aussprach. Nie hatte die Begleitung eigene Wege gehen wollen, nie eine Führung versucht; die Geigerin war immer frei und ungehemmt durch Mißverständnis oder technische Korrekturen der geschulten Klavierspielerin in die unbegrenzten Weiten ihrer Phantasie geschweift und hatte nie etwas anderes als die ergänzende Harmonie zu ihrem eigenen Spiel empfunden. Sie wußte, daß sie sich darauf unbedingt verlassen konnte, und darum wußte sie heut nicht, wie ihr geschah, als erst ein Unterton, der sie nach einer anderen Richtung ziehen zu wollen schien, etwas Fremdes in die Flut der Akkorde brachte, auf denen sie gewissermaßen die Höhe erreichen wollte, zu der ihre Seele drängte. Sie machte den Flug in jene Weiten »wo ew'ger Frühling lacht, in gold'gem Licht erstirbt die Nacht« ausgesprochener, dringender, unwiderstehlicher, aber wo sonst die Begleiterin ihr willig und mitgerissen gefolgt war, leis oder jauchzend, aber immer ihr nach, ihr nach mit den ergänzenden Harmonien, da zog sie heut die Geige, ohne Mißklang, aber mit einer gewissen drohenden Gewalt, einer Gegenströmung gleich in eine andere Richtung. Da ließ Zoe die Geige sinken.

»Olga, du folgst mir nicht«, sagte sie verwundert.

»Nicht?« fragte Olga Petrowna erstaunt, ehrlich erstaunt. »Ich – ich habe vielleicht an etwas anderes gedacht. Ich weiß es nicht. Fahre nur fort, ich komme dir schon nach.«

Aber sie kam nicht nach, sie schlug einen ganz anderen, von Zoes Gedanken himmelweit verschiedenen Weg ein; erst subtil und sozusagen auf Umwegen suchte das Klavier die Geige in eine andere Welt zu locken, dann wurde es dringender, drohender, lauter, gewaltsam, und als die Geige versagte und verstummte, da schien es die Spielerin am Klavier gar nicht zu merken, und tosend erklang unter ihren Händen wie die Fanfarenklänge zu Aufruhr und Empörung, wie Sturm, Blitz und Hagelschlag, wie Waffengeklirr eine rhapsodische Folge von Tönen, die eine Art von Lähmung bei den Hörern auslöste und doch wieder ihre Nerven in Aufruhr brachte, daß sie bei der Erinnerung daran noch stundenlang später nachzuvibrieren begannen.

»Es war, als ob die Hölle losgelassen worden wäre und kreischend, unheilig jauchzend über die vielen verlorenen Seelen, stöhnend und mit ihrer Pein ringend und sie verspottend um uns herumfuhr«, sagte Daphne später zu Don Orso, als dieser auf das Spiel der Russin zurückkam. »Ich weiß nicht warum, aber ich freue mich, daß die Fürstin dieser fürchterlichen Freundin nicht in diese Abgründe folgen konnte.«

»Ich freue mich auch, aber ich weiß schon, warum«, hatte Don Orso geantwortet und auf ihren fragenden Blick sehr mild hinzugefügt: »Wir beide, wir freuen uns, weil wir Angelo liebhaben und es uns wehe getan hätte, ihn von der Hölle bestrickt zu wissen. Vielleicht war's auch nicht gerade der Himmel, der die Geige später allein inspirierte, aber es waren doch sehr schöne, irdische Gefilde, in denen es von Blumen blühte, die eines Menschen Herz schon zufriedenstellen können, wenn es sie zu pflegen weiß.«

Und Daphne hatte verständnisvoll genickt, aber es wurde ihr kalt, und sie hatte das Gefühl, als ob der Vorhang gefallen wäre, der das Vorspiel ihres jungen Lebens abschloß.

Zoe hatte noch gespielt, nachdem Olga Petrowna den Flügel verlassen hatte, – allein, ohne Begleitung und der Freundin abgewehrt, als diese, durch die Töne der Geige wie aus einem Rausche erwacht, wieder an das Klavier wollte, um ihre Rolle als Begleiterin zu übernehmen, auf die sie vergessen zu haben schien. Und Zoe spielte allein, und Angelo Torcelli wußte, daß sie für ihn spielte, ihm etwas zu sagen hatte, von dem er verstand, daß es eine Entschleierung ihrer Seele war, die, wie Don Orso sehr richtig gefühlt, vom Himmel selbst vielleicht nicht inspiriert wurde, aber den Flug nicht verlernt hatte, oder aber ihn erst fand, wo in Gefilden, fernab vom Staube der Welt, Blumen blühten, die das Leben schmücken.

Er verstand aber auch aus ihrem Spiele, daß es eine trauernde, von einem unnennbaren Leid zerrissene Seele war, die sich bittend an ihn wandte und dieser Bitte einen rührenden Ausdruck zu geben wußte, der direkt zum Herzen sprach.

Würde er diese Bitte erfüllen können, jetzt noch, da auch ihm das »Wissen seiner tiefsten Not« enthüllt war?

Eine Viertelstunde nachdem der letzte Bogenstrich auf der Amati verklungen, stiegen die beiden Gäste der Ca' Torcelli wieder in die Gondel, um zu ihrem Hotel zurückzufahren, und kaum hatten die ersten Ruderschläge sie von den Stufen des Palastes in die Mitte des Kanals gebracht, als Olga Petrowna auch schon die Bemerkung machte, »es wäre alles in allem doch ein recht schöner und interessanter Abend gewesen – in dieser Umgebung. Man müsse wirklich fremde Länder besuchen, um die Erkenntnis zu erlangen, daß hinter den Bergen auch Menschen wohnen, die zu studieren sich der Mühe lohne; und sie sei ihrer Freundin dankbar, durch ihre Güte, die Gelegenheit dazu erhalten zu haben.«

»Schade nur«, schloß sie, »daß die Amati nicht dein ist, mein Herz! Sie hat unter deinem Bogen einfach gesungen wie ein Seraph. Sag mir nur, was war das, daß wir heut abend nicht zusammen spielen konnten – zum ersten Male. Und noch dazu vor einem Auditorium, das diese Unstimmigkeit enttäuscht haben muß?!«

»Du bist mir nicht gefolgt, sondern wolltest mich in deinen Gedankenkreis ziehen, den ich nicht begriff«, erwiderte Zoe müde. »Was hat dich heut angewandelt mit diesem wilden Hexensabbat, den du auf dem Klavier losgelassen hast?«

»Ich weiß es selbst nicht«, gestand Olga Petrowna achselzuckend. »Es kam so über mich – ich mußte folgen. Hab ich dich mit meinem Spiele erschreckt?«

»Nein – ich bin nicht so furchtsam. Aber, um offen zu sein, du hast mich – abgestoßen. Ich kannte eben diese dämonische Seite in dir noch nicht«, sagte Zoe nach einer Pause fast widerwillig.

Olga Petrowna lachte kurz und hart auf.

»Ah – der Dämon schläft in jedes Menschen Seele mehr oder minder fest. Bei einigen kommt er nie zum Erwachen, bei anderen redet er manchmal im Traume – wieder bei anderen wird er aufgerüttelt, bei einigen erwacht er ganz von selbst. Aber da ist er immer – in irgendeiner Gestalt. Vielleicht hat er heut durch meine Finger auf den Tasten des Klaviers –das übrigens gut war –im Schlafe gesprochen – Apropos, war nicht von einer neuen Einladung die Rede?«

»Wenn du das oberflächliche und nichtssagende, konventionelle ›auf Wiedersehen‹ beim Abschied dafür nehmen willst, vielleicht«, erwiderte Zoe, den Blick auf dem nachtdunklen Wasser. »Zunächst ist es an mir, die Herrschaften einzuladen – nachdem ich meine Karte, und deine natürlich auch bei Donna Laura Torcelli und der Principessa Corleone abgegeben habe.«

»Wie? Du, eine Frau, bei einem solch jungen Mädchen? Das ist doch bei uns nicht Sitte!« rief Olga Petrowna lebhaft.

»In gewissen Fällen doch. Das junge Mädchen in der Ca' Torcelli ist der Chef ihres Hauses in Italien und der des Hauses ihrer Mutter in England. Sie nimmt dadurch eine Sonderstellung ein.«

»Oh, in diesem Sinne freilich ist es etwas anderes. Was doch die hohe Aristokratie für feine Nuancen hat«, lachte Olga Petrowna mit einem Ton, der Zoe auf die Nerven ging, ihr, der das sammetweiche, angenehme Organ der Freundin sonst immer so wohlgetan hatte. »Nun«, fuhr sie mit einem Seitenblicke fort, »die junge, und wie ich sie schätze, herzlich unbedeutende Erbin so vieler Titel wird wohl demnächst noch einen anderen dazu erhalten, wenn auch nicht ›im eigenen Recht‹, – meinst du nicht auch, Zoe, mein Herz?«

»Es läßt sich annehmen, daß sie es wird, falls sie das Zölibat nicht gelobt hat. Erbinnen haben immer die Auswahl«, meinte die Fürstin ohne sonderliches Interesse für die Sache an sich, obgleich sie sich eigentlich zu Daphne hingezogen fühlte.

»Bah. Wenn solch junge Dinger überhaupt ans Zölibat denken, so ist das nur eine romantische Mädchenanwandlung, die davonfliegt, sobald der kommt, der das törichte Herzchen in Bewegung setzt«, scherzte Olga Petrowna in ihrem besten Stil. »Überdies hat der Principe mir so gut wie zugegeben, daß er es ist, der die Braut heimführt.«

Zoe richtete sich auf und sah ihre Gefährtin erstaunt an.

»Der Principe?« fragte sie ungläubig. »Ja, wie ist er darauf gekommen, mit dir darüber zu sprechen?«

»Oh, ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen«, erwiderte Olga Petrowna, indem sie sich ihrerseits behaglich in die Kissen der Gondel zurücklehnte. »Du weißt, ich kann manchmal das Necken nicht lassen –und da habe ich ihn dann mit seiner blonden, schwarzäugigen Base etwas aufgezogen. Natürlich leugnete er erst schlankweg, da die Verlobung, wie es scheint, noch nicht bekannt ist, aber als ich – so im Scherz, weißt du, – sagte: »was nicht ist, kann noch werden«, da hat er nicht mit einer Silbe widersprochen.«

Zoe war für den Moment sprachlos. Sie sah auf ihre Freundin nieder, als wäre diese ein total fremdes Wesen, das sie zum ersten Male erblickte – dann aber schoß ihr das Blut ins Gesicht.

»Und du schämst dich nicht, dich auch noch dieser unerhörten Taktlosigkeit zu rühmen?« fragte sie mit vor Entrüstung halb erstickter Stimme.

»Zoe!« kam es scharf über Olga Petrownas Lippen, aber in demselben Atem lächelten diese wieder. »Bah –! eine harmlose Neckerei zu etwas aufzubauschen, das ich übelnehmen müßte, wenn – – «

»Du kannst es eine harmlose Neckerei nennen, wenn du eines Mannes und eines Mädchens heiligstes Geheimnis unter einem Schleier hervorzerrst und zum Gegenstande eines Gespräches mit ihm machst? Natürlich hat er dir keine Antwort mehr gegeben – ein zartfühlender Mensch hat dafür keine Worte. Olga – welcher Dämon ist denn in dir wach geworden – seit heute morgen? Ich konnte dir vergeben, weil du mir so viel Freundschaft bewiesen hast und weil ich weiß – annehmen will, daß du unter einem Zwange geredet hast, der mir ein Rätsel ist. Aber wie, womit soll dich ein Fremder, wie der Principe Torcelli, entschuldigen? Er muß ja außer sich über dich sein.«

»Was geht es mich an, wie ein ruinierter venezianischer Grande über mich denkt«, sagte Olga Petrowna achselzuckend. Dann, indem sie sich aus ihrer ruhenden Lage aufrichtete, setzte sie leise, jedes Wort betonend, hinzu: »Zoe, mein Herz, es war meine Pflicht, mir darüber Aufklärung zu verschaffen, ob die Ca' Torcelli für dich ein Terrain ist, auf welchem du dich bewegen kannst, ohne dich zu kompromittieren.«

Zoe Sarakow war für einen Moment zu sehr empört, um sprechen zu können. Aber gewohnt, sich zu beherrschen, zwang sie das herbe Gefühl hinab und erwiderte kühl:

»Ich verstehe dich nicht. Es ist ja sehr gütig von dir, bis zu diesem Grade um meinen Ruf besorgt zu sein, aber du vergißt dabei, daß ich kein junges, unerfahrenes Mädchen mehr bin. Fürst Sarakow hat nie der Sorge Ausdruck gegeben, daß ich mich oder ihn kompromittieren könnte. Er hat darin vollkommenes Vertrauen in mich gesetzt, und ich wäre dir dankbar, wenn du seinem Beispiel – dem eines erfahrenen Mannes und Menschenkenners – folgtest.«

»Eine junge, reiche und schöne Witwe wie du ist Gefahren ausgesetzt, die dir als Frau fernstanden.«

»Liebe Olga, ich habe dich heute schon einmal bitten müssen, mir die Beurteilung meiner persönlichen Handlungen zu überlassen. Ich habe dich und deine Begabungen hoch genug eingeschätzt, um dir die Stelle einer Freundin einzuräumen, mit der ich Gedanken austauschen, musizieren und reisen kann – aber ich habe dich als Freundin gewünscht und begehrt, nicht als einen Mentor und als einen Einmischer in meine Handlungen, die, wie ich hoffe, einwandfrei sind. Du hast es gut gemeint, aber so falsch angefangen, daß ich ganz irre an dir geworden bin. Ich fürchte, die Ca' Torcelli hast du dir kaum mehr zu einer Stätte des Willkommens gemacht.«

»Nun, und wenn auch? Zoe, mein Herz, der Mensch muß für seine Überzeugung als Freund alles einsetzen können. Darin bin ich dir überlegen, die du der Freundschaft so scharfe Grenzen ziehst. Du vertraust mir nur halb – wenn das noch. Vielleicht sind meine Ansichten über Freundschaft zu ideal – sie umfassen das volle Vertrauen von Seele zu Seele. Ich bin dir nichts als eine Gesellschafterin unter einem leeren Titel – in deine Heiligtümer und – für andere Gemächer verwehrst du mir den Schlüssel –«

Zoe hob die Hand – sie war totenblaß geworden.

»Du bist heut nicht du selbst, Olga«, sagte sie sehr beherrscht. »Ich fürchte, der Schirokko hat deine Nerven so in Unordnung gebracht, daß sie mit dir durchgehen. Ich mache dir diese Konzession – im Namen der Freundschaft, die du heut zu bezweifeln geneigt bist. Du wirst morgen die erste sein, diese – Verirrung zu bedauern. Ah – wir sind zur Stelle!«

Die anlegende Gondel schnitt jedes weitere Wort ab, und um die Sache abzukürzen, ging Zoe Sarakow ohne Aufenthalt zu dem Aufzug und ließ sich, von Olga Petrowna gefolgt, hinauffahren. Oben im Korridor vor ihrer Tür wandte sie sich um.

»Schlafe wohl, und ruhe dich gut aus. Mich hat der Schirokko auch müde gemacht – ich hoffe auf eine gute Nacht, die ich dir auch wünsche.«

»Ich hätte dir noch etwas zu sagen –«

»Heute nicht mehr – es ist schon spät, und es taugt auch nicht, zu reden, wenn man erregt ist. Gute Nacht.«

Damit ging Zoe in ihre Zimmer – ohne der Freundin, wie gewohnt, die Hand gereicht zu haben. Sie hätte das im Augenblick nicht zuwege gebracht.

In großen Hotels pflegen die Gäste keine Frühaufsteher zu sein. Zoe Sarakow traf mit Olga Petrowna auch für gewöhnlich erst um 9 Uhr am Frühstückstisch zusammen; es hatte aber eine Epoche in Ihrem Leben gegeben, in der sie das Frühaufstehen geübt hatte, und daran mußte sie denken, als sie um 6.30 Uhr ohne die Hilfe ihrer Kammerfrau, angekleidet und zum Ausgehen fertig, leise die Tür zum Korridor aufschloß und hinaustrat. Sie wußte nicht recht, warum sie fürchtete, die gegenüberliegende Tür von Olga Petrownas Zimmer könnte sich öffnen und seine Inhaberin darin erscheinen, als hätte sie darauf gewartet; so stark war diese Furcht in ihr, daß sie einen Moment zögerte, bereit, sich wieder zurückzuziehen. Aber warum und woher sollte Olga Petrowna argwöhnen oder wissen, was sie vorhatte? Woher kam ihr selbst dieser Argwohn? Nichts regte sich natürlich gegenüber, und leise wie ein Dieb schlüpfte sie hinaus und eilte die Treppe hinab, auf der keine Seele ihr begegnete. Unten in der Halle räumten ein paar dienstbare Geister auf; sie sahen erstaunt die russische Fürstin an, dachten aber nichts Arges oder Besonderes über diesen frühen Ausgang; es kam schon vor, daß einmal eine der fremden Damen frühzeitig zur Messe ging, aber nicht oft. Die Tür zur Landseite des Hotels stand offen; sie war mit Besen, Eimern und dergleichen verbarrikadiert, aber Zoe gelangte daran vorüber ins Freie. Sie hatte sich ihren Weg auf der Karte von Venedig wohl angesehen und fand ohne Schwierigkeit zur Kirche von San Stefano. Dort warf sie einen Blick zurück: war man ihr gefolgt? Sie sah niemand, wer hätte auch wissen sollen, daß sie hierhergehen wollte, wer hätte ihr folgen sollen als – als Olga Petrowna, falls sie von ihr beim Verlassen des Hotels gesehen worden wäre. Warum wieder dieser Argwohn, der ihr gestern beim Erwachen noch so fern lag, daß sie ihn nicht für möglich gehalten hätte. Warum verheimlichte sie überhaupt vor ihr, die sie selbst ihre Freundin nannte, diese ganze Angelegenheit? Sie hatte sich eigentlich darüber noch keine Rechenschaft gegeben, nur einem Instinkt gehorcht ... Beim nochmaligen Umschauen aber sah sie den Principe Torcelli, der gerade um die Ecke der Calle bog, und sie blieb stehen, ihn zu erwarten.

»Ich dachte, früher zu sein als Sie, Fürstin«, sagte er. »Nun beschämen Sie mich durch Ihre Pünktlichkeit. Darf ich mir erlauben, den Vortritt zu nehmen, um Sie zu führen?«

Sie nickte stumm. Nun, als sie vor ihm stand, schlug ihr das Herz vor dem, was sie zu sagen hatte, wie ein Hammer in der Brust, und sie mußte allen Mut zusammennehmen, um im letzten Moment nicht noch umzukehren. Aber die Hoffnung sah sie wieder aus seinen gütigen Augen an, und von ihr ermutigt, folgte sie ihm durch das linke Seitenschiff der Kirche in den mit Grabdenkmalen besetzten Kreuzgang des ehemaligen Klosters, auf dessen innerer Oberwand die fast ganz vom Einfluß des Wetters zerstörten Fresken des Pordenone in grotesken Überresten von der Ost- und Südseite in den stillen Hof heruntersahen.

»Hier sind wir ganz ungestört«, sagte Torcelli, als sie unter den schönen, säulengetragenen Arkaden standen. »Es kommt um diese Zeit wohl hin und wieder jemand, der in die Kirche will, vom Campo San Angelo durch, aber selbst zu den belebtesten Stunden ist der Verkehr gering und auf die Angestellten beschränkt, die in den Magazinen und Büros der Behörde zu tun haben, die das Kloster bewohnt. Keinesfalls wird jemand auf unser französisches Gespräch achten.«

Langsam schritt er neben ihr her, den Kreuzgang entlang und wartete respektvoll auf ihr erstes Wort; er sah wohl, daß sie blaß war vor Erregung und der Anfang ihr schwer wurde. Sie hatte ihn zurechtgelegt, und nun war alles ihrem Gedächtnis entschwunden – sie aber hatte diese Unterredung »am dritten Ort« gewünscht, sie mußte beginnen und wünschte, er möchte es tun und war doch froh, daß er es nicht tat, daß er keine Beteuerungen zur Hand hatte.

»Fürst Torcelli«, sagte sie endlich mit schwankender Stimme, »Sie werden meinen Wunsch um dieses Zusammentreffen für sehr bizarr halten, aber ich hoffe, Sie werden mich bald besser verstehen. Was Sie mir vor zwei Tagen in der Halle Ihres Palastes sagten, hat mich mehr als überrascht, es hat tief in mein Leben eingegriffen, und Sie werden begreifen, daß ich Ihnen nicht gleich eine Antwort geben konnte, denn ich mußte mich selbst erst prüfen. Die indirekte Antwort, die ich Ihnen durch die Annahme der Einladung Ihrer Frau Mutter gab, ist von meiner Seite wohl ein stummes Eingeständnis, daß ich – daß ich tiefer für Sie fühle, als ich selbst es ahnte, vermuten konnte, aber ich weiß nicht, ob ich recht daran tat, sie Ihnen zu geben. Nicht darum, weil die Vermutung mir gekommen wäre, daß Sie, wie so viele schon, die reiche Witwe begehrten –«

»Fürstin, ich hatte keine Ahnung und habe sie sogar jetzt noch nicht, ob Sie reich sind oder nicht«, fiel Torcelli mit dem ruhigen Tone ein, der bei manchen Menschen überzeugender wirkt als eindringliche Versicherungen, bei ihm aber von unantastbarer Wahrheit getragen wurde. »Ihre pekuniäre Lage hat nichts mit dem Antrage zu tun, den Ich die Ehre hatte, Ihnen zu Füßen zu legen.«

»Ich habe das gefühlt«, erwiderte Zoe Sarakow, »ja, gefühlt mit dem Instinkt, den eine höhere Macht wohl für solche nur einmal im Leben wiederkehrenden Augenblicke in die Seele des Menschen gepflanzt hat. Ich weiß, daß dieser Instinkt mich nicht betrogen hat, ich habe die felsenfeste Überzeugung davon.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Torcelli einfach. »Sie haben mir sehr wohlgetan, denn es hätte mich mehr, als ich sagen kann, gedemütigt, zu den verarmenden Patriziern gezählt zu werden, die ihren Namen als Angelrute nach fremdländischem Geld auswerfen. Ich möchte mein Haus lieber niederbrechen sehen, als durch ein solches Mittel seinen Glanz wiederherzustellen. Wohl weiß ich, daß ich mit dieser Auffassung sehr vereinzelt stehe – gottlob aber, und zur Ehre meiner Standesgenossen sei es gesagt, nicht allein. Wenn ich mich nun auch von habgierigen Motiven ruhigen Gewissens freisprechen darf, so bleibt mir aber immer noch der Vorwurf: was kann ich Ihnen bieten, daß es meine Werbung in Ihren Augen rechtfertigt. Ich bin ein Krüppel –«

»Sprechen Sie das Wort nicht aus, es ist eine Übertreibung«, fiel Zoe ihm warm ins Wort. »Ihr Unglück kann doch nur in den Augen einer Frau ins Gewicht fallen, deren Eitelkeit den Menschen und sein Herz über dem lahmen Fuß nicht zu erkennen und zu verstehen vermag. Sie können mich für so oberflächlich nicht gehalten haben, daß der Stock in Ihrer Hand mich gegen Sie beeinflussen könnte, sonst – – sonst stünden wir nicht hier. Ich verstehe sehr gut, daß es Ihr Herz ist, das Sie mir schenken wollen –« Torcelli machte eine Bewegung, und ein Ausdruck von Pein flog über sein Gesicht, aber sie sah beides nicht. – »Doch ehe ich das Herrlichste, Kostbarste, Wunderbarste, das einem Menschen, einer Frau geboten werden kann, anzunehmen wage, müssen Sie meine Geschichte hören, um dann darüber entscheiden zu können, ob Sie diese Opfergabe mir noch widmen wollen, ob ich sie annehmen darf. Denn ich bin – eine Gezeichnete.«

»Fürstin!« Torcelli blieb stehen und sah sie erstaunt an. Wie soll ich das verstehen?«

»Ich bin gekommen, es Ihnen zu erklären«, erwiderte sie mit zuckendem Munde. »Sie sollen erfahren, was außerhalb eines gewissen, fest geschlossenen Kreises kein Mensch je erfahren hat – weder Fürst Sarakow, noch Olga Petrowna Vareskoi noch eine andere Seele, und ich sage es Ihnen auf die Gefahr hin, mein Hotel lebend nicht mehr erreichen zu können –«

»Fürstin!« unterbrach Torcelli sie zum zweiten Male. »Ich hoffe, Sie übertreiben. Denn wie komme ich in einem solchen Falle dazu –«

»Ich bin Ihnen Offenheit schuldig, weil ich bekennen muß, daß ich Ihre Werbung, Ihre Hand und Ihr Herz nicht kampflos aufgeben kann«, rief sie mit einer Bewegung, die so tief empfunden war, daß er nicht unberührt davon bleiben konnte. »Einem jeden Menschen schlägt seine Stunde – mir hat sie geschlagen, als Sie drinnen in der Kirche meinen Alexandrit fanden und den Stein in meine Hand zurücklegten. Ich schäme mich nicht, zu bekennen, was mich ja vor mir selbst erhoben und veredelt hat, und darum kann ich nicht kampflos entsagen. Dieser Kampf ist ja schließlich noch das einzige, was mein Leben wertvoll machen kann. Dadurch, daß ich Ihnen gestand: ich bin eine Gezeichnete, daß ich Ihnen sagte, ich wüßte nicht einmal, ob ich mein Hotel von hier noch lebend erreichen würde – dadurch werden Sie vielleicht schon die halbe Wahrheit erraten haben: daß ich einem Geheimbunde angehöre, vielmehr angehörte, in dessen Dienst vielleicht die Steine stehen, auf die wir treten, oder die scheinbar harmlosen Katzen, die sich dort im Hof im Grase sonnen und dabei zuhören, daß ich – Verrat übe. Haben Sie den Mut, mir zuzuhören, Fürst Torcelli?«

Er sah sie lächelnd an, aber in diesem Lächeln war weder Überhebung noch Verachtung, sondern Zuversicht.

»Ich freue mich, daß Sie mich zum Vertrauten machen wollen für ein Schreckgespenst, das mit seinem ganzen grausigen Apparat von Geheimtuerei, Drohungen und nichtigen Eiden seine Leute im Schach hält und doch nichts ist als eine kindische Spielerei mit den Nerven«, sagte er ruhig. Nur der erste Schritt fällt schwer, ist der Bannkreis einmal gebrochen, sinkt der Schrecken in sich selbst zusammen. Die Geheimbünde, in welche Personen – Damen Ihrer Qualität gezogen werden, sind viel zu harmloser Natur, als daß man die Polizei ihretwegen zu bemühen brauchte.

»Man möchte wirklich aufatmen, wenn man Sie hört« entgegnete Zoe Sarakow dankbar. »Nur muß ich fürchten, daß Sie sich die Sache harmloser vorstellen, als sie ist. Haben Sie jemals etwas von den – Nihilisten gehört?«

»Wie sollte ich nicht von ihnen gehört haben? Sie spuken auch bei uns hier herum. Nur glaube ich nicht an eine organisierte Gesellschaft. Ich denke vielmehr, der Name des Geheimbundes ist nichts als der Deckmantel für die fanatische Tat oder die Rache das Einzelnen; im schlimmsten Falle ein Konsortium, das seine egoistischen Zwecke verfolgt, sich damit hinter dem Sammelnamen verschanzt und damit Terrorismus treibt.«

Zoe Sarakow schüttelte mit dem Kopfe.

»Ich kann mich darüber nicht auslassen«, sagte sie. »Was ich aufs Spiel setze, wenn ich meine Erfahrungen mit diesem Schrecken streife, kann ich nur damit rechtfertigen, daß gegen alles Hoffen die Hoffnung in mir vom Tode auferstanden ist – durch Sie. Ich war noch sehr jung, ein halbes Kind noch, als ich nach meines Vaters Sturz und Verbannung zu Leuten gegeben wurde, die man geeignet hielt, einem jungen Mädchen die Heimat zu ersetzen. Ich bin bei ihnen gewiß gut behandelt worden, das heißt sie waren freundlich zu mir, haben mich gut gekleidet und gespeist, mir Bücher, Musik, Gesellschaft gegeben, und doch haben sie nichts getan, als mein Herz und meine Seele zu vergiften mit ihrer Verneinung alles dessen, was mich früher gelehrt worden war, hoch und heilig zu halten. Diese moralische Vergiftung geschah sehr subtil, aber systematisch. In einem Alter, wenn die Seele noch weich ist wie Wachs, noch nicht gefestigt in sich selbst, wurden ihr Lehren in einer Form eingeprägt, die etwas Faszinierendes hatten: die Lehren des Nihilismus. Ich lernte ihn nur von seiner idealen Seite kennen, und der Eid, den ich ihm schließlich leistete, ohne Apparat, ohne einschüchternde Zeremonie, schien mir nur zu einem idealen Ziel zu führen. Der eigentliche Sinn dieses Schwures ist mir erst später klar geworden. Es war eine Tat geschehen, die nicht nur mich, sondern das ganze Land erbeben gemacht hatte, und da lernte ich verstehen, das heißt, es wurde mir gesagt, daß sie eine Konsequenz desselben Eides war, den auch ich geleistet hatte. Da kam die Wandlung über mich.

Ich erkannte, daß das Ideal dieser ›Verbrüderung‹ nichts weiter war, als der Firnis für die dunklen Wege des Verbrechens; es empörte mich, daß man meine Jugend und Ahnungslosigkeit in die Falle eines Eides gelockt, dessen düstere Meinung ich nicht verstanden hatte – Grauen und Ekel erfüllte mich vor dem nackten Gerippe der schönen Worte, die mich betört hatten. Es gelang mir, in einem anderen Hause Aufnahme zu finden – besuchsweise zunächst, – dessen reine Luft mich erst recht erkennen ließ, in welchem Sumpf ich gewatet, in dem alles wieder erwachte, was in meiner Kindheit in mein Herz gesät zum Lichte rang, halb erstickt von dem unheiligen Tollkraut, das ich für ein Ideal halten konnte, bis mir die Augen geöffnet wurden. In meiner Harmlosigkeit glaubte ich alles das abtun zu können, indem ich einen – Absagebrief schrieb, in welchem ich erklärte, aus dem Geheimbunde auszuscheiden, weil ich dessen Zwecke und Ziele verkannt hätte. Den Eid erklärte ich für hinfällig, weil ich seine eigentliche Meinung nie beschworen haben würde, wäre sie mir erklärt worden, nur den Teil des Eides, den ich richtig verstanden hätte: nämlich unverbrüchliches Schweigen über die Bruderschaft, ihre Mitglieder, Zusammenkünfte und so weiter fühlte ich mich für verpflichtet zu halten. Das habe ich getan und verletze ihn nicht, indem ich Ihnen dies alles erzähle. Die Leute, bei denen ich in das Netz ging, sind außer Landes und verschollen, – also selbst, wenn ich Ihnen ihren Namen sagte, könnten Sie dadurch nichts mehr wider sie erreichen. Ob meine Absage mit ihrem Verschwinden etwas zu tun hatte, wage ich nicht zu entscheiden, aber ich neige dazu, es anzunehmen. Sie waren nichts als ein Glied in der Kette; das Schloß derselben, das ›Komitee‹ habe ich nicht gekannt und kenne es heute noch nicht dem Namen nach – nur seine furchtbare Wirkungskraft habe ich verspürt. – Mein Absagebrief an die Bruderschaft war verschwendetes Papier. Es wurde mir – aber nicht durch die Hände meiner früheren Gastfreunde, – bedeutet, daß mein Eid unlösbar sei in allen Punkten; zu seinem vollen Verständnis käme man natürlich erst stufenweise. Wo ich lebte, wäre gleichgültig, es wäre aber gutzuheißen, im Lager des Gegners Fuß zu fassen. Befehlen wäre unweigerlich zu gehorchen, widrigenfalls die Strafe des Todes über mich verhängt werden würde. Diesem Briefe, der auf geheimnisvollem Wege in meine Hände kam – ich fand ihn in meinem Schreibtische, zu dem ich den Schlüssel bei mir trug, nebenbei bemerkt – diesem Briefe also wagte ich noch einen Protest entgegenzustellen, in dem ich meine Ungebundenheit mit Ausnahme des Stillschweigens betonte. Er blieb ohne Antwort, und ich Törin betrachtete mich als frei. Aber der Stempel, den mir die Berührung mit – jenen aufgedrückt, war ein Brandmal, das mich durch seine ständige Gegenwart an meine ehemalige ›Verbrüderung‹ erinnerte, das sich nicht mehr austilgen ließ, nicht zu vergessen war. Nicht, daß ihre Lehren mich noch tiefer vergifteten. O nein, ich hatte mir von Ihnen nur das Ideal gerettet, nur das, womit sie ihre ahnungslosen Opfer umgarnen, also das bißchen Gold freiheitlicher Gedanken, das der Lockvogel ist für die Tyrannei eines Schreckensdespotismus, wie er in dieser Kraßheit, mit dieser grausamen Gewalttätigkeit, diesem Absolutismus in der Geschichte keines Staates verzeichnet ist. – Nach einiger Zeit erhielt ich von dem ›Komitee‹ den ›Befehl‹ zur Überwachung einer gewissen Persönlichkeit, die in dem Haus, in dem ich nun lebte, aus- und einging. Ich nahm mir die Freiheit, diesen ›Befehl‹ zu ignorieren, worauf mir eine ›Vermahnung‹ zuging – immer auf dem geheimnisvollen Wege, der mit Übergehung der Post Eingang findet in verschlossene Möbel, Behälter, Gelasse. Auch diese Vermahnung ließ ich unbeachtet, aber das Bedürfnis nach einer schützenden Hand wuchs in mir; wennschon ich von mir sagen darf, daß die bleiche Furcht nicht eben mein Fehler ist, so überkam mich doch oft die Empfindung, daß der Boden mir unter den Füßen weggezogen wurde und ich in einen Abgrund stürzen mußte, in dem es so grauenvoll aussah, daß mir vor Angst die Zähne zusammenschlugen. In dieser Zeit erschien mein mir bisher unbekannter Vormund, Fürst Sarakow, in meinem Gesichtskreise. Ich faßte gleich Zutrauen zu ihm, seine Nähe gab mir das Gefühl der Sicherheit, seine immer respektvolle Freundlichkeit und Güte erinnerte mich an den Vater, den ich zu früh verlor. Daß Fürst Sarakow mir nach sehr kurzer Bekanntschaft seine Hand antrug, hatte für mich nichts Befremdendes, obgleich er dreißig Jahre älter war als ich. Im Gegenteil, ich legte mit vollem Vertrauen meine Hand in seine – ich hatte in ihm eine Heimat, einen Vater gefunden, unter dessen Schutz ich wieder frei atmen konnte. Mein Herz war ungebunden, es hatte nie zuvor Liebe empfunden in dem Sinne, der Mann und Frau vereint – ich kannte die Liebe nicht und vermißte sie daher auch nicht bei diesem Bunde, den ich freilich heut unnatürlich finde. Daß Fürst Sarakow mich geliebt hat mit dem Johannistriebe seines Herzens, daran zweifle ich heut nicht mehr, aber gerade weil er mich liebte, hat er nie meine Jugend dadurch beleidigt, daß er mir seine Liebe aufgedrängt hätte, er war und blieb vor mir der gütige, väterliche Freund, der tadellose Kavalier, und da ich ja nicht wußte, daß ein Frauenherz mehr verlangen kann, so war ich ganz zufrieden und glücklich, wenn der Fürst mir galant versicherte, daß ich mein Teil seines hervorragenden Postens zu seiner vollsten Zufriedenheit ausfüllte. Schon glaubte ich, daß meine Stellung als Frau des Gouverneurs von ... dem ›Komitee‹ den letzten Rest seiner eingebildeten Gewalt über mich aus den Händen gerissen habe, da wurde ich eines anderen belehrt. Ich fand in meinem verschlossenen Juwelenkasten, zu dem nur ich den Schlüssel besitze, – einen zweiten verwahrte die Bank, in welcher Fürst Sarakow eine Stahlkammer besaß – eines Tages ein Schreiben des ›Komitees‹, in welchem mir nichts mehr und nichts weniger zugemutet wurde, als meines Gatten Korrespondenz auszuspionieren und nebst dem Wortlaut seiner gouvernementalen Dekrete vor deren offiziellen Erlassen dem ›Komitee‹ zur Kenntnis zu bringen. Hinzugefügt war, daß nur im Hinblick auf diesen wesentlichen Dienst mir gestattet worden wäre, mich mit dem Fürsten zu vermählen, den ich, eingedenk meines Eides der Verschwiegenheit, in Unwissenheit darüber gelassen habe, daß ich der ›Bruderschaft‹ dereinst angehört, die er, mit vollem Rechte von seinem Standpunkt aus, mit allen gesetzlichen Mitteln, wie ich sehr wohl wußte, nachsichtslos verfolgte. Ich brauche nicht erst besonders zu versichern, daß ich die Zumutung des ›Komitees‹ nicht erfüllte – der bloße Gedanke an die niedrige, gemeine Handlung, die von mir verlangt wurde, macht mich heut noch schamrot; ich habe damals vor Demütigung Tränen des Zornes, der moralischen Entrüstung und des Jammers vergossen – ich war außer mir über die grausame Frechheit, die einer Frau befehlen konnte, ihren Mann auszuspionieren und seine Angeberin zu werden! Einen zornbebenden Brief an das ›Komitee‹ zerriß und verbrannte ich wieder – schweigende Verachtung dünkte mich die einzige, beste Antwort. Nach einiger Zeit fand ich – wieder in dem Juwelenkasten, den ich seitdem immer selbst geöffnet und geschlossen, dessen Schlüssel ich ständig bei mir trug – ein schwarzgesiegeltes Schreiben des ›Komitees‹. Es enthielt, für den Fall, daß ich binnen achtundvierzig Stunden das Versäumte nicht nachholte, mein Todesurteil wegen Ungehorsams und damit verbundener Verletzung meines Eides. Darauf stand der Tod, das wußte ich. Aber es schüchterte mich nicht ein, machte mich nicht einmal unruhig, weil ich ja ordnungsgemäß, wie ich ehrlich meinte, aus der ›Bruderschaft‹ ausgetreten war. Ich hielt es einfach für eine leere Drohung, darauf berechnet, durch die Furcht auf mich einzuwirken, und so sicher war ich dieser Auffassung, daß ich mein ›Todesurteil‹ sogar mitleidig belächeln konnte. Drei Tage später wurde Fürst Sarakow bei einer Ausfahrt an meiner Seite erschossen ... Als ich nach dem furchtbaren Ereignis in mein Zimmer zurückkehrte, lag auf dem Kissen des Sofas, auf dem ich erschöpft niedersank, mit einer Nadel daran befestigt, ein Brief, den ich sofort als Schriftstück des ›Komitees‹ erkannte. Ich war ganz allein in dem Zimmer, denn ich hatte mir, um mich zu sammeln, jeden Beistand, selbst den Olga Petrownas verbeten. Und auch in diese Stunde heiligen Schmerzes um meinen väterlichen Freund und Gatten drängte sich der Fluch einer Verirrung, die ich ahnungslos über ihre Tragweite, über ihre eigentlichen Ziele begangen, diese entsetzliche ›Bruderschaft des Schreckens‹. Sie teilten mir mit, daß der Schuß, der meinen Gatten getötet, mir gegolten hätte. Dadurch, daß wir unterwegs die Plätze gewechselt hätten, wäre ich verschont geblieben – für dieses Mal. Das Urteil bestünde noch in voller Kraft – wo und wann der Todesstreich mich ereilen würde, stünde in dem Belieben des ›Exekutivkomitees‹. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß man mir noch Gelegenheit geben würde, meine Verfehlung wiedergutzumachen, jedoch dürfe ich auf diese Nachsicht in Anbetracht meines jugendlichen Starrsinns nicht rechnen, sondern müßte von Tag zu Tag gewärtig sein, daß das Urteil an mir vollzogen würde.

Mein Stolz und mein besseres Bewußtsein verboten mir, auf diesen Brief hin zu Kreuz zu kriechen (wie es wohl erwartet wurde) und um mein Leben zu betteln, auf das ich kein Anrecht mehr zu haben glaubte, nachdem Fürst Sarakow seines dafür hatte hingeben müssen. Ich habe ebenso wenig darauf geantwortet, wie auf die anderen Schreiben des ›Komitees‹; fast ein Jahr ist vergangen und kein weiterer Erlaß der Bruderschaft ist mir mehr zugegangen. Ich lebe noch – aber wie lange? Ich bin eine Gezeichnete ... Sie, Fürst Torcelli, waren drüben in Torcello Zeuge davon, daß meine Nerven unter der Spannung nachgaben – eigentlich zum ersten Male; ich weiß jetzt, warum es geschah: weil Sie neben mir waren und die Angst, daß auch Sie Fürst Sarakows Schicksal ereilen könnte, daß auch Sie für mich sterben könnten, machte mich sinnlos vor Angst. Olga Petrowna fuhr mich an, daß ich mich zusammennehmen sollte. Das half. Sie dachte natürlich nur, daß mich der Knall des Schusses nervös gemacht in Erinnerung an das Attentat, denn sie ahnt nichts davon, daß ich einst ein Mitglied der ›Bruderschaft‹ war, die sie mit Recht verabscheut. Keine Seele außerhalb dieses Bundes hat es je erfahren, – ich bin auch nie in die Versuchung gekommen, mich mitzuteilen, weil ich es für ausgeschlossen hielt, daß ich jemals wieder eine zweite Ehe eingehen könnte. Sie werden es vielleicht nicht für möglich halten, wenn ich Ihnen sage, daß kaum, nachdem die Familiengruft hinter dem Fürsten Sarakow geschlossen war, die Freier schon kamen, um seine Witwe zu gewinnen. Ganz abgesehen davon, daß ich für diese Zudringlichkeit Ekel und Verachtung empfand, hat nicht einer dieser Männer es vermocht, mein Herz um einen Pulsschlag schneller schlagen zu machen. Nicht einer, und ich war froh darüber, ich, die Gezeichnete! Die Liebe – oh, ich hatte so viel von ihr gelesen, von ihr singen und sagen gehört, aber ich hatte sie nie kennengelernt. In der ›Bruderschaft‹ hatten sie an ihre Stelle ein – ein schamloses Treiben gesetzt, das sie die Liebe, die freie Liebe nannten. Mit instinktivem Ekel wandte ich mich von dem Zerrbilde ab, das in nichts dem wunderbaren Heiligtum glich, von dem ich in den Dichtungen gelesen, das ich in seiner höchsten Verklärung mich so gut erinnern konnte, im Hause meiner Eltern gesehen zu haben. Und diese Liebe ist mir jetzt nahe getreten, hat mein Herz erschlossen –«

Überwältigt hielt Zoe Sarakow ein, und mit einer spontanen Bewegung reichte sie Angelo Torcelli die Hand, die er mit einem großen Gefühle der Unwürdigkeit umfaßte und nicht mehr losließ, gleichviel was die paar alten Weiblein denken mochten, die aus oder nach der Kirche kamen.

»Fürstin – Zoe –!« war auch zunächst nur alles, was er, erschüttert und ergriffen von dem, was er gehört hatte, hervorbringen konnte. Er war aber auch, neben dem Gefühl der Scham über die Ursache seiner Werbung, in tiefster Seele gerührt – und welcher Mensch konnte es nicht sein, wenn ihm offenbart wird, daß ein Herz für ihn in Liebe schlägt? Selbst wenn er nicht im Stande ist, sie zu erwidern, so wird ihn das dargebrachte Geschenk zum mindesten dankbar stimmen und milde; vorausgesetzt natürlich, daß er kein Übermensch ist oder keine rohe Natur. In Angelo Torcelli war neben einer durch sein Unglück gezeitigten Bitterkeit aber auch manch schöne Blüte zur Entwicklung gelangt, die bisher verborgen in ihrem Keim in ihm geschlummert hatte. Sogar die Erkenntnis, daß sein Herz ihr gehörte, die er blind verschmäht durch den Geist »der stets verneint«, hatte ihn nicht gegen jene verhärtet, die ihm in den Weg geführt worden war, nachdem er sein voreiliges Gelübde getan, und daß sie ihn so reich belohnte, rührte ihn in tiefster Seele.

»Zoe«, wiederholte er bewegt. »Ich – ich müßte der letzte der Menschen sein, wollte ich mein ganzes Leben nicht dafür einsetzen, Ihnen das Glück zu geben, das Sie bisher vermissen mußten. Ihre Liebe ist ja mehr, als ich jemals glaubte verdienen zu können –« Er hielt ein, damit die Bewegung ihn nicht zu einer Beteuerung fortriß, die er sich später als Lüge hätte vorwerfen müssen, denn nichts anderes wäre ein Wort von Liebe gewesen, von der er ja nun wußte, daß sie Daphne gehörte. »Sie kennen mich so wenig – Sie wissen nicht, ob ich Ihrer Liebe würdig bin«, schloß er ernst und gehalten.

Zoe lächelte ihn sonnig durch den Tränenschleier an, der ihr die Augen trübte.

»Das kann ich Ihnen zurückgeben, Angelo«, flüsterte sie. »Ich habe manchesmal darüber gegrübelt, was wohl der Dichter gemeint hat, wenn er von der Liebe sagte: ›Sie kommt und sie ist da!‹ – Jetzt weiß ich es. Kennen? Man kennt sich, wenn man sich liebt. Es ist der Funke, der von Herz zu Herzen zündend springt, wenn man seinem ergänzenden Ich begegnet. Aber, Angelo, wenn ich mich darüber auch zur völligen Klarheit durchgerungen habe, so muß ich die eigentliche Entscheidung doch in Ihre Hände legen. Darf ich Ihnen zumuten, mich, die Gezeichnete, zu Ihrer Gattin zu machen, darf ich Sie demselben Schicksal vielleicht überantworten, das Fürst Sarakow hinweggerafft hat? Überlegen Sie es wohl – ich bin eine gefährliche Braut, eine verhängnisvolle Frau. Es kann mich allein treffen, aber es kann auch Sie ereilen, das Schicksal, dem ich verfallen bin.«

Angelo Torcelli sah die Pforte offen vor sich, durch die er mit einem Schritte zur Freiheit gelangen konnte, aber seiner Überzeugung nach waren Zoes Befürchtungen zum mindesten übertrieben, und entschlossen, mit leiser, rücksichtsvoller Hand, schloß er die Pforte wieder.

»Fürst Sarakow ist ebensowenig für Sie, an Ihrer Statt gefallen, als ich dieser Gefahr ausgesetzt wäre, falls es das ›Komitee‹ ernst meinte mit seinen Drohungen – was ich nicht einen Augenblick glaube«, sagte er mit der ruhigen, zuversichtlichen Sicherheit, die Zoe mit warmer Hoffnungsfreudigkeit durchrieselte. »Der Fall war mir nicht mehr ganz gegenwärtig, deshalb habe ich die Berichte darüber gestern erst nachgelesen. Mein Onkel Orso ist Sammler, er schneidet aus den Zeitungen alle interessanten ›Fälle‹ aus. Deshalb war der Fall ›Sarakow‹ mir gleich zur Hand, und ich habe daraus entnommen, daß der Fürst ganz zweifellos einem wohlgeplanten politischen Attentate zum Opfer gefallen ist, dessen Motiv in einem Dekret zu suchen ist, in welchem er im Hinblick auf das Treiben der geheimen Gesellschaften gewisse Freiheiten aufhob, und jenen die Flügel arg beschnitt. Es war zweifellos dieses Dekret und die seinem Erlasse vorangegangene Korrespondenz mit der Regierung, deren Ausspionierung von Ihnen unter Drohungen verlangt wurde, die nur darauf berechnet waren, Sie zur Willfährigkeit zu zwingen, im übrigen aber leer und haltlos waren. Daß Fürst Sarakow nicht irrtümlicherweise für Sie getötet wurde, sondern daß sein Tod geplant war, ersehen Sie schon daraus, daß Sie den Brief des ›Komitees‹ auf Ihrem Kissen vorfanden, als Sie von dem Attentate in Ihr Palais zurückkehrten. Es durfte darüber wohl nur die allerkürzeste Zeit vergangen sein, und in dieser sollte ein ›Komitee‹ im Stande gewesen sein, einen solch langen Brief zu verfassen und in ihr Zimmer zu befördern? Ich halte das für ausgeschlossen. Nein, nein, der Brief ist vor dem Attentate geschrieben worden, einzig und allein zu dem Zwecke, um Sie einzuschüchtern und einer Reue zu überantworten, die Sie der ›Bruderschaft‹ nun in die Arme führen sollte. Hab ich nicht Recht?«

Zoe hatte mit immer mehr aufleuchtenden Augen zugehört.

»O Gott, so nimmt diese traurige Sache ein ganz anderes Gesicht an«, rief sie, tief aufatmend. »Ich – ich habe in dieser ganzen Zeit keine Zeitungen gelesen – es war mir zu schmerzlich, meine Trauer und mein Leid durch die Zeitungsspalten gezerrt zu sehen, und Olga Petrowna hat sie mir, wie alles, was mich aufregen und betrüben konnte, aus dem Gesichtskreise geschafft und mir nur auf meine dringenden Fragen sehr schonend erzählt, daß nach der allgemeinen Ansicht jedes plausible Motiv für einen politischen Mord an Fürst Sarakow fehle, – daß im Gegenteil alle Parteien; selbst die des Umsturzes, alle Ursache gehabt hatten, einen Gouverneur zu erhalten, der die Maßregeln der Regierung so milde gehandhabt habe.«

»So? Das hat Fräulein Vareskoi Ihnen gesagt? Nun, sie sah wohl vielleicht – sicherlich durch diese Brille ... Wie aber hat sie Ihnen das Dekret und seine Wirkungen erklärt?« fragte Torcelli.

»Das Dekret?« wiederholte Zoe verwundert. »Ich habe – zu meiner Schande muß ich's gestehen – überhaupt nichts von einem – diesem Dekret gewußt: Ich habe mich grundsätzlich nicht um Politik gekümmert, und Fürst Sarakow war es sehr lieb, daß keine Gegenströmung durch seine Frau Eingang ins Gouvernementspalais fand. Er sagte mir selbst, daß die Furcht davor ihn solange davon zurückgehalten hätte, sich zu verheiraten. Es prallten an mir alle Versuche ab, das politische Ohr meines Gatten durch meine Vermittlung zu erreichen. Ich höre zum ersten Male durch Sie von diesem Dekret. Ach, wenn Sie Recht damit hätten – welche Last würden Sie von meiner Seele nehmen.«

»Wenn Sie durch den Schreckschuß Ihres sogenannten Todesurteils nicht eingeschüchtert worden wären, so hätte diese Last Ihre Seele nie bedrücken können«, erwiderte Torcelli sachlich, aber nicht ohne Mitgefühl. »Meines Erachtens war der Fürst als Gouverneur auf alle Fälle ein toter Mann. Gesetzt nämlich, Sie, Zoe, hätten weniger Charakterstärke entwickelt, dem ›Komitee‹ gewillfahrt und die Entstehung, den oder die Entwürfe des Dekretes ihm mitgeteilt, so wäre der Fürst vor dem Erlasse ermordet worden, um ebendenselben zu verhindern. Da dies aber nicht zu erreichen war, fiel der Gouverneur nach dem Erlasse eines Dekretes, das sein Nachfolger wieder aufgehoben hat, weil er, gewarnt durch das Schicksal seines Vorgängers, nicht wagte, es aufrecht zu erhalten. Der politische Mord ist also zweifelsohne und Ihre Unkenntnis der Lage ist einfach ausgenutzt worden, um Sie – für künftige Fälle willfähriger zu machen.« Zoe Sarakow atmete tief und wie erlöst auf.

»Ich wußte es ja, daß durch Sie die Liebe, der Glaube und die Hoffnung in mein Leben getreten sind«, sagte sie mit der schlichten und natürlichen Innigkeit, vor welcher Angelo Torcelli beschämt sein Haupt neigte und wortlose, aber heilige Vorsätze faßte. »So haben Sie mir im zwiefachen Sinne das Leben zurückgegeben, Angelo: erstens, indem Sie mein Herz erweckten, das so lange geschlafen und nur manchmal von einem Glücke träumte, das es für unmöglich hielt, – und dann dadurch, daß Sie mich erkennen ließen, wie ich getäuscht worden bin zu finsteren, ungesetzlichen, gewissenlosen Zwecken –«

»Der beste Beweis dafür ist, daß Sie hier an meiner Seite stehen«, fiel Torcelli ein. »Das sogenannte ›Exekutivkomitee‹ eines solchen Geheimbundes wartet nicht so lange mit der Vollstreckung seiner ›Urteile‹, noch viel weniger gibt es seinen Opfern ›Chancen‹ und schweigt sich dann fast ein Jahr aus. Die Leute wissen sehr genau, daß sie sich auf Sie in puncto des Schweigens verlassen können –«

»O Gott – und das gerade habe ich jetzt gebrochen«, unterbrach sie ihn mit entsetzten Augen. »Aber ich mußte ja reden, mußte es Ihnen sagen. Ich durfte Sie nicht mit verbundenen Augen zu einer Verbindung mit mir locken, – was ich einmal verschwieg, weil ich glaubte, es verschweigen zu müssen, das durfte ich zum zweiten Male nicht verschweigen. O Gott, du bist mein Zeuge, daß ich allein mein Leben weitertragen wollte, aber die Versuchung ist zu groß, zu groß über mich gekommen. Wenn sie erst wissen – und sie werden es wissen, wissen es wahrscheinlich jetzt schon, was ich Ihnen gesagt habe, Angelo, dann sind auch Sie ein Gezeichneter und durch meine Schuld, durch die Schuld jener, die Sie mehr liebt, als ihr eigenes Leben –«

Aufrichtig gerührt, drückte er dankbar ihre Hand und mußte mit Gewalt das Wort zurückhalten, das sich ihm auf die Lippen drängte, denn er wollte nicht durch eine Lüge entweihen, was ihm als Heiligtum einer Frauenseele erschlossen wurde. Daß es sich um eines Menschen Seele handelte, die sich ihm zu eigen geben könnte, daran hatte er bei seinem vorschnellen Gelübde überhaupt nicht gedacht. Erschüttert aber von dieser Entwicklung gelobte er sich innerlich, sie nicht nur wie ein Mann zu tragen, sondern es Zoe niemals um eines Strohhalmsschwere fühlen zu lassen, was ihn zu seiner Werbung gedrängt hatte. Er machte sich schon Vorwürfe, ob der stumme Händedruck nicht mehr ausdrückte, als er wahrheitsgetreu sagen durfte und ließ hastig die kleine, schmale Hand los, die sie ihm vertrauensvoll gereicht hatte.

»Beschwören Sie keine Gespenster herauf, die nichts sind als ein Gebilde Ihrer überhitzten Phantasie, Zoe«, bat er mit der scheinbar unerschütterten Ruhe, die so vertrauenerweckend auf sie wirkte. »Sie wissen, daß über meine Lippen kein Wort von dem kommen wird, was Sie mir eben anvertrauten; wer also sollte es verraten, daß Sie mich zum Mitwisser machten? Und hätte uns jemand belauscht, was ich für ausgeschlossen erkläre, – was haben Sie mir gesagt? Sie haben keinen Namen genannt, durch den ich eine Gewalt über einen Geheimbund erlangt haben könnte, dessen Existenz mir allerdings durch Sie bestätigt worden ist. Aber mit dieser Wissenschaft allein könnte ich nichts gegen diese ›Verbrüderung‹ ausrichten. Die einzige Spur, – das Haus jener Leute, bei denen Sie in die Falle des Bundes gingen, ist, wie Sie selbst mir sagten, ausgelöscht. Jeder Polizist in Rußland weiß wahrscheinlich mehr über die Gesellschaft als ich zu dieser Stunde. Solange Sie in Ruhe gelassen werden, erkläre ich, auch nichts wissen zu wollen. Bei einer Belästigung meiner Frau aber würde ich mich freilich genötigt sehen, den Schutz der Behörden anzurufen und unnachsichtlich für Ihre Ruhe und Sicherheit eintreten –«

»Das wäre Ihre eigene Verurteilung, Angelo«, rief sie leise, angsterfüllt.

»Ich würde das mit Ruhe riskieren«, erwiderte Torcelli unbewegt. »Noch sind wir die Stärkeren, wie ich hoffe und erwarte. Die Principessa Torcelli wird unter dem Schutze von Gesetzen stehen, welche die Volksvertreter gegeben haben, nicht aber die Autokratie, die jene ›Bruderschaft‹ bekämpft. Dadurch, daß Sie – je eher, je besser – die Untertanin eines anderen Staates werden, erlischt sowieso die Macht der ›Bruderschaft‹ über Sie – oder ist sie – international?«

»Ich weiß es nicht. Ich war ja keine ›Eingeweihte‹, erst eine Novize. Aber ich meine verstanden zu haben, daß die Gesellschaft Verbindungen in der ganzen Welt hat.«

»Ja? Vermutlich wohl. Es gibt ja überall Giftschlangen, und der Schierling kommt auf jedem Boden fort. Wir wollen es darauf ankommen lassen. Ich vermute, daß Ihr Wunsch um diese Unterredung am dritten Ort mit der Furcht zu tun hat, daß ›man‹ uns bei Ihnen im Hotel – belauschen könnte.«

»Sie haben es erraten. Man hätte uns belauscht.« »Wer?«

»Ja, wenn ich das wüßte. Wie sind die Briefe des ›Komitees‹ in meinen verschlossenen Schmuckkasten gekommen, zu dessen Schloß nur zwei Schlüssel gemacht wurden, von denen ich einen stets bei mir trage, der andere im Stahltresor der Bank aufbewahrt wird?«

»Sie haben den Schlüssel niemals aus der Hand gegeben, ihn niemals liegen lassen?«

»Das letztere sicher nicht, das erstere geschah zwei Mal, aber stets in meiner Gegenwart. Einmal holte meine Kammerfrau mir etwas aus dem Kasten. Aber Jelisaweta ist Fürst Sarakows Milchschwester und wurde mir von ihm gegeben, weil sie unbestechlich ist und auf die Familie schwört. Das zweite Mal holte Olga Petrowna mir ein vergessenes Schmuckstück aus dem Kasten – also wiederum eine Vertrauensperson, deren Integrität keinem Zweifel unterliegt.«

»Wirklich keinem Zweifel?« warf Torcelli ein.

»Oh – aber –«

»Verzeihen Sie – ich habe vielleicht ein kleines Vorurteil gegen Ihre Freundin gefaßt«, gestand er. »Sie war gestern Abend ein wenig – ein wenig taktlos. Das hat mich etwas verletzt, ich muß es schon offen sagen. Und ich hatte das unangenehme Gefühl, daß sie es bewußt war, einen Zweck damit verfolgte.«

Zoe sah ihn groß an. Hatte sie nicht, ihr selbst unbewußt, dasselbe Gefühl gehabt? War es das, was sie zu einer instinktiven Vorsicht vor ihrer Freundin ermahnt hatte?

»Wenn Olga Petrowna taktlos war, so muß sie freilich damit einen Zweck gehabt haben, denn sie ist sonst ein Muster des Taktes«, murmelte sie kopfschüttelnd. »Ich kann mir nur nicht denken – aber gleichviel, das muß sich aufklären. Auf alle Fälle hat weder sie noch meine Kammerfrau mit den Briefen etwas zu tun, denn nach jenen beiden Fällen, in denen sie und jene den Kasten öffneten, waren sie nicht darin –«

»War das vor- oder nachher?«

Zoe sann einen Augenblick nach.

»Nachher«, sagte sie dann mit Bestimmtheit. »Ich habe den Schlüssel, nachdem ich den ersten Brief fand, nie wieder aus den Händen gegeben. Nun bliebe noch mein Kammerdiener, den ich hierher mitgebracht habe. Er hat meinem Manne 15 Jahre lang gedient; Fürst Sarakow pflegte zu sagen, er wäre der einzige Mensch, auf den er sich verlassen könnte. Iwan und Jelisaweta sind eifersüchtige Diener; zwischen ihnen und Olga Petrowna ist keine Liebe verloren. Sie sieht ja über die Abneigung der beiden hinweg, aber es macht sie hin und wieder ärgerlich, sich von den beiden Familien-Inventarien als Eindringling betrachtet und beargwöhnt zu sehen. Diese beiden habe ich nicht gefürchtet, aber was weiß ich, wer mit mir im Hotel ist, um mich im Auftrage des Komitees zu bewachen und zu belauschen? Ich weiß, daß ›sie‹ Mittel und Wege haben, von denen man nichts ahnt. Ich habe den Beweis dafür durch die Briefe. Aber ich hoffe, ich habe ihre Wachsamkeit getäuscht, wie hoffe ich, denn was sollte sonst werden? Es ist nicht auszudenken. Und nun ich gesagt habe, was ich sagen mußte und durfte, will ich zurück ins Hotel, ehe man mich vermißt. Wie spät ist es? Schon 8 Uhr längst vorbei? Gleichviel, niemand weiß, wo ich hin – ich glaube nicht, daß jemand mir gefolgt ist.«

Angelo Torcelli zog sofort den Hut.

»Es wird besser sein, wenn Sie den Rückweg durch die Kirche antreten, über die eiserne Brücke gehen und bei der Akademie eine Gondel nehmen«, sagte er sachlich. »Im Hotel dürfte jetzt schon mindestens das Personal zur Stelle sein – der offizielle Eingang am Kanal nimmt Ihrem Eintritt in das Hotel jede Spur von Heimlichkeit. Ich selbst gehe über den Campo San Angelo in mein Haus zurück. Wann darf ich Ihnen meinen Besuch machen, um mir offiziell Ihr Jawort zu holen?« –

»Ich werde den Nachmittag heut zu Hause bleiben«, erwiderte sie mit einem sehr lieblichen Erröten, das sie dem Engelsbilde des Gian Bellini noch ähnlicher machte. Ein Händedruck noch, und dann gingen diese sonderbaren Verlobten auseinander – er durch den Kreuzgang, sie durch die Kirche über den langen Campo Morosini, der in ebenso goldiges Sonnenlicht getaucht war wie ihre Seele, die heute ihre Wiedergeburt auf der Erde feierte. Es kam ihr nicht in den Sinn, daß er heut und damals in der Halle der Ca' Torcelli kein Wort von Liebe gesprochen hatte. Wozu auch? Das verstand sich ihrer Meinung nach ganz von selbst. Im Gegenteil, ihr Zartgefühl war ihm unbewußt dankbar dafür, daß sein Mund keine jener Beteuerungen hatte, die sie so oft schon angewidert und abgestoßen hatten. Der Druck seiner Hand hatte ihr viel mehr gesagt, als sein Mund es vermocht hätte, und der Rest verstand sich ja ganz von selbst. Und in dem seligen Gefühl, ein Glück erreicht zu haben, das sie für unmöglich gehalten, schritt sie dahin wie auf einer von Frühlingsblüten übersäten Wiese, dem Licht entgegen, das ihr ganzes Herz mit seinem strahlenden Glanze erfüllte.

Die Gondel, welche sie vor der Akademie nahm, brachte sie rasch vor ihr Hotel – einst einer der schönsten Paläste Venedigs, heute eine Karawanserei mit Phantasiepreisen. Den Aufzug verschmähend, denn sie hätte heut ohne einzuhalten auf den Eifelturm steigen können, ging Zoe Sarakow die Treppe hinauf, und als sie an ihre Schlafstubentür kam, trat Olga Petrowna aus ihrem Zimmer.

»Guten Morgen, Zoe, mein Herz. Wie, du bist schon zum Ausgehen gerüstet?« rief sie überrascht. »Kamst du, mich zu rufen? Ich wollte gerade zum Frühstück herüberkommen.«

Zoe Sarakow hätte nicht um die Welt sagen können, warum sie ihrer »Freundin« in keiner ihrer Annahmen widersprach. Sie hatte sich vorgenommen, ihr einfach zu sagen, daß sie einen Morgenspaziergang gemacht; Olga Petrowna schien aber ahnungslos von diesem Ausgange zu sein, und sie ließ sie bei dieser Ahnungslosigkeit.

»Natürlich wollen wir gleich nach dem Frühstück fort«, sagte sie heiter. »Wir haben heut viel vor: San Trovaso, San Sebastian, den Redentore und wenn möglich San Giorgio. Mach dich gleich fertig, ja, damit wir ohne Verzögerung fortkommen.«

»Schön«, rief Olga Petrowna scheinbar ganz einverstanden mit dem Programm und verschwand wieder in ihrem Zimmer. Zoe trat gleichzeitig in das ihrige ein und fand dort ihre Kammerfrau vor, die auf sie zustürzte und nach russischer Art den Saum ihres Kleides küßte.

»Gottlob, Mütterchen, daß du wieder da bist«, rief sie und zeigte ein Paar ganz verweinte Augen. »Einem solch einen Schrecken einzujagen! Heilige Muttergottes von Kasan, – ich dachte, ich falle tot hin, als ich hereinkam und das Bett der Herrin leer fand –«

»Ich wollte dich nicht stören, Jelisaweta, weil's sehr früh war, als ich aufstand, um einen Spaziergang zu machen«, sagte Zoe freundlich und streichelte die runzelige Wange der alten Dienerin.

»Gott segne dein gutes Herz, Mütterchen. Aber es wäre schon besser gewesen, du störtest mich, als daß du mich eine solche Angst um dich ausstehen ließest«, schalt die Alte mit dem Vorrecht, das sie für ein freies Wort hatte. »Heilige Warwara! Und in einer Stadt, wo Wasser in den Straßen ist. Ich wußte nicht, was ich denken sollte. Iwan Gregoriowitsch meinte, man sollte bis zur Frühstücksstunde warten, bevor man Lärm schlüge, um dich zu suchen – – «

»Na, dann ist's ja ein Glück, daß ich mich nicht verspätet habe«, lachte Zoe. Es war recht von euch, daß ihr Fräulein Vareskoi nicht auch noch alarmiert habt.«

»Die? Pah. Mochte sie schlafen! Wir werden doch nicht unsere Sorge um unsere Herrin mit der teilen. Wir nicht«, machte Jelisaweta mit unbeschreiblicher Verachtung.

»Jelisaweta, Jelisaweta«, drohte Zoe mit dem Finger.

»Wenn ihr wirklich geglaubt habt, daß mir etwas zugestoßen ist, dann wäre Fräulein Vareskoi die richtige Person gewesen, euch Rat bei ihr zu holen. Aber es ist gut, daß ihr sie nicht gestört habt. Sie war noch nicht drüben im Speisezimmer, ehe ich kam?«

»Sie hat einmal verschlafen«, brummte Jelisaweta giftig. »Ich dachte erst, sie wäre fort mit dir, Mütterchen, denn man ist's nicht gewohnt, die hochwohlgeborene Olga Petrowna nicht schon bei Morgengrauen um deine Schlafzimmertür schleichen zu sehen, »damit nichts unsere Durchlaucht stört.« Auch nachts habe ich sie schon als Schildwache vor deiner Tür getroffen; Mütterchen kann aber ohne Sorge sein: die alte Jelisaweta verhängt immer innen die Schlüssellöcher.«

»Schäm dich, Jelisaweta«, rief Zoe, ernstlich erzürnt, was die alte Milchschwester des Fürsten Sarakow indes nicht anfocht, denn sie sagte kichernd:

»Was schämen! Ich würde mich schämen, wenn ich's nicht täte. Du hast ihr ja auch nicht gesagt, Mütterchen, daß du schon aus warst.«

Zoe wandte sich ab, um ihr Erröten nicht sehen zu lassen, und ging schnell hinaus und durch ihren Salon in das Speisezimmer, vor dessen Eingang Iwan stand, um die Flügeltür vor seiner Herrin mit der unnachahmlichen Würde des Dieners eines großen Hauses zu öffnen.

»Olga Petrowna ist eben vom Korridor aus eingetreten«, murmelte er mit seinem diskretesten Tonfalle.

»Wie willst du das wissen, wenn du hier drin bist?« fragte Zoe.

»Ich wartete im Korridor, um Fräulein Vareskoi zu melden, daß serviert ist«, erwiderte Iwan noch diskreter als zuvor. »Damit sie sich nicht erst die Mühe nahm, Durchlaucht im Schlafzimmer zu suchen.«

»Durchlaucht«, verstand sehr wohl, daß Iwan Schildwache gestanden, um Olga Petrowna zu hindern, an ihre Schlafstubentür zu gehen; sie steckten unter einer Decke, diese beiden, Jelisaweta und Iwan. Zum mindesten in allem, wozu ihr gemeinsamer Haß gegen Olga Petrowna sie trieb. Zoe aber nahm sich vor, mit ihrer Dienerschaft nicht gemeinsame Sache gegen ihre Freundin zu machen, sondern ihr offen zu erzählen, daß sie heut früh schon ausgewesen – zu einem Morgenspaziergang, zu dem sie ein anderes Mal mitgehen müsse. Aber es kam nicht dazu, obwohl Olga Petrowna ganz die alte war und der gestrige Tag wie ein schwerer Traum aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht schien. Zwei-, dreimal wollte Zoe beiläufig ihren Ausgang erwähnen, aber immer fiel ihr wieder etwas anderes ein, das gesagt werden mußte, und schließlich überlegte sie, daß es befremdlich erscheinen könnte, nachträglich etwas zu erzählen, was sie nicht gleich gesagt hatte. Und so blieb Olga Petrowna zum ersten Male, seit sie unter dem Dache ihrer Freundin lebte, in völliger Unwissenheit über eine ihrer Handlungen.

Am Nachmittag war Zoe Sarakow zu müde zu einem anderen Ausflug.

Die Teestunde war vorbei, das Geschirr hinausgetragen, und Olga Petrowna machte eben den Vorschlag zu einer Gondelfahrt vor – oder nach dem »Diner«, da erschien Iwan im Salon mit einem silbernen Servierteller, auf dem eine Karte lag. Und nun tat Zoe, was jedes junge, ganz junge Mädchen getan hätte: sie ließ ihr Taschentuch fallen, um ihr tiefes Erröten zu verbergen. Es lag etwas mädchenhaft Jungfräuliches in der Bewegung, in dem Erröten, was bei ihr, der großen Dame, der Witwe des allmächtigen Gouverneurs von ... etwas Rührendes hatte, weil es ihr erstes, junges Glück, ihrer ersten Liebe heiligstes Herzklopfen verriet, weil es so wunderbar spontan war ...

Noch ganz rot – »vom Bücken« nahm sie die Karte, deren Namen sie kannte, von dem Servierteller.

»Torcelli«, las sie mit schwankender Stimme. »Der Herr Principe ist – ist hier oben, Iwan?«

»Seine Durchlaucht sind in der Gondel und sandten die Karte herauf, ob Euer Durchlaucht ihn empfangen«, erwiderte Iwan feierlich.

»Ich lasse bitten.«

Iwan sagte »sehr wohl« und verließ den Salon.

»Es wird dir peinlich sein, Olga, dem Principe zu begegnen«, sagte sie freundlich und sanft, aber mit einer nicht gut mißzuverstehenden Aufforderung im Tone.

»Im Gegenteil, mein Herz«, entgegnete Olga Petrowna süß. »Du hast mir gestern angedeutet, daß ich gewisse Dinge nicht hätte sagen sollen. Ich habe nun die beste Gelegenheit, das durch ein paar geschickte Wendungen wieder auszugleichen.«

Zoe sah ihre Freundin groß an – sie wußte nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte.

»Das ist ein sehr löblicher Entschluß«, neigte sie zu dem ersteren. »Nur – ich würde dir sehr dankbar sein, wenn – wenn du mich mit dem Principe allein lassen wolltest.«

Olga Petrowna erhob sich sofort und schickte sich an, den Salon durch das Speisezimmer zu verlassen. In der Tür wandte sie sich noch einmal um.

»Traust du mir nicht mehr?« fragte sie mit einem klagenden Ton. »Es ist zum ersten Male, daß ich hinausgeschickt werde, wenn du Besuch empfängst.«

»Hinausgeschickt!« wiederholte Zoe lächelnd – sie war viel zu glücklich, um sich zu ärgern oder aufzuregen. »Was du manchmal für Ideen hast. Wenn ich nun sagen wollte: traust du mir nicht mehr, daß du mich mit einem Besuch nicht allein lassen willst? Aber das fällt mir gar nicht ein, so mißtrauisch zu sein, und darum bitte ich dich einfach, mich mit dem Principe allein zu lassen.«

Iwan, der die Tür öffnete, schnitt Olga Petrowna ein ferneres Wort ab – sie verschwand in das Speisezimmer, noch ehe Angelo Torcelli den Salon betreten hatte, und Zoe war viel zu aufgeregt, um zu bemerken, daß Iwan, statt sofort in den Korridor zu verschwinden, die ganze Breite des großen, geräumigen Salons durchmaß, um durch das Speisezimmer hinauszugehen, wo er mit der nach innen sich öffnenden Tür heftig gegen Fräulein Vareskoi stieß. Sein würdevolles Gesicht zeigte nicht den geringsten Ausdruck, als er sich damit entschuldigte, daß er nicht gewußt hätte, daß Olga Petrowna hier sei.

»Warum gehen Sie nicht nach dem Korridor ab, wie es sich gehört?« fuhr sie ihn an.

»Euer Gnaden zu Befehl – ich habe hier zu tun«, war die unbeirrte Antwort, und Olga Petrowna räumte zornrot das Feld. Ein Tablett ergreifend, folgte Iwan ihr auf dem Fuße, stellte das Gerät auf einen Tisch im Korridor und wartete in devotester Haltung, bis Olga Petrowna in ihrem Zimmer verschwunden sein würde.

Da verlor sie, wie man zu sagen pflegt, ihre Nerven.

»Was machen Sie da?« rief sie den Kammerdiener an.

»Wie befehlen?« fragte Iwan mit einem Schimmer von wohltemperiertem Erstaunen, und sie hatte die Frage zu wiederholen, sie wiederholte sie sogar wirklich in ihrem Zorn, geschlagen worden zu sein.

»Ich habe hier zu warten, bis Durchlaucht das Zeichen geben, dem Besuch die Tür zu öffnen«, erwiderte Iwan devot. Da ging Olga Petrowna in ihr Zimmer und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Und nun genehmigte Iwan sich den Luxus eines breiten Grinsens.

»Erst geht sie 'raus, und dann will sie horchen«, schmunzelte er. »Denn warum? Weil das ihre Natur ist, zu schnüffeln. Der Puff mit der Tür war ihr sehr gesund – ich hatte darauf gerechnet, daß sie ihn kriegen würde. Was Mütterchen Zoe Alexandrowna mit dem welschen Knäs zu sprechen hat, kann wahrscheinlich das ganze Hotel hier hören. Aber Mütterchen Olga Petrowna sollte sich justament nicht daran erbauen.«

Woraus erhellt, daß Iwan nur dem Genuß einer persönlichen Malice gefrönt hatte, als er seinen und Jelisawetas Dorn im Auge von der allzu nahen Nachbarschaft der dünnen Tür vertrieb, ahnungslos, daß er seiner Herrin damit einen wirklichen Dienst leistete.

Nicht, daß jemand viel von dem Gespräch an sich profitiert hätte – es war, für Zoe wenigstens, ein »Lied ohne Worte«.

Angelo Torcelli hatte die ihm hingehaltene Hand, sich tief auf sie hinabbeugend, geküßt und sie dann festgehalten, als er sich aufrichtete und Zoe ins Auge sah.

»Ich komme, mir Ihr Jawort zu holen«, sagte er schlicht. Das Licht fiel durch die offenen Fenster voll auf sein Gesicht, und sie sah, daß sein Ausdruck überernst war, als hätte er schwere innere Kämpfe gekämpft und – überwunden.

»Haben Sie es wohlüberlegt?« fragte sie angstvoll. »Alles, was ich Ihnen über mich gesagt habe? Sie sehen so – so ernst aus –«

»Es ist eine ernste Stunde, wenn man sich fragt, ob man derer würdig ist, deren Hand man begehrt«, erwiderte Torcelli. »Nicht, daß ich mir etwas vorzuwerfen hätte, das seinen Schatten in die Zukunft werfen könnte; ich bin nicht besser – aber auch nicht schlechter, – als viele andere, die gleich mir jahrelang gedankenlos in den Tag hineingelebt und im Sattel ihren Ehrgeiz befriedigt haben. Aber was kann ich Ihnen bieten, deren Jugend und Schönheit –«

»Angelo!« fiel sie ihm bittend ins Wort, »Sie müssen so nicht reden. Sie tun mir weh. Denn Sie haben mir das geboten, was ich auf dieser Welt am höchsten schätze – Ihr Herz.«

»Mich selbst«, unterbrach er sie, indem es über sein Gesicht zuckte. »Es ist mein heiliger Wille, mich Ihnen ganz zu widmen, was in meinen Kräften steht, für das Glück Ihres Lebens einzusetzen. Wenn Ihnen das genug ist –«

»Mehr als genug – es ist überfließende Glückseligkeit!« fiel sie ihm mit leuchtenden Augen ins Wort. Da zog er sie an seine Brust und küßte ihre Stirn, gerührt, bewegt, dankbar, daß er statt einer schweren, unerträglichen Strafe für sein in der Erregung ausgestoßenes Gelübde ein Herz geschenkt erhalten, das ihn liebte und gläubig ihm vertraute. Aber in dieses Gefühl der Dankbarkeit hinein zog die Reue den Strang des Armensünderglöckleins, das in das Unabänderliche hinein wimmerte und klagte: »Daphne! Daphne!«

*

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.