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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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Ballon und Eiland

I.

Im Zyklon!

Den meisten Lesern ist jener Vorfall wohl noch in der Erinnerung, der sich in den ersten Tagen der Weltausstellung von St. Louis ereignete – wir meinen das Verschwinden jenes ersten Fesselballons, den ein plötzlich auftretender Zyklon in die Lüfte entführte. Jener furchtbare Wirbelsturm richtete bekanntlich auf dem Gelände der eben entstehenden Ausstellung bedeutenden Schaden an, der in den Zeitungen, wie üblich, nach so und soviel hunderttausend Dollar abgeschätzt wurde. Dagegen erschien freilich der Verlust eines Fesselballons von verschwindender Bedeutung –

Und so blieb auch den meisten Lesern unbekannt, was dem erwähnten Vorfalle ein rein menschliches Interesse zu geben geeignet war – daß jene zuerst vom Telegraphen verbreitete Notiz:

»Der Fesselballon der Ausstellung wurde trotz der starken Stahltrossen, die ihn hielten, vom Orkan losgerissen und entfloh auf Nimmerwiedersehen; zum Glück enthielt er wegen der späten Abendstunde keine Insassen –«

– daß jene Notiz nur in ihrem ersten Teil zutreffend war!

Denn der Fesselballon enthielt trotz der späten Abendstunde doch noch Insassen – und ihr Schicksal schildern die folgenden Blätter.


Eine kleine Gesellschaft Deutscher und Deutsch-Amerikaner war nach einem längeren Rundgange – wenn man die auf großen Strecken von einer Fahrt unterbrochene Besichtigung der Ausstellung so nennen darf – in einem der deutschen Wirtshäuser gelandet, wo echter Wein vom Rhein geschenkt wurde.

Es waren acht Personen, die sich an einem der runden Tische in einer Nische des Lokals niedergelassen hatten: der Privatdozent Dr. Heinz Sucher und seine Frau Elisabeth, Telegraphen-Inspektor Fritz Oldenburger und Frau Grete, geb. Schönthal, Mistreß Caroline Huebner aus Chicago und ihre Tochter Miß Annie, Dr. Felix Ridinger, Ingenieur und Mitbesitzer des »California-Eisenwerkes« bei Oregon-City, und seine Frau Maud, geb. Bruckner – Personen, die dem einen oder anderen der Leser vielleicht nicht ganz unbekannt sind.

Wie immer, wenn beim goldnen Wein alte Freundschaft erneuert oder neue geschlossen wird, war die Stimmung der Gesellschaft äußerst angeregt und belebt; Mistreß Huebner, die als junges Mädchen aus Deutschland herübergekommen war, hatte Gelegenheit, sich durch den Augenschein zu überzeugen, daß die jungen Deutschen – denn es waren lauter jungvermählte Paare – genau noch so fröhlich zu sein verstanden, wie sie als Fräulein Caroline vor einem Menschenalter.

Am übermütigsten erschien der Telegraphen-Inspektor Fritz Oldenburger –- das war vielleicht insofern erklärlich, als er sich – auf der Hochzeitsreise befand. Er war es auch, der durch seinen Vorschlag schließlich der schuldlose Urheber alles dessen wurde, was hinterher geschah . . .

Durch die mit Butzenscheiben verglasten Fenster schimmerte die rötlich untergehende Sonne. Frau Elisabeth Sucher öffnete, als die zunächst Sitzende, einen Flügel des Fensters, um den Geistern des Weines, wie sie sich schelmisch ausdrückte die Rückkehr in ihr luftiges Reich zu erleichtern – als Fritz Oldenburger plötzlich wie elektrisiert aufsprang.

»Meine Herrschaften, wissen Sie, was unserm heutigen fröhlichen Beisammensein noch zur Vollendung fehlt?«

»Noch einige Flaschen von diesem Rüdesheimer!« rief launig Dr. Sucher.

»Die auch, lieber Freund,« warf Oldenburger dazwischen, – »und sie sollen uns nicht fehlen! – Nein, meine Herrschaften, schauen Sie dorthin, sehen Sie –« er wies durch das geöffnete Fenster – »vom Lichte der scheidenden Sonne vergoldet, den Einsamen da oben, der wie der Adler aus Schillers ›Spaziergang‹ ›im einsamen Luftraum hängt und knüpft an das Gewölke die Welt‹« –

»– den Fesselballon!« rief seine Frau.

»Ja, Gretulein – ihn mein' ich. Lassen Sie uns zum Abschluß des heutigen Tages noch einen Aufstieg im Fesselballon machen –«

»Er wird eben herabgewunden,« sagte Ridinger, »er hat wohl den letzten Aufstieg für heute gemacht« – er sah nach der Uhr – »ja – es ist Schluß für heute.«

»So lassen Sie uns eilen, ladies and gentlemen!« rief Oldenburger zum Aufbruch drängend, – »der allmächtige Dollar wird uns helfen, falls die bittenden Blicke so vieler schöner Augen bei den Beamten des Fesselballons machtlos bleiben – kommen Sie, kommen Sie!«

– Ehe man sich recht besann, war man schon auf dem Wege zur Aufstieghalle. Zuerst wollte ja die eine oder andere Dame protestieren; aber der diplomatische Fritz Oldenburger hatte sich die Zustimmung der Mistreß Huebner zu sichern gewußt – und so wollte sich die Jugend nicht vom reiferen Alter beschämen lassen: der übermütige Vorschlag ging allseitig durch.

Um sich die Herren der Gesellschaft noch geneigter zu stimmen, ließ der junge Telegraphen-Inspektor einen Korb voll Rüdesheimer Wein an Ort und Stelle bringen.

»Heinz, Bruderherz, wie muß da oben der Wein erst schmecken!« hatte er enthusiastisch gerufen, als er Dr. Sucher davon berichtete. – –

Alles ging nach Wunsch. Einen Augenblick hatte zwar der Ingenieur, Mr. Sidney Morris, Einwendungen erhoben, hatte aber auf die Bitten der Damen hin doch das Signal zum nochmaligen Aufstieg des riesigen Luftungetüms gegeben.

»Aber nur wenige Minuten, mein Herr –« sagte er bestimmt zu Oldenburger. »Die Wolkenwand dort im Südwesten kommt immer näher –«

»Im voraus besten Dank, Mr. Morris!«

– Und so stieg man auf. Anfangs klammerten sich die jungen Frauen ängstlich an ihre Eheherren – aber als das eigentümliche Schwindelgefühl überwunden war, genoß man einen Ausblick und Rundblick über die gesamte Ausstellung und ihre Umgebung, der unvergleichlich war.

Die lustigen Gespräche verstummten alle – der Eindruck des Erhabenen drängte sich mit zwingender Gewalt in die Menschenseele . . .

Der Ballonführer, Mr. Morris, reichte den Insassen ein Fernrohr zur bessern Beobachtung des schon im Dämmerlicht verschwimmenden Horizontes.

Und eben bückte sich Fritz Oldenburger, um einige der mitgenommenen Flaschen zu einem »Toast in den Lüften« aus ihrer Verpackung zu lösen – als ein pfeifender Windstoß den riesigen Ballon von der Seite packte, daß die Seidenhülle tiefe Einbuchtungen erhielt und krachend gegen das Netzwerk gepreßt wurde –

Entsetzt klammerte sich alles an den Rand der Gondel – die Damen schrien vor Schreck auf –

Schnell gab der Führer durch das Telephon das Zeichen zum Abstieg. Man fühlte an dem Erzittern der großen Gondel, wie der Ballon ruckweise herabgezogen wurde –

Die Insassen atmeten erleichtert auf. Oldenburger stand noch immer, in jeder Hand eine Flasche Rüdesheimer, unschlüssig, ob er sie nicht doch noch öffnen sollte – – als die Gondelinsassen von einem zweiten, viel gewaltigeren Stoße durcheinandergeschleudert wurden –

Ingenieur Morris beugte sich über den Gondelrand –

Da ringelte sich das sonst straffgespannte Stahldrahtseil wie eine Schlange in den Lüften –

Es war zerrissen.

Der Druck des Orkans war zu groß gewesen . . .

Pfeilschnell flog der entfesselte Riesenballon in die Höhe. Morris warf einen Blick auf das Barometer. Die Quecksilbersäule fiel rapid –

Wie ein Kreisel drehte sich das Luftschiff um sich selbst, immer höher steigend. In wenigen Sekunden war es in einem Wolkenmeere verschwunden, das der nun voll einsetzende Wirbelsturm zusammengetrieben hatte. Das war auch der Grund, weshalb Morris nicht die Ventilleine zog. Die Geschwindigkeit dieser Taifune ist bekanntlich sehr groß, erreicht nicht selten 40-50 Meter pro Sekunde. Dazu verhinderte die graugelbe Wolkenhülle jede Orientierung, so daß eine Landung völlig unmöglich schien, noch dazu mit solchen Insassen.

Denn in der Gondel sah es traurig aus – Weinen und Schluchzen und verzweiflungsvolle Schreie nach Hilfe übertönten die Trostworte der ruhigeren Männer. – Aber auch diese erkannten bald den ganzen, furchtbaren Ernst ihrer Lage.

»Derartige Stürme pflegen nur selten von längerer Dauer zu sein,« sagte Morris beruhigend zu den Verzweifelnden. »Hoffentlich können wir in ganz kurzer Zeit wieder landen. Unser Ballon ist vom besten Material und besitzt wegen seiner Größe eine bedeutende Tragkraft. Wir sind in dem gleichen Falle, wie Luftschiffer im freien Ballon, die vom Wirbelsturm unvermutet gepackt werden, ladies and gentlemen. Darum bitte ich sie alle immer wieder: verzweifeln sie nicht, behalten sie Hoffnung, fassen sie Mut!« –


Aber dieser Taifun war einer der seltenen, die tagelang andauern. Die Nacht kam mit all ihrem Dunkel und all ihrem Schrecken – und der Morgen kam, bleigrau schimmerte sein fahles Licht durch die graugelben Wolkenmassen. Hagel- und Regenschauer prasselten auf die Ballonhülle hernieder, und noch immer wagte man nicht zu landen – – –

Ungefähr sechzig Stunden nach dem unglücklichen Aufstieg – die Verzweiflung der Balloninsassen war unterdes aufs höchste gestiegen! – sah der Führer Morris mit dem Fernrohr durch den nun in einzelne Fetzen zerrissenen Wolkenmantel unter sich – das wogende Meer, das in langen, weißköpfigen Wellen dahinflutete.

»Der Ozean –« sagte er leise zu Mr. Ridinger, der mit seiner jungen Gattin neben ihm am Rande der Gondel stand.

»Aber welcher Ozean, Mr. Morris?« fragte Mrs. Maud – »Atlantik oder Pazifique?«

»Ja, Mrs. Ridinger, diese Frage habe ich mir in unser aller Interesse eben auch schon gestellt, ohne sie bis jetzt beantworten zu können –«

»Wie hoch schätzen Sie die Geschwindigkeit dieses Wirbelsturmes, Mr. Morris?«

»Ich besitze leider zu wenig meteorologische Erfahrung, aber ich glaube, sie wird sich von der Durchschnittsgeschwindigkeit derartiger Zyklone nicht weit entfernt haben, die ungefähr vierzig Meter in der Sekunde beträgt –«

»Das ergibt also für jede Stunde unserer unfreiwilligen Ballonfahrt zirka hundertvierzig Kilometer« – sagte der eben hinzutretende Dr. Sucher.

»Ja, nur daß dabei die Richtung der bewegten Luftmassen – also auch des in ihnen schwebenden Ballons – fortwährend wechselt und nacheinander alle Örter der Windrose durchläuft, eine halbwegs zutreffende geographische Orientierung nach der Länge der durchflogenen Wegstrecke also kaum möglich sein wird –« vollendete Morris.

»Auf jeden Fall müssen wir versuchen zu landen, Mr. Morris!« rief Fritz Oldenburger besorgt aus, »schon um nicht zu verhungern – von allen andern Gefahren, die uns mit jeder Stunde mehr bedrohen, gar nicht zu reden. Sie sagten selbst, daß der Gasverlust unseres Ballons seit gestern immer bedeutender wird –«

»Gewiß muß eine Landung um jeden Preis versucht werden,« sagte der Ballonführer zustimmend. Der Taifun scheint ja allmählich abzuflauen; wir wollen zunächst, so ungern ich etwas von unserem Gasvorrat opfere, noch etwas tiefer herabsteigen – vielleicht ist der Ausblick unter dieser Wolkenschicht freier –«

Er faßte nach der Schnur und öffnete das Ventil am oberen Ende des Ballons. Mit einem scharfen Zischen entwich das Gas. Die Wolkenschicht unter ihnen kam plötzlich näher – scheinbar; nun hüllten sie die Wolkenmassen selbst in undurchdringlichen Nebel –

Nochmals zog der Führer die Ventilleine.

Mit einem gewaltigen Ruck sank der Ballon durch die hüllenden Wolken –

Unter ihnen flutete endlos – bis an die Grenzlinien des äußersten Horizontes das freie Meer – –

»Vielleicht sehen wir ein Schiff!« sagte Frau Grete Oldenburger, die nun auch die Gruppe der stumm in einer Gondelecke sitzenden Frauen verlassen und den Platz neben ihrem Gatten eingenommen hatte.

»Hoffen wir es!« sagte Mr. Morris ernst . . .

Und über den Rand der Gondel gelehnt, starrten alle mit der Ausdauer, wie sie nur letzter Mut, letzte Hoffnung und letzte Kraft verleihen können, in die öde, weite, trostlose Wasserfläche, die in trübem Graugrün ihre Wellen in endlose Fernen wälzte. – – – –

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