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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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projectid55783bbc
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1.

Draußen war es noch stockdunkel, als August Gläser mit einem lauten Schrei aus einem wüsten Traume erwachte. Im Schlafe hatte er an dem Kreuze eines entsetzlich hohen Kirchturms gehangen, bis er die Kraft verlor und in die fürchterliche Tiefe stürzte. Und so saß er jetzt einige Augenblicke wie gelähmt da, mit dem Gefühle eines Menschen, der einen unheimlichen Druck im Gehirn verspürt, den er erst allmählich überwinden muß.

»Was hast du denn?« fragte Anna Schiman, die den Platz auf dem langen, niedrigen Holzkoffer mit ihm teilte und nun besorgt seine große, knochige Hand mit ihrer kleinen, runden tätschelte. Sie hatte immer warme Hände, die sie während der ganzen Fahrt unter dem dicken Seelenwärmer verborgen hielt. Und so empfand er im Augenblick das Wohlige dieses Streichelns, mit dem sie ihn des Nachts hin und wieder ermuntert hatte, um zugleich immer aufs neue damit anzudeuten, daß er sich ihres unbeschränkten Besitzes erfreuen dürfe.

»Sind wir schon da?« gab er zurück und reckte, nun zur Besinnung gekommen, den langen Hals aus dem dicken, gestrickten Schal hervor, den er sich mehrfach umgewürgt hatte und dessen Knotenenden unter den Knöpfen des dicken Flausrockes verborgen waren.

Sie lachte, denn jedesmal, wenn bei einer Station das Gerassel der Eisenbahn langsam erstarb und der Wagen die letzten Püffe bekam, die sich endlos fortzusetzen schienen, richtete er dieselbe Frage an sie wie jemand, der, fortwährend wie betäubt, nichts versäumen kann, weil eine andere gute Seele ihn stets daran erinnert.

»Es ist noch lange nicht so weit, willst du eine Stulle haben?« sagte sie dann und griff auch sofort in den Klappkorb, der neben ihr stand und in dem sich das Eßmaterial für eine ganze Woche befand.

Er nickte nur, denn stets hatte er Hunger, weil sein unergründlicher langer Magen immer der Arbeit bedurfte, falls die Langeweile nicht durch das Tabakrauchen getötet wurde. Und so biß Gläser gierig in das dick bestrichene Schmalzbrot hinein, dessen Umfang dem eines kleinen Tellers glich. Er sagte kein Wort dabei, ließ aber nun die beweglichen Augen, aus denen er sich den letzten Schlaf wischte, durch den langen Wagen vierter Klasse schweifen, in dem die Fahrgäste, fast unkennbar im trüben Schein der nur winzig brennenden Flamme an der Decke, auf ihren geringen Habseligkeiten wild durcheinander lagen und hockten gleich den Überresten menschlichen Unglücks, die, über der letzten Hoffnung brütend, allmählich sanft entschlummert waren. In dem kahlen Kasten, der keine Bänke hatte, waren Männer, Frauen und Kinder eng zusammengepfercht wie eine einzige große Familie, in der keins auf das andere Rücksicht zu nehmen brauchte. Man hörte das Atmen, ohne die Gesichter zu sehen, denn die strenge Kälte dieser Novembernacht hatte die Reisenden dazu getrieben, sich bis über die Ohren zu vermummen, und so sah Gläser unförmliche dunkle Körper, die äußerlich kein Leben zeigten. Nur gerade unter der Glaskuppel der Lampe schimmerten die bleichen Gesichter zweier Kinder, die Arm in Arm in dem Schoße ihrer Mutter lagen, einer mageren, noch jungen Frau, die, ganz in einen alten Mantel gehüllt, den Rücken gegen eine große Kiste gelehnt hatte und deren Haupt wie das einer armen Madonna weit auf der Brust ruhte.

Trotzdem dieser Anblick etwas Rührendes, fast versöhnendes mit dem Schicksal all der zusammengewürfelten Menschen hatte, empfand Gläser nichts Besonderes dabei. Ein anderer hätte sich an dem unschuldigen Reiz dieser kleinen Wesen erfreut, die einer unbestimmten Zukunft entgegengetragen wurden – er sah nur das alltägliche Leben darin, den Stumpfsinn der Masse, der, ob schlafend oder wachend, sein ewiges Geleise zog.

»Hast du denn ein bissel gedruselt?« fragte er endlich, nachdem er sich mit seinem durchdringenden Blick davon überzeugt hatte, daß die ganze Gesellschaft noch beisammen war.

Anna Schiman verneinte. Einmal sei sie nahe daran gewesen, aber ihr Nachbar habe sie immer wieder munter erhalten. Neben ihr auf einem Sack, gegen die Außenwand gedrückt, saß ein polnischer Jude in langem Kaftan und mit Ohrenlocken, dessen hohler Husten sich wie das verlorene Krächzen eines Raben anhörte. Er kam aus Kattowitz, von der äußersten Grenze Oberschlesiens, und hatte die weite Reise nach Berlin nur zu dem Zweck unternommen, um sich einem reichen, wohltätigen Glaubensgenossen vorzustellen, der ihm die Mittel zur Heilung im Süden geben sollte. Fast jedem der Mitfahrenden hatte er es erzählt, bis er, endlich erschöpft davon, in Schweigen zurückgesunken war, ohne die Ruhe zu finden. Eine mächtige Decke über der Brust, murmelte er nach jedem Hustenanfall etwas Gebetartiges vor sich hin und scheuchte durch seine andauernde Munterkeit die lebhaften Nerven seiner Nachbarin wie eine Schar Vögel auf, so daß sie gleich ihm nicht schlafen konnte.

Aber weit davon entfernt, sich darüber zu beklagen, hatte sie jetzt zu ihrem Bräutigam nur Worte des Mitleids bereit, obgleich sie einige derbe Bemerkungen nicht unterdrücken konnte.

August Gläser jedoch, der bei solcher Gelegenheit die schlimmsten Instinkte seiner Kraftnatur walten ließ, spie bezeichnend aus und machte laute Andeutungen darüber, was man sich als viertklassiger Mensch alles gefallen lassen müsse. Er habe für keinen Schweinewagen bezahlt und werde sich bei dem Schaffner beschweren, damit anständige Leute endlich schlafen könnten. Das hatte er bereits mehrmals gesagt, ohne es zu tun, denn stets war er von andern Gedanken in Anspruch genommen worden. Fortwährend dachte er an Berlin, an diese große Stadt, von der er in der Enge seines Heimatsnestes wie von einem Märchenland geträumt hatte und die er erobern wollte mit allen Kniffen seiner natürlichen Schlauheit, wie man eine begehrte Schöne für sich gewinnt, die man durch süße Worte umstrickt und umgarnt.

Anna Schiman sah nicht gern seine böse Seite, und so wollte sie ihn sofort beschwichtigen. »Hast du auch das bissel Geld noch?« fragte sie und tätschelte nun mit beiden Händen seine Rechte, die sie in ihren Schoß genommen hatte. Sie wußte, daß er dann eine andere Miene aufsteckte, wie alle Selbstlinge, die nur fröhlich und guter Laune sind, sobald sie den Mammon klingen hören.

Jetzt lachte August Gläser, aber er lachte anders, als seine Braut vorhin. Es war mehr der Spott über ihre ewige Sorge, während sie seinen wiederholten Fragen nach ihrer Ruhe mehr mit Lustigkeit begegnet war.

»Aber natürlich, Madel, es ist noch da. Tu dir nur keine Gedanken machen!« Und als wollte er sie noch außerdem beruhigen und bei guter Stimmung erhalten, fuhr er mit der Rechten um ihre volle Büste, preßte den warmen Körper an sich und drückte einen langen Kuß auf ihre schwellenden Lippen, den sie mit Glut erwiderte. Noch enger schmiegten sie sich aneinander, und während rechts und links das graue Elend träumte, empfanden sie die Kraft ihrer jungen Jahre und wie das Blut gleich wohligen Wellen durch ihre Körper ging und auf Minuten alle Kälte verdrängte.

August Gläser hätte über die stete Angst seiner Braut, die ringsum Diebe witterte, lachen mögen, denn selbst während er schlief, hatte er immer die linke Hand in der Hosentasche gehabt, festgedrückt auf den Beutel, der Annas Ersparnisse enthielt. Und eher hätte man ihm den Arm zerteilen können, ehe er die Fingerkrallen von diesem Gut gelassen haben würde. Etwas umständlich zog er die billige silberne Uhr, die in einer Hornkapsel steckte, aus der Westentasche und entzifferte mühsam die Zeit. Es war erst kurz vor sechs, also hatten sie noch volle zwei Stunden, bevor sie an ihr Ziel kamen. Laut begann er zu gähnen, während Anna Schiman aus einem Wust von Tüchern eine große Flasche auswickelte, in der sich gemilchter Kaffee befand. Er war noch warm, denn gleich nach Mitternacht hatte sie sich auf einer Station eine Tasse Schwarzen und dazu heißes Wasser geben lassen, womit sie den vorhandenen Rest vermengte. Abwechselnd nahmen beide einen Schluck aus der Flasche, wobei Gläser gehörig den Mund verzog, denn diese Lorche schmeckte ihm doch zu sehr nach gar nichts. Immerhin fühlte er Wärme in seinem Magen, und so erhob er sich etwas angefeuert, um zu sehen, was eigentlich draußen los sei.

Der Zug hielt auf freiem Felde, es mußte also etwas nicht in Ordnung sein. Gläser konnte durch die Scheibe nichts bemerken, und so ließ er das Fenster ein wenig herunter und steckte vorsichtig den Kopf mit dem Vogelgesicht hinaus, nachdem er die Pelzmütze tiefer über den Schädel gedrückt hatte. Die eisige Luft drang ihm entgegen und kühlte mit einem scharfen Winde fast schmerzhaft seine Wangen, trotzdem aber sog er mit vollen Nüstern den frischen Kältegeruch ein, denn drin hatten sich üble Düfte entwickelt, die unerträglich geworden waren.

Eine unermeßliche Schneefläche dehnte sich vor seinem Blick, die aber nichts Leuchtendes hatte, denn fast schwarz wölbte sich der sternenlose Himmel über der grauen Masse, wie bleiern senkte sich das Gewölk zur Erde, als wollte es mit seinem feuchten Dunst die ganze Landschaft erdrücken, um sie noch starrer und trostloser zu machen. Gleich schaurigen Wachtposten ragten zwei einsame Kiefern aus der Öde heraus, kahl und schwarz durch den Sturm geworden, der die letzten Flocken von den Ästen geschüttelt hatte. Der Zugführer und ein Schaffner, die Laterne in der Hand, schritten die Wagen ab, bückten sich, leuchteten und musterten die Räder. Einmal wurde ein Eisen angesetzt; dann standen beide mit einem dritten zusammen und besprachen etwas. Im Lichtschein der Laternen konnte Gläser sehen, wie ihr Atem dampfte, der in hellen Wolken von der Kälte verschlungen wurde. Kein Haus war zu erblicken, nichts, was die Nähe menschlicher Wohnungen verriet. Der lange Zug stand in einer Kurve, und so tauchte hinter ihm der endlose Wald empor, der auf der anderen Seite die Schienen begleitete und nun die Täuschung hervorrief, als hätten sich die unzähligen Wagen aus seiner Tiefe herausgewunden.

»Ist etwas passiert?« ließ sich eine angenehm klingende Stimme hinter ihm vernehmen.

Es war Dolinsky, ein junger, schmächtiger Mann, der an ihn herantrat und nun den Versuch machte, seinen Kopf ebenfalls hinauszustecken. Er war der einzige, der während der ganzen Fahrt immer am gegenüberliegenden Fenster gestanden und, das Gesicht gegen die Scheiben gedrückt, in die Nacht hinausgeblickt hatte, als könnte er sich am besten dadurch die Zeit verkürzen. Fortwährend rauchte er Zigaretten, und kaum war die eine verbraucht, so drehte er sich bereits eine frische, wozu er den Tabak einer Büchse entnahm. Bis jetzt hatte er nur in dumpfem Schweigen verharrt; nun aber schien es ihm Bedürfnis zu sein, einige Worte zu wechseln. Schon im Wartesaal zu Breslau hatte er das Pärchen beobachtet und sich an dem hübschen Gesicht des Mädchens erfreut, das so gesund und munter in die Welt blickte, während ihr Begleiter eine auffallende Verschlossenheit zeigte.

»Oh, es tut sich weiter nichts«, gab Gläser kurz zurück, indem er mit Willen diese verrenkte Redensart anwandte, in der er sich manchmal gehen ließ.

»Sind Sie Pole?« fragte der andere wieder, der das gebrochene Deutsch zu erkennen glaubte.

»Nee, noch nicht«, sagte Gläser nun lachend. »Ich muß also sehr bedauern, nicht Ihrer Nationalität zu sein«, fügte er dann höflich hinzu, um den Gebildeten zu markieren.

Dolinsky bat um Entschuldigung und gab ihm dann die nötige Aufklärung. Sein Vater stamme schon mütterlicherseits von einer Deutschen, und seine Mutter sei ebenfalls eine Deutsche, es könne also höchstens noch ein Achtel Pole in ihm stecken, was vielleicht daher komme, daß er noch polnische Verwandte habe. Trotz dieser Beteuerung hatte er eine zwar durchaus richtige, aber harte Aussprache, wie sie Fremdländern eigen ist, oder doch Menschen, die längere Zeit eine andere Sprache auf sich wirken lassen mußten.

»Sagen Sie, wir werden doch nicht liegen bleiben?« fuhr er nach einem Weilchen fort. »Es wäre mir sehr unangenehm.«

»Wollen Sie vielleicht heute noch Hochzeit machen?« fragte Gläser, dem es nun ein gewisser Genuß war, sich mit einem andern Menschen unterhalten zu können. Er hatte das Fenster wieder schließen müssen, weil im Hintergrunde jemand laut über den hereindringenden Zug geschimpft hatte. Auch die Frau unter der Lampe war munter geworden und verhüllte mit den Enden ihres Mantels die Gesichter der noch schlafenden Kinder.

»Das nicht, dazu muß man wohl auch erst verlobt sein«, erwiderte Dolinsky gut aufgeräumt. »Ich bin nicht für das zu frühe Heiraten. Man findet auch zu schwer die Richtige, vielleicht ist sie schon in Berlin? Wer kann es wissen!« ergänzte er heiter. »Ich bleibe nämlich dort, Sie auch?« Und als Gläser zur Bestätigung nickte, weil ihm der Hinweis auf die »Richtige« im Kopf herumging, sprach Dolinsky weiter: »Die Sache ist nämlich die, wissen Sie: ich soll mich schon um zwölf Uhr vorstellen. Ich bin Bautechniker und komme aus Münsterberg ... Na, es wird wohl nicht weit sein vom Schlesischen Bahnhof. Da herum soll das Geschäft liegen.«

Anna Schiman spitzte die Ohren, denn das Wort »Techniker« hatte ihr Respekt eingeflößt. Ihr Vater war Werkführer in einer Fabrik, und so wußte sie den Beruf des Fremden sofort zu schätzen. Eine gewisse Freude beschlich sie bei dem Gedanken, es könnte zwischen den beiden zu einer Annäherung kommen, die man in der großen Stadt vielleicht fortsetzen würde. Schon längst hatte sie diesen jungen Mann, der sich so auffallend abseits hielt, für etwas Besseres gehalten, nun war sie von Stolz erfüllt darüber, daß er gerade ihren Bräutigam ausgewählt hatte, um sich mit ihm zu unterhalten. Was sonst noch um sie herumlag und sich flegelte, war ihrer Meinung nach doch nur Pack, richtige »Usinger«, mit Ausnahme der Mutter vielleicht, deren vergrämtes Gesicht so seine Züge zeigte.

Der polnische Jude neben ihr spuckte wieder, und so benutzte sie das als eine willkommene Gelegenheit, sich nun ebenfalls zu erheben und zu den beiden zu treten. Trotzdem sie kaum bis zur Mittelgröße ragte und durch das dicke Schaltuch über den Schultern sich ungestaltig ausnahm, konnte man ihr doch die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen anmerken, die von Frohsinn und Jugend sprachen. Unter der Kapuze des Tuches brannten die dunklen Augen im geröteten Gesicht, und als Dolinsky sie ansah, erfreute er sich an dem Spiel ihres Blickes, das jedesmal erhöht wurde, sobald sie lächelte und die kernigen Zähne zeigte. Das geschah oft, als wäre es eine liebliche Angewohnheit, unzertrennbar von ihrem frischen Wesen. Schweigend hörte sie den Männern zu.

»Und Sie, was wollen Sie in Berlin machen?« fragte Dolinsky wieder.

»Ich? Ich will es mir kaufen«, gab Gläser trocken zurück. Und zugleich bekam er von Anna einen neckischen Schlag, der von den Worten begleitet war: »Ach, du! Hast es wohl schon in der Tasche.«

»Hab' ich auch«, erwiderte er bedeutungsvoll und fühlte dabei, ob der Beutel noch vorhanden sei.

»Er hat immer soviel Rosinen im Kopf,« fuhr sie gutmütig fort, nun zu dem andern gewendet, »er könnte damit handeln gehen, wenn er's nur amol täte.« Da sie aber seinen leicht erglühenden Zorn über ihre kleinen Spitzen kannte, hakte sie sich sofort an seinen Arm und drückte heimlich seine freie Hand.

Dolinsky stimmte mit in diesen Scherz ein, indem er abermals begann: »Das ist ein guter Witz. Aber sagen Sie mal, woher werden Sie das Geld bekommen? Berlin hat viele Häuser. Und ich wäre schon froh, wenn ich eins davon hätte.«

»Geld, Geld?« gab Gläser mit einem bestimmten Hochmut zurück, »was brauche ich mir jetzt schon den Kopf darüber zerbrechen! Ich bin ja noch gar nicht da. Sehen Sie, in Berlin liegt das Geld auf der Straße. So hab' ich gehört. Man muß nur verstehen, es aufzuheben.«

»Ach, so meinen Sie es?« warf Dolinsky lachend ein. »Dann werden Sie sich aber oftmals bücken müssen, ehe Sie genug gegrabscht haben.«

»Das werde ich auch tun, verstehen Sie. Das heißt, wenn morgen noch welches da ist. Man kommt ja hier nicht von der Stelle!« Ärgerlich riß er aufs neue das Fenster mit einem gewaltsamen Ruck herunter und schrie laut in die Nacht hinein: »Weiterfahren! Meine Schwiegermutter wartet mit dem Kaffee!«

Irgendwo am Ende des Zuges lachte jemand und fügte hinzu: »Meine auch!« Zugleich jedoch empfing Gläser einen heimlichen Rippenstoß von seiner Braut, der ihn daran erinnern sollte, daß ihre Mutter längst das Zeitliche gesegnet hatte.

Bereits vorher hatte die Todesstille, durch die das gewohnheitsmäßige Rasseln des Zuges abgelöst worden war, verschiedene Schläfer munter gemacht, die sich nun reckten, laut gähnten und mißgestimmt fragten, was der Lärm zu bedeuten habe. Allmählich folgten die übrigen, und bald sah man Säcke und Tücher fallen, bis sich die ganze Gesellschaft wie aus Bergen dumpfer Kleidungsstücke herausschälte und verfrorene Gesichter mit verschlafenen Augen zeigte. Alle fröstelten und rieben sich die Hände, denn nun erst empfanden sie die Strenge des Winters, der sich durch alle Ritzen des Wagens schlich.

Ein untersetzter, rotbärtiger Mann mit krummen Knien, die aus hohen, mit Stroh gefütterten Schmierstiefeln ragten, erhob sich in der Nähe des eisernen Ofens und legte die Hand auf das kalte Rohr, das zur Decke führte.

»Schweinebande! Unsereins kann frieren«, sagte er mit seiner vertrunkenen Stimme, nahm einen Schluck aus der Flasche und schlug dann kräftig die Arme zusammen, um die blaugewordenen, steifen Finger zu erwärmen. Dann trommelte er aus Ärger mit dem Stiefelabsatz gegen das große Schutzblech des Ofens, so daß es dumpf dröhnte.

»Bist wohl verrückt geworden?« fragte sein Reisebegleiter, ein riesiger Viehtreiber, der in einem weißen Schafspelz steckte und sich nun ebenfalls in seiner ganzen Länge erhob, so daß er fast oben anstieß.

»Spuck' doch in den Ofen, du hast immer Hitze«, gab der andere zurück und schlug die Arme aufs neue zusammen.

»Zieh' doch das Stroh aus den Stiebeln, dann brennt's gleich«, sagte der Riese wieder. Und er langte ebenfalls seine Flasche hervor und ließ erst den Korken an dem Glase quietschen, bevor er die Öffnung an die Lippen setzte.

Der Schaffner, eine breite Gestalt im Dienstpelz mit schwarzem Flockenkragen, trat ein und fragte, wer an der nächsten Station aussteige. Alle wollten nach Berlin. Der Rotbärtige fiel sofort mit Worten über ihn her. Es sei polizeiwidrig, die Menschen frieren zu lassen; das Vieh habe es besser, denn es liege auf der Streu. Er werde sich in Berlin das Beschwerdebuch geben lassen und seine Klage vorbringen.

Der Schaffner lachte gutmütig, »Weiter nichts?« sagte er dann. »Das Vieh ist auch manchmal mehr wert als die Menschen.«

»Da hast du recht«, stimmte ihm der Riese im Schafspelz zu und reichte ihm die Flasche mit den Worten: »Da, beiß' auch einen ab!«

Sie kannten sich schon näher, denn seit langem machte der Viehtreiber diese Fahrt, die sich etwa alle vier Wochen wiederholte. Der Schaffner ging und kehrte nach einem Weilchen mit glühenden Kohlen auf einer Schippe zurück, die er in das Ofenloch warf und denen er dann eine Ladung Koks folgen ließ. Bald knisterte das Feuer lustig und sandte zu seiten des Bleches einen rötlichen Schein in den Wagen. Alles rückte an den Ofen, und es sah wie ein Nachtlager aus, über dessen geheimnisvolle Gestalten feuriger Schimmer tanzte, während in den Winkeln tiefe Schatten gähnten.

Der polnische Jude, der fortwährend fror, hatte brennende Sehnsucht nach dem strahlenden Ofen. Mühsam richtete er sich empor, stöhnend und ächzend wie ein Todkranker, der sein letztes Stündlein kommen fühlt und doch die Lust zum Leben verspürt.

Der Viehtreiber sah es. »Komm', Alter«, sagte er und bückte sich, so daß es in ihm wie in einer mächtigen Eiche knackte. »Platz da, Ekel, du kannst mehr vertragen als dieses Häufchen Unglück«, rief er dem Rotbärtigen zu. Und er nahm den Kranken an Armen und Beinen und trug ihn wie ein Bündel Flicken an die Wand, dicht neben dem Ofen, wo er ihn sorgsam niederließ. »Nun spuck' mich aber auch dafür nicht an«, schloß er lachend. Ein Blick des Dankes traf ihn aus den großen, tiefliegenden Augen, die zeitweilig von den Adern halb verdeckt waren, als bereiteten sie sich langsam auf das Schließen für ewig vor. »Der liebe Gott soll's vergelten, und ich will bleiben immer in Ihrer Schuld«, stieß er mit kurzem Atem hervor. Er rückte sich den alten Sack unter seinem Haupt Zurecht, faltete dann die abgemagerten, durchsichtigen Hände über der Leibdecke, schloß die Augen und blieb so liegen, ein wohliges Lächeln um die dünnen Lippen im blassen, seinen Gesicht. Deutlich sah man, wie er die Wärme einatmete, die ihn in Gedanken bereits nach dem Süden führte ...

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