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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 25
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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23.

Obwohl ein großer Teil der flämischen Scharen haufenweise den Feind in die Felder verfolgte, blieben doch noch einige geordnete Abteilungen auf dem Schlachtfeld. Jan Borluut hatte seine Mannen am Platze bleiben lassen, um nach Kriegsbrauch das Schlachtfeld bis zum anderen Tage zu bewachen; nur wenige hatten in allzu lebhafter Begeisterung diesen Befehl mißachtet. Die Schar, die er bei sich hatte, bestand noch aus dreitausend Gentern; auch waren zahlreiche Mannen aller Waffen vorhanden, die, durch Anstrengung oder Wunden erschöpft, dem Feinde nicht nachjagen konnten und demzufolge auf dem Schlachtfelde geblieben waren. Nun der Streit gewonnen war, nun die Fesseln des Vaterlandes gesprengt waren, jubelten die begeisterten Flamen in freudigen Rufen:

»Flandern dem Löwen! Was walsch ist, das falsch ist! Sieg! Sieg!«

Und dann antworteten die Leute aus Ypern und Kortrijk von den Stadtwällen mit noch lauterer Stimme. Auch sie durften Sieg rufen; denn während die beiden Heere einander auf dem Groeninger Anger bekämpften, war der Kastellan van Lens mit hundert seiner Mannen vom Schloß in die Stadt eingefallen und hätte diese vielleicht völlig niedergebrannt; aber die Leute von Ypern schlugen so unverzagt auf seine Banden ein, daß die Franzosen nach einem langen Gefecht in Unordnung auf das Schloß zurückflohen. Herr van Lens fand, als er seine Mannen zählte, daß nur der zehnte Teil der Wut der Bürger entronnen war.

Die meisten Anführer und Edlen waren in das Lager gegangen und hatten sich um den güldenen Ritter geschart. Sie drückten ihm in bewegten Worten ihre Dankbarkeit aus, aber er, besorgt, erkannt zu werden, antwortete nicht. Gwijde, der neben ihm stand, sprach zu den Rittern:

»Ihr Herren, der Ritter, der uns alle und das Flandernland so wunderbar gerettet hat, ist ein Kreuzfahrer, der begehrt, daß man ihn nicht kenne. – Der edelste Sohn Flanderns trägt seinen Namen.«

Die Ritter sprachen nicht; aber jeder bemühte sich, selbst zu erraten, wer er sein möchte, er, der so edel, so tapfer und so stark von Körper war. Diejenigen, die bei der Zusammenkunft im Walde zu Dale anwesend gewesen waren, wußten schon längst, wer er war; aber sie wagten ihre Meinung nicht öffentlich zu bekunden, weil sie feierlich Verschwiegenheit gelobt hatten. Unter den anderen waren viele, die nicht im Zweifel waren, daß er der Graf von Flandern selbst sein müsse; es war ihnen jedoch genügend, daß Gwijde das Begehren des güldenen Ritters kundgetan hatte, um ihnen Schweigen zur Pflicht zu machen.

Nachdem Robrecht einige Zeit leise mit Gwijde gesprochen hatte, ließ er seinen Blick über alle anwesenden Scharen gehen. Als er auch das weite Schlachtfeld überschaut hatte, kam er näher zu Gwijde und sprach:

»Ich sehe Adolf van Nieuwland nicht, die Angst macht mich zittern. Sollte mein junger Freund unter dem feindlichen Schwerte gefallen sein? O, dies würde mir zur ewigen Trauer gereichen! – Meine arme Machteld, wie würde sie ihren guten Bruder beweinen!«

»Gefallen wird er nicht sein, Robrecht; mich dünkt, daß ich seine grüne Feder noch drüben zwischen den Bäumen des Niederländerwaldes gesehen habe. Gewiß jagt er nun den übrigen Feinden nach; du hast gesehen, mit welch unwiderstehlicher Gewalt er stets sich mitten unter die Franzosen begab. Fürchte nichts, Gott wird nicht geduldet haben, daß er stürbe.«

»O Gwijde, sprächst du die Wahrheit! Das Herz bricht mir bei der Aussicht, daß mein unglückliches Kind sich an solch frohem Tage nicht freuen dürfte. Ich bitte dich, mein Bruder, lasse die Mannen des Herrn van Borluut über das Schlachtfeld gehen, damit man suche, ob der Körper Adolfs nicht zu finden ist. – Ich gehe, um meine kranke Machteld zu trösten; die Gegenwart ihres Vaters möge ihr wenigstens einen glücklichen Augenblick gewähren.«

Er grüßte die anwesenden Ritter durch eine Handbewegung und sprengte eiligst nach der Abtei von Groeningen. Gwijde befahl Jan Borluut, seine Mannen sich über das Schlachtfeld zerstreuen zu lassen, um die Verwundeten zwischen den Leichen hervorzuholen und die toten Ritter ins Lager zu bringen.

Als die Genter das Schlachtfeld betraten, blieben sie plötzlich stehen, als ob ein schrecklicher Anblick sie zu Stein erstarrt hätte. Nun die Aufregung des Kampfes vorüber war, streiften ihre Blicke mit Entsetzen über das ausgedehnte Blutfeld, auf dem die zerschmetterten Leichen, die Pferde, die Banner mit den abgehauenen Gliedern so zahlreicher Menschen im grauenvollen Wirrwarr durcheinander lagen. Von weitem sah man da und dort einen Sterbenden den Arm wie hilfeflehend emporheben und bittend ausstrecken. Ein schauerliches Geräusch, hundertmal entsetzlicher als die unheimlichste Stille, herrschte über den aufgehäuften Körpern. Es war die Stimme der Verwundeten, die rief:

»Trinken, trinken ... um Gottes willen, trinken!«

Die Sonne brannte mit heißer Glut auf ihre entblößten Muskeln und peinigte die Verwundeten mit unerträglichem Durst; ihre Lippen klebten aufeinander, und nur mühsam konnten sie eine röchelnde Todesklage stammeln. In der Luft schwebten Scharen schwarzer Raben gleich einer Unwetterwolke; das krächzende Geschrei dieser gefräßigen Raubvögel scholl wie der Ruf des Todes über das Schlachtfeld und erfüllte die Herzen der Lebenden mit tiefer Niedergeschlagenheit. Bald stürzten die jubelnden Vögel sich auf die Leichen herab, um sie zu zerfleischen. Zahllose hungrige Hunde waren durch den Blutgeruch aus der Stadt gelockt worden; sie liefen von einer Leiche zur anderen und heulten sich gegenseitig in so schauerlichen Tönen an, daß man glauben konnte, die Hölle hätte ihre Teufel ausgesandt, um die Ankunft so vieler Seelen zu besingen. Trotzdem rührten diese Tiere die Leichen nicht an; im Gegenteil, sie schienen diesen Lärm aus Trauer über die Gefallenen anzuheben. Sie fuhren grimmig gegen die Raben los und schützten so manchen Körper vor deren schändenden Klauen. – Zu all diesen schaudererregenden Geräuschen gesellte sich das dumpfe Geheul der sterbenden Rosse, und die jauchzenden Siegesrufe der in der Stadt befindlichen Mannen. Entsetzlich – entsetzlich war der Anblick so vieler tapferer Gefallener, die jetzt, mit der bläulichen Todesfarbe auf dem Antlitz, den ewigen Schlummer schliefen.

In dem Maße, wie sich die Genter über das Schlachtfeld ausbreiteten, flogen die Raben vor ihnen auf und ließen sich in weiterer Entfernung nieder, um auf anderer Beute zu äsen. Man suchte unter den Daliegenden nach denjenigen, deren Herz noch klopfte, und trug sie nach dem Lagerplatz, um sie ins Leben zurückzurufen. Eine zahlreiche Schar hatte mit allen möglichen Gefäßen Wasser aus dem Gaverbach geschöpft, um die noch Lebenden zu laben. Es war rührend und ergreifend, zu sehen, wie gierig die Verwundeten das kühle Wasser wie das Leben einsogen, und wie dankbar sie mit einer blinkenden Träne der Freude im Auge die Labung aus den Händen der Brüder oder Feinde empfingen. Wenn man auf solche Weise mit einem beschäftigt war, hob sich in der Nähe mancher Arm bittend in die Höhe, und viele matte Stimmen ächzten:

»O, labt auch mich – einen einzigen Tropfen Wasser! Bei dem Leiden unseres Erlösers, Brüder, netzt meine Lippen und befreit mich vom Tode ...«

Die Genter hatten den Befehl empfangen, die flämischen Ritter, die sie fänden, tot oder lebendig nach dem Lagerplatz zu tragen; schon hatten sie beinahe die Hälfte der Leichen umgelegt und einen guten Teil des Schlachtfeldes untersucht. Die Körper der edlen Herren Salomon van Sevecote, Philips van Hofstade, Eustachius Sporkijn, Jan van Severen, Pieter van Brügge waren schon weggetragen, und man war damit beschäftigt, den Harnisch des verwundeten Herrn Jan van Machelen zu öffnen. – Sie waren jetzt der Stelle genaht, wo am hartnäckigsten gekämpft worden war; denn größere Haufen Leichen lagen wirr und blutüberströmt umher. Während sie dabei waren, Herrn van Machelen zu laben, hörten sie plötzlich einen röchelnden Seufzer, der aus der Erde zu kommen schien; sie horchten, vernahmen aber nichts mehr, kein einziger der umherliegenden Körper gab noch das geringste Lebenszeichen. Indem sie die Leichen umkehrten, um nach dem Stöhnenden zu suchen, hörten sie wiederum den Seufzer und bemerkten, daß er ein wenig weiter entfernt zwischen den hingestreckten Pferden aufstieg; sogleich eilten andere hinzu, um ihren Gefährten zu helfen. Nach einigen Anstrengungen schleppten sie die Pferde auf die Seite und fanden den sterbenden Ritter.

Er lag ausgestreckt auf dem Rücken; das Blut strömte unter seinem Körper hervor; sein Harnisch war unter einem Pferde zermalmt worden. Seine rechte Hand hatte das Schlachtschwert noch nicht verlassen, während er mit der Linken einen grünen Schleier festhielt; seine Wangen waren bleich und trugen die Merkmale des nahenden Todes. Irre und matt blickte er auf diejenigen, die kamen, ihn zu erlösen; seine schwachen Wimpern fanden nicht mehr die Kraft, die verdüsterten Augäpfel vor dem glühenden Sonnenlichte zu schützen. Jan Borluut erkannte den unglücklichen Adolf van Nieuwland.

In aller Eile löste man die Riemen von seinem Harnisch; man hob seinen Kopf aus dem Schlamm und befeuchtete seine Lippen mit erquickendem Wasser. Seine ersterbende Stimme wisperte einige unverständliche Worte, und seine Augen schlossen sich jetzt ganz, als wäre die Seele aus dem zermalmten Körper entflohen. Die frische Luft und die Labung hatten ihn schwer erschüttert; er blieb einige Augenblicke betäubt liegen. Dann erwachte er wieder und ergriff, aber immer noch so matt wie vorhin, die Hand des Herrn Borluut und sprach so langsam, daß zwischen jedem Worte eine Pause blieb:

»Ich sterbe. Ihr seht es, Herr Jan, meine Seele wird nicht mehr auf Erden bleiben. – Aber – beweint mich nicht. Ich sterbe getrost – nun das Vaterland gerächt ist.«

Sein Atem war zu kurz, als daß er länger hätte sprechen können. Er ließ seinen Kopf in den Arm Jan Borluuts sinken und führte den grünen Schleier langsam an seine Lippen. In dieser Haltung verlor er alles Gefühl und hing wie eine Leiche an der Brust Jan Borluuts. Sein Herz schlug aber weiter, und die Wärme des Lebens verließ seinen Körper nicht. Der Genter Feldherr bewahrte noch einige Hoffnung und ließ den verwundeten Ritter mit aller Sorgfalt zum Lagerplatz schaffen.

Machteld hatte sich mit der Schwester Adolfs vor dem Kampfe in eine Zelle der Abtei Groeningen zurückgezogen. Es gab sicherlich in diesem Augenblick niemanden in Flandern, der von größerer Sorge gequält war, wie die unglückliche Jungfrau; alle ihre Verwandten, ihr Freund Adolf befanden sich im Kampfe. Von diesem Streit, den die Flamen gegen eine gewaltige Übermacht gewagt, hing die Freiheit ihres Vaters ab: – diese Feldschlacht mußte den Thron Flanderns wiederherstellen oder für immer zerschmettern. Wenn die Franzosen den Sieg errangen, erwartete sie den Tod für alles, was ihr teuer war, und für sich selbst das schrecklichste Los.

Sobald die Kriegsfanfare ihre Klänge über das Schlachtfeld sandte, zitterten die beiden Frauen, als hätte sie beide zu gleicher Zeit ein tödlicher Schlag getroffen. – In solchen bangen Augenblicken konnten sie ihre Gemütsbewegungen schwer unterdrücken; denn jedes Wort eröffnete ihnen einen düsteren Ausblick. Sie knieten beide zugleich vor dem Betstuhl. Ihre Häupter ruhten schwer auf dem Pulte, und ihre Tränen rannen leise über ihre Wangen. – Da knieten sie in heißem Gebete, ohne sich zu rühren, als ob sie in tiefen Schlaf versunken wären; nur von Zeit zu Zeit, wenn das Getöse des Kampfes sich stärker erhob, kam ein dumpfes Schluchzen aus ihrer Brust, und dann seufzte Maria:

»O Gott, Allmächtiger, Gott der Heerscharen, erbarme dich unser. Steh' uns bei in der Not, o Herr!«

Und die feine Stimme Machtelds antwortete:

»O süßer Herr Jesus, Seligmacher, behüte ihn! – und rufe ihn nicht zu dir, barmherziger Gott!«

»Heilige Mutter Gottes, bitte für uns!«

»O Mutter Christi, Trösterin der Bedrückten, bitte für ihn!«

Dann scholl der donnernde Kriegslärm unheimlicher in ihre erschütterten Seelen, und ihre Hände bebten vor Entsetzen wie die schwanken Blätter der Pappeln; aber ihre Häupter neigten sich tiefer, die Tränen flossen reicher, und ihre Gebete wurden wieder unverständlich.

Der Kampf währte lange; das entsetzliche Geschrei der gegeneinander anstürmenden Scharen schwebte lange über der Abtei von Groeningen; aber noch länger währte das stille Gebet der Frauen; denn der güldene Ritter pochte schon an das Klostertor, und noch waren sie nicht von der Betbank aufgestanden. Dröhnende Männertritte, die im Gang vor der Zelle erklangen, ließen sie den Kopf wenden; sie blickten starr zur Türe und bebten beide in einer süßen Vorahnung.

»Adolf kommt wieder!« seufzte Maria. »Ha! unser Gebet ist erhört worden.«

Machteld lauschte mit größerer Aufmerksamkeit und antwortete betrübt:

»Nein, nein, er ist es nicht; sein Tritt ist nicht so schwer. O Maria, vielleicht ein Unglücksbote!«

In diesem Augenblick hörte man die Zellentüre in ihren Angeln kreischen; eine Nonne öffnete und ließ den güldenen Ritter ein.

Der zarte Körper Machtelds zitterte, ihre Augen hefteten sich unsicher auf den, der vor ihr stand und seine Arme öffnete, um sie zu umfangen; ihr war, als täuschte sie ein trügerischer Traum, aber diese Empfindung war flüchtiger als der Blitz, der leuchtet und vergeht. Sie stürzte ungestüm nach vorn und fiel jauchzend an die Brust des güldenen Ritters.

»Vater,« rief sie, »o teurer Vater! Ich sehe Euch wieder – frei, ohne Ketten! Laßt mich Euch in meine Arme schließen. O Gott, wie gut bist du!«

Robrecht van Bethune umarmte seine Tochter in freudiger Begeisterung; er hielt sie an seinem Herzen, bis sich die Aufregung in beiden ein wenig gelegt hatte, und legte dann seinen Helm und die eisernen Handschuhe auf die Betbank. Von Anstrengung erschöpft, zog er einen Sessel heran und ließ sich darin nieder. Die liebevolle Machteld umschlang seinen Hals mit beiden Armen; sie betrachtete mit ehrfürchtiger Bewunderung den, dessen Gesicht für sie so heilvoll wie das Antlitz Gottes war, den Mann, dessen edles Blut auch in ihren Adern floß und der sie so zärtlich und so innig liebte. Sie lauschte mit wogendem Busen den süßen Worten, die die geliebte Stimme in ihre Ohren klingen ließ.

»Machteld,« sprach er, »mein edles Kind, der Herr hat uns lange geprüft; aber nun ist all unser Leid zu Ende: Flandern ist frei, das Vaterland ist gerächt, der schwarze Löwe hat alle Lilien zerrissen. Fürchte nichts mehr, alle Fremden sind erschlagen; die bösen Söldner, die Johanna von Navarra gesandt hat, sind tot.«

Das Mädchen fing die Worte mit ängstlicher Gier von des Vaters Lippen weg; sie blickte unsicher in seine Augen und lächelte mit einem seltsamen Ausdruck. Die Freude verzückte sie derart, daß sie bewegungslos lag, als wäre sie des Gefühls beraubt. Nach einigen Augenblicken bemerkte sie, daß ihr Vater nicht mehr sprach.

»O Gott!« rief sie, »das Vaterland ist frei! Die Franzosen sind erschlagen! Und, mein Vater, Euch besitze ich wieder! Dann werden wir wieder in unser schönes Wijnendaal zurückkehren; die Trauer wird Euer Alter nicht verbittern, und ich werde mein Leben so heiter und so selig in Euren Armen verbringen können! Dieses Glück wagte ich nicht zu erhoffen; ich hatte nicht den Mut, in meinen Gebeten so viel von Gott zu fordern.«

»Höre wohl, mein Kind, und werde nicht betrübt, ich bitte dich. Heute muß ich dich wieder verlassen. Der edle Kriegsmann, der mich noch einmal der Bande entledigt hat, empfing mein Ehrenwort, daß ich zurückkehren werde, sobald die Schlacht geliefert ist.«

Das Mädchen ließ den Kopf in tiefer Trauer auf die Brust sinken und seufzte:

»Sie werden Euch morden, unglücklicher Vater!«

»Sei doch nicht so besorgt, Machteld,« versetzte Robrecht, »mein Bruder Gwijde hat sechzig französische Ritter von edlem Blute gefangengenommen; man wird Philipp dem Schönen ankündigen lassen, daß ihr Leben gegen das meine verpfändet ist, und es ist ihm nicht erlaubt, diese übriggebliebenen Tapfern seiner Rachsucht zu opfern. Ich habe nichts mehr zu fürchten. Flandern ist mächtiger als Frankreich: daher bitte ich dich, laß das Weinen. Sei getrost, die schönste Zukunft harret deiner; ich werde das Schloß Wijnendaal wiederherstellen lassen, um uns alle wieder aufzunehmen. Dann werden wir wieder zusammen auf die Falkenjagd reiten. – Kannst du dir vorstellen, wie fröhlich unser erster Zug sein wird?«

Ein Lächeln unaussprechlichen Glückes und ein Kuß süßer Liebe waren Machtelds Antwort. Aber plötzlich schien ein schmerzlicher Gedanke sich in ihrer Seele zu erheben, ihre Mienen wurden traurig, und sie blickte stumm auf den Boden wie jemand, der sich schämt.

Robrecht warf einen forschenden Blick auf seine Tochter und fragte sie:

»Machteld, mein Kind, warum verdüstert sich dein Gesicht so unversehens?«

Die Jungfrau hob den Kopf und antwortete mit dumpfer Stimme:

»Aber, Herr Vater, Ihr sprecht mir nicht von Adolf. Warum kommt er nicht mit Euch?«

Ein kurzer Augenblick verging, bevor Robrecht auf ihre Frage antwortete. Es schien ihm, daß er in Machteld ein heißes Gefühl entdeckt habe, das vielleicht ihr selbst noch unbekannt war. Nicht ohne Absicht sprach er die folgenden Worte:

»Noch einige Sorgen beschäftigen Adolf, mein Kind; es streifen noch zerstreute Banden von Feinden durch die Felder; sicherlich verfolgt er sie. Machteld, ich darf dir sagen, daß unser Freund Adolf der edelste, der mutigste Ritter ist, den ich kenne. Er hat zweimal deinem Oheim Gwijde das Leben gerettet. Bis zur Kronfahne Frankreichs fielen die Feinde haufenweise durch sein Schwert; alle Ritter rühmen seine Tapferkeit und sprechen ihm einen großen Anteil an der Befreiung Flanderns zu.«

Während dieser Rede richtete Robrecht seine Blicke auf seine Tochter und verfolgte die kleinste Bewegung auf ihrem Gesicht. – Er hatte abwechselnd Freude und Stolz sich darauf ausprägen sehen und zweifelte nicht mehr an der Richtigkeit seiner Vermutung.

Begeistert stand Maria vor Robrecht; sie hörte bewegt die Lobpreisung ihres Bruders an.

Während die junge Machteld ihren Vater entzückt anblickte, vernahm man in der Vorhalle des Klosters ein lautes Durcheinander von Stimmen. Dies währte nur einige Augenblicke, und alles ward wieder still. Bald ging die Türe der Zelle auf, und Gwijde, der Bruder Robrechts, trat langsam und mit trauriger Miene ein; er kam näher und sprach:

»Ein großes Unglück, mein Bruder, trifft uns beide in einem Manne, der uns teuer ist; die Genter haben ihn auf dem Schlachtfeld unter den Toten hervorgezogen und hierher in das Kloster gebracht. Seine Seele schwebt auf seinen Lippen, und vielleicht ist seine Sterbestunde nahe; er verlangt dich noch einmal zu sehen, ehe er die Welt verläßt. Ich bitte dich, mein Bruder, erweise ihm die letzte Gunst.«

Sich zur Schwester Adolfs wendend, fügte er hinzu:

»Er ruft auch Euch, edles Fräulein!«

Ein Jammerlaut, ein Schmerzensschrei kam zu gleicher Zeit aus den Kehlen der beiden Frauen. Machteld sank kraftlos in die Arme ihres Vaters und schien zu sterben; Maria, die auf nichts hören wollte, eilte unter herzzerreißendem Jammer zur Türe und verließ das Zimmer. Auf das Schreien kamen zwei Nonnen herbei und empfingen die schwache Machteld aus den Armen ihres Vaters. Dieser küßte seine Tochter noch einmal und wollte gehen, um den sterbenden Adolf zu besuchen; aber die Jungfrau, die die Augen öffnete und seine Absicht erriet, riß sich von den Nonnen los, und indem sie sich an Robrecht anklammerte, rief sie:

»Laßt mich gehen, o Vater! Damit ich ihn noch einmal sehe. Wehe mir, der Schmerz zerreißt mir das Herz! Ich sterbe mit ihm – schon fühle ich den Tod in mir; – ich will ihn sehen; sputet Euch, kommt, o kommt schnell! – Er stirbt! – er, Adolf!«

Robrecht blickte teilnahmsvoll seine Tochter an. Nun blieb ihm kein Zweifel mehr hinsichtlich der Neigung, die im Herzen seiner Tochter still und langsam festgewurzelt war. Diese Sicherheit verursachte in ihm keine Erregung, keinen Groll. In der Unmöglichkeit, seine Tochter durch Worte zu trösten, drückte er sie fest an seine Brust; aber Machteld entwand sich bald diesen zärtlichen Banden. Sie zog Robrecht mit der Hand fort und rief:

»O Vater, erbarmt Euch meiner! Kommt, damit ich noch einmal die Stimme meines guten Bruders höre, damit seine Augen mich noch einmal im Leben sehen!«

Robrecht hätte am liebsten sein Kind den Nonnen überlassen, denn er fürchtete mit Recht, daß der Anblick des Sterbenden sie zu sehr ergreifen würde; doch konnte er ihren dringenden Bitten nicht länger widerstehen. Er nahm sie bei der Hand und sprach:

»Wohlan, meine Tochter, gehe mit mir und besuche den unglücklichen Adolf. Aber ich bitte dich, betrübe mich nicht so sehr durch deine Verzweiflung; bedenke, daß Gott uns heute vielfach große Gunst erwiesen hat und daß er sich über deine Verzweiflung erzürnen könnte.«

Sie waren schon aus der Zelle und im Gang, als er diese Worte beendigte.

Man hatte Adolf in den großen Speisesaal getragen; ein Federbett war auf den Boden gelegt und er sorgfältig darauf ausgestreckt worden. Ein Priester, in der Heilkunde sehr erfahren, hatte seinen Körper mit großer Gewissenhaftigkeit untersucht und keine offenen Wunden an ihm gefunden; lange blaue Streifen zeichneten die empfangenen Schläge auf seinem Leibe ab, und schwere Quetschungen hatten unter ihnen das Blut angesammelt und zum Stocken gebracht. Seine Glieder wurden sogleich nach dem Aderlaß gewaschen und mit stärkendem Balsam bestrichen. Durch die kundige Sorgfalt des Priesters fühlte er sich ein wenig gestärkt; doch schien er noch immer dem Sterben nahe, wenn auch seine Augen nicht mehr so aschfarbig und nicht mehr so verglast waren. Um das Sterbebett standen eine große Anzahl Ritter und betrauerten stumm ihren Freund. Herr van Renesse, Arnold van Oudenaarde und Pieter de Coninck halfen dem Priester bei seinen Verrichtungen. Willem van Jülich, Jan Borluut und Boudowijn van Papenrode standen an der linken Seite, während der junge Gwijde mit Jan Breydel und den anderen vornehmsten Rittern am Fußende mit gesenkten Häuptern auf den Verwundeten starrten.

Breydel war schrecklich anzusehen: seine Wangen trugen blutige Schrammen, ein blutiges Tuch bedeckte die Hälfte seines Kopfes, seine Arme und Kleider waren beschmutzt, sein stumpf gehauenes Beil hing an seiner Seite. Die anderen Ritter hatten gleichfalls dieses oder jenes Glied mit Tüchern umwunden, und die Rüstung eines jeden war furchtbar blutbefleckt und zerhauen. – Die weinende Maria kniete neben ihrem Bruder; sie hatte eine seiner Hände gefaßt und benetzte sie mit Tränen, während Adolf sie matt und mit irren Blicken ansah.

Sobald Robrecht mit seiner Tochter in den Saal trat, wurden alle Ritter von Rührung und Teilnahme ergriffen. Er, der insgeheim als Erlöser in der Not zu ihnen gekommen war, war der Löwe von Flandern! – Sie beugten alle ehrfurchtsvoll das Knie und sprachen:

»Ehre sei dem Löwen, unserem Grafen!«

Robrecht ließ seine Tochter los, hob die Herren Jan Borluut und van Renesse vom Boden auf und küßte beide auf die Wange; er bedeutete den anderen durch einen Wink, daß sie aufstehen sollten, und sprach:

»Meine treuen Untertanen, meine Freunde, ihr habt mir heute bewiesen, wie mächtig ein Heldenvolk ist. Meine bescheidene Krone trage ich nun mit größerem Stolz, als Philipp der Schöne die des französischen Reiches; denn eurer darf ich mich mit vollem Rechte rühmen.«

Dann ging er zu Adolf, erfaßte seine Hand und betrachtete ihn lange, ohne zu sprechen, mit feuchten Blicken. Machteld kniete schon einige Zeit zu Häupten Adolfs; sie hatte ihm ihren grünen Schleier, der nun mit Blut befleckt war, genommen, und bei diesem Zeugen ihrer Zuneigung und seiner Aufopferung strömten ihr die Tränen aus den Augen. Sie sprach kein Wort, sie betrachtete nicht einmal Adolf; sie hatte die Hände vor das Gesicht gelegt und schluchzte in dumpfer Trauer, ohne sich zu rühren.

Der Priester stand ebenfalls bewegungslos und starrte auf den verwundeten Ritter; ihm schien, daß auf seinem Antlitz sich etwas Wunderbares zeigte, daß mehr Leben in ihn kam. Und in der Tat, seine Augen wurden heller und seine Mienen verloren nach und nach die Merkmale des nahenden Todes. Bald richtete er einen liebevollen Blick auf Robrecht und sprach langsam und mit schmerzlicher Stimme:

»O, mein Herr und Graf, Eure Anwesenheit ist mir ein süßer Trost. Ich darf sterben, das Vaterland ist frei! Ihr werdet den Löwenthron in friedlichen Tagen besteigen ... Ich verlasse die Welt mit Freude, nun die Zukunft Euch und Eurem edlen Kinde ein langes Glück verheißet. O, glaubt mir in meiner Sterbestunde, Eure Mißgeschicke waren für mich, Euren unwürdigen Diener, schmerzlicher als für Euch selbst. Ich habe unter dem geheimnisvollen Dunkel der Nächte so manche Träne vergossen, wenn ich an die traurige Lage der edlen Machteld – und an Eure Gefangenschaft dachte ...«

Den Kopf ein wenig gegen Machteld kehrend, sagte er:

»Weinet nicht, edles Fräulein, ich verdiene diese liebevolle Teilnahme nicht. Es gibt noch ein anderes Leben! Dort werde ich meine gute Schwester wiedersehen. Bleibt auf Erden, um Eurem Vater in seinem Alter eine Stütze zu sein, und denkt zuweilen in Euren Gebeten an den guten Bruder, der Euch verlassen muß ...«

Hier hielt er plötzlich inne und blickte gleichsam verwundert um sich.

»Aber, Gott!« rief er, den Priester forschend ansehend. »Was ist das? Ich fühle neue Kraft. Das Blut fließt mir freier durch die Adern!«

Machteld stand auf und sah ihn in ängstlicher Erwartung an.

Alles blickte angstvoll auf den Priester. Dieser hatte während dieser Szene den Kranken scharf beobachtet und alle Regungen, die ihn ergriffen hatten, verfolgt. Er nahm die Hand Adolfs und betastete sie mit einer geheimen Absicht, während die Zuschauer sorgenvoll seinen Bewegungen folgten. Sie sahen auf dem Antlitz des Priesters, daß noch nicht alle Hoffnung verloren war, den Verwundeten am Leben zu erhalten. Der Geistliche fuhr stillschweigend in seinem Werke fort; er hob die Augenlider des Kranken auf und ließ seine Hand über seine bloße Brust gleiten. Dann kehrte er sich zu den Umstehenden um und sprach im Tone tiefster Überzeugung:

»Ich sage euch, ihr Herren, das Fieber, das diesen Jüngling töten sollte, ist vorbei – er wird nicht sterben!«

Alle Ritter wurden von einer wunderlichen Bewegung ergriffen, und man hätte meinen können, aus dem Munde des Priesters sei ein Todesurteil gekommen; aber diese stürmische Empfindung erlaubte ihnen bald, ihre Freude in Worten und Gebärden auszudrücken.

Maria hatte die Ankündigung des Priesters mit einem lauten Schrei beantwortet und ihren Bruder in ihrer Aufregung umarmt. Machteld kniete wieder nieder, hob die Hände und rief mit lauter Stimme:

»Ich danke dir, o barmherziger Gott, daß du das Gebet deiner demütigen Dienerin erhört hast!«

Nach dieser kurzen Dankesbezeugung sprang sie empor und warf sich mit der höchsten Freude in die Arme ihres Vaters.

»Er wird leben! Er wird nicht sterben!« rief sie. »O, nun bin ich glücklich!« und sie ruhte einen Augenblick an der Brust Robrechts. Aber bald kehrte sie wieder zu Adolf zurück und richtete frohe Worte an ihn.

Was sie alle als ein Wunderwerk betrachteten, war eine Folge von Adolfs Zustand. Er hatte keine offenen oder tiefen Wunden, sondern nur zahlreiche Quetschungen. Die Qualen, die diese verursachten, hatten ein heftiges Fieber hervorgerufen, das ihn dem Leben zu entreißen schien; aber die Anwesenheit Machtelds hatte die Kräfte seiner Seele verdoppelt und das tödliche Fieber verscheucht – und so entrann er dem Grabe, das schon vor ihm gähnte.

Robrecht van Bethune ließ seine vor Glück aus der Fassung geratene Tochter neben Adolf knien, und vor die Ritter tretend, sprach er:

»Ihr edelsten Männer Flanderns habt heute einen Sieg errungen, der als ein Beweis eurer hohen Mannhaftigkeit auf unsere Söhne kommen wird; ihr habt der ganzen Welt gezeigt, was es den Fremdling kostet, wenn er den Fuß auf unseren Boden zu setzen wagt. Die Liebe zum Vaterlande hat eure Heldenseelen zu nie gekannter Unverzagtheit entzündet, und eure Arme, durch eine gerechte Rachelust gestählt, haben die Tyrannen erschlagen. Die Freiheit ist teuer einem Volke, das sie mit seinem Blute besiegelt hat. Nun können alle Fürsten des Südens die Flamen keinen Augenblick mehr zu Sklaven machen; denn ihr würdet alle sterben, bevor man euch überwinden könnte. Aber dies dürfen wir nicht mehr fürchten. Flandern hat sich heute über alle anderen Völker erhoben, und ihr seid es, edle Männer, denen das Vaterland diesen Ruhm schuldet. Nun wollen wir, daß der Friede und die Ruhe unsere Untertanen wegen ihrer Treue belohne; es wird uns zum Glücke gereichen, von allen als Vater begrüßt zu werden, wenn unsere sorgende Liebe und beständigen Anstrengungen, sie glücklich zu machen, uns diesen Namen verdienen können. Sollte es aber sein, daß die Franzosen den Mut hätten, wieder zu kommen, so würden wir wieder der Löwe von Flandern sein, und unser Streithammer würde euch nochmals zum Kampfe führen. Wir bitten euch, ihr Herren, sobald ihr auf eure Lehen zurückgekehrt sein werdet, besänftigt die Gemüter, bringt alles zur Ruhe, damit der Sieg nicht durch einen Aufruhr befleckt werde; und duldet vor allem nicht, daß das Volk neue Verfolgungen gegen die Leliaarts beginne; uns steht es zu, über sie zu befinden. Wir müssen euch verlassen. In unserer Abwesenheit werdet ihr unserem Bruder Gwijde als eurem Herrn und Grafen gehorchen.«

»Uns verlassen!« rief Jan Borluut ungläubig, »Ihr kehrt nach Frankreich zurück? Tut es nicht, edler Graf, sie werden ihre Niederlage an Euch rächen.«

»Ihr Herren,« fiel Robrecht ein, »ich frage euch: wer ist unter euch, der aus Todesfurcht sein Ehrenwort und seine Rittertreue brechen würde?«

Sie senkten alle zu gleicher Zeit das Haupt und sprachen kein Wort; mit Betrübnis verstanden sie, daß nichts ihren Grafen zurückhalten konnte. Dieser fuhr dann fort:

»Herr de Coninck, Eure tiefe Weisheit ist uns von großem Nutzen gewesen und wird es auch fürder sein; wir berufen Euch in unseren Rat, damit Ihr mit uns am gräflichen Hofe verweilet. Herr Breydel, Eure Tapferkeit und Treue verdienen eine große Belohnung; seid von nun ab und für immer Oberbefehlshaber über alle Eure Stadtgenossen, die uns mit Waffen dienen können; wir wissen, wie ehrenvoll Ihr dieses Amt bekleiden könnt. Außerdem werdet auch Ihr zu unserem Hof gehören und dahin kommen, wann es Euch beliebt. – Und Ihr, Adolf, mein Freund, Ihr verdient eine größere Belohnung. Wir alle waren Zeugen Eurer Unverzagtheit; Ihr habt Euch Eurer edlen Ahnen würdig gezeigt. Ich weiß, mit welcher Sorgfalt, mit welcher Liebe Ihr mein unglückliches Kind behütet und getröstet habt; ich weiß, welch reines, inniges Gefühl in Eurem Herzen einsam und unbekannt erwachsen ist. Wohlan, ich will in Edelmut es Euch gleichtun: das erlauchte Blut der Grafen von Flandern mische sich mit dem Blute der Edelherren van Nieuwland; der schwarze Löwe glänze auf Eurem Schilde. – Ich gebe Euch mein teures Kind, meine Machteld, zum Weibe!«

Aus Machtelds Brust kam ein einziger Laut, der Name Adolfs! Aber sie faßte seine Hand gerührt, zitterte heftig und sah ihm tief in die Augen; dann begann sie stärker zu weinen, aber jetzt war es die Freude, die sie erschütterte. Der junge Ritter sprach ebenfalls kein Wort: sein Glück war zu innig, zu groß, um ausgedrückt werden zu können. – Er richtete nur seine glänzenden Augen liebevoll auf Machteld, voll Erkenntlichkeit auf Robrecht und dann voll Dankbarkeit zum Himmel.

Seit einiger Zeit hörte man einen großen Lärm vor dem äußeren Tore der Abtei. Es war, als ob ein Volksauflauf stattfände. Dieses Geräusch schwoll immer mehr an, manchmal erhob es sich zu lautem Jubel. Eine Nonne kam und verkündete, daß eine große Menge Volks vor dem Tore stünde und unaufhörlich verlange, den güldenen Ritter zu sehen. Da die Saaltüre offen stand, klang der Jubel verständlich in die Ohren der Ritter:

»Flandern dem Löwen! Heil unserem Befreier! Heil! Heil!«

Robrecht wendete sich zur Nonne und sprach:

»Ihr wollet ihnen sagen lassen, daß der güldene Ritter, den sie rufen, binnen wenigen Augenblicken unter sie treten wird.«

Dann ging er zu dem kranken Ritter, faßte ihn bei der Hand und sagte:

»Adolf van Nieuwland, meine teure Machteld wird Eure Gemahlin; der Segen des Allmächtigen senke sich auf eure Häupter herab und gebe euren Kindern die Tapferkeit ihres Vaters und die Tugenden ihrer Mutter. Ihr habt mehr verdient; aber es liegt nicht in meiner Macht, Euch ein köstlicheres Geschenk zu machen als mein Kind, das der Trost und die Stütze meines Alters sein sollte.«

Während Adolfs Mund von Danksagungen überquoll, trat Robrecht eiligst zu Gwijde.

»Mein lieber Bruder,« sprach er, »ich begehre, daß diese Hochzeit so bald als möglich mit Prunk gefeiert und durch die üblichen religiösen Formeln bekräftigt werde; dies ist mein innigster Wunsch. – Ihr Herren, ich verlasse euch, mit der Hoffnung, daß ich bald frei und ohne Hindernis das Glück meiner treuen Untertanen bewirken darf.«

Nach diesen Worten ging er zu Adolf und küßte ihn auf die Wange.

»Lebt wohl, mein Sohn,« sagte er.

Und seine Machteld an die Brust schließend:

»Leb' wohl, meine geliebte Machteld. Weine jetzt nicht mehr über mich; ich bin glücklich, nun das Vaterland gerächt ist. Ich werde bald zurück sein.«

Dann umarmte er noch seinen Bruder Gwijde, Willem van Jülich und einige andere Ritter, seine Freunde; er drückte allen gerührt die Hand und rief, während er ging:

»Lebt wohl, lebt wohl, ihr alle, edle Söhne Flanderns, meine treuen Waffenbrüder!«

Auf dem Vorhof stieg er zu Pferde und legte seine Rüstung an; er ließ das Helmvisier fallen und ritt aus dem Tore. Eine unzählbare Menge Volks hatte sich vor diesem versammelt; sobald die den güldenen Ritter sahen, bildeten sie eine Gasse, um ihn durchzulassen, und begrüßten ihn mit Jubelrufen:

»Heil dem güldenen Ritter! Sieg! Sieg unserem Befreier!« wurde hundertmal mit steigender Kraft wiederholt. Sie schwenkten die Hände zum Zeichen der Freude in der Luft und rafften die Erde, wie ein Heiligtum aus den Hufspuren seines Rosses auf. In ihrem Aberglauben meinten sie, daß St. Joris, den man während des Kampfes in allen Kirchen zu Kortrijk angerufen, unter dieser Gestalt ihnen zu Hilfe gekommen sei. Der langsame Tritt des Ritters und sein Schweigen stützten diese Vermutung, und viele sanken, während er vorbeiritt, auf die Knie. Sie folgten ihm eine Weile jauchzend in die Felder nach und schienen ihren Blick nicht sättigen zu können; denn der güldene Ritter erschien ihnen immer wunderbarer.

Endlich gab er seinem Rosse die Sporen und verschwand wie ein Schemen zwischen den Bäumen des Waldes. Das Volk bemühte sich, seinen güldenen Harnisch noch unter dem Laube zu entdecken, aber vergeblich; der Traber hatte seinen Herrn schon weit aus dem Bereich ihrer Blicke entführt. Dann sahen sie sich gegenseitig an und seufzten traurig:

»Er ist zum Himmel wiedergekehrt!«

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