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Der Marsch durch zwei Jahrzehnte

Theodor Wolff: Der Marsch durch zwei Jahrzehnte - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleDer Marsch durch zwei Jahrzehnte
authorTheodor Wolff
year1936
firstpub1936
publisherAllert de Lange
addressAmsterdam
titleDer Marsch durch zwei Jahrzehnte
pages383
created20140129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Gegner

Schlechte oder mittelmäßige Biographen sind immer bemüht, der Person, deren Wesen und Leben sie schildern, einen leuchtenden Glanz zu verleihen. Sie haben sich aus der Schar derjenigen, deren Lebensbild noch nicht wie ein beliebtes Raffaelsches Madonnenbild in tausend Wiederholungen nachfabriziert wurde, den verwendbarsten Mann herausgesucht, und nun muß der Auserwählte ein bisher nicht ganz gewürdigtes Genie oder doch ein ganz apartes Gewächs im Garten der Menschheit sein. Sie sagen: »Seht meinen Feldherrn, meinen Staatsmann, meinen Dichter, meinen Revolutionär – was wäre die Weltgeschichte ohne ihn?« Und vermutlich wäre die Weltgeschichte auch ohne ihn, ganz ebenso, wie sie es getan hat, ihre guten und schlechten Wege weitergegangen. Ihr Held hat, betrachtet man es genau, ein wenig Sand von einem Häuflein zum andern hinbewegt. Aber in seiner Biographie wird versichert, er habe den Pelion auf den Ossa gestülpt. Der Stern muß funkeln, und wenn sich neben dem Licht des schöpferischen Geistes das Dunkel des Schicksals, der Glutdunst eines geheimnisvollen Hintergrundes oder auch nur der Flimmerschein eines unsteten Lebens zeigen läßt, wie man auf dem Gestirn des Jupiter den mysteriösen roten Fleck beobachtete, so ist das besonders interessant. Das Buch wächst, und statt einer Miniatur, die man gern in eine Sammlung aufnehmen würde, entsteht eine breitgemalte, überlebensgroße Unwahrheit.

Graf Monts galt, während er Botschafter in Rom war, und weit mehr noch nach seinem Rückritt, als der interessanteste Mann im deutschen diplomatischen Korps. Bis in seine letzte Lebenszeit war er allerdings nur der Halbgott eines kleinen 53 Kreises, bejahrte Priesterinnen umgaben ihn mit ihrer Bewunderung, die älteren Kenner des Metiers sprachen von ihm, wenn einmal an einer Wegbiegung des Gespräches seine Figur auftauchte, mit betonter Hochachtung, aber den jüngeren Generationen war sein Name ein ferner Wohlklang, und erst als in den Memoiren des Fürsten Bülow soviel bösartiger Schimpf ihn umdampfte, aus unerschöpflichem Füllhorn die faulen Früchte auf ihn fielen, sah in ihm auch das lesende Laienpublikum eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Die Memoiren Bülows erregten Empörung und Zorn. Der Diplomat, den der Memoirenschreiber mit solchem Haß verfolgte, und der selber diesen Haß so gründlich erwidert hatte, mußte ein prachtvolles Kampftier sein, mußte mehr sein als der entlarvte Gaukler und wurde mit den Ehren behängt, die man dem Unwürdigen entriß. Leider konnte sich Graf Monts an dem Verdammnisurteil, das allgemein über den toten Bülow ausgesprochen wurde, nicht lange erfreuen. Denn nachdem er noch gesehen hatte, wie der Leichnam in die Kalkgrube geworfen wurde, starb er selbst, am 18. Oktober 1930, achtundsiebzig Jahre alt. Auch er hinterließ Memoiren, und Historiker verfaßten, übrigens kurz, nur als Vorrede zu dieser bei der Herausgabe etwas gesäuberten Niederschrift und das gespendete Lob komprimierend, seine Biographie. Sie veröffentlichten auch eine Sammlung seiner Briefe, wobei sie vorsichtig, taktvoll und wählerisch zu Werke gingen.

Welcher Eigenschaften wegen konnte Graf Monts als eine auffällige Erscheinung gelten, warum hielt man ihn für ein besonderes Exemplar im Bauer der deutschen Diplomatie? Man konstatierte, daß er in wichtigen Augenblicken klüger gewesen sei als die Berliner Regierung, Situationen und politische Strömungen richtiger beurteilt, falschen Optimismus bekämpft habe, und vor allem hatte er ja von Rom aus andauernd und freilich vergeblich dem italienisch vermählten Bülow und den anderen Blinden den törichten Glauben an die Bündnistreue Italiens auszureden versucht. Solches Tun zeugte von Charakterstärke, von jener Zivilcourage, die soviel seltener ist als Mut in der Schlacht. Mut zur Wahrheit, 54 und Bereitwilligkeit, der Wahrheit wegen die Karriere zu beenden – es waren nicht viele Beispiele dieser Art bekannt. Hatte er nicht stets mit vornehmer Gleichgültigkeit, mit einer ruhigen Handbewegung die Frage beiseite geschoben, ob seine Überzeugung mit seinem eigenen Vorteil vereinbar sei? Einen »unerschrockenen, oft rücksichtslosen Mahner und Warner« nennt ihn der Herausgeber seiner Korrespondenz. Und der einleitende Biograph, der immerhin »die Schwächen seines Temperamentes« und »sein antithetisches, zu Widersprüchen gern geneigtes Wesen« hervorhebt, legt ihm gleichfalls den Titel »ein ungehörter Warner« bei. »Soviel steht fest«, schreibt er, »daß er am klarsten nicht nur sah, sondern forderte, was Deutschland sollte, und bitter verdammte, was Deutschland tat.« Aber staatmännische Voraussicht und aufrechten Sinn kann auch derjenige besitzen, dem am wenigsten das Glück beschieden ist, den Eleonoren der Salons zu gefallen. Die Wahrheiten des Grafen Monts waren keine trockenen Belehrungen, man fand sie nicht langweilig, sie standen in dem Ruf, amüsant und gepfeffert zu sein, und wenn man sie nacherzählte, was die Bevorzugten, die sie als erste empfangen hatten, eifrig taten, erregte die Tatsache, daß ein Diplomat witzig sein konnte, allgemeine Befriedigung. Graf Monts war der stachlige Kritiker, die »böse Zunge«, der Götzenzertrümmerer aus Temperament und Neigung, und gehörte der unterhaltsamen Gattung der Menschenfeinde an. »Um seines Geistes willen«, schrieb sein Historiker, »liebte man ihn, haßte man ihn.« Und an einer anderen Stelle: »Monts war geistvoll zu jeder Zeit.« Sein Witz, von ätzender Schärfe, habe tödlich verletzen können, und in München, in Rom und sogar in seiner Lieblingsstadt Wien hätten rücksichtslos hingeworfene Worte ihm unversöhnliche Feindschaften erzeugt. Er war der Luzifer im diplomatischen Engelchor. Ein schöner und eleganter Verneiner, wie Luzifer, der ein Aufrührer von hoher Abkunft war. Die Dinergäste, denen man seine einmal in Rom oder in München verübten Bosheiten zugeflüstert hatte, warteten auf einen neuen reizvollen Giftspritzer, auf den nächsten Genickstoß des Matadors. Bisweilen warteten sie vergeblich, 55 nichts spritzte, und der Matador war ruhebedürftig oder beschäftigte sich lieber mit einem gebratenen Reh als mit einem lebendigen Stier. Ein paarmal habe ich gehört, daß man ihn einen Voltairianer nannte, womit man wohl, die Begriffe ein wenig verwechselnd, sagen wollte, er habe den »zersetzenden« Sarkasmus Voltaires. Dieser Vergleich bewies abermals, daß man in Deutschland den Mentor Friedrichs nicht gründlich genug kennt.

Mancher wollte wissen, daß Graf Monts, wenn er gewollt hätte, Reichskanzler hätte werden können. Es war im Grunde nur ein Gerede, Bestimmteres wußte man nicht, und Mißgünstige trugen solchen Behauptungen gegenüber einen kühlen Skeptizismus zur Schau. Aber die Memoiren und die biographischen Forschungen lassen keinen Zweifel daran bestehen, daß Graf Monts der Gefahr, Deutschland regieren zu müssen, tatsächlich nur knapp am Rande entging. Nicht nur einmal, sondern zweimal sogar schien sein großer Augenblick gekommen zu sein, stand die Glücksgöttin, die arge Betrügerin, vor seiner Tür. Als er im August des Jahres 1906 im Weißen Hirsch bei Dresden zur Kur weilte, kam im Auftrag des Kaisers Herr von Tschirschky, damals Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, zu ihm und trug ihm den Reichskanzlerposten an. Bülow sollte, nach dem Mißerfolg der Marokkopolitik und seinem Ohnmachtsanfall, abgesägt werden, der Chef des Zivilkabinetts, Herr v. Lukanus, empfahl den Kanzlerwechsel, und zwar nicht er, wohl aber irgendein Kreis bei Hofe hielt Monts für den geeigneten Ersatz. Monts lehnte ab und sagt an dieser Stelle seiner Aufzeichnungen, er habe sich »weder physisch noch intellektuell dem Posten gewachsen gefühlt.« Es traf sich günstig, daß damals, nach zwei kleinen Operationen, das Argument der unzureichenden Gesundheit sich verwerten ließ.

Zum zweiten Male bedrohte ihn im April 1909 die kaiserliche Gunst. Er hatte, nach seinem Rücktritt vom römischen Botschafterposten, sich gerade vom König von Italien verabschiedet, als Wilhelm II., der in Begleitung des Reichskanzlers Bülow auf der »Hohenzollern« die himmelblaue Adria durchquerte, ihn nach Venedig berief. Es gab auf der 56 kaiserlichen Yacht ein langes, intimes Gespräch zu zweien, Wilhelm II. erklärte, warum er den Fürsten Bülow entlassen müsse und warum er den Grafen Monts für den richtigen Mann halte, und als dieser »ununterbrochene Redefluß« endlich stoppte, war es auch dem Kanzlerkandidaten wider Willen möglich, seine politischen Ansichten vorzubringen. Er plädierte für die Lösung des Vertrages mit dem völlig unzuverlässigen Italien und für enge Beziehungen zu England und empfahl, als unvermeidliche Vorbedingung solcher Freundschaft, eine starke Beschränkung der maritimen Rüstungen, einen Bruch mit der starren Flottenpolitik. Der Kaiser äußerte sich gleichfalls abfällig über die italienische Bündnistreue, an die er doch, bis zum August 1914, immer wieder glaubte, und soll schließlich, nach einigen Einwendungen, auch dem Teil des Programms zugestimmt haben, der England und die Schiffe betraf. Er soll noch hinterher zu Ballin gesagt haben, so werde die deutsche Politik von nun ab aussehen, und mit ihrer Durchführung wolle er den Grafen Monts betrauen. Niemand konnte ernsthaft glauben, dieses Wort sei ein letztes und bindendes Wort, im schnellen Wechsel der kaiserlichen Stimmungen werde diese Eingebung den Moment überdauern, und Wilhelm II. werde auf die Freuden und den Ruhm des Flottenschöpfers verzichten wollen. Wer darüber unterrichtet ist, wie beim Berliner Besuch Haldanes Herr v. Tirpitz im Bunde mit der Kaiserin über den beklagenswerten Bethmann siegte, der weiß, daß Graf Monts, als er seine phantastischen Forderungen vortrug, sich selber den Zugang zum Reichskanzleramte verschloß. Er erhielt denn auch aus Berlin die Mitteilung, Seine Majestät habe seine Absichten leider ändern und angesichts der parlamentarisch verworrenen Lage einen Fachmann der inneren Politik berufen müssen, und Herr v. Bethmann-Hollweg wurde ernannt. Abermals bemerkt Graf Monts in seinem Buche bescheiden, daß er der Aufgabe »weder körperlich noch geistig gewachsen« gewesen wäre, und mit einer Ironie, die man nur erraten kann, fügt er hinzu: »Wie auch hätte ich Wilhelm II. dauernd meistern sollen, der in vielen Dingen mir überlegen war?« War die Befriedigung über die 57 empfangene Absage ganz echt? Sie war wohl mit etwas Enttäuschung gemischt, und der Stolz, eine so empfindliche Stelle, hatte eine Wunde empfangen. Es hieß, Herr v. Lukanus habe von der Berufung des Grafen Monts abgeraten, der in München und in Rom zu mißliebig geworden und von dessen Unverträglichkeit nichts Günstiges für den Verkehr in Berlin zu erwarten sei. Hat Monts deshalb in seinen Briefen den Chef des Zivilkabinetts spöttisch »den Apotheker« genannt? Jedenfalls hätte er, wenn nicht Herrn v. Lukanus, so doch den Heiligen dankbar sein dürfen – sie hatten den Blitz von seinem Haupte auf das Haupt des Herrn v. Bethmann abgelenkt. Sankt Florian hatte, wie die alte Bauernsitte es will, dafür gesorgt, daß sein Haus von Feuer verschont blieb und der Brand das Haus des Nachbarn überfiel.

Ja, alle Heiligen geleiteten immer gütig den Grafen Monts. Und sechzehn Ahnen konnte er zählen bis hinauf zu Bertrand de Monts, der im 13. Jahrhundert in Toulouse Schirmherr des Bürgers war. Denn das Geschlecht stammte aus Frankreich, die Vorfahren dienten den französischen Königen, der Großvater Jean Jacques hatte noch im Siebenjährigen Krieg in der Armee der Pompadour mitgefochten und sich erst infolge einer Liebesheirat, die zugleich eine reiche Heirat war, in Deutschland festgesetzt. Der Vater, Graf Louis, sah nach den napoleonischen Kriegen die ererbten rheinischen Güter fortschwimmen, gewann dann, nach dem väterlichen Beispiel, am Traualtar einigen neuen Besitz, wurde preußischer Landrat und verschaffte seinem Sohn Anton die Aufnahme ins Auswärtige Amt. Anton Monts, der junge Diplomat, amüsiert sich eine kurze Weile lang und gerade so lange, wie es ihm Spaß macht, in Brasilien, kommt in schnellem Wechsel auf die angenehmsten Posten, nach Rom, Wien und Budapest, und wehrt sich gekränkt, als man ihn dann auch einmal, für einige Zeit wenigstens, nach Südafrika schicken will. Südafrika, das ist nichts für ihn, das ist etwas für die Leute ohne Genie, ohne brillante Salonallüren und ohne sechzehn Ahnen, Graf Monts reicht sein Abschiedsgesuch ein, wird aber dann doch von einflußreichen Gönnern bewogen, es zurückzuziehen. Er braucht nicht nach 58 Südafrika zu gehen, man gibt ihm den Gesandtenposten in Oldenburg, und als ihm auch Oldenburg sehr bald mißfällt und ihn langweilt, wird er von Bülow zum Gesandten in München gemacht. So zieht er immer die beste Karte, so werden ihm all die ungünstigen Episoden, die das diplomatische Wanderleben sonst zu haben pflegt, liebevoll erspart. Es ist nicht das mühselige Körnersuchen der grauen Spatzen, es ist ein Adlerflug, und von München führt ihn der Flug nach Rom. Und als er auch von Rom genug hat, beim italienischen Hof und bei den Regierenden hinreichend unbeliebt ist und sein nicht verborgenes Mißtrauen dort gleichwertig erwidert wird, vermählt er sich, nun 56 Jahre alt, nach der Familientradition mit einer außerordentlich reichen und übrigens vortrefflichen Dame, einer nicht mehr jugendlichen Witwe aus der Familie der Haniel, die ihm in ihrem Schlosse Haimhausen bei München einen wahrhaft fürstlichen Ruhesitz bieten kann. Alles, was er begehrte, was seinem Geschmack und seinen Neigungen entsprach, wurde ihm zuteil. Und als Krönung des Ganzen dieser Haupttreffer: im Spiel um die Kanzlerschaft Verlierer zu sein.

Wenn gefragt wird, wodurch, durch welche Erfolge, staatsmännischen Handlungen, klugen Manöver und Schachzüge er sich den Anspruch auf eine erstaunliche Vorzugsbehandlung und auf hohe und höchste Auszeichnungen erworben habe, so muß die Antwort gerechterweise lauten, daß es in seiner Laufbahn nur wenig Taten und Siege gab. Am ehesten wird man konstatieren können, daß er als Gesandter in München solche Tatkraft entfaltet hat. Dort griff er, regsam, wach und lebhaft interessiert, in die Ordnung des Verhältnisses zwischen dem Reiche und Bayern ein, und die Antipathie, die er für den bayrischen Klerikalismus empfand, war mehr anspornend als hemmend und hinderlich. In seinen römischen Berichten stellte er die Unzuverlässigkeit der römischen Politik, die immer stärkere Abwendung vom niemals herzlich geliebten Dreibund, die Abhängigkeit der langgestreckten Halbinsel von England, die offenkundigen und die versteckten Wünsche der Kabinette und Parteien klarblickend, überzeugend, anschaulich, mit vorzüglicher 59 Kenntnis der Dinge dar, aber im allgemeinen begnügte er sich mit der Darstellung, mit der Kritik, mit der Warnung, und von Versuchen, durch Aktivität die Entwickelung aufzuhalten oder zu beeinflussen, findet sich kaum eine Spur. Sein französischer Kollege und Gegner Barrère war ungemein aktiv. Graf Monts war Zuschauer, ein scharf und überlegen urteilender, der im Parkett seine Bemerkungen über die Akteure machte und bisweilen die intriganten Hausierer des Klatschmarktes mit verwendbarem Stoff versah. Ohne Zweifel hatte er recht, wenn er die Partie für verloren hielt. Aber seine Bemühungen gingen auch nicht über die unablässige Wiederholung dieser These hinaus. Manchmal empfahl er, statt der Erneuerung des Vertrages mit Italien, eine engere Verbindung mit der Türkei. Das war keine meisterliche Idee, die türkische Kampfkraft war, wie sich bald in den Balkankriegen zeigte, von den deutschen Erziehern enorm überschätzt worden, ein solches Bündnis konnte nur wünschen, wer – wie freilich Monts – eine Verständigung mit Rußland aus seinen politischen Plänen ausschloß und zugleich – dies aber war nicht der Fall des Grafen Monts – es gern auf Konflikte mit England ankommen ließ.

Indessen, in einem gewissen Augenblick griff Graf Monts handelnd und mit einem positiven Ratschlag in die Ereignisse auf einem anderen politischen Schauplatz ein. Das geschah während der Marokko-Affäre, vor der Konferenz von Algeciras, die ihm mit Recht als eine fatale Erfindung, als ein erschreckender Irrtum des ihm wohlgesinnten Herrn von Holstein erschien. Delcassé, von allen Seiten gejagt und umstellt, von seinem eigenen Kabinettspräsidenten Rouvier schon dem Opfertode geweiht und überall nach Hilfe ausspähend, ließ durch seine römischen Freunde, und am Ende der Kette durch Luzzatti, dem Grafen Monts eine Vermittlerrolle antragen, und war, versicherten die Italiener, zu den gewaltigsten Zugeständnissen bereit. Er willige, hieß es, in eine Teilung der marokkanischen Beute ein. Ein Vogelstellertrick. Selbstverständlich hätte sich zwischen dem ersten, unverbindlichen Wink der vorgeschobenen Vermittler und der Verwirklichung am Verhandlungstisch das 60 Projekt erheblich geändert, selbstverständlich hätte auch England die Berücksichtigung seiner Interessen gefordert, selbstverständlich wäre Marokko ungeteilt geblieben und nur die deutsche Seifenblase zerplatzt. Sonderbar, daß Graf Monts dieses Angebot ernst nahm, sich für die Übermittelung nach Berlin gewinnen ließ. Diesmal war der ärgerliche Tadel am Platze, mit dem der grimmige Holstein jeden Widersacher seiner falschen Politik bewarf. Allerdings wurde Graf Monts nicht gleich zum »Landesverräter« gestempelt, wie es mir wegen der Kritik an den Marokko-Unternehmungen Bülows und Holsteins widerfuhr. Dieses Wort, mit dem in Deutschland von Zeit zu Zeit die Bekenner irgend einer gerade verbotenen Wahrheit geknebelt werden, wäre denn doch zu herb gewesen gegenüber einem Botschafter, der sechzehn nachweisbare Ahnen besaß. Und mit sechzehn Ahnen, oder selbst mit weniger, wog nicht nur ein Vergehen leichter, sondern die Weisheit gewann im Schein solcher Tatsachen einen bedeutenderen Glanz. Was ein Kiesel ist, wenn der eine es aufhob, kann ein Edelstein sein, wenn der andere es fand.

Wilhelm II. hatte sich nur widerstrebend in das marokkanische Abenteuer hineinzerren lassen, er hatte hinterher alle Verantwortung von sich abgeschüttelt, und daß auch Graf Monts diese Politik mißbilligt hatte, war später zu seinen Gunsten ein nützliches Argument. Aber was ihm bei dem Kaiser und bei den Intimen des Hoflagers von einem bestimmten Zeitpunkt an vor allem nützte, das war die allgemein bekannte Tatsache, daß die Freundschaft, die ihn mit dem Fürsten Bülow verbunden hatte, in erbitterte Feindschaft umgeschlagen war. Er hatte, wie er zugab, dem Fürsten Bülow viel und beinahe alles zu verdanken, und bis in die ersten Jahre der Bülowschen Kanzlerschaft hinein hielt diese anfangs mit äußerster Bewunderung gepaarte Dankbarkeit vor. Dann schwächte die Bewunderung sich ab, und die Dankbarkeit wurde, gewiß nicht ohne aufrichtiges Bedauern, hinter die höheren Interessen der Wahrheit zurückgestellt. Wenn Monts seine Meinung über Italien und die Bündnispolitik hartnäckig kundgab, machte er Bülow 61 nervös. Und der Nörgler sah nun, was auch ohne Einblick in die Akten Fernstehende sehen konnten, die lange Fehlerreihe dieser Ära, die Person des einst Angebeteten hatte ihren Zauber verloren, erschien ihm hohl, eitel, gedankenarm und charlatanhaft, auch die Kulturjuwelen blendeten nicht mehr, und obgleich noch dann und wann die »unleugbaren Gaben als Redner, Hofmann, Parlamentarier«, die »Kunst der Menschenbehandlung und seine Gewandtheit, sich aus oft schwieriger Lage herauszuziehen oder herauszuschwindeln«, anerkannt wurden, blieb als Schlußpointe ein Wort Holsteins: »une vieille cocotte«. Als Bülow Ostern 1908 nach Rom kam und im Palazzo Caffarelli, dem Botschafterpalais, Zimmer für sich in Anspruch nahm, stellte Monts sich krank, Bülow besuchte ihn mit ironischem Bedauern in der Krankenstube, und der im Bett liegende Botschafter – es muß eine hübsche Komödienszene gewesen sein – empfing ihn mit einer Flut von Anklagen, hielt ihm das ganze politische Sündenregister vor und erklärte, die Mitverantwortung nicht länger tragen zu können, was der Besucher mit der freundlichen Bemerkung, wer reisen wolle, den solle man nicht aufhalten, entgegennahm. Einige Wochen vor dieser Unterhaltung hatte die Vermählung des Grafen Monts mit der verwitweten Frau Haniel von Haimhausen stattgefunden, bei jeder Schicksalswendung, die im Leben anderer hart und tragisch gewesen wäre, fing eine Wattierung den Anprall auf, alle Dinge ordneten und rundeten sich harmonisch und leicht. Im Herbst erfuhr Graf Monts, daß seine Entlassung beschlossen sei, und im März 1909 wurde sein vorbeugend eingereichtes Rücktrittsgesuch angenommen. Noch im Jahre 1908 kam die »Daily Telegraph«-Affäre, über Bülow brach die kaiserliche Ungnade herein. Vier Monate, nachdem er Monts aus dem Dienst entfernt hatte, wurde er selber gestürzt. In dieser Periode der latenten Kanzlerkrise muß in der kaiserlichen Umgebung der Name Monts oft und rühmend und in besonderem Tone genannt worden sein. Nicht eigentlich, weil man bei der Durchsicht der Kandidatenliste und bei der Abwägung der Verdienste sich bestimmte Leistungen des Grafen ins 62 Gedächtnis rief. Graf Monts war nicht nur Bülows Rivale, sondern Bülows Gegner, und diese Gegnerschaft war seinem Bilde als der schärfste und als der charakteristischeste Zug aufgeprägt. Dies war sein Signum, seine Rolle, diese Stellung war ihm in der Zeitgeschichte zugewiesen: der Gegenspieler im historischen Theaterstück. Wenn Wilhelm II. unter das Entlassungsgesuch des Grafen Monts ungemein huldvolle Worte schrieb, und wenn er eine Zeit lang geneigt war, den Grafen Monts zum Nachfolger des Fürsten Bülow zu machen, so spielte immer der Gedanke mit: dieser haßt und verachtet wie kaum ein anderer den Verräter an der kaiserlichen Majestät. Und auch die im Grunde doch sehr unbequeme Antipathie des Grafen Monts gegen Italien und sogar seine gänzlich unstatthaften Ansichten über die Flottenbauten schienen, da sie ein Gegengewicht in solchen Gefühlen hatten, für einen Augenblick weniger schlimm. Graf Monts war der Gegner, wie Patroklos der Freund, die symbolisch gewordene Figur der Freundschaft war. Wobei es gerecht ist, zu betonen, daß Graf Monts kein nur vom Ruhm des andern belebter Patroklos war, und daß Fürst Bülow mehr Talente als ein nur einseitig begabter Achill besaß.

Natürlich lassen sich nur Mutmaßungen darüber anstellen, was die Regierungskunst des Grafen Monts vollbracht hätte und was nicht, wäre ihm wirklich das Kanzleramt zugefallen. Man kann dabei zunächst die Fragen ausscheiden, ob sein kritischer Geist oder, besser gesagt, seine Veranlagung zu kritischer Betrachtung, seine Lebensgewohnheiten, die von jeher sich in eine reguläre Disziplin nicht einfügten, und die Unabhängigkeit seiner Ausdrucksformen ein einigermaßen dauerndes Verbleiben auf diesem Posten zugelassen hätten, und wie das Verhältnis zwischen dem Reichskanzler und dem Kaiser nach dem glücklichen Honigmond gewesen wäre, und an welcher Stelle, mit wieviel Stellen auf einmal, es Anstoß und Krach gegeben hätte, und wo der Faden der Geduld gerissen wäre, der bei dem Grafen Monts niemals sehr haltbar war. Graf Monts hätte, um das zu wiederholen, sein Programm der Flottenbeschränkung und der Verständigung mit England nicht ausführen können. Mit dem 63 gleichen Programm kamen Herr von Bethmann-Hollweg und sein Staatssekretär Kiderlen in das Haus der Wilhelmstraße, Herr von Kiderlen hatte es sorgfältig auf Kanzleibogen ausgearbeitet, und dann blies der frische Seewind das ganze Papier vom Tisch. Bethmann und Kiderlen, die Bülows und Holsteins Marokkopolitik ebenso tadelten, wie Graf Monts das tat, ahmten den Fehler ihrer Vorgänger getreulich nach und veranstalteten den »Coup von Agadir«, dieses furchtbare Malheur. Gern wird man annehmen, daß der Reichskanzler Graf Monts nicht so töricht gewesen wäre, daß er dem drängenden Geschrei der Alldeutschen und aller »nationalen« Kreise nicht nachgegeben, daß er kaltblütig und mit guten Nerven auf den besseren Moment gewartet und, alles sorgfältig vorbereitend, zugesehen hätte, wie das französische Expeditionskorps, angeblich zur Rettung der Europäer, das unverteidigte Fez bezwang. Nicht gerade wahrscheinlich ist es, daß er sich dem Wunsch des Kaisers und der Militärs, den General Liman von Sanders nach Konstantinopel zu entsenden, widersetzt, lieber Rußland schonend behandelt und den letzten Konflikt verhindert hätte, der sich vor der großen Explosion ergab. Und diese Explosion, die Katastrophe des Krieges, hätte er – dies ist wohl das Hauptsächliche und Entscheidende – sie abgewehrt, wäre er ihr klug und vorausschauend ausgewichen, hätte er Deutschland und die Welt vor ihr bewahrt? In seinen Memoiren äußert er sich sehr ärgerlich darüber, daß ich Stücke aus jenem Brief des kurz vorher verstorbenen Fürsten Bülow veröffentlicht habe, worin der ehemalige Reichskanzler mir sehr ausführlich erzählte, was er im Augenblick der Kriegsgefahr getan und nicht getan hätte, und wie, durch welche Taktik und durch welche Mittel, die Erhaltung des Friedens möglich gewesen sei. Die Veröffentlichung war von dem Zweifel begleitet gewesen, ob Fürst Bülow wirklich genau nach seinem nachträglichen Rezept gehandelt hätte, und das wollte der Memoirenschreiber übersehen, ganz wie er vergessen wollte, daß er selber sehr häufig dort Gastfreundschaft genossen hatte, wo diese Aufzeichnung des noch im Tode gehaßten anderen erschien. 64 Wäre Graf Monts wie Bethmann in den Krieg hineingeschliddert, versehentlich hineingerutscht? Nein, er wäre hineingesprungen.

Mancher könnte der Meinung sein, daß hier die Frage nach den Taten des Grafen Monts zu sehr in den Vordergrund geschoben wurde, und der Eindruck könnte entstehen, daß dadurch die Bedeutung, die dem Grafen Monts von seinen Biographen und seinen Bewunderern beigemessen wird, geschmälert oder gar geleugnet werden soll. Dieser Eindruck wäre falsch und höchst bedauerlich. Der große Auftritt auf der Bühne kann nur beginnen, wenn die Gelegenheit das Stichwort gibt. Man sagt, Gelegenheit mache Diebe, aber kann man bestreiten, daß sie auch Staatsmänner, Feldherren, Wirtschaftskapitäne und revolutionäre Führer macht? Ein General, der in Friedenszeiten lebt, könnte sich im Kriege als ein Napoleon erweisen, aber er wurde, durch die Schicksalstücke, kein Napoleon. Der bekannte Satz, Raffael wäre auch dann, wenn er ohne Hände zur Welt gekommen wäre, ein großer Maler geworden, soll ja auch nur sagen, daß das verborgene Genie vorhanden sein kann, auch wenn ihm die Möglichkeit, sich nach außen hin zu offenbaren, nicht gegeben ist. Selbst Bismarck hätte nicht zu so legendärer Gestalt werden können, wenn schon vor ihm Deutschland zu seiner Einheit gelangt und ihm nur noch die Aufgaben geblieben wären, zu deren Lösung täglich und stündlich die Verteidigung des politischen Werkes zwingt. Ja, wir sind abhängig von der Gelegenheit und den Umständen der Zeit. Emerson, – wie wohltuend ist es, auf glitschigem und abschüssigem Wege einen Halt bei einem berühmten Schriftsteller und bei einem guten Zitat zu finden! – führt in einem seiner Essays sehr anmutig aus, daß in manchen Persönlichkeiten weit mehr liegt, als sich aus ihren Taten entnehmen läßt. »Der größte Teil ihrer Kraft war latent.« Er nennt Helden Plutarchs, deren Taten geringer waren als der Ruhm, der sie überlebt. Auch Sir Philipp Sidney, der Earl von Essex, Sir Walter Ralleigh seien Männer von imposanter Bedeutung und wenig sichtbarer Leistung gewesen, und sogar die Taten Washingtons 65 entsprächen nicht entfernt dem Maß seiner Persönlichkeit. Die Überlegenheit dieser Männer braucht sich nicht durch erfolgreiche Handlungen fühlbar zu machen, sie strahlt hervor, ist unverkennbar, zwingt sich auf. »Das ist«, sagt Emerson, »eben das, was wir Charakter nennen« – eine aufgesparte Kraft, welche unmittelbar auf die Gegenwart wirkt und der Mittel entraten kann.

Persönliche Beziehungen zwischen dem Grafen Monts und mir haben im Oktober 1909 begonnen. Etwa ein halbes Jahr nach seinem Weggang aus Rom. Damals hatte ich ihm geschrieben und ihn um seine Mitarbeit am »Berliner Tageblatt« ersucht. Er hatte, am 28. Oktober 1909, geantwortet, daß er noch abwarten wolle, und hatte weder ja noch nein gesagt. Wenigstens eine Zeit lang wolle er noch nicht mit Äußerungen an die Öffentlichkeit treten, denn er habe ja noch bis in das Frühjahr hinein amtiert. Über was solle er auch schreiben, »etwa Gutes über Italien sagen, seine Bundestreue und seine Zuverlässigkeit preisen, oder seine miserablen Staatseinrichtungen?« – eine Großmacht sei Italien auch nur scheinbar, »ihm fehlt eben das Hauptkriterium einer solchen, selbstständig einer anderen Großmacht gegenübertreten zu können.« – »Die Italiener denken auch garnicht daran, in Konflikts-Fällen ihren Obliegenheiten als Verbündete nachzukommen. Nur ein so unbelehrbarer Optimismus wie der des glücklicherweise verflossenen Reichskanzlers konnte diese Sachlage verkennen.« Sollte er aber über die auch gegenüber Italien von Bülow geübte Wurstelei schreiben? – dieses traurige Kapitel, ebenso traurig wie Bülows Politik gegenüber England und Frankreich, werde noch rechtzeitig genug aufgedeckt werden, und das Publikum wolle solche Belehrungen ja nicht. »Die große Masse der Deutschen sieht in Bülow noch immer einen Staatsmann, der schier unersetzlich ist.« . . . »Da aber der Dreibund noch läuft und man in Berlin wenigstens bis dahin noch den Schein aufrecht erhalten will, so wäre es gewiß nicht gut getan, wenn der eben erst abgetretene deutsche Botschafter über die Brüchigkeit unseres Verhältnisses zu Italien schreibt oder über die Unsicherheit aller Zustände in dem doch sehr losen 66 apenninischen Königreich. Gutes könnte man nur sagen von dem Aufschwung Ober-Italiens, dem Fleiß seiner Bewohner und der wunderbaren Fruchtbarkeit.« Dann folgten Komplimente über meine »große politische Befähigung«, die mir angeblich – es war keineswegs der Fall – gestattete, das alles besser zu wissen, und über meine Beurteilung der Beziehungen zu Frankreich, und der Wunsch nach einer Anknüpfung persönlicher Bekanntschaft in Berlin. Neun Briefseiten, mit einer prachtvollen, kräftigen, nicht kleinlichen Schrift. Nachdem ich ihm gedankt hatte, ohne ihn weiter zur Mitarbeit zu drängen, kam gleich wieder ein Brief, diesmal achtseitig, zuerst mit lobenden Bemerkungen über Luzzatti, der von Bülow gehaßt werde, »weil dieser ihm in seine schmutzigen Algeciras-Karten sehen konnte«, und der freundlichen Hinzufügung, man wisse überhaupt noch garnicht, »welchen Mist Bernhard im Äußern gemacht hat«, sowie mit schweren Klagen über die von Bülow künstlich geförderte Zentrumspartei. Graf Monts entwickelte einen großen Plan: er wollte das Wahlrecht in Preußen und das im Reiche auf dem Tauschwege reformieren, ersteres fortschrittlich, das zweite rückschrittlich, und zwar kam es ihm bei der Änderung des Reichstagswahlrechts vor allem auf den Schlag gegen die römische Kirche an. »Bismarck«, meinte er, »würde kaum das allgemeine Wahlrecht dem politisch so unreifen deutschen Volke gegeben haben«, hätte er die Macht der römischen Kirche genau gekannt. Die Laienschule sei wichtiger als das allgemeine Wahlrecht, und er, Monts, sei trotz seiner freiheitlichen Gesinnung für ein Pluralstimmen-System. »Ein wirklicher Staatsmann, leider war Bülow nur ein Hofmann«, hätte durch die zweifache Wahlrechtsreform die Zentrumsmacht gebrochen, aber statt dessen habe man immer nur auf die bösen Sozialisten losgepaukt . . . Schon am nächsten Tage wieder acht Seiten, mit heftigen Äußerungen über die italienische Presse und schweren persönlichen Beschuldigungen gegen den römischen »Kreuzzeitungs«-Korrespondenten Stein. Am Schluß ein Wort über die bevorstehenden Wahlen und ein Bedauern darüber, daß man noch nicht eine gerechte 67 Wahlkreiseinteilung durchgesetzt habe, denn dann würden »schon längst Klerikale und Reaktionäre zu Paaren getrieben« sein.

Er hatte auf meine Einladung zur Mitarbeit nicht ja und nicht nein gesagt, aber er wollte doch gern ja sagen, sein unruhiger Geist verlangte nach Möglichkeiten der Äußerung. Schweigsam durch den Park von Haimhausen zu wandeln, aus den Morgenzeitungen die politischen Neuigkeiten zu entnehmen und die Kritik in sich zu verschließen, das hielt er nicht aus. Mein Anerbieten stimmte mit seinen geheimen Wünschen überein. Bald nach seinem dritten Briefe besuchte er mich in Berlin, natürlich keineswegs, um sich überreden zu lassen, sondern nur, um für meine Aufforderung auch noch mündlich zu danken, und aus Höflichkeit. Er war ein schöner Mann, schön nach den besten Modellen, mit einer sehr hohen Gestalt, die nicht mager und knochig war und deren Linie doch ohne jedes Embonpoint verlief. Der Kopf war, im Verhältnis zu dem Körper, nicht sehr groß, der Teint von jugendlicher Frische, das schon silbrige Haar dicht und weich, der gepflegte Schnurrbart zog sich an den Mundwinkeln in einem leichten Bogen hinab. Die Augen blickten beobachtend, eine hübsche Nase wirkte etwas zu unbedeutend, ohne charakteristische Form. Spuren von Kränklichkeit waren an der Erscheinung des Grafen Monts, der sich immer für krank hielt und sich sorgfältig behorchte und pflegte, nicht zu erkennen. Unbestreitbar mußte Graf Monts schon durch seinen hohen Wuchs in jeder gesellschaftlichen Ansammlung auffallen, unbestreitbar mußte man ihn als ein Edelgewächs im adeligen Palmenhause bezeichnen, unverkennbar war in Figur, Gesichtsbildung und Haltung der Aristokrat. Die lange Zeugungstradition eines alten Geschlechtes schloß hier nicht mit einem dekadenten Versager ab.

Graf Monts rechnete sich, wie er im ersten Gespräch bekannte, – und von seiner freiheitlichen Gesinnung hatte er schon brieflich gesprochen – zu den Liberalen, und in England hätte er sicherlich zur Partei der liberalen Lords gehört. In Deutschland gab es unter dem Kaiserreich eine sympathische 68 Gruppe liberalisierender Grandseigneurs, zu ihr gehörten Fürst Hatzfeld, Herzog von Trachenberg, der Fürst zu Hohenlohe-Oehringen, der Fürst Lichnowsky, der Prinz Schönaich-Carolath und andere, und obgleich die meisten von ihnen sehr reich und darum angesehen bei Hofe waren, hatten sie wenig oder gar keinen Einfluß auf den Gang der inneren Politik. Sie sorgten für die Beförderung ihrer Söhne, Neffen und Großneffen in der Gardekavallerie und im diplomatischen Dienst, gingen, wie Lichnowsky, wohl auch selbst in die Diplomatie oder übernahmen, wie Fürst Hatzfeld, in jüngeren Jahren hohe Verwaltungsämter, hatten ihren Sitz im Herrenhaus und ihren Freundeskreis in den vornehmen Klubs, liebten die Unabhängigkeit und das gute Essen, überließen die Beschäftigung mit der Wohltätigkeit und das Mäzenatentum, Pflege der Malerei, Büchersammeln und ähnliches den jüdischen Bankiers und einigen christlichen Industriellen, bezogen die Einkünfte ihres ausgedehnten Grundbesitzes und hatten, lauten Prunk vermeidend und nur bei kaiserlichen Jagdbesuchen zu ihm gezwungen, einen anständigen Lebensstil. Auf die Masse der ostelbischen Junker blickten sie mit Abneigung hinunter, die Manieren des großen Haufens waren nicht die ihrigen, Intimität war nur selten und nur mit Auswahl möglich, im allgemeinen war es eine andere Welt. Sie hatten nicht die Kulturbedürfnisse, die man bei vielen französischen und englischen Personen ihres Ranges finden konnte, aber eine erst eben in den Smoking geklemmte Robustheit berührte ihre Wohlerzogenheit unangenehm. Die Junker im Bund der Landwirte, die Triarier Seiner Majestät, die Herren mit den grünen Hütchen waren robust. Sie gebrauchten tüchtig ihre Ellenbogen, sprachen selbstsicher in den Zimmern der Minister und nahmen wenig Rücksicht auf die Grandseigneurs.

Was den Liberalismus des Grafen Monts betraf, so war er weniger auf's Reale gerichtet als derjenige des freikonservativen Hatzfeld, noch weniger staatsgefährlich als derjenige des »roten Prinzen« Carolath und ganz erheblich zahmer als die Ideen Lichnowskys, der mir oft in seiner 69 temperamentvollen Art, erfüllt von seltsamen Illusionen und mit den Blicken meine Ansicht über seine Chancen erforschend, die Versicherung gab, er werde das Reichskanzleramt nur übernehmen, wenn ihm erlaubt werde, dem deutschen Volke das parlamentarische System nach englischem Vorbild zu bringen. Graf Monts erläuterte mir seine Ideen über die doppelte Wahlrechtsänderung, über die Beseitigung der schlimmsten Ungerechtigkeiten im preußischen Wahlrecht und über das allgemeine gleiche Reichtagswahlrecht, das zum Ausgleich rückwärts zu revidieren sei. Er glaubte ernsthaft, dieses Tauschgeschäft würde auch die sozialdemokratischen Arbeitermassen befriedigen, für die er damals, mit der selbstverständlichen Distanz, Wohlwollen hegte, und deren Heranziehung an den Staat ihm wünschenswert erschien. Nichts war einfacher als der Vorschlag, von der einen Wagschale etwas zu nehmen und auf der anderen etwas hinzuzulegen, aber überraschen konnte es, daß der sonst eher zu pessimistischer Beurteilung neigende Graf Monts sich zu so frohem Glauben an das Gute im Menschen verstieg. Denn er setzte nicht voraus, daß bei der ausgleichenden Behandlung der beiden Wagschalen falsch gewogen werden würde, und der Gedanke, daß die eine Partei sich betrogen fühlen könnte, kam ihm nicht.

Gegen Ende des Monats traf dann also sein erster Artikel ein. Graf Monts wandte sich darin gegen neue Marineforderungen und stellte die Verständigung mit England als oberstes Gebot deutscher Außenpolitik hin. Im Begleitbrief hieß es, »die Staatskunst unserer Regierenden, die ja eigentlich nichts wie Unsinn seit zehn Jahren machte«, werde »uns leichten Herzens schließlich auch in diese Katastrophe eines Seekrieges mit England verwickeln«, und ein größeres Unglück würde Deutschland kaum treffen können. Der Ausgang eines solchen Krieges wäre selbst bei größter Tapferkeit und Tüchtigkeit der deutschen Marine mit mathematischer Sicherheit vorher zu sehen. Graf Monts wollte den sehr vernünftigen Artikel nicht mit seinem Namen zeichnen, und da mir außerdem in der Wahlkampfperiode, in der man sich befand, eine Diskussion über die Flottenfrage wenig 70 erfolgversprechend schien, vertagte ich die Veröffentlichung. Damit war Graf Monts einverstanden, obgleich er meinte, daß »das unglückselige Triumvirat S. M., Bethmann, Kiderlen uns jeden Moment in neue Schwierigkeiten bringen kann«. Er schickte nun ziemlich schnell hintereinander Beiträge, zunächst mehrere militärpolitische Artikel, in denen er die neue Militärvorlage abfällig kritisierte – in dem Begleitschreiben stand: »das Militär ist genau so wie das Beamtentum jeder Neuerung abgeneigt«, und »Tirpitz hat eine eiserne Stirn«. Das meiste erschien, einiges gab ich ihm zurück, und er war über eine Ablehnung nie beleidigt, ließ jedenfalls keinerlei Unmut merken und war ein leicht zu behandelnder Autor, auf dem ihm neuen literarischen Terrain sehr viel fügsamer als im politischen Verkehr. Seine Artikel waren solide gebaut, sachlich, kenntnisreich, beachtenswert und mitunter wichtig durch die darin ausgesprochene Meinung, aber es läßt sich nicht sagen, sie hätten durch einen besonderen stilistischen Reiz, durch Originalität des Ausdrucks oder durch mitreißenden Schwung gewirkt. Lichnowsky hatte ein stärkeres publizistisches Talent. Monts hätte schwerlich eine Abhandlung zustande gebracht, wie Lichnowsky sie den Erinnerungen des Botschafters Schweinitz widmete, wobei es ganz dahingestellt bleiben mag, wessen Auffassung die richtigere war. Auch in den Memoiren des Grafen Monts herrscht eine gewisse Trockenheit, und jene Verehrer und Verehrerinnen, die darin den brillanten Spötter suchten, sind nicht auf ihre Kosten gekommen. Wären die Artikel von irgend einer minderen Größe oder gar von einem Berufsschreiber verfaßt gewesen, so hätte man der Mehrzahl von ihnen wahrscheinlich keine Bedeutung beigelegt. Der Name, die Autorität des Namens, gab ihnen den Wert. Das Wasser des Nil, des Ganges und anderer heiliger Flüsse unterscheidet sich nicht von demjenigen, das in banaleren Strombetten fließt. Aber es ist der Ganges und es ist der Nil.

Die Verständigung mit England, nur erreichbar durch den Verzicht auf immer neue Flottenbauten und immer größere Schlachtschiffe, war dasjenige Thema, bei dem es zwischen Monts und mir keinerlei Verschiedenheit der Ansichten gab. 71 Sowohl im politischen Ziel wie in der Frage der zu ergreifenden Mittel, im Prinzipiellen und im Besonderen, in der These und in den Argumenten stimmten wir überein. Auch darin, daß man, statt in reklamehaften Schaustellungen und mit schmetternden Reden die prunkenden Schlachtkreuzer vom Stapel laufen zu lassen, besser täte, Unterseeboote zu bauen. Vor geraumer Zeit schon hatte ich mit Hilfe ausgezeichneter Marinetechniker eine Kampagne in diesem Sinne begonnen, vor allem auch heimlich Beziehungen zu dem Admiral Galster, dem hervorragendsten Fachmann und entschiedensten Gegner des Herrn v. Tirpitz, angeknüpft und ihn als Berater und Mitarbeiter gewonnen. Es war mir sehr lieb, daß jetzt Graf Monts als wertvolle Verstärkung in diese Kampfreihe trat. Noch einer, der, um das Wort seines Biographen zu gebrauchen, ein »ungehörter Warner« blieb.

Aber übertreiben diese Historiker nicht ein wenig, wenn sie so sehr seine Unerschrockenheit, seinen Bekennermut unterstreichen und den Eindruck erwecken, als gebührten nun gerade diesem Warner der Ruhm und das Denkmal mit der Inschrift: »Dem Tapfersten von allen« –? Sie übertreiben, denn den höchsten, den wahren Mut, den Mut, der über alles eigene Wohl hinweg und bis zum Opfer ging, haben andere gehabt. Den hat der Botschafter in London, Graf Wolff-Metternich, gehabt, der sich durch seine klugen und redlichen Warnungen und durch die ruhige, unbeirrbare Festigkeit, mit der er sie immer wieder vorbrachte, den Zorn, den Hohn, die verächtlichen Randbemerkungen Wilhelms II. zuzog und unter den Streichen des Herrn v. Tirpitz und den Intrigen seines Marineattachés fiel. Und diesen Mut hatte der Admiral Galster, der aus der Marine verschwinden mußte, weil er sich zu keiner Verleugnung seiner Überzeugung bewegen ließ. Graf Monts, der vom römischen Posten im Grunde nach eigenem Willen sich in ein komfortables Schloßleben zurückzog, riskierte durch gelegentliche Mißbilligung der amtlichen Flottenpolitik und auch durch konsequentes Eintreten für eine Annäherung an England schon damals nicht viel, als er noch Botschafter war. Man hat gesehen, daß ihm der Kaiser, der Wolff-Metternich wie einen 72 Dummkopf und einen Feigling behandelte, das alles garnicht übel nahm. Monts war nicht nur als Gegner Bülows in einer Vorzugsstellung, sondern es brauchte auch nicht als Störung empfunden zu werden, wenn er seine Meinung über England und über die Flottenfrage zum besten gab. Er war nicht, wie Wolff-Metternich in London und Galster in Kiel, diesen Dingen absolut nahe, sie gehörten nicht zu seinem Tagesdienst, er hatte nicht stündlich die Weisungen auszuführen, die sich auf diese und jene Einzelheit, auf diesen und jenen Vorfall bezogen, und war nicht unablässig in Differenzen und Reibereien verstrickt. Wenn er, abseits stehend, akademische Vorträge halten wollte – warum nicht? Das mußte einem so geistreichen und vornehmen Manne, der obenein als eigensinniger Denker einen Raritätenruf hatte, gestattet sein. Die Dorfwirte haben nichts dagegen einzuwenden, daß jemand in der Hauptstadt das Biertrinken und die Kirchweih verdammt. Monts sah klar, wie gleich ihm mancher andere, auch in seinen Kreisen, aber in der Bezeichnung »unerschrockener, oft rücksichtsloser Mahner und Warner« haben die Eigenschaftswörter doch vielleicht nicht die ganz richtigen Farbennuancen und sind zu sehr nach dem billigen Schema ausgewählt. Unerschrockenheit – es kommt immer darauf an, was man darunter versteht.

Vom Sommer 1912 ab traten in den Vordergrund die Ereignisse am Rande des türkischen Reiches, der Balkan wurde mobil, mit dem Zusammenbruch der türkischen Wehrmacht brachen viele Spekulationen Wiens und Berlins zusammen, Österreich und Rußland, eigentlich beide vom Ergebnis der Balkankriege gleich unbefriedigt, ja, beide an Prestigewunden leidend, standen einander sprungbereit gegenüber, und mindestens dreimal oder viermal schien die Furie den engeren Bezirk verlassen und über Europa hinwegrasen zu wollen. Dieser Akt, der die Welttragödie vorbereitete, fing an mit der italienischen Eroberung von Tripolis, diesem Signal zum allgemeinen Ansturm auf die Türkei, der allerdings – obwohl Fürst Bülow das beharrlich leugnete und bei solcher Behauptung jedesmal eigentümlich nervös wurde – durch einen anderen Stoß, durch die Annexion 73 Bosniens, wesentlich erleichtert worden war. Graf Monts betrachtete die Schwierigkeiten, denen die Italiener in Tripolis zunächst begegneten, mit einer Genugtuung, die er nicht verbarg, und äußerte sich in seinen Briefen ungemein abfällig über die italienische Armee. Trotzdem wachse die Großmannssucht Italiens ins Nebelhafte, und »in Rom und Mailand spricht man ganz ungeniert von der tripolitanischen glänzenden Generalprobe für den bevorstehenden österreichischen Krieg . . .« »Aber der verblendete Germane zählt weiter Italiens und Österreichs Schiffe als gemeinsame Gegner der Triple-Entente im Mittelmeer auf.« Monts widersprach meinen pessimistischen Anschauungen über die Widerstandskraft und den Bündniswert der Türkei und meinte, »eine moralische Unterstützung hätte vielleicht das Jungtürken-Regime halten können«. Indessen, fügte er am 22. August 1912 hoffnungsvoll hinzu, noch »ist nicht aller Tage Ende und nach allem scheinen jetzt Türken und Arnauten gemeinsam gegen den Hammeldieb in Cetinje vorzugehen«. Es sollte sich leider bald zeigen, daß die Türken nicht vor sondern zurück gingen, und daß die auch von Monts froh mitgemachte Türkenpolitik Wilhelms, Marschalls und der Militärinstrukteure nicht mehr war als eine orientalische Phantasie. Sie wäre richtig, klug, ernsthaft und praktisch gewesen, wenn man sie nicht für einen Endzweck angesehen, sondern das auf dem türkischen Boden Erreichte so benutzt hätte, wie es im Rahmen großer, staatsmännischer, bismärckischer Fortentwickelung benutzt werden konnte und mußte: als Handelsobjekt. Aber Graf Monts schrieb mir entrüstet, der Gedanke, einen Ausgleich mit Rußland auf Kosten der Türkei zu suchen, sei eine »unglaubliche Idee«. Er war tief enttäuscht, als dann die türkischen Niederlagen auf dem Balkan kamen, und schrieb mir am 14. Januar 1913, nach der Rückkehr von einem Aufenthalt in Wien:

»Ich war loco Zeuge der Bestürzung der Wiener Kreise, als eine türkische Niederlage nach der anderen gemeldet wurde. Kaiser, Thronfolger, Berchthold, Generalstab, jeder zog an einem anderen Strick. – Die 74 Lage der Monarchie ist in der That auch sehr ernst. Am schlimmsten ist, daß den Magyaren bisher noch nicht der Gedanke aufdämmert, daß es mit ihrer Gewalt-Politik so nicht weitergehen kann. Unterdrücken kann man die slavische Hälfte der Bewohner nicht, man kann ihnen den Aufenthalt und das Leben in der alten Großmacht nur angenehmer machen, wie in den lausigen südslavischen Raubstaaten. Nur so kann man sie auch in schweren Tagen, die vielleicht schneller kommen wie man denkt, bei der Stange halten.«

Mit diesem Briefe schickte er mir einen Artikel »Austria«, von dem er sagte, daß er eigentlich zu schönfärberisch geschrieben sei. Aber man müsse auf alle Weise den Österreichern Mut und Zuversicht einflößen, und der Artikel war als solche stärkende Arznei gedacht. Kiderlen-Wächter war soeben gestorben, und Monts schrieb mir, dieser Tod sei ein nationales Unglück, Kiderlen habe aus seinen Fehlern gelernt. »Vor allem hatte er, obgleich diese beiden Geistesheroen ihn verabscheuten, sich bei S. M. und dem Kanzler durchgesetzt.« Kiderlen habe sich zwar auch über die Türkei getäuscht, wie übrigens fast alle Welt, aber ohne ihn, ohne die eiserne Ruhe, mit der er »die aufgeregten hohen Herrn in ihre Schranken wies«, hätte es in Berlin dieselbe Nervosität und Verzweiflung gegeben wie in Wien. In einem späteren Briefe hieß es: »Kiderlen hätte mich gern in den Auswärtigen Dienst zurückbugsiert.«

Er lud mich nach Haimhausen ein, und im Juli machte ich ihm dort meinen Besuch. Das schöne alte Schloß ist im 18. Jahrhundert von dem Italiener Zuccarini für irgendwelche Grafen von Haimhausen ausgebaut worden, und als, lange nach dem Rokoko, die Zeit der großen Industrieherren gekommen war, haben es die Haniel gekauft. Der Park mit weiten Rasenflächen ist prachtvoll, eine imposante Lindenallee führt vom Schloß zum Gartenportal. Eine hügelwellige Landschaft, so süddeutsch schlicht, innig und friedlich in Linien und Stimmung, eine den menschlichen Leidenschaften und Häßlichkeiten scheinbar unzugängliche Natur, wie Thoma sie gemalt hat, bildet den Hintergrund. 75 Im Hause lange Zimmerreihen mit Möbeln aus dem Siebzehnten und dem Achtzehnten, massige Klosterschränke, alles geschmackvoll und nicht mit der Ängstlichkeit von Neulingen geordnet, die in innerer Unsicherheit jeden Verstoß gegen die Stilregeln scheuen. Ein Lesesaal, wo auf einem langen Tisch Zeitungen und Zeitschriften sorgfältig für den Hausherrn gesammelt und geschichtet sind. Ein Porträt des Grafen Monts in mittleren Jahren, von Angeli. Sonst wenig interessante Bilder, nur ein paar Holländer allenfalls beachtenswert. Aber gute Stücke von altem Augsburger Silber, auf die Monts besonders aufmerksam macht. Die Gräfin ist krank und unsichtbar, sie ist bald nach der Heirat mit Monts erkrankt, ein Teil des Körpers ist gelähmt. Beim Mittagessen erfüllt ihre Schwester die Hausfraupflichten, außerdem ist ein Bruder von Monts da, ein pensionierter Generalmajor, zuerst knurrig und mich etwas mißtrauisch fixierend, dann gesprächig und aufgeknöpft. Tischunterhaltung über die verregnete Ernte, über den Balkankrieg, über die Einführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich, über das französische Militär. Der Generalmajor hat viel Achtung vor allem Technischen in der französischen Armee, glaubt aber nicht an ihre Disziplin. Am Nachmittag fahre ich mit dem Grafen Monts nach München, wo wir Antiquare besuchen und Monts den Geheimrat von Müller, den berühmten Kliniker, aufsucht und mit ihm eine neue Konsultation am Krankenlager der Gattin bespricht. Unterwegs im Auto erzählt er mir, daß er gemeinsam mit Wolff-Metternich dem Kaiser Vorhaltungen über Tirpitz gemacht, der Kaiser aber schroff geantwortet habe, eine Einmischung in militärische Dinge wünsche er nicht. Er kommt auf den Vermittelungsversuch zurück, den er vor der Algeciraskonferenz auf Wunsch Delcassés und der Italiener in Berlin unternommen hat. Delcassé habe ihn wissen lassen, er wolle Deutschland Casablanca und Mogador zugestehen. Ich sage ihm, man habe mir am Quai d'Orsay ähnliche Andeutungen zur Weitergabe gemacht, aber ich hätte immer das argwöhnische Bedenken gehabt, daß Delcassé« auf das englische Veto 76 rechne und nur deshalb so freigebig sei. Graf Monts wirft ein, Delcassé hätte dann immerhin riskiert, England durch sein Angebot zu verstimmen.

Schon am 11. Oktober dieses Jahres 1913 starb die Gräfin, ein sanfter Tod beendete ein Leiden, das durch keine ärztliche Kunst und durch keine Konsultationen zu heilen war. Ihr Gatte hatte sie liebevoll bewacht und gepflegt. Einige Zeit nach ihrem Tode schrieb er mir, indem er für einen Beileidsbrief dankte: »Ich bin noch immer wie betäubt, alles schien so gut zu gehen, die Pflegerinnen und der behandelnde Arzt hielten die Genesung nur noch für eine Zeitfrage, als plötzlich nach wochenlangem Wohlbefinden die Wendung zum Schlimmen kam.« Und dann diese Zeilen, über seine Ehe und über sein persönliches Geschick:

»Vielleicht hat Ihnen Graf Hutten-Czapski gesagt, welch vortreffliche Frau, in jeder Beziehung, die Verstorbene gewesen. Ich hatte ihren Wert erkannt, als ich sah, wie sie ihren 1. Gatten pflegte. Zweck meiner Heirath war ja auch zunächst der, mir einen sorglosen Lebens-Abend zu sichern. Aus der Verstandes-Ehe aber wurde das innigste Verhältnis. Einsam und allein muß ich nun das letzte Stück meines Erden-Weges wandeln, auch weiß ich noch nicht, wo ich mich etablieren soll. Haimhausen ist Fidei-Kommiß, und mit der besten Frau verliere ich auch die schöne Heimath. Der Erbe wünscht zwar, daß ich hier bleibe, da er in der diplomatischen Carriere verbleiben will. Aber ob und wie das möglich wäre, werden erst Verhandlungen ergeben, die nach seinem Eintreffen aus Amerika hier gepflogen werden.«

Der Erbe, der Gesandte von Haniel, überließ dem Grafen Monts Haimhausen als Wohnsitz, die Frage des Wie und des Wo wurde schnell und günstig gelöst. Noch siebzehn Jahre lang, bis zu seinem eigenen Ende, konnte Graf Monts in dem Schlosse residieren, das seine hohe Gestalt passend umrahmte, und den aristokratischen Komfort des Lebens beibehalten, den er schwer entbehrt hätte und 77 in dem er heimisch war. Wie sein inneres Verhältnis zu der Frau und jedenfalls die allmähliche Gestaltung dieser Beziehungen sehr sympathisch war, so finde ich auch die harmlose Art sympathisch, in der er auf dem schwarzgerandeten Briefbogen sich über diese seelische Entwickelung äußert und kaum etwas verschweigt. Der Egoismus eines Verwöhnten, das Bedürfnis nach Bequemlichkeit und Luxus und dann doch das garnicht vorausberechnete wärmere Gefühl, es kommt alles so natürlich heraus. So ungeniert, mit dieser Unempfindlichkeit pflegen sich nur diejenigen zu entschleiern, deren angeborenes oder anerzogenes Selbstvertrauen keine hemmenden Befürchtungen aufkommen läßt. Anderen fehlt diese Harmlosigkeit, und wenn sie nicht gerade Cyniker sind, genieren sie sich, ihren doch genügend bekannten Eigennutz zu bekennen, ganz wie sie sich genieren, den ledernen Klubsessel zwischen die echten Louis XV.-Möbel zu stellen.

Die Herausgeber der Korrespondenz haben in ihrem Bande Briefe des Grafen Monts an Holstein, an den Staatssekretär und späteren Botschafter Tschirschky, an den Freiherrn Felix Oppenheimer in Wien und einen Brief an den ehemaligen Gesandten Grafen von Pückler veröffentlicht. Mehr, sagen sie, war nicht zusammen zu bringen. »Aus den ersten Jahren, die Graf Monts als Botschafter a.D. auf seinem Ruhesitz in Haimhausen bei München verlebte«, heißt es in ihrer Einleitung, »haben sich nur wenige Korrespondenzen erhalten. Zu einigen im Jahre 1910 an Tschirschky gerichteten Zuschriften, welche zeigen, wie lebhaft und kritisch er weiterhin den Gang der Politik nach außen und innen hin verfolgte, gesellen sich die Briefe an Freiherrn Felix Oppenheimer.« So befinden sich in der Sammlung aus der Zeit zwischen dem Rücktritt des Grafen Monts vom Botschafterposten und dem Kriegsende nur zwei Briefstücke aus der Korrespondenz mit Tschirschky, zwei aus dem Jahre 1913 stammende und drei während des Krieges geschriebene Briefe an den Wiener Freiherrn und der Brief an Pückler, vom 8. Oktober 1918 datiert. Das Talent des Goldsuchers haben die Herausgeber nicht 78 gezeigt, oder ihr Forschungseifer war gehemmt, und allerlei Bedenken hielten sie zurück. Um die von ihnen mit Bedauern festgestellte Lücke auszufüllen, will ich, nachdem hier schon von den Briefen aus den ersten Ruhejahren einiges mitgeteilt wurde, wenigstens einzelne Sätze aus ein paar jener außerordentlich zahlreichen Briefe wiedergeben, die Graf Monts in der letzten Friedensperiode und während des Krieges an mich gerichtet hat. Zunächst etwas aus einigen von neunzehn zum Teil sehr ausführlichen Briefen vom Jahre 1913, die sich bei mir erhalten haben und deren vollständige Wiedergabe leider unterbleiben muß, weil sie eine zu schwere Belastung für das lose gefügte Gerüst einer Darstellung wäre, die nicht, wie die Arbeiten jener Historiker von Beruf, Anspruch auf Gründlichkeit erheben kann:

 

Haimhausen, 17.I.13. »Die politische Lage wird immer unheimlicher. Das Tripleentente Syndikat ist eben doch viel mächtiger als der sogenannte Dreibund. Österreich ist jetzt ganz in gleicher Weise eingeklemmt wie wir, dazu der innere Zerfall. Was ich immer fürchtete, der türkische Bankrott trat ein, ehe wir zu einem Ausgleich mit England kamen.

Ein Trost in dieser ernsten Zeit sind für jeden Patrioten die Vorbereitungen zum 25. Jubiläum.

W. II. hätte besser gethan, diesen Tag nicht zu begehen, das Fazit seiner Regierung ist ein zu trauriges. Doch das will man nicht sehen.«

 

Haimhausen 2.II.13. »Wenn jetzt nur die Sozialisten Verstand annehmen und praktische Politik treiben wollten. Annahme des Wehrgesetzes in seinen notwendigsten Zügen würde das Centrum auf lange matt setzen. In diesem und nicht im Sozialismus sehe ich die Hauptgefahr, die dem neuen Reiche droht. Bayern wird bereits vom Jesuiten-Orden regiert, Erzbischof Bettinger, von den Jesuiten erzogen, ist der eigentliche Regent und sein rechter Arm ist der Jesuit Hertling.« 79

 

Haimhausen 16.II.13. »Anbei der Artikel Militaria. Ich bitte, nicht mit meinem Namen zu zeichnen, da ich für eine etwaige Polemik zu alt und zu stumpf bin, auch andere Sorgen mich quälen.

Wir werden Riesensummen aufbringen müssen und das Alles dank der elenden von uns seit Jahren beliebten äußeren Politik. Aber die Lage ist doch leider so, daß wir zahlen müssen, denn wenn der Krach nicht jetzt kommt, so kommt er sicher in ein paar Jahren. Bulgaren, Serben und die Panslawisten werden nicht still sitzen und dann geht es um Österreich und Klein-Asien, leider für uns vitale Punkte. Die Auflösung von Österreich wird innerlich durch Pfaffen, Czechen und vor Allem die Magyaren beschleunigt. Ich hielte es für ein Glück, wenn Franz Ferdinand wirklich so krank ist, wie die Donau-Zeitung behauptet. Er ist feig, bigott, entschlußlos und heimtückisch, ganz wie Ferdinand von Habsburg, nichts vom heitern Lothringer. Die Cumberland-Farce ist ein Schlag ins Wasser. S. M. hegte diesen Plan schon seit vielen Jahren. Er baut auf die Macht seiner Persönlichkeit und auf die preußische Armee, die den p.l. assimiliert. Die Erfahrung zeigt aber, daß Polacken und Prinzen, wenn sie aus der Garde heraus, in alle alten Sünden zurückfallen.

Die Universitäts-Rede von S. M. zeigt wieder, wie sich in dessen krausem Schädel die Geschichte abmalt, resp. wie er sie rücksichtslos nach seinen schiefen Auffassungen fälscht.«

 

Wien, Hotel Imperial, 3.IV.13. »Hier zu meiner leider jetzt üblich gewordenen Ohren-Kur sah und sprach ich viele maßgebende Leute. Man ist unendlich niedergeschlagen und ratlos. Die Aehrenthal-Fehler und der kolossale Schnitzer im Herbst, nicht in den Sandschak eingerückt zu sein, haben die Monarchie aus einer Position in die andere gedrängt, und sie jetzt direkt zum Gespött des Schweinehundes Nikita gemacht. Nicht minder falsch war die Haltung Rumänien gegenüber, um die Bulgaren zur Cession von Silistria zu veranlassen, versprach man ihnen 80 Adrianopel und drückte mit auf die bewußte Note. Letzte entfachte den Krieg bekanntlich von Neuem und war doppelt unangebracht, als damals die Bulgaren unter dem Druck der colossalen Verluste sich schon mit dem Nichterhalt von Adrianopel abgefunden haben. Jetzt verweigern sie auch Silistria. Rumänien macht mit Recht Österreich verantwortlich, zumal letzteres und wir mit ihm Rumänien vertragsmäßig verpflichtet waren.

Quid nunc. Österreich hat, wie auch die Skutari- und Albanesische Sache ausgeht, innerlich einen Schlag bekommen, von dem es sich nicht so bald erholt. Nach der Türkei heißt die panslavistische Parole Theilung Österreichs.

Auch bei uns scheint man die Größe der Gefahr doch nur oberflächlich zu ahnen. Unsere Presse sollte Alles vermeiden, was nur entfernt wie Sympathie für Serben und Montenegriner aussieht. Ferner sollte unsere Presse so intensiv wie möglich für eine weitere Annäherung an England eintreten. Aber da lese ich Artikel wie den der »Post« über Churchill, daß mir die Haare zu Berge stehen. Unsere Alldeutschen, Agrarier, Anglophoben machen den gleichen Fehler, wie damals, wo unsere Regierung a limine die Rüstungs-Abkommen im Haag abwies, was uns die englischen Pazifisten, unklar wie sie sind, immer noch nicht vergeben können.«

 

Haimhausen, 21.IV.1913. (nach den Balkankriegen, mit langen Betrachtungen über die geschwächte Position Österreichs und die Stärkung des russischen Einflusses. Weiterhin:) »M. E. ist unser ganzes Heerwesen rückständig. Die Aufgabe, alle Wehrfähigen auszubilden, löst auch die neue Vorlage nicht, da sie sich nicht entschließt, kürzere Präsenz zu statuieren und ohne jeden Parade-Drill auszubilden . . . Ich muß immer Vergleiche ziehen, die mir natürlich vor allem in der äußeren Lage geläufig sind. Ich diente noch 10 Jahre unter Bismarck, wie rasend ist seither der Abstieg, um nicht zu sagen Absturz.«

 

Haimhausen 18.VI.13. »Es interessiert Sie vielleicht, zu 81 hören, daß Bethmann mit Hochdruck in München, Dresden etc. für das sogen. Kompromiß (in der Frage der Vermögens-Zuwachs-Steuer) arbeitet. Er stellt seine Demission in Aussicht, so ziemlich das Beste, was dem Reich begegnen könnte, denn B. ist der personifizierte Geheimrat, den Bismarck als Totengräber seiner Schöpfung vorhersagte.

In Bayern ist wieder einmal Hertling auf seinem Ruhesitz, Ruhpolding. Der preußische Gesandte ist citissime dorthin spediert worden, um diesen Jesuiten-Knaben in beweglichen Worten zum Nachgeben zu bereden. Hertling soll auch schon weich sein, natürlich mit offener Hand.

Es scheint so, als können deutsche patres conscripti nur Blech machen, namentlich die National-Liberalen leisten bei der Militär-Vorlage das Menschen-Möglichste in blödem Reden und Stimmen.

Das Beste ist, daß in Berlin im stillen Kämmerlein eigentlich jeder anständige Politiker das weit übers Ziel Hinausschießen der Militär-Vorlage einsieht. Da zeigt sich aber das Manko eines leitenden Mannes, der dem Generalstab und plötzlichen Launen Serenissimi nicht die Zügel anlegt. Die Artillerie-Verstärkung war nötig, ebenso die Heranziehung der überschüssigen Aushebungs-Leute, aber diese nur zu 6–8 wöchentlicher Feld-Ausbildung. Jetzt haben wir eine kriegsstarke Armee, mit der die Schwächlinge in Neu-Byzanz doch nie etwas anfangen werden, die aber auf Handel und Wandel und unser ganzes Erwerbs-Leben bedenklich drücken wird.

Nötig war endlich noch die Befestigung der Ostgrenze, denn wie die Zerstörung der Türkei in Petersburg und Paris bei völliger Ahnungslosigkeit von uns ausgemacht wurde, wird als Nächstes die Axt an Kleinasien, dann an Österreich gelegt werden, für uns Beides m. E. casus belli.

Welche Beweihräucherung der so verhängnisvollen 25 Jahre! Mir wird ganz übel, wenn ich das Zeug lese.«

 

Haimhausen 8.VII.13. »Hätten Sie die Güte, mir mein Manuskript über Österreichs Balkan-Politik zu retournieren. Wenn es überhaupt Zweck hat, dasselbe zu publizieren, 82 muß es sofort geschehen. Österreich ist im Begriff, die allergrößten Eseleien zu begehen, Kavalla, Adrianopel, Wardar-Linie, soviel Worte, soviel Fehler. Et nostra res agitur. In Wien ist man geradezu verblendet. Die bulgarischen Mordbrenner werden nie einen Finger für Österreich rühren, man muß sie durch Serben und Griechen neutralisieren.«

 

Haimhausen 11.VIII.13. »Vielen Dank für Ihren Brief und Ihr Telegramm. Ich habe keineswegs die Reservatio zu dem bayrischen Artikel übel vermerkt. Die Lage ist sehr ernst, die Deutschen und auch die Süddeutschen sind ein Herdentier und schwören noch immer auf Regierungs-Autorität, mag sie auch durch solche Esel wie Bethmann und Berchthold verkörpert werden.

Was nun meine Bitte wegen des Österreich-Artikels anlangt (dessen Überschrift sehr gut geändert ist), so sah ich die enorme Dummheit Berchtholds und der Überprüfung schon seit einiger Zeit kommen. Mir kam es darauf an, schnell publizistisch gegen zu wirken. Ich war deshalb ungeduldig. Diese Berchthold-Dummheit übersteigt denn doch die Grenze des Erlaubten. Dazu die traurigen inneren Verhältnisse. Und doch können wir nicht Österreich mit Rußland tauschen. Man begreift jetzt erst recht Bismarcks System als vortrefflich, der nie zu beiden den Faden abschneiden wollte. Jetzt aber sind wir so weit, daß wir bis zu einem gewissen Grade alle Wiener Dummheiten mitmachen müssen.«

 

Haimhausen 2.IX.13. »Berchthold will keine Delegation mehr mitmachen, aber eine Bitte des Kaisers würde ihm Befehl sein. Nun hat er Fr. Josef sehr gelangweilt, aber der alte Mann weiß sich keinen Rat mehr. Ergo könnte man möglicher Weise noch lange mit Berchthold zu rechnen haben. Dieser kommt immer mehr in Abhängigkeit von Tisza. Sowieso schon halber Ungar, durch eigene große Besitzungen und durch seine in Ungarn reich begüterte Frau eng mit den Interessen des ungarischen Adels liiert, 83 sind auch seine Hauptratgeber Ungarn, rectius magyarische Edelleute.«

 

In diesen Briefen finden sich neben mancher gefestigten und bleibenden Meinung Aussprüche, die aus der Stimmung entstanden und an deren Stelle in anderer Stimmung gegenteilige Äußerungen traten, und neben zutreffendem Urteil finden sich Irrtümer von verschiedener Art. Dem Grafen Berchtold hatte Monts zuerst eine garnicht so üble Zensur ausgestellt und erst allmählich, und dann noch mit gelegentlichen Schwankungen, entzog er diesem eleganten Pferdekenner und Turfhabitué, der in sorglosem Dilettantismus die Führung der österreich-ungarischen Außenpolitik übernommen hatte, sein Vertrauen. Wenn er jenen magyarischen Junkern, die als Erziehungsmittel für die slawischen Volksteile nur Peitsche und Sporen kannten, eine schwere Schuld zumaß, urteilte er gerecht. Aber wenn er alle schlechten Eigenschaften des Erzherzogs Franz Ferdinand aufzählte, – und die Liste ließe sich noch verlängern – so hätte er doch nicht übersehen müssen, daß gerade dieser Thronfolger über die ungarischen Sünden genau so dachte, wie er, Monts, selber, und immerhin den freilich verspäteten und schon durch die Ereignisse entwerteten Wunsch zur Neugliederung erkennen ließ. Graf Monts hielt es für einen unverzeihlichen Fehler, daß bei der Verteilung der Balkanbeute die Wiener Diplomatie sich nicht auf die Seite Rumäniens stellte, sondern Bulgarien begünstigen wollte, und auch in Berlin war man ja über den Alliierten, der dem alten Hohenzollernfürsten in Bukarest die Geschenke nicht gönnte, außerordentlich empört. Aber diesmal waren ausnahmsweise die Österreicher klug, die Berliner, nicht ausnahmsweise, im Irrtum, und Wilhelms dynastischer Familiensinn, der doch diese ganze Politik gegenüber Rumänien und Griechenland bestimmte, ereiferte sich vergeblich, denn die wahren Machthaber, Take Jonescu und die anderen, hatten Rumänien heimlich schon an Frankreich und Rußland gebunden, und Carol war ein ohnmächtiger Greis.

84 Graf Monts dachte, wie man sieht, nicht unbedingt günstig über die österreichisch-ungarische Staatskunst und war sich über die Gefahren, zu denen ihre »Eseleien« führen konnten, ziemlich klar. Aber der Zug seines Herzens ging doch nach Wien, und wo das Herz spricht, findet der Verstand leicht die staatsmännische Begründung dazu. Graf Monts hatte, wie er selber erzählt, seine schönsten Diplomatenjahre als junger Botschaftssekretär in Wien verlebt. Er wird zum Lyriker, wenn er in seinen Memoiren von dieser Jugendzeit spricht, und schreibt dann schwärmerische und süße Sätze wie diesen: »Ja, es lebte sich nur zu gut an der schönen, blauen Donau, im singenden, klingenden, rauschenden Wien.« Wenn er in den Jahren vor dem Kriege seinen Wiener Ohrenarzt besuchte, fand er auch viele alte Freunde wieder und eine Gesellschaft, die noch unter dem Bilde des Patriarchen Franz Joseph sich versammelte und noch Tradition besaß. Er sah Schwächen, aber die Atmosphäre behagte ihm. Und vermutlich hätte er sogar ohne diese warme Zuneigung die Doktrin, den Glaubenssatz, das erste Gebot der nachbismärckischen deutschen Politik vertreten und für heilig gehalten: Österreichs Macht ist lebensnotwendig für Deutschland, Österreich muß gestärkt werden, Österreich darf uns nicht verlassen, und darum dürfen wir es unter gar keinen Umständen verlassen, also mit Österreich immerdar treu bis in den Tod. Alle in Deutschland, Lichnowsky und noch ein paar ungebärdige Geister ausgenommen, sprachen und dachten ja so und fragten sich auch garnicht, wohin ein Österreich, das den deutschen Alliierten verlassen wollte, denn gehen könnte, ob etwa zu dem Bunde, dem Rußland angehörte, oder wohin sonst. Graf Monts, so um Österreich besorgt, glaubte bisweilen, nicht immer, an einen nahen Krieg und gehörte dann zu denjenigen, die behaupteten, daß er unvermeidlich sei. »Und doch können wir nicht Österreich mit Rußland tauschen« – was nur hieß, daß man mit Rußland keine Verständigung suchen könne, die den österreichischen Interessen widerspreche, ebensowenig wie eine Verständigung auf Kosten der Türkei. In all diesen Behauptungen, die sehr großartig und nach 85 tiefer Überlegung aussehen, ist sehr viel papierene Theorie, und das, was als Ergebnis bewundernswerten Denkens erschien, war im Grunde recht oberflächlich, nach dem Schema, in mechanischer Befolgung der Lehrbuchvorschrift erzeugt. Hätte man sich wenigstens nach dem Lehrbuch Bismarcks gerichtet, – aber man begnügte sich mit Geburtstagshuldigungen vor seinem Monument. Natürlich könnten diejenigen, die seit langem an den Krieg geglaubt und immer von ihm gesprochen hatten, sagen, sie seien die weisen Propheten gewesen, sie hätten alles, was geschehen ist, richtig vorausgesehen. Ja, weil sie es geglaubt und immer davon gesprochen haben, ist es geschehen.

Wer einen Krieg für unvermeidlich hält, gerät mitunter in eine geistige Verfassung, in der Gewissenskonflikte beginnen. Die Versuchung beschleicht ihn mit der Frage, ob es nicht klüger wäre, selber die richtige Stunde zu wählen, der Bedrohung zuvorzukommen. Man braucht nicht erst auf Bismarck und auf zahllose andere Lehrmeister zu verweisen, um darzutun, daß Präventivkriege, ganz abgesehen von der Unmoral, die ja nicht jeden schrecken würde, verwerflich sind. Nichts in dieser Welt ist von Dauer, das Unvorhergesehene ist einer der wichtigsten politischen Faktoren, von irgendeinem Punkte der Welt her kann sich eine entscheidende Änderung entwickeln, ein halbes Dutzend Mal seit 1870 nannten die Schlachtenliebhaber von der Gattung Waldersees den Krieg mit Rußland schon unvermeidlich, und Präventivkriege können immer der Tat eines Selbstmörders gleichen, der sich in dem Augenblick, wo die Nachricht von einer Erbschaft an ihn unterwegs ist, ins Wasser stürzt. Auch Graf Monts geriet auf die schiefe Ebene des Gedankens und wollte den Pulverturm lieber gleich auffliegen lassen, weil Blitzgefahr bestand. Zu dieser Ansicht gelangte er im Frühjahr 1914, als in der »Kölnischen Zeitung« ein allseitig beachteter, in Rußland viel geschmähter, von den deutschen Offiziösen mit Unrecht gerügter, allerdings sehr düsterer Stimmungsbericht des Petersburger Korrespondenten erschienen war. Bereits hatte jemand in der »Post« den 86 Präventivkrieg für das wahre Heilmittel erklärt. Nun schickte mir Graf Monts einen Artikel, in dem er die Lehre, daß man in günstiger Position angreifen müsse, um nicht in ungünstiger angegriffen zu werden, vortrefflich vortrug und nicht ganz den Wunsch verbarg, sie in der Gegenwart angewendet zu sehen. Ich veröffentlichte diesen Artikel gern, denn das gab mir die Gelegenheit, der Idee des Präventivkrieges entgegenzutreten, die zwar von allen verantwortlichen Personen abgelehnt wurde, aber doch Verwirrung stiften konnte und äußerst unhygienisch war für bewegliche Geister ohne soliden Halt. Ohne dabei mehr als Selbstverständliches und mehr als den Extrakt oft wiederholter Argumente geben zu können, sagte ich in einer längeren Vornotiz zu den Ausführungen des Grafen Monts und am nächsten Tage in einem Antwortartikel, warum das Rechtsempfinden den Präventivkrieg verfemt und die politische Klugheit nichts mit ihm zu schaffen haben will. Ob der leichtfüßige Bülow im Sommer 1914 über den Abgrund, in den Herr von Bethmann-Hollweg schwerfällig und blind hineinrutschte, noch einmal hinweggetänzelt wäre, mag unentschieden bleiben – man möchte es beinahe glauben, obgleich Graf Monts die hinterlassene Selbstverherrlichung der verstorbenen »alten Cocotte« so skeptisch und so böse aufgenommen hat. Wie Graf Monts selbst sich verhalten hätte, wenn er im Jahre 1909 Reichskanzler geworden und es, freilich eine unwahrscheinliche Voraussetzung, 1914 noch gewesen wäre, ist wirklich kaum zweifelhaft.

Bisweilen trat, wie schon angedeutet, die düstere Theorie von der Unvermeidlichkeit des Krieges in den Hintergrund. Dann glaubte Graf Monts, Rußland werde und könne nicht Krieg führen und bluffe nur. In solcher Meinung, die ja auch die Meinung des Kaisers und des Auswärtigen Amtes war, schrieb er mir:

 

Wien, 21.II.14. »Wenn man sieht, wie elend bei uns regiert wird, beurteilt man die hiesigen Dinge recht mild. Immerhin sind Berchtold und Stürgkh große Schwachmatici . . . 87 Hier fürchtet man sich sehr vor Rußland. Und bei uns leider auch. Ich möchte aber daran festhalten, daß Rußland uns garnicht angreifen kann, aus vielen Gründen, und daß es nur blufft, um uns zu immer weiteren Konzessionen im Orient zu veranlassen.«

 

Haimhausen, 5.II.14. (mit einem Artikel über Rußland. Im Brief heißt es:) »So geht es nicht weiter, wir können nicht anhaltend auf der schiefen Ebene weiter rutschen und Nachgiebigkeit auf Nachgiebigkeit häufen. Lassen wir die Moskoviter nach Klein-Asien, so ist der letzte Rest unseres Ansehens im Orient dahin. Ich bin überhaupt immer der Ansicht gewesen, daß wir viel zu weich den Russen gegenüber waren. Rußland ist tatsächlich schwächer wie es aussieht und nur eine Desperado-Politik kann den morschen zarischen Staatsbau einem occidentalen Kriegssturm aussetzen.«

 

Dann aber brach der Krieg aus, vier Jahre lang dauerte das Morden, und vier Jahre lang wechselten auf allen Seiten Hoffnungen und Enttäuschungen, bis dort der Sieg, hier die Niederlage das ungeheuere Ringen schloß. Graf Monts durchlebte das Hinuntermüssen vom frohen Glauben zur furchtbaren Wirklichkeit, von der zustimmenden Begeisterung zur kritischen Ernüchterung so, wie es Unzählige in diesen vier Jahren durchlebten, aber bei ihm vollzog sich der Absturz unter bitteren Gemütsausbrüchen und mit besonderer Heftigkeit. Dies entsprach seiner Natur, seinem Temperament, seinem Bedürfnis nach Entladung, seiner geistigen Veranlagung, die ihn trieb, – ganz ähnlich wie Bülow, aber mit finsterem Stirnrunzeln – immer die Schuldigen herauszufinden und zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Bewußtsein der Mitschuld liegt den geborenen Anklägern fern. Wie der innere Umschwung eintrat und sich fortsetzte, zeigten die Briefe, die Graf Monts mir schickte, und nicht nur aus ihrer Sprache, sondern schon aus ihrer sehr großen Zahl, aus ihrem häufigen Eintreffen ließ sich erkennen, wie die Ereignisse den Briefschreiber in Atem hielten, in welch 88 fortwährender Erregung er sich befand. Aus dem Paket dieser Korrespondenz nehme ich hier wieder einiges heraus:

 

Haimhausen, 19.VIII.14. »Retten könnte die französische Sache nur ein genialer General, den wir ganz gewiß nicht haben. Aber unsere Mittelmäßigkeit ist eben doch weit besser wie die unserer Gegner, die uns weder Offizier noch Unteroffizier noch Musketier nachmachen. – Das große X ist nur England, m.E. der einzig wirklich gefährliche Gegner.«

 

Haimhausen, 23.VIII.14. »Die Sache macht sich ja. Sorge macht mir nur England. Was uns England bisher aber schon schadete, ist garnicht zu berechnen.«

 

Haimhausen, 14.IX.14. »Auch ich halte jeden Krieg für ein Unglück, namentlich wenn er gleich zu Beginn solche Formen annimmt, wie in Belgien und Ostpreußen. Aber dieser Krieg war leider nicht zu vermeiden . . . Sehr fehlerhaft war die belgische Politik. Jagow durfte nicht von der Unmöglichkeit der Bewahrung der Neutralität Belgien gegenüber reden. Er mußte sofort den Spieß umkehren und sagen, nicht wir, sondern Frankreich hat die Neutralität gebrochen. Sehr bedauerlich war ferner das pater peccavi Bethmanns im Reichstag, in der aber sonst würdigen Rede. – Bis dahin war übrigens die Haltung des Auswärtigen Amtes tadellos, es war namentlich sehr richtig, daß man sich sofort unzweideutig neben Austria stellte und daß man schnell, nachdem die russische Gaunerei offenkundig geworden, handelte. – Im Felde geht es über Erwarten gut. Moltke und Schlieffen machten Schule, was leider Bismarck nie tat, er ließ eigentlich nur seine Söhne in seine Karten kucken. S. M. mischt sich nicht in Dinge, die er nicht versteht. Moltke entpuppt sich als Charakter. – In Preußen war Prittwitz im Begriff, alles zu ruinieren, als Hindenburg erschien.«

 

Haimhausen 19.IX.14. »Es scheint mir unmöglich, daß 89 wir lange das Treiben unserer Feinde mit den Dum-Dum-Kugeln mit ansehen. Unsere armen Soldaten leiden erschrecklich unter dieser Grausamkeit. Unsere Heeresleitung ist gegen solche Mordbuben noch immer zu human. Da wir voraussichtlich auch weiter in der Lage sind, viel Gefangene zu machen, würde es sich empfehlen, direkt oder indirekt zu verlautbaren, daß alle Offiziere einer nachweislich mit Dum-Dum-Kugeln schießenden Truppe standrechtlich behandelt, d.h. erschossen werden.

Daß man die alte Vettel Kaiserin-Mutter (die Zarin-Mutter) ziehen ließ, mit samt dem Neffen, war auch eine große Schwäche. Zuchthaus für Ostpreußen, das wäre eine Antwort gewesen auf die Scheußlichkeiten dort.

Für heut genug. Es scheint ja, als wenn der kritische Moment vor Paris überwunden und die dortige Schlacht der Anfang vom Ende der Feld-Armee Frankreichs ist. Aber dann kommen noch die russischen Eroberer, möge es lange Herbst bleiben.«

 

Philippsruh bei Hanau, 2.XII.1914. »Inzwischen war ich noch ein Mal in Berlin, dann in Wien, wo ich als Privat-Mann alle maßgebenden Leute sprach und manches zwischen uns und Wien schwebende Wölkchen auflösen konnte. Die Reise Tiszas war auch ein Ausfluß meiner Tätigkeit. Seit einigen Tagen bin ich hier zu einigen Jagden, um dann zu gleichem Zweck nach Haus zu gehen. Vielleicht bin ich um oder gleich nach Weihnacht wieder in Berlin. Die Lage werden Sie besser kennen, wie ich hier in ländlicher Stille. Aber feststehend ist, daß wir im Westen ausschließlich Fehler machten, enorme Menschenopfer brachten und kein Absehen ist, wie wir selbst nach dem Fall von Verdun voran kommen. Man sträubte sich bei uns lange einzusehen, daß der politische und militärische Schwerpunkt seit langem schon im Osten lag. Der mit ganz unzureichenden Kräften unternommene Vorstoß Hindenburgs nach Warschau mußte mißlingen. Ein Märchen, augenscheinlich von Ludendorff aufgebracht, daß der Vorstoß wegen Dankl's Zuspätkommen mißlang. Dankl war sogar 90 2 Tage früher wie die durch den enormen Dreck aufgehaltenen 5 Corps Hindenburgs zur Stelle. Die Österreicher gaben mit großer Selbstverleugnung ihre gute San-Stellung preis, um Schlesien zu decken. Die Operation gelang, zumal endlich namhafte Truppen von West nach Ost geworfen wurden. Ob sie ausreichen, das geplante Sedan zu ermöglichen, muß sich in diesen Tagen entscheiden. Gelingt der Coup, ist m. E. die Sache im Osten entschieden. Dann könnte man wohl auch die ekelhaften Rumänen mores lehren, die wir bislang immer trotz ihres Vertrags-Bruchs und ihrer Verletzung der Neutralitäts-Pflichten mit Sammet-Handschuhen anfassen mußten. Der polnische Sieg müßte nämlich noch durch einen Vorstoß in die Kornkammer Rußlands vervollständigt werden. In Bulgarien hält der elende Ferdinand, dem die Russen mit Mord drohen, Radoslawow vom Eingreifen zurück. Alles würde aber umschlagen, wenn, wie wir hoffen, die russische Hauptarmee die Waffen streckt.

Ob Frankreich in diesem Fall das Nutzlose weiterer Kämpfe einsieht? Ich kämpfe in diesem Falle für milde, den Galliern zu gewährende Bedingungen. Aber das zarische Rußland muß niedergekämpft werden. Mit England wird überhaupt nichts zu erreichen sein, um so notwendiger ist ein Arrangement mit den Franzosen und die Vernichtung der Russen. An die Italiener knüpft man bei uns immer noch Hoffnungen. Die Sache liegt aber so, daß sie zu Ende II fertig sind und sich gegen uns wenden, wenn nicht der russische Feind entscheidend geschlagen ist. Das Volk verlangt stürmischer denn je Trient und Triest. Leider kann Österreich nicht, aus vielen Gründen nicht.«

 

Wien, Hotel Imperial. 25.I.15. »Daß Falkenhayn das Kriegsministerium abgab, ist eine Folge ernster Vorstellungen; aber mit gewohnter Halbheit verfügte S. M. seine definitive Ernennung zum Generalstabschef, als wenn er nicht schon genug Unglück über uns gebracht hätte. Die diplomatische Lage ist wenig erfreulich, da Italien weitgehende Forderungen erhebt, denen man hier nicht 91 nachkommen will. Rumänien folgt Italien. Die Mission Wedel war ein Fehler, Bülow operiert als italienischer Agent.

Da gibt uns nun Inpp. O. M. eine Waffe in die Hand, die tatsächlich alles sofort zum Besten umkehren kann. Ein neuer Sprengstoff, hier auch auf dem Steinfelde erprobt, hat ganz unglaubliche Wirkungen. Aber der schwachmütige Kanzler opponiert gegen seine Verwendung in England, London ist tatsächlich à la merci von uns. Man hat aber Skrupel und Bedenken, auch gegen den Tirpitz'schen U-Krieg gegen die Handels-Marine. Man will nur Kriegshäfen und Docks angreifen; als wenn das so leicht wäre. Darüber vergeht eine kostbare Zeit, und weiß Gott welche Abwehr-Erfindungen inzwischen gemacht werden.

M. E. müßte die Presse, die schon so einmütig den Zeppelin-Probeflug mit kleinen Bomben begrüßte, energisch für ein Weiterbenutzen dieses Kampfmittels, namentlich gegen London, die wirtschaftliche Centrale und die Hauptstadt unseres Todfeindes eintreten. England führt ja ganz erbarmungslos auch gegen unsere Frauen und Kinder den Hungerkrieg.«

 

Haimhausen, 14.II.15. »Die amerikanische Note, erläutert durch das Interview Gerards, ist eine reizende Blamage für uns. Dabei hat man das Volk überreizt durch die Vorschuß-Lorbeern des Herrn Zeppelin und die Tirpitz-Verlautbarungen. Die Ballons wären ja eine wunderbare Sache gewesen, wenn sich jetzt nicht herausstellte, daß sie nur bei ganz gutem Wetter verwendbar und daß sie sehr leicht herabzuschießen. Die U-Boot-Blockade aber, das war schon ziemlich klar, würde sich Amerika nie gefallen lassen. Es war freilich eine unangenehme Überraschung, daß sich U. S. so ganz mit John Bull identifiziert. Wie ich höre, hat Tirpitz seine Emanationen auch im Reichs-Anzeiger verlautbart, ohne den Reichs-Oberlehrer Bethmann zu konsultieren. Welches innere décousu.

Wenn man nur an die Franzosen heran könnte. Wenn die Conrad-Hindenburg-Zange so wie geplant arbeitet, könnte noch alles zu einem leidlichen Ende kommen. Aber der 92 Krieg währt schon zu lange. Wie soll das Land wohl arbeiten? Auch die letzten Männer nimmt man jetzt fort zum Landsturm. Sehr, sehr übel.«

 

Wien 30.IV.15. »Ihr freundlicher Brief vom 29. beschämt mich tief. Ich sehe, mit wie wenig Gewandtheit ich arbeite, aber ich thue es nach meinen schwachen Kräften, um dem Vaterlande und dem armen gequälten Volke zu nützen.

Sie schreiben, man solle sich zunächst über praktische Vorschläge einigen. Ich glaube, daß alle, die für einen Frieden mit England eintreten, auch bereits einsehen, daß Belgien die conditio sine qua non ist. Daß es England vor allem an der Seeküste liegt, ist klar, man will uns nicht am Kanal-Eingang haben. Dann wollen sie Belgien als Brückenkopf behalten und dem deutschen Handel mißgönnen sie auch ein direkt oder indirekt beherrschtes Antwerpen. Je nach der Kriegslage würde England aber nicht unträtabel in Bezug auf Lüttich sein und in Bezug auf Tausch-Objekte. – Rebus sic stantibus würde ich mein Augenmerk auf den belgischen und französischen Congo richten und auf die portugiesischen Colonien, die man abpachten könnte.

Daß natürlich der französische Congo nicht ein Äquivalent für Nord-Ost-Frankreich bildet, ist klar. Weitere Compensations-Objekte wären die französischen Bahnen in Anatolien, Geld und Briey, wobei man vielleicht als Gegengabe Thann opfern könnte, um den Franzosen die Sache etwas schmackhafter zu machen.

Meines bescheidenen Dafürhaltens müßte man also zunächst dem Gedanken Raum schaffen, Frieden auf Basis von do ut des, und dauerhaften Frieden, was ja allein schon den Gedanken einer Erwerbung Gesamt-Belgiens excludiert. Aber Lüttich und Luxemburg gäbe eine absolute und sehr notwendige Sicherung unseres rheinischen Industrie-Bezirks.

Tirpitz will jetzt seinen kläglichen Schiffbruch als Organisator und Politiker mit der antienglischen Hetze verdecken. Er verfolgt nur persönliche Ziele, aber wenn er momentan auch seinen Bankrott durch die Haß- und Hetz-Campagne 93 verschleiert, so muß es doch einmal tagen. Ebenso wird man uns, die zum Frieden raten, in vielleicht ganz nahen Tagen Recht geben. Das Licht bricht doch durch. Nur dürfen wir im Kampf nicht erlahmen. Bez. Tirpitz fürchte ich übrigens ganz Ähnliches wie bez. der gänzlich kopflosen Führung des Westens. Er schickt seine Schiffe heraus in den Kampf, letzte Spazierfahrt, und hofft auf ruhmreichen Kampf, rectius Untergang, ad majorem suam gloriam.

Im Westen weiß niemand, wer kommandiert, jeder General macht, was er will. Im Haupt-Quartier quatscht alles durcheinander. Falkenhayn hat gar keine Autorität. Dafür intrigiert er eifrigst gegen Bethmann und Hindenburg.«

 

Haimhausen, 2.V.15. (er äußert sich eingehend über die Kriegslage und wendet sich dagegen, daß man, um die Italiener zu halten, Österreich zu Gebietsabtretungen drängt): »Daß die Aufgabe Südtirols und Triests auch eine enorme Blamage für Deutschland ist, sieht der Haß der Wilhelmstraße gegen Österreich und die unausrottbare Sympathie für Italien nicht ein. – Angesichts der Hetze der Marine und der Alldeutschen Politiker, des Treibens der Waffen- und sonstigen Großindustriellen will unsere schwache Zivil-Regierung immer noch nicht einsehen, daß aus diesem Krieg unmöglich noch brillante Erfolge herauszuholen sind und daß noch immer der Schwerpunkt in England liegt. Dazu kommt wohl auch, daß mancher Staatsmann und General die Stunde der Abrechnung immer weiter hinausschieben möchte und daß wahres Verständnis und Liebe für das arme gequälte deutsche Volk den in angenehmer Stellung befindlichen vielfach ganz abgeht.«

 

Wie aus diesen brieflichen Äußerungen zu ersehen ist, gehörte Graf Monts zu denjenigen Befürwortern eines schnellen Friedensschlusses, die ebenso von der eigenen Kühnheit wie von der versöhnlichen Wirkung ihrer Vorschläge überzeugt waren, wenn sie nicht das ganze Belgien nehmen wollten, sondern, freilich mit allerlei anderen 94 Dingen, nur einen Teil. Und er gehörte auch zu jenen ungemein zahlreichen ehemaligen Offizieren, die nicht mehr selber an den kriegerischen Operationen dirigierend teilnehmen konnten, aber doch unruhig und beunruhigt zu Hause auf der stets ausgebreiteten Kriegskarte Strategie treiben mußten, und von denen sehr viele sogar hinterher im Frieden, solange sie nicht auf dem inneren Kriegsschauplatz arbeiteten, unablässig verbesserte Marneschlachten entwarfen, oder ein neues Tannenberg. Unbestreitbar war Graf Monts für diese Beschäftigung befähigter als die Menge der Heimstrategen, denen nicht wie ihm eine durch vielseitige persönliche Beziehungen fortwährend erneuerte Kenntnis der verborgenen Tatsachen und Zusammenhänge zur Verfügung stand. Indessen, sein Urteil war schwankend, richtete sich bisweilen nach dem Erfolg, und wenn er in seinem Brief vom 25. Januar noch nichts gegen den unbeschränkten U-Bootkrieg einzuwenden hatte und stürmisch nach »Zeppelinbomben über London« rief, so hielt er am 14. Februar nichts mehr von diesen Kampfarten, deren Konsequenzen mancher andere doch schneller erkannt hatte, und dann war es »schon ziemlich klar« gewesen, daß Amerika die Blockade nicht gleichmütig würde hinnehmen wollen. Eine andere Bombe aber fabrizierte er in jenen Tagen selber, und kein Erfinder konnte stolzer sein auf ein gelungenes Werk. In der zweiten Junihälfte dieses Jahres 1915 sandte er mir, dies war seine Erfindung, einen »supponierten englisch-russischen Vertrag«. Er hatte einen sogenannten, angeblich von den Regierungen in London und Petersburg heimlich abgeschlossenen Vertrag supponiert, fingiert, erdichtet, oder wie man es sonst nennen will – einen Vertrag, in dem die beiden Mächte unter einander die Beute verteilten, die Italiener und vor allem die Balkanvölker, Serben, Rumänen und Griechen, gründlich betrogen wurden, nicht viel mehr als das Nachsehen behielten, und auch nicht die gebührende Rücksicht auf Frankreich genommen war. Dieses Dokument, zweifellos ein Meisterstück, wünschte Graf Monts publiziert zu sehen, und als ich dieses Kriegsmittel, dieses Produkt seiner 95 List, nicht bewunderte, auf die Mitwirkung bei seiner Anwendung verzichtete, begriff er das nicht, war er sichtlich verstimmt. »Die Balkanstaaten«, schrieb er mir am 26. Juni, hätten »einen mächtigen Preller bekommen.« Und noch am 12. Juli äußerte er sich etwas ironisch über meine »Ängstlichkeit«. Sein Fabrikat wurde dann doch irgendwo ans Licht gebracht, aber der »Preller« war offenbar nicht stark genug. Eine triumphierende Bemerkung in seinem Briefe: »Die Kerle geben nach«, wobei die Rumänen gemeint waren, erwies sich als Illusion. Erfreulicherweise hielt der Ärger über meine Weigerung nicht lange an. Das konnte ich wenigstens aus dem Umstand schließen, daß die Korrespondenz und die Mitarbeit ungestört weitergingen.

 

Haimhausen, 22.VII.15: »Anbei etwas über Italien-Österreich. Ich bemühte mich den Ton zu treffen, der in Österreich gern gehört wird. Es ist bedauerlich, daß bei gänzlicher Unkenntnis der Sitten und Gewohnheiten der alten vornehmen Dame Austria Berlin immer die schneidige Note betont. Auch betreffs Rumänien wiederholte sich das Gleiche und hier zeigte sich, daß Wien tatsächlich Recht hatte. Denn die elenden Kerls dort wollen platterdings nicht ihre bescheidensten Vertrags-Pflichten erfüllen, selbst gegen die größten Versprechungen.

Es ist m. E. ein starkes Stück, von einem Trio Hindenburg, Falkenhayn, Mackensen zu reden. No. 2 ist ein höchst zweifelhafter Bursche, No. 3 nur ein mäßiges Ingenium.«

 

Haimhausen 29.VII.15. »Für Österreich besteht leider absolut kein Verständnis, nicht nur im A. Amte und in der Generalität, sondern auch im Publikum. Darum muß man publizistisch immer nachhelfen.

Österreich hat auch Truppenmangel, eine Offensive gegen Serbien ist nicht leicht. Wir tragen einen Hauptteil der Schuld, daß nichts gegen Serbien rechtzeitig unternommen wurde, wir drückten und drückten, daß die ganze österreichische Feld-Armee zu der sehr fehlerhaften Offensive 96 in Südpolen eingesetzt wurde. Wir waren befangen in blöden Offensiv à outrance-Vorstellungen und kannten die Zahl der Russen nicht.

Die Militärs scheinen zu planen, nach Erbauung einer Defensiv-Linie im Osten alle verfügbaren Menschen nach dem Westen zu werfen. Es würde sich da das Ypern-Spiel erneuern. Die Franzosen und Engländer würden aus enormen Verlusten neuen Muth schöpfen und selbst bei theilweisen Durchbrüchen immer neue Linien bauen. Schon jetzt sind 5, an einzelnen Stellen sogar 6 verschanzte Linien vorhanden.

Die Amerika-Note scheint mir dem Heuchler Wilson hauptsächlich aus Rücksichten der inneren Politik diktiert. Gefährlich ist die Sache immerhin, da Wilson den Regierungs-Apparat in der Hand hat und mit diesem jedes Volk, wie figura zeigt, in den Krieg lanciert werden kann.«

 

Haimhausen, 9.VIII.15. Er schickt einen Artikel, einen »Anti-Tirpitz«, mit Brief über die Versäumnisse im Uboot-Bau und über die »Linienschiff-Simpelei«.

 

Haimhausen, 30.IX.15. »Was sagen Sie zu der unendlich thörichten Partei-Vorstands-Erklärung der Konservativen? Die Lorbeern der Basser- und Stresemänner (in der Kriegsziel- und Annexions-Frage) lassen die Westarp und Heydebrand nicht ruhen.

In meiner Einsamkeit habe ich die beifolgende kleine Sache entworfen, deren Tendenz Sie unschwer errathen werden. Die Fassung scheint mir so vorsichtig, ich habe die eingestreuten Pillen so verzuckert, daß dies Mal die Censur kaum einen Anstand finden wird. Man muß dem Chauvinismus entgegenwirken, vor dem unsere Regierungs-Männer, wenngleich im Besitz aller Machtmittel, so schmählich Reißaus nehmen.

Die Sache im Westen muß sehr ernst gewesen sein. Ich vermuthe, daß die Führung, Division, Korps und Armee, in gewohnter Weise ausließ. Was wird die Rückwirkung auf Bulgarien sein? Man war in Berlin sehr optimistisch, 97 aber alle Balkan-Wilde sind Halunken und Nasone (König Ferdinand) ist ein ganz abgefeimter Verbrecher.

Die neuen großen Einziehungen auch unserer allerletzten Männer schädigen aufs Tiefste unser Erwerbsleben. Die blödsinnigen Barbiere, genannt Militär-Ärzte, haben Anweisung, schlechtweg alles zu assentieren, und damit bevölkert man nur die Lazarette und ruiniert halbkranke Existenzen, die noch lange ohne diesen Eingriff arbeitsfähig gewesen wären. Ich erlebte ganz besonders krasse Fälle, namentlich mit schwer Tuberkulosen. Es ist höchste Zeit, daß Frieden wird. Unsere leitenden Männer wissen dies auch und daß nur in England der Hebel anzusetzen ist, und dennoch verhetzen sie die ebenso thörichten Liberalen Asquith, Grey und Genossen in eitler Rechthaberei immer aufs Neue, wenn je sich bei ihnen eine vernünftige Regung zeigt. Und trotzdem muß man über all das die Augen zumachen, denn nur im Mitgehen könnte man vielleicht unsere Leute gelegentlich in richtigere Bahnen lenken.«

 

Zillerthal, Erdmannsdorf, 16.X.15. »Dank für Ihren Brief und die Exemplare »Freiheit der Meere«. Ich sandte gestern eines derselben an Jagow, damit er das wüste Walten der Marine-Censur sieht. Gleichzeitig kann sein Inhalt Bethmann als Waffe dienen im Kampf gegen Tirpitz, der gewiß bald wieder wider den Stachel löken wird. Sein Spießgeselle Behnke ist ja noch im Amt, entgegen der Abmachung. Ich staune.

Es sind jetzt unsere Aussichten endlich bessere. In Italien macht die Stellungnahme der 3 Balkan-Gauner-Staaten großen Eindruck. Diese rechnen jetzt mit unserem Sieg, wenigstens im Osten, sicher. Italien dürfte bald um gut Wetter bitten.

Die Censur bei uns ist ein Blödsinn. Daß »Europa« solchen Ärger erregte, zeigt, daß es zum Ziele traf. Man ist in den nicht von Reaktionären, Groß-Industriellen und Alldeutschen totaliter verblendeten Kreisen des Krieges mehr als müde und möchte mit einem blauen Auge davonkommen. Bitte senden Sie mir umgehend hierher ein Päckchen, da 98 ich von vielen Seiten gebeten werde, ihnen einen Abzug zu senden, und garnicht genug Propaganda gegen das blödsinnige Treiben der Hetzer grade in den konservativen Kreisen gemacht werden kann. Die Regierung ist zu stumpf dazu, teils fürchtet sie sich auch.«

 

Haimhausen, 4.II.16. »Die Sorge wegen Amerika drückt mir die Feder in die Hand. Wilson und Lansing sind sicher schon seit langem direkt England verpflichtet. – Ich glaube kaum, daß der Bruch, zunächst Abbruch der diplomatischen Beziehungen sich zu einer Kriegs-Erklärung verdichtet. Dieser würden weiteste Kreise in Amerika entgegen sein. Aber schon der bloße Abbruch der Beziehungen bedeutet für uns, wenn nicht den Verlust des Krieges, so doch die Unmöglichkeit, den Krieg zu einem nur leidlich guten Ende zu führen. Unsere Hoffnung jetzt besteht vor allem darin, daß England der Atem mit Geld und Munition ausgeht.«

 

Zillertal, 23.IV.16. »In Österreich machte ich allerlei Beobachtungen, die Staatsleitung ist vielleicht noch minderwertiger wie die unserige. – Apostolicus (Kaiser Franz Joseph) nimmt sich seiner Sache mehr an, als unser Gesalbter, ist auch erfahrener, ruhiger und in letzter Linie sogar einsichtiger, aber die hohen Jahre und eine Camarilla entfremden diesen Monarchen noch mehr wie andere der Wirklichkeit.«

 

Haimhausen, 26.VII.16. »Das sind nette Zeiten, die uns die Unfähigkeit der Herren Falkenhayn und Conrad einbrockte. – Mit der Unfähigkeit gingen Streberei, Ehrgeiz und Neid wenigstens bei Falkenhayn Hand in Hand. Was soll man auch von S. M. denken, den F. geradezu an der Nase herumzieht, zuerst verspricht er Verdun in 16 Tagen, dann zu Ostern, darauf ganz sicher zu Pfingsten und das Kind läßt sich immer erneut beschwichtigen.

 

Haimhausen, 7.III.17. (er äußert sich in sehr scharfen Worten über die bekannte Note an Mexiko, diese 99 »unglaubliche Blamage«, und ihren Urheber, den Unterstaatssekretär Zimmermann.) »Aus Wilson werde ich nicht klug. Überrascht hat mich die starke pazifistische Strömung in Amerika. – Im Westen, so höre ich von guter Seite, sei man seiner Sache sicher.«

 

Haimhausen, 22.V.17. (beim Regierungsjubiläum des Kaisers:) »Der moderne Romantiker auf dem Throne ist kaum weniger schädlich gewesen, wie s. Z. der feudale Romantiker Fr. W. IV.«

 

Haimhausen, 23.V.17. (Man müsse trotz aller Unzulänglichkeit dem Auswärtigen Amt den Rücken stärken, gegenüber der Militärpartei. Dann sehr scharfe Äußerungen über Zentrum und Kurie.) »An den Jesuiten werden unsere Doktrinäre auch noch die helle Freude erleben.«

 

Haimhausen, 2.VI. 17. »Im Übrigen heißt es warten, wenn man sich auch nicht ähnlich wie Bethmann mit seinen Gelehrten, die des »Kladderadatsch« waren klüger, die Zeit durch eine Lustfahrt nach Brüssel abkürzen kann. Die Dinge in Rußland geraten immer mehr auf die schiefe Ebene. Die Revolution entstand im Wesentlichen durch Hunger. Die jetzt verteilten Armee-Provisionen dürften zur Neige gehen, also neuer Hunger und neue Wirren, die die Rothen mehr in ihrer Herrschaft über die Massen befestigen, resp. das allgemeine Gâchis entladen müssen. Es gibt schließlich nur 2 Parteien, die Rothen und die momentan ohnmächtigen Czaristen, die beide den Frieden wollen. Den Krieg will nur die bürgerlich-demokratische, mit panslavistischen und nationalistischen Zielen, die aber keine Massen, sondern nur dünne Schichten in den Städten hinter sich hat. Also eine Gefahr im Osten sehe ich nicht mehr, die größte liegt in einer schlechten Ernte, auch sind wir selbst mit unseren geradezu blödsinnigen Organisationen unsere schlimmsten Feinde. Was die Beamtenschaft und die verschiedenen Stellen leisten, ist einfach haarsträubend.

Eine schlimme Rückwirkung äußert die russische Revolution in Polen und in Österreich. Ad. I war die von den 100 Eseln Beseler und Ludendorff durchgedrückte Unabhängigkeits-Erklärung nur dann erträglich, wenn ihre Nachtheile durch Aufstellung der polnischen Armee kompensiert wurden. Man erhoffte in wahrer Simpelei freiwillige Meldungen en masse. In Österreich aber erheben die sogenannten Nationalitäten ihre struppigen Karyathiden-Häupter.«

 

Haimhausen 29.IV.1918. »Auch von mir muß ich Krankheit melden. Es ging mir sehr schlecht und auch jetzt noch, in der 7. Woche nach meiner Erkrankung fühle ich mich matt und elend. Die Anlage ist daher auch nur eine Rekonvaleszenten-Arbeit, wie ich überhaupt erst seit wenigen Tagen wieder im Stande bin, täglich mehr wie einen oder zwei Briefe zu schreiben.

Wie ich so sehr hohes Fieber und starke Schmerzen hatte, sehnte ich oft Freund Hain herbei. Denn das Leben ist jetzt wahrlich alles andere als eine Freude. Abgesehen von der allen gemeinsamen Zuchthaus-Existenz sehe ich in Berlin nur Schwäche und Impotenz, dilettantische und rohe Militärs sich in alles mengen und die führenden Klassen sich einem m. E. ganz unbegründeten Chauvinismus und Optimismus hingeben, den man für Patriotismus ausgibt. Das eigentliche Volk aber denkt anders.

Selbst wenn die ungeheure Opfer kostende westliche Offensive die Engländer aus Frankreich vertreiben sollte, was mir bei dem Kilometer-Ringen doch sehr fraglich erscheint, sehe ich kein Ende. Vielen Engländern wäre diese Retirade sogar sehr recht, die blutigen Opfer hörten auf, die Industrie könnte mit den überschüssigen Soldaten neu belebt werden, namentlich der Schiffsbau, und der Wirtschafts-Krieg würde sich gleichzeitig auf Ganz-Europa erstrecken. Frankreich und Italien ließe man damit freilich dans le petrin, aber Ehren-Wilsons ist man sicher, was die Hauptsache.

Den Unglücks-Menschen bei uns, namentlich den mit Scheu-Klappen versehenen Generalen, wie dem politischen Nichtwisser Hindenburg, dem präpotenten Ludendorff, seinen Einbläsern Bartenwerffer und Braun ist nicht klar 101 zu machen, wie ein orientalischer Misch-Staat unserem Ansturm wohl erliegen mußte, daß aber unsere Kräfte nicht mehr reichen, um Nationalstaaten wie Frankreich und Italien ganz nieder zu werfen, und daß die Anglo-Sachsen völlig außerhalb des Bereichs unserer Machtmittel sind.

Und dann Österreich. Der klerikale Trottel Carolus ist ein Unglück. Trotz aller Siege bricht das Werkel, dauert der Krieg noch lange, doch auseinander.

Daß Sie Kühlmann stützen, halte ich für sehr gut. Haupthetzer gegen ihn ist Bülow, der dem elenden Bernhard Material gibt und aufstachelt. K. ist gewiß kein idealer Staatsmann, aber er hat eine große Gabe, mit dem Parlament gut um zu gehen. Immerhin ist er 1000 × besser wie der elende Streber Helfferich oder gar Rödern, der ein 2. Michaelis sein könnte. – Daß Michel immer noch an Tirpitz glaubt, ist unerhört.«

 

Haimhausen, 8.V.1918. »Egomet bin immer noch halber Lazarus. Im Alter geht es sehr schnell bergab, aber sehr piano, pianissimo in die Höhe. – Daß die Censur so kleinlich, ist einfach kläglich. Ich hielt Kessel immer für einen Esel. Seine Mannen mögen wohl noch dümmer sein. – In Berlin spielen Konservative und Liberale das Spiel des Centrums.«

 

Haimhausen, 5.XII.1918. »Anscheinend gibt es immer noch Leute, die sich über die Revolution freuen. Ich halte sie für das größte Verbrechen der deutschen Geschichte. Mit der verdammten rothen Fahne wird keiner unserer Feinde verhandeln. Und Bockssprünge, wie sie der Phantast und beschränkte Kopf Eisner hier verübt, mit der Absage an Berlin, der unerhörten Beraubung des Reichskuriers und der geradezu wahnsinnigen Publikation der Schön-Depeschen, kosten uns, selbst wenn das Einrücken vermieden wird, schwere und schwerste Bedingungen. Denn Wilson hätte die Kraft gehabt, einer Volks-Regierung, wie sie das Kabinett Baden repräsentierte, den Weg zu ebnen, dem rothen Gesindel in Berlin sicher nicht. Denn darüber sind 102 sich alle feindlichen Regierungen einig, das Bolschewiki-Regime in Berlin; wie es heut besteht, nicht zu dulden.

Wenn der Verbrecher Eisner behauptet, 99 % der bayrischen Bevölkerung stehe hinter ihm, so ist das eine unerhörte Lüge. Seine Suada hat wohl momentan den Beifall der politisch ganz urtheilslosen Massen, aber alle älteren Arbeiter, selbst Sozi reinster Observanz, sind empört über diesen Schwindler.

Die Zeitungen dürfen nichts schreiben über die vielen Raube und Diebstähle in und um München. Wir sitzen alle mehr oder minder auf einem Pulverfaß. Wir beten um Waffen für die Bauernschaft. Einstweilen habe ich ein geladenes Gewehr am Bette und werde ich mein Leben teuer verkaufen.«

 

Der Herausgeber jener Briefsammlung, die als Ergänzung zu den Memoiren erschien, rühmt an dem Grafen Monts den »fast hellseherischen Blick«. Auch Graf Monts war, wie gewöhnlich die Propheten und wie die meisten Sterblichen, mitunter erst hinterher hellseherisch. Daß das Ultimatum an Serbien ein »Wahnsinn« war, hat er erst im Jahre 1921 konstatiert. Daß Österreich recht hatte, als es den Rumänen nicht traute und ihnen im Balkanfrieden nicht noch eine Extrabelohnung auszahlen lassen wollte, gibt er nachträglich in dem hier mitgeteilten Brief aus dem Juli 1915 zu. In seinen Memoiren verurteilt er mit ausgezeichneten Worten, und sowohl aus rechtlichen wie aus politischen Gründen, den Einmarsch in Belgien, den Neutralitätsbruch, in dem er »den Fehler und das Unglück der Kriegserklärung« sieht. Er spricht von dem »durchaus verwerflichen Schlieffen-Plan«, auf dem diese ganze Strategie, der einzige strategische Besitz des Generalstabschefs Moltke, beruhte, und sagt an einer anderen Stelle, daß »die Generäle, die neben der Schwäche von Kaiser und Kanzler hierfür« – für diesen »kapitalen Fehler« – »die Verantwortung trugen, ahnungslos betreffs der ungeheuren materiellen und moralischen Macht Englands« gewesen seien. Alles sehr richtig und gut. Aber in keinem seiner Briefe aus den ersten 103 Kriegsmonaten, in keinem aus der ganzen Zeit des Krieges, findet sich die leiseste Kritik an der Vergewaltigung Belgiens oder an dem Plan Schlieffens, zuerst schien doch alles herrlich, und in einem Brief an den Freiherrn von Oppenheimer vom September 1914 steht noch: »Auch ist die Generalleitung durch Moltke und seine Leute einwandfrei.« Im Oktober 1918 aber bricht er mit der Preisfrage: »Wer war der Unfähigste unter den Generalen und Staatsmännern?« über alle den Stab. Nein, wenn man dem Grafen Monts eine hellseherische Gabe zuschreibt, dann darf man nicht verschweigen, daß auch dieser Seher viele schwächere Tage hatte, und daß er bisweilen vor dem Gift im Weine warnte, als der Wein schon längst getrunken war.

Es braucht nichts mehr vom Inhalt der Briefe gesagt zu werden, über die darin behandelten Ereignisse und Personen steht das Nötige in allen Nachschlagebüchern, und erläuternde Anmerkungen und Auslegungen kann man nur bei Autoren nicht vermeiden, deren Sprache dunkel und rätselhaft ist. Die Sprache des Grafen Monts ist nicht dunkel, sondern von einer angenehmen Klarheit und Deutlichkeit. Sie windet und schlängelt sich nicht um die Wahl des prägnantesten Ausdruckes herum. Sie wählt eigentlich überhaupt nicht, sie platzt sozusagen heraus, sie ist die Sprache der Offenherzigkeit und ähnelt nicht entfernt jener diplomatischen Sprache, die zum Verschweigen der Gedanken dient. Man bereitet sich ein stilles Vergnügen, wenn man den Briefstil des Grafen Monts mit dem des Fürsten Bülow vergleicht. Wie die kräftige, trotzige Schrift des Grafen Monts mit ihren hohen Buchstaben sich von der fein und leicht dahinperlenden des Fürsten Bülow unterscheidet, so unterscheidet sich die unfrisierte und ungeschminkte Schriftsprache des Grafen Monts, in der viele Derbheiten knallen und deren gewissermassen abgehackte und einzeln stehende Sätze kaum eine Harmonie bilden, von dem eleganten, geglätteten, gerundeten, ziselierten, pointenreichen Stil Bülows, in dem es süße und bittere Bonbons, die schmeichelnde Grazie ehemaliger Hofquadrillen und die Heimtücke sanft beigebrachter Dolchstöße 104 gibt. Etwas hat Monts mit Bülow gemein. Er zitiert zwar erheblich weniger und verfügt, da sein Lesebedürfnis offenbar auf historische und irgendwelche fachwissenschaftlichen Werke beschränkt war, über einen geringeren Zitatenschatz – lateinische Zitate, immer dieselben, verwendet er häufig –, aber auch er hat, und mehr noch als der andere, eine Vorliebe für französische Vokabeln und Redewendungen, und ganz ungezwungen, ohne eine gewollte Koketterie, macht er von diesem Französisch einen bisweilen sonderbar reichlichen Gebrauch. »Hier ist«, schrieb er zum Beispiel an Tschirschky, »ein völliges décousu vorhanden, irgend einen appui haben wir nicht.« Eine Notwendigkeit, in diesen Fällen zum französischen Sprachschatz zu greifen, lag eigentlich nicht vor. Man könnte sagen, dieser Sprachschatz sei das einzige, was ihm von seinen französischen Vorfahren geblieben sei. Wenn in seinen politischen Anschauungen lange Zeit Sympathien für Frankreich, oder doch Objektivität und Unvoreingenommenheit zu Tage traten, so änderte sich das nach dem Kriege, wo die gerechte Empörung über den Versailler Vertrag alle anderen Gefühle verdrängte und er den »Galliern« – dieses Wort hatte er von Wilhelm II. übernommen – nur noch mit unversöhnlichem Haß gegenüberstand. Aber hatte die Gewohnheit, die deutsche Sprache mit französischen Diamanten zu schmücken, etwas mit seinem Stammbaum zu tun? Sie war eine noch aus der Zeit des Wiener Kongresses vererbte Gewohnheit mancher deutschen Hofleute und Diplomaten und, wie ehemals der rote Absatz, wie jetzt noch das auf den Frack gestickte weiße Johanniterkreuz und in England der Hosenbandorden, das Privilegium einer vornehmen Zunft.

Eine Enttäuschung hat die Bekanntschaft mit dem Grafen Monts mir gebracht. Man hatte soviel von seinen witzigen Bosheiten erzählt, und nun suchte ich sie und fand sie nicht. »Monts«, sagt der Herausgeber seiner Memoiren, »war geistvoll zu jeder Zeit.« Und: »Um seines Geistes willen liebte man ihn, haßte man ihn.« Diejenjgen seiner Bewunderer, die vor allem die geistreiche Art seiner 105 Spottsucht hervorheben, könnten mir sagen, daß ich ihn immer gerade in seinen schwächeren Momenten erlebt habe, und daß all die Briefe in ungünstiger Laune geschrieben worden seien, ungefähr wie die Verehrer eines berühmten Schauspielers, den wir nicht so brillant finden, uns vorhalten: »Ja, als Marc Anton hätten Sie ihn sehen müssen, da ist er unerreichbar und hinreißend in seiner Genialität.« Mag sein, aber ich habe ihn nicht als Marc Anton gesehen. Er hatte nicht das amüsant nichtswürdige Lächeln, mit dem Bülow seine Pfeile abschoß, und er schoß nicht mit Pfeilen, sondern warf mit Handgranaten, und er lächelte garnicht dabei. Er ließ nicht behaglich kleine Infamien zwischen die Zeilen gleiten, sondern war, wie könnte man das übersehen oder vertuschen, männlich, mannhaft und charaktervoll grob. Nein, nichts von der verderbten Bülow'schen Glätte und auch nichts, die erwähnten Vokabeln ausgenommen, von jener französischen Briefkunst, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert blühte und noch im neunzehnten auf einige zierliche Damen und Herren überging. Am ehesten glich der Wortvorrat, mit dem Graf Monts bei der Aburteilung seiner Zeitgenossen verfuhr, dem Kiderlenschen Wörterbuche, nur daß die Gemeinde des Herrn von Kiderlen-Wächter uns die freundschaftlichen Spottnamen, mit denen der saftige und trinkfrohe Schwabe seine Kollegen taufte, als Erzeugnisse schwäbischen Humors anpreisen konnte, während dem Grafen Monts überquellender Humor eigentlich nicht nachzusagen war. Es wäre interessant, wenngleich ermüdend, nachzuzählen, wieviele Esel in seiner Korrespondenz herumtraben, und nur manchmal wählt er die elegantere lateinische Bezeichnung, so wenn er »Bethmann asinus« schreibt. Bülow ist zum mindesten Ehren-Bernhard und Schwindler, der Generaladjutant von Hahnke ein Kriegsazteke, Posadowsky un homme funeste pour nous, Miquel Subjekt, Kanaille, Hindenburg politischer Nichtwisser, der Kaiser Karl ein Trottel, Ferdinand von Bulgarien ein Verbrecher und, seiner großen Nase wegen, »Nasone«, Nikita ein Hammeldieb, Helfferich eine elender Streber, Hertling ein 106 Jesuiten-Knabe, Falkenhayn ein frevelhafter Bursche, der Reisebegleiter des Kaisers, von Treutler, ein Kavallerie-Wachtmeister en retraite, die Zarin-Mutter eine alte Vettel, auch für Wilhelm II. findet sich allerlei. Einer der wenigen, die verschont blieben, war der Staatssekretär von Jagow, den Monts liebte und den er mir immer wieder empfahl: »Gehen Sie mir fein säuberlich mit dem Knaben Jagow um!« Solche Güte war seltener als am Äquator Schnee. Auch schreckte Graf Monts bei der Abfassung seiner Memoiren nicht zaghaft davor zurück, unsympathische Personen ganz bestimmter Verbrechen zu beschuldigen, und so nannte er es selbstverständlich, daß »die Herren Poincaré« und Iswolski von Sasonow au courant der sich vorbereitenden Dinge inclusive Attentat gesetzt« worden seien. Alle drei waren also Mitwisser bei der Ermordung Franz Ferdinands – eine Behauptung, die, in einem historischen Werk von bleibendem Wert so frisch von der Leber weg vorgebracht, immerhin frappiert. Empfängt man den Eindruck, daß in dieser ganzen Aufeinanderfolge heftiger Schläge eine titanische Kraftnatur sich entladet, ein Vulkan sich befreit? Oder scheint der Vulkan statt eines gewaltigen Feuers nur Galle auszuspeien ? Das mag jeder nach eigenem Sinn entscheiden, aber jeder dürfte mit Bedauern feststellen, daß man dem Grafen Monts ganz grundlos geistreichen Sarkasmus, tötlichen Witz vorgeworfen hat. Bürgerliche Dutzendfeuilletonisten waren erfinderischer, aber muß sich der Ackergaul nicht mehr anstrengen als das Flügelpferd? Noch in einer Geschmacksfrage fanden die beiden Gegner, Monts und Bülow, sich zusammen. Bülow hat in seinen Memoiren über manche Damen, auch über die Kaiserin, in einer Weise gesprochen, die man mit Recht äußerst undelikat gefunden und scharf getadelt hat. Graf Monts hat die beleidigten Frauen gerächt. In seinen Memoiren hat er der Fürstin Bülow einige indiskrete Bloßstellungen nicht erspart. Es könnte hingehen, daß er diese Frau, die wirklich die liebenswürdigste Anmut des Geistes besaß, nur »Mariechen« nennt – zweifellos gestattet die gesellschaftliche Nähe eine solche scherzhafte Vertraulichkeit. Aber es 107 drängt ihn auch, ausführlich den »etwas abenteuerlichen Lebenswandel« zu erwähnen, den sie vor ihrer Verheiratung mit Bülow geführt haben soll. Fürst Bülow und Graf Monts sprachen in ihren Büchern mit sehr viel Verachtung von den schlechten Manieren der Leute aus den unteren Klassen, der demokratischen Emporkömmlinge, denen die feine Erziehung fehlt. Wie das Edelweiß, wächst auf der Höhe der Gentleman.

Über der Betrachtung von Waffen, die nicht in der Werkstatt eines einfallsreichen und frohsinnigen Künstlergeistes entstanden, und über der Betrachtung der Form darf man doch immer wieder nicht vergessen, daß bei der Mehrzahl der Urteilssprüche, die Graf Monts als Richter fällte und als Scharfrichter vollstreckte, ungefähr Gerechtigkeit waltete, und daß krasser Justizmord vereinzelt blieb. Die Auserwählten, die Deutschland regierten oder ihm sein Schicksal schufen, konnte nur derjenige überschätzen, der sich durch Titel, Würden und Tressen blenden ließ. In seinem Brief an den Grafen Pückler, im Oktober 1918 geschrieben, hat Graf Monts beispielweise über »die abenteuerliche, wahnwitzige Offensive im Westen«, mit der »heillosen Unterschätzung des Feindes«, dem »beständigen Verrechnen«, das absolut Richtige gesagt, und es vermindert den Wert seiner Kritik nicht, daß jeder gewöhnliche Soldat, der im Frieden die Felddienstvorschriften gelernt hatte, ebenso fähig sein konnte, die Unvorsichtigkeit einer Strategie, die den im Walde von Villers-Cotterets verborgenen Feind für völlig aufgerieben hielt, zu durchschauen. Und viele andere Fälle wären aufzuzählen, in denen Graf Monts mit klarem Blick und unbeirrt durch Vernebelung die Wahrheit der Dinge erfaßte, manchmal, bevor sie geschahen, und häufig, es konnte nicht anders sein, als alles vorüber war.

Wie könnte man nicht verstehen, daß Graf Monts, nachdem er sämtliche Paladine des alten Regimes samt dem Oberhaupt zersäbelt hatte, beim Ausbruch der Revolution zorniges Entsetzen empfand? Wer wüßte nicht, daß auch in dieser Revolution allerlei Wichtigtuer und Schmarotzer im gefundenen Auto stolz durch die Straßen sausten, und 108 mancher kleine Fisch des Meeresgrundes an die Oberfläche kam? Begreiflich auch, daß Graf Monts sich nun wieder als erprobter und strammer Monarchist fühlte, und man muß es durchaus respektieren, daß er, der freilich vom neuen Staat nichts mehr begehren und erwarten konnte, kein Überläufer war. Nein, zu den strebsamen Überläufern, die bei jedem Umsturz schnell den Anschluß erreichen wollen, gehörte er nicht, und gegen solche Schwäche war er auch durch seine Begabung, immer das grade Existierende zu negieren, hinreichend geschützt. Aber dieser Trieb zur ewigen Negation und zum Haß war so übermächtig in ihm und wurde jetzt durch die Entrüstung des Aristokraten, der ein niedriggeborenes Geschlecht emporrücken und privilegierte Kasten aus dem Machtbesitz verdrängen sieht, so sehr verschärft, daß ihm das Gleichgewicht gänzlich entschwand. Alles, was von dort unten, oder selbst aus der Bürgerschicht, ans Licht trat, war »Pöbel« und »Gesindel«, und wenn er auch ebenso die konservativen Elemente, die übriggebliebenen Parteien der Monarchie und ihre Führer ohne Ausnahme für total unfähig erklärte und den »blöden Antisemitismus« ablehnte, so ließ er auf der anderen Seite, auf der Seite des neuen Staates, nichts und niemanden gelten, zuerst nicht die Sozialdemokraten und später ebensowenig »den unseligen Laien Stresemann« . . . »ce cher docteur Stresemann«. All diese Leute maßten sich an, Politik und Diplomatie mit ihren plumpen Fingern zu handhaben, und glaubten frech, die Geheimnisse der alten geweihten Priesterkaste zu verstehen. Das allein war schon verbrecherisch. Er sprach, in seinem Brief vom 12. Dezember 1918, von einem »Bolschewiki-Regime in Berlin« und setzte seine Hoffnung auf die feindlichen Regierungen, die es nicht würden dulden wollen. Und ihm war doch sehr gut bekannt, daß dieses Ebert-Regime, das aus dem Chaos heraus und wieder auf festen Boden führte, mit den »Bolschewiki«, die damals Spartakisten hießen, den täglichen Straßenkampf auszukämpfen hatte und nicht nur sich verteidigte, sondern ganz besonders den Bürger und den Adligen davor bewahrte, von der Flut verschlungen zu werden und 109 unterzugehen. Während die besseren der neuen Männer sich abmühten und sich aufrieben, saß Graf Monts im Schloß von Haimhausen, oder er wohnte in Berlin bei seiner Freundin, der reichsten Witwe aus jüdischer Aristokratie, und wurde von den Damen verhätschelt, von vielen wie das Delphische Orakel verehrt. »Im prachtvollen Palais am Pariser Platz«, schrieb er dann an den Freiherrn Felix Oppenheimer, »wurde ich herzlichst und viel zu opulent aufgenommen.« Ein Jahr vor seinem Tode ließ er sich photographieren, und dieses Bild, auf dem man ihn in einem hohen Lehnsessel sitzen sieht, haben die Herausgeber seinen Memoiren beigefügt. Er war noch der schöne Mann, das weiche weiße Haar umrahmte noch ungelichtet die Stirn, die Augen blickten klar und streng in die häßliche Welt hinaus. Über den betreßten Diplomatenfrack spannt sich ein breites Ordensband, fünf Sterne hoher Orden schmücken die Brust, und die auf den Knien ruhenden Hände halten den Degen und den dreispitzigen Hut.

Jenem Brief vom 5. Dezember 1918, in dem er mir schrieb, daß er ein geladenes Gewehr am Bett habe und sein Leben teuer verkaufen wolle, folgte nach langer Zeit, genau drei Jahre später, noch ein Schreiben – das letzte, das ich von ihm erhielt. Es bewies in jedem Falle, daß sein zorniges Gemüt sich noch nicht beruhigt hatte, denn es standen solche Sätze darin:

»Ich gehöre zum alten Eisen, wenn ich auch den Vergleich mit den Berliner Geistesgrößen oder Erbärmlichkeiten wie Wirth, Rathenau und Genossen keinen Augenblick scheuen würde. Armes Deutschland, das von solchen elenden Schulmeistern oder konfusen Bücherschreibern immer tiefer in den Dreck geführt wird!«

Soviel scharfe Säure hatte er früher gegen Bülow, Tirpitz, Falkenhayn und andere Personen des kaiserlichen Regimes verspritzt. Spätere Spuren seines Wesens sind acht Briefe an Felix Oppenheimer, davon fünf aus den Jahren 1921–1924, alle mit Klagen und Anklagen angefüllt. Erfreulicherweise brauchte er das Gewehr nicht abzufeuern, das geladen 110 neben seinem Bette lag. Seinem Leben wurde nur durch die Alterskrankheit ein Ende gesetzt. Der Brief an mich vom 5. Dezember schloß mit dem Satze: »Wenn man sich nicht entschließt, coûte que coûte Ordnung zu machen, verhungern wir, wenn wir nicht, auch Sie, Liberale, Demokraten und Aristokraten, aufs Schafott gehen, alle zusammen.« Auch diese Befürchtung war unbegründet, und seine Einbildungskraft spiegelte ihm ganz unnötig solche tragischen Szenen vor.

So groß seine Unerschrockenheit auch war, – so weit, daß sie ihm erlaubt hätte, später, bei der Abfassung seiner Memoiren, unsere Beziehungen, den von ihm so rege geführten Gedankenaustausch und seine publizistische Mitarbeit zu erwähnen, konnte sie nicht gehen. Die Zeiten hatten sich geändert, der Verkehr, den er ehemals gesucht hatte, paßte nicht mehr zu seinem Anschauungskreise, und wie sollte er vor seinen Zuhörern, denen er jetzt rastlos die Erbärmlichkeit aller Demokraten und Liberalen schilderte, das Bekenntnis ablegen, daß er selber sündhaft gewesen und lange Jahre hindurch mir in seinen Briefen ein eifriger Führer durch die Weltgeschichte und ein treuer Mitarbeiter gewesen war? Man kann es ihm nicht übel nehmen, daß er diesen Teil seines Lebensweges sozusagen vernebelte, die Fußtapfen sorgfältig verwischte, die Tatsachen behutsam verschwieg. Und so weist, da auch die Biographen und Herausgeber pietätvoll seinem Beispiel folgten, auf diesen Abschnitt seines Erdenwandels nicht einmal die leiseste Andeutung hin. Jetzt hatte Graf Monts, der kein undiplomatisches Wort im Busen zurückzuhalten vermochte, die Kunst des diplomatischen Verschweigens gelernt. Der Leser erfuhr nicht oder sollte nicht daran erinnert werden, daß Graf Monts nach seinem Rücktritt vom Botschafterposten neue Wirkungsmöglichkeiten fand, sich publizistisch betätigte, mir eine lange Reihe von Artikeln zur Belehrung des Publikums übergab. Lieber sollte man denken, er habe all die Jahre hindurch in Haimhausen nur die Blumen begossen und nichtstuerisch den Ereignissen zugeschaut. Im April 1915 schrieb er mir, er arbeite, um 111 nach seinen schwachen Kräften dem Vaterlande und dem armen gequälten Volke zu nützen, aber nun durfte nichts an diese Arbeit im Dienst des Volkswohls gemahnen, und nichts in seinem eigenen Rückblick und in den Mitteilungen seiner Biographen gemahnt daran. Eigentlich ist es doch schade, daß infolge dieser ängstlichen Diskretion in dem gewissenhaft verfaßten Lebensbuche ein ganzes Kapitel fehlt. Mit dieser Methode wurde man dem Grafen Monts nicht gerecht, und er wurde sich selbst nicht gerecht. Er war nicht nur ein Staatsmann, der beinahe Reichskanzler geworden wäre, sondern auch eine Persönlichkeit mit vielartigen Charaktereigenschaften, die in der edlen Banalität einer Paradephotographie nicht genügend zur Geltung kommen kann. Aber der eine liebt die lebendige Erscheinung mit allen Zügen ihrer Menschlichkeit, der andere die tote Pracht. 112

 


 

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