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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 20
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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18.

Nach der schrecklichen Nacht, in der das Blut der Franzosen so reichlich vergossen worden war, kamen de Chatillon, Jan van Gistel und die wenigen anderen, die dem Tod entronnen waren, in Kortrijk an. In dieser Stadt befand sich noch eine zahlreiche Besatzung, die sich auf dem starken Schlosse in Sicherheit fühlen konnte; dieser Ort war es, auf den die Franzosen wegen seiner unüberwindlichen Befestigungen am meisten vertrauten. De Chatillon war verzweifelt über seine Niederlage; blinde Wut ließ sein Herz in Rachelust erglühen. Er zog noch einige Fähnlein Söldner aus anderen Städten heran, um Kortrijk gegen alle Angriffe zu verstärken, und übergab den Oberbefehl dem Kastellan von Lens, einem Bastardflaming. Ebenso besuchte er in aller Eile die übrigen Grenzstädte und versah diese mit den noch übriggebliebenen Scharen aus der Pikardie; er übergab den Befehl über Rijssel dem Kanzler Pierre Flotte, brach nach Frankreich auf und gelangte an den Hof des Königs in Paris, der die Niederlage seiner Söldner schon vernommen hatte. Philipp der Schöne empfing den Landvogt von Flandern voller Zorn und machte ihm zum Vorwurf, daß seine tyrannische Herrschaft die Ursache all dieser Mißgeschicke sei. Vielleicht wäre de Chatillon für immer in Ungnade gefallen, aber die Königin Johanna, die die Flamen nicht leiden konnte und sich an ihrer Unterdrückung gefreut hatte, verstand es, ihren Onkel in ein so günstiges Licht zu setzen, daß Philipp sich schließlich mehr zur Dankbarkeit als zum Vorwurf verpflichtet glaubte. Nachdem es soweit gekommen war, kehrte der Franzosenfürst seinen Grimm gegen die Flamen und schwur, daß er sich an ihnen furchtbar rächen werde.

Schon war ein Heer von zwanzigtausend Mann bei Paris versammelt, um das Königreich Majorka aus den Händen der Ungläubigen zu erlösen: dies waren die Scharen, von deren Zusammenberufung Robrecht van Bethune den flämischen Herren Kenntnis gegeben hatte. Mit diesem Heere hätte man gegen Flandern zu Felde ziehen können, aber Philipp wollte es nicht auf eine neue Niederlage ankommen lassen; er beschloß, die Vergeltung noch einige Zeit aufzuschieben, um noch mehr Mannen ins Feld stellen zu können. Zugleich wurde durch außerordentliche Boten ein Aufgebot durch ganz Frankreich gesandt; es wurde den Bannerherren des Reiches kundgetan, daß die Flamen siebentausend Franzosen ermordet hätten und daß der Fürst seine Lehensmannen so schnell als möglich mit ihren Untergebenen nach Paris entböte, um diese Schmach zu rächen. Zu jener Zeit waren die Waffentaten und der Krieg die einzige Beschäftigung der Edelleute, die sich freuten, sobald es irgendwo zu kämpfen galt; es ist also nicht zu verwundern, daß sie diesem Aufrufe folgten. Aus allen Teilen des weiten Frankreichs strömten die Lehensherren mit ihren bewaffneten Untergebenen herbei, und in wenigen Tagen war das französische Heer über fünfzigtausend Mann stark.

Neben dem Löwen von Flandern und Charles von Valois war Robrecht d'Artois einer der tapfersten Kriegshelden Europas; vor jenen beiden Rittern besaß er noch die Kenntnis und Erfahrung, die er aus seinen zahlreichen Kriegszügen geschöpft hatte; niemals war er länger als acht Tage aus dem Harnisch herausgekommen, und sein Haar war unter dem Helm grau geworden. Der unerbittliche Haß, den er den Flamen entgegenbrachte, weil sein einziger Sohn zu Veurne von ihnen erschlagen worden war, bewog die Königin Johanna, ihn zum Seneschall des Heeres ernennen zu lassen; dies war jedoch nicht schwer, denn niemandem kam dieses ehrenvolle Amt mehr zu, als Robert d'Artois.

Mangel an Geld wie auch die tägliche Ankunft neuer Lehensherren aus entlegenen Herrschaften Frankreichs hielten diese Macht noch einige Zeit in Frankreich fest. Der allzu große Eifer, den die Franzosen gewöhnlich bei ihren Zügen an den Tag legten, war ihnen manchmal verderblich geworden; sie hatten zu ihrem Schaden erfahren müssen, daß die Vorsicht auch eine Macht ist; deshalb wollten sie diesmal alles gehörig vorbereiten und mit aller möglichen Umsicht zu Werke gehen. – Die böse Königin von Navarra entbot Robrecht d'Artois zu sich und feuerte ihn an, alle möglichen Grausamkeiten in Flandern zu verüben. Unter anderem gebot sie ihm, daß man allen flämischen Mutterschweinen die Brüste abschneiden und die Ferkel mit dem Schwert aufspießen solle, ferner daß man die Hunde Flanderns totschlagen solle: die Hunde von Flandern waren die tapferen Männer, die, mit dem Stahl in der Faust, für das Vaterland stritten. Diese schändlichen Worte, von einer Königin, von einem Weibe ausgesprochen, sind als Beweis ihrer Grausamkeit in den Chroniken aufgezeichnet worden.

Während dieses Aufschubs verstärkten sich die Flamen bedeutend. Herr Jan Borluut hatte die Genter gegen die Besatzung ihrer Stadt aufgehetzt und die Franzosen aus Gent vertrieben: siebenhundert von diesen blieben bei diesem Aufruhr tot am Platze. Oudenaarde und andere Gemeinden machten sich ebenfalls frei, so daß keine anderen Feinde mehr übrigblieben als in den Städten, wo die geflüchteten Franzosen zusammengelaufen waren, Willem van Jülich, der Priester, kam mit einer großen Schar Bogenschützen aus Deutschland nach Brügge. Sobald Herr Jan van Renesse sich mit vierhundert Seeländern ihm angeschlossen hatte, zogen beide mit ihrem Volke und einer ziemlichen Anzahl Freiwilliger nach Kassel, um die französische Besatzung anzugreifen und zu vertreiben. Diese Stadt war ungemein stark befestigt worden und konnte nicht leicht genommen werden; Willem van Jülich hatte auf die Mitwirkung der Bürger gerechnet, aber diese wurden von den Franzosen so sorgfältig bewacht, daß sie sich nicht zu rühren wagten. Dies zwang Herrn Willem, eine regelrechte Belagerung zu beginnen; es dauerte sehr lange, bis er sich die nötigen Werkzeuge besorgt hatte.

Der junge Gwijde war in den vornehmsten Städten Westflanderns mit freudigem Jubel empfangen worden; seine Anwesenheit hatte vielen Mut gegeben und sie zur Verteidigung des Vaterlandes angespornt; auf dieselbe Weise hatte Adolf van Nieuwland die kleineren Orte besucht, um das Volk zu den Waffen zu rufen.

In Kortrijk lagen bei dreitausend Franzosen unter dem Befehl des Kastellans van Lens. Anstatt sich durch gute Behandlung beim Bürgertum beliebt zu machen, begingen diese zusammengerafften Kriegsknechte alle möglichen Gewalttaten; aber dies ward den Kortrijkern bald zuviel. Durch das Beispiel der anderen Städte ermutigt, erhoben sie sich gegen die Franzosen und erschlugen ihrer mehr als die Hälfte; die übrigen flohen in aller Eile auf das Schloß und befestigten sich gegen den Angriff des Volkes. Um sich zu rächen, schossen sie mit Feuerpfeilen auf die Stadt und steckten die schönsten Gebäude in Brand. Alle Häuser am Marktplatz und der Beginenhof wurden durch das Feuer bis auf den Grund zerstört. Die Kortrijker belagerten das Schloß mit großem Mute; doch war es ihnen nicht möglich, die Franzosen ohne Unterstützung anderer zu verjagen. Mit der traurigen Aussicht, ihre Stadt bald ganz abbrennen zu sehen, sandten sie einen Boten nach Brügge, um bei Herrn Gwijde dringend Hilfe zu erbitten.

Der Bote kam am 5. Juli 1302 zu Gwijde und erklärte ihm den kläglichen Zustand der guten Stadt Kortrijk, ihm im Namen der Bürger alle Hilfe und Untertänigkeit gelobend. Der junge Graf war bei dieser Erzählung tiefbewegt und beschloß, sich ohne Verzug nach der unglücklichen Stadt zu begeben. Da Willem van Jülich alle Kriegsknechte nach Kassel geführt hatte, wußte Gwijde kein anderes Mittel, als die Gewerke von Brügge aufzubieten. Er ließ sofort alle Dekane in den großen Saal des Prinzenhofes entbieten und ging selbst mit den Rittern, die sich schon zu ihm gesellt hatten, dahin. Eine Stunde später waren die gerufenen Dekane, ihrer dreißig an der Zahl, in dem genannten Raume versammelt; sie standen entblößten Hauptes am Ende des Saales und warteten schweigend auf das, was man ihnen sagen würde. De Coninck und Breydel, als die Häupter der beiden vornehmsten Gewerke, standen an der Spitze. Herr Gwijde saß in einem reichen Lehnstuhl an der Stirnwand des Saales; ihn umstanden die Herren Jan van Lichtervelde und van Heyne, die beiden Beers von Flandern In Flandern gab es vier edle Stämme, deren Häupter den Namen Beers trugen; wenn der gräfliche Stamm ausstarb, wurde der neue Fürst aus diesen Beers gewählt.: Herr van Gavere, dessen Vater vor Feure von den Franzosen ermordet worden war; Herr van Bornhem, Tempelritter; Herr Robrecht van Leeuwerghem; Boudewijn van Ravenschoot; Ivo van Belleghem; Hendrik, Herr van Lonchijn, ein Luxemburger; Gowijn van Goetsenhove und Jan van Cuyck, Brabanter; Pieter und Lodewijk van Lichtervelde; Pieter und Lodewijk Goethals von Gent und Hendrik van Petershem. Adolf van Nieuwland befand sich zur Rechten des jungen Gwijde und sprach vertraulich mit ihm.

Zwischen den Dekanen und den Rittern stand der Bote von Kortrijk. Sobald jeder an dem ihm gebührenden Platze war, befahl Gwijde dem Boten, seine Botschaft vor den Dekanen zu wiederholen. Er gehorchte und sagte:

»Ihr Herren, die guten Leute von Kortrijk tun euch durch mich zu wissen, daß sie die Franzosen aus ihrer Stadt verjagt haben und daß ihrer siebenhundert erschlagen sind; aber nun befindet sich die Stadt in der größten Not. Der Verräter van Lens hat sich auf das Schloß begeben; er schießt täglich mit Feuerpfeilen auf die Häuser, und schon ist der reichste Teil der Stadt in Asche gelegt. Herr Arnold van Oudenaarde ist den Kortrijkern zu Hilfe gekommen, aber ihre Feinde sind zu zahlreich. In dieser bedrängten Lage bitten sie den Herrn Gwijde im besonderen und ihre Freunde von Brügge im allgemeinen um Hilfe, in der Hoffnung, daß sie keinen Tag länger warten werden, ihre in Not befindlichen Brüder zu erlösen. Dies ist es, was die guten Leute von Kortijk euch zu sagen haben.«

»Ihr habt es gehört, Dekane,« sprach Gwijde, »eine unserer besten Städte ist in großer Gefahr, völlig vernichtet zu werden; ich glaube nicht, daß der Ruf eurer Brüder von Kortrijk vergeblich sein wird. Es ist auch nicht der Zweifel, der mich also sprechen läßt; aber die Sache erfordert Eile. Eure Mitwirkung allein kann sie aus dieser Bedrängnis retten; deshalb ersuche ich euch, in aller Eile eure Gewerke zu den Waffen zu rufen. Wieviel Zeit bedarf es, um eure Scharen für den Zug zu rüsten?«

Der Dekan der Weber antwortete:

»Diesen Nachmittag, erlauchter Herr, werden viertausend bewaffnete Wollweber auf dem Freitagsmarkt stehen. Wohin Ihr befehlt, dahin werde ich sie führen.«

»Und Ihr, Meister Breydel, werdet Ihr Euch auch dort befinden?«

Breydel trat stolzen Mutes vor und antwortete:

»Edler Graf, Euer Diener Breydel wird Euch nicht weniger als achttausend Gesellen liefern.«

Bei den Rittern riefen diese Worte die größte Verwunderung hervor.

»Achttausend!« riefen sie alle zugleich.

»Ja, ja, meine Herren,« versetzte der Dekan der Fleischhauer, »achttausend oder mehr. Alle Gewerke von Brügge, mit Ausnahme der Weber, haben mich zu ihrem Anführer gewählt, und Gott weiß, wie ich diese Huld schätzen werde! Schon heute mittag wird, wenn Euer Gnaden es befehlen, der Freitagsmarkt mit Euren treuen Brüggern bedeckt sein; und ich darf sagen, daß Euer Gnaden an meinen Fleischhauern tausend Löwen in Eurem Heere haben; denn Männer wie die Fleischhauer gibt es keine mehr. Je eher, desto lieber, edler Herr; unsere Beile beginnen zu rosten.«

»Meister Breydel,« sprach Gwijde, »Ihr seid ein tapferer und würdiger Untertan meines Vaters. Das Land, wo solche Männer geboren werden, kann nicht lange in Sklaverei bleiben; ich danke Euch für Eure Dienstwilligkeit.«

Ein freundliches Lächeln der umstehenden Ritter bezeugte, wie angenehm ihnen die Worte Breydels gewesen waren. Der Dekan kehrte zu seinen Genossen zurück und flüsterte de Coninck ins Ohr:

»Ich bitte Euch, Meister, seid nicht gram, weil ich Herrn Gwijde dies gesagt habe. Ihr seid und bleibt mein Oberster; denn ohne Euren Rat werde ich nicht viel Gutes ausrichten.«

Der Dekan der Weber drückte Breydel die Hand zum Zeichen der Freundschaft und Zustimmung.

»Meister de Coninck,« fragte Gwijde, »habt Ihr mein Ersuchen den Gewerken bekanntgemacht? Werden mir die nötigen Gelder besorgt werden?«

»Die Gewerke von Brügge,« so lautete die Antwort, »stellen alle ihre Gelder zu Eurer Verfügung, edler Herr. Es wolle Euch belieben, einige Diener mit einem geschriebenen Befehl nach dem Pand zu senden; dort werden ihnen so viel Mark Silbers, als Euer Gnaden gefällt, abgeliefert werden. Sie bitten Euch, daß Ihr sie nicht schonet: die Freiheit kann ihnen nicht zu teuer sein.«

In dem Augenblick, da Gwijde die Ergebenheit der Brügger durch dankbare Worte anerkennen wollte, ging die Türe des Saales auf, und aller Augen richteten sich erstaunt auf einen Mönch, der freimütig, ohne gerufen zu sein, eintrat und sich den Dekanen näherte. Eine Kutte von braunem Tuch, an den Lenden mit einem Strick umgürtet, umgab seinen Leib; eine schwarze Kapuze hing ihm über den Kopf und verhüllte seine Gesichtszüge dergestalt, daß man sie nicht erkennen konnte. Er schien sehr alt; denn sein Rücken war gebeugt, ein langer Bart hing ihm über die Brust. Mit flüchtigem Blick musterte er der Reihe nach die Ritter und schien sich zu bemühen, bis auf den Grund ihrer Herzen zu dringen. Adolf van Nieuwland erkannte in ihm denselben Mönch, der ihm den Brief Robrechts van Bethune gebracht, und wollte ihn mit lauter Stimme begrüßen; aber die Bewegungen des Mönchs wurden so wunderlich, daß dem jungen Manne das Wort auf den Lippen erstarb. Alle anwesenden Personen wurden von Zorn ergriffen. Der kühne Blick, den der Unbekannte auf sie geworfen, war für sie eine Schmach, die sie nicht willig ertrugen; doch gaben sie ihren Groll nicht zu erkennen, als sie sahen, daß das Rätsel sich zu lösen begann.

Der Mönch löste, nachdem er seine Untersuchung beendigt hatte, den Strick von seinen Lenden, warf Kutte und Bart von sich und blieb in der Mitte des Saales stehen. Er erhob das Haupt und zeigte sich als ein Mann von dreißig Jahren, von geschmeidiger und stolzer Gestalt; er betrachtete die Ritter, als ob er fragen wollte: Nun, erkennt ihr mich?

Aber die Umstehenden antworteten nicht schnell genug auf seine unausgesprochene Frage; dann rief er:

»Ihr Herren, es scheint Euer Gnaden wunderlich, einen Fuchs unter dieser Kutte zu finden; es ist jedoch schon zwei Jahre her, daß ich unter ihr wohne.«

»Willkommen, willkommen, unser teurer Freund Diederik!« riefen die Edlen zugleich. »Wir glaubten, Ihr wäret schon lange tot.«

»Dann möget ihr Gott danken, daß ich wieder auferstanden bin,« erwiderte Diederik die Vos; »aber nein, ich war nicht tot; unsere gefangenen Brüder und Herr van Nieuwland können dies bezeugen. Ich habe sie alle getröstet, denn als wandernder Priester durfte ich zu den Gefangenen gehen. Der Herr vergebe mir das Latein, das ich gesprochen habe! Ich bringe Nachrichten von unseren unglücklichen Landsleuten für ihre Verwandten und Freunde.«

Einige der Ritter wollten ihn über das Los der Gefangenen befragen; aber er wehrte dies ab und fuhr fort:

»Um Gottes willen, befragt mich jetzt nicht über diesen Punkt; ich habe euch wichtigere Dinge zu erzählen. Höret und zittert nicht; denn scherzend bringe ich euch eine trübe Kunde. Ihr habt das Joch abgeschüttelt und euch freigekämpft; ich bedaure, daß ich diesem Feste nicht beiwohnen durfte. Ehre sei euch, edle Ritter und gute Bürger, daß ihr das Vaterland befreit habt; auch versichere ich euch, daß, wenn die Flamen binnen fünfzehn Tagen keine neuen Fesseln haben, alle Teufel der Hölle nicht mehr imstande sein werden, ihnen die Freiheit noch einmal zu rauben; – aber daran zweifle ich stark.«

»Erklärt Euch denn, Herr Diederik,« rief Gwijde, »erklärt Eure Ahnung und macht uns nicht bange durch unverständliche Worte.«

»Wohlan, ich sage Euch, daß vor der Stadt Rijssel zweiundsechzigtausend Franzosen lagern.«

»Zweiundsechzigtausend!« wiederholte Breydel, indem er sich erfreut die Hände rieb. »O Gott, welch schöne Herde!«

De Coninck ließ den Kopf vornüber sinken und versank in tiefes Sinnen. Dies war stets das erste, was der kluge Dekan der Weber in mißlichen Lagen tat. Dann berechnete er bald die Gefahr und die Mittel, sie abzuwehren.

»Ich versichere euch, ihr Herren,« fuhr Diederik die Vos fort, »daß es mehr als zweiunddreißigtausend Reiter und beinahe ebensoviel Fußknechte sind. Sie rauben und brennen, als ob sie sich dadurch den Himmel verdienen müßten.«

»Seid Ihr Euch auch dieser bösen Kunde sicher?« fragte Gwijde besorgt. »Hat derjenige, der Euch dies gesagt, Euch nicht betrogen, Herr Diederik?«

»Nein, nein, edler Gwijde, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen und bin gestern abend im Zelte des Seneschalls d'Artois gesessen. Er hat vor mir auf seine Ehre geschworen, daß der letzte Flaming durch seine Hand sterben wird. Seht nun, was Ihr tun könnt. Was mich betrifft, so werde ich schnell einen Harnisch anlegen; und müßte ich auch ganz allein gegen die zweiundsechzigtausend verfluchten Franzosen fechten, ich werde keinen Fußbreit zurückweichen: ich will die Sklaverei Flanderns nicht mehr sehen.«

Jan Breydel konnte sich keinen Augenblick still halten; er trat beständig von einem Fuß auf den anderen und bewegte unruhig die Arme. Wenn er hätte sprechen dürfen! Aber die Ehrfurcht vor den anwesenden Edlen hielt ihn zurück. Gwijde und die anderen Edlen betrachteten einander mit ratloser Besorgnis: zweiunddreißigtausend wohlgeübte Reiter! Dies schien ihnen zuviel, um Widerstand leisten zu können. Im flämischen Heere zählte man nur die fünfhundert Reiter von Namen, die Gwijde mitgebracht hatte. Was vermochte diese kleine Zahl gegen den furchtbaren Haufen der Feinde?

»Was sollen wir tun?« fragte Gwijde. »Wie sollen wir das Vaterland retten?«

Einige waren der Meinung, sich in der Stadt Brügge einzuschließen, bis das französische Heer aus Mangel an Lebensmitteln abziehen würde; andere wieder wollten geradeswegs gegen den Feind ziehen und ihn zur Nachtzeit überfallen. Noch andere Mittel wurden vorgeschlagen; doch die meisten wurden als schädlich verworfen, und die anderen waren unausführbar.

De Coninck stand noch gesenkten Hauptes nachdenklich da; er hörte zwar auf das, was gesagt wurde, aber dies verhinderte ihn nicht, seine Erwägungen fortzusetzen.

Endlich fragte Gwijde ihn, welche Mittel er in solch traurigen Umständen angeben könne.

»Edler Herr!« antwortete de Coninck, das Haupt erhebend, »wenn ich Befehlshaber wäre, würde ich auf folgende Weise vorgehen: in höchster Eile würde ich mit den Gewerken von Brügge nach Kortrijk aufbrechen, um den Kastellan van Lens zu vertreiben; dann würden die Franzosen diesen Ort nicht als Stützpunkt ihrer Unternehmungen gegen unser Land benützen können; dadurch würden wir eine sichere Zuflucht für die Frauen und Kinder und für uns selbst haben; denn Kortrijk mit dem Schloß ist stark, während Brügge in seinem jetzigen Zustand keinen einzigen Sturmlauf aushalten kann. Ich würde schon jetzt dreißig Boten zu Pferde nach allen Städten Flanderns senden, mit der Nachricht vom Erscheinen des Feindes, und alle Klauwaarts nach Kortrijk berufen; ebenso würde ich Herrn van Jülich und Herrn van Renesse hierherkommen lassen. Auf diese Art würden, dessen bin ich sicher, edler Graf, binnen vier Tagen dreißigtausend streitbare Flamen im Lager sein, und dann hätten wir die Franzosen nicht so sehr zu fürchten.«

Die Ritter hörten unter feierlichem Schweigen zu; sie bewunderten den außergewöhnlichen Mann, der in so kurzen Augenblicken einen allgemeinen Kriegsplan geformt hatte und solche heilsamen Maßnahmen entwickelte. Obwohl sie an der Klugheit des Dekans nicht zweifelten, konnten sie sich nur mühsam überzeugen, daß ein Weber, ein Mann aus dem gemeinen Volke, mit so viel Genie begabt sein sollte.

»Ihr habt mehr Verstand als wir alle,« rief Diederik die Vos. »Ja, ja, so geschehe es! Wir sind stärker, als wir dachten. Nun wendet sich das Blatt; ich glaube, daß die Franzosen ihr Erscheinen bereuen werden.«

»Ich danke Gott, daß er Euch diesen Gedanken eingegeben hat, Meister de Coninck,« versetzte der junge Graf, »Eure guten Dienste sollen nicht unbelohnt bleiben. Ich will nach Eurem Rate verfahren; denn er entspringt tiefster Weisheit. Meister Breydel, ich hoffe, daß Ihr die Mannen, die Ihr uns versprochen habt, heranführen werdet.«

»Achttausend habe ich gesagt, edler Graf,« rief Breydel aus, »wohlan, nun sage ich zehntausend. Ich will nicht, daß ein einziger Geselle oder Lehrknappe in Brügge bleibe: ob jung, ob alt, jetzt muß alles anwesend sein. Ich werde schon dafür sorgen, daß uns die Franzosen nicht mit einem Male überrennen werden; und diese Dekane, meine Freunde, werden es ebenfalls tun, ich weiß es.«

»Fürwahr, edler Herr,« sagten die Dekane zugleich, »es wird niemand fehlen, denn jeder sehnt sich nach dem Kampfe.«

»Die Zeit ist zu kostbar, um uns noch länger aufzuhalten,« sprach Gwijde, »geht nun, um schnell eure Gewerke zu versammeln; binnen zwei Stunden werde ich zum Zuge gerüstet sein und mich an der Spitze eurer Scharen auf dem Freitagsmarkt befinden. Geht, ich bin befriedigt über eure Ergebenheit und euren Mut.«

Alle verließen den Saal. Gwijde sandte sofort eine Anzahl Boten aus mit Befehlen für die Edelherren, die dem Vaterlande noch treu geblieben waren; ebenso sandte er Botschaften an Willem van Jülich, daß er mit Herrn van Renesse nach Kortrijk kommen solle.

Die schreckliche Kunde verbreitete sich in kurzer Zeit durch die Stadt. In dem Maße, wie die Nachricht von einem zum anderen wanderte, wuchs die Zahl der Feinde ins Wunderbare; bald waren die Franzosen nach dem umlaufenden Gerücht weit über hunderttausend Mann stark. Es läßt sich denken, wie bang und betrübt die Frauen und Kinder dieser Gefahr entgegenblickten; in allen Straßen sah man weinende Mütter, die ihre geängstigten Töchter liebevoll und teilnehmend umarmten. Die Kinder schrien, weil sie ihre Mütter weinen sahen, und zitterten, ohne die Gefahr, die sie bedrohte, zu verstehen. Die schmerzlichen Klagen und der Ausdruck tödlicher Angst, der auf den Mienen dieser schwachen Geschöpfe zu lesen war, standen im wunderlichen Gegensatz zu der stolzen und lebhaften Haltung der Männer.

Von allen Seiten strömten die Handwerksleute mit ihren Waffen herbei; das Klirren der eisernen Platten, die manche an den Körper hingen, klang kreischend ins Ohr und vermischte sich wie in einem Spottgesang mit diesem ergreifenden Wehklagen der besorgten Frauen und Kinder. Wenn einige Männer sich auf der Straße begegneten, blieben sie einen Augenblick stehen, um ein paar Worte zu wechseln und sich zu ermahnen, zu siegen oder zu sterben. Da und dort sah man vor einer Türe einen Hausvater seine Frau und Kinder der Reihe nach umarmen; aber dann wischte er sich bald die Träne des Abschieds aus den Augen und verschwand mit seinen Waffen in der Richtung gegen den Freitagsmarkt. Die Mutter blieb lange auf der Schwelle ihres Hauses stehen und sah noch lange Zeit nach der Ecke, hinter der der Vater ihrer Kinder verschwunden war. Dieses Lebewohl erschien ihr wie ein ewiger Abschied, und die Tränen strömten im Überfluß unter ihren Wimpern hervor; dann hob sie ihre schluchzenden Kinder auf und eilte verzweifelt hinein.

Die Gewerke standen seit kurzer Zeit in langen Reihen auf dem Freitagsmarkt. Breydel hatte sein Versprechen eingelöst, er hatte zwölftausend Gesellen aus allen Gewerken unter sich. Die Beile der Fleischhauer blitzten wie Spiegel im Sonnenlicht und blendeten den Zuschauer; denn man blickte nicht ungestraft in diese breite Feuersglut. Über der Schar der Weber ragten zweitausend Gutentags mit ihren eisernen Spitzen in die Höhe; unter ihnen befand sich auch eine Rotte mit Armbrüsten. Gwijde stand auf der Mitte des Platzes, umgeben von zwanzig Rittern; er wartete, bis die übrigen Gesellen, die man um die in der Stadt befindlichen Karren und Pferde gesandt hatte, zurückkämen. Ein Weber, den de Coninck nach dem Glockenturm gesandt, erschien in diesem Augenblicke mit der großen Fahne von Brügge auf dem Marktplatze. Sobald die Handwerksleute den blauen Löwen gewahrten, erhob sich ein Riesengeschrei, ein hinreißender Jubel: sie wiederholten unablässig denselben Ruf, der in der blutigen Nacht die Losung zur Rache gewesen war:

»Flandern dem Löwen! Was walsch ist, das falsch ist!«

Und dann schwangen sie ihre Waffen, als stünde der Feind schon vor ihnen.

Nachdem der Heerestroß auf die Wagen geladen war, stimmten die Fanfaren ihre schmetternden Klänge an, und die Brügger verließen mit fliegenden Bannern ihre Stadt durch das Genter Tor. Als die Frauen sich also ohne jeden Schutz sahen, wurden sie noch mehr von Angst ergriffen; nun schien es ihnen, als hätten sie nichts anderes mehr als den Tod zu erwarten.

Am Nachmittag verließ Machteld die Stadt mit allen ihren Dienern und Frauen; dieser Abzug gab vielen anderen den Gedanken ein, daß sie in Kortrijk sicherer wohnen könnten. Sie packten alles zusammen, und nachdem sie die Türen verschlossen, gingen sie mit ihren Kindern zum Genter Tor hinaus. – Unzählige Familien gingen so mit verwundeten Füßen auf der Straße nach Kortrijk und benetzten mit ihren bitteren Tränen das Gras am Straßenrand.

In Brügge ward es so still wie in einem Grabe.

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