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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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Das Ende der Erde?

I.

». . . und die beobachtete Störung ist also von verschiedenen Zeiten objektiv festgestellt. Ich ersuche Sie daher, zum Zwecke einer vergleichenden Untersuchung die Sternwarten Europas zur Nachforschung in der angedeuteten Richtung zu veranlassen, hoffentlich stellt sich dann die Befürchtung meines jungen Mitarbeiters doch als übertrieben heraus – Es wäre ja auch schade um uns – meinen Sie nicht, lieber, verehrter Herr Kollege? – Ich hoffe doch noch immer, Sie einmal hier in unserm Observatorium begrüßen und Ihnen unsern neuen 50-Zöller vorführen zu dürfen. Kommen Sie also lieber bald – falls die Sache doch schief geht!

Möchte meine Schlußformel heute mehr als eine Formel sein:

Auf Wiedersehen!
T. E. Leskop

– Der Empfänger dieses Briefes saß in seinem Arbeitszimmer auf der Sternwarte zu P*** und blickte nach Beendigung der Lektüre ein Weilchen sinnend vor sich hin –

Dann stand er rasch auf und drückte auf einen Knopf.

»Ich lasse Herrn Dr. Steinweg bitten, sich auf einen Augenblick hierher zu bemühen!« sagte er zu dem eintretenden Institutsdiener.

Dem Gerufenen überreichte der Direktor der Sternwarte das erwähnte Schreiben.

Dr. Steinweg las aufmerksam. Seine klugen hellbraunen Augen hefteten sich um so emsiger auf die Zeilen, je weiter er las –

»Nun?« fragte der Direktor, als er geendet.

Dr. Steinweg sah den Direktor mit einem seltsamen Ausdruck an.

»Nun, Herr Doktor?«

»Herr Direktor! Der Brief sagt mir nichts Neues – wenn auch die letzten Schlußfolgerungen darin mir neu sind –«

»Wie – Sie haben –«

»Ich habe die erwähnten Störungen schon seit Wochen beobachtet –«

»Was –? Und haben mir nicht einmal Mitteilung gemacht?«

»Ich war meiner Sache eben noch nicht sicher genug, Herr Direktor! Der Fall liegt so außergewöhnlich, springt so ganz aus dem Rahmen astronomischer Ereignisse heraus –«

»Ich verstehe, lieber Herr Doktor. Aber nun sagen Sie: – Was halten Sie von der geheimnisvollen Geschichte?«

»Ich möchte mich auch heute noch nicht bestimmt erklären, Herr Direktor. Nach meinen Beobachtungen und Berechnungen glaube ich aber doch soviel sagen zu können, daß –«

»– daß? Nun Herr Doktor?«

»– daß – so unwissenschaftlich und phantastisch es klingen mag – ein unbekannter Himmelskörper von gewaltiger Masse sich unserm Planetensystem mit unvorstellbarer Geschwindigkeit nähert –«

»Aber – dann müßte er doch längst sichtbar und von irgend einer Sternwarte avisiert worden sein –«

»Und – wenn es ein unsichtbares Gestirn wäre?«

»Sie meinen – nach der Hypothese von Holetschek – ein Komet, der auf seiner Bahn nicht aus den Strahlen der Sonne heraustreten kann, wie der Komet »Khedive« von 1882, der auch nur zufällig bei der photographischen Aufnahme der total verfinsterten Sonnenscheibe in der allernächsten Nähe der Sonnen-Korona entdeckt wurde –?«

»Diese Hypothese würde wenigstens seine Unsichtbarkeit erklären; – rätselhaft bleibt aber noch immer sein gewaltiger Einfluß auf unser System, zum Beispiel auf die Mondbahn, ein Einfluß der auf eine viel größere Masse schließen läßt, als wir sie sonst an einem Kometen kennen –«

»Ja – aber – dann ist es am Ende gar kein Komet im gewöhnlichen Sinne! Apropos – haben Sie aus den Abweichungen im System genauer die Position des unbekannten Störenfrieds zu berechnen versucht, die Elemente seiner Bahn –?«

»Noch nicht, Herr Direktor.«

»O, so lassen Sie uns gleich ans Werk gehen! Die hier im Briefe enthaltenen Daten werden die Arbeit ein gut Teil leichter machen –«

Damit gab der Herr Direktor seinem ersten Assistenten das umfangreiche Schriftstück, dessen Schluß der freundliche Leser oben gelesen.


Das große, auf dem höchsten Punkte der Umgebung von P*** errichtete Observatorium lag einsam und verlassen.

Einsam in dem umfangreichen Gebäude saß in seinem Arbeitszimmer Dr. Steinweg. – Vor ihm auf dem Tische lagen die mit Formeln und Ziffern bedeckten Schriftstücke, über denen er all die Zeit her gegrübelt.

Und was sagten diese krausen schwarzen Zeichen?

Was wollte die endlose Formel da auf dem Blatt bedeuten, das der Assistent gewiß schon ein dutzendmal in diesen Momenten zur Hand genommen?

. . . Wochenlang hatte Dr. Steinweg schon gewisse Störungen im Laufe des Mondes wahrzunehmen geglaubt, die sich mit den dem Astronomen von jeher bekannten kleinen Unregelmäßigkeiten nicht völlig erklären ließen.

Zwar waren die beobachteten Abweichungen so minimal, daß eben nur eine minutiöse Schärfe in der Beobachtung sie überhaupt wahrnehmen ließ, und Dr. Steinweg hatte anfangs die Sache auf kleine Mängel seiner Beobachtung geschoben. Aber mit jeder neuen Wahrnehmung verlor die Unregelmäßigkeit den Schein persönlichen Irrtums und verdichtete sich mehr und mehr zu objektiver Wahrscheinlichkeit. Schon hatte er soviel festgestellt, daß nur ein gewaltiger, sich unserm Planetensystem in entsetzlicher Geschwindigkeit nähernder Weltkörper durch die Kraft seiner Attraktion diese von Tag zu Tag sich steigernden Unregelmäßigkeiten bewirken könne – als das ominöse Schreiben Direktor T. E. Leskops vom Mount Hamilton eintraf.

In diesem Schreiben wurde nicht nur seine Wahrnehmung bestätigt, die mitgeteilten astronomischen Daten lieferten gleichzeitig soviel neues Material, daß er die Bahnelemente des rätselhaften, noch völlig unsichtbaren Himmelskörpers bestimmen konnte.

Abermals griff er nach dem Blatt mit den Formeln und Zeichen –

»Es ist so und bleibt so!« sagte er dann mit einem eigentümlich leeren Ton in der Stimme.

Er nahm eine Himmelskarte, auf der der Lauf der Erde in der Ekliptik für die einzelnen Tage des Jahres eingetragen war, und zog mit dem Bleistift eine schwachgekrümmte Kurve –

Dann stand er auf und öffnete das Fenster.

Weich und warm umschmeichelte die Abendluft seine Stirn. – Vor ihm breitete sich in schwellender sommerlicher Schöne die reiche Flur da unten im Tal mit ihren wogenden Kornfeldern, mit ihren Milliarden sich rundender und färbender Früchte in Gärten und Gehegen –

Schwer von reifendem Segen . . .

Den schmalen Feldweg drüben am Hange empor schritt heimwärts ein junges Weib in bäurischer Tracht, langsam und müde, als trüge auch sie eine Bürde –

Schwer von reifendem Segen . . .

Dr. Steinweg setzte sich zurück an seinen Arbeitstisch und schloß die Augen, wie einer, der all den Sommersegen da draußen nicht länger zu schauen vermag –

Er saß und sann.

Das kommende Schicksal fragt nicht nach Sommer und Winter, nicht nach Tag und Stunde, nicht nach Saat und Ernte, nicht nach Blüte und Frucht . . .

Und doch hat der große Brite recht, wenn er vom Leben des Menschen fordert: »Reif sein ist alles!«

– Dr. Steinweg dachte an sein vergangenes Leben: Wohl war manche Frucht aus junger Tage Blüte auch ihm gereift, wohl würde das Kommende ihn nicht unbereit finden; aber seines Lebens schönste Blume brach, ehe sie noch sich entfaltet –

Und er dachte der Zeit, da er jung war –

In den Augen der Frauen, der Mädchen und Mütter seines Bekanntenkreises galt er ja noch heute für jung, trotz seiner grauen Haare – er war ja unvermählt und hatte ein glänzendes Einkommen.

Aber er dachte an seine wahre Jugend. Er dachte an seine junge Liebe, der seine ersten Verse und Tränen geweiht waren.

Keusch und ernst und rein war seine Neigung gewesen – nur zu einem scheuen Kuß hatte er sich in einem seligen Augenblicke Mut gefaßt – Der ernste, einsame Gelehrte lächelte noch heute bei der Erinnerung an diesen Kuß und bei dem Gedanken an ihre beiderseitige Verlegenheit –

Das Schicksal hatte sie auseinandergeführt, hatte ihn ziemlich hart und wild gepackt –

Er hat sie nie wiedergesehen; aber er weiß, daß auch sie einsam lebt fern von hier – eine stolze, herbe, verschlossene Seele –

In diesem Augenblick klopfte es, und der alte Direktor trat ins Zimmer.

»Dachte ich's doch, lieber Doktor, daß sie noch hier wären! – Denken Sie sich, ich habe noch drei weitere Telegramme erhalten, die alle das gleiche Phänomen betreffen –«

»Ja,« sagte der Angeredete, »die Tatsache ist wohl nicht länger mehr anzuzweifeln! – Bitte, Herr Direktor, hier ist die Bahnberechnung des unsichtbaren Gestirns –«

Damit legte er dem weißhaarigen Herrn seine Arbeit vor.

Der Direktor beugte sich über die Schriftstücke und begann eine endlose Reihe von Formeln und Zahlen zu murmeln –

Immer ernster wurde sein Gesicht. Nach einer Weile sagte er hastig: »Aber – Herr Doktor! Das ist ja ernster, als wir vermuten konnten! Ich sehe, Sie haben die Kraft'sche Formel benutzt, die mit nur einer Konstanten die Position der fraglichen Nova zu bestimmen ermöglicht?«

»Gewiß, Herr Direktor –«

»Und Sie halten diese Angabe –« er deutete auf eine Stelle der mathematischen Rechnung – »für sicher?«

»Soweit mein Wissen reicht – ja, Herr Direktor!«

»Aber – dann nähert sich ja der unsichtbare Störenfried ganz bedenklich der Erde! Geben sie mir doch einmal die Karte der Erdbahn – das ist mir ja beinahe, als müsse die Erde um dieselbe Zeit –«

Dr. Steinweg reichte ihm die Karte, auf der er vorhin die Kurve eingezeichnet –

Einen Blick warf der Direktor darauf – dann sah er seinen Assistenten mit einem seltsamen, ernsten Blicke an und sagte:

»Ich sehe, Sie haben das Fazit der ganzen Rechnung schon gezogen!«

Und dann, nach einer kleinen Pause, fuhr er sehr ernst fort:

»Am 3. August cr. also wird das unbekannte, unsichtbare Gestirn mit unserer Erde zusammentreffen –«

»Mit einer Schnelligkeit von ca. 150 Kilometern in einer Sekunde!« setzte Dr. Steinweg hinzu.

»Das bedeutet also – das Ende der Welt!« sagte der Direktor leise, wie zu sich selbst.

»Das Ende der Welt wohl nicht – aber das Ende – der Erde!«

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