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Der Marsspion und andere Novellen

Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorCarl Grunert
titleDer Marsspion und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
addressBerlin - Leipzig
editorKarlernst Knatz
year1908
illustratorErnst Stern
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100601
modified20140825
projectid66f55e44
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II.

Endlich Land!

Fast achtundvierzig Stunden waren seitdem wieder vergangen. –

– Da wir nach dem mündlichen Bericht eines Augenzeugen erzählen, hätten wir vielleicht länger bei der Schilderung und Ausmalung der Gemütsstimmung unserer Luftreisenden verweilen müssen, hätten im einzelnen und anschaulicher namentlich die schrecklichen Stunden der Nacht schildern müssen, in denen wild aufschluchzende Verzweiflung und dumpfe Betäubung hoffnungslosen Schmerzes abwechselten, hätten die Leiden namentlich der weiblichen Insassen, nicht zuletzt die Qualen des Hungers, der sich nach den ersten vierundzwanzig Stunden der Fahrt mit seinem lähmenden Schrecken nur um so stärker geltend machte, und gegen den man nur etwas Biskuit und Schokolade hatte – mit satterem Pinsel malen müssen – wir haben es nicht getan und meinen, bei unserer Zurückhaltung auf die Zustimmung des gütigen Lesers rechnen zu dürfen. –

– Noch immer ringsum das weite Meer.

Greifbar nahe aber lag es jetzt unter ihnen; denn trotz des Auswerfens aller entbehrlichen Ausrüstungsgegenstände der Gondel, die bisher als Ballast die Fahrt erschwert hatten, zeigte der Ballon am heutigen Morgen kaum noch soviel Tragkraft, all nötig war, ihn über den Kämmen der hochaufschäumenden Wogen schwebend zu erhalten.

Dazu schien auch die Geschwindigkeit der Fahrt, die Morris in den letzten Stunden als eine süd-südöstliche festgestellt hatte, mit einem Male nachzulassen.

– Sidney Morris war allein wach und spähte mit seinem Glase in die Runde. Immer ernster wurden seine Züge, und als er jetzt einen Blick auf die zusehends schlaffer werdende, fast gasleere Ballonhülle warf, die lose in ihrem Netze schlotterte – und einen zweiten auf die Gruppe der vor Erschöpfung schlafenden Männer und Frauen unter dem Zeltdach der Gondel, wurde zum ersten Male sein Antlitz blaß.

Noch einmal musterte er das Aussehen des Ballons und sah nach dem Barometer –

»Noch eine oder zwei Stunden – dann –« kam es tonlos über seine Lippen. Seine Augen suchten dabei das junge Mädchen, das bleich wie eine Statue, im Arme ihrer Mutter lag, Miß Annie – und abermals wandte er sein Antlitz nach allen Richtungen der Windrose, als könne er so die Rettung herbeiführen –

Nach einer Weile legte jemand die Hand auf seine Schulter.

Er wandte sich rasch um – Maud Ridinger stand hinter ihm.

»Es geht zu Ende mit uns, nicht wahr, Mr. Morris? Unser Ballon wird ins Meer sinken, ehe –«

»Das wollen wir nicht hoffen, teuerste Mrs. Ridinger; jeder Augenblick kann uns ein Schiff oder eine Küste zur Rettung zeigen –«

»Wie er sie uns bis jetzt gezeigt hat, nicht wahr, Mr. Morris. Ach, nicht um leere Redensarten zu machen, habe ich mich zu Ihnen geschlichen – hören sie meinen Plan!«

Und mit leiserem Flüstern fuhr sie fort:

»Ich bin eine gute Schwimmerin, Mr. Morris – eine oder zwei Stunden Schwimmfahrt im Wasser machen mir nicht viel! Ich will mich also an einem der hier in der Gondel befindlichen Seile bis zum Meeresspiegel herablassen und mit dem Seil am Gürtel, schwimmend den Weg des Ballons begleiten. Das bedeutet für den Ballon immerhin eine Erleichterung um –« sie lächelte ein wenig – »um rund fünfundsechzig Kilogramm –«

Mr. Morris küßte ihr gerührt die Hand.

»Nein, teuerste Mrs. Ridinger – nein! Wenn ein Opfer gebracht werden muß, bin ich der nächste dazu. Auch mir tun ein paar Stunden Schwimmfahrt nicht viel und – ich erleichtere den Ballon um mehr als fünfundsechzig Kilogramm. Zudem erkaufen wir die Erleichterung des Ballons infolge der Bremswirkung des im Wasser nachschwimmenden Körpers mit einer Verlangsamung des Fluges.«

Maud Ridinger vermochte nicht zu antworten; denn unbemerkt war ihr Gatte herzugetreten und schloß ihr mit einem Kusse den Mund.

»Ich weiß, was sie tun will,« sagte er, »schon gestern abend sprach sie davon, Mr. Morris, und nur auf meine Bitte hin hat sie bis jetzt geschwiegen –«

»Schade, my darling, daß du nicht ein Viertelstündchen länger geschlafen hast; dann hätten weder Mr. Morris noch du mich an der Ausführung meines Entschlusses hindern sollen. Gut,« setzte sie entschlossen hinzu, »schließen wir ein Kompromiß, Mr. Morris: Zeigt sich binnen einer Stunde keinerlei Aussicht auf Rettung, so lassen sie mich an einem Seile hinab aufs Meer; – falls ich mit meinen Kräften zu Rande bin, ehe wir Hülfe gefunden haben, dürfen sie mich ablösen –.«

»Aber – so lassen sie mich doch zuerst –«

»Nein, Mr. Morris! Sie sind der Führer unseres Fahrzeugs, der einzige, der Fachkenntnisse hat, und in diesen letzten Stunden doppelt und dreifach hier oben nötig unter den Verzweifelnden –«

»Es sei, wie du gesagt, Liebling!« sagte Ridinger ernst und entschieden. »Gott möge deine Opfertat segnen an uns allen!« – – –

– Und nun war die verabredete Stunde – ach, so bleiern langsam für die meisten der Insassen, so entsetzlich schnell für Mr. Ridinger und Mr. Morris – vergangen.

Nirgends ein Punkt am Horizont, der Rettung verhieß – nirgends! Und alle standen an der Brüstung der Gondel und alle wußten, daß sich in den nächsten Stunden ihr Schicksal entscheiden müßte! Auch den todesmutigen Entschluß der tapferen Maud kannten alle, und alle hatten sie vergebens umzustimmen versucht –

»Es ist Zeit, Mr. Morris,« sagte nun die kühne Deutsch-Amerikanerin. Sie entledigte sich ihres Oberkleides, und Morris legte ihr mit Hilfe Ridingers ein Seil um die Hüften. Nun schwang sie sich über den Rand der Gondel –

Das Seil, an dem sie über der Tiefe hing, spannte sich straff an. Zoll um Zoll ließen Morris und Ridinger das Tau durch die Hände gleiten. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gondel aber blickten die andern Insassen bang hinab und sahen die kühne Schwimmerin dem tückischen Elemente immer näher kommen –

Nun ein Aufklatschen des Wassers.

»Halloh!« klang es von unten, und gleichzeitig machte der flügellahme Ballon einen gewaltigen Satz vertikal aufwärts –

»Nachlassen!« rief es abermals aus der Tiefe, und die Gondelbewohner sahen, daß der plötzlich um ihr Gewicht erleichterte Ballon beim Emporschnellen Frau Maud wieder mit in die Luft gerissen hatte. Im nächsten Augenblick hatten die beiden Männer das Seil frei nachgelassen. Und nun schwamm die kühne junge Frau ruhig, wie daheim im Schwimmbassin, auf den sich immer mehr glättenden Wellen.

»All right!« rief sie noch von unten.

– Es schien, als sei der Ballon durch das erneute Steigen in eine kräftigere Windströmung geraten, die noch mehr östlich gerichtet war. – Die Sorge um die einsame Schwimmerin im endlosen Meere da unten ließ alle Balloninsassen die eigene Gefahr vergessen, um so mehr, als sie wußten, daß Mauds Opfermut die letzte Ursache war für die erreichte veränderte Schnelligkeit und Richtung ihrer jetzigen Fahrt.

Ein furchtbarer Gedanke allein drängte sich allen immer wieder auf; besorgt hatte Dr. Sucher ihn eben Mr. Morris gegenüber geäußert: Die Möglichkeit, daß sich Haifische zeigen könnten!

Freilich glaubte Morris den jungen Gelehrten insofern beruhigen zu können, als erfahrungsgemäß diese »Hyänen des Meeres« nur solche Regionen des Ozeans bevölkern, welche einen regen Schiffsverkehr zeigen, weil da ihre Gefräßigkeit am ehesten Beute findet.

»Daß wir aber nicht in der Nähe der eigentlichen Schiffsrouten sind, müssen wir nach unserer fast viertägigen Irrfahrt wohl leider annehmen!« –

Trotzdem spähten aller Augen ängstlich in die graugrünen Fluten, ob nicht doch irgendwo die unheimliche »graue Flosse« des gefürchteten Ungeheuers sichtbar werde – –

Da rief plötzlich eine helle freudige Stimme:

»Land – ich sehe Land dort – dort!«

Miß Annie Huebner, die mit dem Fernrohr den Horizont abgesucht, hatte es gerufen. Dann sank sie mit Tränen der Freude ihrer Mutter in die Arme.

Nun blickte einer nach dem andern durch das erlösende Fernrohr – und alle sahen, was sie zuerst geschaut – das rettende Land, die gastliche Küste –

Und als wollte das segnende Geschick den Mut und die Opferfreudigkeit noch mehr belohnen, frischte plötzlich, trotzdem der immer mehr sich leerende Ballon von der durch seine Entlastung erreichten Höhe langsam herabgesunken war, eine stärkere Brise auf, die gerade in der Richtung zur ersehnten Küste wehte . . .

»Wie lange werden wir noch zu fahren haben, wenn diese Windstärke anhält, Mr. Morris?«

»Kaum eine halbe Stunde, Mr. Ridinger. Und da nun die Küste schon etwas klarer in Licht ist, wollen wir Mrs. Ridinger wieder heraufzuziehen. Es ist besser, wenn wir im Augenblick unserer Landung alle beisammen sind – wenn Mistreß auch ihr Schwimmpensum noch nicht ganz erledigt hat!«

– Muntere Zurufe belehrten die unverdrossene Schwimmerin über die freundliche Wendung, die ihr Geschick genommen.

»Kann ich nicht bis zum Lande schwimmen? Ich bin noch gar nicht müde!«

»Wir möchten aber alle, daß Sie wieder zu uns kommen, Mrs. Ridinger!« rief Morris hinab, und ohne ihre Zustimmung abzuwarten, begann er mit Mr. Ridinger das Seil hochzuziehen –

Zwar sank der Ballon in dem Augenblick, als der Körper der Schwimmerin das Wasser verließ, so tief, daß die Damen entsetzt aufschrien aus Furcht, er stürze ins Meer hinab – aber er blieb doch hoch genug über der Wasserfläche, um seinen Flug fortsetzen zu können, und – was Morris einen Moment leise befürchtet, als er den heftigen Sturz bemerkte – auch seine Fahrtrichtung und Schnelligkeit änderte sich trotz der geringen Lufthöhe nicht.

– Als Mrs. Maud den Rand der Gondel erreichte, streckten sich ihr sechzehn Arme entgegen, um sie hereinzuheben. Sie aber fiel mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten um den Hals und sagte:

»Du freust dich am meisten, daß mich kein Haifisch verschluckt hat, nicht, my darling?«

»Um Gottes willen, Liebste, hast du auch daran gedacht?«

»Jeden Augenblick, Liebling – aber ich wollte doch dir und den andern nicht das Herz noch schwerer machen!«

Ungefähr eine halbe Stunde spater fiel der schlaffe Ballon, den in den letzten Minuten der Fahrt nur noch die leere Hülle wie ein großer Flugschirm über die Schaumkämme der Wellen geschleppt hatte, wie ein todwunder Vogel auf der leicht aufsteigenden Küste des glücklich erreichten Landes nieder!

Die Gondelinsassen kugelten zwar trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ihres Führers ein paarmal bunt durcheinander – aber sie vermochten doch alle aus der Gondel zu steigen und den zitternden Fuß heil und gesund wieder auf den festen, treuen Erdboden zu setzen.

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