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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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II.

»Das Ende der Erde!«

Nur langsam sickerte diese in Fachkreisen in kurzer Zeit zur Gewißheit werdende Kunde in die Schichten der menschlichen Gesellschaft. Im Beginn ihres Auftretens nur eine vertrauliche Meldung der einzelnen Observatorien, gewann sie allmählich in die Spalten der Tageszeitungen Eingang –

Zuerst freilich in negativer Form.

Die meisten Blätter leiteten ihre Meldung von dem kommenden Ereignis mit der Formel ein:

»Wieder einmal soll die Welt untergehen! Aber obgleich diese Botschaft diesmal aus astronomischen Kreisen stammt, glauben wir ihr doch nicht mehr Wert beilegen zu sollen, als allen ihren Vorgängerinnen –«

Und nun folgte in der Regel eine längere oder kürzere Aufzählung aller bisher prophezeiten Weltuntergänge – und der Schluß der Nachricht lief bei den meisten Zeitungen wieder in die gleiche stereotype Phrase aus:

»Hoffen wir also, daß auch diesmal, wie bisher, unsere alte, gute Mutter Erde am Leben bleibt, unsern Lesern zum Trost und allen Unglückspropheten zum Trotz, die mit mathematischer Gewißheit den Weltuntergang am 3. August cr. verkünden!« – –

Die Witzblätter hatten wieder einen dankbaren Stoff: das Neue in der astronomischen Meldung, daß ein unsichtbarer Himmelskörper von gewaltiger Masse sich unserer Erde aus den Tiefen des Weltraumes nähere, griff man heraus und variierte es in mancherlei Gestalten; der uralte Fenriswolf riß seinen Riesenrachen auf und die Midgardsschlange ringelte sich durch das empörte All – –

Am Abend des 3. Juli – nachdem in den Morgenblättern der Residenz noch einmal die Beschwichtigungs-Hofräte in aller Ausführlichkeit und Bestimmtheit ihres Amtes gewaltet und die Bevölkerung durch das bekannte Wort Aragos beruhigt hatten, daß die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen etc. sich verhalte wie 1:280 Millionen, d. h. daß es so gut wie ausgeschlossen sei, daß die Erde einen Zusammenstoß zu erwarten habe – am Abend dieses Tages hielt der alte, weißhaarige Direktor der P***er Sternwarte, O. B. Servator, einen Vortrag vor einer vieltausendköpfigen Menge.

Er war von höherer Seite dazu veranlaßt worden – wohl in der Erwartung, daß seine Darlegungen, die eines Gelehrten von Weltruf, am ersten geeignet sein würden, unnötige Besorgnisse zu zerstreuen.

Der greise Astronom begann ganz schlicht und ohne jedes Pathos die Geschichte des Ereignisses zu erzählen und ging dann auf die besonderen Eigentümlichkeiten ein, die gerade dieser Fall für den Gelehrten von Fach habe; vor allem errege die Unsichtbarkeit des herannahenden Weltkörpers, den man ja in landläufiger Weise einen Kometen nennen könne, und die aus den Störungen berechnete enorme Masse das Interesse der Astronomen. Die Bahnelemente des neuen Weltkörpers seien nunmehr genau festgestellt und zwar mit einer Genauigkeit, wie überhaupt astronomische Berechnungen möglich seien – und bestimmt am 3. August cr., nachmittags 3 Uhr 34 Minuten 52 Sekunden, werde der herannahende Himmelskörper unsere Erde erreicht haben. – –

Bis hierher war die Versammlung den Ausführungen des Astronomen nur mit halbem Ohre gefolgt; – man kannte ja den größten Teil davon aus den Berichten der Zeitungen. Aber nun ging es wie ein Zurechtrücken durch die tausendköpfige Menge, wie ein geistiges Ohrenspitzen –

Man erwartete ja nun das große »Aber« zu hören, die offizielle Erklärung, daß trotz aller dieser einwandfreien Berechnungen und Voraussetzungen dennoch das gefürchtete Ereignis nicht eintreten werde, daß es wohl allerlei Spektakel von Sternschnuppen und Meteoren am Himmel geben werde, daß aber im übrigen keinerlei Grund vorliege, die »süße Gewohnheit des Daseins« für ernstlich bedroht zu halten – und daß die Erde nach ungezählte Millionen von Jahren ungehindert ihre Bahn im Weltraum durchlaufen werde. – –

Der alte Direktor hatte eine kleine Pause gemacht in der er eine vor ihm liegende Mappe öffnete und ihr ein Blatt entnahm. Dann fuhr er fort:

»Es ist uns auf unserm Observatorium gelungen, gestern in den ersten Morgenstunden endlich eine Photographie des unsichtbaren Kometen zu erhalten. – Die Methode besteht – um dies hier kurz anzudeuten – im wesentlichen darin, daß man auf einer Platte eine lichtempfindliche Schicht erzeugt, welche aber nicht, wie die gewöhnlichen Trockenplatten, für die Strahlen des sichtbaren Spektrums, sondern für die des ultravioletten Teiles, ungefähr von einer Wellenlänge von 200 Millionstel Millimeter abwärts empfänglich ist. Der Erfinder dieser Photographie des Unsichtbaren ist unser erster Assistent, Herr Dr. Steinweg – und auf diesem Bilde sehen Sie den Erfolg seiner Arbeit.«

Der Direktor reichte den ihm zunächst Sitzenden das oben erwähnte Blatt –

Von allen Seiten drängte man sich herzu –-

Und was zeigte diese Photographie?

Etwas, das auch dem Laien sofort auffiel: keine Spur einer Ähnlichkeit mit dem Aussehen sonstiger Kometen; es fehlte ihm vor allem der Schweif mit seiner mehr oder weniger phantastischen Form, der den Kometen früherer Zeiten den Namen »himmlischer Zuchtruten« verschafft hat. Aber auch der eigentliche Kopf des Kometen, der gewöhnlich immer aus Hülle und Kern besteht, war im Bilde nicht vorhanden; man sah nur eine einfache runde Scheibe, die in mattem, phosphoreszierendem Schimmer sich von der Umgebung des Himmels abhob – weiter nichts!

– Allgemeine Enttäuschung machte sich darum auch bei allen Beschauern des Bildes geltend. Das kleine Scheibchen also war der gefürchtete Himmelskörper, der seit Wochen und Monden die ganze Menschheit der Erde in Aufregung hielt? Nicht einmal einen ordentlichen Schweif, vor dem man sich gruseln konnte, hatte das Ding!

Und diese Stimmung machte sich in einem Ausrufe Luft, mit dem ein behäbiger Berliner Weißbier-Philister die Photographie kritisierte:

»Und vor det bisken Nischt habe ick mir nu' jejrault!«

»Ein bißchen Nichts« – das war das Urteil, das man über den angekündigten Weltwanderer zu fallen bereit war, noch ehe der alte Direktor von neuem das Wort ergriffen hatte. Diese Stimmung der Zuhörer war die Veranlassung, daß er jetzt, noch vom Gelächter der Umstehenden über jene ulkige Redensart umdröhnt, mit einer Stimme, die gegen vorhin scharf und schneidend klang, in den Saal hineinrief:

»Ja! – das bißchen Nichts wird uns alle noch graulen machen!« Und nun, jedes seiner Worte mit dem ganzen Ernst seiner Überzeugung betonend, führte er in großen Zügen aus, was der Erde diesmal geschehen würde. Diesmal würde es nicht mit einem harmlosen Sternschnuppenfeuerwerk abgetan sein, wie wenn ein kleiner Komet die Erdbahn schneidet, – diesmal würde es zu einem entsetzlichen Zusammenstoße kommen, von dem das Aufeinanderfahren zweier mit höchster Geschwindigkeit fahrender Expreß-Züge eine schwache Vorstellung geben könne. Bei diesem Zusammenstoß, der die Bewegung der Erde wahrscheinlich sofort zum Stillstand bringen werde, müsse sie, falls sie den Anprall selbst überstehe, in Weißglut geraten; so groß sei die durch den Stoß und die plötzlich gebremste Bewegung erzeugte Wärmemenge. – Er halte es für seine Pflicht, das hier zu sagen; er wisse wohl, daß man von ihm erwartet habe, er werde die Reihe der Beschwichtigungshofräte vermehren, deren Elaborate vielleicht viele der Zuhörer erst heute morgen in den Tageszeitungen wieder hätten genießen können; aber die Pflicht gegen die Wahrheit und die Wissenschaft gebiete ihm, so zu sprechen, wie er gesprochen. Die Lage sei ernst, entsetzlich ernst. Wenn nicht ein unvorhergesehener Zwischenfall einträte, so gäbe es nach seiner Meinung keine Rettung für die Erde.

»Ich liebe es nicht,« so ungefähr schloß der Redner, »in Paradoxen zu sprechen, sonst würde ich sagen: wenn einst Arago die Wahrscheinlichkeit eines verderblichen Zusammenstoßes zwischen der Erde und einem Kometen wie 1:280 Millionen annehmen zu dürfen glaubte, so möchte ich diesmal die Möglichkeit eines glücklichen, ungefährlichen Ausgangs für uns Erdbewohner mit demselben Wahrscheinlichkeitsverhältnis ausdrücken – wie 1:280 Millionen!«

– – Es war allmählich totenstill im Saale geworden, wie eine Ahnung des Kommenden lag es über der Versammlung. Jeder hörte an den Worten des Sprechers, daß sie Wahrheit, volle, bittere Wahrheit enthielten; jeder fühlte, daß das Schicksal der Erde besiegelt sei. Wohl mochte sich der eine oder andere noch wie an einen Strohhalm an die Worte des Redners klammern, in denen er von einem rettenden Zwischenfalls sprach, der allein noch das kommende Verhängnis aufhalten könnte, – aber die alte sorglose Zuversicht, mit der man bisher die kleine tägliche Sensation von der Annäherung des unsichtbaren »Kometen« mit dem Morgenkaffee zugleich genossen hatte, war dahin!

Man umdrängte den Redner, als er geendet; man hoffte im Privatgespräch von ihm doch noch eine »inoffizielle«, nur für den Privatgebrauch gültige, tröstlichere Ansicht zu erfahren – vergebens: der alte Direktor befreite sich von allen Belagerungen mit den kurzen Worten: »Es ist alles gesagt, was zu sagen war von meiner Seite – und das Reden über die Gefahr schafft sie nicht aus der Welt!«

Und als einer der Zunächststehenden sich die Frage erlaubte, was man tun könne, um das kommende Schicksal wenigstens zu mildern, da sagte der alte Herr – und ein Leuchten brach aus seinen dunklen, von den buschigen weißen Brauen überschatteten Augen – nur das eine Wort: »hoffen!« –

– Als wieder etwas Stille eingetreten war, stand an Stelle des greisen Gelehrten am Rednerpult – Dr. Steinweg.

»Was will der noch?« fragten einige. »Wer ist das?« riefen andere.

»Das ist der erste Assistent am Observatorium,« antwortete ein Herr in der Nachbarschaft der Fragenden, – »Dr. Steinweg –«

»Ach, Dr. Steinweg! – der verschrobene alte Junggeselle!« tuschelte eine »ältliche« junge Dame ihrer Begleiterin ins Ohr – »paß' auf, Ella, jetzt kommt die ›sittliche Forderung‹ –

»Meine verehrten Anwesenden!« begann der Redner – »mein hochverehrter Herr Direktor und Vorredner hat mir gestattet, hier noch ein paar Worte zu Ihnen zu sprechen, für die ich nun auch bei Ihnen um freundliches Gehör bitte! – Wie ein Alp wird das soeben Gehörte auf Ihnen liegen, soweit menschliches Wissen und menschliche Voraussicht reichen, stehen wir vor dem ›Weltuntergang‹, von dem die Weissagungen aller Kulturvölker erzählen. Der ›Jüngste Tag‹ wird hereinbrechen, wenn auch in anderer Gestalt, als gläubige Gemüter erwarten. Das Ende, das jedem von uns beschieden ist, naht, – aber es naht Millionen und Abermillionen zugleich! Vergebens forschen wir in diesem Schicksalsnetz nach einem Loch, wo wir entschlüpfen können; vergebens rufen wir die Götter unserer Tage – die Wundermächte der Technik – um Hülfe an: sie versagen alle! Kein Dampfschiff, kein Blitzzug ist schnell genug, uns diesem Verderben zu entführen; kein Flugschiff vermag das selige Eiland zu erreichen, an dem das kosmische Unheil gnädig vorübergeht! Sie klagen mit mir über das Ende unseres Planeten, über den Untergang der Menschheit; – ich sage Ihnen: das ist nicht das Schlimmste, was uns treffen kann! Schon lange hat uns Schlimmeres getroffen –«

»Was er nur damit meint? Verstehst du diesen Faselhans, liebe Ella?« fragte die oben erwähnte Dame ihre junge Nachbarin. Diese hatte nicht Zeit, zu antworten; denn der Redner fuhr fort: »Schon längst sind unsere Seelen untergegangen in der hochgepriesenen Kultur unserer Tage! Schlimmer als der leibliche Untergang unseres Geschlechts ist das seit Jahrzehnten immer schneller und unaufhaltsamer unter uns fortschreitende Versinken alles dessen, was unser armes Leben erst wahrhaft lebenswert zu machen vermag, alles dessen, wofür die edelsten Geister der Menschheit gestritten und gelitten, wovon unsere Dichter gesagt und gesungen haben –«

»Ein Idealist!« rief einer, – »was will der noch in unserer Zeit?«

»Was ein Idealist in unsern Tagen soll? rief der Redner, der den Zuruf gehört hatte. »Blicken Sie hinein in unsere Zeit! Wer unter uns darf noch von sich sagen, daß er seinem Ideale treu geblieben ist? Wer hat unter uns noch den Mut, der allgemeinen geistigen Verlotterung entgegenzutreten! Was ist aus uns geworden in der Hetzjagd nach äußeren Erfolgen, unter der Peitsche des Strebertums! Die fortschreitende Kultur unseres hochgepriesenen Zeitalters hat unsern Fuß beschwingt, unser Wort beflügelt, hat unser Auge geschärft und unser Ohr verfeinert, hat in unsre Hand die Macht gelegt, Millionen von Pferdekräften mit elektrischem Zügel zu bändigen – aber sie hat unsern Geist verflacht und unser Herz verödet! In den oberen Schichten der Gesellschaft äußerer Glanz und raffinierter Lebensgenuß bei innerer Hohlheit und Verderbnis – in den untersten Klassen des Volkes völliger Zusammenbruch! Und was soll daraus werden in den Tagen, die uns bevorstehen? Die Bestie im Menschen wird übrig bleiben, die Bestie, die durch den Fortschritt der Wissenschaften nur noch raffinierter in ihren Mitteln geworden ist. Darum, meine Freunde, lassen sie dies Mene-Tekel nicht vergebens mit seiner unheimlichen Hand erscheinen! Lassen Sie uns retten, was noch zu retten ist! Ist uns der Untergang beschieden, so lassen Sie uns untergehen als wahre Menschen! Niemand wird unsere Geschichte schreiben, niemand uns richten und strafen wegen unsres Tuns und Lassens in den Stunden des Untergangs – ein jeder von uns wird sein eigener Richter sein. Die Erde kann in Trümmer gehen – aber unsre Menschenwürde nicht, und erhaben über Raum und Zeit, erhaben über Werden und Vergehen, über alles kosmische Geschehen ist das Ich in uns, das Bewußtsein unserer Persönlichkeit, das Ewige, das Göttliche –«

Lautes Gemurmel erhob sich. Einzelne wüste Rufe wurden laut: »Phrasen! – Unsinn! – Schluß! Schluß!«

»Ausreden lassen! Ruhe! Ruhe!« riefen andre.

Und schon begann die Menge sich in Parteien zu spalten. Pfeifen und Zischen ertönte. Im Hintergrund erhob sich wilder Lärm –

Von der Gallerie des Saales flogen plötzlich hunderte bedruckter Blätter unter die Versammelten.

»Extrablätter!« »Aufruhr in New-York!« »Revolution in Chicago!«

»Vorlesen! Vorlesen!« riefen einige.

Ein junger Mann in Arbeitertracht stieg auf einen Tisch und las:

»Telegramm aus New-York: Geheimbericht des hiesigen Staats-Observatoriums heute entdeckt! Erdzusammenstoß am 3. August cr. Furchtbare Katastrophe unvermeidlich! Untergang alles Bestehenden wahrscheinlich! Aufruhr unter der Bevölkerung! Erstürmung von Tamany-Hall! Plünderung der Banken und Warenhäuser! Auch in Chicago offene Revolution! Die ganze Nacht blutige Straßenkämpfe! Regierung machtlos! Krieg aller gegen alle!

»Krieg aller gegen alle!« wie ein Flugfeuer lief das Wort durch die Menge.

Ein unbeschreiblicher Tumult entstand. Man umdrängte den Redner; Fäuste ballten sich; Schreien und Johlen erfüllte den weiten Raum. Die bessern Elemente in der Versammlung flüchteten aus dem Saale.

Dr. Steinweg stand unbeweglich und sah mit festem Blick auf die tobende Menge –

Eine Hand faßte seinen Arm.

Sein alter Direktor war es, der ihn vom Rednerpulte hinwegführte.

»Kommen Sie, lieber Doktor und Freund! Sie sehen, wo die Sache hier hinauswill! Ein Einzelner ist machtlos dagegen! Kommen Sie – der täppisch-tückische Zufall mit den amerikanischen Alarmnachrichten hat vollends alles verdorben. Aber vielleicht haben Sie doch dem einen oder andern das schlummernde Gewissen geweckt. – Sie wissen, ich denke wie Sie! Und wenn es noch einmal eine Menschenerde gibt, so gehört der Fortschritt, der uns wirklich höher führen kann, dem Idealisten; denn nur der Idealismus kann Sieger werden über die Entartung unserer Tage, über das Irdische, Allzu-Irdische in und um uns! Kommen Sie – qui vivra verra!«

Und nun schlug die allgemeine Stimmung in ihr Gegenteil um. Immer zahlreicher wurden die Alarmnachrichten. Und daß man den herannahenden Feind nicht sah, wie andere Kometen, weil er sich noch fortgesetzt in den Strahlen der Sonne verbarg, machte die Situation noch grausiger. Aber man würde ihn schon noch sehen; das hatten die Astronomen festgestellt – allerdings erst kurz vor dem Zusammenstoß!

So vereinigte sich alles, um die menschliche Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Jetzt hätte die moderne Zivilisation, die hochgepriesen Kultur unserer Tage, einmal beweisen können, was sie wert war, hätte zeigen können, zu welchen gefesteten Wesen sie die Menschen mit ihren Ur-Instinkten gemacht –

Und sie versagte kläglich, wie schon der erste Anfang in Amerika bewiesen hatte! Die Arbeit stockte, trotz aller Vorkehrungen, welche die Regierungen, teilweise mit Gewalt, getroffen hatten. Die Massen des Volkes belagerten die öffentlichen Gebäude. Überall regte sich der Aufruhr.

– Allerlei wunderliche Fahrzeuge für Wasser und Luft wurden gebaut, Schiffe, die nicht untergehen sollten, riesige Fesselballons etc. Auch die vorhandenen Ballons für militärische und aeronautische Zwecke wurden von der räuberischen Menge mit Beschlag belegt, um für den Tag des Zusammenstoßes disponibel zu sein. Über die Frage, wohin sich die Überlebenden in den Ballons retten würden, zerbrach man sich dabei nicht den Kopf. – Allerlei tolle Vorschläge zur Rettung der Erde wurden gemacht: der eine schlug vor, auf der Bahn des Kometen innerhalb unserer Atmosphäre riesige Fesselballons, mit Sprengstoffen gefüllt, steigen zu lassen, die beim Anstoß explodieren und ihn aufhalten sollten; ein anderer empfahl, mit Kruppschen Riesengeschützen nach ihm zu schießen, so bald er sichtbar geworden wäre; ein dritter wollte die gesamte Wasserkraft des Niagara zur Erzeugung einer starken elektrischen Entladung benutzen, um den sich nähernden Kometen zu vernichten; ein vierter wollte den Lauf des Kometen durch irgend welche Kräfte so beeinflussen, daß er an einer der tiefsten Stellen des großen Ozeans die Erde treffe, dessen Wassermenge wie ein Stoßkissen die Heftigkeit des Anpralls mindern sollte – und was dergleichen Unmöglichkeiten mehr waren.

Alle Klassen der Bevölkerung hatte nach und nach die bleiche Furcht vor dem Kommenden ergriffen.

Nur eins hob sich aus dieser Flut des Egoismus leuchtend empor: das war die alte deutsche Treue im Berufe, die ihre Pflicht tut bis zuletzt, auch auf dem verlorenen Posten; doppelt hell brach sie hervor aus dem Wust des Strebertums, das sich überall an den hervorragendsten Stellen breit gemacht hatte.

All die Ausgeburten abergläubischer Furcht, von denen der Chronist aus dem Jahre 1000 n. Chr. erzählt, wiederholten sich, wenn auch in modernerer Form – und wie einst feierte besonders die religiöse Ekstase ihre Orgien. Auf allen Plätzen, an allen Straßenecken mehrten sich ordinierte und nichtordinierte Bußprediger. Alle Schrecken, welche die gequälte Phantasie finsterer Jahrhunderte für den »Jüngsten Tag« ersonnen, lebten wieder auf in den Gemütern. Die »Heilsarmee« gewann ungeheure Scharen neuer Anhänger, und um ihre Hauptquartiere mit den bunten Fahnen flutete Tag und Nacht eine leidenschaftlich hin- und herwogende Menge.

Auch das »Geschäft« blühte, von Amerika aus sandten spekulative Versicherungsgesellschaften lockende Prospekte, in denen sie gute Plätze in stoßsicheren, wasserdichten Gondeln ihrer riesigen, mit reinem Helium gefüllten Luftschiffe – gegen gute Bezahlung anpriesen . . .

Am 13. Juli, in den Spätnachmittagsstunden, sah man in Europa zum ersten Male einen dunklen Punkt vor der leicht durch Wolkenschleier abgeblendeten Sonnenscheibe. Man hätte das Phänomen für eine kleine partielle Sonnenfinsternis halten können; leider aber stand für diesen Tag keine im Kalender!

Die Menschen blieben auf der Straße stehen und zeigten einander den runden schwarzen Fleck –

Der Zerstörer!

Er existierte also – trotz aller noch immer auftretenden Ableugnungs- und Vertuschungsversuche, und er kam mit jeder Sekunde ca. zwanzig Meilen der Erde näher!

Die Angst, die Aufregung und Verzweiflung der einen und die Zügellosigkeit und Zerstörungswut der andern wuchs mit Riesenschritten, je größer der Fleck vor der Sonnenscheibe wurde.

Am 23. Juli, nachmittags 5 Uhr 34 Minuten 31 Sekunden, verschwand zum ersten Male die leuchtende Sonnenscheibe auf einige Augenblicke ganz hinter der dunklen Scheibe des »Kometen«.

Das grausig-schöne Schauspiel einer totalen Sonnenfinsternis ward den Bewohnern eines Teiles der nördlichen Erdhälfte unerwartet zuteil. Wie eine Prophezeiung kommenden Unheils umgab eine riesige, gleich feurigen Schwertern lodernde, blutrote Korona die verdunkelte Sonnenscheibe. . . .

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