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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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III.

Seemuscheln und Rüdesheimer

»Neun Kolumbusse auf einmal!« rief Fritz Oldenburger, der, seit er festen Boden unter den Füßen fühlte, schnell wieder seine alte fröhliche Art zurückgewonnen hatte.

Lachend und weinend vor Freude über ihre Rettung halfen sich die Irrfahrer gegenseitig aus der umgestürzten Gondel heraus.

»Wo mögen wir gelandet sein?« war die erste allgemeine Frage. Dr. Sucher betrachtete aufmerksam mit Felix Ridinger die Formation der Küste –

»Vulkanisch – nicht wahr?« sagte der erstere.

»Ja – entschieden, und daraus schon möchte ich den Schluß ziehen, daß wir im Stillen Ozean gelandet sind –«

»Auch meine Meinung, Mr. Ridinger,« sagte nun Mr. Morris, der so lange den Damen behilflich gewesen war, »damit würde auch Dauer und Richtung unserer Luftfahrt am besten übereinstimmen!«

»– Aber auf welcher Küste sind wir?« fragte Dr. Sucher. »Der vulkanische Ursprung würde auf eine kleine, verlorene Insel des pazifischen Ozeans hinweisen – leider flog der Ballon so tief, daß wir noch keinen Überblick über ihre Ausdehnung gewinnen konnten –«

»Also neun Robinsons und nicht Kolumbusse!« rief Fritz Oldenburger, der, sein Frauchen am Arme, näher getreten war.

»Hoffentlich auch die nur vorübergehend, Mr. Oldenburger,« sagte Morris, auf seinen Scherz eingehend. Dann wandte er sich zu den andern:

»Das allererste in unserer neuen Lage wird wohl sein, ladies and gentlemen, uns nach einer Mahlzeit umzusehen. Bis jetzt hat uns vor dem Verhungern Mrs. Huebners Picknicktasche mit ihrem schier unerschöpflichen Vorrat an Biskuit und Schokolade –«

»Er war nicht unerschöpflich, lieber Mr. Morris,« sagte Mrs. Caroline Huebner lachend, »man muß nur einzuteilen verstehen, wie in jedem Haushalt, und man muß so zufriedene Tischgäste haben, als all die Balloninsassen gewesen sind. Freilich habe ich gestern und heute die Bissen gar zu klein machen müssen –«.

»Folglich,« nahm Morris seine Rede wieder auf, »müssen wir sie etwas größer zu machen versuchen und wollen also den Strand nach Muscheln absuchen – vielleicht können wir dann auch ein kleines Feuer machen, um sie zu rösten! Also auf – wer sich noch kräftig genug fühlt!«

Und alle brachen auf, und bald verkündeten fröhliche Rufe, daß dieser ober jener einen eßbaren Fund gemacht, den die eben einsetzende Ebbe freilegte. – –

Der wunderbare Wechsel ihres Schicksals, das aus übermütiger Feststimmung heraus sie tagelang dem furchtbaren Zyklon mit seinen tausend Schrecken ausgesetzt, um sie dann in letzter Stunde auf dem müden Fittich des erschöpften Luftseglers auf diesem Eiland in Sicherheit zu bringen, hatte bei den neun Ballonfahrern ein fast kindliches Glücksgefühl erzeugt, das ebenso sehr der überströmenden Dankbarkeit gegen das gütige Geschick als der Freude am neugeschenkten Dasein entsprang . . .

Wie eine schwärmende Schar fröhlicher Kinder tummelten sie sich am Strande beim Muschelsammeln. In allen geeigneten oder ungeeigneten Behältern – Hüten, Rocktaschen, Taschentüchern usw. – wurden sie geborgen. Auch ohne weitere Zubereitung schmeckten sie den teilweise recht verwöhnten Gaumen der »Schiffbrüchigen« vortrefflich und halfen über den allerersten, nagendsten Hunger hinweg. – Und als Fritz Oldenburger schließlich den von ihm fest an das Weidengeflecht der Gondel geschnürten Korb mit dem »Rüdesheimer« aus dem deutschen Wirtshaus in St. Louis – bis auf eine zerbrochene Flasche – heil und unversehrt fand und von diesem glücklichen Fund Mitteilung – im wörtlichen Sinne – machte, fühlte sich die Reisegesellschaft so gestärkt, daß sie über all das Erlebte plaudern konnte, wie über einen schweren, bösen, angstvollen Traum . . .

An einer gegen die See etwas geschützten Stelle des Ufers beschlossen die Herren dann ein Feuer zu machen.

»Aber das Brennmaterial?« fragte Frau Grete Oldenburger.

»Vorläufig wollen wir das trockene Seegras dazu benutzen, das der Wellenschlag dort am Ufer seit langer Zeit angetrieben hat. Da wird sich auch wohl etwas Treibholz finden, hoff' ich!« antwortete Dr. Sucher.

»Gewiß – das ist ja immer so – bei allen Robinsons, liebe Grete!« sagte ihr Gatte lachend. »Bis jetzt haben wir alles programmäßig absolviert: Nr. 1: unerlaubte Abreise – Nr. 2: Irrfahrt – Nr. 3: Schiffbruch – Nr. 4: Landung an einer rettenden Küste – Nr. 5: Aufsuchen von Seemuscheln usw. zur ersten Mahlzeit – bleibt also Nr. 6: Feuermachen! – nur daß wir es damit wahrscheinlich bequemer haben. Denn wir haben ja als Kinder einer modernen Zeit und im Zeitalter der Chemie – Streichhölzer! Nicht wahr, meine Herren? selbst ich – als Nichtraucher –« er faßte in die Tasche seines Überziehers –

»Donnerwetter! Die habe ich irgendwo liegen gelassen oder bei der Fahrt verloren! – Aber Sie, meine Herren?« –

Er sah fragend auf die andern.

»Ich bin, wie Sie, Nichtraucher, Mr. Oldenburger,« sagte Morris, »und habe leider auch keine bei mir –«

»Aber du, Freund Heinz –«

»Ich denke doch!« sagte dieser und begann zu suchen. Sein Gesicht wurde rot und wieder blaß.

»Aber ich muß eine Schachtel ›Schweden‹ bei mir haben!« wiederholte er, in nervöser Hast alle seine Taschen durchsuchend, immer von neuem . . . Aber – er fand keine!

Schon während der Privatdozent zu suchen begann, hatte der Ingenieur Ridinger lächelnd in eine Tasche seines Mantels gegriffen – und als jetzt Oldenburger ihn ängstlich fragte:

»Und Sie, Mr. Ridinger?« –

– reichte er ihm einen kleinen Apparat.

»Ein Taschenfeuerzeug, Mr. Oldenburger!« sagte er zur Erklärung. »Es enthält eine kleine, elektrische Batterie, welche beim Druck auf diesen Knopf ein Platin-Asbestgewebe zum Glühen bringt. Mit dieser Glühvorrichtung läßt sich bequem die Zigarre entzünden – sehen Sie!«

Er drückte auf den Knopf –

Aber der Platindraht blieb dunkel!

Nochmals versuchte er es – und nochmals –

Hastig nahm er den kleinen, kompendiösen Apparat auseinander, untersuchte die Kontakte und Verbindungen, setzte ihn wieder zusammen, probierte abermals –

Alles umsonst – das Taschenfeuerzeug funktionierte nicht mehr –

»Vielleicht ist es bei unserer Landung naß geworden, so daß die Batterie gelitten hat,« meinte Morris.

»Oder das feine Platingewebe ist zerstört, durchgebrannt vom oftmaligen Gebrauche –,« setzte Dr. Sucher hinzu.

Kopfschüttelnd untersuchte Ridinger sein Instrument immer wieder – – das Endergebnis blieb das gleiche!

»Ja,« sagte Fritz Oldenburger nach einer Pause allgemeiner Bestürzung – »dann sind wir allerdings nicht besser daran, als der Original-Robinson Daniel Defoes und müssen eventuell auf einen gutherzigen Blitzstrahl warten, der irgendwo einen Baum entzündet –«

»Erlaube, Fritz, daß ich dir zu Hilfe komme!« sagte Frau Grete, sich vor ihrem Gatten mit einem triumphierenden Lächelnd verneigend – »jetzt ist der große Augenblick gekommen, wo ich die Lektüre meiner Mädchenjahre verwerten kann! Wie oft hast du gescholten, wenn du mich wieder einmal bei einem phantastischen Roman Jules Vernes fandest!«

Und sie wendete sich zu den übrigen:

»Kennen Sie »Die geheimnisvolle Insel«, meine Herrschaften? – Oder »Die Abenteuer des Kapitäns Hatteras?« – Darin ist beschrieben, daß man sich Feuer verschaffen kann, indem man zwei Uhrgläser, mit Wasser gefüllt, zu einer Brennlinse zusammenkittet – oder indem man aus Eis mit den warmen Händen eine solche zurechtschmilzt –«

»Das letztere ist leider vorläufig unmöglich, mein kluger Schatz!« unterbrach sie neckenden Tones ihr Gatte.

»Aber das erstere nicht! – Schnell, meine Herren – zwei Uhrgläser! Zum Zusammenkitten der Ränder können Sie wohl feuchten Seesand benutzen –«

Lachend zogen die Angeredeten die Uhren aus der Tasche, klappten die Sprungdeckel auf und versuchten die Gläser herauszunehmen.

Als aber Dr. Sucher und Ridinger die ihren glücklich unzerbrochen ausgelöst hatten, zeigte es sich, daß sie viel zu flach, fast eben geschliffen waren, als daß man sie zu einer wirksamen Brennlinse hätte verkitten können.

»Aber –« mit einem schallenden Gelächter schlug Fritz Oldenburger sich vor die Stirn – »wozu brauchen wir solch komplizierte Vorrichtung, meine Herren! haben wir nicht Mr. Morris' Fernrohr? Darin sind ja mindestens drei Linsen, wie wir sie bedürfen! Bitte, Mr. Morris!«

Und er raffte selbst ein Büschel trockenen Seegrases zusammen, indes Morris die größte der Fernrohrlinsen abschraubte. –

Aber als er sie eben auf das Seegras richtete, ging die Sonne weg, die diesen ganzen Morgen lang herniedergestrahlt, und der Himmel überzog sich mit Wolken.


So blieb die Hoffnung, ein Feuer anzünden zu können, vorläufig unerfüllt. Auf Morris' Rat begannen die Herren die Gondel des Ballons, die halb im Ufersande versunken lag, aufzurichten. Man zog sie weiter auf den Strand, wo sie vor den Anprall des Meeres geschützt war, und verankerte sie mit Stricken und Steinen im Boden, so gut es ging.

Ein Teil der Ballonhülle wurde dazu verwendet, in roher Form ein Zeltdach herzustellen, das die Gondel geräumig überspannte. – Über dieser Arbeit, an deren letztem Teile sich auch die Damen eifrig beteiligten, ging fast der ganze Tag dahin. – Zum Vesper- oder Abendbrot gab es wieder eine Portion Seemuscheln mit Rüdesheimer und den letzten Rest Bisquit aus Mistreß Huebners Picknickbeutel.

Nachdem Morris und Ridinger noch gegenseitig verabredet, je zur Hälfte die Nachtwache zu übernehmen, suchte die kleine Gesellschaft die Ruhe, und jeder bereitete sich in der Gondel sein Lager, so bequem es bei der geringen Ausstattung möglich war. Schlief man doch heute das erstemal wieder auf festem Boden!

Indes Ridinger am Strande auf- und niederschritt, stieg Morris den Uferhang hinan, der an einem Punkte ziemlich steil war. Oben angelangt, richtete er sein Fernrohr nach allen Seiten. –

Zwar wechselte schon am fernen Horizont die nur kurze Dämmerung mit den Schatten der Nacht; aber noch blieb es einen Augenblick hell genug, um zu schauen, was er gefürchtet. –

Auf allen Seiten – ringsum – Wasser, nichts als Wasser!

– Ein winziges Eiland, eine Oase im Weltmeer, kaum ein paar tausend Schritt im Umfange. – –

Wie lange würden sie auf diesem baumlosen, unfruchtbaren Felsen im Ozean ihr Leben fristen können – neun Menschen, darunter fünf zarte Frauen?



Am andern Morgen – der Himmel zeigte ein trübes Grau – rief Morris die Mitglieder der kleinen Kolonie zusammen und führte sie auf die Spitze der Uferhöhe, die zirka fünfzig Meter über dem Spiegel des Meeres sich erhob.

»Eine kleine Insel!« riefen einige der Damen beim Umschauhalten.

»Ja, meine Damen,« sagte Ridinger, den Morris gestern abend noch verständigt hatte, »leider nur eine kleine Insel. –«

»Und wie es scheint, ganz unbewohnt,« fügte Dr. Sucher nach einer längeren Besichtigung durch das Fernrohr hinzu.

»Desto besser für uns,« fiel Fritz Oldenburger ein – »dann brauchen wir uns nicht vor den Kannibalen zu fürchten, die sonst ein unentbehrliches Requisit jeder echten und ehrlichen Robinsonade bilden –.«

»Die Vegetation scheint auch sehr spärlich zu sein,« sprach Frau Elisabeth, mit dem Fernrohr einzelne grüne Stellen der Insel absuchend.

»Ja – leider!« sagte ihr Gatte zustimmend – »das ganze Gebiet macht eben den Eindruck der Neuheit sozusagen – als sei das Eiland erst vor wenigen Jahren aus dem Schoße des Meeres aufgestiegen.«

»Der offenbar vulkanische Charakter der Insel würde diese Ansicht nur noch unterstützen,« äußerte Ridinger.

»Und der Mangel einer Bevölkerung auch!« setzte Oldenburg er hinzu.

»Leider sinken damit auch unsere Aussichten auf baldige Befreiung; denn der neuerliche Ursprung der Insel läßt befürchten, daß sie noch auf keiner der gewöhnlichen Schiffskarten verzeichnet ist,« sprach Sidney Morris ernst. »Ich halte es nämlich auf jeden Fall für das beste, ladies and gentlemen, unsere Lage von vornherein klar ins Auge zu fassen. Lassen sie uns alle gleich weit von sorglosem Optimismus als verzagendem Pessimismus bleiben! Unsere nächste Aufgabe ist nach meinem Dafürhalten eine dreifache: erstens – kein Mittel unversucht zu lassen, etwa vorüberfahrende Schiffe von unserem Hiersein zu verständigen, zweitens – unser Obdach so wohnlich und wettersicher als möglich zu machen; denn nach Beobachtung aller Umstände müssen wir annehmen, daß wir auf einer Insel des pazifischen Ozeans, nach dem Laufe der Sonne zu schließen, vielleicht in der Nähe des südlichen Wendekreises, gelandet sind, wo uns jetzt die Äquinoktialstürme bevorstehen, – und drittens, daß wir alles aufbieten müssen, jeder an seinem Teile, um ausreichendere Nahrung, Trinkwasser und – last not least – Feuer für uns zu verschaffen!«

Morris hatte geendet, und alle fühlten, daß er recht hatte.

»Vielleicht,« sagte nach einer Pause Ridinger, »ist es für diese letzte Aufgabe vorteilhaft, eine Teilung der Arbeit vorzunehmen, so daß die Damen den Strand regelmäßig nach Muscheln absuchen, indes wir den übrigen Teil in Angriff nehmen. Ich schlage darum zunächst eine genauere Besichtigung der Insel vor. Vielleicht entdecken wir dabei trinkbares Wasser und irgend etwas Eßbares, meinen Sie nicht auch, Mr. Morris?«

Morris nickte. »Ich habe nur ein Bedenken, die Damen ohne jeden Schutz hier am Ufer allein zu lassen –«

»Dann will ich hierbleiben,« sagte Fritz Oldenburger.

»Gut, Mr. Oldenburger. Und nun: good bye, ladies and gentlemen!«

Damit stieg Morris mit Sucher und Ridinger auf der anderen Seite der Anhöhe hinab, indes die übrigen sich anschickten, an den Strand zurückzukehren.

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