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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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Mysis

I.

Auf dem Wege zur »Abendschule« erlebte ich heute ein seltsames Abenteuer, das ich meinem Tagebuche noch in später Nachtstunde anvertraue: – – Heute ist Freitag, der Tag, an dem wir uns, wie der freundliche Leser vielleicht aus früheren Erzählungen weiß, in der Regel in den Abendstunden fern vom Getriebe der Weltstadt bei einem frischen Trunke zu versammeln pflegen – sieben an der Zahl.

Auf dem Wege dahin hatte ich das sonderbare Erlebnis. Auf meiner Wanderung an der Peripherie Berlins angelangt, drehte ich mich nach alter Gewohnheit um, den Blick auf die unzähligen Lichter zu genießen, die aus den schon abendlich erleuchteten Fenstern der Häuser, den schnurgeraden Reihen der Straßenlaternen und dem bunten Heer der Signal- und Richtungslaternen von den Geleisen der Stadt- und Ringbahn herübergrüßten.

– – Als ich mich wieder zum Gehen wandte, sah ich plötzlich etwas Unerklärliches: vor mir, mitten auf dem Wege, erstrahlte ein geheimnisvolles Licht!

Es schwebte frei in der Luft, ja, es wechselte seinen Ort, launisch hin und her hüpfend. Seine Farbe erschien grünlich-weiß.

Im ersten Augenblick dachte ich an das bekannte St. Elmsfeuer, das bei hoher elektrischer Spannung der Atmosphäre an hochragenden Gegenständen erscheint. Dann verwarf ich diesen Gedanken, weil mir der seltsam grünliche Ton des Lichts den magischen Glanz des Radiums in die Erinnerung zurückrief, das uns Dr. Mathieu, einer unserer »Abendschüler« einst gezeigt. Dagegen sprach aber seine Größe, wie seine Form, die beim Näherkommen bestimmte Umrisse zeigte. Immer mehr verdichtete sich der diffus leuchtende Schimmer – und nun schwebte es vor mir wie eine Gestalt, eine zierliche, ätherische Menschengestalt!

Ein wunderliches Gefühl, aus Neugier und Grauen gemischt, überfiel mich. So sehr mich die erste trieb, näher zu kommen, so sehr hielt mich letzteres zurück.

»Ein Irrlicht!« dieser Gedanke gab mir plötzlich neuen Antrieb. War auch in der Nähe kein sumpfiges Terrain, so umgaben doch Wiesen den Weg. Mein wissenschaftliches Interesse siegte über meine natürliche Scheu; rasch trat ich auf die rätselhafte Erscheinung zu.

Und da verschwand sie, wie wenn ein Licht erlischt!

Ich stand, wie genarrt, auf demselben Flecke still in der Erwartung, das seltsame Phänomen wieder auftauchen zu sehen. –

Vergebens!

Alles schien nur ein Spiel meiner Sinne gewesen zu sein! – Halb lachend, halb ärgerlich, machte ich mich endlich auf den Weg. Mit einer kleinen Verspätung, die mir einen vorwurfsvollen Blick Fennmüllers zuzog, langte ich in der »Abendschule« an und fand die Mitglieder vollzählig beisammen: den alten Herrn Oberlehrer und seine beiden Töchter, den Großhändler Deckers, den Rentier Fennmüller, Doktor Mathieu – und auch Herr Sandter, unser freundlicher Wirt, saß mit in der Runde.

Erst wollte ich mich mit irgend einer banalen Ausrede entschuldigen, daß ich später kam – ich dachte an Freund Fennmüllers spöttisches Lächeln, als ich damals Adam Perennius, den Zeitgenossen Friedrichs des Großen, mit in die Abendschule gebracht hatte; aber dann erzählte ich ehrlich den Grund meines Späterkommens.

Fennmüller lachte natürlich – aber, wann hätte der einmal nicht gelacht! Die beiden Damen neckten mich mit meinem »Irrlicht«, das wahrscheinlich Fleisch und Blut gehabt und nach der neuesten Mode gekleidet gewesen sei. – Doktor Mathieu berichtete von einer interessanten Wahrnehmung, die Professor Miethe vor einiger Zeit auf einer Ferienreise gemacht – es handelte sich um eine erste, wissenschaftlich einwandfreie Beobachtung eines Irrlichts – und der Oberlehrer erzählte eine gruselige Geschichte von einem Spuk im Moor aus seiner ostpreußischen Heimat, schließlich erinnerte Großhändler Deckers an Reichenbach und sein »Odlicht«.

»Und von dem violetten Heiligenscheine des seligen Reichenbach bis zum modernen Spiritismus ist ja nur noch ein kleines Schrittchen!« spottete Fennmüller – »seien Sie doch wenigstens modern in Ihren Erzählungen und sagen Sie, Sie hätten den Astralleib irgendeines Mediums gesehen auf seiner geheimnisvollen Wanderung!«

»Spotten Sie nur, Herr Fennmüller,« entgegnete ich. »Ich bin gewiß der letzte, der spiritistischen Anschauungen huldigt; aber ich muß doch sagen, was ich gesehen habe, und noch kann ich nicht glauben, daß mir meine sonst so zuverlässigen Sinne einen Streich gespielt haben.«

»Und doch wird es sich dabei wohl um eine subjektive Täuschung handeln,« sagte Doktor Mathieu in seiner ruhig-überzeugenden Weise – »apropos, haben Sie genaueres an dem Phänomen beobachten können?«

»Ich kann nur sagen, daß es mir wie eine sehr zierliche Menschenfigur erschien; genaueres vermag ich nicht anzugeben, dazu war ich leider noch zu weit entfernt.

Aber eine Vorstellung von der Erscheinung können sich die Herrschaften doch machen, wenn sie an die Radiumtänzerin denken, die wir vor einiger Zeit hier im »Wintergartentheater« gesehen haben. Ihre Gewänder waren mit selbstleuchtenden Radiumsalzen getränkt und strahlten im Dunkeln ein magisches Licht aus.«

»Sie sah wunderbar aus – überirdisch – geisterhaft!« riefen die Damen dazwischen.

»Nun – so war der Eindruck des heutigen Abends für mich« – –

»Vielleicht war es die Dame aus dem »Wintergarten«, scherzte Fennmüller, »vielleicht – –«

»Vielleicht! Vielleicht!« unterbrach ich ihn lachend. »Mit all Ihren ›Vielleichts‹ laß ich mir meine Begegnung von vorhin nicht abstreiten, Herr Fennmüller! – Ich wünschte nur, Sie wären dabei gewesen, daß ich Sie ungläubigsten aller Thomasse als Augenzeugen hier aufrufen könnte.« –

»Den Gefallen würde ich Ihnen vielleicht doch nicht tun – auch dann nicht!« erwiderte Fennmüller, »eher würde ich die Zuverlässigkeit meiner Augen bezweifeln. Es ist doch sonderbar, daß sich solche Wunder immer nur Ihnen bemerkbar machen, Ihnen, mein Verehrter, dessen Phantasie immer auf Abwegen wandelt! Ich bin überzeugt: einem nüchternen »Normalmenschen« wird so etwas nicht pass– –«

Er verstummte – mitten im Wort.

Wir alle blickten ihn an. Er saß wie versteinert. Auf seinem Gesichte wechselten Röte und Blässe.

Wir riefen ihn an. Großhändler Deckers, der ihm zunächst saß, rüttelte ihn. Die beiden Damen kamen angstvoll hinzu. –

Endlich wich die Erstarrung aus seinen Zügen.

»Was war denn mit dir, Paule?« fragte der Oberlehrer besorgt.

»Ich – habe – soeben – auch –- eine Erscheinung gehabt!« – sagte er, sich zu einem schwachen Lächeln zwingend.

»Du – Fennmüller?« Deckers lachte ihm ungläubig ins Gesicht.

»Ja, Ludwig – ich! Zwar keine sichtbare – aber eine fühlbare!«

»Aber – Fennmüller – ?«

»Im Ernst! – Ich habe das Gefühl gehabt, als ob mich jemand am linken Ohrläppchen zupfte.« –

Wir mußten nun doch alle lachen; aber Fennmüller sprach weiter:

»Ja – bestimmt! – und da ich weiß, daß keiner der verehrten Anwesenden sich diesen Scherz mit mir erlaubt hat –«

»War es auch keine Sinnestäuschung, Herr Fennmüller?« fragte Doktor Mathieu.

»Nein, mein verehrtester Herr Doktor! Es ist zwar schon lange her, daß ich zum letzten Male aus der Erfahrung dies Gefühl kennen gelernt habe – damals, als ich noch mit dem A-B-C im Zwiespalt lag, wird es gewesen sein – aber eine Selbsttäuschung ist für mich ausgeschlossen. Es muß also ein – unsichtbarer Gast gewesen sein!«

»Das wäre!« rief der Herr Oberlehrer – »die Abendschule als spiritistische Séance – mit einem entmaterialisierten Medium als geheimnisvollem Gast? Herr Wirt, das bringt Ihr Lokal in Verruf! Halten Sie Ihr Haus rein!«

Wir waren alle aufgesprungen; nur Großhändler Deckers blieb sitzen und zitierte aus »Faust«:

»Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel,
Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel.«

Sandter schaltete auf einmal alle Glühlampen ein. – Einen Augenblick war es mir, als sähe ich an der Wand des Lokals einen flüchtigen Schatten, – aber es war doch wohl eine unter der Erregung entstandene Selbsttäuschung.

»Da – dort!« rief Fennmüller.

»Wo – was?«

»An der Tür dort!«

»Was denn?«

»Die Klinke! – Sehen Sie doch! Sie bewegt sich von selbst!«

»Es kommt wohl noch ein Gast – Hans vielleicht –?«

Hans war der Sohn des Oberlehrers, Studiosus der Philologie.

Die Tür ging auf – so weit, daß ein Mensch hindurchgehen konnte – aber niemand kam herein!

»Ein Zufall!« sagte Doktor Mathieu. »Die Tür war schlecht eingeklinkt – vielleicht ein Windstoß.« –

Ich eilte nach der Tür – ebenso unser Wirt.

Aber wir konnten nichts entdecken.

Und so kam es, daß unsere kleine Gesellschaft sich bald wieder beruhigte. Zwar ließ sich Fennmüller sein Abenteuer nun auch nicht ausreden; aber wir übrigen waren doch alle mehr oder minder geneigt, die Vorgänge des heutigen Abends auf subjektive Täuschungen oder harmlose Zufälligkeiten zurückzuführen.

Deckers erzählte schließlich noch die Geschichte von dem wunderbaren Vogelnest aus den Simplizianischen Schriften von Grimmelshausen, das die merkwürdige Eigenschaft besaß, seinen Eigentümer unsichtbar zu machen.

»Ja,« meinte dazu Doktor Mathieu, »der brave Christoph von Grimmelshausen hatte vor reichlich zwei Jahrhunderten leichtes Spiel mit den Gebilden seiner Phantasie: die Leichtgläubigkeit und Wundersucht seiner Zeitgenossen, die sich im Behexen, im Verzaubern und Unverwundbarmachen, im Bereiten von Lebenselixieren und Goldtinkturen und allerlei alchimistischem Hokuspokus nicht genug tun konnte, kam seiner Fabulierkunst auf halbem Wege entgegen! Aber der heutige Erzähler muß mit der naturwissenschaftlichen Bildung und dem nüchternen Skeptizismus seiner Leser rechnen, wenn er dergleichen Ungewöhnliches zu berichten wagt.«

»Das Unsichtbarmachen eines körperlichen Wesens ist wohl schlechthin unmöglich!« warf der Oberlehrer ein.

»Ja – und nein!« antwortete Doktor Mathieu. »Fragen wir einmal positiv: wann wird uns ein Gegenstand sichtbar? Er wird es, wenn er eigenes oder reflektiertes Licht in unser Auge zu senden vermag. Dazu gehört aber noch eine Bedingung, die das Nein in meiner Antwort rechtfertigt; der von diesem Licht auf die Retina unseres Auges ausgeübte Reiz muß eine bestimmte Dauer haben, um die Enden unseres Sehnerven in Schwingungen versetzen zu können; zu kurze Lichteindrücke wirken nicht auf unser Auge, bleiben also für uns unsichtbar.«

»Wie die Flügel eines tätigen Ventilators oder ein fliegendes Geschoß,« warf der Oberlehrer ein.

»Ja, und es wird den verehrten Herrschaften gewiß interessant sein, daß ein kleines Insekt der Tropen, um sich seinen Verfolgern unsichtbar zu machen, dasselbe Prinzip befolgt. Es schwirrt, auf demselben Punkte bleibend, so rasend schnell mit den Flügeln, daß sein ganzer Körper unsichtbar wird.«

»Das wäre also der Weg,« meinte ich lächelnd, »auf dem man sich heutzutage noch unsichtbar machen könnte!«

»Denken Sie bis zur nächsten Abendschulsitzung fleißig darüber nach,« sagte Fennmüller launig, »vielleicht treffen Sie auch den Mann mit dem Vogelnest oder gar den kühnen Recken Siegfried, der Ihnen seine Tarnkappe im heutigen nüchternen Zeitalter billig überläßt. – Aber das bitte ich mir aus, daß Sie es uns hübsch vorher sagen, wenn Sie unsichtbar geworden sind! Erschrecken Sie uns nicht!«

»Soll geschehen, Herr Fennmüller!«

»Und wählen Sie, bitte, ein anderes Mittel, sich bemerkbar zu machen; Ohrenzupfen macht nervös.«

Wir lachten nun alle wieder, und unter Lachen und Scherzen standen wir alle auf und machten uns auf den Heimweg . . .

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