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Der Mann, der Donnerstag war

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorG. K. Chesterton
titleDer Mann, der Donnerstag war
publisherIbis-Verlag
addressLinz - Pittsburgh - Wien
firstpub1924
translatorHeinrich Lautensack
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid3df20ee5
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Das neunte Kapitel

Der andere Bebrillte

»Burgunder ist eine famose Sache«, sprach der Professor traurig und setzte sein Glas wieder hin. »Sie sehen aber nicht danach aus«, sprach Syme. »Und trinken den Wein, gerad als ob er Medizin wäre.«

»Sie müssen, bitte, meine ganze Art und Weise entschuldigen«, sprach der Professor ganz unglücklich, »ich befinde mich in einer ganz kuriosen Lage. Im Innersten platze ich vor kindischster Ausgelassenheit. Aber ich agierte den paralytischen Professor so sehr ausgezeichnet, daß ich es nun nicht mehr lassen kann. Also daß ich – wenn ich beispielsweise unter Freunden bin, wo ich es doch absolut nicht mehr nötig hätte, mich zu vermummen – daß ich selbst dann noch wie todmatt daherrede und meine Stirn runzle, als obs meine Stirn wäre. Ich kann ganz und gar glücklich und lustig sein, verstehen Sie – aber eben immer wieder nur als jener Paralytiker. Mir stoßen die heitersten Sachen in meinem Herzen auf, und doch – wie so sehr anders kommen sie dann aus meinem Mund. Sie sollen mich nur einmal sagen hören: ›Kopf hoch, verrücktes Huhn!‹ und ich wette, ich treibe Ihnen Tränen in die Augen.«

»Wohl, wohl«, sprach Syme. »Aber ich kann mir nicht helfen und denke immer wieder, Sie wären – abgesehen von alldem – ein wirklicher alter Griesgram.«

Der Professor sah erst ein wenig vor sich hin – dann sah er ihn durchdringend an.

»Sie sind ein sehr geriebener Bursche«, sagte er. »Es wird eine Lust sein, mit Ihnen zu arbeiten. Ja ja – ja ja ja ja – meine Seele ist griesgrämig umwölkt. Da ist nämlich ein mächtiges Problem zu lösen –« und er vergrub seinen Kahlschädel in seine beiden Hände.

Und fragte leise –

»Spielen Sie Klavier?«

»Ja«, sagte Syme verwundert, »und ich glaube sogar, man sagt: daß man glaubt, daß ich einen leichten Anschlag hätte.«

Und als der andere nichts dazu sagte, fügte er noch hinzu:

»Nun wird wohl die griesgrämige Wolke behoben sein.«

Doch erst nach einem langen Schweigen kam die Stimme des Professors aus dem hohlen und schattigen Tal seiner Hände.

»Ganz und gar. Gerad so sehr, als ob Sie ein vollkommener Schreibmaschinenschreiber wären.«

»Danke«, sagte Syme. »Sie schmeicheln mir.«

»Hören Sie mich an«, sagte der andere, »und denken Sie daran, wen wir morgen früh besuchen wollen. Sie und ich wollen morgen früh ein Ding drehen – das schwieriger, das gefährlicher sein wird, als wenn wir die Kronjuwelen aus dem Tower stehlen wollten. Wir wollen ein Geheimnis entwenden – einem sehr scharfsinnigen, sehr verschwiegenen, sehr sehr abgefeimten, durchtriebenen, gottlosen, verruchten Mann. Ich glaube, es gibt – außer dem Präsidenten selbstverständlich – keinen Menschen, der so schrecklich unangenehm, der so furchtbar und fürchterlich wäre, wie dieser kleine grinsende Bursche hinter seinen Brillengläsern. Mag sein, er hat nicht den weißglühenden Enthusiasmus bis in den Tod hinein, die hirnverbrannte Märtyrersucht für alles was Anarchismus heißt – wie der Sekretär. Jener Fanatismus des Sekretärs hat immer noch ein menschliches Pathos, das beinah ein schöner Zug von ihm zu nennen ist und manches fast wieder gut macht. Aber dieser kleine Doktor – der ist von einer brutalen Gesundheit; und das ist viel viel scheußlicher, als all jener Leidenszustand des Sekretärs. Haben Sie seine über die Maßen abscheuliche Virili- sowohl als Vitalität bemerkt? Der ist einfach wien – wien – wien Gummiball! Verlassen Sie sich drauf, daß Sonntag keine Schlafmütze ist, ich wundere mich sogar oft – ob er überhaupt jemals schläft! – und der schloß all die Pläne zu dem neuen Verbrechen vertrauensvoll in den einzigen runden schwarzen Schädel dieses Dr. Bull ein.«

»Und nun bilden Sie sich ein«, sagte Syme, »daß dieses ausgemachte Monstrum sich besänftigen wird, sowie ich Klavier spiele?«

»Bilden Sie sich doch keine Schwachheiten ein«, sprach sein Mentor, »ich erwähnte das Klavier, indem es gewandte freie Finger macht. Syme, hören Sie, Syme – wenn wir aus diesem Interview gesund und lebendig wieder herauskommen wollen, muß zwischen uns irgendein Signalkodex abgemacht werden, von dem dieses Vieh nicht die leiseste Ahnung haben darf. Ich hab mir da, im Groben, eine alphabetische, den Fingern der Hand entsprechende Chiffresache ausgearbeitet – so, sehen Sie, so – (und er kabelte mit den Fingern auf dem hölzernen Tisch) Schade . . . ein Wort, das wir sehr oft brauchen werden.«

Syme schenkte sich ein frisches volles Glas ein und fing an, das Schema zu studieren. Er war abnormal behende, in seinem Hirnkasten das Vexierteste herauszutüfteln und mit Hilfe seiner Hände das Unglaublichste zu zitieren – also brauchte er gar nicht lange zu lernen, wie man etwa simple Telegramme so vermittelt, daß es nur wie müßiges Fingerspiel auf einem Tisch oder auf einem Knie aussieht. Aber Wein und gute Kameradschaft hatten von jeher bei ihm die Wirkung, daß sie ihn zu blöden Geistreichigkeiten inspirierten, und der Professor sollte es nur zu bald erleben, daß der andere einen tollen Sport aus dem neuen Verständigungsmittel machte.

»Wir müssen mehrere Wortzeichen haben«, sagte Syme mit heißem Bemühen, »Worte, die wir wahrscheinlich brauchen, ein wenig abseitige Worte, feine, feinnüancierte, fein abgetönte. Ein Favorit von mir ist ›Ziegenspeck‹. Was für einen Favoriten haben Sie?«

»Machen Sie keine Zicken«, jammerte der Professor. »Oder Sie wissen nicht, wie ernst die Sache ist.«

»Saftig, saftig!« bemerkte Syme unbeirrt und voller Scharfsinn. »Saftig, saftig! Das müssen wir haben. Das ist ein Wort, das sich sehr auf Gras bezieht – oder nicht?«

»Ja, bilden Sie sich denn ein«, fragte der Professor wütend, »daß wir Dr. Bull nach Gras fragen werden?«

»Da wirds verschiedene Augenblicke geben, wo das in Frage kommt«, sagte Syme in tiefstem Nachdenken, »und wo das Wort dann absolut nicht auffallen wird. Es könnte sein, daß wir sagen müßten, ›Sie, Dr. Bull, als Revolutionist werden sich erinnern können, daß ein Tyrann uns einst drohte, daß wir sämtlich ins Gras beißen würden, und in der Tat! mancher von uns, wenn er so auf das frische, auf das saftige Sommergras – –‹«

»Verstehen Sie denn nicht«, sprach der andere, »daß das eine Tragödie ist?«

»Durchaus«, sprach Syme. »Aber ohne Komik keine Tragödie. Was kann Ihnen der Höllenmensch weiter anhaben? Ich wünschte nur, daß Ihre neue Sprache einen größeren Spielraum hätte. Ich dachte schon, ob wir sie nicht von den Fingern – bis zu den Zehen erweitern könnten? Das würde dann zur unmittelbaren Folge haben, daß wir während der Konversation unsere Stiefel und Socken auspellen müßten, was immerhin einen hohen Grad von Unzudringlichkeit und Bescheidenheit . . .«

»Syme«, versetzte sein Freund grausam, »gehen Sie schlafen!«

Syme aber saß im Bett noch eine beträchtliche Weile auf – den neuen Kodex ochsend . . . Den nächsten Morgen erwachte er, da den Osten noch die Dunkelheit versiegelte – und sein graubärtiger Alliierter stand wie ein Geist an seinem Bett . . .

Syme saß auf. Und blinzelte. Dann sammelte er bedächtig seine Gedanken; schlug das Bettzeug auseinander und sprang heraus. Und irgendwie wurde ihm so kurios zumute, als hätte er mit dem Bettzeug all die Sicherheit und Geselligkeit der Nacht von sich geworfen – und als stände er nun da in frierender eisiger Gefahr. Wohl, wohl, er fühlte noch ungeteiltes Vertrauen und Loyalität zu seinem Gefährten; aber es war das Vertrauen, das zwischen zwei Menschen ist, die zusammen aufs Schafott müssen.

»Professor«, sprach Syme mit einer gekünstelten Munterkeit, während er in seine Hosen stieg, »mir träumte von Ihrem Alphabet. Haben Sie lang dazu gebraucht, bis Sie's zusammenkriegten?«

Der Professor gab keine Antwort. Sondern starrte nur mit Augen von der Farbe einer winterlichen See. Also wiederholte Syme seine Frage.

»Ich fragte, ob Sie lang dazu gebraucht haben, bis Sie all das herauskriegten? Ich weiß gut, was das heißt – das nimmt gut Stunden in Anspruch. Haben Sie's auf der Stelle intus gehabt?«

Der Professor schwieg. Seine Augen waren weit geöffnet. Und er lachte ein starres, aber fast unmerkliches Lächeln.

»Wie lang haben Sie dazu gebraucht?«

Der Professor rührte sich nicht.

»Hol Sie der Teufel – können Sie denn nicht antworten?« schrie Syme da in plötzlicher heller Wut, darein sich aber nicht wenig Angst mischte. Ob der Professor antworten konnte oder nicht – er antwortete nun einmal nicht.

Syme stand da und starrte nun seinerseits das starre Gesicht an, das wie Pergament war, und diese blanken blauen Augen. Sein erster Gedanke war: der Professor wär verrückt geworden. Aber sein zweiter Gedanke war dann um so grauenvoller. Was wußte er eigentlich von diesem fragwürdigen Geschöpf, das er – unbesonnen genug – als Freund akzeptiert hatte? Was wußte er mehr von ihm, als daß er dem Anarchisten-Frühstück beigewohnt und ihm dann eine ganz und gar lächerliche Geschichte angehängt hatte? Wie unwahrscheinlich, daß neben Gogol noch ein zweiter Gesinnungsgenosse da war! War dieses Mannes Schweigen nicht eine sensationelle Art und Weise, den Krieg zu erklären? War dieser steinharte Blick nicht der Höllenblick eines dreifachen Verräters, der nun endlich sein wahres Gesicht zeigt? Syme stand da und horchte und horchte in dieses erbarmungslose Schweigen. Ihm war, als hörte er die Dynamithelden, die ihn gefangen nehmen sollten, schon – auf den Zehenspitzen – den Korridor draußen nah und näher kommen.

Dann blickte er am Professor herab . . . und brach in lautes Lachen aus. Obgleich der so stumm wie eine Statue stand, tanzten doch seine fünf stummen Finger eben auf dem toten Tisch. Syme beobachtete die zuzwinkernden Gesten der sprechenden Hand und las mühelos und klar die Botschaft:

»Ich antworte nur auf diesem Wege. Wir müssen alle Uebung drin bekommen.«

Und Syme platzte – in Fiebern des Erlöstseins – mit dieser Entgegnung heraus:

»Sehr einverstanden. Gehen wir frühstücken.«

Und sie nahmen schweigend ihre Hüte und Stöcke. Aber wie Syme seinen Schwertstock ergriff, ergriff er ihn fest . . .

Die nächsten paar Minuten taten sie nichts, als in einer Kaffeebude sich mit Kaffee anfüllen und rohen schweren Sandwiches – alsdann nahmen sie ihren Weg über den Fluß, der in dem grauen und zunehmenden Licht gar sehr acherontisch aussah. Kamen an den Fluß des ungeheuren Häuserblocks, den sie schon von überm Fluß drüben gesehen hatten und fingen dann an, schweigend die nackten und zahllosen Steinstufen hinaufzusteigen, und hielten nur hie und da inne, um ein paar kurze Bemerkungen auf dem Treppenabsatz zu machen. Mit jeder neuen Treppe kamen sie an einem Fenster vorüber; und jedes neue Fenster zeigte ihnen ein blasses unheilvolles Morgenwerden, das sich mühselig über London heraufhob. Durch jedes sahen sich die unzählbaren Schieferdächer an als wie bleifarbene Wellen einer grauen und verstörten See nach dem Regen. Syme kam immer mehr zu Bewußtsein, daß sein bevorstehendes Abenteuer eins der kaltblütigsten Verstandesarbeit werden würde – viel viel schlimmer, als all die tollsten tollen vorher. Vergangene Nacht zum Beispiel – waren ihm da die schmalen hohen Gebäulichkeiten allzusammen nicht wie ein Turm im Traum vorgekommen? Wie er jetzund eine nach der andern von all diesen ermüdenden, unaufhörlichen Stufen nahm, war er entmutigt und verwirrt von ihrem schier unendlichen Lauf. Aber es war nicht das heiße schweißtreibende Erschrecken im Traum, war nicht so übertrieben und war nicht Wahn und Irrwerk. Diese Unendlichkeit war vielmehr wie die Unendlichkeit in der Arithmetik, etwas Undenkbares und dennoch ein notwendiger Begriff. Oder es war wie die überwältigenden Berechnungen in der Astronomie über die Entfernung der Fixsterne. Er stieg da ein Haus hinauf, das, sagen wir, aus lauter Vernunft gebaut war und das sich dennoch gräßlicher ertrug als alle Unvernunft selbst . . .

So mit der Zeit erreichten sie den Treppenabsatz von Dr. Bull . . . ein letztes Fenster wies ihnen einen grellen weißen Morgen – mit scharfkantigen Wolkenbänken von einem ganz plumpen Rot – schon mehr roter Lehm als rote Wolke . . . und wie sie eintraten, war Dr. Bulls kahle Dachstube voll Licht . . .

Syme wurde von einer halb historischen Erinnerung heimgesucht, vor diesem nackten Raum und solchem rauhen Tagesanbruch. In dem Augenblick, in dem er die Dachstube ersah und wie Dr. Bull da schreibend an einem Tische saß, fiels ihm jäh ein . . . die französische Revolution. Sollte sich nur noch eine Guillotine schwarzschwarz von all dem faustdicken Rot und Weiß des Morgens abgehoben haben. Dr. Bull saß da – in weißem Hemd nur und schwarzen Beinkleidern; sein kurzhaariger schwarzer Schädel mochte gerade eben aus seiner Perücke herausgeschlüpft sein; ein Marat – oder ein etwas latschigerer Robespierre.

Nur wenn du ihn dir dann genauer ansahst, dann freilich verschwand jene Impression von der französischen Revolution. Die Jakobiner, die waren Idealisten gewesen; um diesen Menschen aber war ein mörderischer Materialismus. Und er erschien dir wörtlich genommen sowohl als auch in übertragenem Sinn in einem ganz neuen Lichte, so wie er dasaß. Das beißend weiße Morgenlicht, das nur von einer Seite kommend ganz scharfe Schatten fraß, machte ihn blasser sowohl als auch winkeliger und kantiger, eckiger und spitziger, als er am vergangenen Morgen auf dem Balkon ausgesehen hatte. Die zwei schwarzen Gläser, die seine Augen umschlossen, nisteten gerad wie wirkliche schwarze Höhlen in seinem Schädel – so daß er wie ein Totenkopf aussah. Und in der Tat, wenn der Tod je selber schreibend an einem Holztisch saß, so war er es . . .

Der sah also auf und lächelte freundlich und heiter genug, wie die beiden Herren eintraten. Und sprang mit der abprallenden Gummiballrapidität auf, von der der Professor gesprochen hatte. Stellte Stühle für die beiden zurecht und beeilte sich, indem er zu einem Pflock hinter der Tür trat, einen Rock und eine Weste aus rauhem dunklem Halbtuch anzulegen. Knöpfte das alles hübsch zu und setzte sich dann wieder auf seinen Platz an seinem Tisch.

Die absolute gute Laune all seines Gehabens machte seine zwei Opponenten recht gar hilflos. Es bedeutete momentan etwelche Schwierigkeit für den Professor, das Schweigen zu brechen und mit dem Reden zu beginnen. »Es tut mir leid, daß ich Sie so früh schon, Kamerad«, sagte er – und war ganz und aufs peinlichste der umständliche de Worms. »Sie haben zweifelsohne alle Arrangements für die Sache in Paris getroffen?« Und fügte dann mit unendlicher Umständlichkeit hinzu: »Wir haben nämlich Informationen, die keine Sekunde Verzug dulden.«

Dr. Bull lächelte abermals, aber fuhr fort, sie, ohne ein Wort zu reden, anzustarren. Der Professor fing von vorne an und machte eine Pause vor jedem einzelnen langweiligen Wort seiner Rede –

»Denken Sie, bitte, nicht von mir, daß ich übermäßig voreilig wäre; aber ich beschwöre Sie, ändern Sie jene Pläne, oder wenn es zu spät dazu sein sollte, folgen Sie dem Ausführenden Ihres Plans mit all den Mitteln, die Sie für ihn aufbringen können. Kamerad Syme und ich haben etwas in Erfahrung gebracht, das zu erzählen mehr Zeit in Anspruch nehmen würde als uns gegeben ist, wenn wir danach handeln wollen. Ich will – nichtsdestoweniger – den Vorfall mit allen Details berichten – auf die Gefahr hin, alle mögliche Zeit zu verlieren – sobald als Sie in der Tat finden, daß es zum Verständnis des Problems, das wir zu diskutieren haben, unbedingt notwendig ist.«

Er spann seine Sätze aus, machte sie unerträglich lang und breitspurig, in der Hoffnung, den praktischen kleinen Doktor rasend – bis zum Platzen, d. h. eben so weit rasend zu machen, daß er seine Pläne aufdecke – und sich in die Karten schauen ließe. Aber der kleine Doktor, der starrte immer nur so wie zuvor und lächelte – und des Professors ganzer langer Monolog war rein für die Katz. Syme geriet von neuem in ein Kranksein vor Verzweiflung. Des Doktors Lächeln und Schweigen, das war gar nicht so wie das kataleptische Starren und fürchterliche Stummsein des Professors von vor einer halben Stunde. Des Professors Getu und all seine Grimassen, die hatten so etwas bloß Groteskes, von einem Popanz etwas. Und all die wilde Pein von gestern, die kam Syme heute vor gerad als wie aus Kindertagen ein Schreck vorm schwarzen Mann. Aber hier – hier war Tageslicht. Und hier war ein gesunder, breitschultriger Mann in Halbtuch – und der war nicht nur unheimlich, weil er zufällig ein paar ekelhafte Brillen trug, und der blickte auch nicht wild und grinste auch nicht – sondern der lächelte nur immerfort und sprach keine Silbe. Das Ganze hier war von einer unerträglichen Realität. Und unter dem zunehmenden Sonnenlicht nahm der Teint des Dr. Bull, nahm das Muster seines Anzugs an Farben zu, wurde alles das bunter und am Ende so übertrieben, wie sonst nur in einem realistischen Roman. Nur sein Lächeln blieb ganz so licht und seine Pose so höflich wie erst; das einzige eigentlich, das nicht geheuer an ihm war, das war sein Schweigen.

»Wie ich schon sagte«, fing der Professor zum drittenmal an – und es war gerad, wie wenn sich ein Mensch durch schweren Sand hindurcharbeitete – »ist der Fall, der uns zugestoßen ist und uns nun treibt, uns über den Marquis zu erkundigen . . . wie gesagt, ist das ein Fall, von dem Sie meinen werden, daß es besser gewesen wäre, wir hätten ihn Ihnen erzählt. Aber indem die Sache doch Kamerad Syme mehr denn mir in den Weg kam . . .« Er schien die Worte lang- und hinzuziehen wie in einem Psalmgesang. Aber Syme, der fein Obacht gab, sah dann, wie seine langen Finger die Kante des gebrechlichen Tisches wütend bearbeiteten. Und las die Botschaft: »Jetzt müssen Sie dran. Der Teufel hat mich ganz und gar ausgepumpt!«

Also sprang Syme mit jener Improvisationsbravour in die Bresche, die ihn allemal, so oft er alarmiert wurde, überkam.

»Ja ja, eigentlich passierte die Sache ja mir«, sprach er hastig. »Ich hatte das Schwein, mit einem Detektiv in Unterhaltung zu geraten, einem Detektiv, der mich dank meinem Hut für eine respektable Persönlichkeit hielt. Um diese Reputation von Respektierlichkeit noch zu vernieten, nahm ich ihn mit und machte ihn im Savoy regelrecht besoffen. Dabei wurde er freundlich und gestand mir in so manchen Worten: in einem Tag oder zwei hoffe man, den Marquis in Frankreich zu verhaften. Wofern also nicht Sie oder ich seine Spur wissen . . .«

Der Doktor aber, der lächelte immer noch auf die freundlichste Art und Weise, und seine geschützten Augen, an die war nicht anzukommen. Der Professor signalisierte Syme, daß er nun seine Auseinandersetzung wieder aufnehmen würde und begann auch sogleich mit sorgfältig ausgearbeiteter Kaltblütigkeit.

»Syme überbrachte mir natürlich sofort diese Neuigkeit, und dann kamen wir beide zusammen hierher, um zu sehen, was Sie nun für nötig fänden und zu machen geneigt sein würden. Ich halte es ohne alle Frage für äußerst dringlich, daß . . .«

All diese Zeit starrte Syme den Doktor an – so wie der Doktor den Professor anstarrte. Abgesehen von jenem Lächeln natürlich. Die Nervenstränge der zwei Bundesgenossen waren nah daran, unter dieser statuenhaften Liebenswürdigkeit zu reißen, als Syme sich plötzlich nach vorne lehnte und wie müßig an der Tischecke herumfingerte. Und seine Botschaft an seinen Alliierten lautete: »Ich hab eine Idee.«

Der Professor signalisierte, ohne eine Pause in seiner Rede zu machen, zurück: »Dann immer los!«

Syme telegraphierte: »Etwas ganz Außergewöhnliches!«

Der andere antwortete: »Außergewöhnlich Blödes!«

Syme kündete: »Ich bin ein Dichter!«

Der andere grollte zurück: »Sie sind ein toter Mann –«

Syme war bis an seine gelben Haarwurzeln rot geworden, und seine Augen brannten wie in Fiebern. Wie er sagte, daß er eine Idee hätte . . . und sogleich war die natürlich zu einer närrischen Gewißheit geworden . . . Und er nahm sein symbolisches Getrommel wieder auf und drahtete seinem Freund: »Sie können sich kaum vorstellen, wie poetisch meine Intuition ist. Sie ist von jener Art, wie wir sie um Frühlingserwachen verspüren.«

Und sog dann die Antwort aus den Fingern seines Freundes. Die lautete: »In die Hölle mit Ihnen!«

Währenddem setzte der Professor seinen rein verbalen Monolog an den Doktor fort.

»Oder noch besser gesagt«, deutete Syme mit Fingern, »sie ist wie jäher Ruch des Meers im tiefsten Herzen saftiger Wälder.«

Sein Kollege verzichtete auf jede Antwort.

»Oder noch besser«, fingerte Syme, »sie ist so ausgemacht als wie das leidenschaftlich rote Haar eines wunderbaren Weibes.«

Der Professor redete und redete weiter – mit einemmal griff Syme ein. Beugte sich über den Tisch und sprach in einem Ton, der nicht zu überhören war:

»Dr. Bull!«

Des Doktors schlauer lächelnder Kopf zuckte mit keiner Wimper. Aber du hättest drauf schwören mögen, daß die Augen hinter den dunklen Brillen plötzlich umsprangen – auf Syme zu.

»Dr. Bull!« sprach Syme seltsamlich präzis und doch artig – »würden Sie mir einen kleinen Gefallen tun? Würden Sie so liebenswürdig sein und . . . Ihre Brillengläser abnehmen?«

Den Professor riß es auf seinem Sitz herum. Und er starrte Syme halb ohnmächtig vor Wut und Entsetzen an. Der aber – ganz wie einer, der all sein Leben und Vermögen auf dem Tisch stehen hatte – saß mit verzerrtem Gesicht vornübergebeugt. Der Doktor rührte sich nicht.

Sekundenlang war eine Stille, daß du eine Nadel hättest fallen hören. Dann heulte von weitem ein Dampfer auf der Themse auf. Und dann stand Dr. Bull gemächlich auf – lächelte immer noch – und tat seine Brille ab.

Syme sprang gleichfalls auf, wich ein paar Schritt zurück, wie ein Chemieprofessor vor einer gelungenen Explosion; seine Augen, die waren wie Sterne, und Augenblicke lang konnte er nur noch deuten und gar nicht mehr reden.

Auch den Professor hatte es in die Höhe getrieben, daß er dabei alle Paralyse vergaß. Hielt sich am Stuhlrücken, und sah zweifelnd auf Dr. Bull, wie wenn der Doktor vor seinen sehenden Augen gerad eben in eine Padde verwandelt worden wäre. Und in der Tat – es war etwas so Großartiges wie ein Transformationsakt geschehen.

Die zwei Detektivs sahen vor sich da in einem Stuhl einen ganz knabenhaft jungen Mann sitzen. Mit ganz franken, fröhlichen, nußbraunen Augen, einem offenen Gesicht, londonerisch – wie ein Kommis angezogen, unstreitig gutmütig, geradezu alltäglich. Das Lächeln, das war immer noch da, und aber war, wie wenn dein Baby zum aller-allererstenmal lächelt.

»Wußte ichs nicht, daß ich ein Dichter bin?« schrie Syme ekstatisch auf. »Ich wußte es doch, daß meine Intuition unfehlbarer war wie der Papst! Die Brillen waren es! Nur die Brillen! Die Brillen, die waren alles! Die machten ihm so biesterisch schwarze Augen – und all das Übrige an ihm, seine Gesundheit und seine Hübschheit, das entstellte ihn dann vollends zu einem lebendigen Teufel unter Toten –!«

»Gewiß kam daher das Wunderliche und Absonderliche«, sprach der Professor zitternd. »Aber was das Projekt Dr. Bulls angeht, so . . .«

»Zum Teufel mit dem Projekt!« brüllte Syme und geriet nun ganz und gar aus dem Häuschen. »Sehen Sie ihn doch an! Sehen Sie sich nur die Visage an, und den Kragen, und die feinen Stiebeln! Würden Sie vermuten – he! – daß der Kerl ein Anarchist ist?«

»Syme!« schrie der andere und war dem Tode näher als dem Leben.

»Was soll denn? um Gottes willen!« schrie Syme. »Ich nehme alles auf meine Kappe! Dr. Bull, ich bin Polizeibeamter. Hier ist meine Karte«, und warf seine blaue Karte auf den Tisch.

Der Professor fürchtete schon, alles, alles war verloren. Aber er blieb treu. Nahm gleichfalls nun seine Karte heraus und legte sie neben die seines Freundes. Da brach der Dritte in lautes Lachen aus – und so hörten die zwei zum erstenmal heut morgen seine Stimme.

»Ich freue mich scheußlich, daß ihr Affenmäuler so früh gekommen seid«, rief er mit Schulbubenredseligkeit aus, »da können wir allzusammen sofort per Schiff nach Frankreich . . . Ich bin soviel wie ihr«, und da flitzte eine dritte blaue Karte hervor.

Hütchen auf! und Zauberbrillen wieder vor! – und der Doktor schoß so behende aus der Tür, daß ihm die andern instinktiv nachrannten.

Syme war denn doch einigermaßen baff. Und in der Tür schlug er mit seinem Stock gegen die Wand, daß es nur so sang.

»Allmächtiger Gott!« schrie er. »Wenn all das mit rechten Dingen zugeht, dann waren wir ja mehr verfluchte Detektivs als verfluchte Dynamithelden in dem verfluchten Rat!«

»Wir hätten leichtes Spiel gehabt«, sprach Bull. »Wir waren vier gegen dreie!«

Der Professor fuhr bereits die Treppe hinab. Aber seine Stimme schwang sich die Stufen wieder herauf.

»Nein«, sang die Stimme. »Wir wären nicht vier gegen dreie gewesen – ein solches Schwein hätten wir denn doch nicht gehabt! Wir wären vier gegen Einen gewesen!«

Und dann gings schweigend die Stiegen hinab.

Der junge Mann namens Bull bestand mit einer angeborenen Wohlerzogenheit, die charakteristisch für ihn war, darauf, als letzter zu gehen, bis man auf die Straße kam. Dann aber machte seine robuste Rapidität sich unbewußt geltend, und er lief den anderen eilends voran, – auf ein Eisenbahnauskunftsbureau zu, – und sprach mit den hinter ihm Herstrebenden über die Schulter weg.

»Das ist schön, so ein paar Kameraden zu kriegen«, sprach er. »Ich war schon halb tot, wie ich so ganz allein war. Beinah hätt ich Gogol angepackt und ihn umarmt, aber das wär natürlich sehr unvorsichtig gewesen. Ich hoffe, ihr werdet mich nicht verachten darum, daß ich direkt blau vor Angst war!«

»Alle blauen Teufel in die blaue Hölle!« sprach Syme, »die zu meiner blauen Angst beisteuerten! Aber der fürchterlichste Teufel waren Sie, Bull, mit Ihren infernalischen Brillengläsern!«

Der junge Mann lachte und war entzückt.

»War das nicht ne Lumperei?« sprach er. »Blödsinnig einfache Idee – und nicht einmal meine eigene. Ich hatte nicht soviel Grütze. Sehen Sie, ich wollte dem Detektivdienst beitreten, und speziell der Anti-Dynamithelden-Kompagnie. Aber zu diesem Zweck wird verlangt, daß man sich als ein Dynamitheld geriert. Und alles schwor bei allen Teufeln, daß ich nie wie ein solcher aussehen würde. Alles sagte, mein Gang schon hätte so etwas Respektables. Und von hinten säh ich gar gleich wie die Britische Konstitution aus. Alles sagte, ich wär zu gesund und wär zu optimistisch, wär zu zuverlässig und wär zu wohlwollend. Alles nannte mich alles nur mögliche auf der Londoner Kriminalpolizei. Sagte: jaa, wenn ich ein Verbrecher geworden wäre! Dann hätte ich mein Glück machen können, indem ich doch so ehrlich und redlich ausschaue. Aber da ich nun schon einmal das Unglück hätte, ein ehrlicher und redlicher Mann zu sein, so hätte ich wohl nicht viel Chancen, je wie ein Verbrecher auszusehen. Aber zuletzt brachte man mich vor einen alten Götzen, der riesengroß war, ja, von dem man überhaupt das letzte Ende über die Schultern hinaus nicht vermutete. Und da ging die Rede der andern – hoffnungslos. Einer meinte, ob ein buschiger Bart vielleicht mein niedliches Lächeln zu verbergen imstande wäre. Ein anderer wieder, man müßte höchstens mein Gesicht schwärzen, dann säh ich wenigstens nach einem Neger-Anarchisten aus. Aber der alte Kerl, der fuhr – tschupp! – auf eine wunderbare Weise mit einer wunderbaren Bemerkung dazwischen. »Zwei angeräucherte Brillen tuns!« – und fertig. »Seht ihn euch jetzund an. Sieht er nicht aus wie 'n Laufbursche? Setzt ihm erst zwei angeschwärzte Brillen auf – und alle Kinder werden aufkreischen, sowie sie ihn nur sehn.« Und so wars, bei Sankt Georg! Sowie meine Augen bedeckt waren, entstellte mich alles andere – mein Lächeln, meine strotzenden Schultern, mein kurzes Haar – zu einem perfekten kleinen Teufel. Wie ich schon sagte, war das blödsinnig einfach – nachdem es getan war. Wie 'n Mirakel. Aber das wahrhaft Mirakulöseste war das nicht. Das war vielmehr ein anderes, höchst bedenkliches Ding, das mir immer und immer und immer wieder im Kopf herumgeht.«

»Was war das?« fragte Syme.

»Ich will es Ihnen sagen«, antwortete der Bebrillte. »Jener Riesenriese von einem Kerl auf der Polizei, der mich sofort richtig einschätzte und vom Fleck weg wußte, daß mir nur Brillen – vom Kopf bis zu den Socken – passen würden, der hat mich – bei Gott! – überhaupt mit keinem Auge sehen können!«

Syme sah ihn blitzschnell an.

»Wieso?« fragte er. »Ich dachte doch, Sie sprachen mit ihm?«

»Tat ich auch«, sagte Bull strahlend, »aber wir sprachen uns in einem zappendustern Raum, so wie 'n Keller und so kühl wie 'n Keller. Was? Das hätten Sie in Ihrem ganzen Leben nicht vermutet?«

»Das hätt ich mir niemals vorstellen können!« sprach Syme schwer.

»Wirklich etwas absolut Neues!« sprach der Professor.

Der neue Alliierte war in praktischen Dingen ein rechter Wirbelwind. Auf dem Auskunftsbureau verlangte er mit geschäftsmäßiger Kürze die Züge nach Dover. Und kaum hatte er Auskunft erhalten, packte er die ganze Gesellschaft in einen Fiaker und bugsierte sie und sich selber in einen Eisenbahnwaggon, noch ehe sie diesen atemlosen Prozeß eigentlich ganz begriffen hatten. Und eh die Unterhaltung wieder einigermaßen in Fluß kam, war man auch schon auf dem Boot nach Calais.

»Ich hatte es schon so arrangiert«, explizierte er, »daß ich zum Lunch in Frankreich wäre. Aber ich bin entzückt, daß ich nun noch welche weiß, die mich nicht alleine lunchen lassen werden. Sie sehen, mir lags ob, dieses Biest von einem Marquis mitsamt seiner Bombe hier herüberzuschicken: weil nämlich der Präsident ein Auge auf mich hatte – obgleich Gott wissen mag, warum. Ich will Ihnen die Geschichte eines schönen Tags schon erzählen. Eine wahnsinnige Geschichte. So oft ich dem Präsidenten ausrücken wollte, sah ich ihn irgendwo, lächelte er entweder aus dem Erkerfenster eines Klubs auf mich herab oder zog seinen Hut vor mir von hoch oben auf einem Omnibus. Ich sage Ihnen, Sie können sagen was Sie wollen, aber der Bursche hat sich dem Teufel verkauft. Der kann auf sieben Plätzen auf einmal sein.«

»Also ich verstehe, Sie schickten den Marquis bereits auf die Reise?« fragte der Professor. »Aber wann? Schon sehr lange? Haben wir noch Zeit? Kriegen wir ihn noch?«

»Jawohl«, antwortete der neue Führer. »Ich hab schon alles so eingerichtet. Er wird noch in Calais sein, wenn wir ankommen.«

»Ja, aber wenn wir ihn nun in Calais kriegen?« sprach der Professor, »was werden wir dann tun?«

Bei dieser Frage geriet der Dr. Bull zum erstenmal aus seiner Contenance. Er dachte ein kleines nach und sagte dann:

»Rein theoretisch – möchte ich vorschlagen – müßten wir die Polizei rufen.«

»Aber ich nicht«, sprach Syme. »In Praktizierung solcher Theorie wär der erste, der aufgeschmissen wäre – ich. Ich versprach einem armen Burschen, einem wirklichen modernen Pessimisten, auf mein Ehrenwort, daß ich nichts der Polizei sage. Ich bin zwar kein Kasuistiker, aber einem modernen Pessimisten breche ich mein Wort auf keinen Fall. Das wär, als ob ich einem kleinen Kinde mein Wort bräche.«

»Ich sitze in derselben Tinte«, sprach der Professor. »Ich versuchte es schon der Polizei anzuzeigen, aber ich konnte es nicht . . . mich bedrückt nämlich ein zu blödsinniger Eid. Sie sollen wissen, daß ich, als ich noch Schauspieler war, durch die Bank ein Luder war. Ein Meineid, ein Hochverrat – das ist das einzige Verbrechen, das ich noch nicht begangen habe. Wenn, – dann soll ich den Unterschied zwischen Recht und Unrecht nicht mehr kennen!«

»Ich bin mit all solchem fertig«, sprach Dr. Bull. »Und ich habe mich entschlossen. Ich gab mein Versprechen dem Sekretär – Sie kennen ihn. Dem Mann, der die eine Wange hinauf- und die andere hinablacht. Liebe Freunde, dieser Mann ist der unglücklichste Mensch, den die Erde je getragen. Mags von wegen seiner schlechten Verdauung sein oder von wegen seinem Gewissen, sei's, daß es seine Nerven sind oder seine Philosophie des Universums – er ist auf jeden Fall verdammt und hat die Hölle schon auf Erden! Und also – also kann ich mich nicht gegen einen solchen Mann wenden und ihn zu Tode hetzen. Das war gleichbedeutend mit – mit dem Aussatz geschlagen werden. Das mag verrückt von mir sein, aber so fühl ichs nun einmal. Punktum. Streusand drauf.«

»Ich würde mir das nicht erlauben und Sie deswegen für verrückt halten«, sprach Syme. »Ich wußte übrigens, daß Sie sich so entscheiden würden, wenn Sie erst . . .«

»Hm?« sprach Dr. Bull.

»Wenn Sie erst mal Ihr Brillenzeug abgelegt haben würden.«

Dr. Bull lächelte ein wenig und schlenderte dann quer über Deck – die See im Sonnenlicht zu betrachten. Dann kehrte er um und kam wieder zurück, nicht das mindeste auf seine Stiefelabsätze acht habend . . . und ein einträchtiglich gesellig Schweigen überfiel die drei Herren.

»Tjaja«, sprach Syme, »es scheint, wir sind alle drei von derselben Moral oder Unmoral. So haben wir – zu dritt – auch ein besseres Einsehen in die Tatsache, die daraus resultiert.«

»Jawohl«, stimmte der Professor bei, »Sie haben absolut recht. Und wir müssen schnell – schnell machen. Ich seh Frankreich schon die graue Nase in die Luft recken.«

»Die Tatsache, die daraus resultiert«, sprach Syme aufs ernsthafteste, »die ist, daß wir drei allein auf diesem Planeten sind. Gogol ist fort, Gott weiß wohin . . . vielleicht hat ihn der Präsident zerkrümelt – wie 'ne Fliege. Im Rat, da waren wir drei gegen drei, wie jene Römer, die die Brücke hielten. Aber wir sind am schlimmeren dran, weil die andern, erstens einmal, ihre Organisation zu Hilfe rufen können – was wir mit der unserigen nicht tun können – und zweitens einmal, weil . . .«

»Weil einer von jenen drei andern«, sprach der Professor, »kein – Mensch ist.«

Syme nickte und schwieg für eine Sekunde oder zwei. Dann sprach er:

»Meine Idee ist diese . . . Hören Sie . . . Wir müssen etwas tun, daß wir den Marquis bis morgen mittag in Calais festhalten. Ich hab schon an die zwanzig Möglichkeiten erwogen. Wir können ihn nicht als Dynamithelden anzeigen, das ist nu mal klar! Wir können ihn nicht einer trivialeren Sache wegen in Haft setzen, denn dazu müßtem wir ihn verklagen, und zum Verklagen müßten wir vor Gericht erscheinen; er kennt uns – und er würde Lunte riechen! Wir können ihn auch nicht in anarchistischen Angelegenheiten zurückhalten wollen; von derartigen Ausreden würde er ja manche fressen, nur nicht diese blödsinnige, daß wir in Calais bleiben müssen, während der Zar wohlbehalten durch Paris gondelt. Wir könnten versuchen, ihn zu stehlen und ihn wo gefangen verstecken; aber er ist zu gut bekannt hier. Er besitzt eine reine Leibwache von Freunden; aber er ist sehr stark und er ist sehr tapfer, und das Ende davon wäre nicht mit Sicherheit vorauszusagen. Das einzige, von dem ich einsehe, daß es zu machen ist – wäre dieses: aus hervorragenden Eigenschaften des Marquis Vorteile zu ziehen. Ich werde mir die Tatsache zunutze machen, daß er ein höchst angesehener Edelmann ist. Ich werde mir die Tatsache zunutze machen, daß er viele Freunde hat und in der besten Gesellschaft verkehrt . . .«

»Was zum Teufel quasseln Sie da?« fragte der Professor.

»Wir Symes – wir sind zum erstenmal im vierzehnten Jahrhundert genannt«, sprach Syme. »Aber das ist Tradition, daß einer von uns hinter Bruce ritt zu Bannockburn. Seit 1350 ist der Stammbaum ganz rein.«

»Der ist übergeschnappt«, sprach der kleine Doktor verwundert.

»Unsere Wappen«, fuhr Syme mit größter Gemütsruhe fort, »sind allemal Silber mit roten Sparren mit drei gekreuzten Kreuzchen im Feld. Das Motto variiert.«

Der Professor packte Syme grob am Kragen an. »Wir sind sofort an Land«, sagte er, »sind Sie seekrank oder machen Sie faule Witze am unrechten Platz?«

»Meine Bemerkungen sind schier peinlich praktisch«, antwortete Syme gemächlich. »Das Haus St. Eustache ist ebenfalls sehr, sehr alt. Der Herr Marquis können nicht leugnen, daß er ein Gentleman sind. Er können aber auch nicht leugnen, daß ich ein Gentleman bin. Und um ihn über meine gesellschaftliche Stellung nicht im geringsten Zweifel zu lassen, bin ich dafür, ihm bei der erstbesten Gelegenheit den Hut vom Kopfe zu wischen. Aber da sind wir im Hafen.«

Sie gingen an Land. Wie betäubt von der prallen Sonne. Syme, der jetzund die Führung übernahm, so wie sie Bull in London innegehabt, lotste sie durch etwas wie eine Strandpromenade, bis sie an einigen Kaffeehäusern anlangten, die ganz unter lauter Grün versteckt waren und auf das Meer hinaussahen. Er ging vor ihnen einher – renommierend und seinen Stock schwingend wie ein Schwert. Er steuerte augenscheinlich auf das entgegengesetzte Ende dieser Kaffeehäuserallee zu – als er mit einem Male mit einem Ruck stehen blieb . . . Die beiden andern mit einer einzigen Geste schweigen hieß – und mit einem behandschuhten Finger nach einem Kaffeetisch unter einer Wolke blühenden Laubes hindeutete . . . an dem der Marquis de St. Eustache saß . . . mit blitzenden Zähnen hervor aus seinem dichten schwarzen Bart, das kühne, braune Gesicht überschattet von einem hellgelben Strohhut und wirkungsvoll gegen die violette See aufgestellt . . .

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