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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das zweite Kapitel

Das Geheimnis des Gabriel Syme

Das Gefährt hielt vor einer besonders trostlosen und schmierigen Kaschemme, und Gregory lotste seinen Kumpan auffallend eilfertig da hinein. Man nahm Platz in etwas wie einem engen finstern Gastzimmer, an einem dreckigen Holztisch mit nur einem hölzernen Bein. Und so eng und finster war der Raum, daß man von der herbeigerufenen Aufwartung nur eine vage und unheimliche Impression bekam: von etwas sehr Großem und sehr Bebartetem.

»Nehmen Sie vielleicht ein kleines Abendbrot?« fragte Gregory zuvorkommend. »Pâté de foie gras ist weniger ausgezeichnet hier. Aber Wildfleisch könnte ich Ihnen sehr empfehlen.«

Syme nahm solche Bemerkung dumm hin, indem er sich einbildete, daß das ein Schabernack sei. Und wollte auf den Humor eingehen und sagte mit wohlerzogener Indifferenz:

»Oh – bringen Sie mir etwas Hummermayonnaise.«

Da sagte aber, zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen, der Mensch nur: »Sehr wohl, mein Herr!« und ging anscheinend fort, die Bestellung auszuführen.

»Was wünschen Sie zu trinken?« fing da Gregory wieder an – mit seiner alten dreisten und dennoch wie entschuldigenden Miene. »Ich für mich will nichts als etwas crème de menthe; ich habe diniert. Aber dem Champagner ist total zu trauen. Darf ich Sie wenigstens mit einer halben Flasche Pommery in Gang bringen?«

»Danke!« sagte der erstarrte Syme. »Sie sind sehr liebenswürdig.«

All seine ferneren Anläufe zu einer Konversation, die indes diesmal, sozusagen von Haus aus, sich gar ungeschickt anließen, waren wie mit einem Donnerschlag zu Ende – als plötzlich der Hummer angeschwirrt kam. Syme kostete ihn; und fand ihn . . . besonders ausgezeichnet. Dann begann er plötzlich mit großer Hast und großem Appetit zu essen.

»Entschuldigen Sie mich, bitte, daß ich mich ziemlich rückhaltslos amüsiere!« sagte er zu Gregory und lächelte. »Ich hatte noch nicht oft das Glück, einen Traum zu träumen als wie diesen. Das ist mir neu an einer Nachtmahr, daß man dabei zu Hummer eingeladen wird. Gewöhnlich ist das Gegenteil der Fall.«

»Wenn ich Sie aber versichere, daß Sie nicht träumen!« sagte Gregory. »Sie stehen im Gegenteil vor dem wirklichsten und ungeheuerlichsten Augenblick Ihres Lebens. Ah, da kommt Ihr Champagner! Ich gebe zu, es ist ein kleines Mißverhältnis, sagen wir ein kleines Mißverhältnis zwischen den inneren Arrangements dieses exzellenten Hotels und seinem simpeln und unprätentiösen Exterieur. Aber das kommt all von unserer Bescheidenheit. Wir sind die bescheidensten Kerle, so je auf diesem Planeten gelebt.«

»Und wer – wer sind diese wir?« fragte Syme und trank sein Champagnerglas aus.

»Das ist doch sehr einfach«, versetzte Gregory. »Wir sind die durchaus ernsthaften Anarchisten, die Sie durchaus nicht ernst nehmen wollen.«

»Oh!« sagte Syme kurz. »Sie wissen einen guten Tropfen nicht schlecht zu würdigen, Sie!«

»Jahah«, meinte Gregory, »wir meinen es mit allem und jedem ernst!«

Und nach einer Pause setzte er hinzu:

»Sollte, in einigen wenigen Augenblicken, dieser Tisch da anfangen, sich ein bißchen herumzudrehen, so schieben Sie das bitte durchaus nicht dem Champagner in die Schuhe. Ich möchte nicht gerne, daß Sie etwa ungerecht gegen sich würden.«

»Gut, gut, ich bin nicht besoffen: ich bin wahnsinnig«, versetzte Syme vollkommen kalt; »aber ich verlasse mich darauf, ich kann mich darauf verlassen, daß ich mich in jeder Situation wie ein Gentleman benehmen werde . . . Darf ich rauchen?«

»Aber gewiß doch!« sagte Gregory und zog ein Zigarrenetui. »Versuchen Sie eine von den meinigen.«

Syme griff zu, knipste die Spitze ab mit einem Zigarrenabschneider aus seiner Westentasche, steckte sich den Glimmstengel ins Gesicht, brachte ihn bedächtig in Brand und ließ eine langgestreckte Wolke Rauches ausfahren. Es kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden, daß er all die Praktiken mit so sehr viel Fassung vollführte, denn fast bevor er noch dazu kam, sie alle zu tun, hatte der Tisch, an dem er saß, sich zu drehen angefangen – als wie behutsam zuerst und dann rapid – ganz und gar als wär's eine verrückte Seance.

»Sie müssen nicht . . . lassen Sie ihn nur machen!« sagte Gregory. »Das ist nämlich – gewissermaßen eine Schraube.«

»Treffend bemerkt«, sagte Syme gelassen, »eine Schraube – gewissermaßen! Wie so unkompliziert!«

Denselbigen Augenblick stieg der Rauch seiner Zigarre, der bislang waberte und wie durchsichtige Schlangenleiber über ihnen lagerte, kerzengerade auf als wie aus einer Fabrikesse – und die zwei fuhren mit Stühlen und Tisch hinab, hinunter, hinein, durch den Fußboden durch, als ob die Erde sie verschlänge. Sanken unter Rasseln ein Ding wie einen pfauchenden Schacht hinab, so rapid als wie in einem Lift, hinein, hinunter, – und plumpsten plötzlich auf den Boden auf. Aber während Gregory zwei Türflügel aufstieß und eine rote unterirdische Helle einließ, saß Syme, immer drauflos schmauchend, das eine Bein faul übers andere geschlagen, ohne daß auch nur ein einziges Härchen seines Gelbhaars Farbe gelassen hätte.

Geleitete ihn Gregory alsdann eine niedrige gewölbte Passage hinab, von deren Ausgang das rote Leuchten heraufleuchtete. Und das kam von einer enormen hochroten Laterne, die so riesige Dimensionen hatte wie ein ganzer brennender Herd, – über einem schmalen, aber schwereisernen Tor. Und in dem Tor, da war eine Luke oder ein Gatter – und an das Tor, da schlug Gregory wohl fünfmal. Ein mächtiges Organ mit einem fremdländischen Akzent fragte heraus: »Wer da?« Und diesem Koloß antwortete Gregory sodann mehr oder weniger unvermutet: »Mr. Joseph Chamberlain.« Und die schweren Türangeln kreischten . . . und vermutlich war das eine Passeparole gewesen . . .

Vom Tor an erstrahlte die Passage auf den ersten Blick als wie über und über ein Stahlnetzwerk. Aber beim zweiten Zusehen ersah Syme: dieses glitzernde Muster war in Wirklichkeit: Reihe um Reihe um Reihe – eine Armee von Gewehren und Revolvern, in Reih und Glied aufeinandergeschlossen, gerad wie Mann an Mann, Schulter an Schulter.

»Entschuldigen Sie vielmals, bitte, all diese Formalitäten«, sagte Gregory, »aber wir haben äußerst strikt zu sein hier.«

»Keine Entschuldigung, bitte«, sagte Syme. »Ich kenne doch Ihre Passion für Gesetz und Ordnung« – und er marschierte die stahlstarrende Passage fürbaß. Mit seinem langen gelblichten Haar und seinem ziemlich stutzerhaften Ueberrock gab er eine besonders fragile und schwärmerische Figur ab, die da diese schimmernde Avenue des Todes hinabstapfte.

Sie gingen durch mehrere solche Passagen hindurch und gelangten zuletzt in einen wunderlich gepanzerten Raum, ein Zimmer mit gekrümmten Wänden, fast kugelförmig von Gestalt . . . und das aber dann doch wieder, durch seine vielen, vielen Bankreihen, eher nach einem wissenschaftlichen Hörsaal aussah . . . Und da waren keine Gewehre und da waren keine Pistolen in diesem Appartement . . . aber rundum an den Wänden hingen noch viel dubiosere, viel schrecklichere Dinge, Dinge, die aussahen so wie Knollen von Pflanzen aus Eisen oder so wie Eier von Vögeln aus Stahl. Und das waren Bomben. Und der Raum selber, der war wie das Innere einer Bombe . . . Syme streifte die Asche seiner Zigarre an der Wand ab und trat ein.

»Und nun, mein vielwerter Mr. Syme«, sagte Gregory und warf sich mit einer expansiven Manier auf die Bank gerad unter der größten Bombe, »nun wir absolut kosig beieinander sind, nun lassen Sie uns so recht im eigentlichen Sinne miteinander plaudern. Nun . . . kein menschlicher Mund vermöchte irgendwie auszusagen: warum denn ich Sie hierher gelotst habe. Es geschah rein aus einer von jenen total willkürlichen Emotionen, so wie man einen Abhang erklettert oder sich Hals über Kopf in Verliebtheit stürzt. Es genüge zu erwähnen, daß Sie ein unaussprechlich geriebener Bursche waren, und – um gerecht zu sein – es noch sind. Ich wäre imstand und bräch zwanzig Eide auf Geheimnisse – für das eine Vergnügen, Ihnen etwas gelindere Saiten aufzuziehen. Ihre Art und Weise bis hierher zu gehen mit Ihrer brennenden Zigarre – das hätte dazu ausgereicht, bei einem Erzpfaffen die sieben Siegel des Beichtgeheimnisses zu lockern. Also gut – Sie behaupteten, Sie wüßten gewiß, ich sei kein seriöser Anarchist. Wollen Sie diese Ihre Behauptung auch noch angesichts dieses Ortes – seriös aufrechterhalten?«

»Der Ort sieht aus, als verberge sich hinter all seiner Lustigkeit eine Moral«, gab Syme zu. »Aber . . . dürfte ich an Sie nun zwei Fragen stellen? Ja? Sie brauchen bei Ihren Antworten keine Angst zu haben, (denn wie Sie sich erinnern werden) – Sie haben mir vorher schlau genug das Versprechen abgenommen, daß ich nichts der Polizei anzeige . . . ein Versprechen, das ich mit tödlicher Sicherheit halten werde. Es ist aus bloßer Neugierde, daß ich die zwei Fragen stellen will. Zu allererst . . . was ist dieses alles? Was bezwecken Sie damit? Wollen Sie die Regierung abschaffen?«

»Wir wollen Gott abschaffen!« sagte Gregory, und seine Augen weiteten sich fanatisch. »Wir wollen nicht nur die paar Despotismen und Polizeireglements umstürzen; diese Sorte Anarchismus existiert ja wohl, aber die ist nichts als ein Zweig der Nonkonformisten. Wir wühlen tiefer um, wir sprengen auch höher in die Luft. Wir verneinen all jene arbiträren Distinktionen wie Laster und Tugend, Treue und Verräterei, Phrasen, wie sie die bloßen Rebellen allzeit im Munde führen. Jene albernen, übergeschnappten Sentimentalisten der französischen Revolution pappelten von Menschenrechten! Wir hassen Recht und hassen Unrecht. Wir haben Recht und Unrecht abgeschafft.«

»Und Rechts und Links«, sagte Syme mit einer heftigen Begierde. »Ich hoffe, daß Sie diese beiden auch abschaffen. Die stören mich fortwährend viel zu sehr.«

»Sie sprachen von einer zweiten Frage«, schnappte Gregory da ein.

»Gern, sehr gern«, fuhr Syme fort. »Aus all Ihren gegenwärtigen Handlungen und aus dieser ganzen Umgebung da spricht ein wissenschaftliches Streben nach Heimlichkeit. Ich hatte wohl einst eine Tante, die wohnte über einem Kaufladen. Aber nun treffe ich zum erstenmal Leute, die es vorziehen, unter einer Kaschemme zu wohnen. Sie haben da ein schweres eisernes Tor. Und Sie gelangen nicht anders durch dieses Tor – außer Sie erniedrigen sich so weit, daß Sie sich Mr. Chamberlain nennen. Sie umgeben sich mit stählernen Instrumenten, die den Ort, sagen wir, ergreifender machen als wie gemütlich. Darf ich fragen, wieso Sie – nachdem Sie sich so unendlich viel Mühe gemacht haben, sich derart in den Eingeweiden der Erde zu verbarrikadieren – wie Sie dann mit Ihrem ganzen Geheimnis so paradieren können, daß Sie mit jedem blödsinnigen Frauenzimmer von Saffron Park über Anarchismus reden?«

Gregory lächelte.

»Die Antwort ist eine äußerst einfache«, sagte er. »Ich sagte Ihnen, ich wäre ein seriöser Anarchist, und Sie glauben mir's nicht. Auf ganz dieselbe Weise glauben's alle und auch jene nicht. Glauben es einfach nicht und glauben es nicht . . . es sei denn, ich führe sie hierher an diesen infernalischen Ort.«

Syme rauchte nachdenklich und sah ihn interessiert an. Gregory fuhr fort zu reden:

»Könnt sein, daß Sie die Geschichte amüsiert«, sagte er. »Ganz zu Anfang, als ich einer von den Unsrigen, als ich ein Neo-Anarchist wurde, da versuchte ich es mit allen Arten von respektablen Vermummungen und Maskierungen. Ich gerierte mich als wie ein Bischof. Ich ochste und büffelte alles in mich hinein, was ich über Bischöfe in unsern anarchistischen Pamphleten, in ›Die Wahrheit über die Vampire‹ und ›Die Blutsauger im Ornat‹, nur finden konnte. Und wollte mit Bestimmtheit aus alldem herausgelesen haben: wie daß Bischöfe unerhört scheußliche alte Herren seien, die der Menschheit ein fürchterliches Geheimnis vorenthielten. Ich war total falsch unterrichtet. Sowie ich bei meinem ersten Auftreten in bischöflichen Schnallenschuhen in einem Salon mit Donnerstimme ausrief: ›Nieder! nieder! nieder mit dir, töricht vermessenes Menschenwissen!‹ fand man irgendwie heraus, daß ich nichts weniger als ein Bischof war. Ich war auf der Stelle entlarvt. Dann spielte ich mich als ein Millionär auf. Allein ich verteidigte das Kapital mit so viel Spitzfindigkeit, daß ein Narr einsehen mochte: ich war der fleischgewordene Dalles. Dann mimte ich . . . versuchte ich einen Major zu mimen. Dabei bin ich das Humanitätsprinzip selbst; doch hoff ich, daß ich genug an intellektuellem Freisinn aufbringe, die Anschauung jener zu begreifen, so gleich Nietzsche die Gewalttätigkeit bewundern, den verwegenen rasenden Kampf der Natur und so – na, Sie wissen schon. Ich stürzte mich also in die Rolle des Majors. Zog mein Schwert und schwang es in einem fort. Schrie ›Blut!‹ und ›Blut!‹ und ›Blut!‹ – aber wie einer, der Himbeerlimonade bestellt. Und kommandierte oft: ›Laßt die Schlappen und Feigen untergehen; das ist das Gesetz.‹ Aber . . . aber . . . es scheint, Majore gehaben sich anders . . . und ich war wieder einmal entlarvt. Zuletzt lief ich in meiner Verzweiflung zum Präsidenten des Zentral-Anarchistenrates, zum größten Mann von ganz Europa.«

»Wie heißt der?« fragte Syme.

»Das werden Sie nicht in Erfahrung bringen«, antwortete Gregory. »Das ist seine Größe. Cäsar und Napoleon, die setzten all ihren Genius ein, gehört zu werden – und sie wurden gehört. Er, er aber setzt all seinen Genius ein, nicht gehört zu werden, und er wird nicht gehört. Aber Sie können nicht fünf Minuten lang in ein und demselbigen Raum mit ihm zusammen sein, ohne daß Sie fühlen: Cäsar? Napoleon? – die wären Kinder gewesen in seiner Hand.«

Er war verstummt und war sogar ganz blaß für einen Augenblick; dann begann er aufs neue:

»Wenn immer aber eine Kunde oder ein Rat von ihm gehört wird, so ist das allemal so sensationell als wie ein Epigramm und so praktikabel als wie die Bank von England. Ich sprach zu ihm: ›Welche Vermummung kaschiert mich recht vor aller Welt? Was find ich, das respektabler ist als Bischöfe und Majore?‹ Sah er mich an aus seinem großen, aber unentzifferbaren Gesicht: ›Sie wünschen eine sichere Maske, nicht wahr? Sie wollen eine Rolle, die Ihre Unschuld und Harmlosigkeit garantiert – eine Rolle, in der Ihnen niemand jemals die Bombe anmerken soll?‹ Ich nickte. Da erhub er sein Löwenorgan: ›Ei, so spielen Sie sich denn als Anarchist auf, Sie Schafskopf!‹ brüllte er, daß die Wände erbebten. ›Dann wird keiner von ihnen mehr befürchten, daß Sie so gefährliche Dinge treiben.‹ Und wandte mir seine breite Kehrseite zu – sonst nichts. Ich aber befolgte seinen Rat, und habs nie noch bereut seither. Ich predigte Blut und Mord jenen Weibsleuten Tag und Nacht und – bei Gott! – sie würden mir ihre Kinderwagen anvertrauen.«

Syme saß da und starrte ihn an – mit etwas wie Respekt aus seinen großen blauen Augen. »Sie schleiften mich mit hierher«, sagte er. »Das ist wirklich ein patenter Witz.«

Und nach einer Pause dann fügte er hinzu : »Und wie heißen Sie diesen Ihren gewaltigen Präsidenten?«

»Er heißt für gewöhnlich Sonntag«, versetzte Gregory schlicht. »Sie müssen wissen: der Zentral-Anarchistenrat, der setzt sich aus sieben Mitgliedern zusammen, und die haben als Namen die Namen der sieben Tage der Woche. Er – er heißt Sonntag; manche seiner Bewunderer, die nennen ihn den Blutsonntag. Es ist kurios, und das sollte Ihnen unvergeßlich sein: in dieser heutigen Nacht, in der Sie hier hereingeschneit wurden (wenn ich mich so ausdrücken darf) – diese heutige Nacht ist ausgerechnet jene Nacht, in der unsere Filiale London, die in diesem Raume tagt, ihren Deputierten zu wählen hat, um eine Vakanz im Rat auszufüllen. Jener Herr, der so manche Zeit mit Geschick und unter allgemeinem Beifall das schwierige Amt des Donnerstag versehen hat, – der ist ganz plötzlich gestorben. Infolgedessen haben wir eine Versammlung auf diesen heutigen Abend einberufen, um einen Nachfolger zu wählen.«

Er sprang auf seine Füße und strolchte umher, mit einem halb verlegenen Lächeln.

»Mir ist irgendwie, als ob Sie meine Mutter wären, Syme«, fuhr er zögernd fort. »Mir ist als könnt ich Ihnen da etwas anvertrauen . . . und Sie haben mir ja auch versprochen, niemandem etwas zu erzählen. De facto, ich will Ihnen etwas anvertrauen, das ich mit soviel Worten nicht zu den Anarchisten sagen möchte, die in ungefähr zehn Minuten hier sein werden. Das soll alles natürlich durch eine Art Abstimmung gehen; aber ich will Ihnen gern gestehen, daß es tatsächlich jetzt schon feststeht, welches das Resultat sein wird.« Er blickte für einen Augenblick bescheiden zur Erde. – »Es ist nahezu entschieden, daß ich der Donnerstag werden soll.«

»Mein teurer Kollege«, sagte Syme herzlich, »ich gratuliere. Eine große Karriere!«

Gregory lächelte deprezierend und lief herum und stieß eilends hervor:

»Tatsache, Tatsache . . . an diesem Tisch ist alles für mich schon fix und fertig . . .«, sagte er, »und die Zeremonie wird wahrscheinlich so kurz wie möglich währen.«

Nun trieb es Syme gleichfalls um den Tisch herum, und er sah einen Spazierstock darauf liegen (der sich indes bei eingehenderer Prüfung als ein Stockdegen entpuppte), – ferner einen mächtigen Totschläger-Revolver, ein Tablett mit Sandwiches und eine ungeheuerliche Flasche Brandy. Ueber dem Präsidentenstuhl, dicht bei dem Tisch, hing ein allem Anschein nach schwerer Mantelkragen oder so etwas . . .

»Ich brauch nur noch der Form nach gewählt zu werden«, fuhr's lebhafter aus Gregory heraus, »dann reiße ich diesen Mantelkragen und diesen Stockdegen an mich, praktizier diese anderen Dinge in meine Tasche, schreite durch ein Tor hindurch in jene Höhle, die auf den Fluß hinausgeht, allda ein Schleppdampfer mich bereits erwartet, und dann – und dann – und dann – und dann – oh, oh, die wonnige Wonne: der Donnerstag zu sein!« (Die Hände faltete er.)

Syme, der sich neuerdings – unmanierlich schlapp, wie er sich gewöhnlich benahm – gesetzt hatte, sprang wieder auf die Beine und stand – unüblich unentschlossen und zögernd.

»Wieso kommt es«, fragte er unsicher, »daß ich denken muß, Sie seien ein durch und durch anständiger Kerl? Warum ergehts mir nun genau so wie Ihnen, Gregory?« Er hielt einen Moment inne, und dann setzte er mit einem Ton munterster Neugierde hinzu: »Ist es vielleicht, weil Sie ein derartiger Esel sind?«

Und da war wieder eine ängstliche Stille, und Syme rief aus:

»Wohlan, mög alles der Teufel holen! Dieses ist die komischste Situation, in der ich mich jemals in meinem Leben befunden habe – und ich will ganz demgemäß handeln. Gregory, Gregory – ich mußte Ihnen etwas heilig versprechen, bevor ich hierherkam. Und ich würde dieses mein Versprechen selbst unter rotglühenden Kneipzangen noch halten. Wollen Sie mir nun, zu meiner eigenen Sicherheit, ein kleines Versprechen von einer ähnlichen Art geben?«

»Ein Versprechen?« fragte Gregory – verwundert.

»Ja«, sagte Syme mit tiefem Ernst, »ein Versprechen. Ich schwur zu Gott, daß ich Ihr Geheimnis nicht bei der Polizei anzeigen würde. Wollen Sie mir bei aller Humanität schwören, oder an was immer für ein Viehzeug Sie glauben, daß Sie mein Geheimnis nie irgendeinem Anarchisten offenbaren werden?«

»Ihr Geheimnis?« fragte der über alle Maßen baffe und starre Gregory, »haben Sie ein Geheimnis?«

»Ja«, sagte Syme, »ich habe ein Geheimnis.« Und nach einer Pause – »Wollen Sie schwören?«

Gregory sah ihn sekundenlang wild und durchdringend an und dann sagte er schnell:

»Sie müssen mich behext haben, aber ich bin wütend neugierig auf Sie. Ja ja ja ja, ich schwöre Ihnen, daß ich nichts von allem, was Sie mir sagen werden, den Anarchisten sagen werde. Aber sputen Sie sich, denn sie werden in ein paar Minuten hier sein.«

Syme stand faul auf und schob seine langen weißen Hände in seine langen grauen Hosentaschen. Und kaum hatte er dies getan, so pochte es draußen an der Luke fünfmal – ein Zeichen, daß die ersten Verschwörer anlangten.

»Also . . .«, sagte Syme faul, »ich weiß nicht, wie ich Ihnen all das Wahre kürzer mitteilen sollte als mit den drei Worten: daß Ihr Trick, sich als einen meschuggenen Dichter aufzuspielen, sich nicht auf Sie oder Ihren Präsidenten beschränkt. Wir kennen diesen Trick seit einiger Zeit schon – bei uns – auf der Londoner Kriminalpolizei.« Gregory versuchte aufzuspringen, aber etwas drückte ihn dreimal wieder nieder.

»Was . . . sagen . . . Sie?« fragte er – und das schien von keiner Menschenstimme mehr –

»Ja«, sagte Syme wie selbstverständlich, »ich bin ein Polizeidetektiv. Aber ich denke, ich höre Ihre Freunde kommen.«

Den Torweg her, da kam ein Murmeln: »Mr. Joseph Chamberlain . . .« Und wiederholte sich – zweimal – dreimal – und dann dreißigmal . . . und der Haufen der Joseph Chamberlainisten (ein ehrfurchteinflößender Gedanke) meldete trampelnd sich den Korridor herab.

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