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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
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Katalyse

»Und ich mag nicht!«

»Aber, Mabel, warum nicht?«

»Weil ich nicht mag!«

»Das ist aber doch kein Grund für meine kluge Freundin.«

»Grund genug. Und nun laß, bitte, deine gutgemeinten Ratschläge, liebste Gertrude, sonst zanken wir uns noch seinetwegen.«

»Aber er ist ein so lieber, ernster, seltener Mensch. Ich zitiere nur eine Zeile aus deinem ersten Briefe, liebe Mabel, den du mir damals von hier, gleich nach deiner Anstellung im Institut, nach Onkels Gut sandtest, und er hat dich gewiß recht lieb.«

»Das weiß ich und das sage ich noch heute,« entgegnete Mabel. »Aber ist das ein zwingender Grund für mich, seine Werbung anzunehmen? Ich bin früh selbständig geworden und brauche niemand!«

»Aber das stille, treue Werben eines solchen Mannes –«

»Fängst du schon wieder an? Nun ist's aber genug, hörst du?«

Die zierliche Brünette mit den hellbraunen Augen schwieg ein Weilchen, dann begann sie von neuem mit schelmischem Lächeln:

»Schade, schade, daß ihr beide nicht zusammen kommen sollt, die ihr doch so gut zusammen paßt!«

Mabel machte eine abwehrende Bewegung.

»Wenn du auch den Kopf schüttelst, Liebste, es ist doch so. Er ernst und ruhig – du auch; er groß und schlank – du auch; er klug und weise – du auch; er Chemiker vom Fach – du auch; er erhaben über die Torheiten anderer Menschenkinder meines Schlages – du auch – –«

»Hör' auf, hör' auf, Getrude; deinen Spott habe ich nicht verdient.«

»Verzeih'!« Gertrude zog die Freundin zu sich herab und küßte sie. Darauf sagte sie:

»Lassen wir beide also den Herrn Privatdozenten Dr. Bartholomäus Schlichtmann da, wo er am liebsten weilt, bei seinen Retorten und Chemikalien, liebste Mabel! Du sagtest ja schon vorhin, bei meinem Eintritt ins Laboratorium, daß du für heute fertig seiest, und daß das übrige bei deiner Arbeit die Elektronen über Nacht besorgen würden, nicht? – Also komm, meine fleißige Mabel, draußen ist es Lenz, und du sollst sehen, der Lenz in Berlin ist wunderschön in seinem ersten Grün! Und gibt es bei uns auch keinen Hydepark, so haben wir doch einen Tiergarten, und er wimmelt jetzt genau so von fröhlichen, geputzten Menschenkindern, von glänzenden Karossen und leider auch von mißtönenden und mißduftenden Autos, wie wahrscheinlich dein gepriesener Hydepark! Komm! Dir zulieb will ich heute mein bestes Englisch hervorsuchen und zwei Stunden lang kein liebes, deutsches Wort aus meinem Munde gehen lassen, damit dir ein wenig heimatlicher zumute wird. Das ist doch lieb von mir, gelt?«

Miß Mabel sah ihre Freundin mit weichem Ausdruck an.

»Du kannst immer deutsch sprechen, liebe Gertrude! Ich liebe euer Deutschland, eure deutsche Wissenschaft und Kunst, und ich fühle mich gar nicht so heimatlos, als du glauben magst. Aber nun komm – ich will euren Frühling sehen, ich sehe ihn ja zum erstenmal!«

Damit streifte sie schnell den leinenen Schutzkittel ab, den sie im Laboratorium trug, säuberte sich ein wenig, strich ihre Frisur zurecht und setzte den Hut auf.

Ihre Freundin Gertrude hatte unterdes in dem Manuskript geblättert, das auf dem Arbeitstische der jungen Engländerin lag.

»Puh – was für vertrackte Formeln und Zeichen. Sag' einmal, verstehst du denn das alles?«

»Ich hoffe doch, Gertrude.«

»Na – ich bekäme nichts in den Kopf davon – auf Ehre! Diese kuriosen Ausdrücke! Hier lese ich immer ein solch drolliges Wort in deiner Arbeit: Katalyse – was ist denn das?«

»Natürlich,« entgegnete Mabel belustigt, »du Unglückskind triffst gerade eine Sache, von der wir Chemiker noch wenig wissen, das heißt, was ihr eigentliches Wesen betrifft; was sie für die chemischen Vorgänge bedeutet, ist uns allerdings bekannt, und meine Arbeit beschäftigt sich eben mit einer Reihe katalytischer Prozesse unter Verwendung des Wasserstoffsuperoxyds; aber das verstehst du ja doch nicht, kleine Gertrude –«

»Nein, nein, laß nur!« sagte diese, deren Augen ein Weilchen mit Interesse auf einer Stelle des Manuskripts geruht hatten, »ich weiß genug.«

»So schnell, Kleine?«

»Ja, so schnell, meine kluge Mabel! Und nun wollen wir gehen!« setzte sie mit einer eigentümlichen Hast hinzu.

Die beiden Freundinnen schritten dem Ausgange zu.

»Eigentlich müßte ich doch erst Herrn Dr. Schlichtmann Bescheid sagen, der Ordnung wegen,« sagte Mabel, stehenbleibend.

»Geniert's dich, Mabel? Ich werde es ihm an deiner Stelle sagen, du erlaubst doch?«

Damit öffnete sie die Tür zum Laboratorium des Dozenten.

»Ich gehe unterdes die Treppe hinab, beeile dich,« hörte sie noch die Freundin sagen.

Nach einem Weilchen traf sie wieder mit Mabel zusammen, die unten am Portal wartete.

»Du bliebst ja so lange?«

»Findest du? Er hielt es wohl für seine Pflicht, mir ein paar höfliche Worte zu sagen, und die mußte ich doch anhören. Und nun komm!«


Dr. Schlichtmann stand in seinem Laboratorium. Auch er arbeitete an einer Versuchsreihe über die – Katalyse, und zwar hatte er namentlich die katalytische Wirkung des feinverteilten Platins bei der Bildung von Säuren einer neuen, fruchtbaren Untersuchung unterworfen.

In diesen Augenblicken aber beschäftigten ihn im stillen eine sehr persönliche Angelegenheit. Der kluge Gelehrte trug seit Monaten eine tiefe Neigung zu der ersten Assistentin des Chemischen Instituts im Herzen. Es war bei ihm nicht nach dem Sprichwort gegangen: Gelegenheit macht Liebe – er hatte sich ehrlich gewehrt gegen das Gefühl, das vom ersten Augenblick an in ihm für Mabel Whitestone wachgeworden war, umsomehr, als er von ihr keinerlei Aufmunterung empfing.

Sein Gefühl sagte ihm, daß all sein Werben um die Geliebte wohl aussichtslos bleiben werde – und doch horchte er jeden Morgen mit klopfendem Herzen auf ihren raschen, elastischen Schritt, wenn sie in das kleine Laboratorium neben dem seinen trat, und seine Hand zitterte, wenn sie bei irgendeiner Manipulation als Assistentin die seine berührte. Er litt körperlich und geistig unter diesem Zustande und sagte sich, daß es so nicht weiter gehen könne. Aber was sollte geschehen?

Eben klang ihr Schritt in der Nähe seiner Tür. Merkwürdig, er war heute noch leichter und schneller als sonst! Er öffnete die Tür, um seiner schönen Assistentin einen »Guten Morgen« zu bieten.

Er stutzte.

Es war nicht Mabel, es war die junge, anmutige Dame, die schon gestern ihm an ihrer Stelle eine Bestellung überbracht hatte.

»Verzeihung, Herr Doktor! Meine Freundin, Miß Mabel, sendet mich, um sich noch für ein Stündchen entschuldigen zu lassen, eine Landsmännin, eine Studiengenossin vom Smithsonian-College, suchte sie auf, gerade, als sie sich hierher begeben wollte, ich habe sie ein Stück begleitet.«

»O, das ist schade! Ich hatte gerade heute auf Miß Mabels Assistenz gerechnet, schade! Die Studenten haben noch Ferien, sonst könnte ich mir einen der angehenden Chemiker aus dem Laboratorium holen, und den Institutsdiener habe ich soeben mit einem Auftrage weggeschickt, schade! Und Hilfe müßte ich schon haben, der Mensch ist leider nur ein Zweihänder! Und ich habe schon alles vorbereitet, sehen Sie dort, gnädiges Fräulein!«

Er wies auf die Apparatenanordnung auf einem der Experimentiertische.

»Herr Doktor – könnte ich nicht – so lange, bis meine Freundin kommt – ich habe zwar gar keine chemischen Kenntnisse – aber Ihren Laboratoriumsdiener hoffe ich doch ersetzen zu können – –«

»Sehr liebenswürdig, mein gnädiges Fräulein! Aber – ich weiß doch nicht – es handelt sich allerdings nur um ein paar Handgriffe –«

Gertrude lächelte. »Die werden sie mir doch zutrauen, Herr Doktor, – ich helfe Ihnen so gern –«

»Und ich nehme Ihre freundliche Hilfe mit Dank an! Also – bitte, kommen Sie – sehen sie! Hier an diesem Apparat –«

»Meinen Hut und mein Jakett darf ich doch erst –«

»Aber selbstverständlich! verzeihen Sie! Darf ich ein wenig behilflich sein?«

»Ich danke, Herr Doktor!«

Und schon stand sie an seiner Seite. Der Privatdozent warf einen Blick auf ihr hellfarbiges Promenadenkostüm.

»Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, aber es ist doch besser, wenn Sie einen Schutzkittel anlegen – erlauben Sie –«

Damit nahm er einen solchen aus einem Spind und half ihr beim Hineinschlüpfen.

»So,« sagte er lächelnd, »der paßt Ihnen ja ganz gut und kleidet Sie vortrefflich. Und nun lassen Sie uns anfangen! Sehen Sie hier zunächst diesen Taster; er schließt beim Niederdrücken einen Stromkreis, in welchen die auf ihre wachsende Leitfähigkeit für den elektrischen Strom zu untersuchende Substanz eingeschaltet ist, eben die Substanz, welche sich mit Hilfe der Katalyse bildet; Katalyse nennen wir – doch, was soll ich Ihnen den Kopf mit unsern chemischen Definitionen heiß machen, gnädiges Fräulein – was kümmert Sie die Katalyse? – Also diesen Taster bitte ich niederzudrücken, so oft die dort stehende Signaluhr ein Zeichen gibt, und dabei gleichzeitig den Ausschlag der Nadel hier am Galvanometer zu beobachten und die Ablesung zu notieren. Ist es Ihnen verständlich? Wollen Sie, bitte, einmal einschalten – die Uhr wird im Moment das Zeichen geben – und die Grade ablesen?«

Gertrude tat, wie ihr geheißen, mit etwas Herzklopfen freilich, und sie konnte es auch nicht verhindern, daß ein heißes Erröten ihr Stirn und Wangen färbte.

»Nun, welche Ablesung würden Sie jetzt notieren, gnädiges Fräulein? Die Teilstriche bedeuten Zehntelgrade.«

»Vier und drei Zehntel Grad.«

»Richtig, schön! Ich sehe, ich kann mich auf Sie verlassen. Und nun – jeder an seine Arbeit! Mein Platz ist dort,« er zeigte auf einen kompliziert gebauten Destillationsapparat an der andern Seite des Zimmers.

Mit einer Verbeugung ließ er die neu eingekleidete Assistentin allein und schritt an seinen Arbeitsplatz. Still und aufmerksam saß Gertrude und achtete mit peinlicher Gewissenhaftigkeit auf die Signale. So gingen die Minuten, und so war eine Stunde vergangen, als sie mit einem leichten Aufschrei die Hand vom Taster zurückzog.

»Was war dort?« fragte Dr. Schlichtmann, immer noch seine Aufmerksamkeit auf seinen Apparat richtend.

»Eine bläuliche Flamme zuckte eben hier auf.«

Er war hinzugeeilt.

»Ein kleiner voltaischer Bogen! Sie haben wahrscheinlich den Taster nicht ganz bis zum Anschlage heruntergedrückt, haben Sie sich verbrannt? Darf ich einmal sehen?«

»O, es ist nichts,« sagte sie, ihm die Hand entziehend.

»Es ist doch etwas! Zeigen Sie, bitte! Freilich – eine Brandblase! Warten Sie, für solche kleinen Laboratoriumsunfälle haben wir hier schnell Abhilfe.«

Er entnahm einem Wandschränkchen einen präparierten Verbandsstoff und riß einen Streifen davon ab.

»Und nun zeigen Sie mir noch einmal das kleine Malheur, gnädiges Fräulein!«

Mit geschickter und schonender Hand legte er um den mit einer Brandblase bedeckten Finger den Verband.

In diesem Augenblick trat Miß Mabel ins Laboratorium.

Ihr erstaunter Blick fiel auf die beiden, auf Dr. Schlichtmann, der sich sorgsam zu ihrer Freundin Gertrude herabgebeugt hatte, und auf Gertrude, die mit einem hingebenden Ausdruck zu ihm aufschaute.

Sie wußte nicht, wie es kam, aber sie empfand ein sonderbares, unangenehmes Gefühl, etwas wie einen Schmerz, bei diesem Anblick.

Dr. Schlichtmann sah auf.

»O schön, daß Sie kommen, Miß Mabel! Ihre liebenswürdige Freundin hat Sie bisher tapfer und geschickt vertreten und hat sich auf dem Felde der Wissenschaft auch schon die erste Blessur geholt, eine kleine Brandwunde. Aber nun,« er wandte sich zu Gertrude, »nun haben sie tausendmal Dank, daß Sie mir so brav assistiert haben, gnädiges Fräulein! Und es tut mir so leid, daß Sie Ihre liebenswürdige Bereitwilligkeit gleich mit einem Schmerz bezahlen müssen.«

Lächelnd wehrte Gertrude seinen Dank ab. »Ich habe es meiner Freundin zuliebe getan, Herr Doktor!« sagte sie einfach. Sie entledigte sich mit Mabels Hilfe schnell des Laboratoriumskittels, dann sagte sie:

»Und nun darf ich wohl gehen! Adieu, Herr Doktor! Adieu, meine liebe Mabel, laß dich mein Beispiel lehren und nimm dich hübsch in Acht! Aber dich braucht man ja wohl nicht zu warnen vor plötzlichen Blitzstrahlen und heimlichen Flammen, nicht wahr?«

Damit war sie zur Tür hinaus.


Es war still zwischen den beiden, Dr. Schlichtmann und Mabel Whitestone. Mechanisch verrichtete jeder seine Arbeit.

Mabel war unruhig, warum – hätte sie wohl selbst kaum zu sagen vermocht. Beim Eintreten war ihr einen Augenblick der Gedanke gekommen, daß sie dem Augenscheine nach hier völlig überflüssig sei, daß sie wahrscheinlich dem Herrn Privatdozenten bei seiner Arbeit gar nicht gefehlt, und daß sich ihre muntere Freundin Gertrude als ihre Stellvertreterin offenbar geschickt gezeigt habe.

Und auch über Dr. Schlichtmann war sie verstimmt. Er hätte ihr doch ein Wort gönnen können! Sonst hatte er doch stets mit ihr geplaudert; was hatte er nur heute?

Ob sie ihn selbst anredete?

Und eben schickte sie sich an, ihm von ihrer Landsmännin Annie Seymour zu erzählen, welche sie heute früh aufgesucht hatte, und von deren Arbeit mit Professor R . . . in London, als er selbst das Schweigen unterbrach.

»Kennen Sie Ihre Freundin, Fräulein, – ich weiß allerdings noch gar nicht ihren Familiennamen, also Fräulein Gertrude meine ich, schon lange, Miß Mabel?«

»Gertrude Kröning ist eine Reisebekanntschaft, die ich im vorigen Jahr machte.«

»Es ist mir interessant, Miß Mabel, daß sie, die gewiß schwer mit jemand vertraut wird, sich so leicht und so innig an diese Dame angeschlossen haben.«

»O, das ist kein Verdienst von mir, sondern von meiner Freundin! Gertrude fand mich im Vorjahre auf dem halben Wege zur Blümlisalp, wo ich mich verstiegen, und eine Nacht und einen halben Tag kraftlos, mit einem verstauchten Knöchel, liegen geblieben war.«

»Und Ihre Führer?«

»Die hatte ich ja nicht! Das war mein Ehrgeiz oder mein Eigensinn, daß ich allein das Ziel erreichen wollte.«

»Und Fräulein Gertrude fand Sie zufällig?«

»Ja, mit einer Gesellschaft kam sie in meiner Nähe vorüber und hörte meine Hilferufe, fand mich auf, rettete mich, führte mich hinab ins Tal, brachte mich zu Bett und pflegte mich, als ich tags darauf vor Aufregung und Erschöpfung in ein gefährliches Fieber fiel.«

»Also wie im biblischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter?«

»Gerad so.«

»Nur daß die Räuber und Mörder fehlten.«

Sie lächelte, dann fuhr sie fort:

»O, die kamen diesmal hinterher, in meinen Fieberphantasien! Da war es mir immer, als läge ich noch hilflos in der Bergschlucht, und allerlei entsetzliche Gestalten, halb Menschen, halb Ungeheuer, drängten sich in meine Nähe.«

»Schauderhaft!« rief Dr. Schlichtmann. »Aber ich kenne das auch, ich habe auch einmal im Wundfieber solche angenehmen Geschichten zusammenphantasiert.«

»Und da sah ich immer in lichten Augenblicken das liebe Antlitz meiner Gertrude über mir und hörte ihr freundliches Zureden und fühlte ihre weiche, kühle Hand, sie hat so wundervoll kühle Hände.«

»Ja, das habe ich heute auch bemerkt, als ich ihr den kleinen Verband anlegte,« flocht Dr. Schlichtmann ein.

Mabel verstummte. Der Moment trat wieder vor ihre Seele, als sie die beiden heute beieinander gesehen.

»Nun, und,« – fragte Dr. Schlichtmann.

Mabel zwang sich zum Weiterreden.

»Ja, und so hat sie mich gepflegt, tagelang, wochenlang, hat meinetwegen ihre Sommerreise unterbrochen, bis ich wieder genesen war und mit ihr auf das Gut ihres Onkels fahren konnte, um mich vollends zu erholen.«

»Das nenne ich eine Freundin! Miß Mabel, Sie können stolz auf diese Bekanntschaft sein; wahrlich, um einen solchen Menschen sind Sie zu beneiden, um die Liebe eines solchen Menschen –«

Ein Geräusch unterbrach ihn, wie von zischendem Dampfe.

»Was ist?« rief er.

»Der Destillationsapparat ist undicht geworden, Herr Doktor, da, sehen Sie!«

Mabel wies auf einen feinen Dampfstrahl, der dem kupfernen Schlangenrohr entströmte.

»Schnell verstopfen!«, und er eilte hinzu.

Miß Mabel war schneller. Mit geschickter Hand versuchte sie die undicht gewordene Stelle durch Umlegen von Asbestband zu schließen. Wohl zischte der siedendheiße Dampf ihr um die Finger, aber es gelang ihr.

»Gott sei Dank, das hätten wir geschafft!« rief Dr. Schlichtmann. »haben Sie Dank, Miß Mabel. hoffentlich haben Sie sich dabei nicht verbrannt?«

»Es ist nicht so schlimm, Herr Doktor.«

»Sie haben ja ›feuerfeste Finger‹, ich weiß es, sonst hätten wir heute hier die zweite Verbrennung. Aber Sie wissen ja in solchen Fällen sich selbst schon zu helfen, und hier steht ja noch die Büchse mit Brandpflaster, wenn Sie sich bedienen wollen.«

»Ich danke, Herr Doktor! Aber ich möchte Sie bitten, mich für heute etwas früher zu verabschieden, meine Freundin vom Smithsonian-College hat mich –«

Sie sprach sehr hastig, ihre Worte überstürzten sich fast.

»Gehen Sie, Miß Mabel, gehen Sie, bitte! Ich will nur noch diesen Versuch abschließen, und das kann ich ja allein. Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrer liebenswürdigen Freundin, Fräulein Gertrude! Adieu.«

»Adieu, Herr Doktor.«

Mabel ging. Draußen vor der Tür des Instituts preßte sie die schmerzende Rechte mit den arg verbrannten Fingern gegen die Lippe. Ein heißes Wehgefühl wollte sie übermannen. Und wieder dachte sie an die Szene bei ihrem Eintritt in das Laboratorium.

Wie hatte er da sorglich und behutsam Gertrudes Hand verbunden, selbst verbunden!

Für sie aber waren nur ein paar oberflächliche Worte des Bedauerns gefallen: »Sie wissen ja sich selbst zu helfen, und hier steht die Büchse mit Brandpflaster, wenn Sie sich bedienen wollen.«

Es war gewiß alles so, wie es sein mußte, es war heute nicht anders als gestern, es war gewiß alles nur Torheit von ihr, und doch sah sie heute alles anders, so, als wäre es mit einem Male hell um sie geworden, hell von einem herniederfallenden Lichte; aber dieses Licht schmerzte sie, und es raubte ihr die alte, unbefangene Sicherheit, es zeigte alles um sie her in anderer Beleuchtung.

Sie ertappte sich zum ersten Male auf einem Gefühl des Neides gegen Gertrude.

Noch gestern hätte sie geglaubt, es koste sie, wenn sie wolle, nur ein Wort, ja nur einen Blick, Dr. Schlichtmann zu gewinnen.

Und heute! Heute hatte er kaum einen Blick, viel weniger ein Wort für sie gehabt; denn im Grunde hatte all sein Interesse von heute nur Gertrude gegolten, und auch sein Gespräch hatte sich nur immer um sie gedreht! Sie schüttelte das ihr unbekannte, häßliche Gefühl ab, aber sie konnte es nicht hindern, daß ihr heute etwas mit bitterer Deutlichkeit zum Bewußtsein kam: Daß sie einsam war und heimatlos.


Am nächsten Tage, kurz vor ihrem Gange ins Laboratorium, erhielt Mabel Whitestone von Gertrude folgendes Billet:

»Berlin W., Landgrafenstr. 3.

Liebste Mabel!

Seit gestern abend glaube ich an einen neuen Gott. Sein Name heißt: Zufall! Und wenn ich nun wie Du klassisch angehaucht wäre und bei einer solchen Gelegenheit, wie Du Euren Shakespeare, unseren Schiller zitieren wollte, könnte ich tiefsinnig aus dem Wallenstein hinzusetzen:

»Es gibt keinen Zufall,
Und was uns blindes Ungefähr nur dünkt,
Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.«
Meinetwegen mag es auch so sein!

Aber daß Dr. Bartholomäus Schlichtmann gestern abend aus den ›tiefsten Quellen‹ zu mir gestiegen wäre, wird mir schwer zu glauben. Doch zur Sache.

Gestern abend war ich wieder einmal im Lessingtheater. Du weißt, ich bin gern und oft dort, und wenn ich auch nicht auf Hauptmann und Sudermann eingeschworen bin, so lasse ich doch ein Ibsenstück selten vorübergehen. Gestern ging der ›Volksfeind‹ neu einstudiert in Szene. Du hast mich ja schon immer mit meiner Schwärmerei für Albert Bassermann geneckt; aber er übertraf sich gestern selbst! O, wie liebe ich diese Idealisten, wie diesen Dr. Thomas Stockmann! Diese echten Adelsmenschen! Doch ich sehe schon Dein stolzes Antlitz spöttisch lächeln, Du denkst, daß diese meine Vorliebe gar nicht so objektiv sei, sondern subjektiv zum größeren Teile dem Träger der Rolle gelte – ich schweige schon, Sittenrichterin!

Aber um auf den Zufall zu kommen! Ich hatte einen famosen Parkettplatz, nicht zu nah und nicht zu fern der Bühne, und war schon ziemlich früh gekommen. Das Theater füllte sich schnell, aber der Parkettsitz mir zur Linken blieb leer. Er war also vorausbestellt; aber sein Inhaber schien im letzten Augenblick verhindert zu sein. Ich dachte schon im stillen, wie schön es gewesen wäre, wenn Du den leeren Platz neben mir hättest einnehmen können, und schalt ein wenig auf Deine Landsmännin Annie Seymour, daß sie Dich auch noch für den Abend in Beschlag genommen hatte. Der Platz blieb leer. Das Zeichen zum Beginn ertönte, und im Zuschauerraum wurde es finster. Da, im Moment des Verdunkelns, ließ der Türschließer noch jemand herein, der im raschen Schritt sich durch die Reihe drängte und den Platz neben mir einnahm.

Dieser jemand war – ein Herr. Und dieser Herr war – Dr. Barthalomäus Schlichtmann!

Im ersten Augenblick war ich so konsterniert, daß ich wahrscheinlich ein äußerst dummes Gesicht gemacht habe. Dieses und die mangelnde Beleuchtung waren schuld, daß er mich nicht erkannte. Und so saß ich denn den ganzen ersten Akt neben ihm und freute mich auf den Zwischenakt, wo es wieder hell werden würde.

Und es wurde hell, und er sah, wer neben ihm saß. Und nun kam die Reihe, zu erstaunen, an ihn. Und auch er pries den glücklichen Zufall, der uns hier zusammengeführt. Und ich fand es nett von ihm, daß er sich gleich nach meiner in seinem Laboratorium verbrannten Hand erkundigte. Ich beruhigte ihn und zeigte ihm, daß ich ohne Schmerz den Handschuh darauf tragen konnte. Und dann sprachen wir von allerlei: vom Theater im allgemeinen und von Ibsen im besonderen; und es stellte sich heraus, daß auch er diesen ernsten Erzieher zur Lebenswahrheit und Lebenshoheit liebt. – Dann nahm uns das Stück wieder gefangen, und dann plauderten wir wieder, und so verging im Wechsel der Abend.

Meine hohe Meinung von Dr. Schlichtmann ist seit gestern abend nur noch gestiegen. Er ist kein »Fachmann« der landläufigen Art; er hat einen universellen Zug in seiner Bildung, und das, was er über Ibsens Bedeutung für uns moderne Menschen sagte, war mir aus der Seele gesprochen. Und auch er hält große Stücke von Bassermann und rühmt die geniale Gestaltungskraft dieses Künstlers.

Nach Schluß des Theaters war er mir ein wenig behilflich, Mantel und Hut zu erobern. Dann war er noch so liebenswürdig, mir eine Droschke zu besorgen und verabschiedete sich mit dem Wunsche des Wiedersehens. – Ich unterschreibe jetzt aus eigener Erfahrung Dein Urteil über ihn: Ein lieber, ernster, seltener Mensch! Man muß ihm gut sein! Unwillkürlich wird man ihm so vertraut.

Doch was langweile ich Dich damit!

Merkwürdigerweise haben wir den ganzen Abend kaum einmal von Dir gesprochen; nur flüchtig erwähnte Dr. Schlichtmann, daß auch Du Dir heute kurz nach mir eine kleine Brandwunde geholt hättest, es sei aber nicht von Belang. Sonst, wie gesagt, nichts von Dir. Doch Du wirst Dir wohl deshalb keine grauen Haare wachsen lassen; es wäre auch schade um Dein schönes Blond!

Das ist doch ein langer Brief, nicht? – Und nun – es ist nachts ein Uhr, ich will zu Bett gehen, vielleicht hole ich Dich morgen wieder aus dem Laboratorium ab. Also, auf Wiedersehen, liebste Mabel!

Deine Gertrude.

P. S. Ich finde, er hat wunderschöne Augen; man muß sie nur nah genug betrachten können. D. O.«

Mabel starrte noch immer auf das Blatt. Wieder empfand sie das seltsame Gefühl von gestern! Im ersten Ansturm beschloß sie, heute nicht in das Laboratorium zu gehen. Mochte Gertrude sie dort auch vergebens suchen! Vielleicht konnte sie wieder seine Assistentin spielen, wie gestern! vielleicht war ihr das ganz erwünscht. –

Und wieder stieg die Empfindung des Verlassenseins in ihr auf, heiß und schmerzend, bis ihre Augen sich verschleierten.

Aber da dachte sie an ihre Arbeit über die Katalyse. Die durfte sie nicht versäumen! Und sie machte sich auf den Weg. Unterwegs nahm sie sich vor, heute in ihrem kleinen Laboratorium zu bleiben. Dr. Schlichtmann würde ihre Assistenz ja entbehren können. Mit diesem Vorsatz betrat sie ihren Arbeitsraum.

Auf dem Experimentiertische schimmerte ihr etwas Weißes entgegen. Eine Visitenkarte von Dr. Schlichtmann mit den flüchtig hingeworfenen Worten:

»Bin ein paar Stunden verhindert; bitte, so lange hier nach dem Rechten zu sehen.«

Sie atmete auf. Ordentlich leicht wurde ihr zumute, daß sie einige Stunden allein mit sich und ihrer Arbeit sein konnte. Schnell schlüpfte sie in ihr Arbeitsgewand und begab sich an ihr Tagewerk. Es gelang ihr, ihre frühere unbeeinflußte Stimmung zurück zu gewinnen und wie sonst nur an ihre Arbeit zu denken.

Drei Stunden später näherten sich dem Eingange des Chemischen Instituts von verschiedenen Seiten ein Herr und eine Dame.

Der Herr war Dr. Schlichtmann, die Dame Gertrude Kröning.

Kurz vor dem Portal erkannten sie einander.

»Guten Morgen!«

»Guten Morgen!«

»Gut bekommen?«

»Danke! Ihnen doch auch? – Aber wie kommt es, Herr Doktor, daß Sie um diese Zeit sich nicht im Laboratorium befinden?«

»Ich hatte eine offizielle Abhaltung; ich habe aber Miß Mabel benachrichtigt, die also von uns dreien die einzige ist, welche bis jetzt ihren Tag nicht verloren hat, – oder sind Sie auch schon fleißig gewesen, gnädiges Fräulein?«

»Nein, nein! Ich habe gestern abend noch einen langen Brief an Mabel geschrieben und bin erst gegen ein Uhr zur Ruhe gegangen. Dafür habe ich heute morgen ein bißchen länger geschlafen, ausnahmsweise: ich bin sonst keine Langschläferin, Herr Doktor.«

»Nein, so sehen Sie auch nicht aus! Aber da sind wir ja.«

Er öffnete die Tür und ließ Gertrude vorangehen. Sie stiegen nebeneinander die Treppe empor, und eben wollte Gertrude die letzten Stufen betreten, die zur Tür von Mabels Laboratorium führte, als ein heftiger Knall ertönte!

Der Eindruck war so plötzlich und so überwältigend, daß Gertrude vor Schreck einen Moment die Besinnung verlor und die Treppe hinabgestürzt wäre, wenn nicht Dr. Schlichtmann sie in seinen Armen aufgefangen hätte. Einen Herzschlag lang ruhte sie an seiner Brust – mit geschlossenen Augen.

In diesem Augenblick öffnete Miß Mabel die Tür.

Dr. Schlichtmann sah auf. Mit geisterblassem Antlitz stand sie im Rahmen der Tür und starrte auf die beiden. Ihr Haar, ihr Gewand waren mit Glassplittern übersät.

Sie stieß einen Schrei aus, in welchem sich Schreck und Schmerz ergreifend mischten. Dann schlug sie die Tür des Laboratoriums wieder zu, und man hörte den Schlüssel sich drehen.

»Was ist denn geschehen, was war denn?« fragte Dr. Schlichtmann, sich zu Gertrude wendend, die ihre Fassung wieder gewonnen hatte und schnell die letzten Stufen bis zur Laboratoriumtür hinaufgeeilt war.

»Ja, – ich glaube, Herr Doktor, die Kata– die Katalyse ist eingetreten.

»Was sagen Sie? Die Katalyse!? – Aber – was wissen Sie denn davon, gnädiges Fräulein?«

»Nicht viel; aber ich glaube doch, daß ich recht habe, Herr Doktor – und nun lassen Sie uns nach meiner Freundin sehen.«

Sie klopfte an die Tür. Nichts rührte sich innen. Sie klinkte; die Tür war verschlossen.

»Erlauben Sie, gnädiges Fräulein,« sagte Dr. Schlichtmann.

»Miß Mabel!«

Keine Antwort.

»Miß Mabel! Bitte, öffnen Sie!« Seine Stimme klang eher wie eine Bitte als wie eine Aufforderung.

Und abermals wiederholte er sie – und abermals.

Alles blieb still.

Und nun überkam es den ernsten, kühlen Gelehrten mit steigender Sorge.

»Mein Gott, wenn sie verletzt wäre! – Offenbar ist doch eine Explosion eingetreten! Der Knall war ziemlich stark! Und weshalb sie nur die Tür wieder geschlossen hat? Wahrscheinlich hat sie vor Schreck und Aufregung die ruhige Überlegung eingebüßt! – Mein Gott – ich verstehe das alles nicht!«

Über Gertrudes Antlitz ging es wie der Schein eines Lächelns.

Und abermals rüttelte der junge Gelehrte an der verschlossenen Tür.

»Was mache ich nur? Vielleicht hat sie ernstliche Verletzungen davongetragen – vielleicht gar die Besinnung verloren! Gott – wenn sie – und ich stehe hier und vermag ihr nicht zu helfen – ihr, die ich lieber als mein Leben –« er verstummte mit einem Blick auf Gertrude.

Gertrude ergriff seine Hand. »Beruhigen Sie sich, Herr Doktor!« sagte sie leise, und ein zuversichtlicher Blick traf schalkhaft den seinen, dann setzte sie, plötzlich lauter sprechend, hinzu:

»Ich will den Institutsdiener rufen – im Souterrain, nicht wahr? – daß er einen Schlosser holt, falls es nötig sein sollte – was ich aber nicht glaube!« schloß sie, wieder leiser sprechend.

Und schon eilte sie die Treppe hinab.

Dr. Schlichtmann versuchte noch einmal die Tür zu öffnen.

»Miß Mabel, hören Sie mich? Ich bitte, ich beschwöre Sie: öffnen Sie! Sind Sie verletzt? Was ist Ihnen denn? Weshalb die verschlossene Tür? Muß ich erst meine Stellung hier im Institut geltend machen – Ihnen gegenüber? Miß Mabel, liebste Miß Mabel, so öffnen Sie doch, ehe Fräulein Gertrude mit dem Schlosser zurückkehrt!«

Und abermals drückte er auf die Klinke.

Die Tür ging auf! Dr. Schlichtmann stürzte ins Zimmer.

Miß Mabel lehnte hinter der Tür, totenblaß, von ihrem weißen Halse sickerte Blut.

Mit einem Aufschrei riß er sie an sich und hielt sie in seinen Armen.

»Mabel,« flüsterte er, »liebste Mabel!«

Sie sagte nichts, sie schloß die Augen, und ihre stolzen Lippen wichen seinem Kuß nicht aus.

Dann sagte sie, wie aus einer Betäubung erwachend:

»Wo – ist Gertrude?«

»Sie holt den Institutsdiener oder den Schlosser. Die Tür war ja verschlossen – bis jetzt! Woher kam denn der furchtbare Knall? Fräulein Gertrude wäre vor Schreck bei einem Haar die steile Treppe hinabgestürzt, wenn ich sie nicht noch im letzten Moment aufgefangen hätte. Mabel, wie haben Sie – wie hast du mich erschreckt!«

Die ernste Falte auf Mabels Stirn ist plötzlich verschwunden, und wie Sonnenschein bricht es aus ihren Augen, als sie sich jetzt aufs neue seiner Umarmung überläßt.

»Es war ja nichts weiter,« sagte sie dann lächelnd, »das kleine gläserne Gasometer hat den Druck der Dämpfe nicht ausgehalten –«

»Aber du blutest ja?«

Und er preßt sein Taschentuch auf die langsam hervorquellenden roten Tropfen.

»Ein Hautritz – wohl von einem vorbeifliegenden Splitter –«

»Habe ich dich auch nicht überrascht? Und darf ich dich die Meine nennen – endlich?« fragte er dann, und ein Zagen klang plötzlich wieder aus seinen Worten.

Sie sagte nichts, nur ihre Blicke ruhten in den seinen, fest und froh und strahlend.

Draußen klopfte es leise.

»Herein!« rief Mabel.

»Fräulein Gertrude,« jubelte Dr. Schlichtmann der Eintretenden entgegen. »Sie suchen hier eine Verletzte und finden eine – Verlobte!«

Mabel war zu ihr geeilt und küßte sie.

Gertrude sah schelmisch lachend von dem einen zum andern.

»Ich wußte es, meine Herrschaften!« sagte sie dann, beiden gratulierend.

»Sie wußten es?« fragte Dr. Schlichtmann ungläubig, »aber woher denn?«

»Aus den Erscheinungen der – Katalyse!«

»Katalyse? – das Wort haben Sie mir heute schon einmal gesagt, und ich möchte meine Frage wiederholen: was wissen Sie denn davon, gnädiges Fräulein?«

»Spotten sie nicht, Herr Doktor! – Ich habe auch ein Experiment gemacht, und es ist überraschend schnell und glänzend gelungen. Allerdings bin ich dabei ein wenig dem glücklichen Zufall verpflichtet; aber der ist ja wohl bei vielen Experimenten etwas mit im Spiele. Jedenfalls ist mein Experiment gelungen durch – Katalyse! – ›Katalyse aber nennen wir die Beschleunigung der Verbindung zweier Stoffe durch die bloße Gegenwart eines dritten, der dabei nicht verändert wird,‹ nicht wahr, ich habe den Satz aus deiner wissenschaftlichen Abhandlung gut behalten, liebste Mabel?«

 

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