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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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Heimkehr

Er stürmte die Bahnhofstreppe hinauf, im Fluge noch einen Blick auf die Auslage des Buchhändlers werfend; denn schon donnerte der Stadtbahnzug in die abendlich erleuchtete Halle.

Noch einen Moment hielt ihn die Kontrolle des Billettschaffners auf. –

Schon ertönte das Zeichen zur Abfahrt, und ächzend, wie ein zur Arbeit sich reckender Riese, begann die Lokomotive ihr Werk von neuem. Glücklich erreichte Tramm noch mit einem gewandten Sprunge eines der letzten Coupés und warf sich aufatmend in die nächste Ecke. Das Coupé war nur wenig besetzt; es enthielt außer ihm nur noch zwei Personen. Ihm schräg gegenüber saß ein junger Mann, anscheinend ein Kaufmann, ihm zur Rechten ein älterer Herr. Letzterer erregte sofort sein Interesse. Ein eigentümliches Etwas ging von seiner Erscheinung aus, eines jener rätselhaften Fluida, welche auch in unserem nüchternen wissenschaftlichen Zeitalter noch immer geheimnisvoll ihre Kreise ziehen und ihren Träger aus der Sphäre gewöhnlicher Menschen herausheben. Äußerlich fiel an ihm sein langer Bart auf, nicht allein seiner Länge, sondern vor allem seiner Farbe wegen; er glich in seinem silbergrauen Glanze einem feinen Metallgespinst und sah aus, als ob ihn nicht erst die Jahre so gefärbt, sondern als ob er von Anfang an so gewesen. Der Mann schien augenleidend zu sein; die Augen waren hinter einer Brille mit eigentümlich gefärbten und geschliffenen Gläsern verborgen. – Tramm wandte sich von der Betrachtung seines Nachbarn ab und schloß ein Weilchen die müden Augen. Sein Tagwerk ging an seinem Geiste vorüber: der Unterricht in den Frühstunden, der ihm soviel Freude machte, aber auch Nerven kostete, die wenigen Minuten häuslichen Glückes am Mittagstisch, dann die emsige Arbeit im Laboratorium bis zum Abend und manchmal, wie heute, noch die Vorträge in den Abendstunden. Es war doch eigentlich eine Hatz'! Eine Hatz', die nun schon Jahre um Jahre dauerte.

Er dachte an seine Jugend . . . .

Wie hoffnungsreich war er in sein Leben hinausgestürmt! Ihn trugen glänzendere Fittiche als nur die raschen Schwingen der Jugend! Die Poesie mit ihren farbenschimmernden Flügeln umrauschte seine Seele, schirmend, tragend und segnend.

Seine Poesie! Ach, wo war sie geblieben all die letzten Jahre hindurch! Abringen mußte er sich die kargen Stunden, um der Muse zu opfern. Und »die Poesie verlangt den ganzen Menschen.«

Die letzten Jahre waren schwer gewesen. Der Tod riß schmerzliche Lücken in den trauten Kreis der Wesen, die ihm teuer waren, drohend gegen ihn den knöchernen Finger hebend, schwere Krankheit hielt ihn lange ans Lager gefesselt. Eine böse Erinnerung an diese schlimme Zeit war ihm geblieben: die alte, unversiegliche Spannkraft des Körpers und des Geistes schien für immer dahin. Die Nerven wollten nicht mehr mit! – Eine Bewegung seines Nachbarn ließ ihn aufstehen.

Der alte Herr schien eingeschlafen zu sein. Er hatte die Schutzbrille abgenommen und bedeckte die Augen mit der Rechten. Die Linke hielt die seltsam geformte Brille, und ihr lässiges Herabsinken hatte Tramm aufgeschreckt.

Er sah, daß die Brille im nächsten Augenblicke den im Schlaf sich öffnenden Fingern entgleiten mußte. Er wollte den Schläfer wegen solcher Kleinigkeit nicht wecken – und so nahm er ihm vorsorglich und leise die Brille aus der Hand.

Mechanisch hob er sie zum Auge empor und warf einen Blick hindurch, um Schliff und Art der Gläser kennen zu lernen . . . .

Und da entfiel sie fast seinen Fingern . . . .

Was hatte er gesehen?

Mit einem aus Grauen und Verwunderung gemischten Erstaunen betrachtete Tramm die Brille. Wie war denn das möglich?

Einen Augenblick glaubte er zu träumen . . . .

Aber er war doch wach! Er sah seine Umgebung vor sich wie sonst: das erleuchtete Coupé mit den beiden Insassen.

Abermals hob er die Brille vor die Augen.

Und abermals, mit dem nämlichen Schreck, setzte er sie wieder ab . . . . .

Ihm schräg gegenüber saß, wie oben erwähnt, ein junger Mann, dem Aussehen nach ein Kaufmann. Sein Gesicht zeigte einen frischen, energischen Zug, der durch einen goldenen Kneifer noch mehr hervortrat.

Und als Tramm jetzt die rätselhafte Brille zum drittenmal vors Auge brachte, sah er zum drittenmal, was ihn zweimal so sehr erschreckt . . . . .

Er sah gleichsam durch die körperliche Hülle seines Gegenübers hindurch – in seine Seele! Als ob, um einen rohen Vergleich zu brauchen, eine kunstvolle automatische Figur plötzlich durchsichtig würde und ihren verborgenen Mechanismus enthüllte. Er vermochte nicht sich darüber Rechenschaft zu geben, ob und wie so etwas möglich sei – aber er sah nicht mehr den netten jungen Kaufmann; er sah einen brutalen Egoisten, sah durch eine unerklärliche Wirkung der Brillengläser mitten hinein in den Denkapparat seines Gegenübers, sah, wie das Gehirn des Mannes eben die Pläne spann, um – morgen die Mittagstunde, wo er mit seinem Chef allein im Kontor war, zu einem Riesendiebstahl zu benutzen. Tramm nahm an dem ganzen verbrecherischen Plane teil, als ob er in seinem eigenen Gehirn entstehe; – er sah das behaglich eingerichtete Kontor mit den braunen Ledertapeten vor sich, das gütige, wohlwollende Gesicht des alten Handelsherrn mit den tausend Fältchen um die klugen braunen Augen, glattrasiert bis auf den graumelierten Backenbart; – er sah, wie der junge Mann den Moment benutzen wollte, wo sein Prinzipal nach alter Gewohnheit sich nach einem kleinen Wandschränkchen umdrehte, um daraus eine Zigarre zu entnehmen. In diesem Augenblick wollte er ihm von hinten den Hals zudrücken . . . .

Er sah das natürlich nicht körperlich: er nahm nur teil an den seelischen Vorgängen seines Gegenübers – aber doch so, als ob durch die wunderbaren Kristallgläser der Brille die Nervenschwingungen in den Zellen der Großhirnrinde des andern transformiert und wie gewöhnliche Lichtschwingungen sichtbar gemacht würden.

Unwillkürlich wandte Tramm den Blick zur Seite auf die leere Wand des Coupés. Da sah er durch den Lack- und Farbenüberzug hindurch die Fasern der Holzwand vibrieren unter den starken Erschütterungen des schnellfahrenden Zuges, sah, wie die eisernen Bänder, Nieten und Schrauben fast bis zum Zerreißen belastet wurden, sah ihre Deformierung an den Stellen höchster Beanspruchung . . . .

Von der Coupéwand ihm gegenüber ging sein Blick zum offenen Fenster hinaus, hinaus in die Nacht des Frühherbstes.

Aber dieser Himmel, der ihm noch vorhin auf seinem kurzen Wege zur Stadtbahnstation so dunkel und lichtlos erschienen war, flammte in niegesehener Sternenpracht – als ob der Beschauer plötzlich seinen Standpunkt um 10 000 Meter erhöht, oder als ob die Lufthülle der Erde dünner geworden sei.

Er nahm die Wunderbrille vom Auge.

Und alles war wieder wie sonst!

Sein Gegenüber saß vor ihm mit der undurchsichtigen Miene des wohlerzogenen jungen Mannes – das Eisenbahncoupé erschien fest und solid gebaut – und der nächtliche Himmel schwarz und düster wie vorher . . . . .

Aber so etwas war ja nicht möglich! Das konnte ja einfach nicht möglich sein! Solche Brillengläser gab es ja gar nicht!

Und abermals setzte er sie auf.

Und nun sah er noch etwas, was seinen Gedanken mit einem Male eine andere Richtung gab.

Er hatte seinen Blick nach dem Coupéfenster gewandt, das ihm zunächst lag und geschlossen war.

Die Fensterscheibe wirkte mit dem dunklen Himmel draußen als Hintergrund wie ein Spiegel.

Und nun sah er sich selbst – durch die Gläser der Erkenntnis!

Das war er?

Dieses Antlitz mit den schattenhaften Zügen? Diese seltsamen, wie aus einer andern Welt hereinblickenden Augen? Ihre Pupillen, ja die ganze Iris erschien hell, gleichsam wie von innen erleuchtet, und es war ihm, als ob er durch diese Pforten ins Innere seines selbst schaute!

Gewiß ging das alles viel wunderbarer zu, als er es in diesen Sekunden namenloser Überraschung und Ergriffenheit sich erklären konnte. Aber ihm war doch, als blicke er in sein innerstes Ich, in seiner Seele Seele!

Und er sah – oder die geheimnisvollen Schwingungen der Moleküle in den Zellen seiner Großhirnrinde wurden durch die Gläser der Brille als Lichteindrücke sichtbar –, wie der kunstvolle Mechanismus seiner Nerven nur noch mit Benutzung der letzten Reserven arbeitete –, sah trillionenfach vergrößert das Spiel der Gehirnzellen wie einen unbeschreiblich wunderbaren Mikrokosmos vor sich, – er sah den verheerenden Abbau in den Lecithinvorräten seiner Nervenzentrale, gleich einem Miniaturpalast lebendiger Kristalle, den eine hereinbrechende Flut umtost . . . . .

Das Ende sah er – das frühe Ende!

Ein Schauer rann ihm durch die Glieder – ein überwältigendes Gefühl erfaßte ihn, als er so seinem Schicksal ins unverhüllte Antlitz schaute. Er hatte die Brille wieder abgesetzt. Was waren das für entsetzliche Gläser? Wer war der rätselhafte Alte, der sie trug?

Wer war der furchtbare Nachbar zu seiner Rechten? An ihm selbst wollte er die alles enthüllende Wirkung seiner Brille doch zuletzt noch probieren!

Schnell wandte er sich nach ihm um und wollte die Brille vor die Augen heben – –

Da sah er die wunderbar leuchtenden Augen des geheimnisvollen Fahrgastes gerade auf sich gerichtet – mit einem Blick, der ihn wie ein Speer durchdrang.

Überrascht und verlegen übergab er ihm die Brille.

»Entschuldigen Sie, mein Herr. Ich glaubte, Sie schliefen, und fürchtete, die Brille würde Ihrer Hand entgleiten.«

Wortlos, mit einem langsamen Neigen des gewaltigen Hauptes nahm der Fremde sein Eigentum zurück und erhob sich, um das Coupé zu verlassen; denn eben pfiff der Zug.

Auch der junge Kaufmann stand auf, um nach ihm auszusteigen. Ob der Fremde ihn nicht hinter sich bemerkte, oder ob ihn die Eile trieb, er warf die Coupétür heftig hinter sich zu.

Sie traf die rechte Hand des jungen Kaufmanns mit voller Wucht!

Mit einem furchtbaren Aufschrei stürzte der Verletzte aus dem Wagen. Und von diesem Aufschrei erwachte Tramm.

Er sah die hellen Lichter der Station. Verwundert schaute er sich um und – fand sich allein in seinem Coupé.

Hat er das alles nur geträumt?

Die seltsame Begegnung mit dem geheimnisvollen Nachbar? Die rätselhaften Enthüllungen durch die Gläser seiner Wunderbrille?

Das alles ein Traum?! Aber so logisch und bedeutungsvoll träumt man doch nicht!

Wer war der Fremde, der mehr sah als andere Menschen?

Und wenn er an die erschreckenden Dinge dachte, die ihm die wunderbaren Brillengläser enthüllt hatten?

Sein Gegenüber kam ihm in den Sinn und der schwarze Plan, dessen Entstehen ihm die seltsame Brille gezeigt . . . . .

War es am Ende nicht ein unglücklicher Zufall, der jenem die Rechte zerschmetterte? Hatte der rätselhafte AIte ihn auch mit seinen Wundergläsern durchschaut und ihm absichtlich die Hand gelähmt, ehe sie ihre verbrecherische Tat vollbringen konnte?

Wie ein flammendes Licht fiel es auf einmal in seine Seele! Nein – nein! das konnte nicht bloß Traum und Phantasie sein! Für ihn wenigstens nicht! Für ihn war der Blick durch die Gläser der Erkenntnis eine rettende Wahrheit geworden, eine letzte, bittere Notwendigkeit gewesen!

Schnell raffte er sich auf und stieg aus. Eben begann sich der Zug wieder in Bewegung zu setzen.

Er stand allein auf dem Perron des kleinen Vororts. Noch war seine Seele voll des Erlebten. Eine wunderbare Fügung hatte ihm das heutige Erlebnis gesandt. Eine starke Hand hatte einmal in sein Leben hineingegriffen. Er fühlte es, daß er der Wahrheit selbst in das ernste, strenge Antlitz geblickt hatte – und seine Seele war genesen!

Ein anderer wollte er werden von dieser Stunde an. Die ihm noch geschenkte Zeit wollte er besser ausnutzen – für sich und die Seinen. Nicht mehr in allerlei zerstreuenden, aufreibenden Beschäftigungen seine Tage verschleudern, seine Kräfte zersplittern! Seiner Seele wollte er leben von nun an und ihrer Sehnsucht.

Er breitete die Arme aus –, hinein in das nächtliche Dunkel – als umfasse er eine Hohe, Unsichtbare, und wie ein inbrünstiges Gebet rangen sich die Worte aus den Tiefen seiner Seele und fanden sich auf seinen Lippen:

Noch einmal nimm mich auf in deine Arme,
Eh' sie mich in die dunkle Tiefe betten,
Du, Göttin Leben, Schöpferin! Erbarme
Dich deines Kindes! Gib ihm Zeit, zu retten,
was seine Seele schaffend birgt im Schoße;
Noch einmal schüttle gnädig ihm die Lose!

Noch einmal laß mich ganz dich fassen, Leben;
Um meine Seele breite deine Schwingen,
Noch einmal laß mich Sonnenschein umgeben,
Im falben Laub noch süße Frucht zu bringen;
Noch einmal – eh' es nachtet mir auf Erden –
Laß Morgen es und gold'nen Frühling werden!

 


 

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