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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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V.

»Phaëton aetherëus

– Am anderen Morgen, bei langentbehrtem Sonnenschein, finden wir die Herren der Kolonie wieder auf der Höhe der Insel.

Eine wichtige Aufgabe sollte heute gelöst werden: die Aufstellung irgend eines weithin sichtbaren Signals für etwa am Horizont vorüberfahrende Schiffe.

Leider mangelte es dazu am Unentbehrlichsten, am Holz; denn die wenigen Stücke Treibholz mußten für die »Küche« aufgespart bleiben.

Diese hatte übrigens sich heute morgen völlig auf der Höhe der Situation gezeigt: Mrs. Huebner hatte in der Kokosschale von dem letzten Rest der mitgenommenen Schokoladetafeln einen süßen Morgentrank gekocht, bei dem »Reih' um« getrunken wurde – wegen Tassenmangels – was im übrigen der allgemeinen fröhlich-zuversichtlichen Stimmung durchaus keinen Eintrag tat; im Gegenteil!

– Man kam schließlich dahin überein, aus zusammengetragenem Steingeröll eine Art Pyramide aufzubauen und an ihrer Spitze einen langen Wimpel aus Ballonstoff zu befestigen.

»Die leuchtend gelbe Farbe, mit der man das Seidenzeug getränkt hat, um den Guttapercha-Überzug vor der zerstörenden Wirkung der ultravioletten Sonnenstrahlen zu schützen, kommt uns dabei trefflich zu statten,« meinte Morris.

»Und ich denke eben daran, daß dieser Guttapercha-Überzug uns ja ein famoses Mittel gibt, wasserdichte Schläuche oder Säcke herzustellen, in denen wir unseren Wasservorrat schöpfen und aufbewahren können. Das erspart den Damen viel Lauferei nach der Zisterne –« setzte Dr. Sucher hinzu.

Und er eilte noch einmal den Abhang hinab, um den in der Gondel sitzenden Damen diesen neuen Auftrag der »Ansiedlungskommission« zu überbringen.

– Der ganze Vormittag verging über der Arbeit des Steinesammelns und Aufbauens. Das Mittagsmahl brachte, wie gestern, gebackene Fische, zu denen sich heute noch ein Gericht gerösteter Muscheln gesellte, während der »Umtrunk« aus einem Gemisch »Rüdesheimer« und Wasser bestand, von Fritz Oldenburger bereitet.

– Am Nachmittage halfen auch die Damen beim Bau der Signalpyramide – mit Ausnahme von Mrs. und Miß Huebner, die am Strande zurückgeblieben waren.

Miß Annie lag, die Arme unter dem Köpfchen, ausgestreckt im warmen Ufersande und blickte in den unendlichen Äther über sich, der heute wolkenlos war. Nirgends zeigte sich ein Punkt, der den Blick fesselte, und so schlossen sich die Lider ihrer Augen immer öfter und immer länger –

Plötzlich fuhr sie auf –

Ein weißschimmerndes Etwas glitt über ihrem Haupte schnell dahin!

»Ein Vogel!« schrie sie laut und freudig auf –

Beim schnellen Aufrichten sah sie noch, wie er an einer der steilsten Stellen der östlichen Uferwand hinstrich.

Dann war er mit einem Male verschwunden, als habe ihn ein Zauber unsichtbar gemacht!

Schnell rief sie ihre Mutter und erzählte ihr diese Beobachtung. Beide Damen blickten nun stundenlang nach dem Steilufer – aber der Vogel, wenn es ein solcher gewesen, erschien nicht wieder! – – – – –

Am Abend wehte ein stolzer, sonnengelber Wimpel vom höchsten Punkte der Insel hernieder.

»Hoffentlich lockt er uns bald ein braves Schiff heran!« Mit diesem Ausspruche verließ Felix Ridinger als letzter die Anhöhe und sprach damit aus, was heute wohl ein jeder der »Schiffbrüchigen« beim Herantragen und Auftürmen jedes einzelnen der vielen Steine immer wieder von neuem still gewünscht hatte.


Miß Annie hatte über ihr Erlebnis berichtet.

Trotz der nahen Dämmerung beschloß Morris, mit Hilfe der anderen Herren den bezeichneten Teil des östlichen Uferhanges noch zu untersuchen. Rasch wurden Seile aus dem Ballon herbeigeschafft. Im Eilschritt ging es an Ort und Stelle. Morris seilte sich an und begann sich an dem stark überhängenden Felsvorsprunge hinabzulassen, von den Gefährten gehalten, die, durch seine Zurufe geleitet, das Seil mehr oder minder ablaufen ließen. So untersuchte er stückweise die stark zerklüftete Steilwand –

Und endlich, an der verstecktesten, unzugänglichsten Stelle, fand sein scharfes Auge eine dunkle Höhlung, kaum so groß allerdings, daß er mit der Hand hindurchfassen konnte. Vorsichtig tastete er hinein –

Ein zischendes Geräusch ließ sich hören – Ein Schmerz, wie von einem scharfen Hieb, ließ seine Hand einen Augenblick zurückzucken; aber schon hatte er gefühlt, um was es sich handelte –

Als er die blutende Hand zurückzog, hielt sie – ein Vogelei!

»– Morgen mehr!« sagte er, als ihn die Genossen wieder zu sich heraufgezogen hatten. Schnell schichtete man am Uferrand noch ein paar auffällige Steine auf, um das Seevögelnest leichter auffindbar zu machen; dann schritt man heim.

Miß Annie, der Morris beim Eintritt in das Gondelzelt das hellschokoladenbraune, getüpfelte Ei überreichte, sott es in der heißen Asche des Herdfeuers und kostete es auf seinen Wunsch –

Es war völlig frisch und schmeckte vortrefflich.


Am nächsten Tage begaben sich Morris und seine Begleiter von neuem auf die Suche.

Die Tatsache, daß eine Ansiedlung von Seevögeln auf ihrer Insel vorhanden war, stand fest. Es war noch festzustellen, wie zahlreich sie sei.

»Der Fall ist immerhin denkbar,« sagte Dr. Sucher, »daß es sich um ein einziges Pärchen handelt, das als Kundschafter diese ihnen noch unbekannte Brutstätte aufgefunden hat.«

»Gewiß,« entgegnete Morris. »Allerdings glaubte ich gestern abend an der Steilwand reichliche Guanospuren zu bemerken – nun, wir werden ja sehen!«

An der gestern markierten Stelle angelangt, wollte sich Morris gerade anseilen lassen, als ein Geräusch wie Flügelschlagen hörbar wurde!

Gleich darauf schoß ein Vogel von der Größe einer recht großen Taube aus der Felshöhlung hervor –

Sein Gefieder war blendend weiß, an der Unterseite leicht rosenrot, wie vom Strahle der Morgensonne gefärbt; der schöne, schneeweiße Schwanz erschien länger als der ganze Vogel.

Er wiegte sich einen Augenblick mit ruhig ausgebreiteten Flügeln über dem endlosen Meere – dann verschwand er in der Ferne . . .

»Wissen Sie, meine Herren, in welcher Gegend des Stillen Ozeans, unter welcher geographischen Breite unsere kleine Insel liegt?« fragte nach seinem Verschwinden plötzlich Ridinger seine Begleiter.

»Wenn wir länger hier bleiben müssen, werden wir dies durch astronomische Beobachtungen noch genauer festzustellen haben,« antwortete Morris.

»Ich glaube, schon jetzt behaupten zu dürfen,« fuhr Ridinger fort, »daß wir nicht weit vom südlichen Wendekreise gelandet sind –«

»Woher wollen Sie dies jetzt so bestimmt –«

»Der weißschwänzige Vogel hat es mir eben verraten, Mr. Morris. Es war, – und ich glaube mich nicht getäuscht zu haben: von väterlicher Seite steckt ein wenig vom Ornithologen in mir – ein sogenannter »weißschwänziger Tropikvogel« oder, wie sein wissenschaftlicher, poetisch klingender Name heißt, den ihm schon der berühmte Linné gegeben, ein

»Phaëton aetherëus«

»Die Schiffer wissen bei seinem Erscheinen, daß sie sich der Tropenzone nähern; er brütet in der Gegend der Wendekreise. Unsere Insel kann also nicht viel südlicher als zwischen 20-30 Grad südlicher Breite liegen. Daraus möchte ich für uns den tröstlichen Schluß ziehen, daß wir doch nicht so ganz außerhalb aller Schiffsrouten verschlagen worden sind –«

»Möchten Sie recht haben!« rief Dr. Sucher im Sinne der anderen. –

– Und als sei der Ausflug des einen nur das Signal für die anderen gewesen, erhob sich jetzt aus dem »Flugloch« ein Phaëton aetherëus – und ihm folgten schnell noch mehrere. – –

Als Morris, am Seile hängend, jetzt im hellen Tageslichte die Steilwand untersuchte, fand er in der Nähe der schon entdeckten Öffnung viele kleinere und größere Spalten, die zwar enger waren, als die erste, aber doch Luft und Licht genügend hindurchließen und ihm zu seiner Freude zeigten, daß sich hinter diesen Uferlöchern ein geräumiger Stollen befand, der in seinem größten Teile von brütenden Tropikvögeln besetzt war.

»Unsere Aufgabe wird sein,« meinte er nach dem Aufwinden, »die vorgefundene Öffnung vorsichtig zu erweitern, ohne die Vögel allzusehr zu beunruhigen. Dann liefert uns dieser »Taubenschlag« auf lange Zeit hinaus eine willkommene Bereicherung unserer Mahlzeiten.«

»Das wird die Damen noch mehr mit unserem Schicksal aussöhnen, hoff' ich,« sagte Dr. Sucher . . .

Man wandte sich heimwärts.

Unterwegs blieb Morris noch einmal stehen –

»Mr. Ridinger, Sie sind Chemiker und Geologe, wie werden wir den harten Basalt des Ufers bearbeiten, ohne Werkzeuge?«

»– Auch dafür werden wir ein Mittel finden, Mr. Morris,« tröstete ihn Ridinger. »Vielleicht hilft uns das Feuer. Vielleicht können wir uns auch von oben, gewissermaßen vom Dach der Höhlung her, leichter Zugang verschaffen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß der Felsboden an dieser Stelle mehr poröser, blasiger Natur ist, dem Bimsstein ähnlich. – Kommen Sie, Mr. Morris, kommen sie! Schon das Bewußtsein, einen Herd nistender Vögel auf unserer einsamen Insel zu wissen, macht sie mir heimischer und vertrauter. – In meiner deutschen Heimat preist man das Haus glücklich, worin die Schwalbe nistet: lassen Sie uns glauben, daß dieser schöne »ätherische« Vogel, der sich hier niedergelassen, auch uns – Glück bringt!« – – – – –

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