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Detlev Freiherr von Liliencron: Der Maecen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke, Fünfter Band
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Löffler
addressBerlin und Leipzig
titleDer Maecen
pages1-226
created20030806
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Detlev von Liliencron

Der Maecen

Meinem Freunde

Maximilian Fuhrmann

zugeeignet.


Seit Anfang des Jahres bin ich zu meinem Vergnügen in Tanger. Ich wohne auf dem Marschán, einem Höhenzuge, der mit vielen Landhäusern bedeckt ist. Meine Aussicht ist nach allen Himmelsrichtungen unbeschreiblicher Schönheit voll: vor mir die weißmauerige Stadt, nach Westen der Atlantik, unabsehbar, nach Norden das Mittelmeer, Europa, nach Süden der Atlas, seine Schneemützen.

Meine Villa ist im arabischen Stil gehalten. Eine alte einländische Jüdin, die so gut spanisch wie englisch spricht, besorgt mit ihren Schwarzen die Haushaltung. Wenn nur der ewige Frühling nicht wäre, die ewig kühlende, wundervolle Seeluft, der ewig tiefblaue Himmel. Wir Menschen können das Paradies nicht ertragen.

Viel hab ich schon gesehn und täglich schau ich neues.

Nachmittags reit ich gewöhnlich auf die Playa. Hier treff ich Europa: alle, die sich zeitweise zum Vergnügen, zur Forschung aufhalten; die gezwungen sind durch ihren Beruf, durch ihre Geschäfte, in Tanger zu bleiben. Und es ist kein Abbrechen neuer Bekanntschaften. Näher gesellig geworden bin ich nur mit Mr. Fraser, dem Löwenjäger, mit dem ich zuerst im Hotel Continental zusammenwohnte.

Es ist im April. Ich sitze lässig im Schaukelstuhl und lese in Storms Gedichten:

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten,
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Mein todkranker Freund und nächster Gutsnachbar, Graf Wulff Gadendorp, Erbherr der Schleifengüter mit dem Sitz auf Schloß Gadendorp, hat mir Storm mitgegeben; außerdem hat er mir noch eine kleine Bücherei seiner Lieblingsdichter, ich möchte sagen »aufgehalst« in einem äußerst zweckentsprechenden Koffer, den er mir am Abend vor meiner Abreise sandte. Dieser Plunder! Ich wäre auch sicher nicht dazu gekommen, darin zu blättern, triebe mich nicht die Langeweile meines Paradieses zu dieser sonst für uns Deutschen so überflüssigen Anstrengung.

Als ich Abschied von Wulff nahm, hielt er so lange meine Hand, sah mir so tief zuletzt ins Auge, lächelte so gutmütig-boshaft. Und ich höre seine Stimme: »Timmo Boje Tetje, du nimmst die Bücher mit. Denk, wie die reichen Russen, Engländer, Amerikaner reisen; ich meine, denk daran, welch Gepäck die meistens mit sich schleppen. Dagegen ist Dein Troß nichts. Laß in der Beziehung Deine wunderlichen, engherzigen deutschen Ansichten laufen. Du nimmst sie also mit, Timmo Boje Tetje!« Und wenn er mich mit meinen sämtlichen Vornamen feierlich anredete, dann half kein Sträuben mehr. Und so schleppte ich denn die kleine, von meinem Freunde ausgewählte Bücherei mit mir und las deutsche Schriftsteller im schwarzen Erdteil. Aber ich tat es sehr selten. Ich bin darin ein Deutscher. Unter der ungeheuern Menge Schundes, die uns überregnet als »National-Literatur«, als Schönwissenschaft insbesondere, hab ich seit vielen Jahren verlernt, mich zurechtfinden zu können. Es ist ja immer der gleiche Quark. Da hab ichs längst aufgegeben. Es ist mir einfach zur Unmöglichkeit geworden, Gedichte zu lesen. Ich erachte es für ein Wunder, daß Wulff Gadendorp nicht müde wird, sich Bücher zu kaufen.

Nur dann, wenn er mir vorlas, was er besonders für wert hielt, muß ich gestehen: welche Schätze an Poesie birgt das gute Deutschland.

Ob ich meinen Freund wiedersehn werde? Seit einem halben Jahre bin ich unterwegs. Zuerst kamen seine Briefe zahlreich, dann wurden sie spärlicher; seit vier Wochen bin ich ohne Nachricht von ihm. Ich fürchte das Schlimmste.

Und wieder, als wenns ein eben angesprochener Wunsch Wulffens sei, lese ich Stormsche heimatziehende Strophen: in meinem Palmengärtchen, das, nach vielfach arabischer Sitte, vom Hause umschlossen ist. Ein Brunnen plätschert.

Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt – von – seinen – Honig . . .

»Gan Se man na Hus, Herr, wat wüllt Se bi all de Narrenslüd,« sagt plötzlich schauderhaft nah eine Stimme, die ich als die meiner Haushälterin auf Wulffhägen, Wiebke Hinrichsen, erkenne.

Ich war eingeschlafen. Die gute, treue Person hatte sich mir im Traume gezeigt. Unwillig schieb ich mit den Füßen das Löwenfell von mir, das vor meinem Schaukelstuhl liegt.

»Wat wüllt Se bi de Kakerleikers, Herr? Se schulln sick würkli wat schamn, son lütte nackigte swatte Dirn för sick to laten,« spricht wieder die Stimme. Nun aber reiß ich zornig die Augen auf. Vor mir, auf dem Löwenfell, in der Stellung des »sterbenden Fechters«, nur, daß der Kopf nicht gesenkt ist, sondern zu mir erhoben, kauert das fünfzehnjährige Negermädchen Dschemá. Sie ist landesüblich ein wenig spärlich gekleidet. Ein um die Hüften gebundenes Schürzchen ist alles, außer einem von mir geschenkten dunkelroten Halsbändchen. In die Ohren sind winzige Ringe gepreßt; in diesen aber hängen wahre Wagenräder. Dschemá, ein sehr lustiges Ding, gehört zum Haushalt meiner Wirtin. Sie spricht geläufig englisch. Seit Wochen hatte ich mir, aus irgend einer Laune, die größte Mühe gegeben, ihr, wie einem Papagei, Theodor Fontanes »Lied des James Monmouth« einzuprägen. »Das ist einer der wenigen Dichter, die ich von ganzem Herzen liebe,« hatte Wulff auf die erste Seite von Fontanes Gedichten geschrieben.

»Now, go on, Dschemá,« sag ich. Und sie beginnt mit breiter englischer Betonung:

Es zieht sich eine blutige Spur
Durch unser Haus von alters,
Meine Mutter war seine Buhle nur,
Die schöne Lucy Walters.

Am Abend wars, leicht wogte das Korn,
Sie küßten sich unter der Linde,
Eine Lerche klang und ein Jägerhorn,
Ich bin ein Kind der Sünde.

Meine Mutter hat mir oft erzählt
Von jenes Abends Sonne;
Ihre Lippen sprachen: ich habe gefehlt,
Ihre Augen lachten vor Wonne.

Ein Kind der Sünde, ein Stuartkind,
Es blitzt wie Beil von weiten,
Den Weg, den alle geschritten sind,
Ich werd ihn auch beschreiten . . .

Die kleine Negerin hält inne. Die großen Augen sehen mich fragend an . . .

»And now, and now, Dschemá,« sag ich mit gerunzelter Stirn.

»And now, and no—w, antwortet sie weinerlich. Ich helfe aus:

Das Leben geliebt, und die Krone geküßt,
Und den Frauen . . .

Da fällt sie rasch ein:

                                  das Herz gegeben,
Und den letzten Kuß auf das schwarze Gerüst –
Das ist ein Stuart-Leben.

»All right, Dschemá.« Sie lacht mich an. Ihre Hände sind in der Zottelmähne des Löwenfells vergraben. Nun erhebt sie sich und tanzt vor mir. Vor einer blühenden Agavenhecke heben sich ihre reizenden Bewegungen ab. Palmenkronen beschatten sie. Ich schaukele mich träg im Stuhle wie ein fauler Pascha. Alles ist um mich voller Sonne, heller Afrikasonne. Der Springbrunnen plätschert durch die Stille. Mein Paradies wird mir immer langweiliger. Auch die Paschas schlafen viel, und ich bin ein Pascha. Warum soll ich nicht die Augen schließen. Und im Traume wandre ich durch meine heimatlichen Redder und höre die langen, breiten, langsamen Sprachtöne Schleswig-Holsteins.

Plötzlich wach ich durch Lärm auf: Mein Diener, Jürgen Naeve, gleichaltrig mit mir, aus Söbenecksknüll, Gutsbezirk Wulffhägen, Kreis Eckernsund, wirft just die Kleine, die ihm vielleicht auf seinem eiligen Gange zu mir im Wege gewesen ist, unsanft beiseite. Dschemá hat nur noch so viel Zeit, daß sie wütend hinter ihm herspuckt und ihm seinen Rockrücken besprengt. Jürgen bemerkt es nicht, sondern eilt schleunig auf mich zu und meldet mir, daß der Dampfer der Slomann jun.-Linie »Messina« angekommen sei auf der Heimfahrt aus dem Mittelmeer; in zwei Tagen gehe er nach Hamburg in See.

»Nun, dann belege für uns Plätze.«

Jürgen ist außer sich vor Freude. Aber er bewahrt mir gegenüber seine Haltung. Wenn er seinen Rock morgen abbürsten wird, hat die Hitze längst den kleinen Wassersegen getrocknet. Höchstens denkt er, daß eine der häßlichen, großen schwarzen Schnecken ihm nachts übers Zeug gekrochen ist. Ich glaube, daß er sonst aus Ärger das Mädchen totschlüge, erführ er ihre Rache. Die Schwarzen sind ihm ein Greuel; er haßt sie. Menschen gibt es für ihn nur in Schleswig-Holstein, und im besondern im Kreise Eckernsund, noch weiter gesondert in Wulffhägen und Söbenecksknüll.

Keinen aufmerksamern und treuern Diener hätt ich haben können. Einer seiner Fehler ist, daß er gern prahlt. Und die Mordgeschichten, die er auf Wulffhägen den horchenden Knechten und Mädchen erzählen mag, wenn wir von Reisen zurückgekehrt sind, werden ungeheuerlicher Art nicht entbehren.

Ich mache meine Abschiedsbesuche. Sie fallen mir nicht schwer. Ein zehrendes Heimweh treibt mich. Ehe ich auf den Slomanndampfer gehe, gebe ich eine Depesche auf:

Frau Wiebke Hinrichsen, Wulffhägen,
Kreis Eckernsund,
Provinz Schleswig-Holstein, Deutschland.

Öfen nachsehen. Ich komme in den nächsten vierzehn Tagen.

Alle fünfzig Jahre etwa haben die Schleswig-Holsteiner einen wirklichen Mai wie anno 1889.

Bei dem letzten Schritt, wörtlich zu verstehen, den ich auf dem dunklen, geheimnisvollen Erdteil tat, ehe ich mich einschiffte, hörte ich lautes Rufen hinter mir. Als ich mich wandte, erblickte ich einen Kawassen des deutschen Konsulats, der in der hoch gehobnen Rechten ein Schreiben trug und schwenkte. Er lief, was er laufen konnte. Mir kams wie aus einer Erinnerung, als ich den bunt und phantastisch gekleideten Boten kommen sah, als wär er einer jener Schnellläufer, wie ich sie früher, zu meinem höchsten Erstaunen und wohl auch Grauen. als Kind hatte in meiner Heimat ihren Rennweg nehmen sehn. Er brachte mir eine Zuschrift mit dem Poststempel Eckernsunds. Die Hand der Aufschrift kannte ich nicht, oder wenigstens nicht im ersten Augenblick. Doch schon nach Sekunden wußte ich, daß sie die Hans Negendanks sei, des langjährigen Haushofmeisters meines Freundes Wulff. Ich erschrak. Es mußte die Todesanzeige sein. Aber erst als ich mich eingerichtet hatte, erbrach ich den Brief:

Haus Gadendorp, März 1888.

Mein lieber, guter Herzensfreund,
Mein alter Timmo Boje Tetje,

so muß ich Dich noch einmal nennen, und wohl zum letztenmal. Du weißt, ich tats zuweilen. Und dies ist auch die Gelegenheit dazu, Timm: Wulff Gadendorp heute noch und nimmermehr. Gestern hats mir unser alter Reese, auf mein dringendes Bitten, gesagt: vierzehn Tage vielleicht noch . . .

Nun denn – ich muß in Absätzen schreiben, und täglich nur in kleinen »Portionen« meiner Schmerzen halber; verzeih auch deshalb die kritzliche Schrift – einmal müssen wir ja alle in die dunkle Bucht einbiegen, wo ein gütiger Geist uns den roten Mohnkranz des ewigen Vergessens um die Stirn legt. Ich zittre nicht, ich bin nicht feig; Du kennst mich darin.

Vor einigen Tagen gab ich noch auf meinem Krankenbette einen Nachtrag zu meinem letzten Willen. Alles ist nun geordnet. Zugleich verschenkte ich mit warmer Hand, unter amtsrichterlicher Beglaubigung, sechsunddreißig Millionen Mark, und zwar wie folgt:

Sechs Millionen habe ich zur Verfügung Seiner Majestät, meines allergnädigsten, bis zum Tode treu geliebten Herrn gestellt mit der Bitte, über diese Summe, in welcher Weise gewünscht, allerhuldvollst Bestimmung treffen zu mögen für verschuldete Offiziere. Ich sahs zu oft in meinem Leben, daß wegen des Quarks von einigen tausend Mark tüchtige, brave, geniale, dem Staate brauchbare Offiziere ins Elend gehen mußten.

Sechs Millionen übergab ich dem Reichskanzler mit der Bitte, der Not solcher Witwen und Waisen und Verwandten Hilfe zu bringen, deren Ernährer durch Fallen oder Stürzen von Baugerüsten (auch in ähnlichen Fällen) plötzlich getötet sind. Ich machte die Bedingung, daß vor allem nicht auf das Glaubensbekenntnis zu sehen sei. Übrigens hätte ich dies gar nicht mehr in unsern humanen Zeiten zu erwähnen brauchen. Nur die Frage sei zu berücksichtigen: Ist die Witwe, sind die Kinder, die Verwandten in augenblicklicher Not. Ein Würdigkeitsattest ist unter keinen Umständen beizubringen. Ob der Verblichene ein Rauhbein, ein Söffling oder was immer für ein Teufelskerl gewesen ist – ganz gleich, ist die Witwe, sind die Waisen, die Verwandten in Not, soll ihr (ihnen) binnen zwei Tagen, auf Telegramm hin, das vom Ortsvorsteher auszugehn hat, die Summe von 300 Mark ausgezahlt werden. Über die nähern Bemerkungen will ich Dich nicht länger langweilen.

Endlich, vierundzwanzig Millionen Mark der deutschen Schillerstiftung. Der »berechtigten Eigentümlichkeit« des lieben Vaterlandes, unter allen Umständen seine nicht mit Gold gesegneten oder verarmten Dichter und wackern Schriftsteller verkümmern und verhungern zu lassen, setz ich damit hoffentlich ein Dämmlein entgegen. Denn sollen die deutschen Dichter bei jener grenzenlosen Gleichgültigkeit, bei jener schamlosen Prüderie – das ist ein Widerspruch, aber Du verstehst mich – wie sie Deutschland zeigt, auch noch Hungerpfoten saugen, so hats ein End. Ich machte zwei Bedingungen: 1. Tüchtig zu geben, Summen, keine Sümmchen. 2. Keine Veröffentlichung. Denn jetzt nimmt jedes Wurstblättchen, das sich sonst nie um die Literatur bekümmerte, und zwar mit sattestem Behagen, die namentlichen Listen der Empfänger in ihre Spalten auf.

Das war also das. Für die Armen auf meinen Gütern, für liebe, bedürftige Freunde, für meine Dienerschaft hab ich durch reiche Stiftungen gesorgt. Dir, Timm, als recht wohlhabendem Menschen, vermache ich Kleinigkeiten, unter andern die kleine zerbrochne Meißner Vase, auf meinem Schreibtische, die Dir stets so gefallen hat. Und das hat mich so oft innerlich mit Dir ausgesöhnt: trotz aller Deiner Rederei und Tuerei: Du hast doch Schönheitssinn..

Du weißt. mein Timm, wie widerwärtig mir von jeher chauvinistischer Patriotismus gewesen ist. Aber das darf ich einmal an dieser Stelle hervorheben: Meine Kaiser und mein deutsches Vaterland, Preußen, mein Schleswig-Holstein hab ich immer aus meinem tiefsten Herzen geliebt. Ein Schuft, der nicht für seinen Kaiser und für das Vaterland mit hoher Freude in den Tod geht. Möge der Blitz einschlagen in alle die neidischen äußern und innern Reichsfeinde.

Sonst, von der Welt, von den Menschen, mein Alterchen . . . nun, Du kennst meine Ansichten: Mumpitz, Mumpitz, wie ein Berliner Ausdruck ist . . . Und so ist auch hier der Ort, Dir zu sagen, daß ich Dir mein »Notizbuch«, wie Du es zu nennen beliebtest, hinterlasse. In einer ruhigen Stunde nimm es einmal »vor«. Du findest darin allerlei Gespräche mit Dir, mit andern, mit mir selbst, Auszüge und Gedanken aus Büchern, meine Lieblingsgedichte aus meinen Lieblingsdichtern, namentlich der jungen Garde nach 1880. Von den »Alten« habe ich nur Platen, Lenau und Uhland genommen, glaub ich. Den neuern nur Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller vorangestellt. Tausend ja, das sind zwei Dichter!

Auch findest Du Beobachtungen, Stimmungen, Bilder, Erlebtes, Gedachtes: im ganzen ein ziemlicher Mischmasch (und Wischwasch geruhst Du zu sagen, Du ewiger Spötter). Zuweilen wirst Du lachen, zuweilen den Kopf schütteln: Mein Gott, wie hat der die Welt angesehen; ja, so war der wunderliche Kauz.

Damit sie mich, die guten, treuen, aber so nüchternen Schleswig-Holsteiner, nicht poesielos (wie vor einigen Jahren den letzten Qualen) in die Gruft senken, bat ich unsern Adelsmarschall, bei meinem Grabe, da ich der letzte meines alten Geschlechtes, die Ritterschaft zu versammeln und über meinem Sarge, wenn er in die Tiefe gegangen ist, mein Wappen zu zerbrechen mit den Worten: Von Gadendorp heute noch und nimmermehr. Unser guter, liebenswürdiger, immer gefälliger Adelsmarschall – Du erinnerst Dich, er sagte mal von mir mit seiner näselnden Stimme: »Ja, ja, begreife nicht, der Gadendorp, wohl Poet oder so was ähnliches,« – hat es mir auch versprochen.

Reese hat mir heute sein Wort gegeben, mir nach meinem Tode die Pulsadern zu öffnen. Ich bin nun ganz beruhigt.

Und nun zu Dir, mein Timmo. Mein alter, immer gleich treu mit mir den Weg gegangner Freund, nimm auf meinem Sterbenslager meinen herzlichen Dank. Ich weiß es wohl, Du hast mich nicht immer verstanden. Du hast über mich hinter meinem Rücken, wie mir ins Angesicht gelacht und gescherzt. Qu'importe. Nicht allzuviel Freude hast Du an der Kunst und an dem, das doch einzig und allein nur das sonst so öde Leben in etwas aufhellen kann, an der Poesie. Aber ich danke es Dir, daß ich Dir vorlesen durfte zuweilen, wenn ich erglüht war durch Gedanken, Gedichte, Sätze, die ich in meinen Büchern gefunden hatte. Wie geduldig Du dann immer saßest. Freilich, freilich, einige Male sank Dein Köpfchen bedenklich in das Burgunderglas. Meinen im Keller liegenden Burgunder, nebenbei gesagt, hab ich Dir, dem Kenner, vermacht. Daß Du stets Deine eignen Zigarren rauchtest, weil Du behauptetest, ich verstünde nichts von Tabak, sei Dir vergeben.

In bezug auf die kräftige, frische Bewegung in der Literatur, wenn Dir auch nicht verständlich, bin ich der festen Überzeugung, daß sie siegen wird, wenn auch vielleicht erst in zwanzig Jahren . . . Sei nur ruhig; ich kenne Deinen Einwand: »Das deutsche Gemüt . . .« Nein, nein, mein Timm, »das deutsche Gemüt« leidet niemals darunter. Das deutsche Gemüt soll und wird unser Heiligstes bleiben.

Und nun leb wohl und keine Flennerei, was ja auch nicht Deine Sache zu sein pflegt. Und Dank, Freund, für Alles, was Du mir getan hast, was Du mir gewesen bist. Stell Dich gut mit meinem Nachfolger. Es ist Dir ja bekannt, daß er ein Rheinländer ist, aber immer auf seinen Gütern in Rußland lebt. Es ist ein Verwandter mütterlicherseits. Vor mir hat dieser Pedant (da paßt er ja übrigens ganz gut zu Dir) immer einen gewissen Ekel gehabt. Mir war er auch nie sympathisch, und wenn ich daran denke, daß meine Leute, meine Güter und Dörfer in seine Hände übergehen, so ist es mir wie ein Stich ins Herz. Ein letzter Stich. Wann hatt ich mein letztes Glück? Eines meiner liebsten Worte Goethes war immer:

Der Mensch erfährt, er sei auch wer er mag,
Ein letztes Glück und einen letzten Tag.

Ich werde wohl kaum mehr zum Schreiben kommen. Dieser Brief brauchte schon zwölf Tage . . . Viele, viele Schmerzen . . . Starke Dosis Morphium, Reese hat sie »vergessen«; wenns zu unerträglich wird . . . Du Timmo, mein Freund, Dank, Dank . . . und eines noch, ich war immer frei, frei! Immer nur mir verantwortlich; das war so schön . . . Morgen mehr . . . Du, vergiß meine Pferde nicht und meine Hunde und Katzen und das übrige Getier, das mir gehört. Nimm sie lieber zu Dir . . . Negendank Bescheid sagen . . . Wer weiß . . . der Pedant vielleicht, der Vetter, dies, ja so . . . ich glaube, kaltes Herz . . . alle Menschen mit kalten Herzen sind mir . . . Meine Pferde, meine Hunde, meine Tiere, nimm sie zu Dir . . . Pferde, Hunde haben keine kalten Herzen . . . Die Menschen, die Menschen . . . nun will ich schlafen, wenn ich kann . . . Morgen mehr . . .

Das war der letzte Brief meines Freundes Wulff Gadendorp. Unter dem Schreiben stand: Auf Wunsch des Herrn Grafen soll ich diese Zuschrift, eingeschrieben, durch das kaiserliche Konsulat in Tanger, an den Herrn Baron senden. Die Herren Doktoren meinen, daß unser guter Herr Graf nur noch einige Tage werde leben können. Der Herr Graf trägt seine schweren Schmerzen bewunderungswürdig. Sie scherzen, wie es der Herr Baron kennen, so wie es der böse Zustand nur irgendwie zuläßt.

Genehmigen u. s. w.

Hans Negendank,
Haushofmeister.

Nachschrift. Ich mußte diesen Brief noch einmal öffnen. Ich soll noch berichten, daß jedem durchziehenden Orgeldreher von der Gutsobrigkeit in Gadendorp ein Zwanzigmarkstück auszuzahlen ist. Dafür ist dieser verpflichtet, eine ausgeschlagene Stunde unter den Vorderfenstern des Schlosses zu spielen. Es ist mir expreß befohlen worden mitzuteilen, daß sich der Herr Graf die Freude nicht versagt hätte, hiermit seinen Herrn Vetter, den Nachfolger der Schleifengüter, hoffentlich gründlich zu ärgern.

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