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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das vierzehnte Kapitel

Die sechs Philosophen

Über Wiesengrün und durch Heckenblühn sollten es sich sechs bis an den Hemdkragen beschmutzte Detektivs blutsauer werden lassen. An die fünf Meilen von London fern . . . Der Optimist der Gesellschaft hatte zu Anfang gleich vorgeschlagen: den Ballon quer über South England in Droschken zu verfolgen. Aber er wurde nur zu bald davon überzeugt, daß der Ballon nicht die geringste Lust zeigte, sich irgendwie nach inferioren Straßen zu richten. Und ebenso die Droschkenkutscher nicht die mindeste Neigung verspürten, sich, was die Richtung anbelangte, ausschließlich einem hochfahrenden Ballon unterzuordnen. Demzufolge blieb unsern unermüdlichen, weil wahnsinnig erzürnten Wanderern nichts anderes übrig, als fein hübsch durch dick und dünn (durch finstres Dickicht und umgeackerte Felder) mitzugehen, bis jeder von ihnen derart aussah, daß man sie sehr wohl für allerschlimmste Vagabunden halten konnte. Jene grünen Hügel von Surrey erlebten den endgültigen Kollaps – den Schluß der Tragödie des wunderbaren, lichtgrauen Anzugs, in dem Syme von Saffron Park aus diese entsetzliche taglange Reise angetreten hatte. Seinen Seidenhut, den hatte ihm ein grober Ast bis über die Nase herunter eingetrieben; seine Rockschöße waren bis fast zur Schulter von widerspenstigen Dornen aufgerissen; und Englands Letten bedeckten ihn bis zum Hals herauf. Aber nichtsdestoweniger strebte er mit der Spitze seines gelben Bartes voran – in stummem wütendem Entschluß – und seine Augen hingen starr an dem segelnden Gasballon, der sich im Strahl der sinkenden Sonne bald wie eine Wolke bei Sonnenuntergang ausnahm . . .

»Schließlich und endlich«, meinte er, »ja – eigentlich ists überaus wundervoll!«

»Es ist einzigartig und seltsam wundervoll!« meinte der Professor. »Ich möchte nur, daß diese biesterische Gasblase da oben endlich die Platze bekäm!«

»Nein«, meinte Dr. Bull. »Das möchte ich nun wieder nicht. Ich möchte dem alten Knaben erst 'n bischen wehtun!«

»Wehtun!« meinte der rachgierige Professor.

»Wehtun! Ja – aber nicht so sehr wehtun, als ich ihm wehtun möchte, wenn ich bloß zu ihm hinauf könnte. Klein Schneeglöckchen!«

»Nein, ich würde ihm nicht einmal wehtun«, meinte Dr. Bull.

»Was?« schrie der Sekretär voll Bitternis. »Glauben Sie am Ende gar die Geschichte, daß er der Mann im stockfinstern Raum gewesen wäre? Im Hintern ists noch finsterer, würde Sonntag sagen.«

»Ich weiß nicht, ob ich es glaube oder nicht«, sprach Dr. Bull. »Aber das ist es auch gar nicht, was ich sagen wollte. Ich kann dem Ballon Sonntags nicht die Platze an den Hals wünschen, weil –«

»Na!« wurde Syme ungeduldig, »weil? na! weil?«

»Na, weil er eben so niedlich als Ballon an und für sich sein tut!« meinte Dr. Bull ganz verzweifelt.

»Ich verstehe keine Silbe von dem, daß er etwa der gewesen sein soll, der uns all unsere blauen Karten gab. Wie soll denn das auch bloß zu verstehen sein? Na also . . . Aber ich stehe nicht an, einem jeden zu sagen, ders hören will: daß ich für den Sonntag selber jederzeit und immer wieder Sympathien übrig hatte, so schuftig er auch sein mochte. Er war ein Baby, ins Riesenhafte übersetzt, aber er war ein Baby. Das verhinderte nicht, daß ich ihn wie die Hölle bekämpfte. Aber . . . werde ich mich so klar machen können, wenn ich nun sage, daß ich ihn gern hatte, weil er so fett war . . .?«

»Ich glaube nicht«, meinte der Sekretär.

»Ich habs, ich habs!« schrie Bull. »Es war, weil er so rund und so hell war. Gerade wie 'n . . . gerade wie 'n Ballon. Wir denken von feisten Leuten zu schwer; aber er hätte eine Sylphide hingetanzt. Jetzt weiß ich, was ich meine. Mittelmäßige Kraft tut gern gewaltsam, höchste Kraft spielt sich. Das ist wie eins der ältesten Geistesspiele – was würde geschehen, wenn ein Elefant so wie ein Grashüpfer hoch in den Himmel springen könnte?«

»Unser Elefant«, sprach Syme und richtete den Blick nach oben, »der ist wie ein Grashüpfer hoch in den Himmel gesprungen!«

»So ist es auf irgendeine Art«, folgerte Bull, »warum ich mir nicht helfen kann und unsern lieben Sonntag gern haben muß. Nein, nein – es ist nicht, daß ich seine Stärke anhimmele. Und auch nichts dergleichen Blödsinniges. Das Ding da oben, das hat so was Heiteres – als obs bald mit guten Nachrichten herausplatzen würde. Jaa . . .! Haben Sie so was nie gefühlt – an einem Frühlingstag? Nein . . .? Sie wissen, Mutter Natur arbeitet mit verwünschten Tricks, aber so ein Tag beweist einem dann irgendwie, daß die Tricks von ganz gutmütiger Art sind. Ich hab die Bibel selber nie gelesen, aber jene Stelle, über die man lacht, die ist wortwörtlich wahr: ›Was hüpft ihr, hohe Hügel?‹ Hügel, die hüpfen – wenigstens bemühen sie sich . . . Was hüpft mein Herz für Sonntag? . . . wie kann ich euch das sagen? . . . vielleicht weil er so 'n Urviech ist . . .« Dann war ein langes Schweigen. Und dann sprach der Sekretär in einem seltsam fließenden Ton:

»Sie kennen Sonntag überhaupt nicht. Vielleicht weil Sie besser sind als ich und die Hölle nicht kennen. Ich war ein wilder Kerl und ein wenig pathologisch von Haus aus. Der Mann, der in jenem undurchdringlich dunklen Raum sitzt und der uns alle miteinander erwählte, erwählte mich, weil ich ganz das verrückte Aussehen eines Verschwörers an mir hatte – weil mein Lächeln (Sie wissen) so gespalten erst auf- und dann niederging und weil meine Augen unheimlich blickten, auch wenn ich lächelte. Aber es muß etwas in mir gewesen sein, darauf die Nerven jener Anarchistenleute durchaus reagierten. Denn wie ich Sonntag zum erstenmal in meinem Leben sah, war er zu mir nicht von jener Lebendigkeit, die ihm euch gegenüber so locker saß, sondern von einer Größe und Gesättigtheit, die tief zutiefst in der Natur der Dinge gegeben sein mag. Ich fand ihn rauchend in einem Zimmer, drin Zwielicht herrschte, einem Zimmer von braunem blindem Dämmer, das noch unendlich viel bedrückender war als das geniale Ganzdunkel, in dem unser Meister lebt. Und da saß er denn auf einer Bank, ein ungeheurer Haufen Mensch, schummerig, und im Schummerigen verschwimmend. Und hörte auf all meine Worte und sprach keinen Ton, ja rührte sich nicht einmal. Ich explodierte in den leidenschaftlichsten Appellen – ich bombardierte nur so mit den oratorischsten Fragen! Dann – nach einer langen Stille – begann der Dingerich zu erzittern, daß ich dachte, er erzitterte aus einer geheimen Krankheit. Er vibrierte wie eine abscheuliche, lebendig gewordene Gallerte. Es gemahnte mich an jede Zeile, die ich einst über die Urtierchen, die den Ursprung alles Lebens bilden, zusammengelesen hatte – über die niedrigststehenden Infusorien und über die Protoplasmen. Da war etwas als wie die Urform aller Dinge, die formloseste und die schamloseste . . . Ich sagte mir: da muß doch etwas sein, daß es einem solchen Monstrum derartig elendiglich ergehen kann. Und dann sah ich mit einemmal: der bestialische Berg vor mir wackelte . . . vor verhaltenem Lachen; und das Lachen . . . galt mir. Glauben Sie, daß ich ihm das je verzeihen könnte? Sich von einem auslachen zu lassen, der viel gemeiner und rüpelhafter ist als man selber!«

»Ihr denkt zu aufgeregt und zu wild, ihr Burschen, gewiß!« fuhr da mit seinem klaren Organ Inspektor Ratcliffe dazwischen. »Präsident Sonntag ist fürchterlich, was den Intellekt anbelangt, aber ist doch rein körperlich keine solche Barnumiade, als ihr aus ihm machen wollt. Mich empfing er in einem gewöhnlichen Bureau, in einem graukarierten Anzug, in hellem Tageslicht. Und sprach – wie 'n anderer Mensch auch mit mir. Aber ich will euch sagen, was einem bei Sonntag eine Gänsehaut machen kann. Das Zimmer ist gefällig, sein Anzug ist gefällig – ein jedes Ding scheint hübsch in Ordnung zu sein; aber er selber ist . . . geistesabwesend. Zuweilen gehen seine großen, lichten Augen wie blind. Stundenlang vergißt er, daß du da bist. Nun ist Geistesabwesenheit gerade etwas ziemlich Scheußliches bei einem schlechten Menschen. Einen verruchten Menschen stellen wir uns überaus auf der Hut und auf der Lauer vor. Allemal bereit zum Sprung. Wir können uns keinen verruchten Menschen vorstellen, der sich ehrlich und aufrichtig Träumereien hingäbe, – denn wir dürfen uns von einem verruchten Menschen nicht vorstellen, daß er jemals allein mit sich selber wäre. Ein geistesabwesender Mensch scheint uns ein gutmütiger Mensch zu sein. Ein Mensch, der, wenn er dich zufällig gewahr wird, sich dann tausendmal bei dir entschuldigen wird. Aber was sagst du zu einem geistesabwesenden Menschen, der, wenn er dich zufällig gewahr wird, dich am liebsten erdolchen möchte? Hm? Das ist es, was deine Nerven hernimmt, Zerstreutheit gepaart mit Grausamkeit. Das haben Männer zuweilen erlebt, wenn sie durch wilde Wälder gingen und fühlten, daß die Bestien harmlos und unbarmherzig zugleich taten. Entweder – oder, um Gottes willen, ja . . . Wie würde Ihnen das behagen: zehn geschlagene Stunden in einem Tête-à-Tête mit einem geistesabwesenden Tiger! – hä?«

»Und wie denken Sie über Sonntag? He, Gogol!« fragte Syme.

»Ich denke grundsätzlich nichts von Sonntag«, versetzte Gogol einfach. »Denn es ist doch nur, als wie wenn ich am hellichten Mittag in die Sonne starre.«

»Gut. Das ist auch eine Ansicht«, sprach Syme gedankenvoll. »Und was sagen Sie, Professor?« Der Professor ging gebeugten Hauptes und ließ seinen Stock am Boden nachschleifen. Und gab überhaupt keine Antwort.

»Schlafen Sie, Professor?« rief Syme ihn munter. »Sagen Sie uns, wie Sie über Sonntag denken!«

Endlich ließ sich der Professor auf seine schleppende Art vernehmen.

»Ich denke etwas«, sprach er, »das ich nicht klar ausdrücken kann. Oder vielmehr – ich denke etwas, das ich nicht einmal klar zu denken vermag. Aber es ist etwas wie dieses: Mein Vorleben war, wie Sie wissen, ein bißchen breit und unzusammenhängend. Nun – also – wenn ich so Sonntags Gesicht betrachtete, dachte ich, daß es ein wenig zu breit wäre, jedermann denkt das, aber ich dachte auch, daß es zu unzusammenhängend wäre. Das Gesicht war so in die Breite gehend, daß man sozusagen keinen Brennpunkt erhalten und daß man sich eben überhaupt kein Bild davon machen konnte. Das Auge war so weit von der Nase weg, daß es kein Auge mehr war. Der Mund war so für sich allein, daß man ihn sich eben ganz allein denken konnte. Ach, die ganze Sache ist viel zu schwierig, als daß ich sie zu explizieren vermöchte.«

Er hielt eine Weile inne. Immer dabei seinen Stock nachschleifend. Und fing dann wieder an: »Denkt es euch folgendermaßen: Ich ging einen Weg in der Nacht und sah, wie eine Laterne und ein erleuchtetes Fenster und eine Wolke zusammen ein höchst vollständiges und nicht abzustreitendes Gesicht bildeten. Wie? Wenn irgendwem im Himmel oder auf Erden dieses Gesicht zugehören würde, würde ich ihn wiedererkennen. Aber wie ich weiterging, fand ich: das war kein Gesicht – das Fenster war zehn Yards weit, die Laterne zehnmal hundert und die Wolke wie außer aller Welt. Nun gut, Sonntags Gesicht – entfiel mir; das lief nach rechts und links davon, wie solche Bilder, die man sich macht, davonlaufen. Und sein Gesicht machte mich auf irgendeine Art zweifeln, obs überhaupt Gesichter gibt. Kann ich wissen, Bull, ob Ihr Gesicht ein Gesicht ist oder eine perspektivische Kombination? Vielleicht ist die eine rußige Scherbe Ihrer blödsinnigen Gläser ganz nah und die andere fünfzig Meilen weit entfernt. Oh, die Zweifel eines Materialisten sind keinen Pfifferling wert. Sonntag hat mich die letzten und schlimmsten Zweifel, die Zweifel eines Spiritualisten gelehrt. Ich bin ein Buddhist, – glaube ich. Und der Buddhismus, der ist kein Glaubensbekenntnis, der ist ein Zweifel nach dem andern. Armer lieber Bull! Ich kann nicht glauben, daß Sie tatsächlich ein Gesicht haben! Mir fehlt tatsächlich alles Gesicht dazu, so was zu glauben.«

Symes Augen hingen fortgesetzt gespannt an jenem fahrenden Ball, der, gerötet im abendlichen Lichte, wie eine rosigere, reinere Welt aussah . . . »Ist Ihnen bei allen Beschreibungsversuchen«, sprach er, »nicht eine sehr kuriose Sache aufgefallen? Ein jeder von Ihnen fand Sonntag anders und ganz verschieden, aber ein jeder von Ihnen fand nur ein Ding, womit er ihn vergleichen konnte – das Universum selber. Bull findet ihn wie die Erde zur Frühlingszeit, Gogol wie die Sonne am hellichten Mittag. Der Sekretär wurde dabei an gestaltlose Protoplasmen erinnert, und der Inspektor an die Fährnis jungfräulicher Wälder. Der Professor meinte, er wäre wie eine wechselnde Landschaft . . . Ist das nicht kurios? Noch kurioser aber scheint mir, daß ich meine Anschauung über den Präsidenten genau wie Sie ebenfalls . . . ich meine, daß ich, wenn ich an Sonntag denke, an die ganze Welt denken muß..«

»Machen Sie sich etwas Beine, Syme«, sprach Bull, »es ist doch von wegen dem Ballon!«

»Als ich Sonntag zum ersten Male sah«, sprach Syme bedächtig, »sah ich nur seinen Rücken. Und als ich seinen Rücken sah, wußte ich: das ist der schlimmste Mann von der Welt. Sein Genick, seine Schultern von einer Brutalität, als wie von einem Gott der Affen. Sein Schädel ein Stoßschädel, wie nimmer von einem Menschen, wie immer nur von einem Stier. In der Tat, ich hatte auf den ersten Blick das schauderöse Gefühl: das war überhaupt kein Mensch – das war ein Tier in Menschenkleidern.«

»Immer noch mehr Beine, Syme!« sagte Bull.

»Und dann geschah das Seltsamste von allem. Ich hatte seinen Rücken von der Straße aus gesehen. (Wie er auf dem Balkon saß.) Dann kam ich zum Hotel herein, wie um ihn herum, und sah ihn nun erst von der anderen Seite, sein Gesicht im Sonnenlicht. Das Gesicht erschreckte mich, so wie einen jeden, aber nicht, weil es brutal – aber nicht, weil es teuflisch war. Im Gegenteil – erschreckte mich, weil es so wunderschön und weil es so gut war.«

»Syme!« rief der Sekretär. »Sie sind wohl krank?«

»Es war wie das Gesicht eines alten Erzengels, der gerechte Kritik übte über einen heroischen Kampf. Gelächter in seinen Augen, Lauterkeit und Sorge um seinen Mund. Es war dasselbige weiße Haar, es waren dieselben massiven und in Grau gewandeten Schultern, die ich von hinten gesehen hatte. Aber als ich ihn von hinten sah, wollte ich genau wissen, daß es ein Tier war, und als ich ihn von Angesicht zu Angesicht sah, wußte ich, er war ein Gott.«

»Pan«, sang der Professor wie im Traum, »war ein Gott und ein Tier.«

»Von da an und für allemal und immer und je«, fuhr Syme fort, und redete wie ein Mensch mit sich selber redet, »war das für mich das Mysterium Sonntags – und es ist dies auch das Mysterium der Welt. Sah ich den furchtbarlichen Rücken, war ich sicher, daß das edle Gesicht nur eine Maske wäre. Aber sah ich das Gesicht für Augenblicke nur, wußte ichs, daß der Rücken nur ein Witz sein konnte. Böse ist so böse, daß wir Gutes nur wieder für einen bösen Zufall halten. Gut ist so gut, daß wir für das Teuflischste noch eine gute Ausrede haben. Heute aber, wie ich Sonntag in der Droschke verfolgte und die ganze Zeit gerade hinter ihm war, setzte etwas allem die Krone auf.«

»Hatten Sie da noch übrige Zeit – zu denken?« fragte Ratcliffe.

»Zeit?« versetzte Syme, »Zeit genug zu einem abscheulichen Gedanken . . . ich war plötzlich von der Idee besessen: sein blinder, blanker Hinterkopf – das wär eigentlich sein Gesicht, ein scheußliches augenloses Gesicht, das mich anstarrte! Und mir war gerade, als ob die Gestalt vor mir verkehrt liefe, mit dem Rücken voran ärschlings liefe – und dabei tanzte!«

»Furchtbarlich«, sprach Dr. Bull und schauderte.

»Furchtbarlich ist kein Ausdruck«, sprach Syme. »Es war der fürchterlichste Augenblick meines Lebens. Und dann, – zehn Minuten hernach – wie er den Kopf zum Cab heraussteckte und uns eine Grimasse schnitt wie eine antike Dachrinnenschnauze, wußte ich: er war nur wie ein Papa, der mit seinen Sprößlingen Verstecken spielt.«

»Das Spiel dauert aber ziemlich lange«, sprach der Sekretär und besah höchst mißvergnügt seine kaputten Stiebel.

»Hört auf meine Stimme«, rief Syme mit außerordentlicher Emphase. »Soll ich euch das Geheimnis der ganzen Welt künden? Wir kennen eben nur den Rücken von der Welt. Wir sehen von jedem Ding gleichsam nur den Hintern – und darum sieht jedes Ding so brutal aus. Das ist kein Baum – denn das ist nur die Rückseite eines Baums. Und das ist keine Wolke – weil nur die Rückseite einer Wolke. Sehen Sie nicht, wie jedes Ding mit dem Kopf gebeugt und wie zum Stoß steht und sein Gesicht verbirgt? Wenn wir einmal bloß, bloß ein einziges Mal um so eine Vorderseite herum . . .«

»Da!« scholl Bull sein Horn in Jammers Ton – »der Ballon geht nieder!«

Und das hättest du Syme eigentlich gar nicht sagen brauchen – denn wann hatte der jemals mit seinen Augen von dem Luftfahrzeug da droben abgelassen? Der sah sowieso, wie der große glühende Ball plötzlich taumelte, sich einmal noch im Himmel hoch um sich selber drehte und dann sank und hinter Bäumen wie eine Abendsonne niederging . . .

Der Mann mit Namen Gogol, der diese ganze beschwerliche Reise lang kaum ein Wort gesprochen hatte, sang plötzlich wie ein' arme Seel': »Er ist tot!« sang er. »Und nun weiß ich, er war mein Freund – mein Freund aus der Dunkelkammer!«

»Tot!« lachte der Sekretär überlaut auf. »So leicht ist der nicht totzukriegen! Wenn der ja aus dem Kippkarren umgekippt ist, springt er jetzt schon wieder wie ein Fohlen auf der Weide und schlägt aus vor Uebermut!«

»Daß ihm die Hufe singen!« sprach der Professor. »So tut ein Füllen – und so tat Pan!«

»Pan, Pan, Pan! Was haben Sie bloß mit Ihrem ewigen Pan?« sprach Dr. Bull aufgebracht. »Sie scheinen zu denken, daß Pan ein jedes Ding sei!«

»Ist es auch«, versetzte der Professor, »im Griechischen. Pan ist alles.«

»Sie müssen nicht vergessen«, sprach der Sekretär gesenkten Blicks, »daß man auch panisch sagt.«

Syme stand und hörte keine Silbe von alldem.

»In dieser Richtung ging er nieder«, sagte er kurz. »Also drauflos!«

Und fügte mit einer unbeschreiblichen Geste dazu:

»Oh, wenn er uns all geprellt hätt, indem er umgekommen wär! Gleich säh ihm ja wohl so ein Schabernack!«

Und er schritt aus, mit einer neuen Energie aus – auf jene fernen Bäume zu. Und seine Flicken und Fetzen flatterten im Wind. Die andern folgten ihm mit wundgelaufenen Füßen und trauten der Sache nicht so recht. Aber fast ganz im gleichen Moment wurden alle gewahr: sie waren nicht allein auf der kleinen Wiese.

Ueber den Wasen her kam ein baumlanger Kerl ihnen entgegen, mit einer seltsam langen Stange. als wie mit einem Zepter hantierend. In einem feinen, aber altmodischen Anzug mit Kniehosen steckend, von einer Schattentönung zwischen blau, violett und grau, als wie gewisse Abschattierungen in einem Wald. Sein Haar weißlich-grau – und auf den ersten Blick, den du auf die Kniehosen und das Haar wohl zu gleichen Teilen verteilen mußtest, als wie gepudert aussehend. Er kam ganz gemächlich daher; aber der Silberfrost auf seinem Haupt, der machte, daß er dennoch wie ein Waldgeist aussah.

»Meine Herren«, sprach er, »mein Meister läßt einen Wagen ganz dicht bei auf dem Weg auf Sie warten.«

»Wer ist das – Ihr Meister?« fragte Syme und stand ganz still.

»Man sagte mir, Sie wüßten schon seinen Namen«, sprach der Mann ehrerbietig.

Da war ein Schweigen. Und dann fragte der Sekretär: »Wo ist der Wagen?«

»Nur einen Augenblick von hier«, sprach der Unbekannte. »Mein Meister ist diesen Moment nach Haus gekommen.«

Syme blickte links und rechts über den grünen Fleck hin, auf dem er stand. Die Hecken waren gewöhnliche Hecken; die Bäume schienen wenigstens gewöhnliche Bäume; und doch wurd ihm zumute, als stünde er mit einemmal mitten in einem Feenland.

Er maß den mysteriösen Ambassadeur von Kopf bis zu den Füßen und konnte nichts an ihm entdecken, außer daß des Mannes Kleid genau von der Farbe violetter Schatten war und des Mannes Gesicht von der Farbe roten und braunen und goldenen Himmels.

»Zeigen Sie uns die Stelle«, sprach Syme kurz angebunden – und ohne ein Wort machte der Mann in Violett Kehrt und schritt auf ein Loch in der Hecke zu, durch das mit einemmal dann ein weißer Weg hell durchschimmerte.

Wie die sechs Wanderer zu diesem Loch herauskamen, war der weiße Weg durch etwas versperrt, das wie eine lange Reihe Wagen aussah, eine Reihe von jenen Wagen, dazu unbedingt ein Haus gehören mußte wie ein Haus in Park Lane. Längs der Wagenreihe eine glänzende Dienerreihe, alle in jener grau-blau-violetten Uniform steckend und alle von einem gewissen Prunk und einer Würde, als wären sie nicht bloß Bediente irgend eines Gentleman, sondern Offiziale und Ambassadeure eines großen Königs . . . Es warteten ihrer nicht weniger als sechs Fuhrwerke, für einen jeden der zerlumpten, kläglich heruntergekommenen Bande eins. Und all die Wartenden (als wie in Hoftracht) trugen Degen; und wie da ein jeder der Sechse nun in seinen Wagen krabbelte, zogen sie die Dinger auch noch und salutierten damit, daß es nur so blitzte . . .

»Was kann das bloß alles bedeuten?« fragte Bull im Fortgehen von Syme. »Ists ein neuer Trick von Sonntag?«

»Ich weiß nicht«, sagte Syme und ließ sich matt in die Polster seiner Equipage fallen, »wenn ja, dann ists aber einer von denen, die Sie meinten . . . Sie wissen, einer von den gutmütigen – gutgemeinten . . .«

Die sechs Abenteurer hatten sich (so denke wohl nicht nur ich) durch genug Abenteuer schon durchgeschlagen . . . aber keins von allen hatte ihnen so jeden Boden unter den Füßen weggerissen als wie dies letzte, das aus lauter Luxus zusammengesetzt schien. Sie waren gegen die gröbsten Grob- und Roheiten abgehärtet worden; aber wie sie nun auf einmal mit Glacéhandschuhen angefaßt wurden, wars aus und vorbei mit aller Haltung. Sie konnten sich kaum noch darüber Rechenschaft geben, was die Equipagen sein sollten; es war ihnen genug, zu wissen, daß die Equipagen – Equipagen waren, und zwar Equipagen mit Polsterkissen. Sie konnten sich nicht denken, wer der alte Mann war, der sie angeführt hatte; und es war ihnen genug, zu wissen, daß er sie zu Equipagen angeführt hatte . . . Syme fuhr unter wogenden Baumschatten hin – in äußerster Selbstvergessenheit. Es war typisch für ihn: solange es etwas für ihn zu tun gegeben hatte, war sein bärtiges Kinn wild vorwärts gerichtet gewesen; sowie nun aber die Leitung des Geschäfts – sozusagen – in andere Hände übergegangen war, lag er – zusammengebrochen – in den Polstern.

Sehr allmählich und sehr vage konstatierte er, welche prächtigen Wege seine Karosse ihn karossierte. Erst gings durch ein steinern Tor . . . und da war wohl irgendwo ein Park . . . dann gings bequemlich einen Hügel hinan . . . und obwohl der rechts wie links bewaldet war, war alles doch methodischer bewaldet als ein Wald . . . Dann wuchs aus ihm, so wie ein Mensch sacht aus heilsamem Schlaf zu neuem Leben und Tagwerk erwächst, ein Vergnügen an jedem Ding. Er fühlte, daß die Hecken waren, was Hecken nun einmal sein sollen: lebendige Wälle . . . daß eine Hecke wie eine Armee Männer ist, diszipliniert, aber um viel mehr lebensvoller. Er unterschied hohe Ulmen hinter den Hecken . . . und stellte sich undeutlich vor, wie lustige Jungens dran hinaufklettern würden. Dann gings mit einemmal um eine Ecke . . . und er erschaute zufrieden – wie eine lange, niedrige Wolke bei Sonnenuntergang – ein langes, niedriges Haus, mild im milden Licht des Abends. All die sechs Freunde tauschten Vermutungen, Wahrnehmungen und Vergleiche untereinander aus – und es waren oft gerade einander entgegengesetzte Vermutungen, Wahrnehmungen und Vergleiche; aber in dem einen Punkt stimmten sie seltsamlich überein: ein jeder fühlte sich durch den Ort auf irgendeine unsagbare Weise an seine eigene Knabenzeit erinnert. Und es war weder gerade diese Ulmenspitze noch jene Wegbiegung, weder gerade dieser Obstgartenausschnitt, noch jene Fensterform . . . und doch erklärte ein jeder von ihnen, sich an diesen Platz erinnern zu können aus einer Zeit noch, aus der er sich nicht einmal seiner Mutter erinnern konnte . . .

Wie die Wagen schließlich zu einem breiten, niedrigen, höhligen Torweg hineinrollten, trat ein anderer Mann in ganz derselbigen Uniform – nur mit einem Silberstern auf der graublau-violetten Rockbrust – an sie heran. Und diese eindrucksvolle Persönlichkeit sprach zu dem verwirrten Syme:

»Erquickungen warten auf Sie auf Ihrem Zimmer.«

Syme – immer noch wie in mesmerischem Schlaf vor nichts als Verwunderung – stieg die breiten eichenen Stiegen hinter dem sehr ergebensten Bedienten hinan und gelangte in eine glänzende Flucht von Appartements, die alle speziell für ihn bestimmt schienen. Mit dem gewöhnlichen Instinkt seiner Menschenklasse, seine Krawatte zurecht zu richten und das Haar zu glätten, trat er vor einen hohen Spiegel hin; und da sah er erst, wie entsetzlich er aussah: – Blut rann ihm übers Gesicht, wo ihn der Ast getroffen hatte, sein Haar stand auf wie gelbe Enden verdorrten Grases, seine Kleider hingen in langen, wehenden Fetzen vom Leibe. Mit einemmal kam ihm das ganze Rätsel wieder zu Bewußtsein, woher er bloß das alles hätte und wie er aus all dem wieder hinauskäme. Aber da trat auch schon ein Mensch in Blau ein, der gewißlich sein Kammerdiener sein wollte, und sagte höchst feierlich:

»Ich habe Ihnen Ihre Kleider herausgelegt, mein Herr.«

»Kleider, Kleider, Kleider!« meinte Syme mit bitterm Grinsen, »ich hab doch keine Kleider außer diesen!« und er hob zwei lange schmale Streifen seines einstigen Gehrocks als wie entzückende Girlanden hoch und machte eine Bewegung, als ob er im nächsten Augenblick wie eine Balleteuse herumwirbeln wollte.

»Mein gnädiger Herr bittet mich, Ihnen zu sagen«, sprach der Aufwärter, »daß ein Phantasiekostümball zur Nacht sein soll, und daß er möchte, daß Sie das Kostüm dazu anlegen, das ich Ihnen herausgelegt habe. Mittlerweile, mein Herr, ist da eine Flasche Burgunder und etwas kalter Fasan, von dem mein gnädiger Herr hofft, daß Sie es nicht refüsieren werden, da doch noch ein paar Stunden bis zum Abendessen sind.«

»Kalter Fasan ist was Gutes«, meinte Syme nachdenklich, »und Burgunder ist ein schnell allewerdendes Gutes. Aber offen und ehrlich gestanden verlangt michs nach keinem von beiden so sehr als wie danach, endlich zu erfahren, was all dies zum Teufel bedeuten soll und was für ein Kostüm Sie für mich herausgelegt haben. Wo ist es, – wo ist es?«

Der Bediente holte von etwas wie einer Ottomane einen langen pfauenblauen Faltenwurf herbei, eine Art Domino, dessen Vorderseite eine große goldene Sonne verherrlichte und der reichlich mit flammenden Sternen und allerhand unterschiedlichen Mondsicheln verziert war.

»Sie sollen als Donnerstag angezogen sein, mein Herr«, meinte der Kammerdiener irgendwie ausgesprochen höflich.

»Als Donnerstag angezogen!« meinte Syme unter tiefem Nachdenken. »Für das Kostüm kann ich mich nicht so recht erwärmen . . .«

»O doch, mein Herr, o doch!« erwärmte sich der andere: »das Donnerstag-Kostüm wird Ihnen im Gegenteil fast heiß machen! Es geht Ihnen bis zum Kinn!«

»Ja, bis zum Hals heraus – eh – herauf, wollte ich sagen . . .« Und Syme seufzte. »Ich verstehe nichts von allem . . . Gestatten Sie mir wenigstens die eine Frage noch: wieso ich als Donnerstag ausgerechnet in einem grünen Nachthemd mit Sonne, Mond und Sternen herumspazieren soll. Solche Dinge scheinen an andern Tagen auch. Ich erinnere mich jetzt genau, daß ich den Mond am letzten Dienstag sah.«

»Bitt um Verzeihung«, hauchte der Kammerdiener, »aber so stehts in der Bibel!« Und mit einem ergebensten, strammstehenden Finger deutete er auf eine Stelle im ersten Kapitel der Genesis . . . Syme las mit Verwunderung . . . Da stand, daß am vierten Tag Gott machte zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne usw. usw . . . (selbstverständlich alles vom christlichen Sonntag aus gerechnet) . . .

»Das wird immer wunderlicher und absunderlicher«, sprach Syme, und ließ sich in einen Stuhl fallen. »Wer sind denn nun eigentlich die Leute, die einen mit kaltem Fasan, Burgunder, grünen Nachthemden und Bibelzitaten verproviantieren? Verproviantieren die einen mit allem und jedem? Hä?«

»Mit allem und jedem . . . gewiß, mein Herr!« sprach der Aufwärter allen Ernstes. »Darf ich Ihnen Ihr Kostüm anziehen helfen?«

»Ach ja, hüpfen wir in die Balltoilette hinein! Und Sie machen die Sache dann hinter mir zu – wie?«

Aber obgleich er sich bemühte, diese Mummerei recht schlecht zu machen, fühlte er mit einemmal eine seltsame Leichtigkeit und Natürlichkeit in all seinen Bewegungen, sowie die blau und goldene Gewandung an ihm herabfloß. Und als er gar erfuhr, daß er ein Schwert zu tragen hatte, erlebte er all seine Knabenträume neu. Wie er aus dem Gemach heraustrat, warf er mit einer großen Gebärde ein Faltenende über seine Schulter . . . und sein Schwert, das stand ihm treu zur Seite . . . und überhaupt schnitt er auf wie ein Troubadour. Denn solche Vermummungen vermummen nicht, sondern enthüllen . . .

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