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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das zwölfte Kapitel

Die ganze Erde in Anarchie

Und sie spornten die Gäule zum Galopp an; und, indem sie den schroffen Abhang nicht im geringsten respektierten, gewannen Roß und Reiter bald den alten Vorsprung vor jener Truppe zu Fuß zurück. Und an den ersten Häusern von Lancy gar verlor die Kavalkade ihre Verfolger gänzlich aus dem Gesicht. Nichtsdestoweniger hatte der Ritt eine ganze Weile gedauert, und als man die Stadt erreichte, erglühte der Westen in Abendsonne und Sonnenuntergang. Der Colonel schlug vor, man sollte, eh man endgültig nach der Polizeistation sich aufmachte, doch erst noch im Vorbeigehn versuchen, Anschluß an eine etwas individuellere Persönlichkeit zu finden, die eventuell sehr von Nutzen sein könnte.

»Vier von den fünf reichen Leuten in dieser Stadt«, sprach er, »sind ganz gemeine Betrüger, Gauner und Schwindler. Ich behaupte übrigens, daß dieses Verhältnis in der ganzen Welt hübsch das gleiche sein dürfte. Der fünfte aber, das ist ein Freund von mir und ein sehr feiner Kerl. Und was für uns von besonderer Wichtigkeit ist – er besitzt einen Motorwagen.«

»Ich fürchte nur«, sprach der Professor auf seine lustige Art und blickte die weiße Straße zurück, an deren Ende der schwärze, wimmelnde Fleck jeden Moment auftauchen konnte, »ich fürchte nur, daß wir schwerlich viel Zeit zu Nachmittagskaffeekränzchenbesuch und -klatsch haben werden.«

»Das Haus des Doktor Renard ist noch keine drei Minuten von hier«, sprach der Colonel.

»Und unsere Gefahr«, sprach Dr. Bull, »noch keine zwei Minuten von hier.«

»Ja«, sprach Syme, »wenn wir nur in diesem flotten Tempo weiterreiten, lassen wir sie unbedingt weit zurück. Indem die doch zu Fuß sind!«

»Indem er aber einen Motorwagen hat!« sprach der Colonel.

»Den wir doch nicht kriegen!« sprach Bull.

»Wo Renard doch absolut auf Ihrer Seite steht!«

»Aber nur, wenn er gerade zu Hause ist!«

»Halten Sie Ihren Rand!« sprach Syme mit einemmal dazwischen. »Hören Sie? So hören Sie doch! Was – ist – das?«

Eine Sekunde lang stand das alles – wie Reiterstandbilder. Oder equestrische lebende Bilder . . .

Und eine Sekunde oder zwei – oder drei – oder vier – schienen Himmel und Erde gleicherweise erstarrt und ohne einen Laut. Dann aber vernahmen sie mit all ihren Ohren – und wie in einer Agonie des Aufhorchens – die Straße herab jenes unbeschreibliche Tripptrapp und trippeltrappel, das einzig von . . . Pferden herrühren konnte!

Und der Colonel war jäh verwandelt. Als wie vom Blitz gerührt. Tat aber dennoch ganz harmlos.

»Da haben wirs«, sprach er kurz militärisch ironisch. »Achtung – Kavallerie kommt!«

»Wo mögen die bloß die Gäule herhaben?« fragte Syme und spornte sein Streitroß zu einem leichten Galopp.

Der Colonel war stumm für einen Augenblick. Dann sprach er – gezwungen:

»Ich bemerkte ausdrücklich – ›Soleil d'Or‹ sei der einzige Platz auf zwanzig Meilen Umkreis, wo's Pferde gäbe.«

»Nein nein nein nein!« fuhr Syme ungestüm auf. »Das glaub ich nicht und glaub ich nicht. Ich glaube nie und nimmer, daß er uns das angetan hat! Mit all seinem weißen Haar . . .!«

»Vielleicht – eh – haben sie ihn dazu gezwungen«, sprach der Colonel vornehm. »Sie waren mindestens hundertfach überlegen . . . darum sehen wir uns nun sofort nach meinem Freund um, der einen Motorwagen sein eigen nennt.«

Und kaum gesagt, warf er sein Roß um eine Straßenecke herum und donnerte die Straße so spornstreichs hindann, daß die übrigen, obgleich auch immer im Galopp, die größte Mühe hatten, dem wehenden Schweif seiner Mähre zu folgen. Dr. Renard bewohnte ein hohes und komfortables Haus am höchsten Ende einer steilanstrebenden Straße, so daß die Reiter, wie sie vorm Haustor absaßen, auf ein neues den massiven, grünen Hügelrücken, mit der weißen Straße darüber, sehen konnten. Standen sie doch so hoch über allen Dächern der Stadt. . . . Und atmeten auf, wie sie sahen, daß die Straße noch leer war, und läuteten und schlugen Lärm.

Dr. Renard, das war ein famoser, braunbärtiger Mann, ein gelungenes Exemplar jener schweigsamen, aber geschäftigen Männer vom Fach, wie sie sich Frankreich ungleich mehr als England zu konservieren wußte. Als ihm die Sache auseinandergesetzt war, tat er die Panik des Ex-Marquis mit kaum drei Worten wirksam ab. Sagte, mit all seiner soliden französischen Skepsis, an einen General-Anarchistenaufstand sei überhaupt nicht zu denken. Und setzte achselzuckend hinzu: »Anarchismus? Kinderei!«

»Et ça«, rief der Colonel plötzlich aus und deutete über des andern Schulter hin. »Ist das Kinderei – hä? – oder ist das am Ende doch keine Kinderei?«

Da riß es sämtliche herum. Und: über die Spitze des Hügels dort oben fegte eine schwarze Reiterei mit der Sturmeseile eines Attila daher! So schnell sie indes auch ritten, ritten sie doch wie in Reih und Glied, und die schwarzen Masken der Eskadronfront sahen sich ganz und gar uniformmäßig an. Aber obgleich der schwarze Klecks sich obenhin ganz wie früher ansah (nur daß er sich jetzt natürlich ungleich reißender fortbewegte auf der abschüssigen Hügelfläche da oben, die wie eine schiefgestellte Landkarte aussah), war ein ganz auffälliger Unterschied gegen früher zu merken. Die Reiter kamen wohl in einem Karree daher, – aber einer sprengte weit voran als Tête und der spornte mit Faust und Ferse seinen Gaul so sehr toll und immer noch toller an, daß man gerade hätte meinen können, er wär nicht ein Verfolger, sondern der Verfolgte. Und selbst auf die große, große Entfernung tat der Mann so fanatisch und war seiner ganzen Gestalt nach so unstreitig, daß alle wußten – das ist der Sekretär.

»Es tut mir leid, daß uns zu einer etwas kultivierteren Diskussion aber auch gar keine Zeit bleibt«, sprach der Colonel, »also: können Sie mir – jetzt in zwei Minuten – Ihren Motorwagen zur Verfügung stellen?«

»Ich habe nur den einen Verdacht, daß Sie allzusammen total übergeschnappt sind«, sprach Dr. Renard und lächelte fein gemütlich. »Aber Gott behüte, daß Uebergeschnapptheit irgendwie unserer Freundschaft schaden könnte. Wollen wir also, bitte, nach der Garage hinüber.«

Dr. Renard war ein freundlicher Herr von enormer Wohlhabenheit. Seine Räumlichkeiten schienen das Musée de Cluny, und er besaß drei Automobile. All die drei schien er indes aus jener simplen Neigung, die der ganzen französischen Mittelstandsklasse anhaftet, sehr selten zu gebrauchen, und als seine ungeduldigen Freunde die Dinger nun untersuchten und prüften, nahms immerhin einige Zeit, bis sie sich vergewissert hatten, ob das eine von den dreien überhaupt funktionieren würde. Dann bugsierten sie das Auserwählte mit einiger Schwierigkeit um die Ecke bis auf die Straße vor des Doktors Hause. Wie sie aber aus der dunklen Garage herauskamen, waren sie starr darüber, wie die Dämmerung mit einer geradezu tropischen Schnelligkeit hereingebrochen war. Entweder hatten sie ihre Zeit schlimmer vertrödelt als sie dachten, oder aber irgendein Wolkendach hatte sich dreist über die Stadt gestülpt. Sie blickten die steilen Wege hinab . . . ein leichter Nebel schien von der See her aufzusteigen.

»Jetzt oder nie«, sprach Dr. Bull, »hör ich Pferde!«

»Pferde? Falsch!« korrigierte der Professor. »Ein Pferd!«

Und wie sie alle aufhorchten, wurde es evident: was da laut und eilends auf den hallenden Steinen daherkam, konnte keine ganze Kavalkade – konnte nur ein einschichtiger Reitersmann, allen andern weit, weit, weit voraus, sein – nämlich der tolle, verrückte Sekretär.

Symes Familie hatte einst, wie so viele Familien, die bescheiden enden, einen Motor besessen, er mußte also genau Bescheid wissen. Und da schwang er sich auch schon auf den Chauffeursitz und riß und zerrte an der höchlichst verwunderten Maschinerie herum. Vergeudete besonders viel Kraft an einen einzigen Handgriff und registrierte sodann mit der größten Seelenruhe – »Tut mir leid. Aber es will nicht.«

Kaum hatte er dies gesagt, da flitzte ein Mann zu Pferd um die Ecke, so flitzend wie ein Pfeil. Mit einem Lächeln, daß sein Kinn auslud, als ob es aus allen Angeln wär. Flitzte bis neben den Wagen heran, der vor lauter Insassen zu platzen schien, und legte seine Hand auf die Brüstung. Und der das tat, das war richtiggehend der Sekretär, und sein Mund war ausnahmsweise durchaus in der Ordnung – vor lauter Siegerfeierlichkeit.

Syme preßte seinen ganzen Oberkörper schwer gegen die Steuerung – und du vernahmst nichts als das Dröhnen, unter dem die übrige Verfolgerschar in die Stadt einritt. Dann aber lachte mit einem Male alle Karosserie kreischend auf – und der Wagen sprang an. Und der Sekretär schoß rein aus seinem Sattel als wie ein Messer aus seiner Scheide, und es wirbelte ihn zwanzig Yards weit furchtbarlich mit und legte ihn endlich platt auf den Weg hin – vor sein scheu gewordenes Pferd. Wie der Wagen dann mit einer brillanten Kurve die Straßenecke nahm, konnten die Ausreißer gerade noch sehen, wie die übrigen Anarchisten die ganze Straße erfüllten und ihrem gefallenen Anführer wieder auf die Beine halfen.

»Ich kann partout nicht verstehen, wieso's nur auf einmal so dunkel geworden sein mag«, sprach dann der Professor leise.

»Wird wohl Sturm geben, denk ich«, sprach Dr. Bull. »Nur das eine ist jammerschade, daß wir so gar kein Licht auf diesem Wagen haben, um sehen zu können.«

»Haben wir!« sprach der Colonel. Und praktizierte aus dem Boden des Wagens eine schwere, altmodische, schmiedeeiserne Laterne mit einem Licht heraus. Und die war augenscheinlich ein Altertum, und sah gerade so aus, als ob sie dereinst halb und halb in religiösen Diensten gestanden hätte, denn es befand sich an einer Seite ein kunstloses Ornament und das stellte ein Kruzifix dar.

»Woher in aller Welt mögen Sie das nun wieder haben?« fragte der Professor.

»Von daher, wo ich den Wagen herhabe«, antwortete der Colonel und kicherte. »Von meinem besten Freund. Während unser Chauffeur mit unserer Steuerung parlamentierte, rannte ich die Vordertreppe zum Haus hinauf und sprach mit Renard, der, wie Sie sich vielleicht erinnern mögen, auf seiner Diele stand. ›Ich vermute‹, sprach ich, ›daß keine Zeit mehr bleiben wird, um eine Laterne herbeizuschaffen.‹« Er sah aber empor und liebäugelte mit der wundervoll geschwungenen Decke seiner Vorhalle. Von dieser hing, an Ketten aus exquisitestem Eisenwerk, diese Laterne herab – eine von den hundert Schätzen seines Schatzhauses. Mit aller Kraft riß er nun das Ding aus seiner eigenen Decke heraus, zertrümmerte dabei die gemalte Täfelung und brachte obenein noch zwei blaue Vasen zur Strecke. Dann händigte er mir die eiserne Laterne aus und ich nahm sie mit in den Wagen, Nun sagen Sie selber, hatte ich nicht recht, wie ich sagte, daß der Dr. Renard eine Bekanntschaft wert wäre?«

»Und ob!« versetzte Syme sehr ernsthaft, und hing die schwere Laterne entsprechend auf. Es war ein Sinnbild ihrer ganzen Situation – das moderne Automobil und diese seltsame geistliche Lampe.

Bis jetzt hatten sie den stillsten Teil der Stadt passiert und waren höchstens zwei oder drei Fußgängern begegnet, aus denen sie absolut keine Schlüsse über Friedfertigkeit oder Feindseligkeit des Ortes ziehen konnten. Nun erst begannen die Fenster in den Häusern eins nach dem andern aufzuleuchten, so daß man einen Eindruck von Bewohntheit und von Menschen bekam. Dr. Bull wandte sich dem neuen Detektiv zu, der ihre Flucht angeführt hatte, und gönnte ihm sein natürliches freundliches Lächeln.

»Diese Lichter können einen wieder heiterer stimmen.«

Inspektor Ratcliffe faltete die Brauen.

»Es gibt nur eine Art Lichter, die mich heiterer stimmen können«, sprach er – »und das sind die Leuchten der Polizeistation, – sehen Sie? da unten in der Stadt . . . Wollte Gott, daß wir in zehn Minuten dort unten wären.«

Da aber wallte Bulls gesunder Menschenverstand und Optimismus jäh und kochend auf.

»Ach! Das ist doch alles blühender Unsinn!« schrie er. »Wenn Sie allen Ernstes glauben, daß ganz gewöhnliche Leute in ganz gewöhnlichen Häusern nichts wie Anarchisten wären, dann müssen Sie, ich kann mir nicht helfen, noch hirnverbrannter sein wie so'n Anarchiste selber. Kehren wir doch um und fallen wir jene Burschen an – ich wette, die ganze Stadt steht uns bei!«

»Nein«, sprach der andere unerschütterlich, »die ganze Stadt würde jenen Burschen beistehn. Aber . . . na, wir werden ja sehn . . .«

Während sie so sprachen, hatte sich der Professor jäh und voller Erregung weit nach vorn gebeugt.

»Was ist das für ein Geräusch?« fragte er.

»Hm. Vermutlich die Pferde hinter uns«, gab der Colonel zur Antwort. »Ich dachte allerdings, wir hätten sie schön weit hinter uns gelassen –«

»Pferde hinter uns? Nein!« fing der Professor wieder an. »Erstens sind das nicht Pferde hinter uns – und zweitens ist das überhaupt nicht hinter uns –«

Und kaum sprach er das aus, schossen da vorne am Ende der Straße zwei schimmernde, rasselnde Dinger vorbei. Schossen vorbei fast als wie der Blitz. Aber noch immer nicht schnell genug, daß nicht ein jeder hätte merken können, daß es zwei Automobile waren. Und den Professor triebs in die Höh, und der Professor schwur, blaß bis in die Zähne, daß das die andern zwei Automobile aus Dr. Renards Garage gewesen seien.

»Ich sage Ihnen, sie warens!« wiederholte er mit wildsprühenden Augen, »und sie waren vollbesetzt von Männern mit Masken!«

»Wahnsinn!« versetzte der Colonel bedrohlich. »Dr. Renard und denen seine Wagen geben . . .!«

»Vielleicht hat man ihn dazu gezwungen«, bemerkte Ratcliffe gelassen. »Die ganze Stadt ist auf ihrer Seite.«

»Das glauben Sie immer noch?« fragte der Colonel und konnte es nicht glauben.

»Daran werden Sie bald glauben müssen!« erwiderte der andere und erhoffte nichts anderes mehr.

War ein verlegenes Schweigen eine kleine Weile. Bis der Colonel mit einemmal von neuem anfing: »Nein nein nein nein nein – und ich kann es nicht glauben! Gott, o Gott, o Gott, es ist ja Unsinn! So kleine Leute einer friedlichen französischen Stadt . . .«

Da unterbrach ihn ein Knall und ein Blitzen, das augenschließend war. Und der Wagen ließ zu seiner Linken eine wehende Wolke weißen Dampfes hinter sich – und Syme hatte etwas an seinem Ohr vorbeipfeifen gehört.

»Mein Gott!« kams aus dem Colonel, »da hat wer auf uns geschossen!«

»Unnötig, unsere Konversation zu unterbrechen«, meinte Ratcliffe trübsinnig. »Wo sind Sie, bitte, stehen geblieben, Colonel? Sie sprachen gerad eben, denk ich, von kleinen Leuten einer friedlichen französischen Stadt . . .«

Der entsetzte Colonel aber, der reagierte längst auf keinen Spott mehr. Rollte nur noch die Augen allerwärts – und stammelte: »Außerordentlich. Höchst – höchst außerordentlich . . .«

»Ein Verwöhnter, ein Mäkelnder«, sprach Syme, »möchte das sogar unangenehm nennen. Immerhin . . . jene Lichter dort unten im Feld am Ende der Straße, das wird wohl die Gendarmerie sein. Werden gleich da sein.«

»Nein«, sprach da der Inspektor Ratcliffe, »werden niemals da sein.«

Er war aufgestanden und lugte scharf aus. Dann saß er wieder nieder und glättete sein glattes Haar mit einer müden Geste.

»Was sagen Sie?« forschte Bull.

»Ich sagte, daß wir niemals hingelangen werden«, erklärte der Pessimist gelassen. »Da haben allbereits zwei Reihen Bewaffneter quer übern Weg Aufstellung genommen. Ich kanns von hier aus sehen. Die Stadt ist in Waffen; genau wie ich sagte, daß sie wäre. Ich kann mich nur noch auf den Lorbeeren meiner Prophetengabe suhlen . . .« Und Ratcliffe setzte sich auf das bequemste im Wagen zurecht und zündete sich eine Zigarette an. Die andern aber sprangen alle miteinander erregt auf und starrten die Straße hinab. Syme hatte die Geschwindigkeit verlangsamt, wie alles mählich zweifelhaft wurde; nun brachte er den Wagen gänzlich zum Stillstehn – und das just an der Ecke einer Seitenstraße, die ungemein steil zum Meer hinabführte.

Die Stadt lag zum größten Teil im Schatten. Aber die Sonne war noch nicht untergegangen. Und wo immer ihr Licht durchbrechen konnte, übermalte sie jedes Ding mit feurigem Gold. In die Seitenstraße aber fiel die scheidende Sonne in einem so dünnen, nadeldünnen Strahl ein, als wärs künstliches Licht im Theater. Und fiel unter anderm auf den Wagen der fünf Freunde, daß es aussah, als stünde die ganze Kutsche in hellem Brand. Das übrige der Straße aber und besonders ihre beiden Enden war in tiefstes Zwielicht getaucht, daß die fünf für Augenblicke überhaupt nichts zu unterscheiden vermochten. Dann ließ Syme, dessen Augen noch die scharfsichtigsten waren, einen leisen, bitteren Pfiff vernehmen und sprach:

»Tatsächlich! Da ist ein Haufen oder ein Schwarm oder sonstwas, das sich quer übern Weg am Ende der Straße da aufgestellt hat –«

»Gut, gut! Wenn dem so ist«, fuhr Bull ungeduldig dazwischen, »dann ist es eben – hm – eine abendliche Übung oder der Geburtstag des Majors oder sonstwas. Aber ich kann es nicht und mag es nun einmal nicht glauben, daß so einfache, nette Leute von einem solchen Ort – mit Dynamit in den Hosentaschen herumspazieren. Nee . . .! Machen Sie ein bißchen vorwärts, Syme; wollen sie uns mal ein bißchen näher ansehen.« Das Gefährt rollte etwa hundert Yards weiter. Und dann waren sie alle baff, wie Dr. Bull plötzlich in ein krähendes Gelächter ausbrach.

»Was seid ihr doch für Quatschköppe!« schrie er. »Was hab ich euch gesagt? Die sind so fromm wie eine Kuh – und wenn sie's nicht mehr wären, lägs rein bei uns –«

»Woher wissen Sie das?« fragte der Professor, der dadurch noch baffer wurde.

»Stockblind seid ihr«, schrie Bull weiter. »Könnt ihr denn nicht sehen, wer da bloß ihren Anführer macht?«

Und alle guckten aufs neue aus – und dann mußte der Colonel erst einmal schlucken, eh er rufen konnte:

»Aber das ist ja Renard!«

Und wirklich – liefen da eine ganze Masse dunkle Gestalten hinüber und herüber, nur waren sie nicht so genau zu erkennen. Aber in hellster Abendsonne schritt allen weit voran unverkennbar Dr. Renard mit großen Schritten auf und ab, einen weißen Hut auf dem Kopf, und mit einem Revolver in seiner linken Hand.

»Himmel, war ich ein Narr!« jammerte nun der Colonel drauflos. »Aber selbstverständlich doch – der liebe alte Junge ist uns zu unserem Beistand vorausgeeilt!«

Dr. Bull gurgelte nur so vor Lachen. Schwang sein Schwert so leichtsinnig wie einen Spazierstock. Sprang aus dem Wagen und rannte los und schrie nur immer:

»Dr. Renard! Dr. Renard!«

Einen Augenblick später mochte Syme seinen eigenen Augen nicht mehr trauen: Sahen die denn noch recht – oder waren sie ihm, ganz selbständig, übergeschnappt? Der philanthropische Dr. Renard – sollte der wahr und wahrhaftig soeben seinen Revolver wie nichts erhoben und für nichts und wieder nichts zwei Schüsse auf Bull abgegeben haben, daß die ganze Straße bis hier herauf davon . . .

Fast denselbigen Augenblick, als da unten zu der scheußlichen Explosion eine Wolke weißen Rauches aufpuffte, fuhr eine ebensolche weiße Wolke aus der Zigarette des zynischen Ratcliffe puffend aus. Und Ratcliffe wurde wohl ein wenig blaß zusammen mit allen übrigen . . . aber er lächelte, lächelte. Dr. Bull, dem die beiden Kugeln gegolten hatten, stand erst eine Weile ganz still mitten auf der Straße, ohne eine Spur von Angst, dann drehte er langsam um, schlich zum Wagen zurück und stieg wieder auf . . . mit zwei Löchern durch seinen Hut.

»Nun?« meinte der Zigarettenraucher gedehnt, »wie denken Sie jetzt über die Sache?«

»Ich denke mir«, versicherte Dr. Bull pedantisch, »daß ich auf Nummer 217 in den Peabodyhäusern in meinem Bett liege und sogleich – mit einem Satz – aufwachen werde. Oder wenn das nicht ist, dann denke ich mir, daß ich in einer niedlichen Gummizelle sitze und daß der Doktor in meinem Fall nicht viel mehr machen kann. Aber wenn Sie zu erfahren wünschen, was ich nicht denke, dann will ich es Ihnen erzählen. Ich denke nicht – was Sie denken. Ich denke nicht und werde auch niemals denken, daß die Masse ganz gewöhnlicher Leute eine Versammlung scheußlicher moderner Denker sein soll. Nein, mein verehrter Herr, ich bin ein Demokrat und halte es einfach für unmöglich, daß Sonntag den nächstbesten Kanalarbeiter oder einen xbeliebigen Ladenschwengel ohne weiteres auf seiner Seite haben wird. Nee . . .! Ich mag verrückt sein, aber die Menschheit, die ist's dafür noch lange nicht –«

Syme sah Bull aus seinen lichtblauen Augen – mit einer Ernsthaftigkeit an, die nicht sofort verständlich war.

»Sie sind ein sehr feiner Kerl«, sagte er. »Sie glauben an einen gesunden Verstand, der nicht durchaus Ihnen selber eigen ist. Und Sie haben absolut recht mit Ihrer Menschlichkeit, was Bauern und was Leute wie den netten alten Kaffeewirt angeht. Aber was Renard betrifft – so haben Sie schon nicht mehr recht. Ich hab ihn von allem Anfang an in Verdacht gehabt. Er ist ein Rationalist, und – was noch schlimmer ist – er ist ein schwer reicher Mann. Wenn schuldiger Gehorsam und frommer Glaube nun tatsächlich futsch sind, so geschah es nur durch die Reichen.«

»Und sie sind tatsächlich futsch –« sprach der Mann mit der Zigarette und vergrub seine Hände in seinen Hosentaschen. »Da kommen die Hunde an!«

Und die Männer im Automobil spähten ängstlich in der Richtung aus, in der Ratcliffe starrträumerisch hinsah . . . und sahen, wie das ganze Regiment vom Ende der Straße her nun gegen sie anmarschierte. Und Dr. Renard, der marschierte wie ein Wüterich an der Spitze, und sein Bart wehte im Wind.

Den Colonel triebs aus dem Wagen – er ertrugs einfach nicht länger mehr.

»Meine Herren«, schrie er, »meine Herren! Es kann nicht anders – es muß ein Spaß sein. Wenn Sie Renard so gut kennen würden wie ich ihn kenne . . . mit mehr Recht, sag ich Ihnen, könnten Sie Queen Victoria eine Dynamitheldin nennen. Wenn Sie auch nur die leiseste Ahnung von dieses Mannes Charakter hätten . . .«

»Na!« meinte Syme sardonisch, »Dr. Bull bekam wenigstens so etwas wie eine Ahnung davon in seinen Hut . . .«

»Aber ich sage Ihnen, daß es unmöglich ist!« schrie der Colonel und trampelte mit den Füßen. »Renard muß mir Aufklärung geben. Und Renard wird mir Aufklärung geben!« Und er lief fort.

»Aber haben Sie doch keine solche Eile!« dehnte der, der rauchte. »Er wird uns sehr bald allen miteinander Aufklärung geben –«

Indes, der fiebernde Colonel war allbereits außer Hörweite. Und rückte den Anrückenden entgegen. Der andere Fieberische, der Dr. Renard, erhub seine Pistole – und aber zögerte, wie er seinen Gegner erkannte, der immer noch näher kam und bald nah vor ihm stand, Aug in Auge, und wüste Gestikulationen des Widerspruchs und der Warnung aufführte.

»Es hilft doch nichts«, sprach Syme. »Er wird bei dem alten Heiden nicht das geringste ausrichten können. Ich bin dafür, wir fahren plauz! durch den Menschenknäuel hindurch, gerade wie die Kugeln bums! durch Bulls Hut. Und wenn wir alle dabei drauf gehn, so wird darunter doch auch eine niedliche Anzahl von ihnen zum Teufel gehn.«

»Ich stimme gegen Syme«, sprach Dr. Bull, der vor lauter Aufrichtigkeit seiner Tugend immer noch vulgärer wurde. »Die armen Burschen haben sich eben geirrt. Nun lassen Sie mal den Colonel machen.«

»Wenn schon nicht vorwärts – wollen wir dann wenigstens retour?« fragte der Professor.

»Nein«, sprach Ratcliffe kalt. »Hinter uns ist die Straße ebenfalls besetzt. Und – ei der Daus! sehen Sie? – dahinter steht Ihr anderer Freund, Syme . . .«

Syme riß es herum . . . und er starrte die Strecke zurück, die sie dahergekommen waren. Ein irregulärer Haufen Berittener kam da durchs Dunkel angesprengt. Und über dem vordersten Sattel war erst das silberne Leuchten eines Degens und – näher dann – der silberne Schnee von eines alten Mannes Haar. Den nächsten Augenblick riß Syme das Steuer herum und ließ das Automobil die steile Seitenstraße zum Meer hinabrasen, wie einer, der nichts mehr will als den Tod.

»Was – zum Teufel – ist denn los?« schrie der Professor und packte Syme am Arm.

»Der Morgenstern ist gefallen!« sprach Syme. Und der Wagen sauste durchs Dunkel hinab – wie ein Stern, der fällt.

Die andern hatten keine Silbe von allem verstanden. Sahen aber, wie sie die Straße zurück und hinaufblickten, die feindliche Kavallerie um die Ecke biegen und ihnen nachsetzen. Und allen, voran der gute, liebe Kaffeewirt – beglänzt von der guten, lieben Abendsonne.

»Alle Welt ist wahnsinnig!« sprach der Professor und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

»Nee . . . !« sagte Dr. Bull in tiefster Erniedrigung. »Nur ich bins . . .«

»Wohin fahren wir?«

»Augenblicklich«, versetzte Syme – mit einer schier wissenschaftlichen Exaktheit, »fahren wir einen Laternenpfahl um –«

Und schon war das Automobil unter einem katastrophalen Getöse mit einem eisernen Gegenstand zusammengeraten. Und einen Augenblick später arbeiteten sich vier Männer aus einem Chaos von Metallteilen heraus – und eine hohe, schlanke Straßenlaterne, die just am Ausgang auf die Strandpromenade stand, bog sich und zersplitterte, wie ein Ast an einem gefällten Baum.

»Wahrhaftig! Wir haben etwas umgefahren!« sprach der Professor und lächelte ein wenig. »Doch wenigstens etwas umgefahren! Das ist ein Trost . . . !«

»Sie werden ja mit einemmal zum Anarchisten!« warnte Syme und klopfte derweil mit seiner Vorliebe für Eleganz seinen Anzug aus.

»Jedermann ist es!« sprach Ratcliffe.

Wie sie noch sprachen, kamen der weißhaarige Reitersmann und sein Gefolge donnernd hinterhergesprengt, und fast denselbigen Augenblick lief eine Kette dunkler Gestalten unter Freudengeschrei unten am Strand hin. Syme ergriff seinen Säbel und nahm ihn zwischen die Zähne; nahm einen zweiten und einen dritten je unter eine Achsel, den vierten in seine Linke und die schmiedeeiserne Laterne in seine Rechte und lief, was er laufen konnte, über die Promenade zum Strand hinab.

Die andern liefen dem also Resoluten blindlings nach, den Trümmerhaufen und den die Trümmer aufräumenden Mob lassend, wo sie bleiben mochten.

»Es gibt noch einen Ausweg«, sprach Syme und nahm den einen Degen aus seinem Mund. »Was der Höllentanz auch bedeuten mag – die Polizeistation, denk ich, wird uns zu Hilfe kommen. Wir können aber nicht nach der Gendarmerie – denn der Weg dahin ist besetzt. Aber hier gerade vor uns geht ein Wellenbrecher oder eine Mole auf die See hinaus – ein Ding, das wir länger als alles andere verteidigen können . . . denken Sie an Horatius und seine Brücke. Wir müssen das eben so lange verteidigen, bis Gendarmerie da ist. Mir nach!«

Sie folgten ihm, wie er knirschend über die Strandkiesel lief, aber nach einer Sekunde oder zwei blieben ihre Stiefel schon nicht mehr im Sande stecken, sondern glitten über breite, flache Steine. Und so liefen sie allzusammen einen langen, niedrigen Damm hinaus, einen ausgereckten Arm in die dunkle kochende See, und als sie ganz draußen am Ende angelangt waren, wars ihnen gerade, als wären sie zugleich am Ende ihres Dramas angelangt. Und sie wandten sich um und blickten auf die Stadt zu.

Die Stadt war vor Aufruhr ganz verwandelt. Die hochliegende Strandpromenade, über die sie eben herabgelaufen waren, war überschwemmt von dunklen und brüllenden Gestalten, die mit wildgeschwungenen Armen und feuerroten Gesichtern durcheinandertappten und zu den vieren hinüberglotzten. Und die ganze lange dunkle Linie war punktiert mit Fackeln und Laternen. Und wo kein Licht war, leuchtete doch ein wutentflammtes Gesicht – und mochte der Betreffende noch so weit weg und die Gebärde, die er machte, noch so sehr im Schatten sein: alles, alles das war bestorganisierter Haß. Und den vieren war absolut klar, daß sie von allen Leuten verwünscht und verflucht würden; nur wußten sie nicht im mindesten – warum.

Zwei oder drei Männer, die so klein und dreckig wie Gassenbuben aussahen, sprangen nun über die Promenade herab, so wie vorher die vier getan hatten, und auf den Strand heraus. Gerieten dabei tief in den Sand und kreischten scheußlich dazu auf – ja wateten, verrückt genug, bis in die See hinein. Und ihr Beispiel fand Nachahmung, und die ganze schwarze Masse von Leuten wälzte sich – wie schwarzer Sirup, auf den Strand herab.

Zuvorderst aber gewahrte Syme den Bauersmann, der sie eine Strecke auf seinem Karren gefahren hatte. Der spritzte auf seinem riesigen Karrengaul hochauf in die Brandung – und schüttelte mit seiner Axt herüber.

»Der Bauer!« rief Syme. »Seit dem Mittelalter haben die Bauern nicht mehr rebelliert –«

»Jetzt darf ruhig die Polizei ankommen«, sprach der Professor in einem kläglichen Ton, »gegen so ne Menge Mob kann sie nichts machen . . .«

»Blödsinn!« sprach Bull verzweifelt, »ein paar Leute müssen doch noch in der Stadt geblieben sein, die menschlich fühlen.«

»Nein«, sprach der Inspektor hoffnungslos, »alle wahren Menschen werden bald ganz vergriffen sein. Wir sind die letzten Exemplare der wahren Menschheit.«

»Mag sein«, bemerkte der Professor geistesabwesend. Dann setzte er in träumerischem Tonfall hinzu – »Das Ende der Dunciade?

Nicht auf offenem Platz, noch im Kämmerlein traut sich's Licht mehr. Nicht ird'scher, nicht göttlicher Schein!

Chaos, dein Reich ist neu erricht't;

auf dein unschöpf'risch Wort fällt tot um das Licht;

ein Wink, Anarchist, und der Vorhang schwebt nieder . . . All-Dünkel alles begräbt . . .«

»Halten Sie Ihren –« schrie Bull mit einemmal, »die Gendarmen, die Gendarmen!«

Und in der Tat, die schwachen Lichter der Polizeistation wurden vielfach durch schnell vorüberhuschende Schatten verdunkelt . . . und du hörtest durch die Dunkelheit herüber das Geklirr und Gerassel disziplinierter Kavallerie.

»Sie stürmen den Mob«, alarmierte Bull ekstatisch.

»Nein«, sagte Syme, »Sie formieren sich längs der Promenade.«

»Sie haben ihre Karabiner abgeschnallt«, schrie Bull und tanzte vor Vergnügen.

»Jawohl«, sagte Ratcliffe, »und nun feuern sie auf uns.«

Kaum gesagt, knatterte eine Gewehrsalve und die Kugeln hopsten wie Hagelschloßen vor ihnen auf den Steinen herum.

»Also die Gendarmen auch noch . . . !« schrie der Professor und schlug sich vor die Stirn.

»Und ich bin doch in der auswattierten Zelle!« behauptete Bull voll Dreistigkeit.

Dann trat eine lange Stille ein. Und dann sprach Ratcliffe und sah auf die hochgehende See hinaus, die staubblau war –

»Was tuts, ob einer verrückt ist oder nicht? Wir werden bald allesamt tot sein.«

Da drehte sich Syme nach dem Sprecher um und sagte:

»Sie haben nun also alle und jede Hoffnung aufgegeben?«

Und da schwieg Ratcliffe erst, wie versteinert. Und dann sagte er ohne alle Aufregung:

»Nein. Es ist wunderlich genug, daß ich noch nicht alle und jede Hoffnung . . . Eine kleine – ganz blödsinnige Hoffnung will mir immer noch nicht aus dem Sinn. Die Macht dieses ganzen Planeten ist wider uns, und ich kann mir nicht helfen und ich muß mich höchlichst wundern, daß eine winzige, aber total wahnsinnige Hoffnung immer noch nicht so ganz und gar hoffnungslos sein soll.«

»Und in wem oder was besteht diese Hoffnung?« examinierte Syme, brennend vor Begierde.

»In einem Menschen, den ich niemals sah«, gestand der andere und sah auf die staubblaue See hinaus.

»Ich weiß, wen Sie meinen«, sagte Syme leise, »den Mann im stockfinstern Raum. Aber den dürfte Sonntag nun auch schon abgemurkst haben.«

»Vielleicht«, versteifte sich der andere. »Aber wenn dem ja so ist, so war das der einzige, bei dem es Sonntag schwergefallen sein mag.«

»Ich hab gehört, was Sie da redeten«, sprach der Professor und drehte sich um. »Ich glaube ebenfalls fest an den, den ich niemals sah.«

Da blickte sich Syme, der bis dahin wie blind vor beschaulichen Gedanken dagestanden hatte, verzweifelt nach allen Seiten um und schrie wie einer, der jäh aus seinem Traum auffährt:

»Wo ist der Colonel, wo ist . . .? Aber ich dachte doch, der wäre hier!«

»Der Colonel? Ach ja!« schrie Bull. »Wo in aller Welt ist der Colonel?«

»Der ging doch – Renard sprechen«, sprach der Professor.

»Den können wir aber doch nicht in den Händen jener Unholde lassen!« schrie Syme. »Laßt uns wie Gentlemen untergehen, wenn –«

»Aber bedauern Sie doch den Colonel nicht also!« hohnlächelte Ratcliffe. »Dem gehts brillant! Der . . .«

»Nein! nein! nein! nein! und nochmal nein und noch zweimal nein!« tobte und raste Syme da. »Nicht der Colonel auch noch! Nicht, nicht, nicht der noch dazu! Ich glaubs nicht, ich glaubs Ihnen ni –«

»Wollen Sie aber Ihren eigenen Augen glauben?« fragte der andere und deutete auf den Strand hinüber.

Manche der Verfolger waren ins Wasser hineingewatet und reckten von da die Fäuste her. Aber die See ging wild, und so konnten sie nicht bis zur Mole gelangen. Zwei oder drei Gestalten indes, die standen zu Anfang des steinernen Gangsteigs und schienen von da mit aller Vorsicht anrücken zu wollen. Der Strahl einer Laterne beleuchtete die Gesichter der zwei vordersten. Des einen Gesicht trug eine schwarze Halbmaske, und der Mund darunter litt unter einem solchem Sturm der Nerven, daß der Zwickelbart sich hin und her wand wie ein ruhelos lebendig Ding. Das Gesicht des zweiten aber, das war das rote Gesicht mit dem weißen Schnauzbart des Colonel Ducroix. Die zwei zusammen waren in ernsthaftester Beratung.

»Also der auch noch dahin«, sagte der Professor und saß auf einen Stein nieder. »Alles ist dahin. Ich bin ebenfalls dahin! Ich trau meiner eigenen Körpermaschinerie nicht mehr. Mir ist gerade, als ob meine eigene Hand auffliegen und mich selber verwalken würde.«

»Wenn mir die meinige ausrutscht«, sagte Syme, »dann solls ganz wer anders spüren!« Und fort gings mit ihm. Auf der Mole hin. Dem Colonel zu. Das Schwert in der einen – die Laterne in der andern.

Als ob der Colonel nur die allerletzte Hoffnung oder den mindesten Zweifel ausgemerzt wissen wollte, zückte er seinen Revolver gegen den Anstürmenden und feuerte auf ihn. Der Schuß ging fehl. Das heißt, er traf Symes Säbel und zersplitterte den knapp unterm Gefäß. Syme aber stürmte weiter drauf los, die schmiedeeiserne Laterne über dem Kopf schwingend.

»Judas noch vorm Herodes!« schrie er – und schlug den Colonel übern Steindamm hinab. Dann drehte er sich wirbelnd nach dem Sekretär um, der fast Schaum vorm wütigen Munde hatte und hielt dem die Laterne derart hart und überrumpelnd unter die Nase, daß der arme Mann wie zu Eis gefror und nur noch Ohr sein mochte – »Siehst du die Laterne – hm?« sang er in fürchterlichen Tönen. »Siehst du das Kreuz drin eingeschmiedet, siehst du die Flamme darinnen – hä? Das hast du nicht geschmiedet – und das hast du nicht entflammt. Bessere Menschen wie du, Menschen, die zu glauben und zu gehorchen imstande waren – die flochten diese eisernen Adern und hüteten die Legende des Lichts. Es ist keine Straße, die du wandelst und es ist keine Faser, die du an dir trägst, die nicht erzeugt und geschaffen worden wäre, so wie diese Laterne, die all deine Philosophie des Abschaums und Überläufertums Lügen straft. Du kannst nichts erzeugen und schaffen. Du kannst einzig zerstören. Du willst die Menschheit zerstören; du willst die Welt zerstören. Laß dir das genügen. Aber diese eine alte Christenlaterne – die sollst du nicht zerstören! Die soll an einen Ort, daß der Witz eures ganzen Affenreiches nicht ausreichen soll, sie zu finden –«

Und er versetzte dem Sekretär erst eins mit der Laterne, daß der Kerl taumelte. Dann wirbelte er sie sich noch zweimal um den Kopf und schleuderte sie weit, weit, weit auf das Meer hinaus. Sie erschimmerte und sang wie eine Rakete – und fiel.

»Zu den Schwertern!« jauchzte Syme dann flammenden Gesichts den dreien hinter ihm zu. »Auf! Wir stürmen die Hunde! Die Stunde unseres Absterbens ist gekommen!«

Seine drei Gefährten liefen – Schwerter gezückt – herbei. Symes Schwert freilich war zerspellt. Dafür pflückte er sich einen Knittel mitten aus der Faust eines Fischermanns heraus, den er ganz einfach wasserwärts sandte. Und im nächsten Augenblick würden sie sich alle vier auf den Mob geschmissen haben und elendiglich umgekommen sein, da . . . da nahm der Sekretär, der seit dem Speech Symes sich um nichts anderes mehr als nur um seinen Brummschädel gekümmert hatte, . . . da nahm der Sekretär mit einemmal seine Maske ab.

Und das bleiche Gesicht, das da im Laternenlicht aufleuchtete, war weit, weit eher ein sehr bestürztes als ein grimmiges zu nennen. Und er hob ängstlich beschwörend seine Hand auf.

»Da muß ein Irrtum obwalten«, sagte er. »Mr. Syme, ich glaube kaum, daß Sie sich über Ihre Situation klar waren – und sind. Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!«

»Des – Gesetzes –« stammelte Syme und ließ seinen Knüttel fallen.

»Gewiß!« sprach der Sekretär. »Ich bin ein Detektiv der Londoner Kriminalpolizei«, und er praktizierte eine kleine blaue Karte aus seiner Tasche.

»Und was meinen Sie – hm? – daß wir sind?« fragte der Professor und warf seine Arme in die Luft.

»Sie?« versetzte der Sekretär hartnäckig, »Sie sind – und das weiß ich ganz genau – Mitglieder des Obersten Anarchistischen Rats. Verkappt, als war ich einer der Ihrigen, hab ich . . .«

Dr. Bull schmiß seinen Säbel ins Meer.

»Ein Oberster Anarchistischer Rat hat überhaupt nicht existiert!« schrie er. »Wir waren allzusammen recht blödsinnige Polizeileute, die einer den andern – o Quatsch! – für ganz was anders ansahen. Und all die lieben Leute, die uns mit Schüssen traktiert haben, die dachten, wir wären Dynamithelden. Aber ich wußt es doch, ich würde mich im Mob nicht irren«, sprach er, und kokettierte mit der enormen Menge, die da zu beiden Seiten sich weithin ausdehnte. »Das Volk ist niemals verrückt. Ich selber bin aus dem Volk und weiß es also. Und nun geh ich ans Land und gebe für jeden hier etwas zum Saufen zum besten.«

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