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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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VI.

»Home, sweet home!«

Der Nachmittag dieses Tages vereinigte alle Mitglieder der »Kolonie« wieder auf der Höhe, wo die Signalpyramide stand.

– Über ihnen rauschte, leuchtend im Winde sich wiegend, die goldgelbe Flagge!

Die Stimmung des kleinen Völkchens war heute gar nicht »schiffbrüchig«; Fritz Oldenburger, der zur Feier des »Phaëton aetherëus« die letzte Flasche Rüdesheimer unverfälscht zum besten gab, behauptete schließlich, solch kleiner Schiffbruch sei ganz nach seinem Geschmack, und er habe große Lust, für immer hier zu bleiben und mit seiner Grete hier – Adam und Eva zu spielen. Wer weiß, wie viele Kokosnüsse schon im Ufersande verborgen lägen, die das Meer freigebig hierher transportiert habe! Bald würden sich auch die daraus entsprießenden »Palmen« zeigen. Wie idyllisch sei es hier, wo es noch keine Telegraphen, keinen Post- oder Schiffsverkehr gäbe! Er als geplagter Post- und Telegrapheninspektor fühle das am besten.

– So gingen die Scherzreden hin und her. Man plauderte vom Vaterlande und von der Hoffnung, es bald wiederzusehen. –

Schließlich bat man allgemein Frau Elisabeth Sucher, die ihnen allen als musikalische Künstlerin bekannt war, um ein kleines Lied . . .

Und sie sang mit ihrer wunderbaren Altstimme – und es war, als ob auch das Weltmeer ihr zu Füßen, leiser atmend, lausche, – das alte, in zwei Hemisphären heimische, oft gesungene:

»Home, sweet home –«


Ganz am äußersten Uferrande stand Miß Annie und schaute in die endlose See – neben ihr Sidney Morris.

Als der letzte Ton des ihnen so vertrauten Liedes verklungen war, sah Morris in Miß Annies liebliches Antlitz –

Vielleicht hatte das alte Lied für sie beide heute noch einen tieferen, süßeren Klang – und ihre Blicke begegneten sich.

– Nun sank die Sonne rasch, wie immer, in steilem Bogen gegen den Horizont, und man schickte sich zum Abstieg an – –

Und – da kam's heran, plötzlich, gedankenschnell!

Aller Augen richteten sich auf eine Stelle des Ozeans –

Haushoch erhob sich ein langgestreckter Wogenberg mitten in der glatten See! Weißmähnig kam es dahergerast, – zischend und pfeifend und brüllend, gleich einem Riesenungeheuer der Vorzeit – von unfaßbarer Größe!

– Entsetzt, keines Wortes mächtig, keiner Bewegung fähig, starrten alle auf das herannahende, grausige Rätsel –

Und jetzt hatte es den flachen Strand erreicht, wo im Schatten der Felsmauer das Gondelzelt stand –

Mit einem Schlage überflutete es die Küste –

Ein Krachen und Donnern und Heulen, als seien die Schrecken der Unterwelt entfesselt – ein Aufschäumen der Wogen, so hoch, daß der weiße Gischt wie Schaum aus einem Riesenrachen dem sich angstvoll aneinanderdrängenden Menschenhäuflein ins Gesicht gespritzt wurde –

Dann ein hohler, pfeifender Ton –

Nun ein Abfluten all der gewaltigen Wassermengen –

Und alles war vorüber!

– Ruhig lag die See, wie noch vor wenigen Minuten; – nur die kleinen Wellen leckten am Strande wie sonst – –

Aber von der Gondel und dem Zelt war nichts mehr zu sehen!

– Eine jener rätselhaften Springfluten, wie sie in so unheimlicher Gestalt nur der Stille Ozean kennt, hatte den kaum Geretteten noch das Wenige geraubt, was ihnen das Leben möglich und erträglich machte!

Weinend standen die armen Frauen, stumm, in ohnmächtigem Zorn gegen die Macht der Elemente, die ernsten Männer –

Und als sei die tückische Flut ihr Vorbote gewesen, kamen jetzt die weißschimmernden Tropikvögel wieder heimwärts geflogen aus den Tiefen des Himmels – und ihr Geschrei, das sie beim Erblicken der Signalflagge und des verzweifelnden Menschenvölkleins ausstießen, klang wie Gelächter!

»Ihre Glücksvögel!« sagte Morris leise zu dem neben ihm stehenden Felix Ridinger, und ein bitteres Lächeln ging über sein ernstes, entschlossenes Gesicht.


Die Sonne war verschwunden und die Nacht kam . . .

Um die Steinpyramide geschart, fand sie die Verlassenen, die es nicht gewagt hatten, den überfluteten Strand zu betreten.

In wunderbarem Glanze funkelten über ihnen die ewigen Sterne.

Das südliche Kreuz, das wie ein Lichtzeiger der Weltenuhr die Mitternacht kündet, neigte sich langsam, langsam –

Die Nacht ging und der Morgen kam.

Und die Sonne ging auf, herrlich, wie noch an keinem Tage, in strahlender Schöne – und der Ozean glühte wie flüssiges Gold!

Traurig schickten sich die Männer an, hinabzusteigen, um den Strand nach Muscheln abzusuchen –

Da – eine helle freudige Stimme!

Miß Annie stand am äußersten Uferrande und deutete hinaus auf den endlosen Ozean – –

Und – da kam er heran, weißschimmernd, in stolzer, rascher Fahrt – und über ihm wehte – die deutsche Flagge!

»– Ein Schiff!«

Jauchzend riefen es alle, und Freudentränen weinten alle –

– Nach einer Stunde waren sie alle wohlgeborgen an Bord des »Phaëton«, eines Schiffes der deutschen Tiefsee-Expedition, das, von den Galápagos-Inseln kommend, nach Kap Horn steuerte und auf seiner Fahrt den einsamen Felsen mit der Notflagge unter 84° 12' westl. L. und 27° 4' südl. Br. heute bei Sonnenaufgang gesichtet hatte.

 

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