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Der Lügendetektor

Edgar Wallace: Der Lügendetektor - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/wallacee/luegende/luegende.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleDer Mann im Hintergrund / Der Lügendetektor
titleDer Lügendetektor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun13. Auflage
translatorHans Herdegen
editorFriedrich A. Hofschuster
year1990
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442011559
created20111023
projectid76c92d63
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3

Es war Viertel vor zwölf, als Mr. Reeder die Räume des Ragbag-Klub in der Wardour Street betrat. Die Öffentlichkeit hörte meist nur dann etwas von diesem Lokal, wenn die Polizei dort wieder einmal eine Razzia abgehalten hatte. Obwohl er ein seltener Gast war, kannte man ihn, und der Oberkellner brachte ihn sofort zu einem Ecktisch. Dann servierte er eine Flasche Sprudel und Spiegeleier mit Schinken.

»Ist jemand hier, Adolph?«

»Nein, noch nicht, Mr. Reeder. Sie kommen vermutlich erst nach der letzten Theatervorstellung.«

Der Oberkellner war ein wenig nervös.

»Irgend etwas Besonderes los?« fragte er.

Mr. Reeder steckte sich eine Zigarette an, bevor er antwortete.

»Wenn Sie mich danach fragen, ob die Polizei diese Kneipe heute durchsuchen wird, so kann ich Ihnen das nicht genau sagen ... Ich glaube aber, daß Sie diesen Abend sicher sind.«

Adolph atmete auf. Mr. Reeders Worte waren so gut wie eine Garantie, daß heute nichts passieren würde.

Tatsächlich hatte Mr. Reeder, bevor er zum Ragbag-Klub ging, Scotland Yard über sein Vorhaben informiert.

»Erwarten Sie heute jemand?«

Adolph schüttelte den Kopf.

»Niemand, den Sie kennen.«

Diese Versicherung erhielt Mr. Reeder immer, wenn er hierherkam.

»Wie steht es denn mit Higson? Kann man Mr. Hymie Higson heute treffen?«

Der Oberkellner sah den Detektiv verwirrt an.

»Der ist schon lange nicht mehr hiergewesen – seit ...«

»Sagen Sie mir ruhig die Wahrheit«, entgegnete Mr. Reeder freundlich. »Wenn ich jemand gegenüber offen bin, so erwarte ich dasselbe von ihm. Vor ungefähr einem Jahr gab es große Unannehmlichkeiten wegen eines Mannes, dessen Namen mir im Augenblick entfallen ist. Er hatte gefälschte Banknoten unter das Publikum gebracht. Der Polizei gelang es, die falschen Scheine bis zu diesem Klub zu verfolgen, und besonders der liebenswürdige Oberkellner Adolph, der ja auch Eigentümer des Klubs ist, geriet in Verdacht.

Ich widmete mich der Aufklärung des Falles und bekam dabei heraus, daß Sie keine Schuld an der Sache hatten. Natürlich hätte die Geschichte für Sie trotzdem unangenehm werden können, aber ich hatte nun mal nicht die Absicht, Ihre Gäste abzuschrecken. Vor allem deshalb verzichtete ich darauf, Sie als Zeugen vernehmen zu lassen.«

Adolph räusperte sich verlegen.

»Das stimmt alles, Mr. Reeder. Ich habe Ihnen damals ja auch erklärt, daß ich mich dafür revanchieren würde, sobald sich eine Gelegenheit bietet.«

»Gut. Wie steht es also mit Higson?«

Mr. Reeder schaute ihn scharf an, aber der Oberkellner antwortete ohne Zögern.

»Hymie war seit Sonntagabend nicht mehr hier, aber ich erwarte ihn noch heute. Er hat telefonisch bei mir ein Privatzimmer und ein Menü bestellt. Das Privatzimmer war allerdings bereits vergeben, und ich kann ihm das Essen nur hier servieren. Meiner Meinung nach wird er jeden Augenblick kommen.«

»Wann hat er denn angerufen?«

Adolph überlegte.

»Heute abend – so gegen sechs. Er wollte unter allen Umständen das Nebenzimmer haben.«

»Bringt er denn jemand mit?«

Der Oberkellner zuckte die Achseln.

»Er hat nichts davon gesagt und auch nur ein Gedeck bestellt.«

»Schön, ich werde auf ihn warten«, erklärte Mr. Reeder.

Adolph sah ihn besorgt an.

»Ist denn etwas nicht in Ordnung? Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie ausgerechnet in meinem Klub jemand verhaften würden. Mein Ruf bei der Polizei ist in der letzten Zeit sowieso nicht sehr gut ...«

»Keine Sorge, ich werde hier niemand verhaften«, entgegnete Mr. Reeder liebenswürdig. »Ich möchte nur eine alte, nicht gerade sehr angenehme Bekanntschaft erneuern.«

Fünf Minuten später kam Hymie Higson durch die Tür und ließ sich vom Kellner aus dem Mantel helfen. Er trug einen unauffälligen Straßenanzug.

Als er sich umsah, entdeckte er Mr. Reeder. Er tat, als ob er ihn nicht bemerkt hatte, aber der Detektiv winkte ihn mit einer unmißverständlichen Handbewegung zu sich.

Nur wenige Gäste saßen in dem Raum, und Hymie blieb praktisch keine andere Wahl, als Reeders Aufforderung Folge zu leisten.

Zögernd kam er an den Tisch.

»Sind Sie allein?« erkundigte sich Mr. Reeder freundlich. »Setzen Sie sich doch zu mir.«

»Ich erwarte einige Freunde«, erwiderte Hymie kühl und blieb neben dem Tisch stehen.

»Meiner Meinung nach wäre es wirklich besser, wenn Sie sich ein wenig zu mir setzten«, sagte Reeder mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme.

Widerwillig folgte Hymie der Aufforderung. Er war schlank und hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht. Wer ihn beobachtete, dem fielen besonders seine ungewöhnlich langen, schmalen Hände auf.

»Also gut, dann sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben – aber ein wenig schnell bitte«, erklärte er herausfordernd. »Es schadet meinem guten Ruf, wenn mich Bekannte mit einem Polizeibeamten sehen.«

Mr. Reeder lächelte.

»Oh, mir macht so etwas nichts aus. Alle Leute, die uns beide zusammen sehen, wissen sowieso, was los ist. Man wird eben denken, daß ich einen Verbrecher ausfrage – schließlich ist es ja bekannt genug, daß Sie Falschgeld vertreiben, Wechsel fälschen und beim Kartenspielen betrügen. Ihre Kameraden in der Offiziersmesse haben Sie doch seinerzeit beim Spiel ganz hübsch hereingelegt, nicht wahr? Deshalb mußten Sie ja den Dienst quittieren. Ich will gar nicht davon reden, was Sie sonst noch alles auf dem Kerbholz haben. Vielleicht auch ein kleiner Mord darunter, wie?«

Mr. Reeder hatte mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit gesprochen, eine Reaktion war Hymie aber kaum anzumerken.

»Sie könnten tatsächlich meine Lebensgeschichte schreiben!«

»Jedenfalls bin ich in der Lage, einige interessante Daten dazu zu liefern«, entgegnete Mr. Reeder zuvorkommend. »Mit dem Geld hatten Sie übrigens wirklich Pech«, fügte er unvermittelt hinzu.

Obwohl Hymie sich sehr gut beherrschen konnte, fuhr er jetzt doch ein wenig zusammen.

»Was soll das heißen?«

»Ich meine die fünfzigtausend Dollar«, erwiderte Mr. Reeder lässig. »Das ist immerhin eine ganz schöne Stange Geld, die man im allgemeinen nicht in Heuschobern und Straßengräben liegen läßt.«

»Was soll denn das Gerede? Ich habe nichts mit Heuschobern und Straßengräben zu tun«, entgegnete Hymie schleppend. »Haben Sie vielleicht ein neues Rätselspiel erfunden?« Dann lachte er plötzlich. »Um Himmels willen, Sie meinen doch nicht etwa die amerikanischen Banknoten, von denen die Zeitungen heute abend berichten? Ein Landarbeiter in Kent hat sie gefunden, nicht wahr? Wirklich eine der merkwürdigsten Geschichten, die ich je gehört habe. Aber wie kommen Sie nur auf den Gedanken, daß ich etwas davon wissen sollte?«

»Sie irren sich, es war nicht in Kent«, verbesserte ihn Mr. Reeder, »sondern in der Nähe von Farnham.«

»Dort bin ich noch nie in meinem Leben gewesen«, sagte Hymie lächelnd. »Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Reeder. Und wenn ich tatsächlich dort gewesen wäre, hätte ich ganz bestimmt nicht so viel Geld in einem Heuschober liegen lassen! Wenn Sie sich nur darüber mit mir unterhalten wollen, dann vergeuden Sie nur Ihre und meine Zeit.«

Er stand auf, aber Mr. Reeder packte ihn am Arm.

»Nur noch einen Augenblick, ich habe noch einige Fragen an Sie zu richten.«

»Dann wäre es gut, wenn Sie mir einen Brief schrieben – oder noch besser, Sie versuchen es mit dem Lügendetektor bei mir. Ich habe neulich einen Aufsatz in einem amerikanischen Magazin darüber gelesen – man schnallt den Delinquenten einfach an, und wenn er lügt, kann man das an der Reaktion verschiedener Instrumente feststellen. Man hat es bei einem Mann ausprobiert, der einen anderen ermordet hatte ...«

Plötzlich hielt er inne, und Reeder sah, wie sich sein Gesicht verhärtete.

»Und weiter, was wollen Sie sagen? Jemand hat einen anderen ermordet ...«

Higson lachte grell.

»Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen Märchen zu erzählen.«

Er machte eine knappe Verbeugung und schlenderte davon. Sicher wäre er nicht so ruhig gewesen, wenn er gewußt hätte, daß auch Mr. Reeder den Aufsatz über den Lügendetektor gelesen hatte. Dieser interessante Artikel war wirklich in einem amerikanischen Magazin erschienen.

Hymie hatte sich an einen kleinen Tisch gesetzt und ließ sich sein Abendessen servieren. Wie Mr. Reeder bemerkte, schien es ihm nicht sehr zu schmecken. Er hielt sich auch nur verhältnismäßig kurze Zeit in dem Restaurant auf, zahlte bald und ging wieder.

Mr. Reeder stellte noch einige andere Nachforschungen an, aber keine führte zu einem befriedigenden Ergebnis.

Er suchte einige Klubs auf, die in noch weniger gutem Ruf standen als der Ragbag-Klub. Es waren durchweg keine sehr vornehmen Lokale, in denen er allgemein auffiel. Meistens handelte es sich um kleine Zimmer, die im oberen Stockwerk lagen. Wenn Mr. Reeder die Räume betrat, wurde er sofort erkannt, und es trat Totenstille ein. Trotzdem machte er sich an die unmöglichsten Leute heran und stellte sonderbare Fragen an sie.

Nach mehreren Stunden kehrte er sehr müde in seine Wohnung zurück. Es schlug drei, als er sich zur Ruhe legte und die Decke über die Ohren zog. Aber er hatte die Augen noch nicht geschlossen, als er hörte, daß jemand an seiner Haustür klingelte.

Da das Klingeln nicht aufhörte, erhob er sich schließlich schimpfend, öffnete das Fenster und schaute hinaus.

Vor der Tür stand eine dunkle Gestalt.

»Wer ist da?« rief er hinunter.

»Ich bin's, Lizzie – ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen, Mr. Reeder. Es ist etwas Schreckliches passiert!«

»Warten Sie!«

Er schloß das Fenster, machte Licht und kleidete sich hastig an. Dann ging er nach unten und ließ Lizzie herein, die heftig schluchzte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zusammenhängend erzählen konnte.

»Ena ist fort, man hat sie weggeholt! Und ich bin fest davon überzeugt, daß ihr etwas passiert ist, Mr. Reeder ...«

Er gab ihr ein Glas Wasser, und schließlich hatte sie sich so weit beruhigt, daß sie der Reihe nach berichten konnte, was vorgefallen war.

Um elf Uhr hatte sie sich ins Bett gelegt. Sie schlief mit ihrer Schwester in einem Zimmer, dessen Fenster auf der Straßenseite lagen. Fast eine Stunde lang hatten sie noch über Ernie und sein sonderbares Verhalten gesprochen, schliefen dann aber gegen Mitternacht ein.

Um ein Uhr wachte Lizzie, die einen sehr festen Schlaf hatte, an einem Geräusch auf. Schläfrig öffnete sie die Augen und sah, daß Ena Licht gemacht hatte und in ihrem Morgenrock gerade aus dem Zimmer gehen wollte. Sie fragte, was es gäbe, und Ena flüsterte ihr zu: »Ernie will mich sprechen, er ist draußen.«

Lizzie war noch halb im Schlaf, blieb liegen und versuchte zuerst einmal, ganz wach zu werden.

Sie hörte an der Haustür Stimmen, und dann wurde es plötzlich ganz still. Gleich darauf fuhr vor dem Haus ein Auto an. Sie sprang aus dem Bett, ging zur Tür und lauschte – nichts war zu hören. Schnell warf sie sich einen Mantel über und lief die Treppe hinunter.

Sie fand die Haustür weit offen, von Ena keine Spur.

Bestürzt ging sie wieder nach oben und weckte ihre Mutter. Beide warteten ängstlich, aber Ena blieb verschwunden. Sie hatte nur einen Morgenrock über ihrem Schlafanzug angehabt, als sie hinunterging. Die Nacht war kalt und neblig, bestimmt hätte sie sich in diesem Aufzug nicht vors Haus gewagt.

»Haben Sie die Polizei verständigt?« fragte Mr. Reeder.

Lizzie, die noch immer weinte, schüttelte ratlos den Kopf.

»Mutter wollte es nicht haben. Sie sagte, es wäre so peinlich ...«

Darum kümmerte sich Mr. Reeder nun nicht im geringsten. Er ging zum Telefon und rief die nächste Polizeiwache an. Glücklicherweise traf er den Inspektor an, dem der Bezirk unterstand, und verabredete mit ihm, daß er ihn in der Wohnung der Pantons in der Friendly Street treffen wolle. Als er sich dann mit Lizzie auf den Weg dorthin machte, rückte sie mit der Sprache über etwas heraus, wovon sie ihm bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.

»Natürlich war es eine große Überraschung für uns alle, daß sie plötzlich so viel amerikanisches Geld erhielt.«

Mr. Reeder blieb stehen.

»Amerikanisches Geld?« fragte er verwundert. »Davon haben Sie mir ja noch gar nichts gesagt!«

»Ja, echte amerikanische Dollarscheine«, entgegnete Lizzie. Es waren fünfundzwanzig Banknoten zu je tausend Dollar! Wir alle waren so überrascht – noch niemals hatten wir soviel Geld in Händen gehabt!«

»Das ist sehr wichtig«, sagte Mr. Reeder ernst. »Erzählen Sie mir genau, wie Sie das Geld erhalten haben.«

»Wir erhielten es in einem Eilbrief, der nicht einmal eingeschrieben war. Gestern morgen in aller Frühe brachte ihn ein Postbote. Ena hat meiner Mutter und mir nichts davon gesagt, daß ihr Ernie schon vorher geschrieben hatte und ihr in seinem Brief das Eintreffen eines Geldbetrages ankündigte. Er hatte sie gebeten, keinem Menschen etwas davon mitzuteilen.«

»War bei der Geldsendung ein weiteres Schreiben von Ernie?«

»Nein, nur ein Blatt von einem Notizblock. Er hatte es unter das Gummiband gesteckt, mit dem die Banknoten zusammengehalten wurden. Es stand darauf: ›Sag keinem Menschen etwas davon, auch nicht Lizzie.‹ Ich kann Ihnen den Zettel später zeigen.«

»Und was hat Ihre Schwester mit dem Geld gemacht?«

Lizzie dachte einen Augenblick nach.

»Ich weiß gar nicht genau ... Ach so, jetzt fällt es mir wieder ein. Sie hat es unter das Kopfkissen gesteckt, bevor sie ins Bett ging.«

»Wo war der Brief aufgegeben? Haben Sie den Poststempel gesehen?«

»In London. Ich machte Ena noch besonders darauf aufmerksam, daß er auf dem Postamt London W. aufgegeben worden war – und zwar am Abend vorher. Ena wunderte sich darüber, daß Ernie in London war und sie nicht einmal besuchte.«

Mr. Reeder fragte noch verschiedenes, bekam aber nicht mehr viel heraus. Lizzie blieb dabei, daß auf dem Zettel nichts weiter gestanden hätte als die Mahnung, keinem Menschen etwas davon zu sagen.

»Sie werden ihn ja noch selbst sehen, auch den Briefumschlag. Ena hat das Geld darin gelassen.«

Als sie in der Wohnung der Pantons ankamen, fanden sie dort bereits den Polizeiinspektor des Bezirks mit einem seiner Beamten vor. Der Inspektor stellte an die Mutter, die völlig verstört schien, gerade die üblichen Fragen.

Mr. Reeder begrüßte ihn kurz und stieg dann sofort die Treppe zu dem gemeinsamen Schlafzimmer der beiden Mädchen hinauf. Ohne weiteres ging er auf das Bett zu, das ihm Lizzie bezeichnete, und schob das Kissen zurück.

Das Zimmer war noch nicht aufgeräumt worden, und er konnte deutlich den Kopfabdruck Enas auf dem Kissen erkennen. Darunter aber fand er nichts – weder den Briefumschlag noch das Geld. Er hob die Matratzen hoch – nichts. Ebensowenig lagen die Banknoten in der Kommode, in der Ena ihre Schmucksachen aufbewahrte.

»Nein, sie hat das Geld bestimmt nicht in eine Schublade gelegt«, erklärte Lizzie, die sich ganz sicher zu sein schien. »Ich weiß ganz genau, daß sie es unter das Kissen geschoben hat, bevor sie schlafen ging. Sie sagte noch im Spaß, das wäre sicherer, als es auf die Bank zu bringen.«

Mr. Reeder verzog kummervoll das Gesicht.

»Haben Sie Ihre Schwester gesehen, als sie das Zimmer verließ? Hatte sie etwas in der Hand?«

Lizzie konnte darüber beim besten Willen keine genaue Auskunft geben. Sie erinnerte sich nur noch daran, daß Ena in der offenen Tür stand und mit ihr sprach. Aus tiefem Schlaf hochgeschreckt, war sie so benommen gewesen, daß sie sich nicht einmal genau auf Enas Worte besinnen konnte.

»Ich schlafe immer so fest! Es ist auch durchaus möglich, daß Ena das Fenster öffnete und sich einige Zeit mit jemand auf der Straße unterhielt, ohne daß ich es merkte. Auf jeden Fall stand das Fenster offen, und ich wachte wahrscheinlich mehr durch den kalten Luftzug, als durch ein Geräusch auf.«

Eines war Mr. Reeder klar – der Mann, der mit Ena gesprochen hatte, mußte ihr gesagt haben, daß sie die fünfundzwanzigtausend Dollar herunterbringen solle.

Aber wer war dieser Mann? War es Ernie gewesen? Oder hatte sonst noch jemand solchen Einfluß auf sie, daß sie ihm auf seinen bloßen Wunsch hin das Geld mitten in der Nacht aushändigte?

Mr. Reeder ließ den Polizisten rufen, der während der fraglichen Zeit in dem Bezirk Streifendienst gehabt hatte. Der Beamte konnte wenigstens einige Angaben machen.

Vor Pantons Haus hatte er einen Wagen gesehen, der dort parkte, und angenommen, daß er einem Arzt gehöre. Für gewöhnlich hielten in der Friendly Street nachts nur selten Autos. Der Polizist hatte den Eindruck gehabt, daß zwei Personen im Wagen saßen, aber mit Sicherheit konnte er das nicht behaupten.

Als er auf seinem Rundgang das nächstemal an der Stelle vorbeikam, sah er das Auto nicht mehr.

Mr. Reeder stellte fest, daß das etwa eine Viertelstunde nach Enas Verschwinden gewesen sein mußte.

Einige Beamte suchten jetzt die Straßen ab und fanden einen weiteren Anhaltspunkt – Enas Pantoffel. Man entdeckte ihn etwa auf der Hälfte des Weges zwischen der Haustür und der Stelle, an der das Auto gehalten hatte. Der Polizeiinspektor brachte ihn ins Haus und untersuchte ihn eingehend, aber er konnte höchstens den Schluß daraus ziehen, daß Ena den Pantoffel verloren hatte, als sie sich von jemand freizumachen versuchte.

Mr. Reeder stimmte ihm bei.

»Ich bin ganz sicher, daß sie nicht freiwillig mitgegangen ist«, erklärte er besorgt.

Und mit dieser Annahme hatte er auch recht.

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