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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 23
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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21.

In geringer Entfernung von der Stadt Rijssel, auf einem Felde von ungewöhnlich großer Ausdehnung, hatte das französische Heer sich gelagert; die zahllosen Zelte, die es für so viele Menschen bedurfte, bedeckten eine gute halbe Meile Boden. Da ein hoch aufgeworfenes Bollwerk den Platz umgab, konnte man von weitem glauben, eine befestigte Stadt vor sich zu haben, wenn nicht das Wiehern der Pferde, das Geschrei der Söldner, der Rauch der Feuer und die Tausende von flatternden Wimpeln die Anwesenheit eines Heerlagers verraten hätten. Der Teil, wo die edlen Ritter wohnten, war kenntlich an den kostbaren Standarten und gestickten Fahnen; während hier samtene Zelte und Pavillons von allerlei Farbe standen, traf man im anderen Teil nur geringe Hütten von Leinwand oder Stroh an. Man hätte sich eigentlich wundern können, wie es möglich war, daß ein so zahlreiches Heer nicht vor Hunger umkam, da man in jenen Zeiten selten irgendwelche Lebensbedürfnisse mitnahm; es gab jedoch in allem Überfluß: man sah da Weizen im Kot liegen, und die besten Lebensmittel wurden mit Füßen getreten. Die Franzosen wendeten ein gutes Mittel an, um sich alles zu verschaffen und sich zu gleicher Zeit bei den Flamen verhaßt zu machen. Jeden Augenblick zogen große Söldnerbanden aus dem befestigten Lager, um das Land abzustreifen und alles zu rauben, zu plündern oder zu vernichten. Diese schlimmen Kriegsknechte hatten die Absicht ihres Feldherrn Robrecht d'Artois vollkommen begriffen; um sie auszuführen, begingen sie die greulichsten Übeltaten, die man im Kriege begehen kann. Als Symbol der Zerstörung, mit der sie das Flandernland bedrohten, hatten sie sämtlich kleine Besen an ihre Speere gehangen, um dadurch zu bedeuten, daß sie zu dem Zwecke gekommen seien, Flandern auszukehren und zu säubern. Tatsächlich versäumten sie nichts, was dazu beitragen konnte, diesen Vorsatz auszuführen; nach wenigen Tagen stand im ganzen südlichen Teile des Landes kein einziges Haus, keine Kirche, kein Schloß, kein Kloster, ja, nicht einmal ein Baum mehr aufrecht; – alles war kahl gefegt und vernichtet. Weder Alter noch Geschlecht ward geschont, Frauen und Kinder wurden ermordet und ihre Leichen den Raubvögeln überlassen.

In dieser Weise begannen die Franzosen ihren Zug. Auf ihre große Macht pochend, glaubten sie sich des Sieges sicher, sie kannten daher weder Furcht noch Reue; aber um so feiger und schändlicher waren ihre Taten. – Und ganz Flandern sollte das gleiche Los erfahren; das hatten sie geschworen.

Als Gwijde an diesem Morgen damit beschäftigt gewesen war, die treuen Dienste de Conincks und Breydels zu belohnen, hatte der französische Feldherr seine vornehmsten Ritter zu einem prächtigen Gastmahl eingeladen.

Das Zelt des Grafen d'Artois war ungemein lang und breit und in verschiedene Räume abgeteilt; da waren Zimmer für die Schildknappen und Waffenträger, für die Mundschenke und Köche und für andere besondere Personen seines Gefolges. In der Mitte war ein geräumiger Saal, der für derartige Gastmähler oder für die Versammlung des Kriegsrates bestimmt war und der eine große Anzahl Ritter aufnehmen konnte. Auf der gestreiften Seide, mit der dieser Pavillon bekleidet war, sah man zahllose kleine silberne Lilien; am Vordergiebel über dem Eingang hing das Wappenschild des Hauses d'Artois; ein Stückchen weiter entfernt, auf einem aufgeworfenen Hügel, flatterte das Lilienbanner Frankreichs. In diesen prächtigen Raum, der mit kostbaren Tapeten behängt war, hatte man lange geschnitzte Tafeln und Sessel gestellt. Wahrlich, ein Palast konnte nicht mehr Reichtum und Pracht zeigen.

Am oberen Ende der Tafel saß Herr Robert, Graf d'Artois; er war schon in hohem Alter, doch noch in der vollen Kraft seines Lebens; eine Narbe, die einen Teil seiner rechten Wange verunstaltete, zeugte von seiner Tapferkeit im Kriege und legte in seine Gesichtszüge noch größere Härte. Obwohl seine Wangen durch tiefe Runzeln und braune Flecke ein welkes Aussehen gewannen, blitzten seine Augen noch mit allem Feuer männlicher Leidenschaft unter seinen schwarzen Brauen hervor. Seine Mienen waren grausam und seine wilden Blicke verrieten den unerbittlichen Krieger.

Neben ihm, zur Rechten, saß der Greis Sigis, König von Melinde. Das Alter hatte sein Haar versilbert und seinen Kopf gebeugt; dennoch wollte er bei der Schlacht anwesend sein. In der Gesellschaft so vieler alter Kriegsgesellen fühlte er den Mut in sein Herz zurückkehren, und er versprach sich innerlich, noch einige schöne Waffentaten auszuführen. Das Gesicht des alten Fürsten flößte die größte Ehrfurcht ein; Sanftmut und Seelenruhe prägten sich darauf aus. Gewiß, der gütige Sigis hätte die Flamen nicht bekämpfen mögen, wäre ihm der wahre Stand der Dinge bekannt gewesen, aber man hatte ihn nebst vielen anderen getäuscht mit der Vorspiegelung, daß die Flamen schlechte Christen seien und daß man daher ein gottgefälliges Werk verrichte, wenn man sie bis zum letzten Mann ausrotte. In jener frommen Zeit war es genügend, jemanden der Ketzerei zu beschuldigen, um ihn für jeden zum Blutsfeind zu machen.

Zur Linken des Feldherrn saß Balthasar, König von Majorka, ein ungestümer und tapferer Krieger; dies konnte man zur Genüge in seinen Mienen lesen; ja, es war nicht möglich, den scharfen Blick seiner schwarzen Augen zu ertragen. Eine wilde Freude erhellte sein Gesicht, weil er nun hoffte, sein Reich, das ihm die Mauren genommen hatten, wieder zu erlangen. Neben ihm saß de Chatillon, der ehemalige Landvogt von Flandern, der Mann, der als Werkzeug der Königin Johanna die Ursache alles geschehenen Unheils war; seine Schuld war es, daß so viele Franzosen in Brügge und Gent ermordet worden waren; er war die Ursache des entsetzlichen Schlachtens, das noch folgen sollte. – Welche Ströme sühneheischenden Blutes kamen über das Haupt dieses Tyrannen! Er erinnerte sich, wie die Brügger ihn schmachbeladen aus ihrer Stadt vertrieben hatten, und versprach sich keine geringe Rache; es schien ihm unmöglich, daß die Flamen der vereinigten Macht so vieler Könige, Fürsten und Grafen widerstehen könnten; schon jubelte er in seinem Herzen und zeigte ein frohes Gesicht.

Auf ihn folgte sein Bruder Gui de St. Pol, nicht minder rachedurstig wie er; dann konnte man Thibaut, Herzog von Lothringen, zwischen den Herren Jean de Barlas und Renauld de Tris bemerken; dieser war den Franzosen mit sechshundert Pferden und zweihundert Bogenschützen zu Hilfe gekommen. Rudolf de Nesle, ein braver und edelmütiger Ritter, saß neben Herrn Henri de Ligny auf der linken Seite der Tafel; Mißvergnügen und Trauer zeichneten sich auf seinem Gesicht ab, und es war ersichtlich, daß die grausamen Drohungen, die die Ritter gegen Flandern aussprachen, ihm nicht behagten. Auf der rechten Seite in der Mitte saß, zwischen Louis de Clermont und dem Grafen d'Aumale, Gottfried von Brabant, der den Franzosen fünfhundert Pferde zugeführt hatte.

Neben diesen bewunderte man die mächtige Gestalt des Seeländers Hugo van Arckel; sein Kopf ragte über die anderen Ritter hinaus, und sein Riesenkörper ließ zur Genüge erkennen, wie schrecklich ein solcher Kämpfer auf dem Schlachtfeld sein mußte. Der Ritter hatte seit langen Jahren keine andere Behausung als diesen oder jenen Lagerplatz gekannt: wegen seiner Streitbarkeit und schönen Waffentaten überall berühmt, hatte er eine Schar von achthundert unverzagten Männern zusammengerafft und ging mit diesen in alle Lande, wo es gerade etwas zu kämpfen gab. Schon mehr als einmal hatte er durch seine Anwesenheit den Sieg für den Fürsten, dem er diente, entschieden, und er sowohl als seine Mannen waren mit Wunden bedeckt. Dieser beständige Kampf war sein Leben und seine Belustigung; die Ruhe konnte er nicht vertragen. Er hatte sich zum französischen Heer gesellt, weil er darunter viele seiner Waffenbrüder gefunden hatte; da einzig die Neigung zum Kriege ihn antrieb, kümmerte er sich wenig darum, für wen oder warum er kämpfen sollte.

Dann waren unter anderen noch anwesend die Herren Simon von Piemont, Louis de Beaujeu, Froald, Kastellan von Doway, und Alain de Bretagne.

Einen anderen Schlag von Rittern traf man am unteren Ende der Tafel an. Als ob die Franzosen sich nicht unter sie hätten mengen mögen, saßen sie nebeneinander auf dem geringsten Platz. Wahrlich, die Franzosen hatten nicht unrecht; diese Ritter waren verächtlich; denn während ihre Vasallen als echte Flamen den Feind erwarteten, befanden sich diese ihre Lehensherren im französischen Lager. – Welche Verblendung trieb diese Bastarde an, gleich den Schlangen den Schoß ihrer Mutter zu zerreißen? Sie gingen unter einem feindlichen Banner, um das Blut ihrer Landsleute auf vaterländischem Boden zu vergießen, vielleicht das Blut eines Bruders oder Busenfreundes; – und warum? Um das Land, das ihnen das Leben gegeben, zum Sklavenland zu machen und dem Fremdling zu unterwerfen.

Hatten denn diese Bastarde keine Seele, um zu gewahren, daß Schande und Verachtung über ihren Häuptern schwebten – in ihrem eigenen Herzen das Nagen des Wurmes zu fühlen? – Die Namen dieser Bastardflamen sind für die nachfolgenden Geschlechter aufbewahrt worden: unter vielen anderen waren Hendrik van Bautershem, Geldof van Winghene, Arnold van Eikhove und sein ältester Sohn, Hendrik van Wilre, Willem van Redinghe, Arnold van Hofstad, Willem van Cranendonc und Jan van Raneel die vornehmsten.

Alle Ritter speisten aus getriebenen silbernen Schüsseln und tranken die leckersten Weine aus goldenen Pokalen. Die Gefäße, die vor Robrecht d'Artois und den beiden Königen standen, waren kostbarer und größer als die der anderen Herren; ihre Wappenzeichen waren kunstvoll hineingeschnitten, und mehr als ein unschätzbarer Edelstein funkelte an den Rändern. Während der Mahlzeit wurde viel über den Stand der Dinge gesprochen; aus den Worten der Gäste konnte man entnehmen, welch schreckliches Los den verurteilten Flamen beschert war.

»Ja, ja,« antwortete der Feldherr auf eine Frage de Chatillons, »alles muß vernichtet werden. Diese verfluchten Flamen sind nicht anders zu zähmen als durch Feuer und Schwert; – und sollten wir diesen Haufen Bauern am Leben lassen? Dann würden wir nimmermehr mit ihnen fertig; – dies muß ein Ende nehmen. Ihr Herren, laßt uns die Sache kurz machen, damit wir unsere Schwerter nicht länger mehr mit diesem schlechten Blut beflecken müssen.«

»Fürwahr,« sprach Jan van Raneel, der Leliaart, »fürwahr, Herr d'Artois, Ihr habt recht; denn es ist nicht möglich, mit diesen Meuterern etwas auszurichten; sie sind zu reich und würden sich bald uns überlegen schätzen. Schon wollen sie nicht mehr anerkennen, daß wir, aus edlem Blute entsprossen, sie als unsere Untertanen behandeln dürfen, als ob das Geld, das sie durch Handarbeit gewonnen haben, ihr Blut edler machen könne. Sie haben sich in Brügge und in Gent Häuser gebaut, die an Pracht unsere Schlösser überragen. Ist dies nicht eine Schmach für uns? Gewiß, dies dürfen wir nicht länger ertragen.«

»Wenn wir nicht alle Tage einen neuen Krieg führen wollen,« bemerkte Jan van Cranendonc, »müssen alle Handwerksleute erschlagen werden; denn die übrigbleibenden werden sich nicht ruhig verhalten. Deshalb finde ich, daß Herr d'Artois die besten Gründe der Welt hat, niemanden zu verschonen.«

»Und was werdet ihr tun, wenn ihr alle eure Vasallen ermordet haben werdet?« fragte der beleibte Hugo van Arckel lachend. »Meiner Treu! Dann könnt ihr selbst eure Felder pflügen. – Eine schöne Aussicht, wahrhaftig!«

»Ho!« antwortete Jan van Raneel, »ich weiß ein gutes Mittel, um hier Hilfe zu schaffen: wenn Flandern von dieser starrköpfigen Rotte gesäubert sein wird, werde ich französische Freigelassene aus der Normandie herbeirufen und sie auf meine Ländereien setzen.«

»Auf diese Art könnte Flandern wirklich ein echter Teil Frankreichs werden,« bemerkte der Feldherr. »Dies ist ein guter Plan; ich werde dem König vorschlagen, daß er die anderen Lehensherren auch zum Gebrauch dieses Mittels anhalte. Ich glaube, dies wird nicht schwer sein.«

»Gewiß nicht, Herr. Findet Ihr meinen Gedanken nicht gut?«

»Ja, ja, wir werden dies im Auge behalten; laßt uns nur damit beginnen, den Platz zu säubern.«

Die Mienen Rudolfs de Nesle verfinsterten sich vor innerem Grimm; die Worte, die er hörte, mißfielen ihm sehr, da sein Edelmut sich gegen solch große Grausamkeit aufbäumte. Er sprach heftig:

»Aber, Herr d'Artois, ich frage Euch, sind wir Ritter oder nicht, und gilt die Ehre uns nichts mehr, daß wir also schlimmer wie Sarazenen vorgehen sollten? Ihr treibt die Grausamkeit zu weit; ich versichere Euch, daß es eine Schande vor der ganzen Welt sein wird. Laßt uns das Heer der Flamen bekämpfen und besiegen, das sei uns genug! Und nennt dieses Volk nicht einen Haufen Bauern; wir werden genug mit ihm zu tun bekommen. – Und stehen sie nicht unter dem Sohne ihres Fürsten?«

»Konstabel de Nesle,« schrie ihm d'Artois grimmig entgegen, »ich weiß, daß Ihr die Flamen über die Maßen liebt. Diese Liebe ehrt Euch, wahrhaftig! Es ist wohl Eure Tochter, die Euch solche löbliche Gefühle einflößt Adela, die Tochter Raoul de Nesles, war verheiratet mit Willem van Dendermonde, einem Sohne des alten Grafen von Flandern.

»Herr d'Artois,« antwortete Rudolf, »daß meine Tochter in Flandern wohnt, hindert mich nicht, ein so guter Franzose zu sein, wie sonst irgend jemand; mein Degen hat dies zur Genüge bewiesen, und ich habe Grund genug, zu glauben, daß diese Ritter Euren scherzhaften Worten kein Gehör geben werden. Aber was mir mehr am Herzen liegt, ist die Ritterehre, und ich versichere Euch, daß Ihr die in große Gefahr bringt.«

»Was bedeutet das?« rief der Feldherr. »Sollte man nicht meinen, Ihr wolltet die Meuterer verschonen! Haben sie nicht den Tod verdient, nachdem sie siebentausend Franzosen ohne Gnade gemordet haben?«

»Ohne Zweifel, sie haben sich des Todes schuldig gemacht – und auch ich will die Krone meines Fürsten nach Möglichkeit rächen; aber nur an denen, die mit den Waffen in der Hand betroffen werden. Ich frage alle diese Ritter, ob es sich wohl geziemt, daß wir unsere Degen zu Henkerwerk gebrauchen und wehrlose Hörige morden, während sie auf dem Felde beim Pflügen sind?«

»Er hat recht!« rief Hugo van Arckel ärgerlich. »Wir streiten gegen keine Mauren, meine Herren, und es ist ein schändliches Werk, das uns vorgeschlagen wird. Bedenkt, daß wir es mit Christen zu tun haben. Es fließt auch dietsches Blut Die flämisch sprechenden Stämme nannte man im allgemeinen »Dietsche« (Deutsche), was jetzt durch das Wort »Niederländisch« ersetzt ist. in meinen Adern, und ich werde nicht dulden, daß man meine Brüder gleich Hunden behandelt; sie führen den Krieg im offenen Felde und müssen somit nach Kriegsbrauch behandelt werden.«

»Ist es denn möglich,« versetzte d'Artois, »daß Ihr die schlechten Bauern verteidigt? Schon hat unser gütiger Fürst alle anderen Mittel, sie zu zähmen, erprobt, aber es war alles umsonst. Wir sollen also unsere Mannen ermorden, unseren König höhnen und lästern lassen und dann noch das Leben dieser rebellischen Hörigen schonen? Nein, dies wird nicht geschehen; ich weiß, welche Befehle mir gegeben sind, und werde sie befolgen und ausführen lassen.«

»Herr d'Artois,« fiel Rudolf de Nesle leidenschaftlich ein, »ich weiß nicht, welche Befehle Ihr empfangen habt; aber ich sage Euch, daß ich ihnen nicht gehorchen werde, wenn sie der Ritterehre widerstreiten; selbst der König hat kein Recht, von mir zu verlangen, daß ich meine Waffen beflecke. – Und höret, Ihr Herren, ob ich recht habe oder nicht: diesen Morgen bin ich sehr frühe aus dem Lager gegangen und habe überall die Zeichen der schrecklichsten Verwüstung gefunden. Die Kirchen sind verbrannt und der Altäre beraubt; Haufen von Leichen kleiner Kinder und Frauen liegen in den Feldern und werden von den Raben zerfleischt. Ist dies die Handlungsweise ehrlicher Krieger? – Dies frage ich Euch.«

Nachdem er diese Worte gesprochen, erhob er sich von der Tafel und lüftete einen Teil von der Zeltbedeckung.

»Seht, ihr Herren,« fuhr er fort, auf das Feld weisend, »laßt eure Augen nach allen Richtungen gehen: ihr findet überall die Flammen der Zerstörung. Der Himmel ist mit Rauch geschwärzt; da drüben steht eine ganze Gemeinde in Brand. Was soll solch ein Krieg bedeuten? Es ist schlimmer, als wenn die grausamen Normannen wiedergekommen wären, um die Welt in eine Mördergrube zu verwandeln!«

Robert d'Artois ward rot vor Zorn; er bewegte sich ungeduldig auf seinem Sessel und rief:

»Das hat lange genug gedauert! Ich werde nicht dulden, daß man also in meiner Gegenwart spricht. Ich weiß, was ich zu tun habe. Flandern muß gesäubert werden; ich kann nichts dagegen tun. – Dieses Gerede mißfällt mir sehr, und ich ersuche den Herrn Konstabel, sich nicht mehr in dieser Weise auszulassen. Er bewahre seinen Degen rein; dies werden auch wir tun. Die Taten unserer Söldner können doch nicht uns zur Schande gereichen? Laßt uns deshalb dieses ärgerliche Gespräch beenden, und jeder möge seine Pflicht beachten.«

Er hob seine goldene Trinkschale und rief:

»Auf die Ehre Frankreichs und die Vertilgung der Rebellen!«

Rudolf de Nesle wiederholte: »Auf die Ehre Frankreichs!« und legte absichtlich Nachdruck auf diese Worte. Jedermann verstand, daß er nicht auf die Vertilgung der Flamen trinken wollte. Hugo van Arckel legte seine Hand an den Becher, der vor ihm stand, hob ihn aber nicht vom Tisch und sprach auch nicht. Alle anderen wiederholten genau den Ruf des Feldherrn und tranken auf die Vernichtung der Flamen.

Seit einigen Augenblicken hatte das Gesicht Hugos van Arckel einen seltsamen Ausdruck angenommen: Mißfallen und Grimm waren darauf zu lesen. Er blickte starr auf den Feldherrn wie einer, der sich darauf vorbereitet, ihm zu trotzen.

»Ich würde mich schämen, auf die Ehre Frankreichs zu trinken!« rief er.

Robert d'Artois entflammte in Wut; er stieß seine Schale so heftig auf den Tisch, daß die Trinkgefäße der anderen Ritter in die Höhe hüpften. Er rief:

»Herr van Arckel, Ihr werdet auf die Ehre Frankreichs trinken ... ich will es!«

»Mein Herr,« antwortete Hugo mit erkünstelter Gelassenheit, »ich trinke nicht auf die Verwüstung eines Christenlandes. Ich habe lange in allen Ländern gekämpft, aber niemals habe ich Ritter angetroffen, die ihr Gewissen mit solch schrecklichen Übeltaten belasten wollten.«

»Ihr werdet mir Bescheid tun, ich will es, sage ich Euch!«

»Und ich will es nicht,« antwortete Hugo. »Hört, Herr d'Artois, Ihr habt mir schon gesagt, daß meine Mannen zu hohe Bezahlung fordern und daß sie Euch zu teuer kommen. Wohlan, Ihr werdet sie nicht mehr zu bezahlen haben. Ich will in Eurem Heere nicht mehr dienen; somit ist unser Streit zu Ende.«

Alle Ritter, ja, selbst der Feldherr, verwunderten sich bei dieser Rede; denn sie betrachteten den Abzug Hugos als einen wirklichen Verlust. Der Seeländer stieß seinen Stuhl zurück und rief, während er einen seiner Handschuhe auf den Tisch warf:

»Ihr Herren, ich sage, daß ihr alle lügt! Ich schmähe euch ins Angesicht! Hier ist mein Handschuh; wer will, kann ihn aufheben; ich fordere ihn auf den Kampfplatz.«

Die meisten Ritter rafften ungestüm nach dem Handschuh, auch Rudolf de Nesle; aber Robert d'Artois war so eilig herbeigeeilt, daß er ihn vor den anderen ergriffen hatte.

»Ich nehme Eure Herausforderung an,« sprach er. »Kommt, wir gehen.«

Der alte König Sigis von Melinde richtete sich auf und streckte die Hände aus zum Zeichen, daß er sprechen wollte. Die große Achtung, die die beiden Streitenden vor ihm empfanden, hielt sie im Zaume; sie blieben schweigend stehen, um ihn anzuhören. – Der Greis sprach:

»Ihr Herren, wollt ihr eure Heftigkeit ein wenig mäßigen und meinem Rate Gehör schenken. Ihr, Graf Robert, seid im gegenwärtigen Augenblicke nicht Herr über Euer Leben; wenn Ihr fallet, wird das Heer Eures Fürsten ohne Feldherr sein und demzufolge in Unordnung und Uneinigkeit verfallen; dies dürft Ihr nicht wagen. Euch, Herr van Arckel, frage ich, ob Ihr an dem Mute des Herrn d'Artois zweifelt?«

»Durchaus nicht,« antwortete Herr van Arckel, »ich erkenne Herrn Robert als einen unverzagten und mutigen Ritter an.«

»Wohlan,« versetzte der König von Melinde, »Ihr hört es, Feldherr, man beeinträchtigt Eure Ehre nicht; es bleibt Euch nur noch übrig, die Schmach, die Frankreich geschehen ist, zu sühnen. Ich rate euch beiden, den Zweikampf aufzuschieben bis zum Tage nach der Schlacht. Ich frage euch, ihr Herren alle, ist mein Rat nicht auf Vorsicht begründet?«

»Ja, ja,« antworteten die Ritter, »es sei denn, daß der Feldherr einem von uns die Gunst erweisen will, den Handschuh für ihn aufzuheben.«

»Man schweige!« rief d'Artois. »Ich will davon nichts hören.«

»Herr van Arckel, seid Ihr mit dem Aufschub einverstanden?«

»Das geht mich nichts an; ich habe meinen Handschuh geworfen, der Feldherr hat ihn aufgehoben; er bestimme die Zeit, zu der er mir ihn zurückgeben will.«

»Es sei so,« sprach Robert d'Artois, »wenn die Schlacht nicht bis Sonnenuntergang dauert, werde ich Euch noch am gleichen Abend aufsuchen.«

»Gebt Euch nicht die Mühe,« antwortete Hugo, »ich werde eher bei Euch sein, als Ihr glauben möget.«

Sie warfen sich gegenseitig noch einige Drohungen zu; doch der König Sigis legte sich wieder ins Mittel:

»Ihr Herren, es geziemt sich nicht, daß wir länger darüber sprechen. Laßt uns die Becher noch einmal füllen und vergeßt euren Mißmut. Laßt Euch nieder, Herr van Arckel.«

»Nein, nein,« rief Hugo, »ich lasse mich nicht nieder; auf der Stelle verlasse ich das Lager. Fahrt wohl, ihr Herren; wir werden uns auf dem Schlachtfeld wiedersehen. Gott nehme euch unter seine Hut!«

Damit verließ er das Zelt und rief seine achthundert Mannen zusammen. Bald darauf hörte man das Schmettern der Fanfaren und das Klirren der Waffen von einer abziehenden Schar. Hugo van Arckel verließ das Lager der Franzosen und kam noch am gleichen Abend zu den Flamen, denen er seine Dienste anbot. Man kann sich vorstellen, mit welcher Freude er empfangen wurde; denn er und seine Mannen waren als unüberwindlich berühmt, und diesen Ruf hatten sie auch verdient.

Die französischen Ritter hatten sich wieder an den Tisch gesetzt und tranken ruhig weiter. Während sie über die Vermessenheit Hugos sprachen, erschien im Zelt ein Herold, der sich ehrfurchtsvoll vor den Rittern verneigte. Seine Kleider und Waffen waren mit Staub bedeckt, und von der Stirne rann ihm der Schweiß. Alles deutete darauf hin, daß er seine Reise über die Maßen beeilt und sich außer Atem gelaufen hatte. Die Ritter betrachteten ihn neugierig, während er einen Pergamentbogen unter seinem Harnisch hervorzog. Nachdem er ihn dem Feldherrn überreicht, sprach er:

»Mein Herr, diese Schrift bezeugt Euch, daß ich durch Herrn van Lens aus Kortrijk gesandt worden bin, um Euch unsere Not zu klagen.«

»Wohlan, sprecht!« rief d'Artois ungeduldig. »Kann Herr van Lens das Schloß zu Kortrijk nicht gegen einen Haufen Fußvolk verteidigen?«

»Es sei mir erlaubt, Euch zu sagen, daß Ihr Euch täuschet, edler Herr,« antwortete der Bote. »Die Flamen haben ein Heer, das man nicht mißachten darf; es ist, als ob sie herbeigezaubert wären – sie sind mehr als dreißigtausend Mann stark und haben Pferde und Kriegsgerät im Überfluß; sie bauen mächtige Sturmwerkzeuge, um das Schloß zu erstürmen. Unsere Lebensmittel und unsere Pfeile sind erschöpft. Wenn Euer Gnaden noch einen Tag länger zögern, Herrn van Lens zu entsetzen, werden alle Franzosen in Kortrijk schon erschlagen sein; denn es ist keine Aussicht, zu entkommen. Die Herren van Lens, de Mortenay und de Rayecourt bitten Euch inständig, sie aus dieser Gefahr zu retten.«

»Ihr Herren,« rief Robert d'Artois, »dies ist eine schöne Gelegenheit; wir könnten sie uns nicht besser wünschen. Alle Flamen sind bei Kortrijk zusammengelaufen. Wir werden uns auf sie stürzen, und es werden ihrer nicht viele entfliehen; die Hufe unserer Rosse werden über dieses schlechte Volk richten. Ihr, Herold, bleibt im Lager; morgen werdet Ihr mit uns in Kortrijk sein. Nun noch einen letzten Zug, ihr Herren! – Geht und bereitet eure Scharen für den Abzug vor; wir werden bald aufbrechen.«

Nach einigen Augenblicken verließen sie alle das Zelt, um den Befehl ihres Feldherrn auszuführen. Von allen Ecken des Lagers erschollen die Fanfaren, um die Söldner aus dem Felde herbeizurufen; die Pferde wieherten, die Waffen stießen klirrend gegeneinander, ein gewaltiger Lärm erfüllte das Lager. Einige Stunden später waren alle Zelte abgebrochen und auf Troßwagen verpackt – alles war fertig. Es fehlten zwar noch einige Söldner, die sich hier oder dort mit Plündern aufhielten; aber dies konnte bei einem so mächtigen Heere nicht auffallen. Nachdem jeder Anführer sich an die Spitze seiner Scharen gestellt hatte, sammelten sich die Ritter in zwei Abteilungen, und das Heer zog in folgender Ordnung aus der Verschanzung:

Die erste Schar, die mit fliegenden Bannern aus dem Lager kam, bestand aus dreitausend auserlesenen Waffenknechten auf leichten Trabern; sie trugen lange Hellebarden und am Sattelknopf je einen langen Degen. Ihre Ausrüstung war nicht so schwer wie die der anderen Reiter; daher gingen sie voran, für die ersten Scharmützel bestimmt. Hinter ihnen folgten viertausend Handbogenschützen zu Fuß; sie kamen stolz in dichten Gliedern daher, ihre Gesichter vor den Strahlen der Sonne mit hohen, viereckigen Schildern schützend. Ihre Köcher waren mit Pfeilen gefüllt, und ein kurzes Schwert ohne Scheide blitzte an ihrem Gürtel. Dies waren die Kriegsleute, die aus dem Süden Frankreichs gekommen waren; mehr als die Hälfte waren Spanier und Lombarden. Jean de Barlas, ein mutiger Krieger, ritt zwischen diesen beiden Scharen hin und her und gebot über sie als Oberbefehlshaber.

Die zweite Schar stand unter dem Befehl Regnaults de Trie und zählte dreitausendzweihundert schwere Reiter. Sie saßen auf hohen und starken Schlachtrossen und trugen ein breites blinkendes Schwert über der rechten Schulter; Harnische von rohem Eisen umschlossen ihre Leiber, und Platten, aus einem einzigen Stück geformt, waren überall an ihren Gliedern festgeschnallt. Das Gebiet von Orleans hatte die meisten dieser Mannen geliefert.

Der Herr Konstabel de Nesle führte die dritte Schar. Zuerst kam eine Abteilung von siebenhundert edlen Rittern in glänzender Rüstung und mit zierlichen Wimpeln an ihren langen Sperren; flatternde Federbüsche fielen von ihren Helmen auf den Rücken herab; ihre Wappenzeichen waren in allen möglichen Farben auf ihren Harnischen abgebildet. Die Pferde, die sie ritten, waren vom Kopf bis zu den Füßen mit Eisen bekleidet, und zierliche Quasten baumelten ihnen überall an der Seite. Aus dieser Schar erhoben sich mehr als zweihundert gestickte Standarten. Es war in Wahrheit die prächtigste Ritterschar, die man zu jener Zeit hätte finden können. Hinter ihnen kamen noch zweihundert Söldner zu Pferde mit langen Waffenhämmern auf den Schultern; an ihrem Sattel hing noch ein Schlachtschwert. Sie waren aus Fähnlein zusammengestellt, die zu dem stehenden Heere des Königs Philipp des Schönen gehörten.

An der Spitze der vierten Schar ritt der Herr Louis de Clermont, ein erfahrener Kriegsmann, als Befehlshaber. Sie bestand aus dreitausendsechshundert mit Speeren bewaffneten Reitern aus dem Königreich Navarra. An ihrer regelmäßigen Ausrüstung konnte man ersehen, daß sie wohlgeübte und auserlesene Mannen waren. Vor dem ersten Gliede ritt der Fahnenträger mit dem großen Banner von Navarra.

Robert, Graf von Artois, Oberbefehlshaber des Heeres, hatte die mittlere Schar unter seinen besonderen Befehl genommen. Alle Ritter, die keine Mannen herangeführt oder sie in andere Abteilungen gestellt hatten, befanden sich bei ihm; die Könige von Melinda und Majorka ritten an seiner Seite. Unter allen anderen konnte man Thibaut II., Herzog von Lothringen, an seiner prächtigen Rüstung erkennen; ebenso fielen die prächtigen Banner der Herren Jean Graf von Tarcanville, Angelin de Vimeu, Renold de Longueval, Faral de Reims, Arnold van Wesemaal, Marschall von Brabant, Robert de Montfort und einer unendlichen Anzahl anderer auf, die sich zu einer Abteilung vereinigt hatten. Diese Schar überragte die dritte noch an Pracht; die Helme der Ritter waren versilbert oder vergoldet und ihre Harnische an den Gelenken mit goldenen Knöpfen geschmückt. Die Sonne, die ihre heißen Strahlen auf den blinkenden Stahl ihrer Rüstung warf, verwandelte diesen herrlichen Zug in flammende Glut. Die Schlachtschwerter, die an ihren Sätteln hingen, baumelten hin und her und fielen klirrend auf die eisernen Decken der Pferde; daraus entstand ein seltsames Geräusch, das sie wie eine ununterbrochene Kriegsmusik auf der Straße begleitete. Nach den edlen Rittern folgten fünftausend andere Reiter mit Helmen und Waffenhämmern. Zu dieser Abteilung gehörten noch sechzehntausend Fußgänger, die in drei Scharen abgeteilt waren. Die erste war aus tausend Armbrustschützen gebildet; sie hatten nur eine stählerne Brustplatte und einen flachen viereckigen Helm als Schutzwaffe; kleine Köcher voll eiserner Bolzen hingen an ihren Gürteln und lange Degen an ihrer Seite. Die zweite Abteilung zählte sechstausend Mannen mit Keulen, die an dem dicken Ende mit furchtbaren eisernen Stacheln besetzt waren. Der dritte Teil bestand aus Helmhauern mit langen Beilen. Alle diese Mannen waren aus Gascogne, Languedoc und Auvergne gekommen.

Herr Jacob de Chatillon, der Landvogt, führte den Befehl über die sechste Schar. Die zahlreichen Glieder bestanden aus dreitausendzweihundert Söldnern zu Pferde. Auf die Wimpel ihrer Speere hatten sie flammende Besen gemalt, zum Zeichen, daß sie Flandern reinkehren wollten; ihre Pferde waren vom schwersten Schlage, konnten aber trotzdem nur mühsam unter der Last von Eisen, das sie bedeckte, weiterkommen.

Dann folgten die siebente und die achte Schar; die erste unter dem Befehl Jeans, Grafen von Aumale, die andere unter dem Herrn Ferry von Lothringen. Jede bestand aus zweitausendsiebenhundert Reitern, sämtlich aus Lothringen, der Normandie und Pikardie.

Die neunte Schar bildete Herr Gottfried von Brabant mit seinen eigenen Vasallen in der Zahl von siebentausend wohlausgerüsteten Reitern.

Der zehnte und letzte Teil des Heeres war Herrn Gui de St. Pol anvertraut; er war mit der Nachhut betraut und hatte den Troß zu bewachen. Dreitausendvierhundert Reiter aller Waffen ritten voran; dann folgte noch eine Wolke Fußgänger mit Handbogen und Schlachtschwertern; ihre Zahl belief sich auf siebentausend. Ein Teil von ihnen entfernte sich nach allen Richtungen vom Heere und lief mit brennenden Fackeln umher, um alles, was Feuer fangen konnte, zu vernichten.

Endlich folgten die zahllosen Troßwagen, die mit den Zelten und dem Kriegsgerät beladen waren.

Das französische Heer, in zehn Scharen verteilt und über sechzigtausend Mann stark, zog langsam durch die Felder und folgte der Straße, die nach Kortrijk führt. Das Auge konnte die Ausdehnung des gewaltigen Zuges nicht messen; schon waren die vordersten am Horizont unsichtbar geworden, bevor die letzten das Lager verließen; es währte länger als eine Stunde.

Tausende von Wimpeln flatterten im Winde über dem dahinziehenden Heere, und die Sonne spiegelte sich mit prächtiger Glut in den Rüstungen der stolzen Scharen. Die Rosse wieherten und stöhnten unter ihrer Last; die Waffen rasselten und klirrten gegeneinander; ein dumpfer Lärm, gleich dem Brausen eines stürmischen Meeres, entstand aus allen diesen Geräuschen; es war so eintönig, daß die Ruhe der Felder dadurch kaum gestört wurde. Wo diese verwüstende Kriegerschar durchgezogen war, stiegen überall Flammen und dicke Rauchwolken gen Himmel. Kein einziges Haus entging der Zerstörung; kein Mensch, kein Tier ward verschont: die Chroniken geben davon Kunde. Anderen Tags, als die Flammen alles verbrannt und niedergeworfen hatten, traf man weder Mensch noch Menschenwerk mehr an; Flandern war von Rijssel bis Doway und Kortrijk so schrecklich verwüstet, daß die Franzosen sich mit Recht rühmen durften, gleich einem Besen alles reingefegt zu haben.

Spät in der Nacht kam das Heer des Herrn d'Artois vor Kortrijk an. De Chatillon kannte das Land sehr wohl, weil er lange genug in dieser Stadt gewohnt hatte; deshalb ward er vor den Feldherrn gerufen, um den Lagerplatz zu bezeichnen.

Nach einer kurzen Beratung bogen sie mit den Scharen ein wenig nach rechts ab und schlugen ihre Zelte auf dem Pottelberg und in den umliegenden Feldern auf. Herr d'Artois mit den beiden Königen und noch einigen vornehmen Herren quartierte sich im Schloß Hochmoscher nahe dem Pottelberg ein. Zahlreiche Wachen wurden ausgesetzt, und die übrigen begaben sich sorglos zur Ruhe; sie verließen sich zu sehr auf die Überlegenheit ihrer Zahl, um zu glauben, daß man wagen würde, sie anzugreifen.

So befanden sich die Franzosen nur eine Viertelstunde von dem Lagerplatz der Gewerke entfernt; die Vorposten konnten sich gegenseitig im Dunkeln herumgehen sehen.

Die Flamen, wissend, daß der Feind gekommen war, hatten ihre Wachen verdoppelt, und es war befohlen worden, sich nur bewaffnet zur Ruhe zu begeben.

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