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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 21
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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IV.

Und nun war die Stunde des Untergangs gekommen. – –

Dr. Steinweg sah auf seinen Taschenchronometer –

»Noch 34 Minuten 52 Sekunden!« sagte er zu Hanna Rodtbach, die Arm in Arm neben ihm am Fenster ihres Giebelstübchens stand, »es ist drei Uhr« – »Sieh' nicht mehr nach der Uhr, Liebster!« bat sie leise. »Die Zeit wird schnell genug dahin sein – für dich und mich und für uns alle –«

Und mit unnennbarem Schauer sah sie vor sich, über sich am Himmel, fast zwei Dritteile des Horizontes verhüllend, die riesige schwarze Scheibe, die mit jedem Augenblick, wie ein heransausender Expreß-Zug, an Größe wuchs –

Infolge einer optischen Täuschung erschien dieser dunkle Körper ausgehöhlt, wie ein gähnender schwarzer Schlund, in den die Erde hineinstürzen würde!

Die Sonne war verdeckt von dem riesigen Gestirn; das fahle, schauerliche, bleifarbene Licht einer totalen Sonnenfinsternis hüllte alles ein und vermehrte noch die Schrecken der letzten Minuten.

Gewaltige elektrische Entladungen erschütterten die Atmosphäre, und nicht endenwollender Donner hallte wider aus den Tiefen des Firmaments, heftig pfeifende orkanartige Windstöße traten auf, die über die Fluren dahinsausten, alles vernichtend unter einem Hagel von riesigen Eisstücken.

– Und jetzt – die Uhren an den öffentlichen Gebäuden zeigten auf 4 Minuten nach halb 4 Uhr –- blieben nur noch wenige Sekunden –

Einen Augenbick lang schien das ganze Firmament erfüllt von dem schwarzen Riesenball, dessen Peripherie von einer unaufhörlich wie ein Nordlicht hin- und herflutenden Aureole umzuckt wurde –

Hanna Rodtbach küßte den ernsten Mann an ihrer Seite.

»Noch einmal habe Dank, daß du gekommen! Halte mich fester, Geliebter!«

Dr. Erwin Steinweg blickte ihr fest ins Auge –


Da fiel ein heller Schein auf ihr bisher in dem bleifarbenen Zwielicht totenbleiches Antlitz und glitt über ihr braunes Haar – ein lichter Schein vom Fenster her –

War es die irdische Glut ausbrechenden Feuers?

War es die vom Himmel fallende Lohe des Weltbrandes?

Es war – ein erster schüchterner Sonnenstrahl!

Dr. Steinweg zog die Uhr – sie zeigte auf 4 Uhr 37 Minuten 29 Sekunden. Fast drei Minuten über die berechnete Zeit!

Und die Erde hatte noch keinen Zusammenstoß erlitten!?

Und da erschien wahrhaftig seitlich schon die Sonne wieder!!!

Was war geschehen?!

Wie war das Unmögliche möglich geworden!?!


Das kurze Telegramm, welches das Reichsamt kurz vor der Sekunde des Zusammenstoßes empfing, kam aus dem Observatorium bei P*** und enthielt die Worte:

»Zusammenstoß abgelenkt durch Abweichung der Erde von ihrer Bahn, die einige Stunden vorher plötzlich eingetreten. Grund dafür unbekannt. Der »Komet« um 3 Uhr 34 Minuten 52 Sekunden schon ca. 100 Meilen von der Erde entfernt.«

O. B. Servator.

– – Ja – die Erde war gerettet – in zwölfter Stunde!

Wohl folgten noch einige bange Stunden des Zweifels, und solange der schwarze Schatten noch dräuend am Horizonte hing, stand auch noch die Sorge im Herzen der Menschen; als aber der Morgen des neuen Tages golden und sonnig heraufstieg, wie seit Jahrmillionen, und der »Zerstörer« nicht mehr den Himmel verdunkelte, da kehrte auch dem verzagtesten Mut und Hoffnung zurück. Im Laufe der nächsten Tage fand sich die Menschheit wieder in ihr altes Gleis, schneller als man gedacht. – – – – – –

In dem Briefe, in welchem Dr. Steinweg seinem alten Direktor seine Vermählung meldete, bat er ihn gleichzeitig um die astronomischen Aufzeichnungen, die dieser in den Stunden vor dem erwarteten Zusammenstoße gemacht hatte.

Der Direktor schloß seinen Gratulationsbrief mit den Worten:

»Anbei also lasse ich Ihnen das gewünschte astronomische Material zugehen. Frau Hanna wird – nach allem, was Sie mir von ihr berichtet, nicht schmollen, wenn sie ab und zu einmal Ihren Blick von dem Himmel Ihres häuslichen Glückes wieder zu dem außerirdischen wenden, der ja nun einmal für uns Astronomen nur eine Tafel voll gelöster und noch ungelöster Rechenexempel ist. Und daß das letzte noch ungelöste Rätsel: ›warum der erwartete Zusammenstoß mit dem ominösen Kometen nicht eingetreten ist‹, Sie ebenso quält wie mich, weiß ich auch, lieber Herr Doktor und Freund! Aber vielleicht sind Sie bei dessen Lösung glücklicher als ich. –

Daß Sie das im allgemeinen und im besondern sein mögen, ist der aufrichtige Wunsch

Ihres ergebenen
O. B. Servator.

– Der Wunsch des alten Herrn Direktors ging in Erfüllung: einige Wochen später legte Dr. Steinweg der Akademie der Wissenschaften eine Arbeit vor, welche den Titel trug:

»Über die Ursache des nicht erfolgten Zusammenstoßes zwischen dem Kometen vom 3. August cr. und der Erde –«

Der Verfasser wies darin an der Hand eingehender Berechnungen nach, daß die kurz vor dem Zusammenstoße erfolgte plötzliche Abweichung der Erde von ihrer Bahn einfach eine Wirkung des Rückstoßes sei, welchen die momentan erfolgende Eruption der hunderte von Kratern in der Andenkette auf den Erdkörper ausgeübt habe. All die momentan explosionsartig in Tätigkeit tretenden Vulkane mit ihren tausende von Metern tiefen, von den Ablagerungen ganzer Erdperioden verschütteten und belasteten Kratern seien solche Riesengeschütze, die ihre Ladung in den Raum schleuderten. Die in der Kettenform der Anden liegende, reihenweise Anordnung der Vulkane ergebe lauter gleichzeitig und in gleicher Richtung gegen den Erdkörper gerichtete Reaktionsstöße, deren Summierung die Kraft erzeugt habe, die hinreichend war, die Erde aus ihrer Bahn um die Sonne zu schleudern, zwar nur um winzige Bruchteile einer Bogensekunde – aber doch ausreichend, um den gefürchteten Zusammenstoß zu verhindern. –

Der Bericht schloß:

»Ist es nicht, als ob der von dem unsterblichen Darwin zuerst in seinen Konsequenzen gewürdigte ›Kampf ums Dasein‹ sich auch in diesem Falle in wahrhaft grandioser Weise, wie in einem lebendigen Organismus, durchgesetzt habe? Wie überall in der Welt des Lebens die Not die schlummernden Kräfte der Organismen weckt oder zu erneuter Betätigung zwingt, so hat in diesem ␢struggle for life‹ unsere Mutter Erde die in ihr seit ungezählten Jahrtausenden vorhandenen, aber zeitweilig schlummernden Kräfte in der einfachsten, aber wirksamsten Weise zur Rettung vor dem herannahenden Feinde benutzt – und damit unserm Geschlechte die Fortentwicklung auf weitere Jahrmillionen hinaus gesichert. Denn im Aufbauen und Weiterbauen – in der Evolution – ruht das Geheimnis und der Sinn alles Lebens. Das Paradies liegt vor uns und nicht hinter uns.«

Der letzte Satz der Abhandlung war im Manuskript von einer Frauenhand geschrieben, von Hanna Steinwegs Hand. Und wenn er auch zunächst nur wie eine rein persönliche Verheißung klang – für den Bund, den sie in jener letzten Stunde noch mit dem Immergeliebten geschlossen, so sprach sich doch darin ebenso zuversichtlich die Hoffnung aus auf ein Besserwerden der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Denn in allen Ständen und Klassen der Bevölkerung regte sich's leise, aber unaufhaltsam, wie ein neues, höheres Leben!

 

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