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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das vierte Kapitel

Die Geschichte eines Detektivs

Gabriel Syme war nicht bloß ein Detektiv, der ein Dichter zu sein vorgab; er war tatsächlich ein Dichter, der ein Detektiv geworden war. Auch haßte er den Anarchismus nicht aus reiner Heuchelei. Er war einer von denen, die früh im Leben allzu konservativ werden: durch das wahnsinnige Gehaben der meisten Revolutionäre. Und er war es absolut nicht durch irgendeine geistlose, erstarrte Tradition geworden. Seine Respektabilität war eine spontane und eine plötzliche gewesen, eine Rebellion gegen eine Rebellion. Er stammte aus einer verdrehten Familie, in der die ältesten Leute die jüngsten Kindereien an sich hatten. Einer seiner Onkel ging stets ohne Hut herum; und ein anderer hatte sogar den nicht sehr glücklich ausgefallenen Versuch unternommen, mit einem Hut wohl, aber mit sonst gar nichts anderem herumzugehen. Sein Vater, der übte sich in der Kunst und in dem Gebot: »Hilf dir selber und aus dir selber.« Seine Mutter, die trat ein für alle Schmucklosigkeit und Hygiene. So kam es, daß das Kind durch all seine zarteren Jahre an kein Getränk gewöhnt war zwischen den beiden Extremen Absinth und Kakao, die er beide zu seinem Heile verabscheute. Je mehr seine Mutter eine mehr als puritanische Abstinenz predigte, desto mehr artete sein Vater in eine mehr als heidnische Lebensführung aus. Und als die erstere so weit gekommen war, daß sie den Vegetarismus einführte, war der letztere ziemlich an dem Punkt angelangt, wo er den Kannibalismus verteidigte.

Von jeder nur denkbaren Art von Revolte von Kindheit an umgeben, wollte auch Gabriel in etwas revoltieren, und so revoltierte er in dem einzigen Ding, das ihm blieb – in gesundem Menschenverstand. Aber da war gerade genug von dem Blut jener Fanatiker in ihm: daß sein Protest, vernünftigerweise, ein bißchen allzu sensibel und ungestüm ausfiel. Und dann setzte seinem Abscheu vor aller moderner Gesetzlosigkeit noch ein unglückliches Erlebnis, das er hatte, die Krone auf. Es geschah nämlich, daß er in einer Seitenstraße ging – in dem Augenblick eines Dynamitverbrechens. Den ersten Augenblick war er blind und taub gewesen, und dann ersah er, durch verwehenden Rauch, zertrümmerte Fenster und blutige Gesichter. Nach diesem kam er daher – ganz der alte: ruhig, freundlich, ja sanft sogar; und doch war seitdem ein Flecken auf seinem Gemüt, der nichts Gesundes sein konnte. Ihm waren die Anarchisten nicht, wie den meisten von uns, eine Handvoll pathologischer Burschen, die hübsch viel Ignoranz und Intellekt in sich vereinigen; sondern er sah sie vielmehr als eine ungeheure und unerbittliche – als eine Gelbe Gefahr schlechthin an . . .

Er übergoß die Zeitungen und – Redaktionspapierkörbe mit wahren Sturzbächen von Geschichten, Versen und heftigsten Artikeln, darinnen er die Menschheit vor dieser neuen Sintflut zittern machte. Aber er schien seinen Feind nie richtig vor die Büchse zu bekommen – wenigstens, was noch weit schlimmer war, nie einen lebendigen . . . Wenn er, weh an seiner wohlfeilen Zigarre kauend und schmerzlicher noch über den guten Fortgang alles Anarchismus brütend, so den Londoner Themse-Quai hinabschlenderte, da war kein Anarchist, mit einer Bombe in der Tasche, so wild, so weltverlassen wie er. Da fühlte er so recht, da fühlte ers zum Greifen, daß die Regierung allein und hoffnungslos stand, – vor ihm nach hinten heraus und gerad als wie an die Wand gedrückt. Er war übrigens zu sehr Don Quichotte, als daß er noch anders für sie gefürchtet hätte . . .

So ging er wieder einmal den Themse-Quai hin . . . und da war ein böser, bös-roter Sonnenuntergang. Der rote Fluß warf den roten Himmel zurück, und beide spiegelten seinen unmeßbaren Kummer. Der Himmel, der war in der Tat so dunkelfarben und das Licht auf den Wassern dagegen von einer so geisterhaften Blässe, daß das Wasser in wilderen Tinten zu flammen schien als der Sonnenuntergang sich abspiegelte. Als wie ein Feuerstrom wars, der durch gewaltige Höhlen einer unterirdischen Landschaft dahinbraust.

Syme war zerlumpt und elend schäbig in jenen Tagen. Er trug eine altmodische, schwarze Angströhre; und er ging in einem noch altmodischeren, schwarzen, zerschlissenen Dallesmantel, so daß er aussah als wie ein Bösepicht aus Dickens oder Bulwer Lytton. Auch waren sein gelber Bart und sein gelbes Haar viel ungekämmter und löwenhafter als sie es später in den Gefilden Saffron Parks waren. Denn da waren sie ja geordnet und geschnitten . . . Ein langer, dünner, schwarzer Glimmstengel, in Soho erhandelt und im Freien zu rauchen, stak aus seinem Gezähne, und alles in allem sah er eben hinlänglich so aus wie einer jener Anarchisten, denen er einen Heiligen Krieg erklärt hatte. Und vielleicht gerade deswegen wars, daß auf demselbigen Themsequai ein Policeman zu ihm sprach und sagte: »Guten Abend.« Syme, in einer Krisis gerade seiner morbiden Aengste um die Menschheit, schien ungeheuer schmerzlich berührt von der Dummheit des automatischen Beamten, der eine tüchtige Tube Blau war in all der Zwielichtsauce rundum.

»Einen guten Abend nennen Sie das?« sagte er gereizt. »Ihr Kerle würdet den Untergang der Welt noch einen guten Abend nennen. Sehen Sie sich bloß mal diese blutrote Sonne und diesen blutigen Fluß da an! Ich kann Ihnen sagen, daß Sie, wenn das alles vergossenes und flammendes Menschenblut wär, trotzdem und grad noch so solide hier aufgepflanzt stehen würden und nach irgendeinem harmlosen Wanderer auslugen und ihn vorwärts! oder auseinandergehn! heißen. Ihr Blauen, ihr seid nur zu den Elenden grausam, aber selbst diese eure Grausamkeit würde ich euch noch hingehen lassen und nachsehen, wenn ihrs nicht rein aus dem Bedürfnis nach absoluter Gemütsruhe wäret.«

»Unsere Ruhe«, erwiderte der Schutzmann, »ist die Ruhe der organisierten Resistenz.«

»Hä?« sagte Syme und war baff.

»Der Soldat hat seine eiserne Ruhe im dicksten Dickicht des Gefechts zu bewahren«, fuhr der Polizist fort. »Die Gemütsruhe der Armee ist die Angst der Nation.«

»Himmlischer Vater – die öffentlichen Elementarschulen!« sprach Syme. »Haben Sie das aus einem Katechismus auswendig lernen müssen?«

»Nein«, sagte der Polizeimensch düster, »ich hab keine so günstige Gelegenheit gehabt. Die öffentlichen Elementarschulen kamen erst nach meiner Zeit. Die Erziehung, die ich genoß, war so klobig und ganz und gar altmodisch, daß ich mich geniere, es zu sagen.«

»Wo war das?« fragte Syme verwundert.

»Oh! zu Narrow«, sagte der Blaue.

Wa–wa–wa–was! Das war ja eine berühmte höhere Lehranstalt, – auf der auch Syme gewesen! . . . Und die Schulkameraden-Sympathien, die, so falsch sie auch sind, die wahrsten Dinge in so manchen Menschen ausmachen, – die kamen bei Syme zum Durchbruch, noch ehe er sie kontrollieren konnte.

»Aber – aber – himmlischer Vater . . .« sprach er. »Mensch! – da hätten Sie doch kein Blauer werden sollen!«

Und der Blaue seufzte sehr und neigte sein Haupt –

»Ich weiß«, sagte er feierlich, »ich weiß, daß ich unwürdig war . . .«

»Aber warum gingen Sie denn dann zur Polizei?« fragte Syme mit mächtiger Neugier.

»Vielleicht aus demselben Grunde, aus dem Sie unsere Institution schmähen«, sprach der andere. »Ich fand, daß da eine besonders gute Aussicht bestand für solche, deren Aengste um die Menschheit sich mehr um die Verirrungen des wissenschaftlichen Intellekts als um die normalen und entschuldbaren wenn auch exzessiven Ausbrüche des menschlichen Willens drehten. Ich hoffe, daß ich mich klar ausdrückte.«

»Wenn Sie damit meinen, daß Sie damit Ihre Meinung klar ausdrückten«, sprach Syme, »hoffe ich – ja. Aber es sich selber einmal klar machen, das wär die Hauptsache. Wie kommt ein Mann wie Sie dazu, in einem blauen Helm am Themsestrand Philosophie zu verzapfen?«

»Sie haben sicher nichts von der letzten Entwicklung in unserm Polizeisystem gehört«, versetzte der andere. »Was mich übrigens gar nicht überrascht. Wir haben die Instruktion, es vor den gebildeteren Klassen soviel wie möglich zu verbergen, weil diese Klassen die meisten unserer Feinde enthalten. Sie dahingegen – Sie scheinen sich genau in der richtigen Gemütsverfassung zu befinden. Sie sollten fast zu uns kommen.«

»Zu Ihnen?« fragte Syme. »Zu was?«

»Das will ich Ihnen sagen«, sagte der Polizeidiener langsam. »Die Lage ist nämlich diese: das Haupt eines unserer Departements, einer der berühmtesten Detektivs Europas, war seit langem schon der Meinung, daß eine rein intellektuelle Verschwörung bald unsere ganze Zivilisation bedrohen würde. Er ist sich vollkommen klar, daß die wissenschaftlichen und künstlerischen Kreise sich zu einem Kreuzzug zusammentun würden – wohl gegen Familie und Staat. Und er hat, dessentwegen, ein Spezialkorps von Polizeileuten gebildet, – von Polizeileuten, die Philosophen sind. Deren Geschäft ist es nun, die Anfänge der Verschwörung zu überwachen, und das nicht nur in einem kriminellen, sondern in einem kontroversen Sinn. Ich selbst bin Demokrat und bin hauptsächlich auf den Wert des Durchschnittsmannes in bezug auf durchschnittliche Tapferkeit und Kühnheit bedacht. Aber es ist in die Augen springend, daß es unratsam wäre, den Durchschnittspolizeimenschen zu einem Aufklärungsdienst zu verwenden, der einer Ketzerverfolgung gleichkommt.«

Symes Augen steckten helle Lichter der Sympathie sowie als der Wißbegierde aus.

»Und wie machen Sie das?« sagte er.

»Die Leistung des philosophischen Schutzmanns«, versetzte der Mann in Blau, »ist eine verwegenere und erfinderischere zugleich als die eines gewöhnlichen Detektivs. Der gewöhnliche Detektiv geht in die Kaschemmen, um Diebe zu arretieren. Wir gehen zu artistischen Teegesellschaften, um Pessimisten zu überwachen. Der gewöhnliche Detektiv ersieht aus dem Hauptbuch oder Journal, daß ein Verbrechen begangen worden ist. Wir indes lesen aus einem Sonettbande, daß ein Verbrechen begangen werden wird. Wir haben die Quellen aufzuspüren jener furchtbaren Gedanken, die die Mühlsteine des geistigen Fanatismus und des geistigen Verbrechens treiben. Wir verhinderten beispielsweise den Meuchelmord zu Hartlepool, und das verdanken wir ganz und gar der Tatsache, daß unser Mr. Wilks, ein smarter, junger Bursche, sich durchaus und gründlich auf das Triolet verstand.

»Ja, meinen Sie denn wirklich«, fragte Syme, »daß zwischen Verbrechen und modernem Geist ein so großer Konnex besteht?«

»Sie sind nicht genug Demokrat«, antwortete der Polizist, »aber Sie hatten absolut recht vorhin, als Sie sagten, daß unsere gewöhnliche Behandlung des Armen-Verbrechens ein ziemlich brutales Geschäft sei. Ich kann Ihnen sagen, daß mich mein Amt oft ganz krank macht, wenn ich sehen muß, wie es fort und fort nur den Krieg meint mit den Ignoranten und den Desperaten. Aber unser neues System nun, das ist ein höchst verschiedenes. Wir wissen nichts und wollen nichts mehr wissen von der snobbistischen englischen Anmaßung: daß nur die Ungebildeten die gefährlichen Verbrecher seien. Wir erinnern nur an die Römischen Kaiser. Wir erinnern nur an die vielen großen fürstlichen Giftmischer der Renaissance. Wir sagen: der Gebildete ist der Schwerverbrecher. Wir behaupten: das gefährlichste Verbrechen von heute ist der absolut gesetzlose moderne Philosoph. Gegen ihn sind – gegen ihn sind Einbrecher und Bigamisten moralische Menschen; mein Herz ist ganz mit auf ihrer Seite. Die glauben an das höchste Ideal der Menschen; nur suchen sie es auf der verkehrten Seite. Diebe? Die respektieren das Eigentum. Sie wünschen vom Eigentum nur, daß es sich ihnen aneignen möchte, auf daß sie es dann um so vollkommener respektieren könnten. Aber Philosophen? Die verwerfen das Eigentum als Eigentum an sich. Die wollen gleich den ganzen Begriff Personalbesitz ausmerzen. Bigamisten? Die respektieren die Ehe. Sonst würden sie nicht durch die so hochzeremonielle und sogar ritualistische Formalität der Bigamie gehen. Aber Philosophen? Die verabscheuen die Ehe als Ehe an sich. Der Mörder respektiert das Menschenleben. Er wünscht nur, eine größere Fülle menschlichen Lebens in sich zu erlangen – durch die Opferung von etwas, das ihm weniger lebenswert scheint. Aber der Philosoph? Der haßt das Leben an sich. Sein eigenes sowohl als das aller andern.«

Syme schlug die Hände zusammen.

»Wie so wahr – wie so wahr das alles!« rief er aus. »Ich habs gefühlt, seit meiner Knabenzeit, nur konnt ich nie die verbalische Antithese statuieren. Der gewöhnliche Verbrecher ist ein schlechter Mensch, aber wenigstens ist er, gleichsam, ein – bedingungsweise – guter Mensch. Er sagt, wenn nur ein gewisses Hindernis beseitigt wäre – ein Erbonkel etwan – dann wär er total bereit, an das Weltall zu glauben und Gott zu preisen. Er ist ein Reformator, aber noch lange kein Anarchist. Er will den Tempel gereinigt sehen, aber noch lange nicht niedergerissen. Nur der Schädling: der Philosoph, versucht nicht, die Dinge zu wandeln, sondern sie auszurotten – zu nihilisieren. Ja, die moderne Welt hat all jene Sparten des Polizeidienstes zurückbehalten, die tyrannisch und über die Maßen greulich sind, die Ausplünderung der Armen, das Ausspionieren der Unglücklichen. Und hat ihre würdigste Tat aufgegeben: die Bestrafung der großen Staatsverräter und der großen Kirchenketzer. Ich zweifle immer wieder nur daran, daß wir ein Recht haben sollen, wenn die nicht – dann irgendeinen andern zu bestrafen.«

»Aber das ist doch absurd!« rief der Blaue und rang die Hände – gar nicht wie ein Blauer, »aber das ist doch unausstehlich! Ich weiß nicht, was Sie treiben im Leben, aber sicher vergeuden Sie Ihr Leben. Sie müssen – Sie müßten unserer Spezialarmee gegen die Anarchie beitreten! Ihre Truppen stehen vor unseren Grenzen. Der Pfeil schwirrt von der Sehne. Wenn Sie noch einen Augenblick länger verziehen, ist der Ruhm für Sie verloren, als einer der Unsrigen zu streiten – und damit vielleicht der Heldentod zusammen mit den letzten Heroen dieser Welt.«

»Das ist eine Chance – sicherlich –« pflichtete Syme bei, »die ich mir nicht entgehen lassen sollte. Aber ich kenn mich da immer noch nicht recht aus. Ich weiß wohl so gut wie einer, daß die moderne Welt angefüllt ist von den gesetzlosen kleinen Menschen und von total verdrehten kleinen Emotionen. Aber, so verbiestert das alles auch sein mag, bleibt immer noch das eine Gute – dieses, daß sie miserabel untereinander auskommen. Wie kommen Sie also dazu, von einem Oberkommando an der Spitze einer Armee und vom ersten abschwirrenden Bolzen zu reden? Wie wie – wie verhält es sich denn nun eigentlich mit dieser Anarchisterei?«

»Verwechseln Sie's beileibe nicht«, versetzte der Konstabler, »mit jenen ungefähren Dynamitattentaten in Rußland oder Irland: die sind weiter nichts als Expansionen, Expektorationen und Explosionen unterdrückter – irrender Menschen. Das andere aber, das ist eine ungeheure philosophische Bewegung, die aus einem äußeren und in einem inneren Ring besteht. Sie können den äußeren Ring getrost den Laienstand und den inneren Ring die Priesterschaft nennen. Ich aber heiße mir den äußeren lieber: das harmlose Lager – und den innern: das im höchsten Grade schuldige. Der äußere Ring – der größte Teil der Anhänger – sind bloße Anarchisten. Das heißt: Leute, die da glauben, die Regeln all und die Formeln hätten das menschliche Glück untergraben. Leute, die da glauben, daß alles Menschenverbrechen aus dem System resultiert, das es eben – Verbrechen getauft hat. Leute, die da nicht glauben wollen, daß das Verbrechen die Strafe erzeugt. Sondern Leute, die da glauben, daß die Strafe das Verbrechen erzeugt hätte. Die glauben, daß, wenn ein Mensch sieben Frauen verführt, der natürlich so schuldlos daraus hervorginge wie eine Blume im Lenz. Glauben, daß, wenn ein Mensch maust, er von den exquisitesten Gefühlen beseelt ist . . . Diese alle nenne ich das harmlose Lager.«

»Oho!« sagte Syme.

»Natürlich faselt diese Sorte Volks dann von ›einer glücklichen Zeit, die anbrechen wird‹, vom ›Paradies der Zukunft‹ und einer ›Menschheit jenseits von Gut und Böse‹ und so weiter und so fort. Und gerad so faseln die Leute des inneren, Zirkels – die geweihte Priesterschaft. Und faseln so: damit ihnen der Pöbel Beifall schreit – zur glücklicheren Zukunft, zur Befreiung der Menschheit. Aber in ihren Mündern (und der Konstabler sprach leiser), in ihren Mündern verkehren sich diese Phrasen vom Glück heimlich in ein furchtbares Gegenteil. Die wissen von keinen Illusionen, die; die sind viel zu gescheit, als daß sie dächten, der Mensch könne sich jemals ganz von der Erbsünde befreien und über alle finstern Mächte Sieger sein. Wenn sie so reden, so meinen sie damit den Tod. Und wenn sie da sagen, daß die Menschheit dereinst frei werden würde, so meinen sie damit, die Menschheit soll Selbstmord begehen. Wenn sie vom Paradies und Jenseits von Gut und Böse daherreden, so meinen sie damit das Grab. Sie kennen nur zwei Ziele: erst die Humanität auszurotten und dann sich selber. Und darum auch ist es, daß sie Bomben werfen, statt mit Pistolen zu schießen. Die Laien, die sind immer enttäuscht, daß die Bombe den König unversehrt ließ; die hohe Priesterschaft aber jubelt, daß nur irgendwer dabei umkam.«

»Wie kann ich Ihnen beitreten?« fragte Syme, in dem eine heftige Neigung erwachte.

»Ich weiß ganz bestimmt, daß momentan eine Vakanz ist«, sprach der Blaue. »Indem ich nämlich die Ehre habe, bei meinem Chef, von dem ich Ihnen sprach, einigermaßen in Konfidenz zu stehen. Sie brauchen nur zu kommen und ihn zu sehen. Das heißt . . . vielmehr . . . ich wollte sagen . . .: nicht sehen, denn niemand sieht ihn. Aber Sie können mit ihm sprechen, wenn Sie wollen.«

»Telephonisch also?« inquirierte Syme voller Interesse.

»Nein«, sagte der Blaue voller Gelassenheit, »er sitzt nur mit etwas wunderlicher Vorliebe allweil in einem – zappendusteren Raum. Das macht ihn heller im Kopf, wie er behauptet. Kommen Sie mit.«

Denn doch etwas verwirrt, und ziemlich aufgeregt, wie du dir denken magst, ließ Syme es geschehen, daß er durch ein Seitentor in die lange Zeile der Londoner Kriminalpolizei-Gebäulichkeit nun verschleppt wurde. Und schier eh er wußte, was er tat, war er durch die Hände von ungefähr vier Intermediatbeamten gelaufen und fand sich auch schon – hast du nicht gesehen – in einem Raum, dessen abrupte Schwärze ihm wie ein jäher Brand aufflammte. Das war keine gewöhnliche Dunkelheit, darin man noch irgendwie hätte irgend etwas unterscheiden können: das war – als wie wenn du plötzlich mit Stockblindheit geschlagen wärest.

»Sind Sie der neue Rekrut?« kam eine schwere Stimme her.

Auf eine seltsame Weise, obschon in dem Duster nicht der Schatten eines Schattens zu unterscheiden war, konstatierte Syme diese zwei Tatsachen: erstens, daß die Stimme aus einem Menschen von massiver Statur kommen mußte – und zweitens, daß der Mensch mit dem Rücken zu ihm stand.

»Sind Sie der neue Rekrut?« sagte der unsichtbare Chef, der von allem bereits zu wissen schien. »Dann ist alles in Ordnung. Sie sind engagiert.« Syme, den's beinah umschmiß, suchte ein wenig gegen diesen unwiderruflichen Satz aufzukommen. »Mir fehlt absolut jede Erfahrung«, fing er an. »Ich habe absolut keine Ahnung –«

»Kein Mensch«, sprach der andere, »hat eine Ahnung von der Schlacht bei Harmageddon.«

»Aber ich bin ganz und gar untauglich . . .«

»Sie sind willens – und das genügt«, sprach der Unbekannte.

»Ja ja, das schon, aber –«, sprach Syme, »ich kenne kein Amt, zu dem man durch bloße Bereitwilligkeit schon befähigt wäre.«

»Aber ich«, sprach der andere – »Das Martyrium. Den Märtyrertod, Ich verurteile Sie hiermit zum Tode. Guten Tag.«

So geschah es, daß, als Gabriel Syme wieder in das Karmesinrot des Abends heraustrat, er es in seinem schäbigen schwarzen Hut und mehr als schäbigen Mantel tat: als Mitglied des Neuen Detektivkorps zur Vereitelung der Großen Verschwörung. Auf Anraten seines Freundes, des Polizisten, (der aus Beruf zur Nettigkeit hinneigte) kämmte und wichste er Haar und Bart, kaufte sich einen anständigen Hut, kleidete sich in einen exquisiten lichtblaugrauen Sommeranzug, steckte eine blaßgelbe Blume ins Knopfloch und ward mit einem Wort zu jenem eleganten und ziemlich unausstehlichen Menschen, mit dem Gregory in dem kleinen Garten zu Saffron Park allsogleich in Konflikt geriet. Ehe denn er den polizeilichen Boden endgültig verließ, stattete ihn sein Freund noch mit einer kleinen blauen Karte aus, darauf stand: »Der Letzte Kreuzzug« sowie eine Nummer – das Zeichen seiner Beamtenwürde. Solches steckte er sorgfältig in seine obere Westentasche, zündete sich eine Zigarette an und zog aus: aus wider den Feind in allen Salons von London. Wohin sein Unternehmen ihn zuletzt verschlug, das haben wir bereits gesehen. Und ungefähr um ein halb zwei Uhr in einer Februarnacht fand er sich mit einemmal auf einem kleinen Dampfer auf der schweigenden Themse, mit Stockdegen und Revolver bewaffnet, als statutenmäßig erwählter Donnerstag des Zentral-Anarchistenrats.

Wie Syme in die Barkasse einstieg, war ihm gerad so absonderlich zumute, als ob er in etwas ganz und gar Neues hineinstiege. Nicht nur in die Landschaft eines neuen Landes; sondern wie in die Landschaft eines neuen Planeten. Und das war wohl hauptsächlich aus dem toll-unerschütterlichen Entschluß dieses Abends heraus – immerhin aber auch trug die gänzliche Veränderung der Witterung und des Himmels (in den zwei Stunden, seit er in die kleine Kneipe hineingeraten war) etwas dazu bei. Keine Spur mehr von dem wilden Wolkengefieder um die Zeit des Sonnenuntergangs . . . ein nackichter Mond stand in einem nackichten Himmel. Der Mond war so hell und voll, daß er (eine Paradoxie, die schon oft wahrgenommen wurde) wie eine trübere und schmächtigere Sonne aussah. Da war nichts von einem lebendigen Mondschein – da war vielmehr etwas wie ein totes Tageslicht.

Die ganze Landschaft war von einer Helligkeit überstrahlt – und entstellt – gerad wie von jenem unheilvollen Zwielicht (von dem Milton sprach), das die Sonne bei Sonnenfinsternissen um sich verbreitet. Also daß Syme leichtlich auf jenen Gedanken verfallen konnte: er wäre tatsächlich auf einem anderen leereren Planeten, der einen düstereren Stern umkreiste. Aber je ungestümer diese glitzernde, alles Mondlichtland überglitzernde Schwermut auf ihn eindringen wollte, desto schimmernder wölbte sich ihm der Panzer seines wahnsinnigen Heldentums und ward als wie ein großes Feuer. Just die prosaischsten Dinge, so er mit sich trug, die Wurststullen, der Brandy und der geladene Revolver, erschienen ihm bald von jener fast mit den Händen zu greifenden Poesie umgeben, wie sie ein Kind fühlt, wenn es sein Gewehr auf die Reise oder ein Stückchen Kuchen ins Bett mitnimmt. Der Stockdegen und die Schnapsbuttel, obschon an sich nichts weiter als das Werkzeug pathologischer Verschwörer, veredelten sich ihm zu Dingen seiner (denn doch um etwas gesünderen) Romantik. Der Stockdegen ward ihm sein Heldenschwert – und der Fusel zu Wein vom ritterlichen Abschiedstrunk. Denn gerade die unmenschlichsten Phantasien verlassen sich auf ältere und simple Vorbilder. Die Abenteuer mögen verrückt – der Abenteurer aber muß gesund sein. Der Drachen ohne den Ritter Sankt Georg – wäre der viel grotesk? Gleicherweise war diese unmenschliche – geisternde Landschaft einzig denkbar durch die Anwesenheit eines tatsächlich menschlichen – menschlichen Menschen. Syme, der gern alles übertrieb, erschienen die hellen bleichen Häuser und Terrassen an der Themse, so öde wie die Gebirge auf dem Mond . . . Selbst der Mond ist nur poetisch, weil da ein Mann im Monde ist . . . Das Schiff, das von zwei Männern bedient wurde, hatte große Plackerei und kam nur verhältnismäßig langsam voran. Der helle Mond, der über Chiswick stand, war untergegangen, als Battersee passiert wurde; und als man durch das enorme Westminster fuhr, begann der Tag anzubrechen. Brach an – so wie ungeheuere Barren Blei bersten mit silbernem Scheinen. Und dieses Scheinen erglomm zu weißen Feuern, als das Dampferchen, den Kurs auf einmal ändernd, auf eine große Landungsstelle, etwas oberhalb Charing Cross, zuhielt.

Die großen Quadern des Flußquais kamen Syrne so düster als gigantisch vor. Klobig und schwarz gegen den auffammenden Tag. Er vermeinte gerad, an der Riesensteintreppe eines ägyptischen Palastes zu landen – um dann die trotzigen Throne schrecklicher heidnischer Könige zu erschüttern. Er sprang aus dem Kahn auf eine schaumbedeckte Stufenwehr und stand da, ein düsteres dünnes Männchen, mitten unter himmelan getürmtem Mauerwerk. Die beiden Leute kehrten um und strebten wieder auf den Strom hinaus . . . sie hatten nicht ein Sterbenswörtlein all die Zeit mit ihm gesprochen . . .

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