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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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Hendrik Conscience

Hendrik Conscience ist der volkstümlichste flämische Schriftsteller; ja, man kann sagen, daß er die Flamen erst eigentlich wieder ihre Sprache lesen gelehrt hat. Er schrieb nicht in Versen, und er war doch der größte Dichter, der je in flämischer Sprache Liebe und Lust, Freude und Leid seines Volkes im Brennspiegel der Poesie aufgefangen hat. Berühmt wurde er vor allem durch seinen geschichtlichen Roman »Der Löwe von Flandern«, der auch heute noch – achtzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen – sich als lebensfrisch erweist und sich noch immer einer steigenden Verbreitung erfreut. Dieser Roman ist im Laufe der Jahre immer mehr das nationale Buch der Flamen geworden. Es ist auch in alle Kultursprachen übersetzt, und in der Kriegszeit hat es in Deutschland, wo es als Jugendschrift längst beliebt war, auch als Buch für die Erwachsenen zahllose neue Leser gefunden.

Conscience wurde am 3. Dezember 1812 in Antwerpen geboren als Sohn eines französischen Marinebeamten und einer flämischen Mutter. Sein Vater, Pierre Conscience aus Besançon, war zur Zeit des Kaiserreiches Obersteuermann an Bord des Kanonenbootes »Ville de Bordeaux«. Er wurde dreimal von den Engländern gefangen genommen und zuletzt nach einer harten, langen Gefangenschaft ausgetauscht. Nun ließ er sich in Antwerpen nieder, wo er auf der Kaiserlichen Werft eine Stelle als Werkmeister erhielt. Einige Zeit später heiratete er eine Flämin. Aus dieser Ehe ging Hendrik Conscience hervor. Er war ein schwächliches Kind, dem kein langes Leben prophezeit wurde. Die Mutter, eine fromme, naive Frau, weckte die Phantasie des Knaben durch flämische Märchen vom Paradies, wo man den »Ryspap« (Reisbrei) mit silbernen Löffeln ißt. Von der Mutter hat er offenbar das tiefe Gemüt geerbt, während die romantische Neigung vielleicht ein Erbteil von väterlicher Seite war.

Durch den Sturz Napoleons verlor der Vater seine Stelle, und nun wurden die äußeren Lebensumstände der Familie recht dürftig. Die Mutter trug zur Bestreitung der Kosten des Haushalts bei, indem sie einen kleinen Spezereiladen eröffnete, während der Vater alte Schiffe ankaufte, deren Überreste er verwertete. Später verlegte er sich außerdem auf den Handel mit alten Büchern. Der junge Conscience wußte sich die alten Schmöker, die auf dem Speicher lagen, zu verschaffen, und erfreute sich an den bunten Bildern. Sobald er einigermaßen lesen konnte, verschlang er mit Heißhunger den Inhalt dieser Bücher. Er besuchte die Volksschule, in der er sich durch Fleiß auszeichnete. Damals starb die Mutter, die ihn wegen seines zarten Wesens besonders gehegt und gepflegt hatte. Der frühe Tod der Mutter war von großem Einfluß auf seinen Charakter. Der Knabe wurde ernst und in sich gekehrt. Da der Vater den Ideen Rousseaus huldigte, überließ er Hendrik und den jüngeren Bruder ziemlich sich selbst.

Eine Viertelmeile außerhalb der alten Umwallung Antwerpens, in der Gegend des späteren Zoologischen Gartens, baute er sich mit den Materialien eines alten Schiffes ein Häuschen, die »Grüne Ecke«. Wo sich jetzt hohe Mietshäuser erheben, dehnten sich damals noch grüne Felder aus. Dort verlebte der Knabe einige seiner glücklichsten Jahre; dort erwachte in ihm jene Liebe zur Natur, die ihm sein ganzes Leben eigen blieb und die aus all seinen Büchern spricht.

Auf die Dauer aber langweilte der Vater sich dort. Deshalb verkaufte er das Häuschen und heiratete wieder. Nun zog er nach Borgerhout, einer Vorstadt Antwerpens, wo seine zweite Frau ihm eine Reihe Kinder schenkte. Sein Einkommen genügte bald nicht mehr, und so mußte er darauf bedacht sein, für die älteren Söhne einen Beruf zu finden. Der zarte, leselustige Hendrik sollte Lehrer werden, der jüngere, stärkere Bruder aber Schreiner. Hendrik kam in eine Privatschule in Borgerhout, wo er schon bald seine Kenntnisse soweit vervollkommnet hatte, daß er Hilfslehrer an den unteren Klassen werden konnte. Dann trat er in gleicher Eigenschaft in eine vornehme Privatschule in Antwerpen ein. Hier überraschte ihn die Revolution von 1830, durch die Belgien sich von Holland trennte. Conscience hat selbst in seinem Buche »Omwenteling van 1830« (»Die Umwälzung von 1830«) seinen Anteil an der Revolution geschildert. Als die ersten Schüsse knallten, verließ er die Anstalt, um Soldat zu werden. Das geschah wohl mehr infolge einer rasch aufwallenden Begeisterung, als aus Interesse fürs Militärleben, denn schon wegen seiner körperlichen Beschaffenheit war er eigentlich wenig für das rauhe Kriegshandwerk geeignet. Während seiner Militärzeit kam er indes in innige Berührung mit der bäuerlichen Bevölkerung des Kempenlandes, jener großen Moore und Heiden, die sich durch die Provinzen Antwerpen und Limburg hinziehen, und in dieser einfachen Heidelandschaft wurde seine erwachende dichterische Phantasie aufs glücklichste befruchtet.

Bis zum Juli 1831 wanderte Conscience mit der Truppe durch das Kempenland, und dabei lernte er diese Heidegegend und die rauhen, schweigsamen flämischen Bauern immer mehr schätzen und lieben. Mit 19 Jahren sollte er zum Feldwebel befördert werden, aber er wurde übergangen, weil er so schwächlich aussah. Nun kam er zu einer anderen Kompagnie, wo er aber in sehr unleidliche Verhältnisse geriet. Während seines Urlaubs im Jahre 1834 kehrte er zu seinen Angehörigen zurück. Hier lernte er Jan de Laet kennen, der sich mit Literatur beschäftigte. Damals konnte noch keine Rede sein von national-flämischer Dichtung. Man suchte nur die französische Romantik nachzuahmen. In Antwerpen erschien damals »L'Artiste«. Eine Nummer dieser Zeitschrift, die ein Sonett enthielt, brachte Conscience auf den Gedanken, ebenfalls französische Verse zu machen. Sein erster Versuch verriet zwar gute Gedanken, bedeutete aber einen Hohn auf die Regeln der Prosodie. In Venloo, wo sein Regiment lag, widmete er sich eifrig der Literatur. Er schrieb aber immer französisch und verfaßte sogar eine kleine Oper, die in Dendermonde vor militärischen Zuhörern aufgeführt wurde.

Nachdem er es nur bis zum Schreiber des Feldwebels in einem Jägerbataillon gebracht hatte, verließ er im Mai 1836 den Soldatendienst. Er kehrte nach Antwerpen zu seiner Familie zurück.

Abgesehen von Gent wurde damals das Flämische noch am meisten in Antwerpen gefördert. Die Stadt war (allerdings vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen) noch lange orangistisch gesinnt und wurde geradezu »eine Wiege des Flamentums«. Hier wurde 1836 der » Olijftak« (Olivenzweig) gegründet, ein Verein, der gleichsam eine Fortsetzung der alten Antwerpener Rederijker-Kammer war und die flämische Kunst und Literatur zu fördern suchte. Das war um so verdienstvoller, als das Flämische damals nur noch eine verachtete Mundart der unteren Klassen war. Man kann geradezu sagen, daß der »Olijftak« der Vorläufer der jungflämischen Dichterschule wurde.

In Antwerpen verkehrte Conscience viel mit jungen Malern und Dichtern, namentlich mit Theodor van Rijswijck, dem volkstümlichen Antwerpener Dichter, einem der originellsten Köpfe der flämischen Literatur. Dieser führte ihn in den »Olijftak« ein. Jeder, der dem Verein als Mitglied beitreten wollte, mußte einen literarischen Beitrag liefern, ebenso wie die Maler erst nach einer Probearbeit aufgenommen wurden. Conscience wollte aus Guicciardinis »Beschrijving der Nederlanden« die Episode von dem Bildersturm in Antwerpen ins Französische übersetzen, aber seine Übertragung befriedigte ihn nicht. Da fing er an, flämisch zu schreiben: »Het was in den Jaare ...« Nun kamen ihm die Gedanken so schnell, daß er 15 oder 16 Blätter voll schrieb. In der Sprache war ein prächtiger Rhythmus, der ihn selbst überraschte. Jetzt fuhr er fort, flämisch zu schreiben, um seine Muttersprache zu heben. Er las die Kapitel in der Wirtschaft zum Zwart Paard (zum schwarzen Pferde) am Krötengraben vor, wo der Verein zusammen kam, und er erntete ungeheuren Beifall. Nun war das Ziel gegeben: Das Flämische mußte wieder Literatursprache werden! Conscience fuhr mit seiner Arbeit fort. Er schrieb ein Kapitel nach dem anderen über den Kampf der Niederlande gegen die spanische Herrschaft, und so entstand sein erster Roman » In het Wonderjaar 1566« (Im Wunderjahre 1566). Das Werk erschien 1837 in Gent mit naiven romantischen Holzschnitten von Consciences Freunden. Es erregte ziemlich viel Aufsehen, weil es so voll Leben und Wahrheit war; man pries es als ein Meisterwerk und erwartete von ihm die Heraufführung einer neuen flämischen Literaturperiode. Seine Bedeutung liegt denn auch darin, daß Conscience die bis dahin ungefüge und rohe flämische Sprache in eine flüssige Form gebracht und ihr einen künstlerischen Ausdruck verliehen hat. Dabei war es bezeichnend, daß gerade der Sohn eines Franzosen die niederdeutsche Sprache in Belgien wieder zu Ehren gebracht hat.

Der Erfolg ermutigte Conscience, einen neuen geschichtlichen Roman in Angriff zu nehmen. Sein Vater jedoch mißbilligte Hendriks flämische Sympathien. Als Franzose verschmähte er es, das Flämische zu lernen, und er hat nie ein Buch seines Sohnes gelesen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wurde derart, daß Conscience es vorzog, sein Elternhaus zu verlassen und in einem Gasthofe Wohnung zu nehmen. Der Maler Wappers verschaffte ihm eine bescheidene Stellung in der Provinzialverwaltung. Während der Dichter nun tagsüber an seinem Pulte trockene Berichte und Zahlen schrieb, widmete er sich bis tief in die Nacht hinein seiner literarischen Tätigkeit. Noch im selben Jahre veröffentlichte er unter dem Titel » Fantasij« eine Sammlung in Prosa und Versen, die stark romantischen Einfluß verrät.

Obschon das »Wunderjahr« in engen Kreisen viel Beifall gefunden hatte, belastete es den Dichter mit einer schweren Schuld, da er die Druckkosten bezahlen mußte. Auch der Band »Phantasie« vermochte seine Lage nicht zu bessern. König Leopold I. schenkte ihm 400 Franken und empfahl ihn dem Minister des Inneren. Nun hatte Conscience wieder Mut, und er entschloß sich, ein größeres Werk zu schreiben, um seinen Schriftstellerruf zu begründen.

»Dieser Gedanke,« erzählt er selbst, »ging mir wochenlang im Kopfe um. Ich blätterte in alten Chroniken und in neueren Geschichtswerken. Ich blieb ganze Tage in meinem Zimmer, den Kopf zwischen den Händen, und nachts träumte ich ganz wach, indem ich die glorreichsten Taten unserer ruhmvollen Vorfahren vor meinen Augen vorbeiziehen ließ. So suchte ich den günstigsten Stoff für die Ausführung meines Planes zu entdecken. Mein neues Werk sollte ein nationaler Heldenroman sein. Alle Kräfte meiner Seele wollte ich dazu anspannen, mit vollen Händen die Farbe über diese Bilder ausbreiten. Ich wollte das Buch sorgfältig ausarbeiten, es immer wieder verbessern und es erst in Druck geben, wenn ich im Innersten meines Gewissens überzeugt wäre, es nicht besser machen zu können. Es sollte nicht weniger als drei starke Bände umfassen. Ich wußte wohl, daß ich vor Erfüllung der Hälfte meiner Aufgabe wieder in bittere Not geraten würde, aber ich sagte mir, dieser Versuch würde der letzte sein, wenn er nicht gelänge. Ich wollte endgültig wissen, ob die Hoffnung meines Lebens eine Utopie wäre oder ob es mir bei äußerster Anstrengung meines Willens und meiner Kraft gelingen würde, das Schicksal zu zwingen, meinen Weg zu erhellen. Der Stoff, auf den meine Wahl schließlich fiel, war der riesige Kampf des flämischen Volkes gegen die französische Ritterschaft, ein Kampf, der 1302 mit dem Siege Flanderns in der Schlacht der goldenen Sporen endete. Nach meiner Auffassung lieferten mir die Geschehnisse einen reichhaltigen Stoff zu glänzenden Schilderungen, zur Beschreibung von Schlachten und zur Verherrlichung des Heldentums unserer Vorfahren. Die Liebe zum Vaterland und zur Freiheit sollte der Zauberstab sein, der jede Seite meines Buches beleben würde. Ich zweifelte nicht daran, daß diesmal das flämische Volk dieses zu seinen Ehren geschriebene Buch mit freudigem Stolze aufnehmen würde. Da ich mich Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigte, genügten mir einige Wochen, den Inhalt zu entwerfen, so daß die ganze Geschichte mit ihren Personen und ihren Szenen mir lebhaft und klar vor Augen war.«

Um die Landschaften, die Städte und die Gebäude, die in dem Roman vorkamen, genau schildern zu können, unternahm Conscience mit seinem Freunde Alfred de Laet eine Reise durch Westflandern. Dabei besuchte er alle Orte, deren Kenntnis ihm wünschenswert erschien, und er machte sich mit seinem Freunde Notizen für die Beschreibung und sogar Skizzen. In Brügge war ihm der gelehrte Octave de la Pierre, später Sekretär der belgischen Botschaft in London, behilflich und teilte ihm eine Menge geschichtlicher Einzelheiten aus der von ihm gewählten Periode mit. Conscience glaubt auch, daß de la Pierre ihm die erste Anregung zu dem Titel » Der Löwe von Flandern« gegeben habe.

Nach Antwerpen zurückgekehrt, fing er sofort mit der Niederschrift des Romans an. Da er den Stoff und die Einzelheiten genau beherrschte, ging die Arbeit flott von statten. Nach vierzehn Tagen hatte er gerade drei Kapitel vollendet, als sein Freund, der Maler Gustav Wappers, ihm mitteilte, er habe für ihn eine Stelle gefunden, und zwar die eines Übersetzers fürs Flämische bei der Provinzialregierung. Das Anfangsgehalt betrug allerdings nur 500 Franken jährlich, aber das war wenigstens eine sichere Einnahme, und in seinen freien Stunden konnte er ja an dem Roman weiterarbeiten.

So nahm denn Conscience die Stelle an, wenn auch nur höchst ungern und vielleicht hauptsächlich aus dem Grunde, weil er seinen Freund Wappers, der es so gut mit ihm meinte, nicht kränken wollte. Conscience ging täglich zum Bureau, übersetzte sechs Stunden lang aus dem Französischen ins Flämische und kehrte um vier Uhr nach Hause zurück. Hier schloß er sich in sein Zimmer ein und arbeitete an der Fortsetzung seines Romans bis spät in die Nacht hinein. Oft, wenn er ein Kapitel bis zu Ende führen wollte, schrieb er bis zum frühen Morgen, so daß er nicht einmal die Vorhänge seines Bettes öffnete. Seine Wirtin, die mütterlich für ihn besorgt war, ermahnte ihn zwar oft genug, seine Gesundheit zu schonen, aber trotzdem wurde er noch öfters von der Morgenröte bei der Arbeit überrascht.

Als er nun etwa zwei Bände, d. h. zwei Drittel des Romans, vollendet hatte, merkte er, daß sein Augenlicht, seine Kräfte und seine Phantasie abnahmen. Er war geistig und körperlich so ermüdet, daß er eine schwere Erkrankung im Anzug glaubte. Das machte ihm um so mehr Besorgnisse, als er fürchtete, nun sein Werk nicht so vollenden zu können, wie er es sich vorgenommen hatte. Vierzehn Tage lang war er nicht imstande, die Arbeit wieder aufzunehmen. Da endlich faßte er all seinen Mut zusammen und ging zu Wappers, um ihm seine Lage zu schildern. Sein Freund hatte ein volles Verständnis dafür und billigte seinen Entschluß, seine Stelle als Übersetzer aufzugeben, um seine Freiheit wiederzugewinnen. Conscience hatte ihm schon die meisten Kapitel des »Löwen von Flandern« vorgelesen, und Wappers war überzeugt, daß der Dichter dadurch berühmt würde und dann leicht eine einträglichere Stellung erhalten würde.

Auch de Laet teilte er seinen Entschluß mit, als er seine Entlassung eingereicht hatte. Die Eltern seines Freundes vermieteten ihm sogar ein Zimmer in ihrem Hause. Seitdem arbeitete er gemeinsam mit de Laet in demselben Zimmer und abends bei demselben Lichte. Während sein Freund ein Gedicht oder einen Zeitungsartikel schrieb, fuhr er an seinem »Löwen von Flandern« fort. Die Anwesenheit seines Freundes störte ihn keineswegs; im Gegenteil, sie wirkte anregend auf ihn ein, und wenn er über den Fortgang der Handlung oder über eine Stilfrage im Zweifel war, so brauchte er nur einige Worte mit de Laet zu wechseln, um sofort das Richtige zu finden.

Nach sechs Monaten war der Roman beendet. Nun hieß es, ihn veröffentlichen, aber das war keine Kleinigkeit, denn damals gab es in Antwerpen noch keinen Drucker, der es gewagt hätte, ein solches Werk in flämischer Sprache auf seine Kosten herauszugeben. So mußte Conscience sich entschließen, auch bei diesem Werke wieder das ganze Risiko zu übernehmen. Hatte er auch sparsam gelebt, so hatte er doch einige Schulden machen müssen. Deshalb fiel es ihm recht schwer, die Druckkosten eines so umfangreichen Werkes aufzubringen. Der Roman, der heute einen starken Band bildet, wurde nach der damaligen Sitte in drei Bänden gedruckt und kostete 8 Franken. Conscience und seine Freunde setzten Subskriptionslisten in Umlauf, aber als der Roman im Dezember 1838 erschien, waren noch nicht genügend Bestellungen vorhanden, um die gesamten Kosten zu decken. In den besseren Bürgerkreisen interessierte man sich damals noch nicht für flämische Literatur, und den unteren Volkskreisen, soweit sie überhaupt lesen konnten, war der Preis zu hoch. Dazu kam, daß das Buch in einer politisch aufgeregten Zeit erschien, nämlich während der Verhandlungen des Londoner Kongresses, der über Belgiens Schicksal entschied.

Auch Conscience mischte sich in den politischen Streit. Eine Rede, die er am 6. Februar 1839 im Flämischen Theater in Antwerpen hielt, erregte Aufsehen, so daß infolgedessen noch einige Exemplare des »Löwen von Flandern« abgesetzt wurden. So konnte er seine Rechnung beim Drucker fast ganz bezahlen, aber er sagte sich doch immer mehr, daß er die Schriftstellerei einstellen müsse. Das war für ihn um so bitterer, als sein Roman bei seinen flämischen Freunden ungeteilten Beifall fand.

»De Leeuw van Vlaenderen, of de Slag der gulden Sporen« (Der Löwe von Flandern oder die Schlacht der goldenen Sporen) schildert, wie die Franzosen am Ende des 13. Jahrhunderts das reiche Flandern zu unterwerfen versuchten, wie die Flamen sich gegen die französischen Machtgelüste auflehnten und das Land von der Franzosenherrschaft befreiten. Philipp IV., der Schöne, König von Frankreich, hatte Flandern als seine Lehnsherrschaft eingezogen und den alten Grafen Gwijde abgesetzt. Der neue französische Statthalter de Chatillon bedrückte das flandrische Volk, er saugte es aus im Auftrage und Einverständnisse des stets geldbedürftigen französischen Königs. Ihn reizte der ungeheure Reichtum der flandrischen Städte wie Ypern, Gent und Brügge. Doch nicht lange beugte sich der stolze flandrische Bürgersinn unter das Lilienbanner Frankreichs; im Volke erwachte und wuchs der Gedanke der Selbstbefreiung. Unter der Leitung des Vorstehers der Wollenweber in Brügge, Pieter de Koninck, führte zuerst die mächtige Stadt Brügge den Kampf allein; später nahmen die belgischen Städte allgemein teil an der Erhebung. Es galt zunächst, die Partei der »Leliaarts« (Anhänger des französischen Lilienbanners, Lilianer) unschädlich zu machen. Diese setzte sich zusammen aus Mitgliedern des belgischen Adels, die dem angestammten Herrscherhause gegenüber treubrüchig geworden waren. Durch das einträchtige Zusammenwirken des Grafenhauses, der treugebliebenen Ritterschaft und der zünftigen Bürgerschaft wurde das Befreiungswerk vollendet. Während dieses langen und furchtbaren Ringens waren die Augen der Flamen nach der Schilderung von Conscience stets auf den ältesten Sohn des Grafen Gwijde gerichtet, Robrecht van Bethune. Durch kühne, ritterliche Taten hatte er sich alle Flamenherzen gewonnen, und stolz nannten sie ihn den Löwen von Flandern. Graf Robrecht indes geriet durch welsche Tücke in die Gefangenschaft Philipps des Schönen; doch seine Städte kämpften für ihn. Er ist als Titelheld nicht eigentlich der Held des Romans. Als solcher tritt das ganze flämische Volk auf, das in dem Löwen des flandrischen Wappens seine symbolische Verkörperung findet. Robrecht van Bethune spielt zwar in der Schlacht von Kortryk eine entscheidende Rolle, aber im übrigen tritt er bei den Kämpfen um Flanderns Unabhängigkeit wenig in den Vordergrund. Die Handlung spielt sich mehr um ihn, als durch ihn ab.

Die Männer, die Conscience uns als die eigentlichen Führer des Volkes darstellt, Pieter de Coninck und Jan Breydel, der Zunftmeister der Brügger Fleischergilde, sind Prachtgestalten, die den Leser fesseln müssen. Jan Breydel ist der typische Germane, groß, breitbrüstig, mit blondem Haar und blauen Augen. Ein Riese an Körperkraft, hat er ein wildes, feuriges Gemüt, dem Kampf fast Bedürfnis ist. Er drängt kindlich ungestüm immer auf schnelle Entscheidung, es geht ihm alles zu langsam in der Politik, stets meint er mit seinen wuchtigen Fäusten oder dem todbringenden, mächtigen Fleischerbeil die Entscheidung herbeiführen zu können. Deshalb hat er beständig Meinungsverschiedenheiten mit seinem Freunde de Coninck. Diesen stellt Conscience als echten Staatsmann dar, als kalten, umsichtig berechnenden Geist, der gern den Kriegspfad verläßt, wenn das gleiche Ziel auf anderem Wege zu erreichen ist. Wenn es aber sein muß, dann steht er an Tapferkeit hinter keinem zurück, selbst nicht hinter Breydel, der ihn dann nur durch sein kühnes Ungestüm übertrifft. In Pieter de Coninck bietet Conscience einen an die Männer des Alten Testaments und an die späteren Kalvinisten anklingenden, aus Begeisterung und Berechnung eigentümlich gemischten Charakter.

Die eigentliche Erzählung allerdings ist eher eine Chronik denn ein Roman. Erfindung, Verwicklung sind nicht Consciences Sache. Er war dafür zu einfach in seinem Wesen. Nur um die herkömmliche Liebesgeschichte nicht missen zu lassen, hat der Dichter in seinen Roman eine Liebesepisode verflochten. Conscience erzählt dagegen die geschichtlichen Ereignisse anschaulich und mit warmer Vaterlands- und Freiheitsliebe. Mit einer prachtvollen Schilderung der Schlacht von Kortryk (Courtrai), der »Schlacht der goldenen Sporen«, endet der Roman. Dieser Kampf spielte sich ab auf dem Groeningerfeld bei Kortryk am 11. Juli 1302. Flanderns Bürgerheere besiegten Philipp den Schönen vollständig. Hier fiel die Blüte des französischen Adels, und die Sieger erbeuteten 700 goldene Sporen. Daher wird die Schlacht bei Kortryk der Tag der goldenen Sporen genannt.

Conscience selbst kannte das Kriegsleben aus eigener Erfahrung sehr genau, er kannte auch die ganze Umgebung des Schlachtfeldes, kein Wunder also, daß er so anschaulich zu schildern versteht. Er gibt die Lokalfärbung ebenso wie die Zeitfärbung gut wieder, so daß der Roman sich zugleich als interessantes, farbenreiches Kulturbild aus dem Ritter- und Bürgerleben des ausgehenden Mittelalters darstellt.

Der Dichter schließt den »Löwen von Flandern« mit den Worten: »Du, Flame, der du dieses Buch gelesen hast, überlege bei den ruhmreichen Taten, die es enthält, was Flandern ehemals war, was es jetzt ist, und noch mehr, was es werden soll, wenn du die heiligen Vorbilder unserer Väter vergissest!«

So groß auch der Beifall war, den Conscience mit seinen Romanen fand, so brachten sie ihm doch so wenig ein, daß er nach dem Erscheinen des »Löwen von Flandern« seinem Drucker noch 19 Franken schuldete. Sein Freund Wappers hätte sich wohl nochmals für ihn bei König Leopold I. verwendet, doch Conscience hatte sich in die Politik gemischt und dadurch seine Stellung untergraben. Er verzichtete deshalb auf Unterstützung. In jener trüben Zeit verzweifelte er sogar an seinem literarischen Können und trat als Gehilfe in eine Gärtnerei in Antwerpen ein. So schien er sich ganz von der Literatur abwenden zu wollen.

Als aber im Winter 1839 der Akademie-Direktor van Bree starb, holten die jungen Maler ihn herbei, damit er eine flämische Grabrede halten sollte. Conscience sträubte sich anfänglich, erklärte sich dann aber dazu bereit. Er fand so warme, von edler Begeisterung getragene Worte, daß er seine früheren Gegner, darunter den Bürgermeister von Antwerpen, die ihm wegen seines politischen Auftretens gegen die orangistische Partei gegrollt hatten, mit einem Schlage zu Freunden gewann. Von dieser Zeit an war sein äußerer Lebensweg gesichert. Er erhielt den ehrenvollen Auftrag, eine Geschichte Belgiens in flämischer Sprache zu schreiben. Man bewilligte ihm dafür auf zwei Jahre ein Gehalt von 1000 Franken. Das war zwar nicht viel, aber es war doch eine Arbeit, die ihm zusagte, und die zugleich seine Studien für geschichtliche Romane förderte. Die illustrierte »Geschiedenis van Belgie«, in der Conscience sich als Gegner des Romanentums bekennt, erschien 1845.

Durch den Maler Wappers, der zum Direktor der Königlichen Akademie für schöne Künste in Antwerpen ernannt worden war, erhielt Conscience die Stelle eines Sekretärs dieser Anstalt. Diese Stellung, die er bis zum Jahre 1854 bekleidete, gestattete ihm, von äußeren Sorgen befreit, sich seinen literarischen Arbeiten zu widmen. Er erwies sich jetzt als sehr fruchtbar, denn er schrieb über hundert Romane und Novellen.

Daß er zuerst den geschichtlichen Roman bevorzugte, entsprach nicht bloß seiner persönlichen Neigung und der Richtung der jetzt bald einsetzenden flämischen Bewegung, sondern auch der Tendenz in der damaligen Literaturströmung der anderen Länder; denn seitdem Walter Scott den geschichtlichen Roman zu Ehren gebracht hatte, wetteiferten die westeuropäischen Kulturvölker in der Pflege des vaterländischen Romans. Victor Hugo knüpfte dabei naturgemäß an Paris an, Manzoni an Mailand, Willibald Alexis an die Mark Brandenburg und Hauff an Schwaben.

Conscience bevorzugte für seine Erzählungen das alte Flandern, d. h. etwa das Gebiet von Ostende bis Dendermonde mit Gent und Brügge als Hauptstädten. Hier fand er noch den unverfälschten Flamen mit seinem kühnen, energischen Geiste, seinen einfachen, alten Sitten und seiner geliebten flämischen Sprache.

Von den geschichtlichen Romanen ist besonders noch der Roman » Jakob von Artevelde« hervorzuheben. Der Titelheld, ein Weber von Gent, befreit durch geschickte Diplomatie und die Unterstützung seiner tapferen Landsleute sein Vaterland vom Einflusse Frankreichs. Er bringt die verschiedenen Gaue in ein staatlich gegliedertes Ganzes und fördert Handel und Gewerbe, die zu hoher Blüte gelangen. Groß und mächtig steht er da, bis er infolge der kleinlichen Anfeindungen seines Gegners Geraert sein Leben lassen muß. Jakob von Artevelde ist eine Gestalt von tragischer Größe. Volksgunst bringt ihn auf den Gipfel der Macht; Könige achten ihn als ihresgleichen und unterhandeln mit ihm, und dieser große Mann, in dessen hoher Seele nimmer ein niedriger Gedanke Platz finden konnte, dessen einziges Ziel das Gedeihen seines Vaterlandes war, dem er opferwillig alles hingab, muß untergehen durch den Haß und Neid jener, denen er sein Leben und seine Kraft unablässig gewidmet hat.

Auch diesem Roman fehlt die künstlerische Verschlingung der Begebenheiten. Nur die Liebe Lievens, des Sohnes von Jakob von Artevelde, zu der schönen Veerle, der Tochter des durchtriebenen Nebenbuhlers Jakobs, bringt einige leidenschaftlich bewegte Szenen hervor, ist aber künstlerisch wenig ausgenutzt.

Als dritter der großen historischen Romane sei » Clodwig und Clothilde« erwähnt. Die Handlung spielt im letzten Viertel des 5. Jahrhunderts. In diesem Romane haben wir zum ersten Male eine streng durchgeführte, künstlerisch einheitliche Komposition mit stetigem Fortgang der einen Haupthandlung und gewandtem Eingreifen der Episoden. Aus der stattlichen Reihe der geschichtlichen Romane und Erzählungen verdienen noch besonders genannt zu werden » Der Bürgermeister von Lüttich«, » Der Bauernkrieg«, eine Schilderung des Aufstandes der flämischen Bauern gegen die französische Republik, » Die Geschichte des Grafen Hugo van Craenhove«, » Die Kerle von Flandern« und die Erzählung » Batavia«, die den heldenmütigen Kampf der holländischen Faktorei gegen die Übermacht der Javaner zum Gegenstand hat.

Die geschichtlichen Romane zeichnen sich durch Frische und große Kraft der Darstellung aus. Zuweilen hat Conscience die ja ohnehin sehr wechselvollen Begebenheiten der Geschichte Belgiens stark dramatisiert, und die realistische Richtung hat dies später oft getadelt. Conscience wollte aber bei seinem Volke Interesse erwecken für die heimatliche Geschichte, und das konnte ihm nur gelingen, wenn seine Romane auch in bezug auf Spannung den Vergleich mit den Romanen französischer Erzähler aushielten und den Leser fesselten. Das Material lieferte ihm in Fülle die viel und wild bewegte Vergangenheit seines Landes von den ältesten Zeiten bis in das 19. Jahrhundert.

Auch die Novellen und Geschichten aus dem flämischen Leben der neueren Zeit trugen neben dem »Löwen von Flandern« dazu bei, Consciences Ruf über ganz Europa zu verbreiten. Ich nenne nur einige der bekanntesten: »Hoe man Schilder wordt« (Wie man Maler wird), »Wat eene Moeder lijden kann« (Was eine Mutter leiden kann), »Avondsstonden« (Abendstunden), »De Loteling« (Der Rekrut), »De Plaag der Dorpen« (Die Dorfplage), »Bella Stock«. Es sind köstliche Geschichten aus dem flämischen Volksleben, die bei aller Einfachheit des Stoffes wegen der wundervollen Milieuschilderung und der feinen Charakterzeichnungen als Muster ihrer Art bezeichnet werden können. Hier ist Conscience nach Eekhouds Ausdruck so recht »der Maler der flämischen Idylle, der Romandichter der naiven Intrigen der Kleinen«.

Am berühmtesten ist wohl die Novelle »Der arme Edelmann«, die man geradezu das Hohelied von der Armut genannt hat. In anderen Novellen tritt die Liebe als bewegendes Motiv in den Vordergrund; so in den Erzählungen »Der Sohn des Henkers«, »Rikke – tikke – tak« und »Der Rekrut«. Diese letztere gehört zu dem Besten, was Conscience überhaupt geschrieben hat.

Eine besondere Gruppe der Erzählungen bilden jene, in denen der Dichter gewisse Richtungen der Neuzeit angreift und alte Sitte und Einfachheit gegen die alles niederreißenden Neuerungen in Schutz nimmt. Hierher gehören vor allem die Erzählungen »Baas Gansendonck« und »Siska van Roosemael«. In beiden schildert Conscience die Überhebung einfacher Leute über ihren Stand und die Folgen davon in lebendiger Weise. Auch die Erzählung »Das Goldland« kann dazu gerechnet werden. Darin gehen drei Flamen nach Kalifornien, um nach mancherlei bitteren Erfahrungen ebenso arm heimzukehren, wie sie fortgegangen waren. »Der Geizhals« und »Der Geldteufel« schildern die Habgier in geradezu erschreckender Weise.

Conscience hatte seinen literarischen Ruhm fest begründet, es fehlte ihm nicht an Ehrungen mannigfacher Art, aber er hielt sich von jeder Überhebung fern. Als er 1845 als außerordentlicher Professor an die Universität Gent berufen wurde, verzichtete er auf diese Stelle zugunsten Heremans. Nach dem Tode Willems' wurde er Führer der flämischen Bewegung, obschon er persönlich kein streitbarer Charakter war und im wesentlichen nur den Ehrgeiz hatte, sein Volk mit erhebendem und unterhaltendem Lesestoff zu versehen. 1847 aber wurde er Lehrer der flämischen Sprache bei den königlichen Prinzen und unterrichtete auch den jungen Herzog von Brabant, den nachmaligen König Leopold II. 1857 ernannte man ihn zum Kommissar (Landrat) des Bezirks Kortryk, wo er bis 1868 blieb. Es war in der Zeit, wo die Agenten Napoleons III. die belgischen Grenzprovinzen bearbeiteten, um das Volk für die geplante Einverleibung Belgiens in Frankreich gefügig zu machen. Diesen Bestrebungen konnte Conscience die Überzeugungstreue und das Unabhängigkeitsgefühl eines echten Flamen gegenüberstellen, und dazu bot ihm sein Ruhm als Schriftsteller einen mächtigen Rückhalt. Dem gealterten Dichter gab man 1868 einen Ruheposten in der mehr ehrenvollen als arbeitsreichen Stellung eines Konservators der staatlichen Museen in Brüssel.

Eine besondere Feier wurde im September 1881 für Conscience veranstaltet, als sein hundertstes Werk »Geld und Adel« erschien. An dieser Feier nahmen auch die nördlichen Provinzen herzlichen Anteil. In einem Gedicht vergleicht der flämische Dichter Victor de la Montagne ihn mit einem General, der nach einer siegreichen Schlacht seine Truppen vorbeiziehen sieht. Ich zitiere die beiden ersten Strophen in der Übersetzung von Peter Mülfarth:

Du bist der alte General,
Hast stolz das Losungswort gegeben.
Du wecktest mutig vor der Welt
Der Flamen Ruhm zu neuem Leben.

So schau' denn, unser General,
Auf deine Scharen gnädig nieder.
Aus allen Herzen kling' zu dir
Das Singen deiner stolzen Lieder!

Im August 1883 wurde Conscience in Antwerpen ein Denkmal gesetzt, aber er starb schon einen Monat später, am 10. September in Brüssel. Als sein Grabdenkmal am 19. September 1886 enthüllt wurde, dichtete Victor de la Montagne ein stimmungsvolles Gedicht, das von Peter Benoît vertont wurde. Es beginnt:

Es ging durch die Lande gar traurige Mär,
Schmerz verbreitend nach allen Seiten,
Der Sänger unsrer Herrlichkeiten,
Der Sänger unsrer Lieb' und Leiden,
Der Vater uns gestorben wär'!

Und es schließt:

O Vater, dein Wort hat uns Wunder vollbracht,
Auf dich nun wollen wir sehen!
Und gingst du von hinnen, du hast uns vermacht
Dein Vorbild in dem, was getan du, gedacht.
Das leuchte und leite durch Nebel und Nacht!
Alt-Flandern soll nicht vergehen! –

Conscience war ein kerngesunder Schriftsteller, der alles Krankhafte und Pathologische von sich wies, beseelt von warmherziger Liebe zu seinem flämischen Volke, namentlich zu den Armen und Bedrückten, deren Leiden und Freuden er mit innerer Anteilnahme schildert. Allerdings hat er das Leben des Volkes etwas idealisiert und romantischer gestaltet, als es in Wirklichkeit ist. Er stand eben unter dem Einfluß der französischen Romantik, und sodann wollte er nur für das Volk schreiben. Zu Eekhoud sagte er: »Ich habe mich immer enthalten, den Leidenschaften zu schmeicheln und die Laster zu schmücken, die schlechten Handlungen in liebenswürdigen, verführerischen Farben darzustellen. In meinen hundert Bänden werden Sie nicht eine einzige unmoralische Intrige, nicht einen einzigen Ehebruch finden ... Sie werden auch bemerken, daß das religiöse Gefühl, das meine Romane belebt, nicht die Überzeugung eines Sektierers ist, sondern der Glaube im weitesten Sinne des Wortes.«

Eine Gesamtausgabe der Werke Consciences erschien von 1867 bis 1880 in Antwerpen. Die »Geschichte meiner Jugend« wurde dagegen erst 1888 veröffentlicht.

Schon früh wurde Conscience auch in Deutschland gelesen. Als Erzähler wurde er zum ersten Male bekannt durch das 1845 von Fürstbischof Diepenbrock von Breslau übersetzte »Flämische Stilleben« Im folgenden Jahre erschien sein »Wunderjahr« in deutscher Übersetzung. Später wurden die meisten seiner Werke, oft sogar mehrfach, ins Deutsche übertragen, viele auch in andere Sprachen. Einzelne Werke sind sogar in 17 Sprachen übersetzt worden. Man kann also mit Recht sagen: Conscience gehört nicht mehr seinem Vaterlande allein, sondern der ganzen gebildeten Welt an.

Das literarische Urteil über den Wert der Werke des flämischen Dichters ist im Laufe der Zeit nicht immer das gleiche gewesen. Um die Mitte und im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, als man im lesenden Publikum noch unter der Einwirkung der Romantik stand, mag Conscience wohl manchmal eine Überschätzung erfahren haben. Als dann die realistische und naturalistische Strömung von Frankreich her Belgien überflutete, wurde er in literarischen Kreisen vielfach als altmodisch abgelehnt; aber auch die Begeisterung für die neueste Richtung ging vorüber, und Consciences Werke haben sich bis auf den heutigen Tag als sehr lebensfähig erwiesen.

Man muß ihn eben als Volksdichter zu verstehen und zu werten suchen; und als solcher wird er immer seinen Platz in der Literaturgeschichte behaupten und wahrscheinlich auch für lange Zeit beim Volke, weil in seinen Werken das Menschliche vorherrscht, das unabhängig vom Zeitgeschmack immer zum Herzen spricht.

Daneben wird es für immer ein Verdienst Consciences bleiben, daß er die Flamen gelehrt hat, sich auf ihre völkische Eigenart zu besinnen und an ihrer niederdeutschen Sprache festzuhalten. Wie sehr er in allen Kreisen der flämischen Bevölkerung noch mit wirklicher Liebe verehrt wird, das bewies die großartige Feier der 100. Wiederkehr seines Geburtstages im August 1912, die mit einer Conscience-Ausstellung verbunden war. Jene Antwerpener Festwoche war zugleich eine Siegesfeier des Flamentums, die um so eindringlicher wirkte, als die Wallonen die Bedeutung Consciences nicht bestreiten können.

Hohenheim bei Stuttgart
Tony Kellen

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