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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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4.

Es war spät am Abend, als Johanna von Navarra zu Compiègne ankam. Während sie mit List und Drohungen dem König das Urteil über die Flamen abnötigte, saß Graf Gwijde mit seinen edlen Lehensmannen in einem Saale seiner Wohnung. Der Wein wurde in silbernen Schalen herumgereicht, und man teilte sich gegenseitig die freudige Hoffnung und die trostreichen Aussichten mit.

Schon hatten sie den Gegenstand ihrer angenehmen Unterhaltung öfters gewechselt, als Diederik die Vos, der als Busenfreund Robrechts im Hause des Grafen wohnte, im Saal erschien und zu der Gesellschaft trat.

Er blieb stumm stehen und betrachtete der Reihe nach den alten Grafen und seine beiden Söhne. Auf seinem Gesicht prägte sich tiefer Schmerz und innige Teilnahme aus. Da er immer lustig und guter Dinge war, erschraken die Ritter nicht wenig, als sie ihn so betrübt sahen, denn sie dachten, eine schlimme Nachricht hätte seine Züge so verdüstert.

Robrecht van Bethune war der erste, der seine Bewegung mit Worten ausdrückte. Er rief:

»Ist Euch die Zunge ausgefallen, Diederik? Sprecht! Und wenn Ihr uns betrüben müßt, so laßt dann Eure scherzhafte Sprache weg, ich bitte Euch.«

»Es hat keine Not, Herr Robrecht,« antwortete Diederik, »aber ich weiß nicht, wie ich Euch die Nachricht künden soll; es schmerzt mich, daß ich ein Unglücksbote sein muß.«

Auf den Gesichtern der Zuhörer prägte sich die Furcht aus, sie betrachteten Diederik mit ängstlicher Neugierde. Dieser nahm eine Schale, goß sie voll Wein und sprach, nachdem er getrunken:

»Das wird mir den nötigen Mut geben. So höret denn und verzeiht eurem treuen Diener, daß sein Mund euch solche Kunde bringen muß. – Ihr habt geglaubt, daß Philipp der Schöne euch in Gnaden aufnehmen werde, und ihr hattet Gründe dazu, denn er ist ein edelmütiger Fürst. Er schätzte sich vorgestern glücklich, euch die Großmut seines Herzens bezeugen zu können; aber da war er nicht, wie heute, von bösen Geistern besessen.«

»Was soll das?« riefen die Ritter erstaunt. »Ist der König besessen?«

»Herr Diederik,« sprach Robrecht streng, »laßt diese verblümten Worte; Ihr habt uns etwas anderes zu sagen. Es scheint, daß es nicht leicht über Eure Lippen gehen will.«

»Ihr habt es gesagt, Herr van Bethune,« antwortete Diederik. »Höret die Sache, die mich bis in den Tod betrübt: Johanna von Navarra und Enguerrand de Marigny sind in Compiègne!«

Diese Namen übten auf alle Ritter eine schreckliche Wirkung aus. Sie waren wie betäubt und senkten das Haupt, ohne ein Wort zu sprechen. Endlich erhob der junge Willem die Arme und rief verzweifelt:

»Himmel, die böse Johanna – Enguerrand de Marigny! O, meine arme Schwester! – Mein Vater, wir sind verloren!«

»Nun,« seufzte Diederik, »das sind die Teufel, von denen der gute Fürst besessen ist. Seht Ihr, erlauchter Graf, daß Euer Diener Diederik es nicht schlecht meinte, als er Euch in Wynendaal diese Falle zeigte?«

»Wer hat Euch gesagt, daß die Königin von Navarra nach Compiègne gekommen ist?« fragte der Graf, als ob er noch Zweifel hätte.

»Meine eigenen Augen, ihr Herren,« antwortete Diederik. »In der Furcht, daß man etwa verräterisch gegen uns vorgehen möchte – denn ich traue ihren doppelsinnigen Worten nicht – habe ich beständig gewacht, gelauert und gehorcht. Ich habe Johanna von Navarra gesehen – ihre Stimme habe ich gehört. Ich verpfände meine Ehre für die Wahrheit meiner Worte.«

»Hört, ihr Herren,« sprach Walter van Lovendeghem, »Diederik sagt uns die Wahrheit. Wenn er seine Ehre dafür verpfändet, ist Johanna von Navarra beim König. Die ungnädige Königin wird alles aufbieten, um unsere Sache zu verderben, und Gott weiß, welche Mittel sie dazu hat. Das beste, was wir tun können, ist, mit Eile zu überlegen, wie wir der Falle entgehen können. Wenn man uns verhaftete, wäre es zu spät.«

Der alte Graf wurde traurig und verzweifelt. Er konnte in solch gefährlicher Lage nichts finden, das ihn zu retten vermochte; die Flucht nach Flandern schien ihm unmöglich, da er sich mitten im königlichen Gebiet befand. Robrecht van Bethune murrte und verfluchte innerlich die Reise, die ihn so wehrlos in die Hände der Feinde geführt hatte.

Während sie alle stumm den trostlosen Grafen ansahen, erschien ein Hofknappe an der Tür und rief:

»Herr de Nogaret, Gesandter des Königs!«

Eine plötzliche Bewegung gab die Beklemmung, die die Flamen bei dieser Ankündigung ergriff, genugsam zu erkennen. Herr de Nogaret war der gewöhnliche Vollstrecker der geheimen Befehle des Königs, und nun glaubten sie, daß er, von Leibknechten begleitet, gekommen sei, um sie gefangen zu nehmen. Robrecht van Bethune zog seinen Degen und legte ihn vor sich auf die Tafel. Die anderen Herren griffen ebenfalls nach der Waffe, während sie die Augen starr auf die Türe richteten.

In dieser Haltung waren sie, als Herr de Nogaret eintrat. Er verneigte sich höflich vor den Rittern und sprach, indem er sich zu Gwijde wendete:

»Graf von Flandern! Mein gnädiger König und Herr begehrt, daß Ihr morgen zur elften Stunde mit Eueren Lehensmannen an den Hof kommet, um öffentlich Verzeihung für Eure Vergehen von ihm zu erbitten. Die Ankunft der durchlauchtigsten Königin von Navarra hat diesen Befehl beschleunigt. Sie hat selbst bei dem König, ihrem Gemahl, um Gnade für Euch gebeten und mich beauftragt, Euch zu sagen, daß Eure Unterwerfung ihr sehr angenehm ist. Auf morgen denn, ihr Herren. Verzeiht mir, daß ich euch so bald verlasse. Ihre Majestät erwartet mich; ich darf nicht verweilen. Der Herr behalte euch in seiner Hut!«

Mit diesem Gruß verließ er den Saal.

»Dem Himmel sei gedankt, ihr Herren,« sprach Gwijde, »der König ist uns gnädig. Nun dürfen wir getrost und freudig zur Ruhe gehen. Ihr habt das Begehren des Königs gehört; haltet euch bereit, ihm zu genügen.«

In die Mitte der Ritter kehrte die Freude zurück. Sie sprachen noch einige Zeit über die Befürchtung Diederiks und über den glücklichen Ausgang, der ihnen verheißen war; die letzte Schale Wein wurde auf das Heil ihres Grafen geleert.

Als sie sich zum Scheiden anschickten, ergriff Diederik Robrechts Hand und sagte mit dumpfer Stimme:

»Lebet wohl, mein Freund und Herr! Ja, lebet wohl, denn vielleicht wird meine Hand die Eurige nicht mehr drücken. Denkt daran, daß Euer Diener Diederik Euch immer beistehen und trösten wird, in welchem Orte und in welchem Kerker Ihr Euch auch befinden möget!«

Robrecht sah eine Träne im Auge Diederiks glänzen und erriet, wie tief sein treuer Freund bewegt war.

»Ich verstehe Euch, Diederik,« flüsterte er ihm ins Ohr. »Was Ihr fürchtet, sehe auch ich voraus, aber es gibt keinen Ausweg mehr. So lebt denn wohl, auf Wiedersehen in besseren Tagen!«

»Ihr Herren,« sagte Diederik, sich zum Gehen wendend, »wenn ihr irgendwelche Botschaft an eure Verwandten in Flandern zu senden habt, so rate ich euch, sie schnell fertig zu machen; ich werde euer Bote sein.«

»Was sagt Ihr?« rief Walter van Lovendeghem. »Werdet Ihr nicht mit uns zu Hofe gehen, Diederik?«

»Jawohl, ich werde bei euch und neben euch sein, aber weder ihr noch die Franzosen werden mich erkennen. Ich habe es gesagt: Philipp wird den Fuchs nicht kriegen. Gott schirme euch, ihr Herren!«

Als er ihnen diesen letzten Gruß zurief, war er schon zur Türe hinaus.

Der Graf entfernte sich mit seinem Hofknappen, und die anderen verließen ebenfalls den Saal, um sich zu Bette zu begeben.

*

Zur festgesetzten Stunde konnte man in dem weiten Saale des königlichen Palastes die flämischen Ritter mit ihrem alten Grafen stehen sehen. Ihre Waffen hatten sie im Vorzimmer ablegen müssen. Freude und Zufriedenheit glänzten auf ihren Gesichtern im Vorgenuß der versprochenen Gnade. Robrechts Antlitz unterschied sich im Ausdruck sehr von den anderen; bitterer Groll und verhaltene Wut waren darauf zu lesen. Der tapfere Flaming konnte die hochmütigen Blicke der französischen Herren nicht ertragen, und hätte ihn nicht die Liebe zu seinem Vater zurückgehalten, so hätte er von manchem Rechenschaft verlangt. Der Zwang, den ihm das Verhängnis auferlegte, wirkte schmerzlich in seinem Inneren, und manchmal konnte ein scharfes Auge bemerken, daß seine Fäuste sich krampfhaft ballten, als wollte er irgendwelche Fesseln sprengen.

Charles de Valois stand bei dem alten Gwijde und sprach freundlich mit ihm in der Erwartung des Augenblickes, da er auf Befehl des Königs, seines Bruders, die Flamen vor den Thron geleiten sollte. Einige Äbte und Prälaten waren ebenfalls im Saale anwesend. Bei ihnen befand sich manch trefflicher Bürger von Compiègne, den man zu dieser Feierlichkeit zugelassen hatte.

Während sich alles über Gwijdes Sache unterhielt, trat ein alter Pilgrim in den Saal. Sein mit einem breiten Hute bedeckter Kopf war in Demut tief gegen die Brust geneigt, so daß man von seinen Gesichtszügen wenig sehen konnte. Eine braune mit Muscheln verzierte Kutte verbarg die Formen seines Körpers, und ein langer Stab mit daran hängendem Trinkgefäß stützte seine steifen Glieder. Sobald die Prälaten ihn bemerkten, gingen sie auf ihn zu und überluden ihn mit allerlei Fragen. Der eine begehrte zu wissen, wie es mit den Christen in Syrien stünde, der andere, wie es mit dem Krieg in Italien beschaffen sei; ein dritter fragte, ob er keine köstlichen Reliquien von Heiligen mitgebracht habe und noch mehr andere Sachen, wie man sie von Pilgern erfahren kann. Er antwortete auf alle diese Fragen wie jemand, der diese Länder erst unlängst verlassen hat, und berichtete so viele wunderbare Dinge, daß die Umstehenden ihm neugierig und ehrfurchtsvoll zuhörten. Obwohl seine Äußerungen durchwegs ernst und treffend waren, kamen zuweilen solch scherzhafte Worte aus seinem Munde, daß die Prälaten selber darüber lachen mußten. Bald hatten sich mehr als fünfzig Personen um ihn geschart; manche gingen in ihrer Ehrfurcht und Bewunderung so weit, daß sie insgeheim mit den Händen seine Kutte berührten in der Meinung, daß dies ihnen Segen bringen würde. Trotzdem war dieser wunderliche Pilgrim in Wahrheit kein Pilgrim; die Länder, die er so gut zu kennen schien, hatte er nur in seiner Jugend besucht, und er wußte nicht viel mehr, als was er damals gesehen hatte. Aber wenn das Gedächtnis ihn im Stich ließ, kam die Phantasie ihm zu Hilfe; dann erzählte er übernatürliche Dinge und lachte im stillen diejenigen aus, die ihm das glaubten. Es war Diederik die Vos. Niemand besaß in dem Maße wie er die Kunst, sich zu verwandeln und in allen Gestalten zu erscheinen. Er konnte sein Gesicht durch Wasser und Farben älter oder jünger machen, und zwar mit solchem Geschick, daß selbst seine Freunde ihn nicht wieder zu erkennen vermochten. Weil er dem Wort der französischen Fürstlichkeiten nicht im mindesten vertraute und weil er, wie er dem Grafen gesagt, sich nicht fangen lassen wollte, hatte er sich also verkleidet, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen.

Kurze Zeit darauf kamen der König und die Königin mit einem zahlreichen Gefolge von Rittern und Edeldamen in den Saal und ließen sich auf dem Throne nieder. Die meisten französischen Herren ordneten sich in zwei Reihen an den Wänden; die anderen blieben in der Nähe der Bürger stehen. Zwei Herolde mit den Bannern von Frankreich und Navarra stellten sich zu beiden Seiten des Thrones auf.

Auf ein Zeichen des Königs trat Charles de Valois mit den flämischen Edlen vor. Diese setzten ein Knie auf die Sammetkissen vor dem Throne und verharrten schweigend in dieser demütigen Haltung. Zur Rechten des Grafen kniete sein Sohn Willem und zur Linken, an Robrechts Stelle, Walter van Maldeghem, ein edler Herr. Robrecht war zwischen den französischen Rittern stehen geblieben; es gelang ihm anfänglich, von Philipp dem Schönen nicht bemerkt zu werden.

Die Kleider der Königin Johanna funkelten von Gold und Edelsteinen, und die goldene Krone, die ihr Haupt schmückte, wetteiferte durch ihre zahllosen strahlenden Diamanten mit dem Sonnenlichte. Die stolze und hochmütige Frau warf verächtliche Blicke auf die Flamen, die vor ihr knieten, und verzog ihr Gesicht zu einem teuflischen Lächeln, während sie den alten Grafen absichtlich so lange warten ließ. Endlich flüsterte sie Philipp dem Schönen einige Worte ins Ohr, und dieser sprach mit lauter Stimme zu Gwijde:

»Ungetreuer Vasall! In unserer königlichen Gnade haben wir es für billig erachtet, deine Verbrechen untersuchen zu lassen, um zu sehen, ob es uns erlaubt sei, dir Vergebung zu schenken; aber wir haben gefunden, daß die Vaterliebe dir nur zum Deckmantel für deine Widerspenstigkeit gedient hat und daß ein verbrecherischer Hochmut dich zum Ungehorsam angefeuert hat.«

Während der König diese Worte sprach, wurden die Ritter von Erstaunen und Schrecken ergriffen. Nun merkten sie die Falle, die ihnen Diederik die Vos angedeutet hatte. Da Gwijde sich nicht bewegte, verharrten auch sie weiter in ihrer knienden Haltung. Der König fuhr fort:

»Ein Vasall, der sich unberechtigt gegen seinen Landesherrn und König erhebt, verwirkt sein Leben; wer sich mit den Feinden Frankreichs verschwört, verwirkt sein Leben. Du hast mit Eduard von England, unserem Feinde, die Waffen gegen uns erhoben und Krieg gegen uns geführt Graf Gwijde hatte schon 1295 mit dem König von England eine Vereinbarung abgeschlossen, in der u. a. eine Verbindung zwischen dem Prinzen von Wales und der Tochter des Grafen von Flandern bestimmt wurde.. Darum hast du als ein falscher Lehensmann das Leben verwirkt; dennoch wollen wir dieses Urteil nicht zu hastig ausführen, sondern die Sache reiflich untersuchen. Deshalb sollst du mit den Edlen, die deine Widerspenstigkeit geteilt haben, in Haft genommen werden, bis es uns gefallen mag, andere Verfügungen hinsichtlich deiner zu treffen.«

Charles de Valois, der diese Rede mit unendlichem Schmerz angehört hatte, trat vor den Thron und sprach:

»Mein Herr und König! Es ist Euch bekannt, mit welcher Treue ich Euch wie der geringste Eurer Untertanen gedient habe. Niemals hat jemand sagen können, daß ich meine Waffen auch nur mit einem Schein von Falschheit oder Feigheit befleckt hätte. Und Ihr sollt es selber sein, o König, der meine Ehre, die Ehre Eures Bruders, schänden will? Wollt Ihr mich zum Verräter machen und soll das Haupt Eures Bruders sich als das eines falschen Ritters beugen müssen? O Sir, bedenkt, daß ich Gwijde von Flandern freies Geleite gegeben habe und daß Ihr mich jetzt zum Meineidigen macht!«

Bei dieser Rede war Charles de Valois nach und nach von Zorn entflammt worden. Sein Blick besaß so gewaltige Kraft, daß Philipp der Schöne im Begriffe stand, das Urteil zu widerrufen. Da er selber die Ehre als das höchste Gut eines Ritters schätzte, fühlte er in seinem Herzen, welchen Schmerz er seinem treuen Bruder bereitete. Inzwischen hatten sich die Flamen erhoben; sie hörten ängstlich auf die Vorwürfe des Herrn de Valois. Die übrigen Zuhörer bewegten sich nicht und erwarteten mit Entsetzen, was weiter geschehen würde.

Die Königin Johanna ließ ihrem Gemahl keine Zeit, zu antworten. In der Furcht, daß ihr die Beute entschlüpfen möge, rief sie leidenschaftlich:

»Herr de Valois, es ist Euch nicht erlaubt, die Feinde Frankreichs zu verteidigen. Ihr macht Euch der Untreue schuldig. Dies ist nicht das erstemal, daß Ihr Euch gegen den Willen des Königs auflehnt!«

»Madame,« fuhr Charles bissig auf, »Euch ziemt es nicht, den Bruder Philipps des Schönen der Untreue zu bezichtigen. Soll um Euretwillen gesagt werden, daß Charles de Valois einen unglücklichen Landesherrn verraten habe? Soll diese Schande über mein Wappen kommen? Nein, o Himmel! Dies wird nicht geschehen. Ich rufe Euch an, Philipp, mein Fürst und Bruder, werdet Ihr dulden, daß das Blut des heiligen Ludwig in mir befleckt werde? Soll dies der Lohn für meine treuen Dienste sein?«

Man konnte bemerken, daß der König bei Johanna fürsprach, um eine Milderung des strengen Urteils zu erreichen; doch sie, unerbittlich in ihrem Haß gegen die Flamen, wies die Bitte des Königs stolz zurück und ward bei den Worten Charles de Valois' so rot, daß ihr Antlitz zu glühen schien. Plötzlich rief sie laut:

»He, Leibwachen! Der Wille des Königs geschehe! Man nehme die falschen Lehensmannen gefangen!«

Auf diesen Ruf drangen zahlreiche Wächter durch alle Türen in den Saal. Die flämischen Ritter ließen sich ohne Gegenwehr in Haft nehmen; sie wußten, daß Gewalt sie nicht retten könne, denn sie waren unbewaffnet und von vielen Feinden umringt.

Einer der Wächter trat zu dem alten Gwijde, legte die Hände auf seine Schulter und sagte:

»Herr Graf, im Namen des Königs, meines Herrn, Ihr seid gefangen!«

Der Graf von Flandern sah ihn traurig an; sich gegen Robrecht wendend, seufzte er:

»O, mein unglücklicher Sohn!«

Robrecht van Bethune stand regungslos und mit irreblickenden Augen bei den französischen Rittern, die ihn forschend betrachteten. Als hätte eine unsichtbare Hand ihn mit einer Zauberrute berührt, ging ein krampfhaftes Zittern über seinen ganzen Körper; alle seine Muskeln spannten sich, und aus seinen Augen schienen Blitze zu sprühen. Er sprang wie ein Löwe vor und ließ den ganzen Saal unter dem Hall seiner Riesenstimme erdröhnen. Er schrie:

»Unseliger! Ich habe eine unedle Hand auf der Schulter meines Vaters liegen sehen. Sie soll verdorren, oder ich sterbe den Tod!«

Im Vorstürmen entriß er mit Gewalt einem Söldner die Hellebarde. Ein Schreckensruf entfuhr den anwesenden Rittern, und alle zogen ihre Degen, denn sie meinten, das Leben des Fürsten sei in Gefahr. Bald verging diese Furcht, denn Robrechts Schlag war gefallen. Wie er gesagt, so hatte er getan. Der Arm dessen, der seinen Vater berührt, lag mit der vermessenen Hand auf dem Boden, und das Blut entströmte im Übermaß der schrecklichen Wunde.

Die Leibwachen liefen in großer Zahl auf Robrecht zu, um sich seiner zu bemächtigen, doch er, blind und wahnsinnig in seiner Wut, schwang die Hellebarde mit ungeheuerer Geschwindigkeit im Kreise. Nicht einer wagte sich in seinen Bereich. Vielleicht wären noch mehr Unfälle vorgekommen, aber der alte Gwijde, der für das Leben seines Sohnes besorgt war, rief ihm flehend zu:

»Robrecht, mein großmütiger Sohn, o, ergib dich um meinetwillen; tue es, ich bitte dich – ich befehle es!«

Bei diesen Worten schlang er die Arme um Robrechts Hals und preßte sein Gesicht gegen die Brust seines Sohnes. Dieser fühlte die Tränen seines Vaters auf seine Hand niederfallen. Jetzt wurde ihm die Größe seiner Unbesonnenheit klar. Sich aus den Armen des Grafen windend, schleuderte er die Hellebarde mit mächtigem Schwung über die Köpfe der Wachen hinweg gegen die Wand und rief:

»Kommt, verfluchte Mietlinge, man fange nun den Löwen von Flandern! Fürchtet nichts mehr, er ergibt sich.«

In großer Zahl fielen die Leibwachen ihn an und nahmen ihn gefangen. Während er mit seinem Vater aus dem Saale geführt wurde, rief er Charles de Valois zu:

»Euer Wappen ist nicht befleckt. Ihr waret und seid noch der edelste Ritter von Frankreich. – Eure Treue bleibt ungebrochen. Dies sagt der Löwe von Flandern, auf daß man es höre!«

Die französischen Ritter hatten ihre Degen wieder in die Scheide gesteckt, sobald sie bemerkt hatten, daß das Leben des Fürsten nicht bedroht war. Mit der Verhaftung der Flamen mochten sie sich nicht befassen; dies war ein Werk, das ihrem Adel Eintrag getan hätte.

In den Herzen des Königs und der Königin herrschten sehr verschiedenartige Gefühle. Philipp der Schöne war traurig und bedauerte das gefällte Urteil; Johanna dagegen freute sich über die Widersetzlichkeit Robrechts. Er hatte in Gegenwart des Königs einen von dessen Dienern zu verwunden gewagt; das war eine Tatsache, die ihren rachsüchtigen Plänen eine starke Stütze geben konnte.

Der König konnte seine Bewegung und seine Traurigkeit nicht verbergen und wollte, entgegen dem Begehren seiner stolzen Gemahlin, den Thron und den Saal verlassen. Er erhob sich und sprach:

»Ihr Herren, wir bedauern über die Maßen das Ungestüm dieses Verhörs und hätten euch bei dieser Gelegenheit lieber Beweise unserer Gnade gegeben, aber zu unserem großen Leidwesen hat dies im Interesse unserer Krone nicht geschehen können. Unser Wille ist, daß ihr wachet, damit die Ruhe in unserem Palast nicht gestört werde.«

Die Königin erhob sich ebenfalls und wollte mit ihrem Gemahl die Stufen des Thrones hinabsteigen; doch eine neue Schwierigkeit hielt sie wider ihren Willen zurück.

Charles de Valois war lange in tiefem Nachdenken am Ende des Saales gestanden. Die Ehrfurcht und die Liebe, die er seinem Bruder entgegenbrachte, kämpften lange in ihm gegen den Groll, den dieser Verrat bei ihm hervorrief. Plötzlich brach sein Grimm los; er wurde im Gesicht rot, weiß und blau und stürmte vor die Königin.

»Madame,« schrie er, »Ihr sollt mich nicht ungestraft entehren! Höret, ihr Herren, ich spreche vor Gott, dem Richter aller. Ihr, Johanna von Navarra, seid es, die das Vaterland erschöpft durch Eure Verschwendungen! – Ihr seid es, die das Reich meines Bruders zerstört! Ihr seid der Flecken und die Schmach Frankreichs. Die Untertanen des Königs habt Ihr durch Fälschung der Münzen und durch ungerechte Erpressungen unglücklich gemacht. – Und Euch sollte ich noch dienen? Nein, Ihr seid ein falsches, ein verräterisches Weib!«

In höchster Wut zog er sein Schwert, zerbrach es über seinen Knien und schleuderte die Trümmer so gewaltig gegen den Boden, daß sie bis an die Stufen des Thrones zurücksprangen.

Johanna war wie wahnsinnig vor Grimm und Zorn; ihre Züge hatten nichts Weibliches mehr, so sehr waren sie zu einem höllischen Ausdruck verzerrt.

»Ergreift ihn! Ergreift ihn!« kreischte sie.

Die Leibwachen, die noch im Saale waren, wollten dieses Gebot befolgen, und schon hatte sich der vorderste Herrn de Valois genähert; aber der König, der seinen Bruder über die Maßen liebte, konnte dies nicht dulden.

»Wer Herrn de Valois anrührt, wird noch heute sterben!« rief er.

Auf diese Drohung blieben die Wachen regungslos stehen. De Valois verließ ungehindert den Saal, trotz des Schreiens der Königin.

So endigte dieser leidenschaftliche Auftritt. Gwijde ward in Compiègne gefangen gesetzt; Robrecht führte man nach Bourges, in das Land Berrys, und seinen Bruder Willem nach Rouen in der Normandie. Die übrigen flämischen Herren wurden jeder in einer besonderen Stadt eingekerkert, so daß sie einander nicht sehen und sich nicht gegenseitig trösten konnten.

Diederik die Vos war der einzige, der nach Flandern zurückkehrte, denn unter seiner Kutte hatte man ihn nicht erkannt.

Charles de Valois zog mit Hilfe seiner Freunde ohne Verzug nach Italien und kam nicht früher nach Frankreich zurück, als nach dem Tode Philipps des Schönen, als Ludwig der Zänker den Thron bestiegen hatte. Alsdann bezichtigte er Enguerrand de Marigny vieler Verbrechen gegen den Staat und ließ ihn zu Montfaucon an den Galgen hängen. Es steht aber fest, daß der Tod des Ministers mehr auf die Verhaftung des Grafen Gwijde als auf seine eigenen Verbrechen zurückzuführen ist. Charles de Valois hatte ihn hängen lassen, um sich wegen dieses Verrats zu rächen.

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