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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das fünfzehnte Kapitel

Der Anklagende

Wie Syme den Korridor entlang schlenderte, stand der Sekretär auf einem Treppenabsatz. Der Mann hatte nie so nobel noch ausgesehn. Er war in eine lange Robe drapiert, von sternenloser Nacht – und die Mitte hinab ging ein Band oder breiter Streifen aus purem Weiß, wie ein Lichtschaft. Das Ganze hatte etwas von einem starren Meßgewand. Und Syme hatte gar nicht nötig, in seinem Gedächtnis etwa lange Bibelforschungen anzustellen: das war der erste Schöpfungstag, die Erschaffung des Lichtes aus dem Dunkel, die Scheidung des Lichtes von der Finsternis. Die strenge Gewandung allein suggerierte dieses Symbol genug. Und Syme fühlte auch, wie so vollkommen dies Muster Lichtweiß und Nachtschwarz die Seele des blassen und rauhen Sekretärs ausdrückte, mit all seiner unmenschlichen Wahrheitsliebe und seinem eiskalten Wahnsinn, das beides ihn die Anarchisten so leicht hassen und bekriegen machte und zugleich ihn selber so leichtlich für einen von ihnen ausgab. Syme war auch kaum sehr überrascht zu bemerken: wie inmitten all des Behagens und all der Gastfreiheit ihrer neuen Umgebung die Augen dieses Mannes immer noch trotzig, abschreckend und grausam blickten. Nicht der süße Duft von Bier, noch das süße Duften aus irgendeinem Obstgarten konnte machen, daß der Sekretär aufhörte, immer wieder die unerbittlichsten Fragen zu stellen . . .

Freilich, wenn Syme sich selber hätte sehen können, hätte er ebenfalls zum erstenmal nichts als – sich selber gesehen. Denn wenn der Sekretär der Philosoph war, der das Licht in seiner Urgestalt und in sonst gar keiner andern – der das Licht als Licht an sich wollte, war Syme der Dichter, der es immer irgendwie in einer besondern Gestalt – ders in Sonne und Sterne zersplittert liebte. Der Philosoph mag zuweilen das Unendliche lieben; der Dichter liebt alleweil das Endliche. Für den Dichter ist der große Moment nicht die Erschaffung des Lichts, sondern die Erschaffung von Sonne und Mond . . .

Wie sie zusammen die breiten Stufen hinabstiegen, holte sie Ratcliffe ein – in Frühlingsgrün wie ein Jägersmann gekleidet, und als Muster darauf ein grüner Kranz von Bäumen. Denn er stellte den dritten Tag vor, an dem Erde und alle grünen Dinge erschaffen wurden, und sein breites, sensibles Gesicht mit seinem nicht unfreundlichen Zynismus stand ihm gut genug dazu.

Und dann wurden sie durch einen zweiten, breiten und niedrigen Torweg auf einen sehr weiten alten Englischen Garten hinausgeführt, voll von Fackeln und Freudenfeuern, in deren gebrochenem Licht ein großer Karneval Volks in bunten Narrenkleidern tanzte. Syme wars, als ob jedwede Form in der Natur in irgendeiner verrückten Imitation vorhanden wäre. Da war ein Mann, und der war als eine Windmühle mit enormen Flügeln angezogen, und ein anderer als Elefant und ein dritter als Ballon. (Die zwei letzten, die schienen zusammen ihre letzten traumhaften Abenteuer zu verulken.) Und dann sah Syme (und er erbebte seltsam, wie ers sah), daß ein Tänzer als ein riesiger Nashornvogel maskiert war, mit einem Schnabel zweimal so groß als der ganze Mann selber – als jener seltsame Vogel, der ihn als lebendige Frage in seinen Traum hinein gequält hatte, während er den langen Pfad im Zoologischen Garten dahinraste. Indes, da waren noch tausend andere solche Dinge. Da war ein tanzender Laternenpfahl, ein tanzender Apfelbaum, ein tanzendes Schiff. Du hättest meinen mögen, wie daß eine unwiderstehliche Weise eines verrückten Musikanten all die alltäglichen Dinge vom Feld und von der Straße eine ewige Gigue zu tanzen zwang. Und lang nachher, wie Syme längst in den mittleren Jahren war, konnte er niemals einen von diesen besonderen Gegenständen ansehen – einen Laternenpfahl, Apfelbaum oder eine Windmühle – ohne zu denken, daß das ein Teilnehmer von jener Maskerade wäre . . .

Auf einer Seite der von Tänzern vollen und übervollen Parklichtung war eine Art grüne Bank, quasi die Terasse eines solchen altmodischen Gartens.

Auf dieser, in einer Art Halbmond, standen sieben Stühle, die sieben Thronsessel der sieben Tage der Woche. Gogol und Dr. Bull saßen bereits auf ihren Plätzen; der Professor aber war eben daran, seinen Sitz zu erklettern. Gogol, oder Dienstag, – deß Einfalt war wohl symbolisiert durch ein Gewand, das den Unterschied zwischen den Wassern darstellte, von Kopf bis zu den Füßen auf der einen Seite Silber, auf der andern Seite Grau. Der Professor, dessen Tag ja jener war, an dem die Vögel und die Fische – die kunstloseren Lebensformen – erschaffen wurden, trug ein dunkelpurpurn Gewand, mit zappelnden, glotzäugigen Fischen und übertrieben tropischen Vögeln darauf, so recht die Vereinigung in ihm von unerforschlicher Verträumtheit und Zweifelsucht. Dr. Bull, der letzte Schöpfungstag, trug ein Kleid mit heraldischen Tieren in Rot und Gold, und einen hüpfenden, tollenden Adam auf dem Kopf. Der sühlte sich mit einem breiten Lächeln in seinem Stuhl, ganz und gar das Bild: ein Optimist in seinem Element.

Einer nach dem andern stiegen die Herren die Rasenbank hinan und nahmen Platz in ihren wunderlichen Sesseln. Und immer, wenn einer niedersaß, erscholl enthusiastisches Gebrüll aus dem Faschingstreiben herauf, so brüllend, wie ein Volk seinen König empfängt. Becherklang und Fackelschwingen . . . und befiederte Hüte flogen hoch in die Luft. Die Männer, für die diese Throne reserviert waren, waren mit seltenem Lorbeer gekrönt . . . Nur der Stuhl in der Mitte war noch leer.

Syme saß zur Linken des mittleren Stuhls, der Sekretär zur Rechten. Und der Sekretär blickte über den leeren Thron hinweg zu Syme herüber und sprach mit zusammengepreßten Lippen:

»Wir wissen eigentlich immer noch nicht, ob er nicht auf einem Rasen wo – doch tot liegt!«

Kaum daß Syme diese Worte noch recht vernommen, sah er das Meer menschlicher Gesichter vor ihm in einer schrecklichen Schöne sich erregen, als ob die Himmel über ihm sich aufgetan hätten. Aber es war nur Sonntag gewesen, der wie ein Schatten an all ihnen vorübergeglitten war – und nun auch schon auf dem mittelsten Sitze saß. Er war ganz und gar in pures, gewaltiges Weiß gekleidet; und sein Haar züngelte wie eine silberne Flamme ihm aus der Stirn.

Eine lange Zeit – fast stundenlang schiens – schwang sich und stampfte jene ungeheure Menschheitsmaskerade vor ihnen zu einer triumphierenden Marschmusik. Und jedes tanzende Paar schien ein Roman für sich. Ob nun eine Nymphe mit einem Briefkasten oder ein Bauernmädchen mit dem Mond tanzte, es war immer irgendwie so absurd wie Alice in Wonderland und doch so tiefsinnig und zärtlich wie eine Herzensgeschichte. Einmal indes muß auch das Dichteste sich lichten. Paare verschwanden auf irgendwelchen Gartenwegen oder landeten schließlich taumelnd an jenem Ende der Baulichkeiten, wo in riesigen Töpfen, so groß wie Fischkessel, dampfend heiße und duftende Feuerzangenbowlen aus Altbier oder Wein ihrer warteten. Ueber all dem prasselte auf einem schwarzen Gerüst auf dem Dach des Hauses in einem eisernen Korb ein Riesenfreudenfeuer, das meilenweit ins Land hinein leuchten mußte. Das fraß riesige Brandmale in die Gesichter fernster, grauer oder brauner Forsten und erhitzte und durchglühte den schwarzkristallenen Atem der hohen Nacht. Aber auch dies alles sollte sich einst ausbrennen und mählich verglosen; immer dichter gruppierte sichs um die großen Kessel oder verlief sich lachend und plappernd in die inneren Gänge des alten Hauses. Bald sahst du nur noch zehn Zauderer im Garten, bald nur noch vier. Und endlich rannte der letzte verirrte lustige Schmauser und Clown ins Haus, nach seinen Kollegen schreiend; und das Feuer verlosch, und niedrige und grelle Sterne entzündeten sich. Und die sieben seltsamen Männer waren allein, wie sieben Steinstatuen auf ihren steinernen Sesseln . . . und keiner von ihnen hatte ein Wort gesprochen.

Schienens damit auch gar nicht so eilig zu haben. Und hörten lieber schweigend dem Gesumme von Insekten zu und wie fern ein Vogel sang . . . Und dann hub Sonntag an zu sprechen. Aber das war ganz und gar nicht, als ob eine Unterhaltung erst anfinge; das klang gerade – als wie mitten aus einer lang schon geführten Unterhaltung heraus.

»Essen und trinken wollen wir später«, sprach er. »Jetzt wollen wir ein wenig nur so beisammen sein . . . wir, die wir einander so schlecht geliebt und so lang bekämpft haben. Als wie ein jahrhundertelanger heroischer Krieg scheint mir alles, bei dem ihr alle und jederzeit Helden wart – ein Epos nach dem andern, eine Ilias nach der andern, und ihr wart immer Brüder im Streit. Obs neulich erst war, denn die Zeit zählt nichts, oder zu Anfang der Welt, ich schickte euch aus in den Kampf. Ich saß in nächtlichem Raum, darinnen nicht ein geschaffenes Ding lebte, und euch war ich nichts als Laut, der Tapferkeit befahl und übernatürliche Kräfte und Tugenden. Ihr vernahmt die Stimme aus dem Dunkel und vernahmt sie nie wieder. Die liebe Sonne, die leugnete sie; Himmel und Erde leugnete sie; alle menschliche Weisheit leugnete sie. Und als ich euch in Tageshelle begegnete – da verleugnete ich mich selber.«

Syme sprang halb von seinem Sitz auf . . . Sonst aber schwieg alles und regte sich nicht . . . Und jener Inkomprehensible fuhr fort:

»Aber ihr wart Männer. Ihr wahrtet euer Verschwiegenstes – eure Ehre, und ob auch die ganze Welt mit Torturen auf euch einrückte, sie euch herauszureißen. Ich weiß, wie nah ihr der Hölle waret. Ich weiß, wie du, o Donnerstag, dein Schwert mit König Satan kreuztest, und wie du, mein Mittwoch, in der hoffnungslosesten Stunde meinen Namen nanntest.«

Ein unendliches Schweigen war in dem Garten voller Sternenlicht . . . Aber dann drehte sich der schwarzbrauige Sekretär – unversöhnbar – auf seinem Stuhl nach Sonntag und sprach mißtönend: »Und wer und was bist du?«

»Ich bin der Sabbat«, sprach der andere voll unendlicher Ruhe. »Ich bin Gottesfriede.«

Der Sekretär sprang auf. Seine kostbare Robe gar sehr unter seinen Händen zerknitternd.

»Ich weiß wohl, was Sie meinen«, schrie er, »aber just darum kann ich Ihnen nicht verzeihn. Ich weiß, daß Sie die Zufriedenheit sind, der Optimismus, die allerletzte Aussöhnung, wie man das auch nennt. Nun wohl – aber ich bin nicht ausgesöhnt. Wenn Sie der Mann in dem dunklen Zimmer waren, warum waren Sie dann zugleich Sonntag – das Ärgernis des Sonnenlichts? Wenn Sie von Anbeginn unser Vater und unser Freund waren, warum waren Sie zugleich unser größter Feind? Wir weinten, wir flohen vor Schrecken; Schwerter durchbohrten unsere Seelen – und Sie sind der Friede Gottes! Gottes Zorn kann ich Ihm vergeben, obwohl ganze Völker durch die Schale des Zorns ertranken. Aber Gottes Frieden vergeb ich Ihm nie!«

Sonntag antwortete mit keinem Hauch. Der drehte sein steinern Antlitz nur langsam gen Syme um, und darinnen witterte es wie eine Frage.

»Nein«, sprach Syme, »so wild kann ich nicht fühlen. «Was bin ich Ihnen im Gegenteil dankbar, nicht allein für den Burgunder und den kalten Fasan und den ganzen Empfang und die ganze köstliche Bewirtung überhaupt, sondern auch für so manches Ausreißen, das wirklich fein war, und so manches offene Gefecht. Aber . . . wissen möcht ich gerne! Meine Seele und mein Herz sind so glücklich und still wie dieser alte Garten, nur meine Vernunft empört sich und jammert laut. Wissen möcht ich halt zu gerne noch – wissen!«

Sonntag sah Ratcliffe an. Und der sprach mit klarer Stimme:

»Es scheint zu albern, daß Sie auf beiden Seiten gestanden und sich selber bekämpft haben sollen!«

Bull sprach:

»Ich verstehe nichts, aber ich bin selig. Und die Wahrheit zu gestehen: mich schläferts mit weißer Decke, wies in jenem Liede heißt . . .«

»Und ich hinwiederum bin nicht selig«, sprach der Professor, den Kopf in den Händen, »weil ich nichts verstehe. Sie ließen mich ein wenig zu nah aller Hölle tappen.«

Und dann sprach Gogol mit der Einfachheit eines Kindes:

»Ich möchte nur wissen, warum man mir so übel mitgespielt hat.«

Noch sprach Sonntag nichts. Noch saß er nur sein mächtiges Kinn in die Hand gestützt und in die Ferne starrend . . . Dann aber sprach er: »Ich hab euere Klagen der Reih nach angehört. Aber hier, dünkt mich, kommt ein anderer Kläger, Verklager und Anklagender. Und des Klage sollen wir auch hören.«

Das ersterbende Feuer in der großen Pechpfanne lohte ein letztes Mal auf – wie glühend Gold – und warf einen Schein übers dunkle Gras hin. Und auf diesem feurigen Band schritten tiefschwarz die Beine einer schwarz gekleideten Gestalt her. Ein feiner eng anschließender Anzug mit Kniehosen schien das, einer von jenen, wie ihn all die Dienerschaft des Hauses trug – nur daß er nicht blau war, sondern von einem absoluten Schwarz. Und die Gestalt, die in diesem Anzug steckte, trug, wie die Dienerschaft, etwas wie einen Degen zur Seite . . . Doch erst wie dieser Jemand in den Halbmondkreis der Sieben eintrat und sein Antlitz erhob, den andern ins Gesicht zu schauen, sah Syme mit zu Boden werfender Deutlichkeit: dieses breite, fast affenhafte Jemandsgesicht gehörte niemand anderm als seinem alten Freunde Gregory mit seinem roten Haar und seinem unverschämten Lächeln.

»Gregory!« japste Syme, und fuhr wieder einmal halb von seinem Sitz auf. »Aber – aber das ist der wahre Anarchist!«

»Sehr richtig«, sprach Gregory mit großer – gefährlicher Zurückhaltung, »ich bin der wahre Anarchist.«

»Nun ward aber ein Tag«, murmelte Bull – der tatsächlich eingeschlafen schien, »daß Gottes Kinder vor ihren Gott hintraten – und Satan war ebenfalls unter ihnen . . .«

»Sehr – sehr richtig!« sprach Gregory, und musterte und maß all die Umsitzenden. »Ich bin ein Zerstörer. Ich würde die Welt zerstören, wenn ich könnte.«

Tief aus der Erde stand ein Pathos auf und fuhr ein in Syme, also daß er plötzlich und ungestüm ausbrach:

»O höchstunglücklicher Mann! Versuch doch, glücklich zu sein! Du hast doch das rote Haar deiner Schwester!«

»Mein rotes Haar soll, wie rotes Feuer, die Welt ansengen und versengen!« schrie Gregory. »Ich dachte, ich haßte ein jedes Ding mehr als gewöhnliche Menschen je ein Ding hassen können. Und nun seh ich: ich haßte kein Ding so sehr als ich Sie – Sie – Sie hasse!«

»Ich habe Sie niemals gehaßt, lieber Gregory!« sprach Syme sehr traurig.

Da donnerte aus diesem Unbegreiflichen allgewaltiger letzter Donner hervor:

»Ha!« schrie es. »Ihr habt niemals gehaßt, weil ihr nie gelebt habt! Ich weiß, was ihr allzusammen seid, vom ersten bis zum letzten – ihr seid die Leute, die die Gewalt haben! Ihr seid die Polizei – die großen, fetten, lächelnden Männer in Blau und mit Uniformknöpfen! Ihr seid das Gesetz – und ihr wart nie noch gebrochen! Aber ist wo eine freie, lebende Seele, dies nicht gelüsten sollte, euch zu brechen, nur weil ihr niemals gebrochen wart? Wir Revolutionäre quatschen alle Unsinn über Unsinn zusammen – wie daß Regierung ein Verbrechen sei, ein solches und ein solches . . . Einfach blödsinnig! Das einzige Verbrechen der Regierung ist, daß sie regiert. Die unverzeihliche Sünde der höchsten Gewalt ist, daß sie die höchste ist. Ich fluche euch nicht, weil ihr grausam seid. Ich fluche euch – nicht (obwohl ich möchte), daß ihr gütig seid. Ich fluche euch darum, daß ihr sicher seid! Ihr sitzt in euern steinernen Sesseln und seid nie aus ihnen aufgestanden. Ihr seid die sieben Engel des Himmels – und ihr habt noch keine unruhige Minute gehabt. Oh – Oh, ich könnte euch alles und jedes verzeihen, ihr, die ihr die ganze Menschheit beherrscht, wenn ich mit einmal gewiß wüßte, daß ihr eine einzige Stunde einmal so in Seelenängsten und Todeskämpfen gerungen habt wie ich . . .«

Syme sprang auf. Zitternd vom Kopf bis zu den Füßen –

»Ich sehe ein jedes Ding«, schrie er, »ein jedes Ding, das ist. Warum bekriegt ein Ding das andere Ding auf der Erde? Warum kämpft jedes kleine Ding in der Welt gegen die Welt selber? Warum streitet jede Fliege gegen das ganze Universum? Warum streitet jeder Löwenzahn gegen das ganze Universum? Aus demselbigen Grund, aus dem ich in dem schrecklichen Rat der Tage allein stand! So daß jedes Ding, das dem Gesetz gehorcht, die Gloriole und die Isolation eines Anarchisten verdient. So daß jedermann, der für die Ordnung ficht, ein so braver und guter Mann wie jeder Dynamitheld genannt zu werden verdient. Also daß die Satanslüge in den Schlund dieses Gotteslästerers zurückfahren muß, also daß wir durch Tränen mannigfach und durch Torturen das Recht uns erworben haben, zu diesem Mann zu sagen ›Du lügst!‹ . . . Es ist keine Angst und es ist kein Tod, damit wir nicht gerungen hätten, also daß wir gegen diesen Kläger die Widerklage erheben können: ›Wir haben so sehr gelitten wie du!‹

Es ist nicht wahr, daß wir niemals gebrochen worden sind. Wir sind durchs Rad gebrochen worden. Es ist nicht wahr, daß wir nie von diesen Sesseln heruntergestiegen sind. Wir sind bis vor die Tore der Hölle hinabgestiegen. Wir beklagten und bejammerten unvergeßliches Elend – in demselbigen Augenblick noch, da dieser Unverschämte auftrat, uns um unseres Glückes willen zu verklagen. Ich weise den Schimpf zurück: wir waren nicht glücklich! Ich stehe ein für einen jeden der großen Hüter des Gesetzes, die da verklagt sind, und nun . . .«

Und er richtete seine Augen auf das große Gesicht Sonntags, das seltsam lächelte.

»Hast du –« schrie er mit schrecklichem Ton, »hast du jemals gelitten?«

Und wie er es anstarrte, wuchs das große Gesicht zu einer scheußlichen Größe an und wurde immer noch größer und größer – größer sogar als die kolossale Memnonmaske, die ihn als Kind aufschreien machte. Und wurde schließlich so groß, daß es den ganzen Himmel füllte und alles unter Dunkelheit setzte. Und gerade eh die Dunkelheit ihm die Augen und alles Gehirn aushackte, hörte er eine Stimme – fernher – und die sang einen Gemeinplatz, den er irgendwo scfhon gehört hatte: »Vermagst du aus dem Kelch zu trinken, aus dem ich trinke?«

Wenn Menschen in Büchern aus einer Vision aufwachen, finden sie sich gewöhnlich dann an einem Ort, an dem sie eingeschlafen sind; gähnen in einem Stuhl oder stehen wie mit zerschlagenen Gliedern von einer Wiese auf. Die Erfahrung, die Syme machen sollte, die war aber psychologisch viel seltsamer, wenn anders die Dinge all, die er erlebt hatte, irdisch genommen, irgendwie unreale waren. Denn während er sich später jederzeit genau erinnern konnte, daß er vor dem Gesicht Sonntags in Ohnmacht gefallen war, konnte er sich niemals erinnern, wie er in all das hineingeraten sein könnte. Er wußte nur (erfuhr es langsam und auf ganz natürliche Weise): er war mit einem angenehmen und unterhaltlichen Kollegen einen ländlichen Weg entlang gegangen. Und dieser Kollege war selber ein Akteur in diesem soeben beendigten Drama gewesen – der rothaarige Dichter Gregory. Sie gingen wie zwei alte Freunde und waren vielleicht in der Mitte ihrer Unterhaltung ein wenig ins Triviale gekommen. Aber Syme fühlte eine unnatürliche Schwungkraft und Heiterkeit durch seinen ganzen Leib hindurch und sein Verstand war ihm kristallen klar: daß er sich über jedes Ding, das er sprach oder tat, unendlich erhaben fühlte. Ihm war, als wäre er im Besitz von einigen unglaublich guten Neuigkeiten, daß ihm jedes andere Ding ein Trivialität, wenn auch eine anbetungswürdige Trivialität war . . .

Ein Dämmern überfiel jedes Ding, in Farben, die heiter und zaghaft zugleich waren. Gerade wie wenn Natur einen ersten Versuch in Gelb und ein erstes Experiment in Rosa machte. Eine Brise wehte so rein und süß, daß du nicht denken konntest: sie käme vom Himmel geweht. Sondern es war dir vielmehr, als ob sie in den Himmel wehte . . . Und Syme war wirklich erstaunt, wie er mit einemmal zu beiden Seiten des Wegs die roten irregulären Gebäude von Saffron Park aufstehen sah. Er hatte keine Ahnung gehabt, daß er so nah an London wäre . . . Und er schlug instinktiv nun einen weißen Weg ein . . . frühe Vögel, hüpften und sangen . . . und fand sich mit einem vor einem Gartenzaun. Und da erblickte er die Schwester von Gregory, das Mädchen mit dem goldroten Haar, die Flieder vor dem Frühstück pflückte – mit all der großen, unbewußten Würde eines Mädchens.

 


 

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