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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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Ein verirrter Telephondraht

Es war um die achte Abendstunde eines Spätsommertages, als ein junger Mann im Reiseanzuge, der eben den Gepäckschalter des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin verlassen hatte, aus der geräumigen Vorhalle ins Freie trat.

Das lebendige Straßenbild, das einen jeden neu angekommenen Besucher Berlins gefangen nimmt, fesselte auch ihn, der früher jahrelang in der Reichshaupstadt gelebt hatte, von neuem. Die riesigen Effektbogenlampen warfen schon ihren blendenden, gelblich-roten Schein auf die Passantenflut, die auf den breiten Trottoiren sich hin und her bewegte. Eine Wolke aufdringlichen Parfüms erfüllte die Luft; ein eigentümlicher Lärm, der gleichsam körperlich geworden war, beschäftigte unaufhörlich sein Ohr: das endlose Geräusch der unzähligen menschlichen Füße auf den Steinfliesen der Straße, das Summen so vieler Stimmen, das Ausrufen der Zeitungshändler und Blumenverkäufer, dazwischen das Donnern der Stadtbahnzüge, das Zischen und Schnauben der Lokomotiven, das Rollen der Droschken, das fast unaufhörliche Tuten der Autos, ab und zu aus den Nachbarstraßen das Klingeln der ›Elektrischen‹. Wie ein an- und abflutendes Meer nahm es den einsam Dahinschreitenden gefangen, dessen tief von der afrikanischen Sonne gebräuntes, ernstes Antlitz scharf von den fahlen, weißen Gesichtern ringsum seltsam abstach.

»O – mein stilles Mwangwa!« seufzte er unwillkürlich und so laut, daß die Vorübergehenden ihn spöttisch und verwundert ansahen. Ärgerlich über die dreisten Blicke, mit denen man ihn musterte, bog er an der Weidendammer Brücke in eine Querstraße ein.

Er sah nach dem Straßenschild und überlegte einen Augenblick. Dann zog er die Uhr –

»Zehn Minuten nach Acht!« sagte er, »dann treffe ich ihn wohl noch zu Hause –«

Und mit raschem Schritt eilte er die Straße entlang. An einem der Häuser blieb er stehen und warf einen Blick nach den Fenstern des zweiten Stockwerks.

»Er hat Licht – hoffentlich keine größere Gesellschaft!«

Damit zog er den Knopf am Portal, stieg die mit roten Läufern belegte Treppe hinauf und klingelte –

Eine würdige ältere Dame mit einem mütterlich-freundlichen Gesichte öffnete.

»Guten Abend, Frau Wenck!« sagte der späte Besucher.

»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Frau Wenck verwundert, mit etwas Förmlichkeit und Befremden im Ton.

»Kennen Sie mich nicht mehr? – Allerdings – fünf Jahre in Afrika können mich wohl fremd gemacht –«

»Ah – Herr Ingenieur Ott – Sie sind's? – Ja, jetzt erkenne ich sie! Und so gebräunt –«

»Ja – die liebe Sonne meint's dort recht gut, verehrte Frau Wenck. – Aber – ist mein Freund, der Herr Amtsrichter, zu sprechen? Er ist doch zu Hause? – Und allein?«

»Gewiß – und das wird eine Freude für ihn sein –«

»Melden Sie mich nicht, bitte: ich möchte ihn überraschen, Frau Wenck –« und damit schritt er zum Arbeitszimmer des Amtsrichters und klopfte.

»Herein!« rief es von drinnen.

Ingenieur Ott trat ein.

Frau Wenck vernahm noch den Freudenschrei, mit welchem Amtsrichter Riesenthal seinen so plötzlich heimgekehrten Freund bewillkommete. Sie wußte, was nun folgen würde, und eilte in die Küche, um auch ihrerseits für ein freundliches Willkommen zu sorgen . . .

Bei einer Flasche Rüdesheimer und einer Zigarre saßen die beiden alten Freunde im Gespräch, das, wie immer bei einem Wiedersehen nach langer Trennung, sprungweise hin- und herging und im bunten Wechsel die verschiedensten Themata berührte.

»Also die Überlandbahn über den schwarzen Erdteil ist fertig, sagst du?«

»Betriebsfertig – und wenn du Lust haben solltest, amice, deine Hochzeitsreise nach Afrika zu machen, kann ich sie dir aus eigenster Anschauung nur empfehlen! Es ist eine herrliche Fahrt: von den blauen Fluten des Mittelmeeres, vorbei an den löwengelben Sanddünen der lybischen Wüste, durch die düsteren Urwälder Äquatorias, über donnernde Riesenströme mit wildschäumenden Katarakten, aber auch durch freundliche Täler, bebaut mit den kegelförmigen Hütten friedlich arbeitender Negerstämme, durch unsere blühenden Kolonieen – ja, amice! endlich sind wir soweit, uns unserer Kolonieen freuen zu können – lange genug hat's ja freilich gedauert! – vorbei am Schneegipfel des Ruwenzori, am Steppenrande der Karoo entlang, vorbei an den Diamantgruben des alten Transvaal – bis zur Kapstadt! Eine köstliche Fahrt, amice! – und, wie gesagt, wenn du deine Hochzeitsreise –«

»Lieber Alfred, du weißt, zur Hochzeitsreise pflegen immer zwei zu gehören; da es mir nun leider noch immer nicht gelungen ist, das zweite Individuum zu ermitteln –«

»Ja – du warst immer ein Weiberfeind –«

»Das möchte ich doch noch nicht so definitiv hinstellen – indessen, daß ich einmal den Spieß umkehre: du warest nie ein Weiberfeind – und wo hast du deine bessere Hälfte?«

»Ach – ich! – Da draußen hat man gar keine Zeit, ernstlich an so etwas zu denken, und außerdem –«

»Und außerdem?«

»Nun – du weißt ja, amice! – heute vor fünf Jahren – mir fällt eben ein, daß es auf den Tag gerade ein volles Lustrum her ist, – saß ich auch hier bei dir auf dem Sofa und teilte dir meinen festen Entschluß mit, nach Afrika zu gehen, um dort den Bau einer Teilstrecke der Bahn am Victoria-Nyanza zu leiten –«

»Ich – erinnere mich, mein Alter!« sagte Amtsrichter Riesenthal, die Hand des Freundes drückend. »Du gingest eines Mädchens wegen aus dem Vaterlande –«

»Ja – wegen – Roswitha von Tinius –«

»Sie lebt, soviel ich weiß, noch immer hier in Berlin; aus der Zeitung ersah ich vor einiger Zeit, daß ihre alte, schwer leidende Tante endlich, darf man hier wohl sagen, das Zeitliche gesegnet hat –«

»Eine Erlösung für beide Teile!«

»Ja – sicherlich! – Aber, wenn es nicht alte Wunden aufreißt, sag' einmal, mein Alter, warum bist du eigentlich damals so Knall und Fall auf- und davongegangen?«

»Weil ich hier nicht länger leben konnte, amice! Weil ich keine Aussicht sah, Roswitha mir zu gewinnen! Du weißt, daß sie und ich immer ein wenig auf dem Kriegsfuße standen –«

»Wie Beatrice und Benedikt in Shakespeares ›Viel Lärm um nichts‹ –

»Aber im Innersten meines Herzens hatt' ich sie doch lieb wie keine auf der Welt! – Und darum ertrug ich's nicht, als sie plötzlich gegen mich völlig gleichgültig tat, in einer gewissen höflichen Art, weißt du, die dem andern zu verstehen gibt, sie sei fertig mit ihm – und das ertrug ich nicht! Das nicht! Ihren Spott hab ich lachenden Mundes ertragen – aber ihre höfliche Gleichgültigkeit nicht! Darum ging ich, wahrlich nicht mit leichtem Herzen! – Aber noch heute weiß ich nicht, was sie eigentlich gegen mich hatte –«

»Du warest ein wilder Gesell, mein Alter, immer verliebt, heut in Braun, morgen in Blond, und schon durch deinen Beruf wenig zur Seßhaftigkeit geneigt. Auch pekuniär waren deine damaligen Aussichten –«

»Ich weiß – ich weiß – aber das weiß ich auch, daß mich nichts in der Welt veranlassen könnte, von ihr zu lassen – und ich weiß auch oder glaubte es wenigstens damals aus mehr als einem Beweise zu wissen, daß sie mich geliebt hat –«

Es war einen Augenblick still zwischen den beiden Freunden. Dann sagte der Amtsrichter leise:

»Du liebst sie noch?«

Ingenieur Ott sprang auf –

»Frage den verschwiegenen Urwald da unten am Victoria, wie oft ich ihren lieben Namen wie eine Beschwörungsformel gerufen habe! Wie oft ich nach ihr geseufzt, um sie gebangt mit dem nagenden Schmerze des Verbannten – oft mitten in der Nacht, wenn ich schlaflos in meinem Zelte lag – daß mein braver Daud, ein kleiner Kruneger, ins Zelt gestürzt kam: »O Herr, guter Herr, soll ich den großen weißen Zauberer rufen, daß er dir das goldene Kreuz auf die Brust lege und die bösen Geister banne?« – Gelächelt hab' ich und gesagt: Da hilft kein Zauber, mein braver Daud, leg' dich wieder aufs andere Ohr! Er ging – aber ich wußte, daß er noch lange hinter meinem Zeltvorhange mit bekümmertem Herzen lauschte. – Ja – ich liebe sie noch! Und ein Denkmal habe ich meiner Liebe gesetzt da unten im Urwalddickicht, amice! Ein Denkmal: aere perennius! In einen der mächtigsten Baobabstämme hab' ich ihren und meinen Namen mit der Axt eingegraben – da sollen sie stehen und dauern, hoff' ich, manches Jahrhundert lang!«

Er hob sein Glas und ließ es an das des Freundes anklingen. Sie leerten die Gläser; der Amtsrichter füllte sie wieder und sagte dann:

»Laß mich noch einmal Roswithas Partei nehmen, mein Alter! Du weißt, sie war eine fast unvermögende Waise, hatte nur ihre reichen, stolzen, sehr exklusiven Verwandten und war ganz auf sie angewiesen – sie war damals minorenn – wer weiß, welche Kette von Standesvorurteilen ein so erzogenes Mädchen immer hinter sich her schleppt! Wer weiß, aus wieviel feinen Fäden das Netz gesponnen war, mit dem man ihr freies, rein menschliches Empfinden dir gegenüber gefesselt hat! – Doch –« unterbrach er sich selbst, als er sah, wie düster das Gesicht seines heimgekehrten Studienfreundes geworden war – »tempi passati, mein Alter! Sonst ist dir alles dort unten nach Wunsch gegangen? Ich weiß, du hattest immer ein Faible für Africa incognita, immer so besondere Ideen – als ob dieser schwarze Erdteil einmal in Zukunft berufen sei, der nordischen Menschheit als Zufluchtsort zu dienen, einst, wenn klimatische und geologische Umwälzungen unsere jetzige Heimat unbewohnbar gemacht haben –«

»Ja – das ist auch heute noch meine feste Überzeugung!« rief der junge Ingenieur mit Wärme; »wir alle, die da unten gearbeitet haben und noch arbeiten an der Kultur des Erdteils, am Fortschritt der Zivilisation, an der Spitze all die unsterblichen Forscher, die der Wissenschaft zuerst sichere Kunde von den Geheimnissen Innerafrikas gebracht haben, wir alle sind nur Pioniere – Pioniere der kommenden Jahrtausende! Die Zeit wird sicher kommen, wo die Völker der jetzigen gemäßigten Zonen sich leben- und wärmeheischend um die Linie des Äquators zusammendrängen werden –«

Der Amtsrichter wollte etwas erwidern; aber da klingelte es am Telephon –

»Erlaube, amice – das wird mein Bureauvorsteher sein –«

Der Amtsrichter trat an den Apparat. Er nannte seinen Namen und lauschte ein Weilchen – dann sprach er schnell ein paar Worte.

»Noch Dienstliches?« fragte der Ingenieur.

»Wir sind im Bureau einer sehr unangenehmen Geschichte auf der Spur: verschwundene Akten etc. etc.« erwiderte ihm der Amtsrichter, aufs neue in das Telephon lauschend.

Eben trat Frau Wenck in die Tür und meldete, daß das Souper angerichtet sei.

»Ah – schön, teuerste Schaffnerin! Wir kommen sofort! Hoffentlich haben Sie auch heute, wie sonst, nach Ihrem famosen Grundsatze gehandelt: Je besser, desto mehr!« – Dann, sich zu seinem Freunde wendend:

»Sei so gut, mein Alter, und horche hier ein bißchen am Telephon; mein Bureauvorsteher wird sich gleich wieder melden – damit das Amt nicht erst wieder abklingelt – ich will schnell in den Keller laufen, um eine der Feier und Würde dieses Moments entsprechende Marke heraufzuholen –«

»Herr Amtsrichter, kann ich Ihnen nicht – oder das Mädchen – den Weg abnehmen?«

»Nein, teuerste Eurykleia – die Marke finden Sie nicht heraus!«

Damit eilte Riesenthal aus dem Zimmer, Frau Wenck kehrte nach dem Eßzimmer zurück, und Ingenieur Ott trat ans Telephon.

– – Allerlei Geräusche vernahm der Lauschende: das Ticken der Uhr auf dem Vermittlungsamt, das sausende Geräusch, welches die vorbeifahrenden Straßenbahnen infolge der Induktion ihrer mächtigen Betriebsströme in den Telephondrähten hervorriefen, abgerissene Worte von Gesprächen – –

Noch immer meldete sich der Bureauvorsteher nicht; – aber jetzt!

Eine Stimme – eine weibliche Stimme! Eine melodische Altstimme!

Der Ingenieur preßte die Hörmuschel fest ans Ohr, um keinen Laut zu verlieren. War das nicht dieselbe Stimme, die ihn einst –?

»Frau Oberin,« hört er sie sprechen, »ich bin am Telephon – Roswitha von Tinius –«

Ingenieur Ott hat sich nicht getäuscht; die Stimme kennt er unter Tausenden heraus. Getreu hat seine Seele ihren Klang bewahrt –

Nun eine antwortende Stimme:

»Ja, liebes Kind – es ist recht, daß ich Sie noch sprechen kann. Ich höre soeben, daß Sie heute zweimal nach mir gefragt haben –«

»Ja, Frau Oberin – ich kam, um Ihnen die Bitte auszusprechen, mich als Schwester in Ihre Anstalt aufzunehmen –«

»Das ist sehr lieb und brav von Ihnen, mein Kind! Haben sie sich aber auch reiflich geprüft, ob Sie zu unserm schweren Berufe taugen? Wir haben viel Selbstaufopferung, viel Geduld nötig –«

»Ich habe meine seit Jahren schwer leidende Tante gepflegt bis zu ihrem kürzlich erfolgten Tode –«

»Dann wissen Sie ja ein wenig, was Ihrer wartet. – Also hören Sie, liebes Kind, weshalb ich Sie heute abend noch anrufe: Eine unserer Schwestern ist plötzlich schwer erkrankt –«

Ingenieur Ott steht am Telephon, wie ein Träumender. Wie ist denn das alles möglich? Wie kann er dies Gespräch der beiden in seiner Leitung hören? Er faßt sich an die Stirn –. Aber er will jetzt nicht grübeln; später wird er auch dies Rätsel lösen: nur hören will er, hören, daß ihm kein Laut der geliebten Stimme entgeht –

Und eben sagt Roswitha:

»Gern bin ich bereit, Frau Oberin, schon heute abend einzutreten –«

»Brav, mein liebes Kind! Sie helfen uns aus einer Verlegenheit. Und in welcher Zeit können wir Sie erwarten?«

»In zwei Stunden etwa – oder früher, wenn Frau Oberin –«

»Also in zwei Stunden. Auf Wiedersehen, liebes Kind!« – –

Ingenieur Ott steht noch immer mit dem Fernhörer am Ohr, blaß vor innerer Bewegung, die Augen starr ins Weite gerichtet –

Und eben meldet sich der Bureauvorsteher:

»Herr Amtsrichter, die Nummer des fraglichen Aktenstückes –«

Der Ingenieur hört nichts mehr. Er stürzt aus dem Zimmer, reißt Hut und Überzieher vom Garderobenhalter und eilt die Treppe hinab – seinen mit einem Arm voll Weinflaschen beladenen Freund fast hinabstürzend –

»Wohin denn – wohin? Wie siehst du denn aus? Was ist dir?«

»Laß mich – fort! Zu ihr – zu ihr!« – – –

II.

Auf der Straße angekommen, sprang der Ingenieur in eine gerade vorüberfahrende Automobildroschke.

»Kesselstraße fünf, Kutscher! Aber schnell – schnell!«

»Vierte Geschwindigkeit!« sagt der Fahrer trocken, den Einschalthebel herumlegend –

Wenige Minuter später hält das Gefährt schon an dem bezeichneten Hause. Alfred Ott eilt die altmodische Treppe mit den vielen Absätzen hinauf.

Sein Herz schlägt ihm bis zum Halse, als er nun vor Roswithas Türe steht. – Einen Augenblick muß er nach Fassung ringen – dann zieht er die Klingel.

Ein Weilchen bleibt es still –

Dann ein rascher Schritt –

Ihr Schritt! O, wie gut er ihn noch kennt! Wie sein Ohr diesen Rhythmus bewahrt hat all' die Jahre hindurch!

Die Korridortür öffnet sich –

Hellbeleuchtet vom Licht der Lampe steht sie vor ihm. Er sieht ihre Augen wieder, die ihm geleuchtet durch Afrikas Nächte. Ihre hohe Gestalt erscheint noch schlanker in dem tiefen Schwarz ihrer Kleidung. Ihr liebes Antlitz ist blässer als sonst; schwer liegen die reichen, dunklen Flechten auf ihrer schönen Stirn –

Sie erkennt ihn sogleich.

»Alfred – Herr Ingenieur Ott – Sie?«

»Ja – ich, liebe, einzige Roswitha! Verzeihen Sie, daß ich so spät noch Sie überfalle! Ich bin vor wenigen Stunden erst aus Afrika heimgekehrt –«

Und nun erzählt er ihr – noch auf dem Korridor stehend, wie er vorhin seinen Freund aufgesucht, wie er bei ihm durch einen wundersamen Zufall ihr Gespräch mit der Frau Oberin am Telephon belauscht – wie er darauf hierhergeeilt sei, um sie zu fragen – in letzter Stunde – ob sie die Seine werden wolle –

Er hat das alles hervorgestürzt in atemloser Hast, tief erregt, in banger Erwartung – und nun hängt sein Blick an ihren Lippen –

Sie aber legt ruhig und fest ihre Hand in die seine und sagt leise:

»Ich habe Sie immer geliebt, Alfred –«

Mit einem Jubelschrei preßt er sie an sich und schließt ihr den Mund mit einem Kuß, lang und innig –

Dann – nach einem Weilchen – macht sie sich sanft aus seiner Umarmung frei und tritt an den Spiegel, um sich den Hut aufzusetzen.

»Du willst ausgehen, Herzliebste? Wohin? Doch nicht zur – Oberin?«

Sie lächelte über sein bestürztes Gesicht. »Nein – nein! Sie wird mir verzeihen und der Himmel auch, daß ich dich lieber habe als ihre Patienten – Bescheid will ich ihr nachher noch telegraphisch geben – nein, ich will – zu deinem Freunde, dem Herrn Amtsrichter Riesenthal –«

»Bravo, Schatz! Das ist lieb und nett von dir! Der wird sich schön gewundert haben, als ich so plötzlich verschwand –«

»Eben darum! Ich muß doch dich und – mich bei ihm entschuldigen, Liebster!« . . .


Vor dem Hause Kesselstraße Nummer fünf schritt um dieselbe Zeit ein Herr unruhig auf und ab, immer wieder den Blick nach den Fenstern der dritten Etage werfend –

Endlich öffnete sich die Haustür – zwei Personen traten heraus, ein Herr und eine Dame.

»Gott sei Dank!« rief Amtsrichter Riesenthal – denn er war es – erleichtert aus – »Sie kommen beide – Arm in Arm!«

»Guten Abend, meine hochverehrten Herrschaften!« rief er, den beiden entgegentretend.

»Du bist's, amice?« rief der Ingenieur fast gleichzeitig – »o, das ist schön! Siehst du, ich bin noch zu rechter Zeit aus Mwangwa heimgekommen, Roswitha zu gewinnen! Sie ist meine Braut!«

Der Amtsrichter gratulierte beiden; dann sagte er, sich zu Roswitha wendend:

»Darf ich fragen, wohin die Herrschaften jetzt ihre Schritte lenken wollten?«

»Zu Ihnen, Herr Amtsrichter – zu Ihnen,« entgegnete sie errötend, »um uns bei Ihnen über das unterbrochene Wiedersehen zu entschuldigen –«

»O – das ist ja ein äußerst liebenswürdiger Entschluß, der, wie ich annehmen muß, von Ihnen ausgegangen ist, gnädiges Fräulein; denn Alfred wird in seinem Glücke kaum an mich gedacht haben –«

»Du hast es getroffen, amice!«

»Nun denn, so lassen Sie uns Ihren guten Einfall zu dreien ausführen!« sagte der Amtsrichter – »Kutscher!«

Eine der an der Ecke haltenden Droschken kam herangefahren.

Alfred bettete seine spätgefundene Braut sorglich im Fond des Wagens.

»Wie das Laub schon fällt!« sagte der Amtsrichter einsteigend und den Wagenschlag schließend – »es wird Herbst –«

»Nein, amice!« rief Ott mit strahlendem Lächeln, »nun soll es erst noch einmal Frühling werden, nicht wahr, mein Lieb!«

Und wieder fuhr er in raschem Tempo durch die Straßen, wie vorhin –- aber jetzt saß das Glück neben ihm und lächelte ihn an.

»Frau Wenck wird Augen machen, wenn wir kommen,« sagte der Amtsrichter launig, als sie an seiner Tür angelangt waren.

Frau Wenck »machte allerdings Augen«, als sie die drei erblickte; – aber als sie alles erfahren, zog sie das junge Mädchen in mütterlichem Empfinden an sich und gratulierte ihr unter Lachen und Weinen. –

Und dann ging's zu Tisch.

»Es wird nichts mehr schmecken« – klagte Frau Wenck, »es ist alles schon einmal aufgewärmt!«

Aber es mundete allen vortrefflich, und sie erntete lauter Lobsprüche.

»Und wie schön kühl der Rheinwein unterdes geworden ist!« sagte der Amtsrichter, sein Glas erhebend – »Prosit, mein gnädiges Fräulein! Prosit, mein Alter – und nochmals meine allerherzlichste Gratulation!«

Und nun kam man auf den sonderbaren Zufall zu sprechen, der eigentlich das Glück des heutigen Abends geschaffen hatte.

»Du bist ja Fachmann, lieber Alfred,« sagte der Amtsrichter, »du müßtest doch eigentlich auch dafür eine zureichende Erklärung finden –«

»Eine Erklärung wohl –« entgegnete der Angeredete, »aber ob sie zureicht, das will ich doch lieber nicht behaupten. Also höre: Ich nehme an, daß die Telephonleitung nach deiner Wohnung an irgend einer Stelle mit der nach dem Sprechzimmer der Frau Oberin, die Roswitha noch heute abend als Novize aufnehmen wollte –« er unterbrach sich und wandte sich an Frau Wenck: »Apropos, liebe Frau Wenck – das Telegramm an die Frau Oberin –?«

»– ist richtig besorgt, Herr Ingenieur!« antwortete die Hausdame lächelnd, und der Amtsrichter setzte schmunzelnd hinzu: »Fürchtest du noch immer, daß sie dir dein Glück streitig macht, amice?«

Ingenieur Ott zog Roswitha mit glücklichem Lachen an sich und fuhr dann fort: »– also, daß deine Leitung mit jener an irgend einer Stelle in nahe Berührung geraten ist – vielleicht durch die Lockerung eines Drahtes bei dem jetzigen stürmischen Wetter – und nun wirkte diese benachbarte Leitung induzierend auf die deine! Du kennst ja doch die Gesetze der Faradayschen Induktion, nicht wahr, amice? Wir haben sie ja dereinst als Pennäler bei Professor Köster zusammen gelernt –«

»Forsche nicht weiter, Sterblicher!« rief der Amtsrichter mit komischem Pathos –

»Jeder elektrische Strom, dessen Richtung oder Intensität wechselt, erzeugt in einem benachbarten Leiter einen sogenannten Induktionsstrom, der abhängig ist von der Stärke und Frequenz des induzierenden Stromes – oder in Formel –«

»Hör' auf, hör' auf!« rief der Amtsrichter, sich die Ohren zuhaltend, »wenn du nicht willst, daß ich dir als Gegengabe ein halb Dutzend Paragraphen mit allem Drum und Dran zitiere, aus denen du wegen unerlaubter Ausnutzung einer diskreten Mitteilung Dritter zu verurteilen bist –«

Der junge Ingenieur lachte laut auf. »Ich schweige ja schon,« sagte er – »aber nur durch eine solche Induktionswirkung zufällig sich fast berührender Telephondrähte – oder richtiger: durch einen verirrten Draht, der dicht in die Nähe eines andern geraten ist, vermag ich das Erlebnis an deinem Fernsprecher zu erklären!«

Er zog Roswitha von neuem an sich; sie aber sagte, sich aus seiner Umarmung freimachend, indes ein plötzlicher Ernst auf ihre schöne Stirne trat:

»Vermagst du aber auch zu erklären, mein kluger Alfred, wie es kam, daß du gerade heute aus Afrika heimkommen mußtest, heute, wo ich im Begriffe stand, mich auf immer zu binden? Vermagst du zu erklären, wie es kam, daß du in der nämlichen Minute am Telephon des Herrn Amtsrichters standest, als ich mit der Frau Oberin sprach? Vermagst du zu erklären, warum gerade dieser eine Draht, der dir meinen Entschluß durch ›Induktion‹ verriet, sich in die Nähe des andern verirrt hat –«

»Nein, mein Liebling,« sagte der Ingenieur, nun auch ernster werdend, »das alles vermag ich nicht zu erklären!«

»Das ist das Geheimnisvolle,« schloß Amtsrichter Riesenthal fast feierlich – »das Rätselhafte, welches uns allenthalben umgibt, das Wunderbare, das bei allem irdischen Geschehen als ein unerklärlicher Rest übrig bleibt! Seien Sie diesem Wunderbaren dankbar, daß es Ihnen beiden das schönste und schwerste Rätsel des Menschenlebens lösen half: die Liebe!«

Hell klangen die drei Gläser aneinander.

Und eben trat Frau Wenck wieder in die Tür, und hinter ihr erschien Auguste, »das Mädchen für alles«, mit dem silbernen Kübel, aus dem einige goldköpfige Flaschen verheißungsvoll hervorlugten –.

 

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