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Der Mann ohne Eigenschaften. Schluss des dritten Teils und vierter Teil

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Schluss des dritten Teils und vierter Teil - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Schluss des dritten Teils und vierter Teil
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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55

Atemzüge eines Sommertags

(Fragment)

 

Die Sonne war unterdessen höhergestiegen; die Stühle hatten sie wie gestrandete Boote in dem flachen Schatten beim Haus zurückgelassen, und lagen auf einer Wiese im Garten unter der vollen Tiefe des Sommertags. Sie taten es schon eine ganze Weile, und obgleich die Umstände gewechselt hatten, kam es ihnen kaum als Veränderung zu Bewußtsein. Ja eigentlich tat dies auch nicht der Stillstand des Gesprächs; es war hängen geblieben, ohne einen Riß verspüren zu lassen.

Ein geräuschloser Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, war so sanft, daß sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge. Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher, die beiseite standen oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck von fassungslosen Zuschauern, die, in ihrer fröhlichen Tracht überrascht und gebannt, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahmen. Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber mischten sich in dem Bild; die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschließen. »Da ward mir das Herz aus der Brust genommen«, hat ein Mystiker gesagt: Agathe erinnerte sich dessen.

Auch wußte sie, daß sie selbst diesen Ausspruch Ulrich aus einem seiner Bücher vorgelesen hatte.

Hier in dem Garten, nicht weit von dem Platze, wo sie sich jetzt befanden, war das geschehen. Die Erinnerung wurde vollständiger. Auch andere Aussprüche, die sie ihm ins Gedächtnis gerufen hatte, fielen ihr ein: »Bist du es, oder bist du es nicht? Ich weiß nicht, wo ich bin; noch will ich davon wissen!« – »Ich habe alle meine Vermögen überstiegen, bis an die dunkle Kraft! Ich bin verliebt, und weiß nicht in wen! Ich habe das Herz von Liebe voll, und von Liebe leer zugleich!« – Also klang in ihr die Klage der Mystiker wieder, in deren Herz Gott so tief eingedrungen ist wie ein Dorn, den keine Fingerspitzen fassen können. Viele solche selige Klagen hatte sie Ulrich damals vorgelesen. Vielleicht war die Wiedergabe jetzt nicht genau, das Gedächtnis verfährt etwas befehlshaberisch mit dem, was es zu hören wünscht; aber sie begriff, was gemeint war, und faßte einen Entschluß. Wie in diesem Augenblick des Blütenzugs hatte der Garten also schon einmal geheimnisvoll verlassen und belebt ausgesehen; und zwar gerade in der Stunde, nachdem ihr die mystischen Bekenntnisse in die Hand gefallen waren, die Ulrich unter seinen Büchern besaß. Die Zeit stand still, ein Jahrtausend wog so leicht wie ein Öffnen und Schließen des Auges, sie war ans Tausendjährige Reich gelangt, Gott gar gab sich vielleicht zu fühlen. Und während sie, obwohl es doch die Zeit nicht mehr geben sollte, eins nach dem andern das empfand; und während ihr Bruder, damit sie bei diesem Traum nicht Angst leide, neben ihr war, obwohl es auch keinen Raum mehr zu geben schien: schien die Welt, unerachtet dieser Widersprüche, in allen Stücken erfüllt von Verklärung zu sein.

Was sie seither erlebt hatte, konnte ihr nicht anders als gesprächig gemäßigt im Vergleich mit dem erscheinen, was vorangegangen war; aber welche Erweiterung und Bekräftigung sollte es diesem doch auch geben, wenngleich es die fast körperwarme Unmittelbarkeit der ersten Eingebung darüber verloren hatte! Unter diesen Umständen beschloß Agathe, diesmal mit Vorbedacht der Entzückung zu begegnen, die sie vormals in diesem Garten beinahe traumhaft befallen hatte. Sie wußte nicht, warum sie damit den Namen des Tausendjährigen Reiches verband. Es war ein gefühlhelles Wort und war beinahe faßbar wie ein Ding, blieb aber dem Verstand unklar. Deshalb konnte sie mit dieser Vorstellung umgehen, wie wenn das Tausendjährige Reich in jedem Augenblick anbrechen könnte. Es wird auch das Reich der Liebe genannt, das wußte Agathe ebenfalls; doch erst als letztes dachte sie daran, daß beide diese Namen schon seit den Zeiten der Bibel überliefert werden und das Reich Gottes auf Erden bedeuten, dessen nahe bevorstehender Anbruch in völlig wirklicher Bedeutung gemeint ist. Übrigens benutzte auch Ulrich, ohne deshalb an die Schrift zu glauben, zuweilen diese Worte ebenso unbefangen wie seine Schwester; und so wunderte es diese schon gar nicht, daß sie scheinbar ohneweiteres auch wußte, wie man sich im Tausendjährigen Reich zu verhalten habe. »Man muß sich darin ganz still betragen« sagte ihr eine Eingebung. »Man darf keinerlei Verlangen Platz lassen; nicht einmal dem, zu fragen. Auch der Verständigkeit muß man sich entäußern, mit der man Geschäfte besorgt. Man muß seinen Geist aller Werkzeuge berauben und daran hindern, wie ein Werkzeug zu dienen. Das Wissen ist von ihm abzutun und das Wollen; der Wirklichkeit und des Begehrens, sich ihr zuzuwenden, muß man sich entschlagen. Ansichhalten muß man, bis Kopf, Herz und Glieder lauter Schweigen sind. Erreicht man so aber die höchste Selbstlosigkeit, darin berühren sich schließlich Außen und Innen, als wäre ein Keil ausgesprungen, der die Welt geteilt hat...!«

Vielleicht war das nicht gerade nüchtern vorbedacht. Es kam ihr aber vor, daß es, fest gewollt, auch erreichbar sein müßte; und sie nahm sich zusammen, als wollte sie sich totstellen. Aber bald erwies es sich als eine ebenso unmögliche Aufgabe, Gedanken, Sinnes- und Willensmeldungen ganz stillzustellen, wie es in der Kindheit die gewesen war, zwischen Beichte und Kommunion keine Sünde zu begehen; und nach einiger Bemühung gab sie den Versuch ganz auf. Sie ertappte sich dabei, daß sie nur noch äußerlich an ihrem Vorsatz festhielt und daß ihre Aufmerksamkeit längst von ihm abgeglitten war. Diese befand sich in dem Augenblick bei einer weit abgesprungenen Frage, einem kleinen Ungeheuer von Abspenstigkeit: sie fragte sich nämlich gerade auf das törichtste, und sehr erpicht auf diese Torheit: »Bin ich wirklich jemals heftig, boshaft, haßerfüllt und unglücklich gewesen?« Ein Mann ohne Namen wurde ihr erinnerlich; dem der Name fehlte, weil sie ihn an sich trug und mit sich fortgetragen hatte. Wenn sie an ihn dachte, empfand sie ihren Namen wie eine Narbe; aber sie fühlte keinen Haß mehr gegen Hagauer, und nun wiederholte sie ihre Frage mit dem etwas schwermütigen Starrsinn, mit dem man einer entflossenen Welle nachblickt. Wohin war das Verlangen gekommen, ihn fast tödlich zu verletzen? Sie hatte es beinahe in Zerstreutheit verloren und meinte anscheinend, es müßte sich noch in ihrer Nähe finden lassen. Überdies mochte Lindner geradezu ein Ersatz für dieses Verlangen nach Feindseligkeit sein; denn auch das fragte sie sich und dachte flüchtig an ihn. Vielleicht kam es ihr da erstaunlich vor, was alles ihr schon widerfahren sei; liegt doch jungen Menschen die Verwunderung, wieviel sie schon haben fühlen müssen, schlechthin näher als älteren, denen die Wandelbarkeit der Leidenschaften und Lebenszustände gewohnt geworden ist wie der Wetterwechsel. Was hätte aber Agathe so nahegehen können, wie daß sich in demselben Augenblick von dem Umschwung des Lebens, der Flucht seiner Leidenschaften und Zustände, von dem wunderlichen Strom des Gefühls – worin sich sonst die Jugend, wenig davon wissend, naturhaft-großartig vorkommt – rätselhaft wieder der sternklare Himmel der reglosen Verträumtheit abhob, aus der sie soeben erwacht war?

Also waren ihre Gedanken zwar noch immer im Bannkreis des Blüten- und Totenzugs; aber sie bewegten sich nicht mehr mit ihm und auf seine stummfeierliche Art, sondern Agathe »dachte hin und her«, wie man es im Gegensatz zu dem Geisteszustand nennen könnte, worin das Leben »tausend Jahre« ohne einen Flügelschlag währt. Dieser Unterschied zweier Geisteszustände war ihr sehr deutlich; und ein wenig verblüfft erkannte sie, wie oft gerade er, oder etwas ihm nahe Verwandtes, in ihren Gesprächen mit Ulrich schon berührt worden war. Unwillkürlich wandte sie sich an diesen, und ohne das umgebende Schauspiel aus den Augen zu lassen, fragte sie, tief Atem holend: »Erscheint nicht auch dir in einem solchen Augenblick, und mit ihm verglichen, alles andere hinfällig?«

Diese wenigen Worte zerteilten das wolkige Gewicht des Schweigens und der Erinnerung. Denn auch Ulrich hatte dem ohne Ziel seines Wegs ziehenden Blütenschaum zugesehn; und weil seine Gedanken und Erinnerungen auf den gleichen Ton gestimmt waren wie die seiner Schwester, bedurfte es keiner anderen Einleitung, um ihn das sagen zu lassen, was auch deren verschwiegenen Gedanken Antwort gab. Er streckte langsam die Glieder und erwiderte: »Ich habe dir schon lange – schon in dem Zustand, wo wir von dem, was Stilleben heißt, sprachen, und eigentlich alle Tage – etwas sagen wollen, selbst wenn es nicht in die Mitte der Scheibe treffen sollte: Es gibt, den Gegensatz stark aufgetragen, zwei Arten leidenschaftlich zu leben, und zwei Sorten des leidenschaftlichen Menschen. Entweder man heult vor Wut oder Unglück oder Begeisterung jedesmal los wie ein Kind und entledigt sich seines Gefühls in einen kurzen, nichtigen Wirbel. In diesem Fall, und er ist der gewöhnliche, ist das Gefühl am Ende der alltägliche Vermittler des alltäglichen Lebens; und je heftiger und leichter erregbar es ist, um so mehr erinnert dieses an die Unruhe in einem Raubtierkäfig zur Fütterungsstunde, wenn das Fleisch an den Gittern vorbeigetragen wird, und bald nachher an die satte Ermüdung. Ist es nicht so? Die andere Art leidenschaftlich zu sein und zu handeln ist aber die: Man hält an sich und gibt der Handlung nicht im mindesten statt, zu der jedes Gefühl hinzieht und treibt. Und in diesem Fall wird das Leben wie ein etwas unheimlicher Traum, worin das Gefühl bis an die Wipfel der Bäume, an die Turmspitzen, an den Scheitel des Himmels steigt...! Allzu wahrscheinlich haben wir daran gedacht, als wir noch von Bildern, und nichts als ihnen, zu sprechen vorgaben.«

Agathe stützte sich neugierig auf. »Hast du nicht einmal schon gesagt,« fragte sie »daß es zwei von Grund auf verschiedene Möglichkeiten zu leben gibt und daß sie geradezu verschiedenen Tonarten des Gefühls gleichen? Die eine sollte die des ›weltlichen‹ Gefühls sein, das nie zur Ruhe und Erfüllung kommt; die andere, ich weiß nicht, ob du ihr einen Namen gegeben hast –: aber es hätte wohl die eines ›mystischen‹ Gefühls sein müssen, das dauernd mitklingt, aber niemals zur ›vollen Wirklichkeit‹ gelangt?« Obgleich sie zögernd sprach, hatte sie sich überhastet und endete verlegen.

Ulrich erkannte dennoch recht gut, was er gesagt zu haben schien; und schluckte daran, als hätte er etwas zu Heißes im Mund gehabt; und versuchte zu lächeln. Er sagte: »Sollte ich das gemeint haben, so muß ich mich jetzt wohl umso anspruchsloser fassen! Ich werde also die beiden Arten des leidenschaftlichen Seins einfach nach einem bekannten Beispiel die appetithafte und ebendann auch, als deren Gegenteil, die nicht-appetithafte nennen, mag es sich unschön anhören oder nicht. Denn in jedem Menschen ist ein Hunger und verhält sich wie ein reißendes Tier; und ist kein Hunger, sondern etwas, das frei von Gier und Sattheit, zärtlich wie eine Traube in der Herbstsonne reift. Ja, sogar in jedem seiner Gefühle ist das eine wie das andere.«

»Also geradezu eine vegetabile, wenn nicht gar vegetarische, neben einer animalischen Anlage?« Ein Anflug von Vergnügen und Neckerei war in dieser Frage Agathes.

»Beinahe!« erwiderte Ulrich. »Vielleicht wäre das Tierische und das Pflanzenhafte, als Grundgegensatz der Gelüste verstanden, sogar der tiefste Fund für einen Philosophen! Aber sollte ich denn einer sein wollen! Wessen ich mich erdreiste, ist schlechthin nur das, was ich gesagt habe, und namentlich was ich zuletzt gesagt habe, daß die beiden Arten des leidenschaftlichen Seins ein Vorbild, und vielleicht gar ihren Ursprung, schon an jedem Gefühl haben. An jedem Gefühl lassen sich diese zwei Seiten unterscheiden« fuhr er fort. Aber merkwürdigerweise sprach er dann nur von dem, was er unter der appetitiven verstand. Sie drängt zum Handeln, zur Bewegung, zum Genuß; durch ihre Wirkung verwandelt sich das Gefühl in ein Werk, oder auch in eine Idee und Überzeugung, oder in eine Enttäuschung. Das alles sind Formen seiner Entspannung, können aber auch solche der Umspannung und Neukräftigung sein. Denn auf diese Art verändert sich das Gefühl, nützt sich ab, verläuft sich in seinem Erfolg und findet darin ein Ende; oder es verkapselt sich darin und verwandelt seine lebendige Kraft nun in eine aufgespeicherte, die ihm die lebendige später und gelegentlich oft mit Zinseszins wieder zurückgibt. »Und wird etwa nicht dadurch schon das eine verständlich, daß die rüstige Tätigkeit unseres weltlichen Fühlens und seine Hinfälligkeit, über die du so angenehm geseufzt hast, keinen großen Unterschied für uns ausmachen, mag er auch ein tiefer sein?« schloß Ulrich einstweilen seine Antwort.

»Nur zu sehr kannst du recht haben!« stimmte Agathe zu. »Mein Gott, dieses ganze Werk des Gefühls, sein weltlicher Reichtum, dieses Wollen und Freuen, Tun und Untreuwerden, wegen nichts, als weil es treibt! einbezogen alles, was man erfährt und vergißt, denkt und leidenschaftlich will, und doch auch wieder vergißt: Es ist ja schön wie ein Baum voll Äpfel in jeder Farbe, aber es ist auch formlos eintönig wie alles, was jedes Jahr auf die gleiche Art sich rundet und abfällt!«

Ulrich nickte zu dieser einen Hauch von Ungestüm und Verzicht ausatmenden Antwort seiner Schwester. »Dem appetitartigen Teil der Gefühle verdankt die Welt alle Werke und alle Schönheit, allen Fortschritt, aber auch alle Unruhe, und zuletzt all ihren sinnlosen Kreislauf!« bekräftigte er. »Weißt du übrigens, daß man unter diesem ›appetitartig‹ einfach den Anteil versteht, den die uns eingeborenen Triebe an jedem Gefühl haben? Also« fügte er hinzu »haben wir damit gesagt, daß es die Triebe sind, wem die Welt Schönheit und Fortschritt verdankt.«

»Und ihre wirre Unruhe« wiederholte Agathe.

»Gewöhnlich sagt man gerade das; darum erscheint es mir nützlich, daß wir das andere nicht außer acht lassen! Denn es ist ja zumindest unerwartet, daß der Mensch gerade seinen Fortschritt dem verdanken soll, was eigentlich der Tierstufe angehört!« – Er lächelte dazu. Auch er hatte sich jetzt aufgestützt und kehrte sich ganz seiner Schwester zu, als wollte er sie aufklären; sprach aber zurückhaltend weiter wie einer, der sich zuerst durch die Worte, die er sucht, selbst belehrt fühlen will. »Zweifellos haben die tätig zugreifenden Gefühle des Menschen,« sagte er »und mit Recht hast du da von einer animalischen Anlage gesprochen, zum Kern die gleichen paar Instinkte, die schon das Tier hat. Bei den Hauptgefühlen ist es ganz deutlich: An Hunger, Zorn, Freude, Eigenwille oder Liebe verdeckt der seelische Schleier doch kaum das nackteste Wollen –!«

Es hatte den Anschein, daß er auf die gleiche Art fortfahren wolle. Aber obwohl das Gespräch – hervorgegangen aus einem Naturtraum, dem Anblick des Blütenzugs, der noch immer eigentümlich ereignislos mitten durch das Gemüt zu schweben schien – bei keinem Wort die Schicksalsfrage der Geschwister verkennen ließ; vielmehr vom ersten bis zum letzten unter dem Einfluß jenes Sinnbilds stand, beherrscht war von der geheimsinnigen Vorstellung eines »Geschehens, ohne daß etwas geschieht«, und in einer Stimmung sanfter Bedrängnis stattfand: obwohl alles so war, hatte das Gespräch doch zuletzt zu dem Gegenteil solcher Leitvorstellung und ihrer Gefühlsstimmung geführt; als nämlich Ulrich nicht umhin konnte, die aufbauende Tätigkeit starker Triebe neben deren störender hervorzuheben. Eine so deutliche Ehrenrettung der Triebe, und mitverstanden des triebhaften, und des tätigen Menschen überhaupt – denn auch das bedeutete es – hätte nun freilich einem »westlichen, abendländischen, faustischen Lebensgefühl« angehören können, in der Sprache der Bücher so genannt zum Unterschied von einem jeden, das nach derselben sich selbst befruchtenden Sprache »orientalisch« oder »asiatisch« sein soll. Er erinnerte sich dieser vornehmtuerischen Modeworte. Doch es lag nicht in der Absicht der Geschwister, noch hätte es ihren Gewohnheiten entsprochen, einem Erlebnis, von dem sie tief bewegt waren, durch solche angeflogenen, schlecht verwurzelten Begriffe eine trügliche Bedeutung zu geben; vielmehr war alles, was sie miteinander sprachen, als wahr und wirklich gemeint, mochte es auch wolkenwandlerischen Ursprungs sein. Darum hatte Ulrich seine Lust daran gehabt, dem zarten Nebel des Gefühls eine Erklärung nach Art der Naturwissenschaften zu unterschieben; und das – mochte der Anschein auch dem »Faustischen« Vorschub leisten – in Wahrheit bloß deshalb, weil der naturgetreue Geist alles auszuschließen versprach, was unmäßige Einbildung ist. Zumindest hatte er den Ansatz zu einer solchen Erklärung angedeutet. Es war freilich desto seltsamer, daß er ihn nur für das angedeutet hatte, was er das Appetithafte des Gefühls nannte; dagegen ganz außeracht gelassen, wie er einen Gedanken ähnlicher Art auch auf das Nichtappetitartige anwenden könnte, obwohl er anfangs auf dieses gewiß nicht weniger Gewicht gelegt hatte. Es geschah nicht ohne Grund so. Sei es, daß ihm die psychologische und biologische Zergliederung an dieser Seite des Fühlens schwieriger vorkam, sei es, daß er sie vollends nur für ein verdrießliches Hilfsmittel hielt; beides mochte so sein; was ihn aber vornehmlich beeinflußte, war etwas anderes, und er hatte es überdies seit dem Augenblick, wo Agathes Stoßseufzer den schmerzlichen und beglückenden Gegensatz zwischen den vergangenen unruhigen Lebensleidenschaften und der scheinbar unvergänglichen verraten hatte, die in der zeitlosen Stille unter dem Blütenstrom zu Hause war, schon einigemal vorhersehen lassen. Denn es sind – zu wiederholen, was er schon verschiedentlich wiederholt hatte – nicht nur in jedem einzelnen Gefühl zwei Anlagen unterscheidbar, durch die und nach deren Art es sich bis zur Leidenschaft ausgestalten kann; sondern es gibt auch zwei Arten Menschen, oder in jedem Menschen Zeiten seines Schicksals, die darin verschieden sind, daß die eine oder andere Anlage überwiegt.

Er sah einen großen Unterschied darin. Menschen des einen Schlags, es ist schon erwähnt worden, greifen lebhaft nach allem und nehmen alles in Angriff; sie gehen wie ein Sturzbach über Hindernisse hinweg oder schäumen darum in eine neue Bahn; ihre Leidenschaften sind stark und wechselnd, und das Ergebnis ist ein heftig gegliederter Lebenslauf, der nichts als ein Vorbeigerauschtsein hinterläßt. Dieser Art Mensch hatte der Begriff des Appetitartigen gegolten, als Ulrich daraus den einen Hauptbegriff des leidenschaftlichen Lebens hatte machen wollen; denn die andere Art ist im Gegensatz zu dieser nichts weniger, als ihm entspräche: Sie ist schüchtern, versonnen, undeutlich; schwer entschlossen, voll von Träumen und Sehnsucht und verinnerlicht in ihrer Leidenschaft. Zuweilen – in Gedanken, von denen jetzt nicht die Rede war – gebrauchte Ulrich für sie auch die Bezeichnung »kontemplativ«, ein Wort, das gewöhnlich anders gemeint wird, und etwa bloß in der lauwarmen Bedeutung von »besinnlich«; für ihn aber mehr als diesen gewöhnlichen Sinn hatte, ja geradezu dem vorhin erwähnten Orientalisch-Unfaustischen gleichkam. Vielleicht prägte sich in diesem Kontemplativen, und zumal in Gemeinschaft mit dem Appetithaften als seinem Gegenteil, ein Hauptunterschied des Lebens aus: Das zog Ulrich lebhafter an als ein Lehrbegriff. Aber daß man solche hochzusammengesetzten und anspruchsvollen Lebensbegriffe alle auf eine zweifache Schichtung, die schon jedes Gefühl hat, zurückführen könnte, diese elementare Möglichkeit der Erklärung war ihm doch auch eine Genugtuung.

Natürlich war ihm klar, daß die beiden Arten des Menschseins, die dabei auf dem Spiel standen, nichts anderes bedeuten konnten als einen Mann »ohne Eigenschaften«, im Gegensatz zu dem mit allen Eigenschaften, die ein Mensch nur zu zeigen vermag. Man mochte den einen auch einen Nihilisten nennen, der von Gottes Träumen träumt; im Gegensatz zum Aktivisten, der in seiner ungeduldigen Handlungsweise aber auch eine Art Gottesträumer ist, und nichts weniger als ein Realist, der weltklar und welttätig sich umtut. »Weshalb sind wir denn keine Realisten?« fragte sich Ulrich. Sie waren es beide nicht, weder er noch sie, daran ließen ihre Gedanken und Handlungen längst nicht mehr zweifeln; aber Nihilisten und Aktivisten waren sie, und bald das eine bald das andere, je nachdem wie es kam.

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