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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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3.

Die Reise, die Graf Gwijde auf Anraten des Herrn de Valois plante, war für ihn und für Flandern sehr gefährlich; es gab für Frankreich sehr gewichtige Gründe, das reiche Flandern so lange als möglich in Besitz zu behalten.

Philipp der Schöne und seine Gemahlin Johanna von Navarra hatten, um ihrer grenzenlosen Verschwendungssucht genügen zu können, alles Geld des Reiches ihrem Schatze einverleibt, und trotzdem waren die riesigen Summen, die ihnen vom Volke zugestanden wurden, nicht ausreichend gewesen, ihre unersättliche Geldgier zu befriedigen. Als er, um Geld herbeizuschaffen, kein anderes Mittel mehr fand, fälschte Philipp die Münzen des Reiches, legte den drei Ständen des Landes unerträgliche Lasten auf – und dennoch hatte er nicht genug. Seine habsüchtigen Minister, vor allem Enguerrand de Marigny, trieben ihn täglich zur Auferlegung neuer Schatzungen und Steuern an, trotz des Murrens des Volkes und der Anzeichen einer drohenden Empörung. Unbegreiflich ist es, daß Philipp der Schöne, der auch die Juden so manches Mal aus Frankreich vertrieb, um sie dann für die Erlaubnis zur Wiederkehr große Summen bezahlen lassen zu können, trotz seiner Erpressungen immer an Geldmangel litt.

Die Verfälschung der Münzen war eine verderbliche Tat; denn die Kaufleute verließen Frankreich, da sie ihre Waren für ungangbares Geld nicht verkaufen wollten; das Volk wurde arm, die Lasten wurden nicht bezahlt, und der König befand sich in der bedenklichsten Lage. Flandern dagegen blühte durch die Industrie seiner Bewohner; alle Nationen der bekannten Welt betrachteten es als ihr zweites Vaterland und machten es zum Stapelplatz ihrer Güter. In Brügge allein wurde mehr Geld und Gut verhandelt als in ganz Frankreich, und diese Stadt war tatsächlich eine Goldmine. Das wußte Philipp der Schöne. Er hatte seit einigen Jahren alles ins Werk gesetzt, um Flandern unter seine Macht zu bringen. Zuerst hatte er von dem Grafen Gwijde unmögliche Dinge gefordert, um ihn zum Ungehorsam zu zwingen, dann hatte er seine Tochter Philippa in Haft behalten und endlich Flandern durch die Gewalt der Waffen erobert und an sich gezogen.

Der alte Graf hatte dies alles erwogen und verhehlte sich die wahrscheinlichen Folgen seiner Reise nicht; aber die Traurigkeit, die er über die Gefangenschaft seiner Tochter fühlte, erlaubte ihm nicht, dieses Mittel, das sie befreien konnte, zu verwerfen. Das freie Geleite, das ihm Charles de Valois zugesagt, konnte ihn auch einigermaßen beruhigen.

So machte er sich denn mit seinen Söhnen Robrecht und Willem und fünfzig flämischen Edelleuten auf den Weg. Charles de Valois begleitete ihn mit einer großen Anzahl französischer Ritter.

Als der Graf mit seinen Edlen in Compiègne angekommen war, wurde auf Veranlassung der Herrn de Balois, in der Erwartung, daß ein königlicher Befehl ihn an den Hof rufen würde, ein vornehmes Quartier bezogen. Der edelmütige Franzose bemühte sich so sehr beim König, seinem Bruder, daß dieser zur Gnade neigte und Gwijde allein an den Hof entbot.

Der alte Graf begab sich voll schmeichelhafter Hoffnungen vertrauensvoll nach dem königlichen Palast.

Hier wurde er in einen großen und prächtigen Saal geführt. Im Hintergrund des Gemaches stand der königliche Thron; Behänge von lasurfarbigem Sammet, mit goldenen Lilien durchwirkt, hingen zu beiden Seiten bis auf den Boden nieder, und ein mit Gold- und Silberfäden durchwebter Teppich lag vor den Stufen des prunkvollen Sitzes. Philipp der Schöne wandelte im Saale mit seinem Sohne Ludwig dem Zänker auf und ab. Hinter ihm folgten viele französische Herren, unter denen sich einer befand, der sich oft in die Unterredung mit dem König mischte. Dieser Günstling war Herr de Nogaret, der auf Befehl Philipps es gewagt hatte, den Papst Bonifazius zu fangen und zu mißhandeln.

Sobald Gwijde angemeldet wurde, ging der König zum Thron, ließ sich aber nicht nieder. Sein Sohn Ludwig blieb an seiner Seite; die anderen Herren stellten sich in zwei Reihen an den Wänden auf. Dann näherte sich langsamen Schrittes der alte Graf von Flandern und beugte das Knie vor dem König.

»Vasall!« sprach dieser, »dir geziemt solch demütige Haltung nach all dem Verdruß, den du uns gemacht hast. Du hast den Tod verdient und bist verurteilt, dennoch gefällt es uns in unserer königlichen Gnade, dich anzuhören. Erhebe dich und sprich!«

Der alte Graf richtete sich auf und antwortete:

»Herr und Fürst, mit dem Vertrauen auf Eure königliche Gerechtigkeit habe ich mich zu den Füßen Eurer Majestät begeben, damit Ihr mit mir nach Wohlgefallen verfahren möget.«

»Diese Unterwerfung,« versetzte der König, »kommt spät. Du hast dich mit Eduard von England, meinem Feinde, verbunden; du hast dich als ein ungetreuer Vasall gegen deinen Herrn erhoben und bist hochmütig genug gewesen, ihm den Krieg zu erklären. Dein Land ist dir wegen deines Ungehorsams abgenommen worden.«

»O Fürst,« sprach Gwijde, »lasset mich Gnade vor Euch finden. Eure Majestät möge bedenken, was an Schmerz und Leiden ein Vater erduldet hat; dem man sein Kind entriß. – O König, wenn man Euren Sohn, meinen einstigen König Ludwig, der Euch nun so männlich zur Seite steht, von Euch risse und in fremdem Lande einkerkerte, würde dann nicht der Schmerz Eure Majestät zu allem antreiben, um dieses Blut, das aus Euch entsprossen ist, zu rächen oder zu befreien. Ach ja, Euer Vaterherz versteht mich, ich werde Gnade zu Euren Füßen finden.«

Philipp der Schöne betrachtete seinen Sohn mit Zärtlichkeit; in diesem Augenblick stellte er sich den Kummer Gwijdes vor und fühlte innige Teilnahme für den unglücklichen Fürsten.

»Sir,« rief Ludwig gerührt, »o seid ihm gnädig um meinetwillen!«

Der König faßte sich und nahm eine strenge Haltung an.

»Laß dich durch die Worte eines ungehorsamen Vasallen nicht so leicht verführen, mein Sohn,« sprach er. »Ich will jedoch nicht unerbittlich sein, wenn man mir beweisen kann, daß du nur durch Vaterliebe und nicht durch Ehrgeiz zu deinem Schritt getrieben wirst.«

»Herr,« versetzte Gwijde, »es ist Eurer Majestät bekannt, daß ich, um mein Kind wiederzuerlangen, alles, was möglich war, unternommen habe. Keine meiner Bemühungen hatte Erfolg; mein Flehen blieb ungehört, alle meine Bitten wurden verworfen, und alles, selbst die Vermittelung des Papstes, blieb erfolglos. Was sollte ich dann weiter tun? Ich habe mich mit der Hoffnung getragen, daß die Waffen die Befreiung meiner Tochter bewirken könnten, aber das Geschick war mir nicht günstig, Eure Majestät gewannen den Sieg.«

»Aber,« fiel der König ein, »was können wir für dich tun? Du hast unseren Vasallen ein verderbliches Beispiel gegeben; wenn wir dir gnädig sind, werden sie alle gegen uns aufstehen, und du wirst dich vielleicht abermals mit unseren Feinden vereinigen!«

»O mein Fürst,« erwiderte Gwijde, »es gefalle Eurer Majestät, die unglückliche Philippa ihrem Vater wiederzugeben – und ich versichere Euch, daß unverbrüchliche Treue mich mit Eurer Krone verbinden wird.«

»Und wird Flandern die geforderten Summen aufbringen, und wirst du uns das nötige Geld verschaffen, um die Kosten, die dein Ungehorsam uns verursacht hat, zu vergüten?«

»Die Gnade, die Eure Majestät mir erweisen kann, wird mir niemals zu teuer sein. Eure Befehle werde ich ehrerbietigst ausführen. Aber mein Kind, o König, mein Kind! ...«

»Euer Kind?« wiederholte Philipp der Schöne zögernd.

Jetzt dachte er an Johanna von Navarra, die die Tochter des Grafen von Flandern nicht gutwillig loslassen würde. Er wagte der guten Eingebung seines Herzens nicht zu folgen, denn er fürchtete den Zorn der stolzen Königin zu sehr. Mit dem Vorsatz, in dieser Sache Gwijde nichts Sicheres zu versprechen, sagte er:

»Nun, die guten Worte unseres geliebten Bruders haben viel für dich getan. Habe gute Hoffnung, denn dein Geschick rührt mich. Du warst schuldig, aber deine Strafe ist bitter. Ich werde versuchen, sie zu lindern. Doch gefällt es uns heute noch nicht, dich in Gnaden aufzunehmen. Weitere Nachforschungen in dieser wichtigen Sache sind nötig. Wir begehren auch, daß du in Gegenwart all der Herren, unserer Vasallen, dich unterwirfst, damit sie sich an dir ein Beispiel nehmen können. Gehe und verlasse uns nun, damit wir erwägen, was wir für einen ungetreuen Lehensmann tun können.«

Auf diesen Befehl entfernte sich der alte Graf von Flandern aus dem Saale. Er hatte den Palast noch nicht verlassen, als sich unter den französischen Herren schon das Gerücht verbreitete, daß der König ihm sein Land und seine Tochter wiedergeben würde. Viele wünschten ihm herzlich Glück; andere, die auf die Eroberung Flanderns ihre ehrgeizigen Absichten gebaut hatten, empfanden heftigen Groll. Da sie aber gegen den Willen des Königs nichts ausrichten konnten, ließen sie es sich nicht anmerken.

Freude und Vertrauen erfaßte die flämischen Herren; sie schmeichelten sich mit einer süßen Hoffnung und freuten sich im voraus über die Befreiung des Vaterlandes. Es schien ihnen, daß nichts den guten Erfolg ihrer Bemühungen verhindern könne, da der König außer dem guten Empfang, den er dem Grafen bereitet, Herrn de Valois die Versicherung gegeben hatte, daß er Gwijde großmütig behandeln wolle.

Ihr, die ihr mit dem Schicksal gerungen und bei diesem Kampfe gelitten und geweint habt, wie leicht senkt sich die Freude in euer bekümmertes Herz! Wie leicht vergeßt ihr eure Leiden, um nach einem ungewissen Glück zu haschen, als ob der Kelch des Unglücks schon für euch geleert wäre – während das Bitterste, der Bodensatz, noch übrigbleibt. Ihr findet ein Lächeln auf aller Antlitz und drückt die Hände aller, die sich an eurem Glück zu freuen scheinen. – Aber trauet nicht der trügerischen Frau Fortuna, auch nicht den Beteuerungen derer, die im Unglück eure Feinde waren. Denn Neid und Verrat stecken hinter Doppelgesichtern – wie die Natter unter Blumen und der Skorpion unter der goldenen Ananas sich verbergen. Vergeblich sucht man die Spur der Schlange auf dem Felde; man fühlt ihren giftigen Biß und weiß nicht, von wannen sie gekommen ist. – So wirken mißgünstige und neidische Menschen im Dunkel; denn sie sind sich ihrer eigenen Bosheit bewußt und schämen sich ihrer Taten. Ihre Streiche treffen uns ins Herz, und wir halten sie für unsere Freunde, weil wir ihre schwarzen Seelen auf ihrem schmeichlerischen Gesicht nicht sehen können. Das Geheimnis und die Doppelsinnigkeit ist für sie ein undurchdringlicher Mantel; ja, das giftige Ungetier wandelt wohl manchmal in den Strahlen der Sonne, sie aber nie ...

Der Graf Gwijde traf schon die nötigen Verfügungen, um nach seiner Rückkehr nach Flandern die Befehle des Königs auszuführen und seine Untertanen durch einen langen Frieden den Krieg vergessen zu lassen. Robrecht van Bethune selbst zweifelte keineswegs an der versprochenen Gnade; denn seitdem sein Vater am Hofe gewesen war, waren die französischen Herren äußerst liebenswürdig und respektvoll gegen die Flamen. Das war, wie sie glaubten, ein Beweis für des Königs guten Willen; sie wußten, daß die Absichten und die Gedanken der Fürsten immer auf dem wetterwendischen Gesicht der Höflinge zu lesen waren.

Auch de Chatillon hatte den Grafen manchmal besucht und mit Glückwünschen bedacht; aber in seinem Herzen steckte ein teuflisches Geheimnis, und er lächelte, um es zu verbergen. Johanna von Navarra, seine Base, hatte ihm Flandern zu Lehen versprochen; alle seine herrschsüchtigen Pläne hatten den Besitz dieser reichen Grafschaft zum Ziel gehabt – und nun zerfloß diese Aussicht wie ein Traum.

Es gibt keine Leidenschaft, die den Menschen mehr zur Bosheit treibt, als die Ehrsucht; sie zermalmt unbarmherzig alles, was sich ihr in den Weg stellt, und sieht sich nicht um nach den schon begangenen Greueln, denn ihre Augen bleiben immer hartnäckig auf das erstrebte Ziel gerichtet. De Chatillon, der von dieser Leidenschaft besessen war, beschloß eine verräterische Tat, die das eigene Interesse ihm eingab, und entschuldigte sie vor seinem Gewissen mit der Berufung auf die Pflicht.

Am gleichen Tage noch, als er mit den anderen Herren aus Flandern am Hofe ankam, rief er einen seiner treuesten Diener zu sich, gab ihm sein bestes Pferd und sandte ihn als Eilboten nach Paris. Ein Brief, den er diesem Boten mitgab, berichtete der Königin und Enguerrand de Marigny, um sie nach Compiègne zu rufen.

Seine verräterische Absicht gelang ihm vollkommen. Johanna von Navarra ward von heftiger Wut ergriffen, als sie diesen Brief las. Die Flamen in Gnaden empfangen! Sie, die ihnen ewigen Haß geschworen, sollte sich ihre Beute entgehen lassen! Und Enguerrand de Marigny, der das Geld, das in Flandern erpreßt werden sollte, schon im voraus vergeudet hatte! Diese beiden Personen hatten ein zu großes Interesse am Verderben Flanderns, um seine Befreiung ertragen zu können. Sobald sie die Nachricht empfangen hatten, reisten sie so schnell als möglich nach Compiègne und erschienen unerwartet im Gemach des Königs.

»Sir!« rief Johanna. »Bin ich Euch denn nichts mehr, daß Ihr meine Feinde ohne meine Erlaubnis in Gnaden empfangt? Oder hat Euer Verstand Euch verlassen, weil Ihr diese flämischen Schlangen zu Eurem eigenen Verderben hegen wollt?«

»Madame,« erwiderte Philipp der Schöne ruhig, »es würde Euch geziemen, Euren Gemahl und König etwas mehr zu achten. Wenn es mir behagt, dem alten Grafen von Flandern Gnade zu verleihen, wird mein Wille geschehen.«

»Nein,« rief Johanna rot vor Zorn, »es wird nicht geschehen. Ich will es nicht, hört Ihr, Sir! Ich will es nicht! Wie, diese Empörer, die meine Vettern enthauptet haben, sollen ungestraft bleiben? Sie sollen sich rühmen dürfen, ungestraft die Königin von Navarra an ihrem Blute gehöhnt zu haben?«

»Der Zorn reißt Euch hin, Madame,« antwortete der König; »überlegt mit Ruhe und saget mir, ist es nicht billig, daß Philippa ihrem Vater wiedergegeben werde?«

Jetzt wurde die Wut Johannas noch größer.

»Philippa wiedergeben?« rief sie aus. »Aber, Sir, Ihr denkt nicht daran. Dann heiratet sie Eduards von England Sohn; dann ist Euer eigenes Kind dieser Hoffnung ledig. Nein, nein, es wird nimmermehr geschehen, dessen könnt Ihr sicher sein. Und zudem ist Philippa meine Gefangene; es wird Euch die Macht fehlen, sie mir zu entreißen.«

»Aber, Madame,« rief Philipp, »Ihr geratet außer Euch; bedenkt, daß diese hochmütige Sprache mir sehr mißfällt und daß es mir freisteht, Euch Beweise meines Zornes zu geben. Mein Wille ist der Wille Eures Fürsten.«

»Und Ihr wollt Flandern dem trotzigen Gwijde wiedergeben? – Ihr wollt ihn in den Stand setzen, Euch nochmals mit Krieg zu überziehen? Diese unbesonnene Tat wird schlimme Reue in Euch erwecken. Was mich betrifft, so werde ich, nachdem man mich so gering achtet, daß eine Sache, die mich so sehr angeht, ohne mein Zutun beschlossen wird, nach meinem Königreich Navarra zurückkehren, und Philippa wird mir folgen!« Frankreich und Navarra waren damals noch zwei voneinander unabhängige Reiche. Der König von Frankreich hatte auf Navarra kein Recht und durfte über seine Regierungsangelegenheiten nicht verfügen. Die Einkünfte und andere Vorteile kamen Johanna allein zu, und diese stand als Fürstin von Navarra keineswegs unter ihrem Gemahl.

Diese letzte Äußerung wirkte stark auf das Gemüt des Königs. Navarra war der beste Teil von Frankreich, und Philipp der Schöne hätte sich nicht gerne seiner beraubt gesehen. Da Johanna ihm schon wiederholt mit einem solchen Auszug gedroht hatte, fürchtete er, daß sie die Drohung schließlich doch einmal ausführen könne. Nach einigem Nachdenken sagte er:

»Ihr erzürnt Euch grundlos, Madame. Wer sagt Euch, daß ich Flandern zurückgeben will? Ich habe in dieser Sache noch nichts beschlossen.«

»Eure Worte lassen Eure Absicht zur Genüge erkennen,« antwortete Johanna. »Aber sei ihm, wie ihm wolle, ich sage Euch, daß ich, wenn Ihr mich so weit mißachtet, meinen Rat zu verwerfen, Euch verlassen werde; denn ich will mich den Folgen Eurer Unvorsichtigkeit nicht aussetzen. Der Krieg gegen Flandern hat die Schatzkammern des Reiches erschöpft, und nun Ihr das Mittel habt, um sie wieder zu füllen, wollt Ihr die Aufrührer in Gnaden aufnehmen! Niemals sind unsere Finanzen in schlechterem Zustand gewesen, als jetzt. Herr de Marigny kann Euch das beweisen.«

Bei diesen Worten trat Enguerrand de Marigny vor den König.

»Sir, es ist mir unmöglich,« sprach er, »die Söldner weiter zu bezahlen. Das Volk will die Lasten nicht mehr aufbringen. Der Profoß der Kaufleute von Paris hat die Zulage verweigert, und bald werde ich die Ausgaben des königlichen Hauses nicht mehr bestreiten können. Die Veränderung der Münzen kann auch nicht länger geschehen. Flandern allein kann uns behilflich sein. Die Zollherren, die ich dahin gesandt habe, sind mit der Einhebung der Gelder beschäftigt, die uns aus dieser Lage retten sollen. – Überlegt doch, Sir, daß der Verzicht auf dieses Land Euch großem Unheil aussetzt.«

»Ist alles Geld, das man vom dritten Stand erhoben hat, schon verschwunden?« fragte Philipp mißmutig.

»Sir,« antwortete Enguerrand, »ich habe an Etienne Barbette die Gelder, die die Zollpächter von Paris Eurer Majestät geliehen hatten, zurückgegeben. Es bleibt nichts oder nur wenig in des Reiches Schatz zurück.«

Die Königin Johanna bemerkte mit Freude, daß diese Nachricht den König sehr betrübte. Nun glaubte sie, daß die Verurteilung Gwijdes nicht schwer zu erlangen sein würde. Sie näherte sich ihrem Gemahl und sagte listig:

»Ihr seht wohl, Sir, daß mein Rat vorteilhaft für Euch ist. Wie könnt Ihr denn, um Empörer zu begünstigen, das Heil Frankreichs aus dem Auge verlieren? Sie haben Euch und mich gehöhnt, Eure Feinde unterstützt, unsere Befehle mißachtet. Das Geld, das sie besitzen, macht sie stolz und aufgeblasen. Nichts ist leichter, als dieses überflüssige Geld heranzuziehen; sie mögen dann noch Eure königlichen Hände küssen zum Danke dafür, daß Ihr ihnen das Leben lasset, denn sie sind alle des Todes schuldig.«

»Aber, Herr de Marigny,« fragte der König, »wißt Ihr kein Mittel, um die Reichsausgaben noch einige Zeit bestreiten zu können? Denn ich glaube nicht, daß die Gelder aus Flandern so bald kommen werden. – Dieser Zustand bringt mich in die größte Verzweiflung.«

»Ich weiß kein Mittel, Sir. Wir haben ihrer schon so viele angewendet.«

»Höret,« fiel Johanna ein, »wenn Ihr meinem Rate folgen und mit Gwijde nach meinem Begehren verfahren wollt, werde ich eine außerordentliche Anleihe im Königreich Navarra erheben, und dann werden wir lange Zeit nicht an diese lästigen Dinge zu denken brauchen.«

Sei es, daß Charakterschwäche oder Geldgier den König antrieb, er willigte in Johannas Begehren, und der alte Gwijde wurde ihr ausgeliefert. Das verräterische Weib beschloß, den Grafen von Flandern den Fußfall tun und dann nicht mehr nach seinem Vaterlande zurückkehren zu lassen.

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