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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das dreizehnte Kapitel

Haltet den Präsidenten!

Den andern Morgen nahmen fünf halb totgehetzte, aber lustige Leute den Dampfer nach Dover. Der arme alte Colonel hatte wohl einigen Grund aufzubegehren gehabt (focht er nicht erst hintereinander für zwei Parteien, so gar nicht existierten – und ließ sich schließlich vermittelst einer schmiedeeisernen Laterne über die Mole hinabhauen? . . .). Aber er war ein edelmütiger alter Edelmann, und als er zuletzt voll Freuden erleben sollte, daß keine der beiden Parteien etwas mit Dynamit zu tun hatte, sah er sie vom Landungssteg aus mit viel Heiterkeit abdampfen.

Die fünf ausgesöhnten Detektivs hatten einander hundert Details zu erklären. Der Sekretär zum Beispiel Syme, wie sie dazu gekommen wären, Masken aufzusetzen – nämlich nur, um dem vermeintlichen Feind als Mitverschwörer sich nähern zu können. Syme hingegen hatte zu explizieren, wieso sie mit solcher Windeseile durch ein zivilisiertes Land geflohen wären. Aber über all diesen Einzelheiten, die leicht auszulegen waren, türmte sich berghoch eine Sache, die sie nie und nimmer begriffen. Was bedeutete alles miteinander? Wenn sie sämtlich harmlose Schutzleute waren, wer war Sonntag? Wenn er die Welt nicht erstürmt hatte, mit wem in aller Welt wollte ers denn dann aufnehmen? Inspektor Ratcliffe war darum immer noch niedergeschlagen. »Ich kann aus all den Plänen dieses alten Sonntag ebensowenig klug werden wie ihr«, sagte er. »Aber mag er sonst sein was er will, so 'n ganz unbescholtener Zivilist ist er nicht. Donnerwetter noch eins! Könnt ihr euch an seine Visage erinnern?«

»Ich will Ihnen sogar zugeben«, antwortete Syme, »daß ich niemals imstande sein werde, mich ihrer nicht mehr zu erinnern.«

»Nun denn«, meinte der Sekretär, »ich meine, daß wir das alles bald haben werden. Morgen haben wir doch wieder Versammlung . . . Entschuldigen Sie, bitte«, sprach er und lächelte sein entsetzliches Lächeln, »daß mir meine Sekretärobliegenheiten so in Fleisch und Blut übergegangen sind!«

»Kann sein, daß Sie recht haben«, sprach der Professor nachdenklich. »Wir werden das bald alles sozusagen direkt vom Faß haben. Allerdings muß ich gestehen, daß es mir ein klein wenig eigen zumute sein dürfte, Sonntag geradaus zu fragen, wer er eigentlich ist.«

»Wieso?« fragte der Sekretär. »Aus Angst vor Bomben?«

»Nein«, meinte der Professor, »aus Angst, daß. er mirs dann geradaus sagen möchte.«

»Wir wollen etwas zu trinken haben!« proponierte Dr. Bull nach einem Schweigen.

Diese ganze Tagereise zu Wasser und dann zu Lande waren sie höchst guter Dinge – hielten sich aber instinktiv alleweil zusammen. Dr. Bull, der stets der Optimist von der Partie gewesen war, tat sein möglichstes, die andern vier zu überzeugen, daß die ganze Gesellschaft von Victoria ab ein zweiräderiges Kabriolett nehmen könnte. Was indes als durchaus unangängig verworfen wurde; und man fuhr dann doch lieber in einem vierräderigen Fahrzeug – mit dem Dr. Bull, der laut sang, auf dem Kutschbock. Und die Reise endigte bei einem kleinen Hotel am Piccadilly-Zirkus, auf daß man es zu dem frühzeitigen Frühstück auf dem Leicester Square so nahe wie möglich hätte. Doch damit sollten diese Abenteuer dieses Tages nicht zu Ende sein. Dr. Bull, über den sonst einmütigen Vorschlag, zu Bett zu gehen, äußerst ungehalten, war gegen elf aus dem Hotel hinaus, um einige Schönheiten von London bei Nacht zu erleben und zu kosten. Zwanzig Minuten später indes war er wieder da und machte in der Vorhalle einen wahnsinnigen Skandal. Syme, der ihn erst zu besänftigen versuchte, mußte mit einemmal aufhorchen –

»Und wenn ich Ihnen sage, daß ich ihn gesehen habe!« sprach Dr. Bull mit gewaltiger Emphase.

»Wen?« fuhrs Syme heraus. »Doch nicht den Präsidenten?«

»Sagen wir die Hälfte«, sprach Dr. Bull und lachte ganz unnötig auf, »oder noch nicht einmal die Hälfte! Ich bringe ihn übrigens angeschleppt . . .«

»Jesus! Wen denn angeschleppt?« fragte Syme, sehr ungeduldig.

»Den Haarmenschen!« sprach der andere und strahlte. »Der sich für so nen Haarigen ausgab – Gogol! Da ist er –« und er bugsierte einen jungen Menschen vor sich her, der sich auf alle Arten sträubte und widersetzte – denselbigen jungen Mann, der vor fünf Tagen mit dünnem roten Haar und ganz blassen Angesichts zum Tempel des Hohen Rats hinausspazierte, der erste von allen Scheinanarchisten, so demaskiert worden war.

»Was wollen Sie denn mit mir noch? So lassen Sie mich doch laufen –« schrie der. »Sie haben mich doch längst als Spitzel zum Teufel gejagt!«

»Wir sind alle miteinander bloß Spitzel!« flüsterte ihm Syme zu.

»Haja! Wir sind alle miteinander bloß Spitzel!« jauchzte Dr. Bull. »Komm, ich geb einen aus!«

Den andern Morgen marschierte das Bataillon der wiedervereinigten Sechs – kleinlaut, sagen wir – auf das Hotel auf dem Leicester Square zu.

»Komisch«, sprach Dr. Bull. »Da gehen unser sechs einen einzigen fragen, was er eigentlich will.«

»Ich glaub, es ist fast noch ein bißchen komischer!« sprach Syme. »Ich glaub, es gehen unser sechs einen einzigen fragen, was wir eigentlich wollen!«

Schweigend bogen sie auf den Platz ein. Und obschon das Hotel die gegenüberliegende Ecke bildete, sahen sie doch alle gleich den winzigen Balkon – mit einer Gestalt darauf, die viel zu ungeheuer dafür war. Die saß allein und hielt den Kopf gar tief und studierte fleißig eine Zeitung. Aber all die Ratsmitglieder, die da kamen, ihrem Präsidenten ein Ende zu bereiten, gingen quer über den Platz, als ob sie vom Himmel herab mit hundert Augen bewacht würden.

Erst hatten sie viel disputiert, wie es am politischsten zu machen wäre: ob sie den Gogol ohne Maske vorerst nicht auftreten lassen und die Exposition recht diplomatisch einfädeln sollten – oder ob sie Gogol gleich mitnehmen und sogleich die Bombenszene agieren sollten. Syme und Bull, die sehr fürs letztere waren, trugen den Sieg davon – – aber der Sekretär, der fragte zuletzt noch, weshalb sie denn Sonntag so jäh attackieren wollten.

»Das ist doch sehr einfach«, versetzte Syme, »ich will ihn rasch attackieren, weil ich nämlich bange vor ihm bin.«

Und Syme schritt die dunkle Treppe schweigend voran, und dann traten sie all zusammen in das pralle Morgensonnenlicht heraus und vor das breitsonnige Lächeln Sonntags.

»Köstlich, köstlich!« sprach der. »Wie so entzückt, Sie all zusammen zu sehen! Was, ein exquisiter Tag heute! . . . Ist der Zar tot?«

Der Sekretär, der just am weitesten vorn stand, brachte soviel wie möglich Würde auf und antwortete so trotzig wie nur möglich: »Nein, mein verehrter Herr. Es gab keine . . . Bombengeschäfte. Wir kommen mit ganz anderen Nachrichten als von solchen . . . abscheulichen Eisenspekulationen.«

»Abscheuliche Eisenspekulationen ist gut«, wiederholte der Präsident. »Sie meinen doch damit Dr. Bulls abscheuliche . . . Spekuliereisen?«

Der Sekretär fuhr für einen Moment zusammen – der Präsident hingegen wie in sanft verweisendem Tone fort:

»–türlich: Jeder hat seine Meinung und seine Augen. Aber etwas in Gegenwart des betreffenden Mannes selbst ohne weiteres abscheulich zu nennen . . .«

Dr. Bull riß seine Spekuliereisen herab und warf sie auf den Tisch.

»Meine Spekuliereisen waren gemein«, sprach er, »aber ich bins nicht. Sehen Sie mich dreist an!«

»Ich darf wohl sagen, daß das ein Gesicht ist, wies an einem zu wachsen pflegt«, sprach der Präsident. »In der Tat wächsts ja auch an Ihnen. Soll ich mich vielleicht mit den wilden Früchten am Baum des Lebens herumstreiten? Ich darf also wohl sagen, daß es an einem schönen, sonnigen . . . Sonntag wachsen wird.«

»Wir haben jetzt keine Zeit für Drehwitze!« sagte der Sekretär und wollte wild werden. »Wir sind gekommen, um zu fragen, was all dies sein soll? Wer sind Sie? Was sind Sie? Wozu haben Sie uns alle miteinander hierhergelotst? Wissen Sie denn überhaupt, wer und was wir sind? Sind Sie so blödsinnig, daß Sie hier den Geriebenen, oder so gerieben, daß Sie hier den Blödsinnigen spielen wollen? Antworten Sie mir – ich sage Ihnen nur, antworten Sie mir!«

»Kandidaten«, murmelte Sonntag, »haben von 17 Fragen auf dem Papier nur acht zu beantworten . . . Wenn ich Ihnen schnell genug folgen konnte, so wünschten Sie von mir zu wissen, wer ich bin, und wer Sie sind, und wer ihr seid, und wer der Tisch ist, und was der Rat ist, und was überhaupt die ganze Welt ist. Gut – ich will den Schleier vom Geheimnis herabreißen. Sie wünschten zu wissen, wer ihr seid? Ihr seid eine Gruppe höchst wohlgesinnter, junger . . . Esel.«

»Na – und Sie?« fragte Syme und beugte sich weit vor, »was sind dann Sie?«

»Ich? Was ich bin?« brüllte der Präsident und wuchs mählich zu einer schier unglaublichen Höhe an. Stand wie eine enorme Woge auf, die sie im nächsten Augenblick alle zu begraben schien. »Sie wünschen zu wissen, was ich bin – ja? Bull, Sie sind ein Mann der Wissenschaft. Graben Sie, bitte, in den Wurzeln jener Bäume da unten nach und künden Sie mir die Wahrheit über sie. Syme, Sie sind ein Dichter. Sehen Sie sich jene Morgenwolken dort oben an und singen Sie mir die Wahrheit über Morgenwolken. Ich aber sage euch, eher findet ihr die Wahrheit über den geringsten Baum und über die höchste Wolke, ehe ihr die Wahrheit über mich findet. Ihr werdet das Meer ergründet haben – und ich werde euch immer noch ein Rätsel sein. Ihr werdet wissen, was die Sterne sind, und aber nicht wissen, was ich bin. Seit Anfang der Welt hat alles auf mich Jagd gemacht so wie auf einen Wolf – Könige und Weise, Dichter und Gesetzgeber, alle Kirchen und alle Philosophien. Aber noch keiner hat mich erjagt. Und wenn ich mich stelle, dann werden die Sterne vom Himmel fallen. Und die Jagd auf mich hat schon manche ein schönes Stück Geld gekostet – und solls nun wieder!«

Und noch eh einer von ihnen ein Glied rühren konnte, hatte sich der Riesenmensch wie ein ungeheurer Orang-Utan über die Balustrade des Balkons geschwungen. Aber eh er sich fallen ließ, stützte er sich gegen einen Querbalken und beteuerte, mit seinem kolossalen Kinn noch über der Balustrade, feierlich:

»Das eine kann ich euch ja noch sagen. Ich bin der Mann vom stockfinsteren Raum – ich hab euch all zu Polizisten gemacht.«

Und ließ sich hinabfallen und fiel so wie ein Gummiball aufs Pflaster auf und schritt auf die Ecke von Alhambra zu – rief dort ein Kabriolett an und sprang hinein. Die sechs Detektivs aber standen derweil wie vom Blitz getroffen – von seiner letzten Behauptung. Erst als sie ihn in jenem Kabriolett davonfahren sahen, kehrte Syme all sein Sinn für praktisches Zugreifen zurück – und da sprang er auch schon gleichfalls über den Balkon hinab, daß du glaubtest, er würde sämtliche Knochen im Leibe brechen und lief und rief ein anderes Vehikel an.

Er und Bull sprangen in dieses Kabriolett, der Professor und der Inspektor in ein zweites, während der Sekretär und der einstige Gogol ein drittes requirierten und die Verfolgung des fliehenden Syme aufnahmen, der seinerseits den fliehenden Präsidenten verfolgte. Sonntag jagte in nordwestlicher Richtung von dannen und sein Kutscher trieb augenscheinlich aus einem ganz ungewöhnlichen Beweggrund seinen Gaul zu geradezu halsbrecherischer Eile an. Aber Syme verstand sich nun auf keinerlei Delikatessen mehr und sprang in die Höh und brüllte: »Haltet den Dieb, haltet den Dieb!« daß bald eine Menge Menschen zu beiden Seiten des Wagens herlief und Schutzleute einschreiten und Fragen stellen wollten. Das alles blieb nicht ohne jeden Einfluß auf den Kutscher des Präsidenten, und er fing an, etwas schwankend zu werden und aus dem Galopp in einen Trab rückzufallen. Und er begann durch die Klappe mit seinem Passagier ein vernünftiges Wörtchen zu reden – aber dabei ließ er seine Peitsche ein wenig allzusehr vorn über die Kutsche herabbaumeln. Was anders, als daß Sonntag sich vorbeugte, sie ergriff und dem Manne mit einem Ruck aus der Hand riß! – und dann aufstand im Wagen und nun selber auf das Rößlein einhieb und brüllte, daß sie bald wieder wie die Windsbraut die Straßen hinabfegten! Straße um Straße, Platz um Platz gings dahin . . . wirbelnd . . . und der Fahrgast hieb auf das Pferd ein und brüllte hüh! und der Kutscher riß an den Zügeln und sang brr! Und die andern drei Vehikel hetzten (so die Phrase bei Droschken erlaubt ist) wie keuchende Hunde nach, daß Läden und ganze Straßen nur so wie Pfeile vorbeischwirrten.

Mitten in der rasendsten Raserei drehte sich Sonntag auf dem Spritzbrett, auf dem er stand, um, steckte seinen großen, grinsenden Schädel mit dem im Wind fliegenden weißen Haar über das Cab heraus und schnitt seinen Verfolgern ein rechtes (aber in welchen Dimensionen! magst du dir denken) Gassenbubengesicht. Dann holte er mit seiner rechten Hand aus, schmiß Syme einen Knäuel Papier ins Gesicht und tauchte wieder unter. Der Adressat fing das Ding, wie er instinktiv parierte, glücklich auf und – es enthielt zwei verkrumpelte Fetzen. Der eine war an Syme selber adressiert (der andere an Dr. Bull) – und zwar hinter seinem (Symes) Namen fing eine sehr lange, und wie wohl zu fürchten stand, ironische Reihe Worte an. Dr. Bulls Adresse hingegen, die war beträchtlich länger als die Mitteilung selber, bestand diese doch nur aus diesen Worten:

Alte Toppsau!

»Was soll denn das bloß heißen? Das ist doch zu blödsinnig!« verwunderte sich Bull und starrte immer nur die Zeile an. »Und wie lautet Ihrs wohl, Syme?«

Die Botschaft an Syme war, wie gesagt, länger, und lautete also:

»Keiner würde es mehr bedauern als ich, wenn sich einer von der weißen Sekte in die Sektweiße einmischen würde. Ich hoffe indes, daß es dazu nicht kommt. Aber wo blieben in der letzten Zeit Ihre Galoschen? Die Sache ist zu dumm, besonders nach dem, was der Leihhausfritze dazu sagte.«

Währenddem schien der Kutscher des Präsidenten wieder einige Kontrolle über sein Pferdchen erlangt zu haben, und die Verfolger rückten etwas dichter auf . . . aber da gings mit einemmal um die Ecke in die Edgeware Road hinein. Und in dieser Straße bestand irgendein Verkehrshindernis, das die Alliierten geradeswegs der göttlichen Vorsehung zuschrieben. Ja, der Verkehr aller Art mußte plötzlich links oder rechts abbiegen oder ganz anhalten – und da hörtest du die Straße herauf jenen unverkennbaren Alarm, der noch allemal – mit tödlicher Sicherheit die Feuerspritze verkündete – die in ein paar Sekunden denn auch unter metallischem Getöse anschwirrte. Aber so schnell (und so bahnfrei) sie hier vorbeiwollte – war Sonntag nicht noch schneller? Raus aus dem Cab! rauf auf die Spritze! und droben war er! . . . und dahin war er! . . und du sahst durch den verschwindenden Lärm und auf immer größere Entfernung, wie er den erstaunten Spritzenmännern irgend etwas auf das Eindringlichste vorgestikulierte . . .

»Ihm nach! Ihm nach!« heulte Syme. »So kann er nicht vom Weg mehr ab! Das ist doch über allen Zweifeln eine . . . Feuerspritze!«

Also peitschten die drei Kutscher, die einen Moment lang verdutzt waren, neu auf ihre Rößlein ein und verringerten sichtlich wieder den Abstand zwischen ihnen und ihrer fast verschwundenen Beute. Der Präsident aber, der erkannte die zunehmende Nachbarschaft förmlich an, indem er sich nach dem rückwärtigen Ende seines Wagens verfügte, wiederholt sich verbeugte, Handküsse austeilte und schließlich eine zierliche gefaltete Nota dem Inspektor Ratcliffe zwischen sein Vorhemdchen warf. Der Empfänger entfaltete es – nicht ohne Ungeduld – und las die Worte:

»Jetzt weicht, jetzt flieht! Die Wahrheit über Ihre Hosenstrecker – etsch! – ist an den Tag gekommen! – Ein Freund.«

Die Feuerspritze strebte derweil unentwegt dem Norden zu; in ein Viertel, das die Sechse nicht wiedererkannten. Wies aber nun ein hohes, von Bäumen überschattetes Gitter lang ging, war das Halbdutzend Freunde auf ein neues bestürzt und zugleich doch wieder froh: wie nämlich der Präsident von der Feuerspritze herabsprang (wenn du gleich nicht sehen konntest, ob ers nun aus Laune tat, oder ob ihn der wachsende Protest seiner unfreiwilligen Gastgeber dazu gezwungen hatte), genug – gleichviel – er sprang herab . . . aber ach! eh die drei Cabs noch die Stelle erreichten, hatte Sonntag, wie eine große graue Katze, den hohen Zaun genommen – und verschwand hinter dem dunklen Grün . . . wie in grüner Nacht. Syme ließ wütend halten, sprang ab und kletterte gleichfalls übern Zaun. Als er aber erst mit einem Bein drüben war und seine Freunde ihm nachkamen, wandte er sich mit dem Gesicht noch einmal zu ihnen – und das schien ganz weiß durchs Grün her.

»Was kann das bloß für ein Ort sein?« fragte er. »Könnts nicht am Ende das Haus von diesem alten Teufel sein? Ich hörte einmal, daß er ein Haus hier im Norden hätte.«

»Desto besser«, erwiderte der Sekretär grimmig und stützte seinen Fuß auf eine Stütze auf, »dann werden wir ihn doch zu Hause finden.«

»Aber nein, nein, das ist es nicht«, sprach Syme und runzelte die Stirn. »Ich hör die fürchterlichsten Geräusche . . . als ob Teufel durch wirklich teuflische Nasen lachen, rotzen, nießen und kotzen würden!«

»Das sind seine Hunde . . . und die husten vielleicht«, sprach der Sekretär.

»Ich huste Ihnen gleich auch was!« schrie da Syme wütend. »Husten! Warum nicht gleich behaupten, daß seine Küchenschaben husten! Schnecken husten! Geranien husten! . . . Haben Sie vielleicht jemals nen Hund so husten hören?« Und er hielt die Hand auf. Und da erscholl aus dem Dickicht ein langes, brummendes Brüllen, das dir wie unter die Haut kriechen und dir alles Fleisch frieren machen wollte – ein langes durchdringendes Brüllen, das die Luft um dich herum hörbar schlagen machte.

»Die Hunde vom Sonntag werden schon keine gewöhnlichen Hunde sein«, meinte Gogol und schauderte.

Syme schwang sich endlich vollends über das Gatter. Und blieb aber noch einmal stehen und lauschte voller Ungeduld – »Was? Hören Sie sich das an!« sprach er, »ist das ein Hund, was? Ist das von irgend jemandem ein Hund, was?«

Da erfüllte ein mißtönendes Schrillen ihre Ohren, das gerade wie ein Protest klang und wie aus irgendeiner jähen Qual laute Klage erhob. Und dem antwortete dann fern wie ein Echo etwas, das wie ein nasaler Trompetenton war.

»Sein Haus muß zur Hölle!« schrie der Sekretär, »und wenn es gleich die Hölle selber wär – ich geh hinein!« und er nahm den Zaun mit einem Satz.

Die andern nach . . . Man arbeitete sich durch ein Gewirr von Busch- und Staudenwerk – und gelangte hernach auf einen gebahnten Weg. Nichts in Sicht; da schlug Dr. Bull plötzlich seine Hände zusammen.

»Schafsköppe!« schrie er, »aber das ist doch der Zoo!«

Und wie sie sich nun wild nach einer Spur ihres Ausreißers umsahen, kam ein Wärter in Uniform, gefolgt von einem Menschen in schlicht bürgerlichem Gewand, den Pfad dahergelaufen.

»Kam er hier vorbei?« japste der Wärter.

»Wer – hier?« fragte Syme.

»Der Elefant, Herrgott!« schrie der Wärter. »Ein Elefant ist wild geworden und ausgebrochen!«

»Mit einem alten Herrn auf dem Rücken ausgebrochen!« sagte der andere atemlos. »– einem armen alten Herrn mit weißem Haar!«

»Wie sah der arme alte Herr sonst noch aus?« forschte Syme – von einer plötzlichen Neugierde getrieben.

»Ein sehr großer und dicker, alter Herr . . . lichtgrauen Anzug an . . .« sagte der Wärter eifrig.

»Nun«, sagte Syme, »wenn es ein solcher alter Herr ist – nämlich, wenn Sie ganz sicher sind, daß es ein sehr großer, dicker, alter Herr ist – dann können Sie mir auf mein Wort glauben, dann geb ich Ihnen mein Ehrenwort, daß der Elefant . . . nicht mit ihm davongelaufen ist. Sondern er ist mit dem Elefanten davongelaufen. Der Elefant ist nicht von Gott erschaffen, daß er mit ihm davon hätte laufen können, außer der Mann war mit solchem böswilligen Verlassen mehr als gutwillig einverstanden. Und . . . Dunnerkiel, da is er!«

Und da konnte auch schon kein Zweifel mehr sein. Ueber den Graswasen kam in einer Entfernung von 200 Yards etwa – eine kreischende, ganz nutzlos nachstolpernde Menschenmenge ihm auf den Fersen – ein riesiger grauer Elefant dahergerannt, mit einem Rüssel so steif als wie das Bugspriet eines Schiffes und trompetend als wie die Trompete zum jüngsten Gericht. Auf dem Rücken aber des brüllenden, trampelnden Viehs saß Präsident Sonntag mit der Würde eines Sultans – nur daß er das Untier mit irgendeinem scharfen Gegenstand in seiner Hand zu einem wütenden Galopp anstachelte.

»Aufhalten, aufhalten!« brüllte das Publikum. »Der rennt sonst das Gatter ein!«

»Halten Sie einen Bergsturz auf, wenn Sie können!« schrie der Wärter. »Jawoll . . . da wär er glücklich durchs Gatter durch!«

Und ein heilloses Krachen und ein unbändiger Schrei: – der riesige graue Elefant war aus dem Gatter des Zoologischen Gartens ausgebrochen und galoppierte nun die Albany Street als wie ein neuer, schnellerer Omnibus hinunter.

»Allmächtiger Himmel!« schrie Bull, »ich hätte nie geglaubt, daß ein Elefant so sehr rennem könnte . . . Ja, nun müssen wir also wieder eilends Taxameter fahren, wenn wir ihn einigermaßen im Auge behalten wollen . . .«

Und sie stürmten durch das Loch hinaus, das ihnen der Elefant gemacht hatte – und Syme erlebte derweil ein schreiendes Panorama all der exotischen Tiere in den Käfigen, an denen sie vorüberrannten. Späterhin kams ihm direkt wunderlich vor, daß er all das so deutlich gesehen haben sollte. Er erinnerte sich dann insonders einiger Pelikane – und ihrer unnatürlich hängenden Gurgeln. Und wunderte sich, daß der Pelikan das Symbol der christlichen Liebe vorstellen sollte . . . außer es wäre so gemeint: daß schon ein gut Teil Christenliebe dazu gehöre, so einen Pelikan überhaupt zu bewundern. Und erinnerte sich außerdem noch eines Nashornvogels, der nichts als ein ungeheurer gelber Schnabel war . . . daran hinten irgendwie ein winziges Vögelchen hing. Das Ganze war von einer so blödsinnig lebhaften – ganz und gar unfaßlichen Sensation: Mutter Natur, ewig zu einem mysteriösen Jokus aufgelegt . . . Hatte ihnen Sonntag nicht gesagt., eher würden sie ihn nicht begreifen, ehe sie die Sterne nicht begriffen hätten? Nun denn: Syme hätte sich höchlichst gewundert, wenn etwa die Erzengel den Nashornvogel begriffen hätten . . .

Die sechs unseligen Detektivs stürzten sich in Droschken – und fort gings, dem Elefanten nach, und hinein in all den Terror, den das Untier von Straße zu Straße bereitete. Diese ganze Zeit drehte sich Sonntag nicht ein einziges Mal nach ihnen um, sondern wies ihnen unverwandt all seine unmeßbare, unübersehbare Hinteransicht – was einen womöglich noch verrückter machen konnte als vorher seine Juxkarten. Indes, gerade wie sie in die Baker Street einbogen, sahst du, wie er etwas hoch, hoch in die Luft warf und es so wie einen Ball wieder auffangen wollte. Aber bei einem Rennen wie dieses war, fiel es erst just über der Droschke, in der Gogol saß, wieder herunter. Und in der Hoffnung, daß das vielleicht einen Anhaltspunkt oder irgendeinen Impuls enthalten könnte, hobs Gogol, halb im Weiterfahren, auf. Es war – ausgerechnet an ihn adressiert und war fast ein richtiges Paket zu nennen. Bei näherer Prüfung erwies es sich jedoch als aus dreiunddreißig absolut wertlosen Papierfetzen bestehend, von denen einer in den andern gewickelt war. Und als die letzte Hülle abgeschält war, blieb als eigentlicher Inhalt ein kleiner Streifen Papier, darauf geschrieben stand: »Die Welt, ich mein, müßt rosenrot sein!«

Und der Mann, der dir als Gogol vorgestellt ward, der sagte keinen Ton; aber seine Hände und Füße wurden ihm gerade so und werkten, als ob er ein Roß zu erneutem Galopp anspornen und peitschen würde.

Straße um Straße, Distrikt um Distrikt ließ dieses Monstrum von einem fliegenden Elefanten hinter sich. Und in jedem Fenster stand Kopf an Kopf. Und der gesamte Straßenverkehr mußte nach rechts oder links ausweichen. Und immer hinterdrein, durch all das entsetzte Publikum, die drei Droschken – daß es schließlich aussah, als gehörten die mit zu dem grotesken Festzug und als wärs etwa der marktschreierische Aufzug eines Zirkus . . . Und das ging und ging immer noch in einem solch aberwitzigen Tempo, daß Syme mit einemmal die Albert Hall in Kensington erblickte, als er vermeinte, er wäre noch lange in Paddington. Und die Pace des Viehs wurde schließlich durch die leeren aristokratischen Straßen von South Kensington gar noch eine freiere und also wütendere . . . und endlich gings da hinaus, wo das Riesenrad von Earls Court gen Himmel ragte. Und das Rad wurde immenser und immenser und wurde zuletzt gar wie die Himmelsachse selber und das himmlische Rad mit den unendlichen Sternen.

Das Vieh war mit Droschken nun einmal nicht einzuholen . . . Sie verlorens, wies nun um ein paar Ecken herumging, immer mehr aus den Augen. Und als sie vor einem Eingang zur Earls Court Exhibition anlangten, konnten sie noch dazu überhaupt nicht mehr weiter und mußten anhalten. Eine Riesen-Menschenmenge war da – und mitten drin ein riesiger Elefant, stöhnend und bebend, wie solch unförmige Kreaturen nun einmal tun. Aber der Präsident . . . der war weg.

»Wo ist er hin?« schrie Syme, noch unterm Abspringen.

»Der Herr sind in die Ausstellung gegangen, Herr!« sprach ein Beamter – noch ganz verblüfft. Und setzte dann – immer noch wie vor den Kopf geschlagen, hinzu: »Ein urkomischer Herr. Bat mich, sein Reitpferd zu halten. Und gab mir noch dieses hier.«

Und hielt wie blödsinnig ein zusammengefaltetes. Stück Papier hin – das die Aufschrift trug: »An den Sekretär des Zentral-Anarchistenrats.« Der Sekretär riß es wutschäumend auf; und da stand folgendes zu lesen:

»Solangs dem Häring unter Binsen tut passen,
mögt ihr Herrn Sekretär grinsen lassen.
Nur sowie der Häring mit fliegen droht,
schlagt die Schreiberseele tot!
                          Bäuerisches Sprichwort.«

»Warum – o je! o je! –« fing der Sekretär an, »haben Sie denn den Mann hineingelassen? Oder kommen die Leute zu Ihrer Ausstellung da regelmäßig auf wildgewordenen Elefanten angeritten? Oder aber . . .«

»Sehen Sie doch!« brüllte Syme mit einemmal. »Sehen Sie da – da – da hinauf!«

»Wo hinauf?« brüllte der Sekretär zurück.

»Auf den Fesselballon!« schrie Syme und gestikulierte wie tobsüchtig.

»Warum zu allen Teufeln soll ich mir einen Fesselballon ansehen?« beschwor ihn der Sekretär. »Was ist an einem Fesselballon so Sonderbares?«

»Nichts«, versetzte Syme. »Außer er ist eben nicht mehr gefesselt!«

Sie sahen alle nach oben: und da schwebte und schwankte ein Ballon über der Ausstellung – an einem Seil – wie ein Kinderballon. Und eine Sekunde später fiel, zwei Sekunden lang, etwas herab, und zwar gerade auf die Droschke herab, und das war das Seil . . . und der Ballon flog davon, so lustig wie eine Seifenblase.

»Zehntausend Teufel!« kreischte der Sekretär. »Er ist drinnen!« und er schüttelte die Fäuste gen Himmel.

»Gott sei meiner Seele gnädig!« sang der Professor in dem Greisenton, den er nimmer von seinem gebleichten Bart und seinem Pergamentgesicht zu trennen vermochte. »Gott sei meiner Seele gnädig! Mir war gerade, als ob etwas auf meinen Hut gefallen wäre . . .«

Und er hob seine Zitterhand auf und holte von seiner Kopfbedeckung ein Stück zusammengefaltetes Papier herab, breitete es, höchst geistesabwesend auseinander und fand von treuliebender Hand geschrieben:

»Ihre Schönheit konnte mich nicht gleichgültig lassen. – Klein Schneeglöckchen.«

Da war eine Stille erst. Und dann sprach Syme und kratzte sich am Barte:

»Ich fühle mich immer noch nicht besiegt. Das verwünschte Ding muß doch irgendwo mal wieder niederkommen! Auf! Ihm nach!«

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