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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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III.

In dem kleinen thüringischen Landstädtchen Camburg stand in der Abenddämmerung an dem geöffneten Giebelfenster eines freundlichen villenartigen Landhauses eine einsame Frauengestalt und blickte hinab ins Tal der Saale.

Nicht mehr der Zauber der ersten Jugend lag auf diesem Antlitz, in welchem große, blaue Augen zu dem tiefkastanienbraunen Haar einen reizvollen Gegensatz bildeten – aber ein Abglanz seelischer Hoheit verklärte wie ein von innen strahlendes Leuchten die ganze Gestalt, und das Weiß ihres Gewandes, das sie in weichen Linien umfloß, erhöhte noch diesen Eindruck.

Mit gleichgültigem Auge sah sie all die Hunderte von Menschen da unten am Ufer der Saale, die alle, wie gebannt, nach einer Stelle des Himmels starrten –

Hoch im Blauen über ihnen hing wie ein großer, dunkler Ball der »Zerstörer«, der Komet, der sich unaufhaltsam der Erde näherte und nun, scheinbar neben der Sonne stehend, infolge seiner enormen Größe sichtbar war.

Flüchtig hefteten sich Hanna Rodtbachs Augen einen Moment auf den schwarzen Schatten da oben im lichten Blau.

Sie weiß, was er bedeutet; aber sie fürchtet ihn nicht.

Ihr wird er kein Zerstörer werden; sie sieht in ihm einen Befreier. Das Leben, das viele so preisen, um das viele jetzt so jammerten, ihr war es ein Zerstörer geworden, ein Zerstörer ihrer Lebenshoffnungen, ein Vernichter alles dessen, was ihr Dasein notwendig und lebenswert gemacht hätte. – Der Schrecken da oben am Firmament lenkt ihr stilles Sinnen und Träumen plötzlich zu dem zurück, dessen Beruf es geworden, den Himmel und seine Gesetze zu erforschen – zu Dr. Steinweg, als er noch Erwin Steinweg für sie war, zu dem Geliebten ihrer Jugend. – –

Vielleicht hefteten sich auch seine Augen in diesen Momenten nach dem Himmelskörper da oben – mit dem Interesse des Forschers, was würde er ihr alles erzählen können, wenn er noch, wie einst, vor mehr als fünfzehn Jahren, an ihrer Seite unter dem sternbesäten Firmament durch die abendlichen Fluren der Heimat schreiten könnte!

Dahin! – –

Heute weiß sie, daß sie beide schuldlos waren an ihrem Auseinandergehen. Das Leben war stärker als sie! All die kleinlichen Rücksichten kleiner Verhältnisse haben sie um ihr Glück betrogen. Mit Bitterkeit denkt sie an alle die Listen und Tücken ihrer besorgten Verwandten, mit denen man ihr den Geliebten entfremdet hat – mit leiser Bitterkeit auch gegen sich selbst und ihre Verzagtheit, und wie so manches Mal geht ihr sein letzter Gruß durch die erinnernde Seele:

»Verlaß mich nicht! Du bist ein lichter Engel,
Das Morgenglüh'n auf deiner Stirne lacht,
Und ich bin finster, voller Fehl' und Mängel:
Ob meinem Haupte flutet düstre Nacht.
Und kannst den armen Narren du verlassen,
Leb' wohl! Nicht darf ich halten dich und fassen;
Doch wenn dein Herz nur leis' noch für mich spricht –
Verlaß mich nicht! . . . . .«

Er hat sie nie wiedergesehen – sie ihn nur ein einziges Mal; als sie einem Vortrage beiwohnte, den er vor einiger Zeit in einem wissenschaftlichen Vereine der Nachbar-Residenz über eine von ihm gemachte Entdeckung gehalten hat. Sie saß in einer versteckten Saalnische und hatte ihn ungestört beobachten können. Wie treu hatte sein männlich-ernstes Gesicht die lieben, ihr so vertrauten Züge des Jünglings bewahrt! Und wie tief hatte sie gefühlt, daß ihr Herz noch immer ihm gehörte, trotz alledem! . . . .

Ein Geräusch an der Tür hat sie vom Fenster zurückgezogen –

Und da – steht er mitten im Zimmer!

Sie erschrickt und faßt nach ihrem Herzen.

Er aber nimmt ihre Hand fest und treu in die seine und sagt nur:

»Das Schicksal hat uns beiden verwehrt, mit einander zu leben, liebe, unvergessene Hanna; aber es soll uns nicht hindern – wenn du es willst –«

»Mit einander zu sterben!« sagte sie, seine Worte vollendend, und ein befreiendes Aufleuchten strahlt aus ihren seelentiefen Augen . . .

Und über der angstvoll hin- und hergestikulierenden Menge, deren Schreien und Jammern immer lauter herauftönt, steht am Fenster, fest umschlungen, ein seliges Paar, vielleicht die einzigen, die den dunklen, jetzt in der abendlichen Dämmerung doppelt grausig erscheinenden Zerstörer da oben am Himmel mit ruhigem Herzen betrachten.

Die Feder erlahmt bei der Schilderung all der fürchterlichen Szenen, die sich nun, wenige Stunden vor dem Zusammenstoße, unter den Menschen abspielten. Die Zeiten der französischen Revolution kehrten wieder, aber in tausendmal schrecklicheren Gestalten! So wie auf einem untergehenden Schiff der brutale Egoismus in seiner entsetzlichsten Erscheinung die Zähne fletscht, so hundertfach, zehntausendfach wiederholten sich jetzt, in den letzten Stunden die Szenen, in denen die Zweibeinige Bestie, nur noch geleitet von ihren angeborenen Trieben, den Kampf ums Dasein führte. Feigheit und Grausamkeit überall! – Die Gelehrten hatten die Örtlichkeit von Berlin als den wahrscheinlichen Punkt für den Zusammenstoß berechnet – und hier tobte der Kampf aller gegen alle in seiner ganzen Furchtbarkeit. Die wenigen Züge, die noch abgelassen werden konnten, wurden gestürmt, und um einige Luftballons wurden förmliche Schlachten geliefert. Die Zurückbleibenden ließen ihre Wut und Verzweiflung in allerlei Schändlichkeiten aus: Denkmäler wurden zertrümmert, deren es ja in Berlin eine große Anzahl gab, Gefängnisse gestürmt, Fabriken mit Dynamit zerstört, Eisenbahnbrücken gesprengt – stundenlang tobte der Kampf zwischen den Regierungstruppen und dem wütenden Mob in den Straßen; zu Hunderten türmten sich die Leiber der Gefallenen auf – –

Ziehen wir einen Schleier über diese letzten Stunden, da fast ein Dritteil des ganzen Firmaments schon verdeckt war von dem nahenden Weltungeheuer, das wie das sichtbar gewordene dunkle Schicksal seine Todesfittiche über die Erde spannte – –

Im Observatorium zu P*** stand der greise Direktor an seinen Instrumenten.

»Ein braves Pferd stirbt in den Sielen!« hat unser großer Bismarck einmal gesagt, und ein gut Teil von seinem Lebensernst und seinem Pflichtgefühl hat auch der alte Gelehrte. – Zwar weiß er nicht, für wen er all die interessanten Abweichungen in der Mechanik des Himmels in diesen Tagen aufzeichnet – aber er tut es in peinlicher Gewissenhaftigkeit. Zu den astronomischen Störungen gesellen sich nun auch allerlei terrestrische, vor einer Stunde ungefähr durchzuckte ein gewaltiges Beben den Erdkörper; die Seismographen im Kellergeschoß des Observatoriums weisen auf eine momentan auftretende Erderschütterung hin, deren Epizentrum in der westlichen Erdhälfte zu liegen scheint. –

Als Dr. Steinweg ihm vor ein paar Tagen seinen Entschluß mitteilte, hier auf der Sternwarte bei ihm auszuhalten, wie ein Soldat auf Posten, bis zum letzten Augenblicke, da hatte er ihm die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt:

»Nein, lieber Doktor und Freund! Für Sie gibt es einen schöneren Platz zum Sterben –«

Und als der Assistent ihn mit einem ahnungsvollen Erblassen ansah, sagte er gütig:

»Haben Sie mir nicht selbst einmal erzählt, warum Sie einsam geblieben sind?«

Dr. Steinweg drückte ihm stumm die Hand.

»Nun also! Auch sie ist einsam in diesen schweren Stunden. Gehen Sie zu ihr!«

»Aber Sie, lieber, verehrter Herr Direktor? Sie sind ja auch ganz einsam hier oben?«

»Kann ich's ändern, daß mir mein Frauchen genommen wurde – oder richtiger ausgedrückt, daß ich sie unvorschriftsmäßiger Weise überlebt habe? Um mich sorgen Sie sich nicht, Herr Doktor. Und der alte Kulpe bleibt ja auch hier oben! Ich will zum letztenmal Ihnen gegenüber den allwaltenden Direktor spielen und Sie in optima forma von Ihren Amtspflichten hier im Observatorium entbinden. Reisen Sie mit Gott! Beinahe hätt' ich gesagt: Auf Wiedersehen! – Nun – wie der Himmel will!« – Noch ein letzter Blick Aug' in Auge, ein fester, treuer Handschlag – dann war Dr. Steinweg gegangen. –

Ein Klingelsignal ertönte. Der Direktor fuhr auf aus seinem Sinnen.

Ein Klappern wurde hörbar. Der Ferndrucker des Übersee-Telegraphen meldete ein Telegramm.

Der Direktor trat an den Apparat –

Auf dem abrollenden, automatisch bedruckten Papierstreifen las er folgende Depesche, aufgegeben in New-York vormittags 8 Uhr 49 Minuten 38 Sekunden amerikanischer Zeit:

»Furchtbare explosionsartige Vulkan-Ausbrüche in der Andenkette. Hunderte längst erloschener Krater plötzlich wieder in Tätigkeit! Nähere Nachrichten fehlen noch.«

Nachdenklich überlas er nochmals das Telegramm.

»Also das war das von unserm Erdbebenmesser registrierte Beben. Es ist wahrscheinlich eine Folge der Anziehungskraft des ›Kometen‹«, sagte er dann, »auch die Gluten des Erdinnern werden, wie die Wasser des Ozeans, zu einer einzigen riesigen Flutwelle emporgerissen und bahnen sich einen Weg durch ihre alten Schlünde! Die Erde bebt in Erwartung des Kommenden.« –

Und wieder war eine Stunde vergangen, langsam und schwer, und immer tiefer senkte sich die dunkle Last herab auf die bangende Erde.

Der Direktor trat an das Beobachtungs-Fernrohr, um abermals Rektaszension und Deklination des »Kometen« zu bestimmen –

Ein Aufschrei entfuhr ihm, als er die neue Ablesung machte.

In fieberhafter Eile warf er Formeln und Ziffern auf Papier –

Eine Stunde war so vergangen.

Und aufs neue prüfte er den Stand des Kometen, und aufs neue begann er zu rechnen –

Dann eilte er an den Telegraphen –

Wohl zitterten ihm die alten Finger, als er den Taster in Bewegung setzte; aber es waren ja nur wenige Zeichen, die er dem Apparat zur Botschaft anvertraute.

Dann sank er, von der Aufregung erschöpft, in den Sessel vor seinem Arbeitstische.

Auf seiner Stirne aber lag ein rätselhafter Glanz –

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