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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das achte Kapitel

Der Herr Professor demaskieren sich

Wie Syme sich da nun zu guter (?) Letzt auf einem Stuhl wiederfand und ihm gerad gegenüber . . . die hochgezogenen Augenbrauen und die herabfallenden Lider des Professors, kam ihm all seine frühere Heidenangst zurück. Dieser unbegreifliche Mensch aus dem fürchterlichen Rat hatte ihn, das war doch endlich klar, verfolgt. Daß dieser Mann einesteils ein vollständiger Paralytiker und andernteils ein ausgemachter Bluthund war, solche Antithese mochte ihn ungleich interessanter, aber schwerlich ungefährlicher und sänftiglicher machen. Und das war ein schlechter Trost, daß er sich beim Professor nicht auskannte – wenn der Professor sich durch irgend etwas bei ihm auskannte. Syme trank einen ganzen zinnernen Pott Ale aus, ehe der Professor seine Milch auch nur kostete . . .

Eine Möglichkeit immerhin stand noch zu hoffen, wenn sie ihm auch weiter nichts helfen konnte. Es war sehr möglich, daß diese Eskapade noch etwas anderes bedeuten konnte als nur Beargwöhnung, Ueberwachung und Verdacht. Vielleicht war es irgendeine vorgeschriebene Form, eine Förmlichkeit oder ein Ritus. Vielleicht war die wahnsinnige Galoppade irgendein Geheimzeichen, das er nur hätte verstehen sollen. Ja ja ja ja, vielleicht – vielleicht war es ein Ritus. Vielleicht wurde der Donnerstag, weil es der geheime oder feierliche Brauch so wollte, allemal die Cheapside-Straße heruntergejagt: so wie jeder neue Lord Mayor die Cheapside-Straße lang eskortiert wird. Er wollte just versuchen, dies aus dem alten Professor mit List und Schläue langsam herauszukriegen, als der seinerseits ihn jäh unterbrach. Ja, bevor Syme die erste diplomatische Frage zu stellen vermochte, fragte der alte Anarchist plötzlich – ohne alle Vorarbeitung, ohne jedweden Apparat:

»Sind Sie ein Policeman?«

Syme wäre auf alles gefaßt gewesen – nur nicht auf so etwas Brutales, so ganz und gar Persönliches. Selbst seine anerkannt große Geistesgegenwart hatte dem nichts entgegenzusetzen als ein blödes Lustigtun – ein vages Lachen –

»Ein Polizeimensch? Wie meinen Sie, daß ich zu einem Polizeimenschen käme?«

»Das meine ich sehr einfach«, sagte der Professor mit größter Ruhe. »Ich dachte nur – Sie sehen ganz danach aus . . . Und das denke ich noch.«

»Sollte ich irgendwie, ohne daß ich es wüßte, in dem Restaurant einen Polizeihut erwischt haben?« fragte Syme und grinzte wild. »Habe ich durch einen Zufall irgendwo eine Nummer an mir stecken? Sehen vielleicht meine Stiefel so blau aus? Warum muß ich ein Polizeimensch sein? Lassen Sie mich doch lieber für einen gelben Postmenschen gelten.«

Der alte Professor schüttelte seinen Kopf so ernst, daß nichts zu hoffen stand. Syme indes fuhr in fieberischer Ironie fort:

»Aber vielleicht begriff ich die Delikatesse Ihrer germanischen Philosophie nicht. Vielleicht ist Polizeimensch ein relativer Begriff von Ihnen. In einem evolutionären Sinn, verehrter Herr, verschwand der Affe so graduell im Polizeimann, daß ich die Schattierung nicht mehr nachweisen kann. Der Schutzmann ist womöglich ein Maulaffe. Ich aber möchte womöglich kein . . . Schutzmann sein. Ich möchte germanisch gedacht, womöglich überhaupt nichts sein.«

»Sind Sie im Polizeidienst?« sagte der Greis und ignorierte all den improvisierten desperaten Ulk. »Sind Sie ein Detektiv?«

Symes Herz, das ward zu Stein. Aber sein Gesicht wechselte nicht im geringsten.

»Sie wollen mir da etwas durchaus Lächerliches suggerieren«, fing Syme von neuem an. »Warum in aller Welt . . .«

Aber der alte Mann schlug mit der gichtigen Hand wild auf den baufälligen Tisch, daß der schier einfallen wollte.

»Hören Sie nicht, daß ich Sie eine glatte Frage frage, Sie erbärmliches Schwatzmaul von einem Spion?« schrie er wie verrückt. »Sind Sie ein Polizeidetektiv oder sind Sie es nicht?«

»Nein«, antwortete Syme – wie unter dem Fallbrett des Galgens.

»Sie schwören es?« sagte der alte Mann und beugte sich zu ihm herüber, und in sein totes Gesicht fuhr eine ekelhafte Lebendigkeit. »Sie schwören mirs zu! Wenn Sie falsch schwören – wollen Sie verdammt sein? Wollen Sie sicher sein, daß die Hölle zu Ihrem Leichenbegängnis tanzt? Wollen Sie erleben, wie die Nachtmahr auf Ihrem Grabe sitzt? Verstehen Sie mich auch durchaus und ganz und gar? Sie sind ein Anarchist – ein Dynamitheld! Aber über all dem . . . sind Sie da nicht irgendwie ein Detektiv? Stehen Sie nicht in britischen Polizeidiensten und sind Sie kein Detektiv?«

Er stützte seinen spitzigen Ellbogen mitten auf den Tisch auf und hielt seine große Zitterhand wie eine Muschel an sein Ohr.

»Ich stehe nicht in britischen Polizeidiensten«, sprach Syme – geistesgestört-kaltblütig. »Und bin kein Detektiv.«

Professor de Worms fiel wie mit einem Kollaps aus reinem Mitgefühl auf seinen Stuhl zurück. »Das ist ein Jammer –«, sprach, er, »– indem daß nämlich ich einer bin.«

Syme fuhr auf – daß die Bank krachend hinter ihm hinschlug.

»Indem daß näm – Sie was sind?« stotterte er »W – w – wa – was sind?«

»Ein Policeman!« sagte der Professor und lachte zum erstenmal und strahlte nur durch seine Augengläser. »Außer es wäre Ihnen Policeman ein relativer Begriff – dann natürlich hätte ich nichts mit Ihnen zu schaffen. Ich bin von der Britischen Polizeigewalt. Und wenn Sie mir sagen, daß Sie nicht von der Britischen Polizeigewalt sind, so kann ich Ihnen nur entgegnen, daß ich Sie in einem Dynamitverbrecherklub getroffen habe. Und denke, daß ich Sie hierdurch verhafte. Im Namen des Gesetzes.« Und mit solchen Worten legte er vor Syme ein genaues Faksimile jener blauen Karte auf den Tisch, wie Syme selber eine in seiner Westentasche trug – das Symbol polizeilicher Gewalt . . .

Syme hatte einen Augenblick lang das Gefühl: die Welt stand kopf . . . alle Bäume wuchsen niederwärts und die Sterne waren unter seinen Füßen. Bis er sich dann langsam vom Gegenteil überzeugte. Die letzten vierundzwanzig Stunden – die war die Welt kopf gestanden . . . und nun erst kam das umgefallene Universum wieder oben auf. Der Teufel, dem er all den Tag über zu entkommen gesucht hatte, entpuppte sich als ein vieledler Bruder aus seiner eigenen Bruderschaft – der sich überm Tisch drüben weit zurücklehnte und ihn auslachte . . . Syme fragte vorerst nach gar keiner Einzelheit weiter; er begnügte sich vorläufig ganz mit der lustigen, blödsinnig lustigen Tatsache, daß der Schatten, der ihn mit unerbittlichem Dräun verfolgte, der Schatten eines – Kollegen war. Er begnügte sich – und er vergnügte sich mit diesen beiden Dingen, daß er erstens ein Narr war und zweitens ein freier Mann. Mit der Genesung von einer Krankheit geht Hand in Hand eine gewisse heilsame Demütigung. Da kommt ein gewisser Augenblick, wo nur diese drei Dinge möglich sind: ein teuflischer Hochmut erst, dann Tränentropfen und als drittes Gelächter. Symes Selbstsucht brüstete sich ein paar Sekunden im ersten Stadium – und sprang aber dann gleich ins letzte über. Er griff nach seinem eigenen blauen Polizeiticket und warf es auf den Tisch; warf den Kopf so sehr zurück, daß die Spitze seines Spitzbärtchens auf die Zimmerdecke zeigte und brach in ein barbarisches Gelächter aus.

Selbst in diesem Loch von einem Lokal, das ohnehin fortwährend von Messern, Tellern, Kannen, Matrosenkehlen, plötzlichem Streit und wildem Aufbruch erdröhnte, hatte Symes Heiterkeit etwas so Homerisches, daß sich ein paar Halbbetrunkene umdrehten.

»Ueber was lachen Sie denn, Herr Generaldirektor?« fragte ein verwunderter Dockarbeiter.

»Ueber – über mich selber«, brachte Syme heraus und überließ sich aufs neue den Verzückungen der Reaktion.

»Nehmen Sie sich zusammen«, sprach der Professor. »Sie werden mir sonst noch hysterisch. Trinken Sie noch 'n Bier. Ich trink auch eins.«

»Aber Sie haben ja nicht einmal Ihre Milch getrunken?« sprach Syme.

»Meine Milch?« sprach der andere – und das klang so voll unendlicher Verachtung, »meine Milch! Glauben Sie, ich rühr das – Sauzeug an, wenn ich außer Sichtweite dieser hündischen Anarchisten bin? Wir sind alle Christen in diesem Lokal, obschon – vielleicht«, fügte er hinzu – und sah rund herum durchs Gewühl, »– hm – Wie dies Glas leer machen? Himmel, Hölle, Wolkenbruch! da! da! Nun ist es genug leer!« und er stieß das Glas vom Tisch: ein Haufen Scherben . . . eine silberne Lache . . .

Syme sah ihn selig-neugierig an.

»Jetzt kapier ich endlich«, rief er. »Natürlich doch, natürlich! Sie sind überhaupt kein alter Mann!«

»Ich kann mein Gesicht hier nicht ausziehn«, versetzte Professor de Worms. »Das ist nämlich eine raffinierte Aufmachung . . . Ein alter Mann? Das läßt sich nicht von mir behaupten. Ich bin an meinem letzten Geburtstag achtunddreißig geworden.«

»Ja. Aber ich meine«, sprach Syme ungeduldig, »– es fehlt Ihnen weiter nichts.«

»Doch«, sprach der andere gelassen, »ich neige furchtbar zu Schnupfen.«

Syme lachte und lachte – halb ohnmächtig vor Erlösung. Lachte und lachte über diesen paralytischen Professor, der doch nur eine Maske im Rampenlicht – ein junger Akteur sein wollte . . . Und aber fühlte, daß er genau so laut gelacht hätte, wenn eine Pfefferstreubüchse umgefallen wäre . . .

Der falsche Professor tat einen Schluck – und streichelte seinen Bart.

»Wußten Sie«, fragte er, »daß jener Gogol einer von den Unsrigen war?«

»Ich? Nein«, antwortete Syme ziemlich überrascht. »Aber Sie?«

»Ich wußte es nicht mehr als es ein Toter weiß«, versetzte der Mann, der sich de Worms nannte. »Ich dachte nur, der Präsident meinte mich mit allem. Und war auf alles gefaßt.«

»Und ich dachte, daß er – mich mit allem meinte«, lachte Syme sein unbekümmertes Lachen.

»Und hatte die Hand die ganze Zeit am Revolver.«

»Genau wie ich«, sprach der Professor grimmig. »Und wie Gogol wahrscheinlich auch.«

Da schrie Syme und schlug auf den Tisch:

»Nun also – so wären wir unser drei gewesen!« schrie er. »Drei gegen vier von sieben! Wer das gewußt hätte, daß wir unser drei gewesen!«

Doch da verfinsterte sich das Gesicht des Professors und sah nicht auf und blickte zur Erde. »Ja! Drei!« sagte er. »Aber wenn wir dreihundert gewesen wären, hätten wir doch nichts machen können . . .«

»Auch nicht, wenn wir unser dreihundert gegen vier gewesen wären?« fragte Syme – mit lautem Hohn.

»Nein«, versetzte de Worms nüchtern. »Und wenn wir dreihundert gegen . . . Sonntag gewesen wären.«

Und die bloße Nennung dieses Namens machte Syme frieren und verstummen. Und sein Lachen erstarb ihm in seinem Herzen, bevor es noch auf seinen Lippen erstarrte. Und das Gesicht dieses Präsidenten, den du nie wieder vergessen kannst, erschien mit einem Ruck vor seinem geistigen Auge – wie eine farbige, von Farben flammende Photographie. Und – was war das doch für ein Unterschied, für ein Abstand zwischen Sonntag und all seinen Satelliten! Die Gesichter all der andern – und mochten sie noch so unheimlich und blutrünstig scheinen – sie verschwammen und verschwanden, so du an andere Menschengesichter dachtest . . . wohingegen Sonntags Größe im Fernsein von ihm und in der Erinnerung nur noch wuchs, als ob das gemalte Porträt eines Menschen langsam zu Leben und Atem würde! . . .

Sie schwiegen beide eine ganze Weile. Dann schäumte Syme über – wie Champagnerwein.

»Professor!« schrie er, »Professor, Professor – es ist unerträglich! Fürchten Sie sich vor diesem Mann?«

Da hob der Professor seine schweren Lider und sah Syme an – mit großen, weit offenen, blauen Augen – und voll von einer engelgleichen Aufrichtigkeit.

»Ja! Ich ja!« sprach er leise. »Und . . . Sie auch.«

Wie total verblödet war Syme einen Augenblick. Dann aber sprang er auf, stand ragend, wie ein Herausgeforderter – und der Stuhl hinter ihm fiel um –

»Ja« – und seine Stimme klang unbeschreiblich – »Sie haben recht. Ich auch fürchte mich vor ihm. Deshalb aber schwör' ich bei Gott, daß ich diesen Menschen ausfindig machen werde, den ich fürchte, bis ich ihn finde . . . und ihn aufs Maul schlagen werde. Und wär sein Thron der Himmel – und die Erde sein Fußschemel . . . ich schwöre, daß ich ihn davon herabzerren werde.«

»Wie?« starrte der Professor, »und warum?«

»Weil ich ihn fürchte«, sprach Syme. »Kein Mensch soll in aller Welt das belassen, das er fürchtet.«

Mit blinder Verwunderung sah da de Worms Syme an. Und wollte etwas sagen . . . aber Syme fuhr leise zu reden fort, aber etwas von unmenschlichem Feuer glühte in ihm.

»Wer möchte sich herbeilassen, nur gegen das zu streiten, das er nicht fürchtet? Wer möchte zu solch billigem, zu solchem Preisboxertum sich erniedrigen? Wer möchte nur so furchtlos sein wie ein Stück Holz? Streite gegen das – was du fürchtest. Kennen Sie die alte Geschichte von dem englischen Geistlichen, der den sizilianischen Briganten mit den letzten Tröstungen versah . . . und wie der große Räuber dann auf seinem Sterbelager sprach: ›Geld kann ich Ihnen keins geben. Aber diesen Rat für Ihr ganzes Leben lang: Die Hand am Degen – und immer aufwärts schlagen.‹ Und dasselbe sage ich Ihnen: schlagen Sie aufwärts, wenn Sie die Sterne schlagen wollen.«

Der andere sah – einer seiner Tricks – zur Decke empor.

»Sonntag ist ein Fixstern«, sprach er.

»Sie sollen ihn noch als Sternschnuppe erleben«, sprach Syme und setzte seinen Hut auf.

Dies brachte auch den Professor einigermaßen auf die Beine.

»Haben Sie irgendeine Idee«, fragte er, wohlwollend und bestürzt zugleich, »was Sie jetzt tun werden?«

»Ja«, versetzte Syme kurz, »– dieser Bombenwerferei in Paris zuvorkommen.«

»Haben Sie irgendeine Vorstellung davon: wie?« forschte der andere.

»Nein«, sprach Syme. In seinem Entschluß verharrend.

»Sie erinnern sich selbstverständlich«, fing le soidisant de Worms wieder an, »daß – wie wir ziemlich eilig heute aufbrachen – die ganzen Arrangements zu der Abscheulichkeit ganz in die Hände des Marquis und des Dr. Bull gelegt wurden. Der Marquis fährt in diesem Augenblick wohl schon auf dem Kanal. Aber wohin er gehen und was er tun will, das weiß wohl der Präsident selber kaum. Und wir – wir wissen es auf keinen Fall. Der einzige Mensch, der es weiß – ist Dr. Bull.«

»Wie dumm!« rief Syme. »Und wir wissen nicht, wo der ist.«

»O, schon«, sprach der andere auf seine kuriose geistesabwesende Art, »ich weiß es schon, ich.«

»Wollen Sie mir sagen, wo?« fragte Syme mit brennenden Augen.

»Ich werde Sie mit hinnehmen«, sprach der Professor und holte seinen Hut von einem hölzernen Nagel herunter.

Syme stand da und starrte ihn an. Grausam aufgeregt.

»Wie meinen Sie?« fragte er scharf. »Sie wollen mit mir . . . Sie wollen es gleichfalls riskieren?«

»Junger Mann«, sprach der Professor mit Heiterkeit, »es amüsiert mich köstlich, daß Sie denken, ich wäre ein Feigling. Ich will es Ihnen mit einem Wort sagen – und das ganz auf Ihre philosophisch-rhetorische Art und Weise: Sie denken, es sei möglich den Präsidenten zu stürzen. Ich denke, daß das unmöglich ist . . . aber ich wills versuchen . . .« Und öffnete damit die Tür der Taverne. Und rauhe Luft drang herein. Und traten hinaus, die beiden. Und gingen miteinand durch finstere Hafenstraßen . . .

Fast aller Schnee geschmolzen oder zu Schmutz zertreten. Nur ab und zu noch ein Klumpen, aber auch der dann eher grau als weiß durchs Dunkel herscheinend. Die schmalen Gäßchen naß und lauter kleine Teiche, darauf das rote Licht der Laternen schwamm – von ungefähr wie Fragmente von einer andern und gestürzten Welt. Syme schritt wie geblendet durch dies wachsende Gewirr von Licht und Schatten; aber sein Kollege holte munter aus – auf irgendein Ziel zu, ein Straßenende, bis ein zollschmaler Streifen des Flusses dunkel aufleuchtete.

»Wohin gehen wir?« forschte Syme.

»Jetzt eben«, antwortete der Professor, »gehen wir um die Ecke, um nachzuschauen, ob Dr. Bull schon zu Bett gegangen ist. Der hält nämlich auf Gesundheit. Der geht früh schlafen.«

»Dr. Bull!« rief Syme aus. »Wohnt der da um die Ecke?«

»Nein«, antwortete sein Freund. »In Wirklichkeit wohnt er ziemlich weit weg. Drüben überm Fluß. Aber wir können von hier aus sagen, ob er sich schon niedergelegt hat.«

Und an besagter Ecke deutete de Worms mit seinem Stock über die dunkle lichtgesprenkelte Themse hinüber nach dem jenseitigen Ufer.

Und am bezeichneten Punkt auf der Surreyseite drüben, die die Südseite ist – da ragten nebeneinander ein paar schlanke hohe Baulichkeiten auf, punktiert von erleuchteten Fenstern, so schwindelnd hoch wie Fabrikschornsteine, daß sie allzusammen aussahen wie ein Turm zu Babel mit hundert Augen. Syme hatte nie noch amerikanische Wolkenkratzer gesehen, – so glaubte er, er träume nun von ihnen . . .

Und gerad wie er hinüberstarrte, ging das höchste Licht von den zahllosen Lichtern da drüben aus, als ob der schwarze Argus ihm mit einem seiner zahllosen Augen zugewinkt hätte –

Und da drehte sich Professor de Worms auf dem Absatz um und schlug mit seinem Stock gegen seinen Stiefel –

Und sagte: »Zu spät . . . Der hygienische Doktor ist zu Bett gegangen . . .«

»Wie?« fragte Syme. »Wohnt er denn da drüben?«

»Ja«, sagte de Worms. »Hinter jenem einen Fenster, das Sie nicht sehen können. Kommen Sie – wir gehen dinieren. Wir müssen morgen früh bei ihm vorsprechen.«

Sie redeten weiter nichts mehr miteinander. Der Professor nahm den Weg voran durch mehrere Seitenwege. Bis sie in die strahlende Helle und in das Getöse von East India Dock Road kamen. Der Professor, der sich hier überall aufs beste auszukennen schien, strebte weiter voraus bis auf einen Platz, allwo die Reihe erleuchteter Läden plötzlich endigte und Zwielicht herrschte und Ruhe und wo ein altes freundliches, ganz und gar baufälliges Gasthaus sich etwa zwanzig Schritt vom Weg in die Ecke drückte.

»Man findet hier und da noch gute englische Gasthäuser – durch reinen Zufall – aber ganz fossile«, erläuterte der Professor, »einmal fand ich ein sehr anständiges in West End.«

»Und ich vermute«, lächelte Syme, »daß dieses dann das korrespondierende in East End ist?«

»Sehr richtig«, sprach der Professor mit Würde und trat ein . . .

Und da dinierten – und da schliefen sie, die beiden. Und das sehr gründlich. Die Bohnen und der Speck, glänzend zubereitet von den seltsamen Leutchen – und wie so erstaunlich Burgunder aus ihrem Keller floß: das machte Symes Glauben an eine neue Kameradschaft und an ein neues Glück vollkommen. Durch all die Feuerprobe hindurch war Symes tiefste Qual seine Isolation gewesen. Und Worte können nimmer den ungeheuren Abstand durchmessen zwischen Isoliertsein und einen Alliierten an seiner Seite wissen. Den Mathematikern zugegeben: 2×2 = 4. Aber 2 ist nicht 2×1. 2 = 2000×1! Indem, hundert Nachteilen zum Trotz, die Welt immer wieder zur Monogamie zurückkehren wird . . .

Nun konnte Syme endlich einmal seine ganze unglaubliche Geschichte an einen loswerden – von dem Augenblick an, da Gregory ihn in jene kleine Taverne am Fluß mitgenommen hatte. Und er erzählte sie, behaglich, ausführlich, in einem reichen, üppigen, überwuchernden Monolog – so wie man sehr alten Freunden etwas erzählt. Andererseits war der, der den Professor de Worms darstellte, nicht weniger mitteilsam. Und seine eigene Geschichte war fast so absurd wie die Symes . . .

»Ihre Aufmachung ist eine tadellose Aufmachung«, sprach Syme – und genehmigte ein Glas Mâcon. »Um wieviel tadelloser als die des lieben Gogol. Mir war von allem Anfang schon: er war ein bißchen zu haarig.«

»Zwei verschiedene künstlerische Anschauungen«, versetzte der Professor tiefsinnig. »Gogol war Idealist. Er schminkte und schmückte sich auf das abstrakte oder platonische Idealbild eines Anarchisten hinaus. Ich aber bin Realist. Ich bin ein Porträtmaler. Aber nein – Porträtmaler ist nicht der richtige Ausdruck. Ich bin ein Porträt.«

»Ich versteh nicht«, sagte Syme.

»Ich bin ein Porträt«, wiederholte der Professor. »Ich bin das Porträt von dem berühmten Professor de Worms, der, glaub ich, in Neapel ist.«

»Sie wollen damit sagen, daß Sie ihn mimen«, sagte Syme. »Ja, aber weiß er das nicht, daß Sie seine Nase zu unlauterem Wettbewerb mißbrauchen?«

»Er hat einen ausgezeichneten Riecher«, scherzte sein Freund.

»Ja, aber warum verstänkert er Sie denn da nicht?«

»Weil ich ihn verstänkert habe«, antwortete der Professor.

»Erklären Sie mir das, bitte«, sprach Syme.

»Aber gern! Wenn Sie also nichts dagegen haben«, versetzte der eminente ausländische Philosoph, »dann bin ich von Beruf Schauspieler und heiße Wilks. Als ich noch beim Theater war, verkehrte ich mit allen möglichen Bohémiens und Lumpenpack. Mit Rennschiebern – mit dem Aus- und Fehlschuß unter den Künstlern – und mit politischen Flüchtlingen. Bald mit solchen, bald mit solchen. Wies traf. In einem Schlupfwinkel exilierter Träumer und Phantasten wurde ich dem großen deutschen nihilistischen Philosophen Professor de Worms vorgestellt. Der fesselte mich weiter nicht als nur durch sein Aussehen, das wirklich abscheulich war, und das ich sorgfältig studierte. Ich hörte dann, daß er bewiesen hatte, das wahrhaft destruktive Prinzip im Universum sei Gott. Und daß er seitdem die Notwendigkeit einer wütenden unablässigen Energie proklamierte, alles und jedes in Stücke zu zerreißen.

Die Energie, sagte er, sei das All. Er war lahm, kurzsichtig und partieller Paralytiker. So oft ich ihn traf, geriet ich in frivole Stimmung, und ich mißfiel ihm stets so sehr, daß ich beschloß, ihn zu imitieren. Wenn ich ein Zeichner gewesen wäre, hätt ich eine Karikatur von ihm gezeichnet. Da ich nur ein Mime war, konnt ich die Karikatur nur mimen. Ich richtete mich also so zusammen: daß es eine grobe Uebertreibung von des alten Professors dreckigem altem Ich sein sollte. Und dachte, daß ich, sowie ich einträte, von seinen Anhängern mit einem brüllenden Gelächter oder (wenn ich etwa zu weit gegangen wäre) mit einem Schrei der Entrüstung und mit Schimpfen und Schmähen begrüßt würde. Ich kann Ihnen meine Ueberraschung beim besten Willen nicht beschreiben – wie mein Erscheinen mit ehrfürchtigem Schweigen und dann (wie ich meinen Mund auftat) mit einem Murmeln der Bewunderung gefeiert wurde. Ich hatte die göttliche Kunst lästern wollen. Ich hatte es zu fein, ich hatte es zu wahr angelegt. Man dachte, ich wäre in der Tat der große nihilistische Gelehrte. Ich war ein frischer, forscher Bursche zu der Zeit, und ich gebe es zu, es war ein loser Streich. Aber bevor ich das Ding wieder gutmachen konnte, stürzten zwei oder drei Verehrer auf mich – die nur so bebten vor Wut – und wollten mir erzählen: ich würde gerad nebenan öffentlich gelästert. Ich fragte – wieso. Ein gottverfluchter Bengel jedenfalls, der führe eine elendigliche Parodie auf mich auf. Ich hatte aber mehr Champagner getrunken als gut für mich gewesen war – und in blödsinniger Laune beschloß ich, die Rolle durchzuspielen. So wars nur Konsequenz, daß ich der Leuchte dieser Gesellschaft Aug in Aug – mit hochgezogenen Augenbrauen und mit wie vor Todesschauern frierenden Augen – gegenübertrat.

»Ich brauch wohl kaum zu sagen: daß das eine Kollision war. Die Pessimisten rundum sahen ängstlich von einem Professor zum andern Professor, um zu sehen, wer von den beiden denn wirklich der hinfälligere war. Und ich . . . gewann. Ein Mann von so schwacher Gesundheit wie mein Rivale, von dem konnte man nicht verlangen, daß er so eindringlich – daß er so ausdrucksvoll hinfällig aussähe als wie ein junger Schauspieler in der Blüte seiner Jahre. Sie sehen: er hatte tatsächlich Paralyse, aber er konnte als solcher nicht annähernd so hübsch paralytisch sein wie ich. Da versuchte er denn, mich Frechling geistig auszustechen. Aber ich parierte mit einem überaus einfachen Kniff. So oft er irgend etwas sagte, das keiner als er verstehen konnte, erwiderte ich mit etwas, das ich selber nicht einmal verstand. ›Ich kann mir nicht denken‹, sprach er, ›daß Sie das Prinzip: Evolution ist nur Negation, ausgearbeitet haben sollen, sintemalen demselbigen lakunare Introduktionen inhärieren, die von essentieller Differentiation sind.‹ Und ich aber erwiderte ganz verächtlich: ›Das haben Sie alles hübsch aus Pinckwerts herausgelesen. Die Protzion, daß Inpulveration eine eugeniale Dicktion ist, war lang vorher durch Zumpe schon exerziert.‹ Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen – was? – daß solche Käuze wie Pinckwerts und Zumpe niemals existiert haben. Aber die Käuze da rund um uns her, die schienen sich (ich war fast erstaunt) ganz genau ihrer entsinnen zu können. Und wie der Professor fand, daß die gelahrte und mysteriöse Methode ihn erbarmungslos einem höchst skrupellosen Gegner auslieferte – verlegte er sich auf eine populärere Form des Witzes. ›Ich sehe‹, stichelte er grinsend, ›Sie prävalieren so wie die falsche Wildsau in Aesop.‹ ›Und Sie‹, antwortet ich lächelnd, ›Sie fallen durch wie der Igel bei Montaigne.‹ Brauche ich Ihnen viel zu sagen, daß es keinen Igel bei Montaigne gibt? ›Ihr Witz geht Ihnen aus‹, sprach er, ›so wie Ihr Bart.‹ Ich wußte keine intelligente Antwort auf dieses, das ebenso wahr wie sarkastisch war. Und so lachte ich nur herzlich auf, antwortete aufs Geratewohl: ›Wie Pantheistenpantinen‹, und drehte mich auf der Ferse um und tat, als wär ich ganz und gar der Sieger . . .

Der wirkliche Professor wurde hinausgeschmissen, aber nicht allzu kräftig, – und übrigens versuchte einer der Anwesenden zuerst mit aller Ausdauer, ihm die Nase auszureißen. Heute ist er, glaube ich, allenthalben in Europa als ein ganz köstlicher Betrüger angesehen. Sein sichtlicher Ernst und Aerger machen ihn – sehen Sie? – nur um so köstlicher.«

»Nun ja«, sagte Syme – »ich kann wohl begreifen, daß Sie einen dreckigen alten Bart für eine Nacht zum Gaudium umbanden . . . aber das kann ich nicht begreifen, wie Sie ihn dann ein für allemal umbehielten.«

»Das ist das Ende vom Lied«, sagte der Professoren-Darsteller. »Wie ich unter ehrfurchtsvollem Applaus dann selber die Gesellschaft verließ, hinkte ich so die dunkle Straße davon, in der Hoffnung, daß ich bald weit genug wäre, um wieder wie ein menschliches Wesen gehen zu können. Zu meinem Entsetzen aber fühlte ich – gerad wie ich um die Ecke bog – etwas auf meiner Schulter und stand – wie ich mich umdrehte – im Schatten eines bärenhaften Policeman. Und der erzählte mir, daß man mich suche. Ich nahm eine paralytische Attitüde an und schrie laut und in deutschem Akzent: »Ja ja ja – die Bedrängten, die Unterjochten, die Mühseligen in aller Welt suchen mich. Sie arretieren mich unter der Beschuldigung, daß ich der große Anarchist Professor de Worms wäre.« Aber der Policeman zog leidenschaftslos einen papierenen Wisch in seiner Hand zu Rate und sagte höflich: »Nein, mein Herr, wenigstens nicht ganz so. Ich arretiere Sie unter der Anklage, daß Sie der berühmte Anarchist Professor de Worms nicht sind.« Diese Anklage, wenn sie überhaupt nach dem Kriminal war, war jedenfalls die leichtere und lustigere von den beiden, und ich ging gleich mit dem Herrn – mit ein wenig Zweifel, aber ohne Angst. Man schleppte mich durch eine Menge Zimmer und schließlich vor einen Polizeioffizier, der mir erklärte: gegen die Zentren der Anarchie sei eine ernsthafte Kampagne eröffnet – und meine erfolgreiche Maskerade könnte von beträchtlichem Nutzen für die öffentliche Sicherheit sein. Und bot mir eine gute Gage – und diese blaue Karte an. Obgleich unsere Konversation eine kurze war, fiel er mir als ein Mensch von sehr gesundem Menschenverstand und Humor auf. Aber über ihn persönlich könnte ich Ihnen wenig sagen, denn . . .«

Syme legte Messer und Gabel hin und sagte:

»Ich weiß. Denn Sie sprachen mit ihm in einem zappendusteren Raum.«

Professor de Worms nickte und trank aus.

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