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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 8
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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6.

Die Leliaarts hatten große Anstrengungen gemacht, um die Stadt prächtig auszuschmücken; dadurch konnten sie ihrem neuen Fürsten gefallen und seine Gunst erwerben. Alle Handwerksgesellen hatte man zur Ausrichtung von Ehrenpforten herangezogen. Kein Geld war gespart worden; die reichsten Stoffe waren aus den Läden geholt und vor die Giebel der Häuser gehängt worden; in den Wäldern hatte man eine Menge junger Bäume gefällt, um die Straßen in grüne Gärten zu verwandeln. Am anderen Morgen um zehn Uhr war alles fertig.

Mitten auf dem Großen Markt hatte die Zimmermannsgilde einen stattlichen, mit lasurfarbigem Sammet ausgeschlagenen Thron aufgerichtet. Da waren mit Gold verbrämte Sessel mit gewirkten Kissen; daneben standen zwei kunstvolle Bildsäulen, der Friede und die Macht, die gemeinsam eine Krone aus Lorbeer- und Ölzweigen über die Häupter Philipps des Schönen und Johannas von Navarra halten sollten. Zierliche Draperien waren um den Thron angeordnet, und reiche Teppiche bedeckten den Markt auf eine große Strecke.

Am Eingang der Steinstraße standen vier marmorartig bemalte Postamente und auf jedem davon ein als Engel mit langen Flügeln und purpurnen Gewändern dargestellter Posaunenbläser.

Gegen die große Fleischhalle zu, am Anfang der Frauenstraße, war eine prächtige Ehrenpforte mit gotischen Pfeilern aufgerichtet. Über ihr hing das auf Purpurgrund gemalte Wappen Frankreichs, weiter unten an den beiden Pfeilern waren die Wappen von Flandern und Brügge angebracht. Überall sah man Embleme, die dazu bestimmt waren, dem fremden Herrscher zu schmeicheln. Hier kroch der schwarze Löwe Flanderns vor einer Lilie, dort waren die Sterne des Himmels durch Lilien ersetzt – und dergleichen feige Anspielungen mehr, die von Bastardflamen erfunden waren.

Wenn Jan Breydel nicht von dem Dekan der Wollweber zurückgehalten worden wäre, hätten diese schändlichen Malereien das Volk nicht erbittert, jetzt aber schluckte er seinen Ärger hinunter und sah diesen Dingen mit grimmiger Geduld zu. De Coninck hatte ihm begreiflich gemacht, daß der Augenblick noch nicht gekommen sei.

Die Cathelijnenstraße war auf ihrer ganzen Länge mit schneeweißem Linnen und mit Laubgewinden geschmückt. Die Häuser der Leliaarts trugen Begrüßungsinschriften; auf kleinen viereckigen Ständern brannte allerlei Räucherwerk in prächtig getriebenen Schalen, und Jungfrauen streuten Feldblumen auf die Straße. Das Cathelijnentor, durch das die Fürstlichkeiten die Stadt betreten sollten, war außen mit köstlichen Scharlachstoffen behängt. Auf dem Wall beim Tor standen acht Engel, um den Willkomm zu blasen und das Erscheinen der Gäste anzukündigen.

Auf dem Großen Markt standen die Gilden mit ihren Gutentags in tiefer Gliederung an den Häuserreihen entlang. De Coninck befand sich an der Spitze der Weber und lehnte seinen linken Flügel an den Eiermarkt an, Breydel stand mit der Fleischhauergilde gegen die Steinstraße, die anderen Gewerke waren in kleineren Scharen an den anderen Seiten verteilt. Die Leliaarts und die Edlen der Stadt hatten sich unter der Halle auf einer prächtigen Tribüne versammelt.

Um elf Uhr gaben die Engel, die auf den Wällen standen, das Zeichen, daß die Fürstlichkeiten nahten, und endlich betrat der königliche Zug durch das Cathelijnentor die Stadt.

Voran sprengten vier Herolde auf schönen weißen Pferden; von ihren Fanfaren hing das Banner Philipps des Schönen mit goldenen Lilien auf blauem Grunde. Sie bliesen einen wohllautenden Marsch und berückten die Zuhörer durch ihre große Fertigkeit.

Zwanzig Schritte hinter den Herolden ritt König Philipp der Schöne auf einem hochgebauten Rosse majestätisch einher. Unter all den Rittern, die ihn begleiteten, war keiner, der ihn an körperlicher Schönheit erreichte: feines schwarzes Haar fiel in zierlichen Locken auf seine Schultern und koste die reinsten Wangen, wie man sie kaum je auf einem Frauenantlitz sah. Ein hellbrauner Ton, der über seinem Gesicht lag, verlieh ihm Männlichkeit und Entschiedenheit; sein Lächeln war süß und sein Auftreten liebenswürdig. Dazu machten eine hochgewachsene Gestalt und eine stolze Haltung ihn zum vollkommensten Ritter seiner Zeit. Daher ward er auch in ganz Europa »der Schöne« genannt. Seine Kleidung war mit Gold und Silber durchwirkt, aber nicht mit Schmuck überladen. Der versilberte Helm, der auf seinem Kopf blinkte, trug einen mächtigen Federbusch, der bis auf den Rücken seines Pferdes niederfiel.

Neben ihm ritt die stolze Johanna von Navarra, seine Gemahlin. Sie saß auf einer fahlen Mähre und war ganz mit Gold und Edelsteinen überdeckt. Ein langes Reitkleid von goldfarbigem Tuch, das auf der Brust mit einer silbernen Schnur zusammengehalten wurde, fiel in schweren Falten bis zur Erde nieder. Perlen und allerlei Knöpfe und Eicheln, aus den kostbarsten Stoffen gewirkt, hingen im Überfluß auf ihr und auf der Mähre, die diese Schätze trug. Stolz und hochmütig war die Fürstin; es war ihr anzusehen, daß dieser triumphierende Einzug ihr hämische Freude bereitete; sie warf verächtliche Blicke auf das besiegte Volk, das in die Fenster, auf die Brunnen, ja, auf die Dächer gestiegen war, um den Zug sehen zu können.

An der anderen Seite des Königs ritt Ludwig der Zänker, sein Sohn. Der junge Fürst war gütig und von edler Gesinnung, die Teilnahme für die neuen Untertanen war auf seinem Gesicht ausgeprägt, um seinen Mund schwebte stets ein liebenswürdiges Lächeln. Er besaß die guten Eigenschaften seines Vaters, ohne die gehässige Gesinnung seiner Mutter zu haben.

Unmittelbar hinter dem König folgten einige Schildknappen, Pagen und Hofdamen; dann ein großer Zug auf das prächtigste ausgerüsteter Ritter. Unter diesen waren die Herren Eguerrand de Marigny, de Chatillon, de St. Pol, de Nesle, de Nogaret und andere mehr. Über ihnen flatterten die königliche Standarte und zahlreiche Wimpel lustig im Winde.

Zuletzt folgte noch eine Schar berittener Leibwächter, wohl an die dreihundert Mann stark. Sie waren vom Kopf bis zu den Füßen mit Eisen gepanzert; lange Speere ragten zwanzig Fuß hoch über ihre Köpfe hinaus. Auch ihre schweren Pferde waren mit eisernen Schutzplatten bedeckt.

Die Bürger, die sich überall in Massen versammelt hatten, betrachteten dieses Schauspiel unter feierlichem Schweigen; kein Begrüßungsruf stieg aus der Menge auf, nirgends machte sich ein Zeichen der Freude bemerkbar. Durch diesen kühlen Empfang fühlte Johanna von Navarra sich tief gekränkt; noch mehr erbitterte es sie, als sie bemerkte, daß vieler Augen sie ohne Ehrfurcht betrachteten und durch ein verächtliches Lächeln ihren Haß gegen sie bekundeten.

Als der Zug am Markt anlangte, führten die auf Postamenten stehenden Posaunenengel ihre Posaunen zum Munde und ließen den Willkommgruß erschallen. Darauf stimmten die Herren vom Magistrat nebst einigen wenigen anderen Leliaarts den Ruf an: »Es lebe Frankreich! Hoch der König! Hoch die Königin!«

Die stolze Johanna geriet in höchste Wut, als sich keine einzige Stimme aus dem Volke oder aus den Handwerkergilden vernehmen ließ. Alle Bürger blieben regungslos stehen, ohne den geringsten Beweis von Ehrfurcht oder Freude zu zeigen. Die Königin schluckte für den Augenblick ihren Ärger hinunter und ließ nur auf ihrem Gesicht das große Mißvergnügen blicken, das sie erfüllte.

Ein wenig seitwärts von dem Thron befanden sich viele Edelfrauen, die alle auf schönen Rossen saßen. Um die Königin Johanna würdig zu empfangen, hatten sie sich derart mit kostbaren Kleinodien bedeckt, daß das Auge diesen Glanz beinahe nicht ertragen konnte.

Machteld, die schöne junge Tochter des Löwen von Flandern, stand in vorderster Reihe und fiel als erste der Königin ins Auge. Ein langer spitziger Hut von gelber Seide, der mit roten Sammetbändern durchflochten war, saß ihr keck auf dem Kopfe; darunter fiel ihr ein Tuch von feinstem Linnen über Hals und Schultern bis zur Mitte des Rückens. Auf der Spitze des Hutes hing an einem goldenen Knopfe ein durchsichtiger Schleier, in den Tausende von goldenen und silbernen Pünktchen gewirkt waren. Ihr Oberkleid war auf der Brust offen und ließ ein Mieder von lasurfarbenem Sammet mit silbernen Schnüren sehen.

Unter dem Oberkleide, das nur bis an die Knie reichte und vom kostbarsten goldfarbigen Tuche war, sah eine grünseidene Simarre hervor, die so lang war, daß die Falten über die Flanken der Mähre hinabfielen und stellenweise die Erde berührten. Wunderbar war der ständig wechselnde Glanz dieses Kleidungsstückes. Auf der Brust des Edelfräuleins, wo die beiden Enden einer kostbaren Perlenschnur sich vereinigten, glänzte eine Platte von getriebenem Golde, in die der schwarze Löwe von Flandern, künstlich in schwarzen Achat geschnitten, eingelassen war. Ein Gürtel, der ebenfalls mit goldenen Schuppen bedeckt war und an dem seidene und silberne Fransen hingen und der mit einem rubinenbesetzten Schloß versehen war, umgab ihre Mitte.

Das Zaumzeug der Mähre, die diese herrliche Jungfrau trug, war ebenfalls mit Gold- und Silberplättchen und mit Troddeln geschmückt.

Ebenso kostbar und prächtig waren die anderen anwesenden Edelfrauen in verschiedenfarbige Stoffe gekleidet.

Die Königin von Navarra richtete ihre Blicke mit grimmiger Neugierde auf diese Frauen. Als sie ihnen auf eine gewisse Entfernung nahe gekommen war, ritten sie ihr entgegen und begrüßten ihre neuen Fürstlichkeiten mit vielen höfischen Redensarten. Nur Machteld schwieg und betrachtete Johanna finsteren Blickes; es war ihr nicht möglich, die Frau zu ehren, die ihren Vater in den Kerker hatte werfen lassen. Der Mißmut war deutlich auf ihrem Antlitz zu lesen, und Johanna täuschte sich auch nicht darüber. Sie bohrte ihren stolzen Blick in die Augen Machtelds und wollte das Mädchen damit niederzwingen; aber sie irrte sich, Machteld ließ ihre Lider nicht sinken und sah der hochmütigen Königin frei ins Gesicht. Diese, schon durch die außerordentliche Pracht der Edelfrauen erzürnt, konnte sich nicht länger bezwingen. Mit sichtlichem Ärger wendete sie ihr Roß und rief, indem sie den Kopf noch einmal nach den Frauen kehrte:

»Seht, ihr Herren, ich meinte allein Königin in Frankreich zu sein; aber mich dünkt, daß die von Flandern, die in unseren Gefängnissen liegen, alle zusammen Prinzen sind, weil ich hier ihre Frauen wie Königinnen und Prinzessinnen gekleidet sehe.«

Diese Worte hatte sie so laut gerufen, daß alle umstehenden Ritter, ja, selbst einige Bürger sie verstehen konnten. Mit schlecht verhehltem Mißvergnügen fragte sie den Ritter, der ihr folgte:

»Aber, Herr de Chatillon, was ist das für eine stolze Jungfrau, die da vor mir steht! Sie trägt den Löwen von Flandern auf der Brust. Was hat das zu bedeuten?«

De Chatillon kam näher an die Königin heran und antwortete:

»Es ist die Tochter des Herrn van Bethune; – sie heißt Machteld.«

Bei diesen Worten legte er den Finger auf den Mund, um der Königin zu raten, sie möge schweigen und sich nichts anmerken lassen. Sie verstand und antwortete durch ein grausames und rachsüchtiges Lächeln.

Wer in diesem Augenblick den Dekan der Weber betrachtet hätte, hätte gesehen, wie starr sein Auge auf die Königin gerichtet war; nicht die kleinste Furche war auf ihrer Stirne erschienen und wieder vergangen, ohne daß de Coninck sie gesehen und sich eingeprägt hatte. Auf ihrem verstörten Gesicht hatte er ihren Zorn, ihr Begehren und ihre Anschläge schon gelesen; schon wußte er, daß de Chatillon der Vollstrecker ihrer Befehle sein würde, und er überlegte auch in diesem Augenblick, welche Mittel nötig wären, um die List oder Gewalt dieser Feinde zu durchkreuzen.

Kurz darauf stiegen die Fürstlichkeiten von ihren Pferden und bestiegen den Thron, den man mitten auf dem Markt für sie errichtet hatte. Die Schildknappen und Hofdamen scharten sich in zwei Reihen auf den Stufen; die edlen Ritter gruppierten sich zu Pferde rings im Kreise. Nachdem jeder den ihm bestimmten Platz eingenommen hatte, traten die Schöffen mit den Jungfrauen, die die Stadt Brügge versinnbildlichen sollten, vor und überreichten den fremden Fürstlichkeiten auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlüssel der Tore. Zur gleichen Zeit bliesen die Engel von neuem auf ihren Posaunen, und die Leliaarts riefen zum zweitenmal:

»Hoch der König! Hoch die Königin!«

Eine tödliche Stille herrschte unter den versammelten Bürgern, und es schien, daß sie sich gleichgültig stellten, damit man ihr Mißfallen besser bemerken möge. Damit erreichten sie auch ihren Zweck, denn Johanna überlegte schon in ihrem gereizten Gemüt, wie sie diese respektlosen Untertanen strafen und demütigen könne.

Der König Philipp der Schöne, der von sanfterer Gemütsart war, empfing die Schöffen gnädig und versprach, für die Wohlfahrt Flanderns aufs kräftigste besorgt zu sein. Dieses Versprechen war bei Philipp keine Heuchelei; er war ein edler Fürst und ehrlicher Ritter und hätte vielleicht das Glück seiner Untertanen sowohl in Flandern als auch in Frankreich bewirkt, aber zwei schlimme Ursachen hatten zur Folge, daß dieser gute Gedanke ohne Frucht blieb. Die vornehmste und schlimmste war der Einfluß seiner stolzen Frau Johanna. Diese trat, wenn Philipp der Schöne einen guten Vorsatz hatte, wie ein böser Geist dazwischen, trieb ihn zum Bösen an und zwang ihn, alle ihre verderblichen Ansichten gutzuheißen. Die zweite Ursache seiner schlimmen Taten war die Verschwendung, die ihn alle Mittel, ob recht oder unrecht, gebrauchen ließ, um das verschwendete Geld durch anderes zu ersetzen. Jetzt hegte er die innigsten Wünsche für die Wohlfahrt Flanderns; aber was konnte es nützen, wenn Johanna von Navarra schon anders darüber verfügt hatte?

Nachdem die Schlüssel abgeliefert waren, hörte der König noch einige Zeit die Ansprachen der Senatoren an und stieg endlich von dem Podium herab. Alles stieg zu Pferde, und die Fürstlichkeiten ritten langsam durch die übrigen Straßen der Stadt, bis sie endlich in den »Prinzenhof« gingen, um dort mit den vornehmsten Herren und den Leliaarts das Mittagmahl einzunehmen. Unterdessen kehrten die Handwerksgesellen zu ihren Familien zurück, und das Fest nahm ein Ende.

Am Abend, lange nach dem Abzug der Gäste, befand sich Johanna allein mit ihrer Hofdame in dem Zimmer, wo sie schlafen sollte. Schon hatte sie einen erheblichen Teil ihres lästigen Prunkgewandes abgelegt und war eben damit beschäftigt, sich ihrer Juwelen zu entledigen. Die heftige Bewegung ihrer Hände und der ärgerliche Ausdruck ihrer Gesichtszüge gaben ihre Ungeduld zu erkennen. Die Hofdame wurde bissig angeschnaubt, alle ihre Handlungen wurden zornig getadelt und bemängelt; Perlenschnüre und Ohrringe wurden wie nichtige Gegenstände hierhin und dorthin geschleudert, während unablässig grimmige Ausdrücke dem Munde der Fürstin entquollen.

Nachdem sie ein weißes Nachtgewand angezogen, ging sie in tiefem Sinnen im Zimmer auf und ab und zeigte nicht die mindeste Lust zum Schlafen; ihre flammenden Augen irrten beständig umher. Die Hofdame, die sich dieses seltsame Gebaren nicht erklären konnte, näherte sich ehrfurchtsvoll der Fürstin und fragte:

»Belieben Eure Majestät noch länger zu wachen, und soll ich einen größeren Kandelaber mit mehr Wachslichtern holen?«

Ungestüm antwortete die Königin:

»Nein! – Es ist Licht genug da. Ihr langweilt mich mit Euren lästigen Fragen. – Laßt mich allein. Geht, sag' ich Euch! Geht in den Vorsaal und wartet auf meinen Vetter de Chatillon. Möge er bald kommen. – Geht! ...«

Während die Hofdame sich auf diesen barschen Befehl hin entfernte, setzte Johanna sich an einen Tisch und ließ den Kopf in die Hand sinken. In diesen Augenblicken gedachte sie der Schmach, die ihr geschehen war. Dann erhob sie sich wieder, ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab und bewegte die Hände mit heftigen Gebärden. Endlich sagte sie mit dumpfer Stimme:

»Wie? Ein kleines und nichtiges Volk soll mich, die Fürstin der Franzosen, zu höhnen wagen! Eine stolze Frau soll mich die Augen niederschlagen lassen! – Hohn! Schmach!«

Eine Träne der Wut blitzte auf ihrer heißen Wange; sie richtete den Kopf plötzlich auf und lachte wie ein böser Geist in giftiger Freude. Dann fuhr sie fort:

»O, ihr dünkelhaften Flamen, ihr kennt Johanna von Navarra noch nicht. Ihr wißt nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann ... Ruht und schlaft ohne Furcht in eurer Vermessenheit; ich weiß Mittel, um euch zu foltern. Wie viele Tränen werdet ihr durch mich weinen – welche Bitternis wird meine Hand euch bereiten! Dann werdet ihr meine Macht kennen lernen. Ihr werdet kriechen und betteln, vermessene Laten, aber ich werde euch nicht hören. Eure trotzigen Köpfe werde ich mit Freuden unter meinen Füßen zertreten. Vergeblich werdet ihr weinen und nutzlos werdet ihr klagen; denn Johanna von Navarra ist unerbittlich – das wißt ihr nicht ...«

Jetzt hörte sie die Schritte der Hofdame im Durchgang. Die aufgeregte Fürstin eilte vor einen Spiegel und ordnete ihr ganzes Äußeres; sie zwang ihr Gesicht zu einem ruhigeren Ausdruck und schien ganz gleichmütig und gelassen. In der Kunst der Heuchelei, in der großen Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra durchaus geübt.

Bald trat de Chatillon ins Zimmer und beugte das Knie vor der Königin.

»Herr de Chatillon,« sprach sie, indem sie ihn mit der Hand erhob. »Ihr scheint mein Begehren nicht sehr zu achten. Habe ich Euch nicht vor zehn Uhr entboten?«

»Es ist wahr, Madame; aber der König, mein Herr, hat mich wider meinen Willen zurückgehalten. Ich bitte Euch, glaubt mir, durchlauchtigste Base, daß ich auf glühenden Kohlen gestanden habe, so sehr verlangte ich Eurem königlichen Begehren zu genügen.«

»Eure Zuneigung, mein Herr, ist mir sehr angenehm; auch habe ich mir vorgenommen, Euch heute für Eure guten Dienste zu belohnen.«

»Gnädige Fürstin, es ist mir schon eine so große Gunst, Eurer Majestät folgen und dienen zu dürfen; ein Diener möge höheren Ämtern nachjagen – für mich ist Euer lieblicher Anblick das höchste Glück: ich verlange nichts weiter.«

Die Königin lächelte und sah tadelnd auf den Schmeichler; denn sie begriff, wie sehr sein Herz diese Worte leugnete. Sie sagte mit Nachdruck:

»Und wenn ich Euch das Land Flandern zu Lehen geben wollte?«

De Chatillon, der auf solche Gabe, wenigstens in diesem Augenblick nicht gerechnet hatte, bereute seine Worte; er vermochte anfänglich nicht zu antworten. Aber bald faßte er sich wieder und sagte:

»Wenn es Eurer Majestät gefiele, mich mit diesem Vertrauen zu beehren, würde ich nicht wagen, Eurem königlichen Willen zu widerstehen. Mit Dankbarkeit und Untertänigkeit würde ich diese Gunst entgegennehmen und Eure großmütigen Hände in ehrfurchtsvoller Liebe küssen.«

»Hört, Herr de Chatillon,« rief die Königin ungeduldig, »ich habe keine Lust, Eure Höflichkeit auf die Probe zu stellen; deshalb wird es mir besser gefallen, wenn Ihr alle diese gemachten Redensarten unterlaßt und ohne Umschweife mit mir sprecht; – denn Ihr könnt nichts sagen, was ich nicht besser wüßte. Was sagt Ihr zu meinem Einzug? Hat Brügge die Königin von Navarra nicht großartig empfangen?«

»Ich bitte Euch, durchlauchtigste Base, laßt diese bitteren Scherze. Mir ist die Schmach, die Euch geschehen ist, tief zu Herzen gegangen. Ein schlechtes und verächtliches Volk hat Euch ins Antlitz getrotzt, und Eure Würde ist mißachtet worden; aber betrübt Euch doch nicht, denn es fehlen uns nicht die Mittel, um diese vermessenen Untertanen zu zähmen und niederzuzwingen.«

»Kennt Ihr Eure Base, Herr de Chatillon? Ist Euch die Eifersucht der Königin von Navarra bekannt?«

»Wahrlich, o Fürstin, die edelste und löblichste Eifersucht; denn wer eine Krone trägt und sie mißachten läßt, verdient sie nicht länger. Jedermann bewundert mit Recht Euer königliches Gemüt.«

»Wißt Ihr auch, daß eine geringe Rache mich nicht befriedigt? Die Strafe derjenigen, die mich geschmäht haben, muß im Einklang mit meiner Würde stehen. – Ich bin Königin und Weib – dies ist genug gesagt, welche meiner Wünsche Ihr auszuführen habt, wenn ich Euch als Landvogt über Flandern setze.«

»Es ist unnötig, daß Eure Majestät sich länger damit beschäftigen; seid versichert, daß Ihr völlig gerächt werdet. Vielleicht werde ich noch über Euer Begehren hinausgehen; ich habe nicht allein Eure Schmach zu rächen, sondern auch den Hohn, der täglich der Krone Frankreichs von diesem störrischen Volke angetan wird.«

»Herr de Chatillon, laßt die schlaue Politik Eure Richtschnur sein; schnürt ihnen nicht mit einem Male den Hals zu, sondern nehmt ihnen den Mut durch langsame Demütigung. Beraubt sie nach und nach des Geldes, das sie zum Widerstand antreibt – und wenn Ihr sie an den Pflug gewöhnt habt, drückt ihnen dann das Joch so fest in den Nacken, daß ich über ihre Ergebung triumphieren kann. Seid nicht zu eilig; ich habe Geduld genug, wenn damit das Ziel leichter erreicht werden kann. Um schneller zu diesem Ziele zu gelangen, wird es ratsam sein, einen gewissen de Coninck von der Vorsteherschaft der Weber zu entfernen und niemand anders als Franzosen oder ihre Freunde zu den einflußreichen Ämtern zuzulassen.«

De Chatillon hörte aufmerksam auf die Ratschläge der Königin und verwunderte sich innerlich über ihre schlaue Politik. Da seine eigene Rachsucht ihn zu bösartiger Tyrannei anfeuerte, freute er sich über die Maßen, daß er so seinen Leidenschaften und den Wünschen seiner Base genügen durfte.

Er antwortete mit sichtlicher Freude:

»Ich danke für die Ehre, die Eure Majestät mir bereiten, und werde nichts versäumen, um als getreuer Untertan dem Rate meiner Fürstin zu folgen. Ist es Euch gefällig, mir noch einige Befehle zu erteilen?«

Diese Frage bezog sich auf die junge Machteld. De Chatillon wußte wohl, daß die Jungfrau den Zorn der Königin auf sich geladen hatte, und konnte daher leicht vermuten, daß sie nicht ungestraft bleiben durfte. Johanna antwortete:

»Ich glaube, daß es nicht unvernünftig wäre, die Tochter des Herrn van Bethune nach Frankreich zu führen: denn auch sie ist von der flämischen Starrköpfigkeit erfüllt. Es wird mir angenehm sein, sie am Hofe zu haben. Nun genug davon; – Ihr versteht meine Absichten. Morgen verlasse ich dieses verfluchte Land; denn zu lange habe ich die Schmach ertragen. Raoul de Nesle folgt uns; Ihr bleibt als Regent in Flandern mit der Vollmacht, das Land nach Eurem Willen und in Treue zu verwalten.«

»Oder nach dem Willen meiner königlichen Base,« fiel de Chatillon ihr schmeichlerisch in die Rede.

»So sei es,« bestätigte Johanna, »ich freue mich über Euere Dienstwilligkeit. Zwölfhundert Reiter werden mit Euch bleiben, um Eure Befehle zu stützen. – Nun woll' es Euch belieben, mich die nötige Ruhe genießen zu lassen. Ich wünsche Euch gute Nacht, mein schöner Vetter!«

»Der gute Engel wache über Eure Majestät!« sprach de Chatillon, sich verneigend, – und damit verließ er das Gemach des boshaften Weibes.

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