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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 7
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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5.

Zur damaligen Zeit gab es in Flandern zwei Parteien, die sich gegenseitig bekämpften und nichts verschmähten, um sich gegenseitig allen möglichen Nachteil zuzufügen. Die meisten Edlen und Machthaber hatten sich bei allen Gelegenheiten für die französische Verwaltung erklärt und erhielten darum den Namen »Leliaarts« (Lilienmänner), weil sie dem Lilienwappen Frankreichs zugetan waren. Warum sie so die Feinde des Vaterlandes begünstigten, wird aus folgendem leicht ersichtlich sein.

Durch die kostbaren Ritterspiele, die inneren Kriege und die weiten Kreuzzüge waren die meisten Edelleute verarmt. Dadurch wurden sie gezwungen, ihre Rechte auf die Städte oder Herrschaften an die Einwohner für große Summen zu verkaufen und ihnen Freiheiten oder Privilegien zu geben. Die Städte verarmten sich dadurch für einige Zeit, aber bald trug ihnen die erkaufte Befreiung die schönsten Früchte. Das niedere Volk, das ehemals mit Leib und Gut seinem Herrn gehört hatte, begriff nun, daß sein Schweiß nicht mehr für ungerechte Herren floß; es wählte sich Bürgermeister und Ratsherren und bildete eine Verwaltung, um die sich die Herren des Landes nicht im mindesten zu bekümmern hatten. Die Gewerke wirkten gemeinsam für die allgemeine Wohlfahrt und stellten Dekane auf, die in ihren Angelegenheiten die Zügel führten.

Durch die sehr günstige Gastfreiheit angelockt, kamen die Fremden aus allen Richtungen nach Flandern, und der Handel nahm einen Umfang und eine Lebhaftigkeit an, die unter der Verwaltung der Lehensherren unmöglich gewesen wären. Die Industrie blühte, das Volk ward reich, und stolz auf seinen so lange verkannten Wert, erhob es sich immer kühner mit bewaffneter Hand gegen seine vormaligen Herren. Die Edlen, die ihre Rechte und Güter dadurch immer mehr verkürzt sahen, suchten durch List und Gewalt die wachsende Macht der Volksgemeinden zu beeinträchtigen. Dies war ihnen jedoch nie gelungen, denn die Reichtümer der Städte gestatteten diesen auch, ein Heer aufzubringen und so die bestehenden Freiheiten zu verteidigen und unverletzt zu behüten. In Frankreich war es nicht so beschaffen. Philipp der Schöne hatte aus Geldnot den dritten Stand oder die Leute der guten Städte wohl hin und wieder zu einer allgemeinen Versammlung einberufen, aber das gab dem Volke nur einen zeitlichen Wert, der sofort von den Lehensherren wieder aufgehoben ward.

Die übriggebliebenen Edlen, die in Flandern nicht viel mehr zu sagen hatten und nur noch ihre Eigentumsrechte besaßen, betrauerten ihre verlorene Macht sehr; das einzige Mittel, sie wieder zu erlangen, war die Vernichtung der blühenden Gemeinden. Da in Frankreich die Freiheit noch nicht gestrahlt hatte und die Herrschaft der Lehensherren noch unumschränkt und zwingend war, hofften sie, daß Philipp der Schöne den Stand der Dinge in Flandern verändern und sie in ihren einstigen Rechten wiederherstellen werde. Demzufolge begünstigten sie Frankreich gegen Flandern und erhielten den Namen Leliaarts als Schandmal. Sie waren in Brügge, neben Venedig die reichste Handelsstadt der Welt, sehr zahlreich; selbst der Bürgermeister und andere Gewalthaber, die durch französischen Einfluß auf ihre Posten gekommen waren, zählten zu den Leliaarts.

Die Verhaftung des Grafen und der treugebliebenen Edelleute ward von ihnen mit Freude vernommen; denn nunmehr war Flandern zugunsten Philipps des Schönen verwirkt, und dieser konnte daher die Gesetze und Vorrechte vernichten.

Das Volk nahm die Kunde von der Meineidigkeit des französischen Hofes mit der größten Niedergeschlagenheit entgegen; die Liebe, die es immer seinem Grafen entgegengebracht, wurde durch die Teilnahme noch inniger und äußerte sich in Murren gegen den Eidbruch. Aber die französischen Kriegerscharen, die überall in Menge lagen, und die Uneinigkeit, die unter den Bürgern herrschte, machten die aufrechten Klauwaarts Während man, wie schon erwähnt, die französisch gesinnten Flamen Leliaarts nannte, hießen dagegen die Anhänger des Grafen und der Unabhängigkeit des Landes »Klauwaarts« (Klauenmänner), von den Klauen, mit denen der Wappenlöwe von Flandern die Lilien zu bedrohen schien. zunächst mutlos. Philipp der Schöne blieb ruhig im Besitze von Gwijdes Erbe.

Sobald die traurige Kunde nach Flandern kam, begab Maria, die Schwester Adolfs van Nieuwland, sich mit zahlreicher Dienerschaft nach Wynendaal und ließ ihren verwundeten Bruder in einer Sänfte nach dem väterlichen Hause in Brügge überführen. Die junge Machteld, die sich nun so plötzlich von allen ihren Verwandten gerissen sah, folgte ihrer neuen Freundin und verließ das Schloß Wynendaal, das eine französische Besatzung erhalten hatte.

Das Haus der Nieuwlands lag in der Spanischen Straße zu Brügge. Zwei alte Türme ragten an beiden Giebelecken mit ihren Wetterfahnen über das Dach hinaus und beherrschten alle umliegenden Gebäude; zwei steinerne Pfeiler in griechischer Stilart stützten das Gewölbe, das das Tor bildete; darüber stand das Schild der Nieuwlands mit der Inschrift über dem Wappenhelm: » Pulchrum pro patria mori«. Zu beiden Seiten des Wappenschildes stand ein Engel mit Palmzweigen in der Hand.

In einem Zimmer, das tief genug gelegen war, um von dem ununterbrochenen Straßenlärm verschont zu bleiben, lag der kranke Adolf auf einem kostbaren Bette. Er war über die Maßen bleich, und die Schmerzen, die ihm seine Wunde bereitete, hatten ihn derart abgemagert, daß er nicht mehr zu erkennen war. Am Kopfende des Bettes, auf einem Tischchen, standen ein kleiner Krug und eine silberne Trinkschale; an der Wand hing der Harnisch, der gegen den Speer de St. Pols nicht bestanden und durch den Adolf seine Wunde empfangen hatte; daneben eine Harfe mit entspannten Saiten. Um ihn herrschte tödliche Stille. Da die Fenster halb geschlossen waren, war das Gemach nur durch einen unsicheren Schimmer erleuchtet, und nichts konnte man vernehmen als das schwere Keuchen des Ritters und das Rascheln eines seidenen Kleides.

In einer Ecke saß Machteld stumm und mit gesenkten Blicken. Der Falke, der auf der Lehne ihres Stuhles saß, schien gegen die Traurigkeit seiner Herrin nicht unempfindlich, denn er hatte den Kopf mißmutig zwischen seinem Gefieder versteckt und rührte sich nicht.

Das junge, einst so unschuldige und frohgemute Mädchen, das für jeden Kummer unerreichbar geblieben war, war nun gänzlich verändert. Die Gefangennahme aller, die ihr teuer waren, hatte ihr junges Herz so schwer erschüttert, daß in ihren Augen alles schwarz und finster geworden war. Für sie war der Himmel nicht mehr blau, waren die Felder nicht mehr grün – ihre Träume waren nicht mehr von Gold- und Silberfäden durchflochten. Nun fanden Traurigkeit und stille Verzweiflung allein den Weg zu ihrem Herzen; in dem schmerzlichen Gedenken an die Gefangenschaft ihres Vaters konnte nichts sie trösten.

Nachdem sie so einige Zeit bewegungslos gesessen, erhob sie sich langsam und nahm ihren Falken auf die Hand. Sie betrachtete weinend den Vogel und sagte mit leiser Stimme, während sie von Zeit zu Zeit eine Träne von ihren blassen Wangen wischte:

»O, mein treuer Vogel, traure nicht so; unser Herr Vater wird bald wiederkommen. Die böse Königin von Navarra wird ihm nichts Schlimmes tun – denn zum heiligen Michael habe ich so feurig für ihn gebetet. Und Gott ist ja gerecht! Trauere also nicht mehr, mein lieber Habicht!«

Das Mädchen weinte noch heißere Tränen. Obwohl ihre Worte tröstlich und hoffnungsvoll schienen, war es in ihrem Herzen anders bestellt: die tiefste Schwermut hatte sie ergriffen. Sie fuhr fort:

»Mein armer Falke, nun darfst du nicht mehr in den heimatlichen Tälern jagen, denn die Franzosen hausen in unserem schönen Wynendaal. Sie haben unseren unglücklichen Vater in einen Kerker gesetzt und mit schweren Ketten gefesselt. Nun seufzt er im finsteren Gefängnis – und wer weiß, ob die grausame Johanna ihn nicht töten lassen wird! O, mein lieber Vogel, dann sterben auch wir vor Angst. – Der Gedanke, der schreckliche Gedanke allein nimmt mir alle Besinnung. Hier setze dich nieder, denn meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen ...«

Das verzweifelte Kind sank ermattet in den Sessel; dennoch wurden ihre Wangen nicht bleicher, denn seit langer Zeit waren die Rosen auf ihnen verwelkt und ihre Lider hatten sich durch das ewige Weinen gerötet. Der Liebreiz war von ihren Zügen verschwunden, und ihre Augen waren trübe und ohne Feuer.

Vom Krankenlager her kam ein dumpfer Seufzer.

Hastig trocknete Machteld ihre Tränen ab und ging mit banger Sorge zu dem Kranken. Nachdem sie den Trank in die silberne Schale gegossen, steckte sie die Rechte unter das Haupt Adolfs, hob es ein wenig in die Höhe und führte die Schale an seinen Mund.

Der Ritter hatte seit seiner Verwundung noch nicht verständlich gesprochen; es schien sogar, daß er die Worte, die man an ihn richtete, nicht verstand. Dies war jedoch nicht so. Wenn Machteld ihn in den ersten Tagen seiner Krankheit freundlich anredete: »Geneset, mein armer Adolf, mein lieber Bruder; ich werde für Euch beten, denn Euer Tod würde mich noch unglücklicher machen,« und andere Reden mehr, die sie ohne Arg an seinem Lager tat, so hatte Adolf sie jedesmal gehört und verstanden, wenn ihm auch die Fähigkeit zum Sprechen fehlte.

In der vorausgegangenen Nacht war eine merkliche Besserung in Adolfs Zustand eingetreten. Die Natur hatte ihm nach langem Kampfe einen heilsamen Schlaf gewährt und ihn daraus mehr Kraft und Leben schöpfen lassen. Der Seufzer, der beim Erwachen seiner Brust entfuhr, war lauter und länger, als die Atemzüge, die seine Wunde ihm bisher gestattet hatte.

Als Machteld die Trinkschale von seinem Mund genommen hatte, erstaunte sie nicht wenig, denn er sprach mit schwacher, doch klarer Stimme:

»O, edle Magd! O, mein Schutzengel! – Ich danke dem guten Gott für den Trost, den er mir durch Euch verliehen hat. Bin ich Eurer Sorge würdig, o, edles Fräulein, weil Eure erlauchte Hand meinen Kopf so freundlich unterstützt? Seid gesegnet für Eure Sorge um einen armen Ritter ...«

Das Mädchen betrachtete ihn zuerst erschreckt; als sie bemerkte, wie sehr er an Leben gewonnen hatte, schlug sie freudig die Hände zusammen und gab ihrem Jubel durch laute Rufe Ausdruck.

»Ha, Ihr werdet genesen, Herr Adolf!« rief sie. »O, nun werde ich nicht mehr trauern – nun werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich trösten kann!«

Als ob sie sich in diesem Augenblick plötzlich einer vergessenen Sache erinnerte, hielt sie plötzlich inne; ihr Gesicht wurde wieder ernst, und sie warf sich vor dem Christusbilde nieder, das am Kopfende des Bettes stand. Sie faltete die Hände und sandte ein langes Dankgebet zum Herrn, der ihren Freund und Bruder gerettet hatte.

Als sie sich wieder erhob, betrachtete sie noch einmal den Ritter und sprach zu ihm mit froher Stimme:

»Haltet Euch still, Adolf, und rührt Euch nicht, denn Meister Rogaert hat es verboten.«

»Was habt Ihr nicht alles schon für mich getan, erlauchte Tochter meines Herrn!« sprach Adolf. »Eure Gebete sind ständig an mein Ohr geklungen. Eure tröstende Stimme hat mein Herz so manches Mal gestärkt! Ja, es ist mir im Schlummer erschienen, als ob ein Engel Gottes den Tod von meinem Lager wehrte ... ein Engel, der mein Haupt stützte, der mitleidig meinen brennenden Durst stillte und mir ohne Unterlaß versicherte, daß ich nicht sterben würde ... O, gebe Gott mir die Gesundheit wieder, damit ich mein Blut für Euch vergießen kann!«

»Herr van Nieuwland,« antwortete das Mädchen, »Ihr habt Euer Leben für meinen Vater gewagt – Ihr liebt ihn, wie ich ihn liebe ... Ziemt es dann nicht mir, Euch meine Dankbarkeit zu bezeugen und Euch wie einen Bruder zu pflegen? Der Engel, den Ihr gesehen habt, war St. Michael, zu dem ich für Euch gebetet, damit er Euch beistehe. – Nun will ich eiligst Eure gute Schwester Maria rufen, damit sie sich mit mir über Eure Besserung freue!«

Sie verließ den Ritter und kehrte nach einigen Augenblicken mit Maria zurück. Die Freude, die sie über das günstige Befinden Adolfs empfand, war auf ihren Gesichtszügen und in ihrer ganzen Haltung ausgedrückt. Schneller und lebhafter waren ihre Bewegungen; ihre Tränen flossen nicht mehr, und der treue Vogel bekam wieder heitere Worte zu hören. Als sie mit Maria das Zimmer betreten hatte, nahm sie den Vogel auf ihre Hand und trat damit an Adolfs Bett.

»Mein werter Bruder,« rief Maria, indem sie ihn auf die bleiche Wange küßte, »du wirst genesen! Nun werden diese schrecklichen Träume mich verlassen. O, ich bin so froh! Wie oft habe ich an deinem Lager bittere Tränen geweint; wie oft habe ich gedacht, daß du sterben würdest! Jetzt aber verschwindet meine Traurigkeit. Willst du trinken, Bruder?«

»Nein, gute Maria,« erwiderte Adolf, »ich habe in meiner Krankheit niemals Durst gelitten – die edelmütige Machteld hat mich stets so sorglich gepflegt! So werde ich auch beim erstenmal, da ich nach Heiligenkreuz Sint-Kruis (Heiligenkreuz) ist ein Dorf unweit der Stadt Brügge, dort stand zu jener Zeit eine berühmte Kapelle zum Heiligen Kreuz. gehen darf, mein Gebet den Segen Gottes auf sie herabflehen, damit niemals ein Unheil sie berühren möge.«

»Siehe, mein treuer Vogel,« rief das Mädchen, indem sie den Kopf des Falken nach Adolf zu wendete, »siehe, nun genest Herr van Nieuwland, den wir solange machtlos haben liegen sehen. Nun dürfen wir wieder zusammen sprechen, und nun werden wir nicht immer so traurig sein. Jetzt schwindet unsere Furcht, und so werden vielleicht unsere Schmerzen auch verschwinden, denn nun siehest du wohl, daß Gott gut und gerecht ist. Ja, mein schöner Habicht, so endet auch einmal die bittere Gefangenschaft meines ...«

Hier fühlte Machteld plötzlich, daß sie etwas sagen wollte, das der kranke Ritter nicht erfahren dürfe. Wie kurz sie auch ihre Rede abbrach, so klang doch das Wort Gefangenschaft sehr wunderlich in Adolfs Ohren. Die Tränen, die er bei seinem Erwachen auf des Mädchens Wangen bemerkt hatte, erweckten in ihm eine ängstliche Vorahnung.

»Was sagt Ihr, Machteld?« rief er. »Wessen Gefangenschaft? Ihr weint! Himmel, was mag geschehen sein!«

Machteld wagte nicht zu antworten; aber Maria, die mit größerer Geistesgegenwart begabt war, neigte ihren Mund zu seinem Ohr und flüsterte:

»Die Gefangenschaft Philippas, ihrer Muhme. – Rede ihr nicht mehr davon; sie weint immerfort. Nun du dich gebessert hast, werde ich sogleich, wenn Meister Rogaert es erlaubt, mit dir über wichtige Sachen sprechen, aber die junge Dame darf uns nicht hören. Nun halte dich still, mein Bruder, ich will Machteld in ein anderes Zimmer führen.«

Der Ritter ließ den Kopf auf das Kissen sinken und stellte sich, als wollte er ruhen. Dann wendete sich Maria zu Machteld und sprach:

»Edles Fräulein, es möge Euch belieben, mit mir zu gehen, denn Herr Adolf will ein wenig schlafen. Seine Dankbarkeit für Euch läßt ihn zu viel sprechen.«

Das Mädchen folgte willig der Freundin.

Bald darauf kam der Wundarzt Rogaert und wurde von Maria zu ihrem Bruder geführt.

»Nun, Herr Adolf,« rief er, indem er des Kranken Hand ergriff, »es geht gut, wie ich sehe. Laßt nun alle Besorgnis fahren: wir sind gerettet. Es ist nicht nötig, daß ich Eure Wunde jetzt verbinde. Trinkt nur fleißig von diesem Wasser und haltet Euch so still als möglich. In weniger als einem Monat werden wir zusammen einen Spaziergang machen. Dies ist meine Meinung; doch können unerwartete Zufälle dazwischen kommen. Da Euer Geist nicht so krank ist, wie Euer Körper, erlaube ich, daß Fräulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis Kenntnis gebe; aber ich bitte Euch, Herr Adolf, erschreckt nicht zu sehr und haltet Euch recht ruhig.«

Maria hatte schon zwei Stühle herangezogen; sie setzte sich mit Meister Rogaert am Lager nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie mit der größten Neugierde, und auf seinem Gesicht war zu lesen, daß er sich schon im voraus betrübte.

»Laß mich bis zu Ende sprechen,« begann Maria, »unterbrich meine Rede nicht und sei stark, mein Bruder. An dem Abend, der für dich so verhängnisvoll war, rief unser Graf seine getreuen Lehensmannen zusammen und erklärte ihnen, daß er nach Frankreich reisen wollte, um vor dem König Philipp dem Schönen einen Fußfall zu tun. Also wurde beschlossen, und Gwijde von Flandern ging mit den Edlen nach Compiègne; aber dort angekommen, wurden sie alle festgenommen, und nun ist unser Land unter französischer Verwaltung: Raoul de Nesle beherrscht Flandern.«

Die Bewegung, die den Ritter bei diesem kurzen Bericht ergriff, war so heftig, wie man erwarten konnte. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken versunken.

»Ist das nicht schrecklich?« fragte Maria.

»O Gott!« schrie Adolf auf. »Welche Seligkeit hältst du für Gwijde bereit, daß er so viele Demütigungen auf dieser Welt ertragen muß! Aber sage mir, Maria, ist der Löwe von Flandern auch gefangen?«

»Ja, mein Bruder, Herr Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges gefangen und Herr Willem zu Rouen. Von allen Edlen, die bei dem Grafen waren, ist nur einer dem traurigen Lose entgangen – und das ist kein anderer als der listige Diederik.«

»Nun verstehe ich die abgebrochene Rede und die Tränen der unglücklichen Machteld. – Ohne Vater, ohne Familie, muß die Tochter der Grafen von Flandern bei Fremden ein Obdach suchen!«

Bei diesem Ausruf leuchtete ein helles Feuer in seinen Augen; sein Gesicht nahm einen begeisterten Ausdruck an, und er fuhr fort:

»Das teure Kind meines Fürsten und Herrn hat mich wie ein Schutzengel beachtet! ... Sie ist verlassen und der Verfolgung bloßgestellt; aber ich werde mich der Wohltaten des Löwen erinnern: ich werde sie wie ein Heiligtum hüten. O, welch schöne, welch erhabene Sendung ist mir beschieden! Wie kostbar ist mir jetzt das Leben, da ich es ganz der Dankbarkeit widmen kann!«

Nach einer kurzen Weile tiefen Nachdenkens verdüsterte sich plötzlich sein Gesicht; er betrachtete mit bittendem Blick den Arzt und sprach:

»Wie schmerzlich, o Gott, wird jetzt meine Wunde – wie unerträglich dieses Lager! Mein bester Freund Rogaert, ach, heilt mich schnell, um Gottes willen – damit ich auch etwas tun kann für diejenige, die mir so liebreich in meiner Krankheit beigestanden ist. Spart kein Geld, gebraucht die köstlichsten Kräuter, die edelsten Gesteine, damit ich mich vom Lager erheben kann; denn nun gibt es keine Ruhe mehr für mich!«

»Aber, Herr van Nieuwland,« antwortete Rogaert, »es ist nicht möglich, die Heilung Eurer Wunde zu beschleunigen; die Natur muß Zeit haben, um die verletzten Teile wieder zu vereinigen. Geduld und Ruhe werden Euch besser helfen als Kräuter und Gesteine. Aber dies ist nicht alles, was wir Euch sagen wollten. Wisset, daß die Franzosen überall die Herren sind und daß sie immer kühner werden. Bis jetzt haben wir die junge Machteld ihren Blicken entzogen, aber wir fürchten, daß sie eines Tages entdeckt werden wird. Und es ist zu befürchten, daß dann die arme Jungfrau ebenfalls an Johanna von Navarra ausgeliefert wird.«

»Himmel!« rief Adolf aus. »Ihr habt recht, Meister Rogaert, sie werden sie nicht schonen. Aber was sollen wir tun? Welch ein Unglück, daß ich hilflos hier liegen muß, während sie meiner Hilfe bedarf ...«

»Ich weiß einen Ort,« versetzte Rogaert, »wo Machteld sicher sein könnte.«

»O, Ihr rettet mich aus der Verzweiflung. Nennet doch schnell den Ort!«

»Meinet Ihr nicht, Adolf, daß sie im Lande Jülich Ein Herzogtum in Westfalen, umfassend die Städte Jülich, Düren und Aachen. Wilhelm, ein Neffe Robrechts van Bethune, war Erzdiakon von Lüttich und Propst von Aachen, wo er auch wohnte. bei ihrem Vetter Willem in aller Ruhe verbleiben könnte?«

Der Ritter erschrak sichtlich bei dieser Frage. Sollte er Machteld nach einem fremden Lande ziehen lassen? Sollte er sich selbst in die Unmöglichkeit versetzen, ihr beizustehen und sie zu verteidigen? Dazu konnte er sich nicht entschließen, da er sich im Geiste schon mit der Aufgabe betraut, selber Machteld ihrem Vater zurückzugeben und für sie alles Ungemach zu erdulden.

Inzwischen spannte er alle seine Denkkräfte an, um ein anderes Mittel zu finden, das sie nicht soweit von ihm entfernen würde. Als er es gefunden zu haben glaubte, ging ein freudiger Ausdruck über sein Gesicht, und er antwortete:

»Wahrhaftig, Meister Rogaert, dieser Aufenthaltsort wäre über die Maßen günstig; aber nach Eurer Rede sind die französischen Banden über ganz Flandern verbreitet, deshalb scheint es mir für eine Frau sehr gefährlich, diese Reise zu wagen. Ein Geleite darf sie nicht haben, denn das würde die Sache nur verschlimmern. – Und soll ich Fräulein Machteld allein mit einigen Dienern gehen lassen? O nein, ich muß sie wie meine Seligkeit hüten, denn Robrecht van Bethune wird einst seine Tochter von mir heischen.«

»Aber, Herr Adolf, laßt mich Euch doch sagen, daß Ihr die Jungfrau noch mehr bloßstellt, wenn Ihr sie in Flandern behaltet. Denn wer soll sie denn schirmen? Ihr nicht – Ihr könnt es nicht. Die Herren der Stadt werden es auch nicht tun; sie sind zu sehr von Frankreich abhängig. Was soll aus dem armen Edelfräulein werden, wenn sie von den Franzosen entdeckt wird?«

»Ich habe ihren Beschützer schon gefunden,« antwortete Adolf. »Maria, willst du einen Knecht zu dem Dekan der Wollweber senden, damit er mich besuche? Meister Rogaert, ich bin willens, unser junges Edelfräulein unter den Schutz der Gemeinde zu stellen. – Meint ihr nicht auch, daß dies eine gute Eingebung ist?«

»O, das ist kein schlechter Gedanke; aber es wird Euch nicht gelingen, denn das Volk ist auf alles, was sich edel nennt, sehr erbittert. – Und wahrlich, Herr Adolf, man hat nicht unrecht, denn die meisten Edelleute knüpfen mit unseren Feinden an und wollen die Rechte der Gemeinde vernichten.«

»Das kann mich in meinem Vorsatz nicht stören, dessen dürft Ihr sicher sein, Meister Rogaert. Mein Vater hat durch seine Fürsprache der Stadt Brügge viele Vorrechte verschafft, und dies hat der Dekan der Wollweber nicht vergessen und seine Genossen auch nicht. Sollten aber meine Bemühungen nicht gelingen, werden wir ein sicheres Mittel suchen, um die Jungfrau nach dem Lande Jülich zu bringen.«

Nachdem sie den Gegenstand noch eine gute halbe Stunde besprochen, kam Meister de Coninck, Hauptdekan der Wollweber, in Adolfs Zimmer.

Ein Koller von braunem Wolltuch ging ihm vom Hals bis zu den Füßen; diese Kleidung, ohne jeden Zierat oder Stickerei, unterschied sich unendlich von der der Edlen. Es war augenscheinlich, daß der Dekan der Wollweber absichtlich jeden Schmuck verworfen hatte, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Stolz gegen Stolz zu setzen; denn dieser wollene Koller deckte den mächtigsten Mann in Flandern. Auf dem Kopfe trug er eine flache Mütze, unter der die Haare einen halben Fuß lang über seine Ohren fielen. Ein breiter Gürtel hielt die weiten Falten des Kollers um seine Lenden zusammen, an seiner Seite funkelte der Griff eines Dolches. Da er ein Auge verloren hatte, waren seine Gesichtszüge nicht sehr anziehend. Eine übermäßige Blässe, knochige Wangen und tiefe Runzeln auf seiner Stirne verliehen seinem Gesicht ein tiefsinniges Aussehen. Gewöhnlich war an ihm nichts zu erkennen, was ihn von anderen hätte unterscheiden können, aber sobald irgend etwas Sorge oder Interesse in ihm erweckte, wurde sein Blick lebhaft und durchdringend; dann schossen Strahlen der Klugheit und Mannhaftigkeit aus dem ihm verbliebenen Auge, und seine Haltung wurde stolz und würdig. Bei seinem Eintritt betrachtete er wie ein mißtrauischer Fuchs alle Anwesenden, sonderlich den Meister Rogaert; denn er merkte in ihm mehr List als in den anderen.

»Meister de Coninck,« sprach Adolf, »es beliebe Euch, näher zu mir zu kommen. Ich habe Euch um etwas zu bitten, das Ihr mir nicht verweigern werdet, wenn meine Hoffnung auf Euch begründet ist. Aber zuerst müßt Ihr mir geloben, daß Ihr das Geheimnis, das ich Euch anvertrauen werde, niemandem offenbaren wollt.«

»Die Rechtlichkeit und die Gunst des Herrn van Nieuwland sind unter den Wollwebern noch nicht vergessen,« antwortete de Coninck; »also dürfen Euer Gnaden auf mich als auf einen dankbaren Diener rechnen. Aber dennoch, Herr, sollte Euer Ersuchen mit den Rechten des Volkes und der Gemeinde in Widerstreit sein, so würde ich Euch raten, das Geheimnis für Euch zu behalten und mich um nichts zu bitten.«

»Seit wann,« rief Adolf ein wenig verstimmt, »seit wann haben die Herren van Nieuwland Eure Rechte verkürzt? Diese Sprache kränkt mich!«

»Verzeiht, Herr, wenn meine Worte Euch gekränkt haben,« antwortete der Dekan. »Es ist so schwer, die Guten vor den Bösen zu erkennen, daß man mit Recht allen mißtraut. Erlaubt mir, Euch mit einem Worte zu fragen, damit aller Zweifel in mir verschwinde: sind Euer Gnaden ein Leliaart?«

»Ein Leliaart?« rief Adolf entrüstet aus. »Nein, Herr de Coninck, in mir schlägt ein Herz, das den Franzosen durchaus nicht günstig gesinnt ist; die Bitte, die ich an Euch stellen wollte, richtet sich gerade gegen sie.«

»O, dann sprecht frei heraus, Herr, ich bin zu Eurem Dienst bereit.«

»Nun, Ihr wißt, daß unser Graf Gwijde mit allen seinen Edlen gefangen ist; aber es ist jemand in Flandern zurückgeblieben, der nun, aller Hoffnung und allen Beistandes beraubt, die Teilnahme aller Flamen verdient.«

»Ihr sprecht von Jungfrau Machteld, der Tochter des Herrn van Bethune,« fiel de Coninck ein.

»Woher wißt Ihr das?« fragte Adolf erstaunt.

»Noch mehr weiß ich, Herr. Ihr habt Machteld nicht so heimlich in Eure Wohnung bringen lassen, daß de Coninck es nicht hätte erfahren können, und sie könnte ohne meine Kenntnis diese Stätte auch nicht verlassen. Beruhigt Euch aber, denn ich kann Euer Gnaden versichern, daß wenige Leute in Brügge dieses Geheimnis mit mir kennen.«

De Coninck war ein Mann, aus dem Volke geboren, aber eine jener wunderlichen Seelen, die, an Klugheit und Verstand hervorragend, als Beherrscher ihrer Zeitgenossen auftreten. Als die Jahre seine Fähigkeiten gereift hatten, rief er seine Genossen aus ihrem sklavischen Schlummer auf, machte ihnen die Macht des gemeinsamen Zusammenwirkens klar und erhob sich mit ihnen gegen die Tyrannen. Diese wollten das Erwachen ihrer Sklaven mit Gewalt verhindern, aber es war ihnen nicht möglich.

De Coninck hatte durch seine Beredsamkeit seine Genossen aufgerüttelt, daß sie kein Joch mehr tragen wollten. Wenn sie aber mitunter durch die Waffen überrumpelt wurden, beugten alle demütig den Nacken, und de Coninck stellte sich zeitweise so an, als ob ihm die Sprache oder der Verstand verlorengegangen wäre; aber darum schlief der Fuchs noch lange nicht, denn nachdem er den Mut seiner Genossen im geheimen wieder gestählt, erhob er sich mit ihnen gegen die Bedrücker, und die Gemeinde ward wieder ihrer Fesseln ledig. Alle politischen Pläne der Edelleute zerflossen vor der Klugheit de Conincks in Nebel und sie sahen sich durch ihn aller ihrer Rechte auf das Volk beraubt, ohne daß sie es hindern konnten. Man kann wirklich sagen, daß de Coninck einer der größten Reformatoren der politischen Beziehungen zwischen dem Adel und den Gemeinden gewesen ist; die Träume dieses berühmten Mannes gingen lediglich auf die Erhebung eines Volkes hinaus, das solange unter den Sklavenfesseln der Lehensherren geschmachtet.

Als Adolf van Nieuwland die junge Machteld unter seinen Schutz stellte, lächelte er vor Vergnügen, denn das war ein Triumph für das Volk, das er vertrat. Er berechnete die Vorteile, die die Anwesenheit der erlauchten Jungfrau für die Ausführung des großen Befreiungsplanes haben könne.

»Herr van Nieuwland,« erwiderte er, »Eure Bitte ehrt mich außerordentlich. Nichts soll gespart werden, um solch edlen Sprossen zu behüten.«

Um der Gemeinde noch mehr Bedeutung zu geben, fügte er mit Absicht hinzu:

»Es ist jedoch möglich, daß sie von hier entführt wird, ehe ich ihr zu Hilfe kommen kann.«

Diese Bemerkung verdroß Adolf sehr; er deutete die Worte des Dekans dahin, daß er nicht mit dem Herzen bei der Sache sei.

»Wenn Ihr uns nicht mit der Tat helfen könnt, so bitte ich Euch, Meister, mir zu raten, was am besten für den Schutz der Tochter unseres Landesherrn getan werden kann.«

»Das Weberhandwerk ist stark genug, um das Edelfräulein vor allem Unheil zu behüten,« antwortete de Coninck schlau; »ich kann Euch versichern, daß sie in Brügge ebenso getrost wohnen könnte, wie in Deutschland, wenn ich ihr Berater sein dürfte.«

»Aber wer hindert Euch daran?« fragte Adolf.

»Ach, Herr, es steht einem geringen Laat nicht zu, über seine Landesherrin zu gebieten; aber wenn sie sich nach meinem Begehren richten wollte, könnte ich für sie verantwortlich sein.«

»Ich verstehe Euch nicht recht, Meister; was würdet Ihr von der Jungfrau fordern? Ihr wollt sie doch nicht an einen anderen Ort bringen?«

»O nein; – aber sie dürfte sich nicht ohne meine Kenntnis auf die Straße begeben und sich auch nicht weigern, auszugehen, wenn ich es für notwendig halte. Übrigens soll es Euch freistehen, mir diese Macht zu entziehen, sobald Ihr an meiner Aufrichtigkeit zweifelt.«

Da de Coninck in Flandern für einen der verständigsten Menschen galt, meinte Adolf, daß seine Bedingung auf die Vorsicht gegründet sei, und gestand ihm daher alles zu, was er verlangte, nur bedingte er, daß er persönlich für die Jungfrau einstehe. Der Dekan erklärte dann, daß er die edle Machteld nicht kenne. Darauf ward sie von Maria in das Gemach geführt.

De Coninck neigte sich tief und sehr demütig vor ihr; unterdessen betrachtete das Mädchen ihn mit Erstaunen, denn sie wußte nicht, wer er war. Während er in dieser Haltung vor ihr stand, hörte man plötzlich im Gang einen großen Lärm, als ob zwei Personen miteinander stritten.

»So wartet doch!« rief eine von ihnen. »Ich muß erst fragen, ob Ihr eintreten dürft.«

»Was?« rief eine andere kräftigere Stimme. »Wollt Ihr die Fleischhauer ausschließen, während die Weber hier sind? Aus dem Weg, oder Ihr werdet es bereuen!«

Die Tür ging auf, und ein Jüngling von starkem Körperbau und mit hübschen Gesichtszügen betrat das Gemach. Ein Koller, ähnlich dem de Conincks, aber mit mehr Geschmack ausgeschmückt, war seine Kleidung, und ein mächtiger Dolch hing an seinem Gürtel. Als er in das Zimmer trat, warf er mit einer Bewegung des Kopfes sein blondes Haar auf die Schultern zurück und blieb verwundert an der Schwelle stehen. Er hatte geglaubt, den Dekan der Weber mit einigen Genossen hier zu finden, aber als er die vornehme Jungfrau und vor ihr de Coninck in gebeugter Stellung sah, wußte er nicht, was er denken sollte. Doch ließ er sich weder dadurch noch durch die fragenden Blicke des Meisters Rogaert aus der Fassung bringen. Er entblößte sein Haupt, verneigte sich flink vor jedem Anwesenden und ging dann geradeswegs auf de Coninck zu. Ihn vertraulich auf die Achsel klopfend, rief er:

»Ha, Meister Pieter, ich suche schon zwei Stunden nach Euch. Die ganze Stadt bin ich abgelaufen, und nirgends konnte ich Euch antreffen. – Ihr wißt nicht, was im Werke ist und was für Kunde ich bringe?«

»Nun, was wißt Ihr denn, Meister Breydel?« fragte de Coninck ungeduldig.

»Seht mich doch nicht so starr mit Eurem grauen Auge an, Dekan der Wollweber!« rief Breydel. »Denn Ihr wißt sehr wohl, daß ich mich vor Eurem Katzenblick nicht fürchte – aber das ist ja gleichgültig. Nun, König Philipp der Schöne und die verfluchte Johanna von Navarra kommen morgen nach Brügge. – Und die schönen Herren vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischhauer und Gott weiß was noch für Volk verlangt, um Triumphbogen und Ehrenwagen zu bauen.«

»Und was ist dabei so Wunderbares, daß Ihr Euch außer Atem lauft?«

»Wie, Dekan – was das bedeutet? Mehr als Ihr denkt; denn es gibt keinen einzigen Fleischhauer, der dabei mit Hand anlegen will, und vor dem Pand Die Gewerke hatten besondere Gebäude, wo sie sich versammelten und ihre Abzeichen, wie Standarten usw. verwahrten. Diese Gebäude nannte man Pand. stehen dreihundert Weber, um Euch zu erwarten. – Was mich betrifft, so werden Jahre vergehen, bis ich mich für sie rühre. Die Gutentags Die Flamen hatten eine ungeheure Waffe, die sie mit der größten Fertigkeit zu handhaben wußten. Es waren lange Sperre mit einem spitzigen Eisen versehen. Sie wurden »Gutentags« genannt, womit bedeutet werden sollte, daß man den Feind damit begrüßen werde. stehen bereit, die Dolche sind geschliffen und so weiter. – Ihr wißt sehr wohl, Dekan der Wollweber, was dies in meinem Gewerk zu bedeuten hat.«

Die anwesenden Personen horchten neugierig auf diese kühne Rede des Dekans der Fleischhauer. Seine Stimme klang angenehm und wohllautend, wenn sie auch nicht den Ton hatte, den man gegen Frauen anschlägt. De Coninck, der das Vorhaben Breydels für schädlich hielt, antwortete:

»Meister Jan, ich gehe mit Euch – wir werden zusammen die nötigen Maßregeln treffen. Aber zuvor müßt Ihr dieses edle Fräulein als die Tochter des Herrn Robrecht van Bethune ehren.«

Breydel beugte erstaunt vor Machteld ein Knie, erhob seine Augen zu ihr und rief:

»O, erlauchte Dame, vergebt mir die unbesonnenen Worte, die ich, ohne Euch zu kennen, gesprochen habe. Die edle Tochter des Löwen, unseres Herrn, nehme es einem Laat nicht übel ...«

»Steht auf, Meister,« entgegnete Machteld freundlich, »Eure Worte haben mich nicht gekränkt. Liebe zum Vaterland und Haß gegen unsere Feinde haben sie Euch eingegeben. – Ich danke Euch für Eure Treue.«

»Gnädige Gräfin,« fuhr Breydel fort, indem er sich erhob, »Ihr könnt gar nicht glauben, wie ergrimmt ich auf Franzosen und Leliaarts bin. Könnte ich die Schmach, die dem Hause Flandern angetan worden ist, rächen – o, könnte ich das! Aber dieser Dekan der Wollweber hält mich überall zurück; vielleicht hat er recht, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben, aber dennoch kann ich nur schwer an mich halten. Morgen kommt die falsche Königin von Navarra nach Brügge; aber Gott gebe mir andere Gedanken, sonst wird sie ihr verfluchtes Frankreich niemals wiedersehen.«

»Meister,« sprach Machteld, »wollt Ihr mir etwas versprechen?«

»Ich Euch etwas versprechen, edles Fräulein? Wie freundlich redet Ihr doch zu Eurem unwürdigen Diener! Jeder Wunsch von Euch ist mir heiliges Gebot, erlauchte Jungfrau!«

»Was ich begehre, ist nur das eine, daß Ihr die Ruhe nicht störet, solange Eure neuen Fürstlichkeiten hier sein werden.«

»Es sei so,« antwortete Breydel betrübt, »ich hätte lieber gehört, Euer Gnaden hätten meinen Arm und meinen Dolch gefordert. Aber was jetzt nicht ist, kann noch kommen.«

Dann beugte er nochmals das Knie vor ihr und fuhr fort:

»Ich bitte Euch und flehe zu Euch, edle Tochter des Löwen, daß Ihr Euren Diener Breydel nicht vergesset, wenn Ihr jemals mutige Männer nötig haben werdet. Das Fleischhauergewerk wird seine Gutentags und seine Dolche zu Eurem Dienste geschliffen halten.«

Das Mädchen erschrak ein wenig bei diesem blutigen Angebot, aber die Züge dessen, der es ihr machte, gefielen ihr sehr.

»Meister,« antwortete sie, »ich werde meinem Herrn und Vater, wenn Gott ihn mir wiedergibt, von Eurer Treue Kunde geben; ich kann Euch nur meine Dankbarkeit ausdrücken.«

Nun erhob sich der Dekan der Fleischhauer und zog de Coninck am Arm mit sich fort. Als sie das Haus Nieuwlands verlassen hatten, sprachen die Zurückgebliebenen noch lange über diesen unerwarteten Besuch.

Als die beiden Handwerker auf der Straße angelangt waren, sagte de Coninck:

»Meister Jan, Ihr wißt, daß der Löwe von Flandern immer der Freund des Volkes gewesen ist; demzufolge ist es unsere Pflicht, seine Tochter wie ein Heiligtum zu behüten.«

»Schweigt nur,« antwortete Breydel, »der erste Franzmann, der sie scheel ansieht, wird mit meinem Dolch Bekanntschaft machen. Aber, Meister Pieter, wenn wir die Tore schlössen und Johanna nicht in die Stadt ließen, wäre dies nicht besser? Alle Fleischhauer sind bereit: die Gutentags stehen hinter den Türen, und auf den ersten Ruf wird es keine Leliaarts mehr geben ...«

»Hütet Euch wohl, etwas Gewalttätiges zu unternehmen,« versetzte de Coninck. »Seinen Landesherrn prunkvoll zu empfangen, ist überall der Brauch – dies kann die Gemeinde nicht entehren. Es ist besser, seine Macht für Wichtigeres aufzusparen. Das Vaterland ist von französischen Kriegsknechten überschwemmt, und vielleicht würden wir gegen sie den kürzeren ziehen.«

»Aber, Meister, das dauert schon so lange. Laßt uns lieber den Knoten mit einem guten Messer durchschneiden, als uns so lange Mühe zu machen, um ihn zu lösen. Ihr versteht mich wohl!«

»Ja, aber das ist nicht gut gedacht. Die Vorsicht, Breydel, ist das stärkste Messer – es schneidet zwar langsam, aber es wird nimmer schartig und zerbricht auch nicht. Höret und behaltet es bei Euch: laßt das Unwetter ein wenig vorübergehen, laßt die Kriegsknechte teilweise nach Frankreich zurückkehren, gebt den Franzosen und Leliaarts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit erschlaffe ...«

»Nein,« fiel Breydel ein, »das darf nicht sein. – Sie fangen schon an, so kühn und tyrannisch aufzutreten; sie berauben die Bauern ihrer Freiheiten und mißhandeln uns Bürger, als ob wir ihre Sklaven wären.«

»Um so besser, Meister Jan, um so besser!«

»Um so besser? Was soll das heißen? He, Meister, habt Ihr Euren Koller umgekehrt und wollt Ihr Euren Fuchsverstand dazu benützen, um uns zu verraten? – Ich weiß nicht, aber mir scheint, Ihr fangt ordentlich an, nach den Leliaarts zu riechen!«

»Nein, nein, Freund Jan; überlegt doch mit mir: je mehr sie die Gemüter erbittern, desto schneller naht die Erlösung. Wenn sie ihre Taten bemäntelten und mit dem Anschein der Gerechtigkeit herrschten, würde das Volk unter dem Joch einschlafen, und dann würde das Gebäude unserer Freiheit für immer zusammenstürzen. Wisset, daß die Tyrannei der Herren die Freiheit des Volkes ausbrütet. Dennoch wäre ich, wenn sie an die Vorrechte unserer Stadt zu rühren wagten, der erste, der Euch zum Widerstand ermahnen würde – aber noch nicht durch öffentliche Gewalt; es gibt noch andere Waffen, die man mit größerer Sicherheit gebrauchen kann.«

»Herr,« versetzte Jan Breydel, »ich begreife Euch. Ihr habt immer recht, als ob Eure Worte auf Pergament geschrieben stünden. Es fällt mir jedoch sehr schwer, diese hochmütigen Franzosen so lange zu dulden, denn lieber türkisch als welsch. – Aber Ihr sagt mit Recht: je mehr ein Frosch sich aufbläst, desto früher berstet er. Ich muß wider Willen bekennen: der Verstand ist bei den Webern.«

»Wohl, Meister Breydel, und bei den Fleischhauern sind Unverzagtheit und Heldenmut. Wenn wir diese beiden Tugenden, Vorsicht und Mut, immer zusammengesellen, werden die Franzosen keine Zeit haben, unsere Fesseln zu schließen.«

Der Dekan der Fleischhauer gab durch ein frohes Lächeln seiner Freude über dieses Lob Ausdruck.

»Ja,« antwortete er, »in meinem Handwerk sind tapfere Männer, Meister Pieter. Und die Welschen werden das wohl auch noch erfahren, wenn der bittere Apfel reif sein wird. Aber nun sagt, wie wollt Ihr die Tochter des Löwen, unseres Herrn, den Augen der Königin entziehen?«

»Ich werde sie ihr bei hellem Tage sehen lassen.«

»Wieso, Meister? Die Jungfrau Machteld wollt Ihr Johanna von Navarra sehen lassen? Man hat Euch wohl auf den Kopf geschlagen?«

»Nicht doch. Morgen beim Einzug der fremden Herrschaften werden alle Wollweber unter den Waffen sein; die Fleischhauer werdet Ihr anführen. Was vermögen dann die Welschen? Nichts, das wißt Ihr. Nun, da stelle ich die Jungfrau Machteld so voran, daß Johanna von Navarra sie wohl bemerke. Dabei erfahre ich, wie die Königin innerlich gesinnt ist und was wir für Machteld zu fürchten haben.«

»Das ist richtig, Meister Pieter. Ihr habt zu viel Verstand für einen sterblichen Menschen! Ich werde die Tochter des Löwen bewachen, und ich wünschte nur, daß die Franzosen sie beleidigen, denn mir juckt es gewaltig in den Fäusten. Aber heute muß ich noch einige Geschäfte erledigen; also habt Ihr die Wache über die junge Gräfin.«

»Nun, seid nur getrost, Freund Jan, und laßt Euer Blut nicht zu sehr wallen. – Da sind wir beim Pand des Weberhandwerks.«

Wie Breydel gesagt hatte, standen Haufen von Webern vor der Türe. Alle trugen Koller und Mützen von der gleichen Form wie ihr Dekan. Da und dort sah man einen jungen Gesellen mit längeren Haaren und ein wenig mehr Ausputz auf seiner Kleidung, aber das ging nicht zu weit, denn im Handwerk duldete man nicht viel Eitelkeit.

Jan Breydel wechselte mit de Coninck noch einige leise Worte und verließ ihn dann frohgestimmt.

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