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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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Das Ei des Urvogels

Im Studierzimmer des alten Professors Diluvius leuchtete noch immer die elektrische Arbeitslampe.

Draußen vor den enggeschlossenen Jalousieen der Fenster erhellte schon der Schein des aufdämmernden Frühmorgens die Gegend. Aber der Herr Professor arbeitete noch immer. Es mußte ein seltenes und sehr interessantes Objekt sein, das den Gelehrten sich selbst und die Rücksicht auf seine leiblichen Bedürfnisse so ganz vergessen ließ.

Professor Diluvius war Vorsteher der paläontologischen Abteilung des Museums für Naturkunde. Seine Forschungen über die fossile Tierwelt, namentlich auf dem Gebiete der Dinosaurier, waren nach verschiedenen Richtungen hin epochemachend gewesen . . .

Seine eigentlichen Arbeitsräume befanden sich im ersten Stockwerke des Museums, und es mußten besondere Gründe ihn veranlassen, die Präparation eines paläontalogischen Fundes in seiner Privatwohnung vorzunehmen.

Denn ein solches fossiles Objekt lag vor ihm, und seine trotz des Alters noch immer geschickten und sicheren Hände arbeiteten emsig an seiner Enthüllung.

Es war eine Platte lithographischen Schiefers aus der Gegend von Eichstätt, unregelmäßig geformt, die der Gelehrte mit seinen meißelartigen Werkzeugen bearbeitete. Vorsichtig und mit größter Schonung entfernte er, vom Rande der Platte her arbeitend, die Schichten des Kalkschiefers – bis an eine auf der Oberseite mit Bleistift umrandete, ungefähr kreisförmige Stelle.

Was für ein seltsames vorsintflutliches Geschöpf lag hier versteinert in den Ablagerungen des Kalkschiefers verborgen?

Ein ganzer Berg von der Platte abgelöster Bruchstücke häufte sich schon vor ihm auf, und noch immer gönnte er den müden Fingern und den brennenden Augen keine Ruhe – immer wieder griff er die Platte an, hin und wieder die Instrumente wechselnd.

Verwundert schaute »Grauchen«, eine prachtvolle graue Katze, die sich's auf der Chaiselongue bequem gemacht hatte, dem unverständlichen nächtlichen Treiben ihres Herrn zu. Sie war noch ein Vermächtnis seiner verstorbenen Frau, die einst das hilflose junge Kätzchen fast verhungert in einer Ecke des Hausflurs gefunden. – Erst schnurrend, dann leise miauend, suchte sie die Aufmerksamkeit des Professors auf sich zu lenken, schloß aber endlich verdrießlich blinzelnd die Augen wieder, als ihre Mühe vergeblich blieb.

Eine Uhr schlug irgendwo in der Nähe. Aufhorchend zählte Professor Diluvius die Schläge.

»Vier Uhr!« sagte er. »Zwölf Stunden arbeite ich nun daran, und das Gröbste habe ich wohl herunter. Jetzt heißt es, doppelt und dreifach Vorsicht gebrauchen!«

Und wieder begann er zu sticheln und zu meißeln, und immer kleiner wurden die Kalkschüppchen, die er nun von der Platte abhob. Er arbeitete jetzt mit der kleinsten Nummer seiner stählernen Werkzeuge.

Fast zwei Stunden mochte er so in voller Emsigkeit weitergearbeitet haben. Ein etwas größeres Stück des Kalkschiefers hob sich jetzt beim Angriff des Meißels ab. –

»Da ist es!« rief Professor Diluvius.

Aus der Platte ragte die Spitze eines eiförmigen Körpers hervor. –

»Sei mir gegrüßt, du Gnadengeschenk versunkener Jahrmillionen!« frohlockte der alte Herr, in die Hände klatschend und vor Freude von einem Beine aufs andre hüpfend – »sei mir gegrüßt, du Spende einer rara avis! Das Ei des Kolumbus und – selbst das Ei der Leda ist gegen deinen Wert ein Schatten!«

Er hielt die Platte dicht an seine Studierlampe, den grünen Lampenschirm hochschiebend.

»Wie unscheinbar es aussieht! Wie alles, was seinen Wert im Innern trägt! – Graugrün mit schwarzen Tüpfeln! – Niemand würde vermuten, daß es gelegt wurde zu einer Zeit, da es noch keine Menschen auf unserem Planeten gab, von einem Geschöpf gelegt wurde, das eine Eidechse war und – ein Vogel werden wollte!«

Schnell griff er wieder nach seinen Werkzeugen, um es völlig aus der Hülle des Kalkschiefers freizulegen. Und so sehr ihn der erste Anblick des ersehnten Fundes begeistert hatte – mit eiserner Ruhe und Kaltblütigkeit arbeiteten seine Hände weiter, vom vorsichtig abwägenden Blick seiner scharfen grauen Augen gelenkt, bis es rund und heil und ganz vor ihm lag, das Ei des Urvogels Archäopteryx! – Und nun erst nahm er sich Zeit, das Begleitschreiben noch einmal zu studieren, das ihm sein junger Freund und ehemaliger Schüler Doktor Finder mit dem kostbaren paläontologischen Objekt gesandt hatte.

Es lautete:

Eichstätt, den 5. Juli 19..

Mein lieber, hochverehrter Herr Professor!

Anbei übersende ich Ihnen ein Objekt, das vorläufig einzig in den Sammlungen unserer Museen dastehen dürfte, ein fossiles Ei, dem Fundorte nach (es stammt aus den Schieferbrüchen hier am Blumenberg) wahrscheinlich ein Ei von Archaeopteryx lithographica. Die Untersuchung der Platte durch die neue Art der Y-Strahlen zeigt nur, daß ein vollkommen gut erhaltenes Ei in der Schieferplatte steckt; ich habe die Lage des Objekts auf der Ober- und Unterseite der Platte durch eine Bleistiftlinie umrandet, so daß wenigstens ungefähr ein Anhalt für die Freilegung des Fundes gegeben ist.

Denn diese schwerste Arbeit muß ich Ihnen leider allein überlassen, lieber, hochverehrter Herr Professor; Sie kennen ja meine Aufgabe hier in den Kalkschieferbrüchen, die mir zu so diffizilen Extraarbeiten keine Zeit läßt. Aber Ihre so geschickte Hand hat schon Schwierigeres geleistet. Ich meinerseits hoffe, auch in dem noch in der Steinhülle steckenden Geschenk wird Ihnen die Liebe und Verehrung nicht verborgen bleiben, mit der ich allezeit sein werde

Ihr dankbarer Schüler
Dr. Finder.

P.S. Wenn man das Ei doch noch ausbrüten lassen könnte! – Aber dazu ist es doch wohl nicht mehr »frisch« genug?

D. O.

Immer wieder kehrten die sinnenden Augen des alten Gelehrten zu diesem Postskriptum zurück. Ein ungeheuerlicher Gedanke drängte sich ihm auf: War es denn so ausgesprochen unmöglich, daß die scherzhafte Wendung des »Ausbrütenlassens« zur Wahrheit werden konnte?

Ein Geräusch an der Tür des Zimmers störte ihn in seinem Denken. Seine alte Wirtschafterin Pauline trat ein. Vor Schreck ließ sie Eimer und Schrubber fallen und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Aber, Herr Professor, Herr Professor! Wenn das die selige Frau erlebt hätte! Sie sitzen noch über dem alten Steinklumpen? Und sind wohl gar nicht schlafen gegangen? Ach, lieber Herr Professor, wenn man schon über die Siebzig hinaus ist –«

»Ja, Sie haben ja recht, liebe Pauline! Aber es gibt eben Ausnahmen, und eine solche ist schuld, daß ich einmal eine Nacht hindurch gearbeitet habe. Nun seien Sie hübsch vernünftig und schelten Sie nicht mehr – sondern bringen Sie mir eine recht große Tasse schönen Kaffee, aber so, wie nur Sie ihn zu brauen verstehen, Pauline!«

Kopfschüttelnd zog die alte, treue Schaffnerin mit den Attributen des Reinemachens wieder ab.

Professor Diluvius wandte sich aufs neue dem seltsamen Funde zu. Er nahm das Archäopteryx-Ei vorsichtig in die Hand und hielt es gegen das Licht der Studierlampe. Es erschien gleichmäßig undurchsichtig, als ob die Schale dicker sei als die unserer jetzigen Vogeleier. Das Bauernmittel fiel ihm ein: er hielt das kostbare Ei erst mit dem einen, dann mit dem andern Ende an die Lippe.

Beinahe hätte er es vor freudigem Schreck aus der Hand fallen lassen.

Das eine Ende erschien ihm wärmer als das andere!

Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen vor plötzlicher Aufregung. Ungleich warme Hälften! Aber vielleicht war es eine Sinnestäuschung – –

Er legte das Geschenk der Vorzeit mit zitternden Fingern auf die Platte seines Arbeitstisches und stand auf . . .

Der Morgen lugte durch die Spalten der Jalousieen. Der Professor zog sie auf und schaltete die Lampe seines Zimmers aus. Dann ging er ein paarmal auf und ab, öffnete im Vorbeigehen ein Fenster und lehnte sich ein Weilchen hinaus, mit vollen Zügen die duftige Frühluft atmend. Er wollte sich erst völlig wieder in der Gewalt haben, erst ganz wieder Herr seiner Nerven sein, ehe er die entscheidende Untersuchung des Objekts von neuem vornahm.

Nun erschien auch Pauline wieder mit dem duftenden Frühtrunk. Ihr gutes, etwas alltägliches Gesicht und ein Schluck des braunen Trankes wirkten besänftigend auf ihn ein. Schnell entschlossen, reichte er seiner Köchin das kostbare Urvogelei.

»Hier, liebe Pauline, prüfen Sie einmal, als wenn es ein Hühnerei wäre, ob dies ein frisches Ei ist! Aber vorsichtig, vorsichtig!«

Pauline machte die Probe ähnlich, wie ein Weilchen vorher der Herr Professor Diluvius – nur hatte die einfache Köchin das Urteil der größeren Erfahrung vor ihm voraus.

»Es ist noch gut, Herr Professor! Soll ich's Ihnen kochen? Es ist wohl so'n ausländischer Leckerbissen?«

Mit beiden Händen griff der alte Herr nach dem wunderbaren Schatze.

»Nein – nein! Um Gotteswillen, Pauline! Dies Ei stammt von einem vogelartigen Geschöpf, welches vor langen, langen Zeiten auf unserer Erde gelebt hat.«

»Das Ei ist aber noch frisch, dafür garantiere ich Ihnen, Herr Professor! Und nun frühstücken Sie nur erst, und machen sie ein bißchen Morgentoilette, wenn Sie doch nicht mehr schlafen gehen wollen!« Damit ging sie hinaus.

Der Professor nahm nun selbst nochmals das Ei zur Prüfung in die Hand.

Kein Zweifel! Das eine Ende war entschieden wärmer als das andere. Pauline hatte recht: es war »noch gut«. Seinem Gewicht nach war es kaum schwerer als ein mittelgroßes Hühnerei – eine Fossilisation des Inhalts erschien also merkwürdigerweise ausgeschlossen! Vielleicht hatte der feine Kalkschlamm des Jura-Meeres die Poren der Eierschale so hermetisch verschlossen, daß die Fäulniskeime der Luft keinen Zutritt fanden und der Inhalt konserviert blieb . . .

Aber dann! – Dann konnte man es ja im Brutofen ausbrüten lassen! Dann war ja das Eiweiß noch lebens- und entwicklungsfähig – trotz des undenkbar langen Zeitraumes, den das Ei im verhärteten Kalkschlamm von Eichstätt eingebettet gelegen! Die Gedanken des Professors Diluvius begannen aufs neue zu kreisen . . .

Dann hatte er am Ende das unbeschreibliche Glück, einen lebendigen Urvogel, eine leibhaftig fliegende Archäopteryx aus dem Wunderei hervorkriechen zu sehen!

Es war ein Glück, daß die alte Pauline längst wieder das Zimmer verlassen hatte und den indianischen Freudentanz nicht sehen konnte, den ihr alter Professor zwischen den Möbeln seines Arbeitszimmers ausführte. »Grauchens« Verwunderung, die abermals in ihrem Schlummer gestört worden war, war vielleicht noch größer – aber sie blieb stumm.

Ein paar Stunden später hatte sich Professor Diluvius durch einen Diener des paläontologischen Instituts einen Brutapparat besorgen lassen, ihn in Betrieb gesetzt und das kostbare Archäopteryx-Ei sorglich darin eingebettet. – Wahrscheinlich brüteten die Urvögel der Jurazeit noch nicht selbst ihre Eier aus, sondern überließen dies Geschäft wegen ihrer noch schwachen Befiederung der Allmutter Sonne, so daß ein allzustrenges Einhalten einer genauen Brutwärme auch in der Natur wohl nicht möglich gewesen war. Die einzige Bedingung blieb, eine gewisse obere Temperaturgrenze (etwa 60 Grad) nicht zu überschreiten, weil sonst das Eiweiß gerinnen mußte. Der Brutapparat, der durch eine Lampe erhitzt wurde, regulierte seine Temperatur selbst, nachdem er einmal auf eine maximale Wärme eingestellt worden war. Beim Erreichen dieser zulässigen Höchstgrenze ertönte entweder ein Alarmsignal für den Beobachter – oder der Apparat steuerte automatisch die Wärmezufuhr zurück auf ein geringeres Maß. Die letztere Einrichtung ist die gebräuchlichere. Da aber Professor Diluvius sich selbst mehr Vertrauen schenkte als dem besten Automaten, so hatte er den Apparat auf »Alarm« gestellt, um eventuell selbst die Überschreitung des Maximums zu regulieren. Mit Angst und Sorge dachte er aber schon an die Nachtstunden, wo er seinen unbezahlbaren Schatz schließlich doch der Selbstregulierung des Brutofens überlassen mußte. Einen Augenblick hatte er allerdings den Gedanken gehegt, sich mit seiner Wirtschafterin Pauline in die Zeit von je vierundzwanzig Stunden zu teilen, solange das Ausbrüten dauern würde –- aber er wagte nicht, diesen Vorschlag der alten, treuen Seele zu machen, obwohl er für sein Teil gern alle Nächte und auch noch den halben Tag gewacht hätte.

Aber ungefähr mußte er sie doch in die Handhabung des Brutofens einweihen. – Er rief sie herein und erklärte ihr kurz die Wirkung des Apparates. Ungläubig lächelnd sah die brave Pauline auf den seltsamen Kasten – und dies Lächeln wurde sogar ein wenig spöttisch, als sie ihren alten Herrn Professor betrachtete, der ihr voller Eifer seinen geheimnisvollen Plan auseinandersetzte.

»Und das Küken soll ganz ohne Glucke aus dem Ei kommen?«

Der Herr Professor nickte.

»Wer pickt ihm denn die Schale auf, wenn es fertig ist, Herr Professor?«

Auch darüber beruhigte er sie und war froh, daß sie wenigstens die Handgriffe verstanden hatte, durch die einer Überschreitung der zulässigen Brutwärme vorgebeugt wurde.

»Und wie lange wird die blecherne Henne zu dem Küken brauchen, Herr Professor?« fragte sie beim Hinausgehen.

»Wir müssen es abwarten, Pauline. Aber hoffentlich nicht viel länger als eine mit Fleisch und Federn!«



Professor Diluvius lebte nur noch für seinen Urvogel. In dem Gedanken an das zu erwartende »freudige Ereignis« vergaß er Essen, Trinken und Schlafen.

Die alte Pauline war in heller Verzweiflung. Vergebens kochte sie ihm ihre schmackhaftesten Gerichte, vergebens ermahnte sie ihn, im Andenken an die »selige Frau Professor«, seinem alten Körper die nötige Pflege und Ruhe zu gönnen.

Drei Tage und Nächte hatte er so schon hintereinander vor der »blechernen Henne« gesessen. Neben ihm auf dem Tische lag aufgeschlagen die schöne Abbildung der Archaeopteryx litographica aus den »Paläontologischen Abhandlungen von Dames und Kayser« (Bd. 2, Heft 3, vom Jahre 1884).

»Was für ein kostbares Objekt ist schon dieser prachtvoll erhaltene Abdruck aus dem Solnhofener Schiefer!« murmelte er. »Das Deutsche Reich hat damals 26 000 Mark für die Erwerbung der Platte mit der Archäopteryx gezahlt – und ich, ich werde der Glückliche sein, der einzige auf Erden, der ein lebendiges Exemplar sein eigen nennt! Wie wird man mich beneiden! Wie werden sie kommen aus aller Herren Ländern, meine lieben, ungläubigen Kollegen, um den Wundervogel zu schauen! Und was werden sie mir bieten, um ihn käuflich zu erwerben! Aber nicht um die Welt soll er mir feil sein! Nicht um alles Gold dieser Erde!«

Mit dieser stolzen Wendung schloß der alte Gelehrte regelmäßig seinen Dithyrambus auf den Urvogel, den die belebende Wärme in still-schaffender Arbeit aus dem Ei hervorlocken sollte. –

Ein leises Schnurren klang durch das Zimmer, und der Herr Professor fühlte gleichzeitig, wie sich »Grauchen« an seinen Knien rieb. Liebkosend strich er ihr über den Rücken; er wollte Versäumtes ein wenig wieder nachholen. Dann aber sagte er:

»Du wirst dich vorläufig gewöhnen müssen, in der Küche zu hausen, liebes »Grauchen«! – Zwar bist du eine sehr artige Miesmies – aber ein Raubtier steckt doch in deinem weichen, schönen Fell, und noch dazu eins, das eine besondere Vorliebe für junge Vögelchen hat!«

Grauchen wollte auf seine Kniee springen, um wieder einmal den alten Platz einzunehmen, der ihr jahrelang eingeräumt worden war – aber der alte Herr wehrte ihr, stand auf und öffnete die Tür, um sie hinauszuweisen.

Eben wollte auch Pauline ins Zimmer treten. –

»Liebe Pauline, die Katze müssen wir vorläufig von meinem Zimmer fernhalten; sie ist ja auch in Ihrer Küche gut aufgehoben.«

»Jawohl Herr Professor – wie Sie wünschen! – Herr Professor, ich wollte nur fragen, ob Sie für die nächsten Stunden allein bleiben wollten; ich wollte gern mal meine Verwandten einen Augenblick besuchen –«

»Gehen Sie, gehen Sie, Pauline! Zum Abend sind Sie ja doch wieder hier –«

»Gewiß doch. Dann adieu, Herr Professor!«

Damit ging sie, Grauchen auf den Arm hebend, aus dem Zimmer . . .

Pauline, die gute, sorgende Seele, war am Ende mit ihrer Weisheit. Heute hatte sie das Unglaublichste erlebt: der Professor hatte sein Leibgericht: Frikassee von Huhn – nicht angerührt! Das konnte nicht gut enden! Und alles wegen des unglückseligen Vogeleies!

Nicht ihre Verwandten suchte sie auf, sondern – den alten Hausarzt ihres Herrn, den Sanitätsrat Hartmann. Ihm schüttete sie ihr altes, treues Herz mit all seinen Sorgen aus: wie vor ein paar Tagen der Herr Professor eine große Steinplatte erhalten habe, wie er Tag und Nacht daran herumgemeißelt, um ein Ei herauszukriegen, das darin gesteckt habe, wie er nun seit drei Tagen und Nächten sich keine Ruhe gönne, kaum einen Bissen esse (nicht einmal sein Leibgericht!), wie er die schöne Graukatze, die der Herr Sanitätsrat ja als ein Vermächtnis der Seligen auch kenne, aus dem Zimmer gejagt habe – – und das alles, um das verwünschte Vogelei, das er in einen geheizten Blechkasten gelegt habe, zum Ausbrüten zu bringen! – Sie schloß ihren Bericht mit heißen Tränen und mit der inständigen Bitte, der Herr Sanitätsrat möchte doch einmal ihrem Herrn ins Gewissen reden, ehe es zu spät wäre!

»Schön, Fräulein Pauline, soll geschehen! Gehen Sie immer voraus, ich werde gleich hinterherkommen. Meine Sprechstunde ist ja ohnehin vorüber, und er soll denken, es handle sich um einen gelegentlichen Besuch, den ich nicht als Hausarzt, sondern als sein alter Freund bei ihm mache!«

Als eine Stunde später Sanitätsrat Hartmann die Tür zum Zimmer seines alten Freundes öffnen wollte, vernahm er schon vorher ein in kurzen Absätzen sich wiederholendes Klingelsignal.

Er trat ein, von Pauline gefolgt, die das Zeichen auch gehört hatte. –

Und – da lag der alte Herr, fest schlummernd – und sein weißgelocktes Haupt ruhte auf dem Bilde der Archäopteryx, das oben erwähnt wurde. So fest schlief er, daß er das schrille Klingeln vom Brutapparat nicht vernommen hatte.

Der Sanitätsrat übersah mit einem Blick die Situation. »Da bin ich wohl doch zu rechter Zeit gekommen!« murmelte er. Er sah dem Schlafenden scharf ins Gesicht, prüfte seinen Puls und sagte dann:

»Seien Sie ohne Sorge, Fräulein Pauline, ich kenne seine Natur! Er wird im Schlaf alles Versäumte wieder einholen. Wir wollen ihm hier auf der Chaiselongue ein Lager zurecht machen: morgen um diese Zeit ist er wieder ganz auf dem Posten und wohl auch – vernünftiger!«

Dann trat der alte Sanitätsrat an den Brutofen heran . . . Es gab auch hier manches zu tun – –


Ungefähr vierundzwanzig Stunden später erwachte Professor Diluvius.

Verwundert schaute er sich um, fand sich auf der Chaiselongue liegend, sorglich mit Kissen und Decken umgeben. –

Einen Augenblick lang irrten seine Gedanken ratlos umher. Da fiel sein Blick auf den Brutofen auf dem Arbeitstische.

Mit der Gewandtheit eines Jünglings sprang er auf und eilte an den Apparat.

Da lag das Ei – unversehrt, und das Thermometer zeigte die vorschriftsmäßige Brutwärme! Der Herr Professor klingelte.

Pauline mußte ganz in der Nähe gewesen sein, so schnell erschien sie.

»Guten Tag, liebe Pauline! Ich habe wohl lange geschlafen?«

»Es geht, lieber Herr Professor! Sie hatten sich wohl ein bißchen auf die Chaiselongue gelegt; ich habe Ihnen dann noch ein paar Kissen gebracht. Als ich von meinen Verwandten kam, da schliefen Sie so schön, daß ich Sie nicht stören wollte. Und da der Brutofen auch in Ordnung war –«

»Ja, richtig, Pauline – ich sehe eben, daß ich den Apparat auf »Selbstregulierung« umgestellt habe, statt auf »Alarm«. Wahrscheinlich habe ich gefühlt, daß ich müde wurde, und habe noch zu rechter Zeit die Umschaltung besorgt. Gott sei Dank, daß alles richtig funktioniert hat! Der Apparat ist doch zuverlässiger als ein Mensch. – Und nun, Paulinchen, besorgen Sie mir etwas zu essen! Haben Sie vielleicht noch Frikassee?«

»Jawohl, jawohl, lieber Herr Professor! Gleich sollen Sie es haben – sofort!«

Und strahlend vor Freude eilte sie in die Küche.


Seit ihr alter Herr Professor wieder Frikassee aß, sorgte sich die gute Pauline nicht mehr um ihn. Und auch er selber hatte den Paroxismus der ersten Tage überwunden, seit er sich überzeugt hatte, daß man sich auf die automatische Regulierung des Brutapparates sicher verlassen konnte.

Erschien er so äußerlich als derselbe kühle und bedächtige Gelehrte wie sonst, so war doch sein Inneres von der aufgehenden Sonne seiner großen Hoffnung erhellt und verklärt!

5o gingen die Tage in ruhigem Gleichmaß – und aus den Tagen wurden Wochen . . .

Am Nachmittage des vierundzwanzigsten Tages saß der Professor Diluvius in seinem Arbeitszimmer. Es war ein schwüler Tag, und die Julisonne mit ihrer Glut machte schläfrig. – –

Ein leichter Halbschlaf, ein Träumen mit offenen Augen hatte seine Sinne gefangen genommen. Ihm war es, als schöben sich die tapetengeschmückten Wände seines Zimmers auseinander – eine endlose Ferne öffnete sich, und ein Weg lag vor ihm in ein weites grünes Tal. Seltsame Pflanzen überragten in treibhausartiger Fülle und in wunderlich-grotesken Formen den Pfad. Zu seinen Füßen webte und lebte es und in dem Urwalddickicht regte und bewegte es sich von phantastischen, niegesehenen Lebewesen.

Plötzlich fiel ein gleitender Schatten auf seinen Weg.

Ein fliegendes Geschöpf schwang sich von einem der seltsamen Baumstämme hinüber zum andern.

Metallisch grün glänzte sein Gefieder, besonders der lange, wie ein Palmwedel geformte Schwanz. Nun flog das seltsame Wesen dicht über dem Haupte des Wandernden hinweg und hängte sich an einen der kandelaberartig verzweigten Stämme.

Da hing es mit zusammengeschlagenen Flügeln – an den langen, scharfen Krallen, die aus den Schwungfedern dicht am Flügelgelenk hervorragten. Und als es jetzt den Schnabel öffnete, um eine erhaschte Beute zu verspeisen, zeigten sich deutlich darin die spitzen, weißen Zähne.

»Archäopteryx!« kam es unbewußt von den Lippen des Gelehrten.

Und noch in die letzten Sekunden seines Halbtraumes hinein tönte – ein scharfes Klirren, wie von plötzlich zerbrechendem Glase!

Professor Diluvius fuhr empor. Eben huschte ein Schatten an seinem noch halb geschlossenen Auge vorbei.

War sein Traum beglückende Wirklichkeit geworden? Er stürzte nach dem Brutapparat – da lag die zerbrochene Eierschale, die das ausgeschlüpfte Geschöpfchen abgestreift. – Wo aber war es? – Und wie hatte es die Glasscheiben des Apparats zerbrechen können?

In fieberhafter Eile durchsuchte er alle Ecken und alle Schlupfwinkel seines Studierzimmers – umsonst!

Er kroch in den Kamin – Auch da nichts.

Er stellte einen Stuhl auf den Tisch und untersuchte die Aufsätze seiner Spinden und die Falten der Stoffgardinen – Alles vergebens!

Da – unter der Chaiselongue – ein Geräusch!

Schnell faßte er zu –

Und seine zitternden Hände fassen – fassen – »Grauchen«, die Hauskatze, die sich unbemerkt eingeschlichen hat!

Sie leckt sich noch die blutige Schnauze – –

Einen Augenblick steht Professor Diluvius starr wie eine Bildsäule. Die weißen Locken ringeln sich wie Medusenhaare um seine marmorblassen Züge. Dann aber kehrt ihm Leben und Besinnung zurück. Seine grauen Augen sprühen Blitze! In namenloser Wut packt er jetzt die Übeltäterin im Genick. Wie ein Rasender stürmt er umher.

»Pauline,« ruft er, heiser vor Aufregung, »Pauline!«

Pauline stürzt entsetzt ins Zimmer.

»Die Bestie – hat sich hier eingeschlichen – hat die Glasscheibe des Brutofens eingedrückt – und – meine – eben – ausgebrütete Archäopteryx – gefressen!«

In einzelnen Absätzen hat er die Worte hervorgestoßen.

– Und halb wahnsinnig vor Enttäuschung und Erbitterung setzte er hinzu:

»Ich werde das heimtückische Vieh töten und sezieren, um wenigstens die zermalmten Überreste meines kostbaren Urvogels zu retten!«

Und er schüttelt Grauchen, die sich vergebens aus den eisernen Klammern seiner Hände zu befreien sucht.

»O, du Bestie, du vermaledeite, hinterlistige Bestie! Das sollst du mir büßen! Das sollst du mir büßen!«

Pauline stand mit gefalteten Händen vor dem Wütenden.

»Herr Professor, lieber, guter Herr Professor –«

»Auch Sie haben Schuld, Pauline! Warum haben Sie nicht besser acht gegeben auf das schändliche Vieh? – Meine Archäopteryx, meine Sehnsucht, mein Traum und meine Hoffnung – die Frucht aller meiner wochenlangen Mühen und Sorgen! Das Geschenk ungezählter Jahrtausende, mir beschert durch die Gunst des Geschicks – gefressen von – einer mordlustigen Katze!«

Er trat an den Apparat.

»Da liegen die Scherben meines Glückes!« Tausende hätten mich beneidet um diesen Schatz – und nun« – –

»Herr Professor –«

»Zu denken, daß es glücklich ausgebrütet wurde – daß es lebte! Und ich habe es nicht einmal lebend gesehen! Nicht lebend gesehen! O, meine Archäopteryx!« – –

»Herr Professor, lieber guter Herr Professor,« begann Pauline wieder, und aus den Augen der treuen Dienerin rollten die Tränen – »hören Sie mich an: Es war gar nicht das Ei von dem unaussprechlichen Vieh, das – Sie ausgebrütet haben.« –

Professor Diluvius ließ die Katze los und starrte seine Köchin mit weit aufgerissenen Augen an.

»Herr Professor,« fuhr Pauline fort – »schon vor drei Wochen, als sie einmal so sehr fest eingeschlafen waren, ist das entzweigegangen! Der Herr Sanitätsrat war gerade hier, um Sie zu besuchen. Er sagte, die Hitze in dem Blechkasten wäre zu groß geworden, weil er aber fürchtete, daß der Ärger über den Verlust Ihnen schaden könnte, hat er ein anderes Ei mit Tinte betüpfelt und in den Brutkasten gelegt. Der Vogel, der heute ausgekommen ist, war – eine Ente!«

 

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