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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 19
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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17.

Es war jetzt zwei Jahre her, daß der Fremdling, seinen Fuß auf vaterländischen Boden setzend, gerufen hatte: »Beugt die Häupter, ihr Flamen! – Ihr Nordlandssprossen, gehorcht den Söhnen des Südens oder sterbt!«

Aber damals wußten sie nicht, daß in Brügge ein Mann geboren war, dessen Schädel mit Weisheit gefüllt, dessen Herz durch Heldenmut groß war – ein Mann, der als Leuchte unter seinen Zeitgenossen scheinen sollte und zu dem Gott wie zu seinem Verkünder Moses gesagt hatte:

»Gehe und erlöse deine Brüder aus den Händen Pharaos!«

Sobald die alles verwüstenden Scharen der Franzosen auf dem Boden des Vaterlandes erschienen waren und der Horizont sich durch den aufgewirbelten Staub verdüsterte, erklang in de Coninck eine geheime Stimme:

»Gib acht, diese suchen Sklaven!«

Bei diesem Ruf erbebte der edle Bürger vor Schmerz und Entrüstung.

»Sklaven! Wir Sklaven!« seufzte er. »O Herr, unser Gott, dulde es nicht! Das Blut unserer freien Väter ist vor deinen Altären geflossen; sie sind in dem sandigen Arabien mit deinem Namen auf den Lippen gefallen; o, dulde es nicht, daß ihre Söhne an den Ketten der Fremdlinge verkommen, damit die Tempel, die wir dir aufgerichtet haben, nicht mit Sklaven erfüllt werden!«

De Coninck hatte dieses Gebet in seiner Seele gesprochen: aber das Herz der Menschen liegt vor dem Schöpfer offen. Er fand in dem Flamen noch all den Edelmut und all den Geist, aus dem er seine Seele geformt hatte, und er ließ einen unsichtbaren Glanz von sich ausgehen. Plötzlich mit einer geheimnisvollen Kraft erfüllt, fühlte der Flame sein Denkvermögen sich verdoppeln, und er rief, in seelischer Verzückung:

»Ja, Herr, ich habe deinen mächtigen Finger auf meiner Stirne gefühlt; ja, ich werde mein Vaterland erhalten! Ich werde die Grafen meiner Väter, deine Diener, nicht zertreten lassen ... Gesegnet seist du, o Gott, der mich gerufen hat!«

Seit diesem Augenblick lebte in de Coninck nur eine Empfindung, hatte er nur ein Sehnen in seinem Herzen bewahrt: aus dem großen Worte Vaterland erstanden alle seine Gedanken, alle seine Empfindungen; Eigeninteresse, Verwandtschaft, Ruhe, alles ward vergessen, um allein die Liebe zu dem Löwen in seinem weiten Herzen wohnen zu lassen. Welcher Mensch war auch jemals edler als dieser Flaming, der hundertmal sein Leben und seine eigene Freiheit für die Freiheit Flanderns wagte? Welch ein Mensch war mit größerer Weisheit begabt? Er allein, den Bastarden und Leliaarts zum Trotz, die Flandern verkaufen wollten, vereitelte alle Anstrengungen des französischen Königs; er allein war es, der seinen Brüdern selbst in Ketten das Löwenherz bewahrte und so die Befreiung langsam vorbereitete.

Die Franzosen wußten es wohl; sie kannten den, der jeden Augenblick ihrem Siegeswagen in die Räder fiel. Sie hätten den lästigen Wächter gerne aus dem Wege geräumt; aber neben der Klugheit besaß er die Vorsicht der Schlange. Er hatte sich eine Brustwehr aus seinen Brüdern gebildet; in diesem Bewußtsein wagte der Fremdling den Vorkämpfer nicht anzurühren, denn dann hätte ein blutiges Erwachen ihn gerächt. Während die Franzosen ganz Flandern unter den Stab der Tyrannei zwangen, lebte de Coninck in voller Freiheit unter seinen Stadtgenossen und war er der Herr seiner Herren; sie fürchteten ihn mehr, als er sie fürchtete.

Nun hatten siebentausend Franzosen die zweijährige Unterdrückung mit dem Leben gebüßt; kein einziger Fremdling atmete mehr in dem befreiten Brügge; das Volk freute sich über die Befreiung; die Stadt widerhallte von frohen Liedern, die die Sprecher für diese Gelegenheit gedichtet hatten, und die weiße Fahne zeigte den blauen Löwen in wogenden Falten über den Toren. Dieses Zeichen, das ehedem auf den Mauern Jerusalems geprangt hatte und das von so ruhmreichen Taten erzählte, machte die Herzen der Bürger weit. An diesem Tage ward die Sklaverei für Flandern unmöglich; denn die Brügger erinnerten sich, wieviel Blut ihre Väter für die Freiheit vergossen hatten. Tränen entquollen ihren Augen – jene Tränen, die die Seele entlasten, wenn sie übervoll ist und edle Leidenschaften sie in Glut versetzen.

Vielleicht wird man meinen, daß der Dekan der Weber das Werk nunmehr für vollendet erachtet, und daß er sich damit abgegeben hätte, seine geplünderte Wohnung wiederherzustellen. Nein, er dachte weder an sein Haus noch an den Reichtum, der ihm geraubt war; das Wohl und der Friede seiner Brüder waren seine ersten Sorgen. In der Erkenntnis, daß zwischen der Freiheit und der Unordnung nur eine Nacht liegt, ließ er noch am gleichen Tage aus jedem Handwerk einen Ältesten wählen und setzte die Gewählten mit Zustimmung des Volkes in die Regierung ein. Er ward nicht als Vorsitzender des Rates ernannt, er bekam keine Mission, aber in Wahrheit war er der oberste Herr. Niemand wagte ohne ihn etwas zu tun; sein Rat war Gebot in allen Dingen; und ohne daß er jemals befahl, war sein Rat die ausschließliche Richtschnur der Gemeindeverwaltung; – soweit ist die Herrschaft des Genies.

Das französische Heer war nun zwar vernichtet, aber man durfte sicher sein, daß Philipp der Schöne neue und zahlreichere Scharen nach Flandern senden würde, um die Schmach, die ihm widerfahren war, zu rächen. Die meisten Bürger dachten wenig an diese schreckliche Gewißheit; es genügte ihnen, jetzt frei und fröhlich zu sein. Aber de Coninck teilte diese öffentliche Freude nicht; er hatte die Gegenwart schon vergessen, um nur auf die Abwehr künftigen Unheils bedacht zu sein. Es war ihm nicht unbekannt, daß die Begeisterung und der Mut des Volkes mit dem Verschwinden der Gefahr enden; auch bemühte er sich nach Kräften, den Gedanken an den Krieg beständig in der Stadt wach zu halten. Jedem Handwerksmann wurde ein Gutentag oder eine andere Waffe übergeben, und die Fähnlein wurden von neuem eingerichtet mit dem Befehl, sich zum Kampfe bereit zu halten; das Handwerk der Maurer begann die Festungswerke wiederherzustellen, in allen Schmieden war es verboten, etwas anderes als Waffen für die Gemeinde anzufertigen. Der Zoll wurde wiederhergestellt, der Stadtpfennig wurde wieder erhoben. Durch diese klugen Maßnahmen gab de Coninck allen Bemühungen eine Richtung und behütete seine Vaterstadt vor allem Unheil, das große Bewegungen, wie edel sie auch sein mögen, stets mit sich bringen. – Man bekam den Eindruck, als ob die neue Regierung von Brügge sich durch jahrelange Dauer befestigt hätte.

Unmittelbar nach der Befreiung, während das Volk den Wein der Fröhlichkeit in allen Straßen trank, hatte de Coninck einen Boten zum Heere in Damme gesandt, um die übrigen Handwerksleute und die Frauen und Kinder in die Stadt zurückzurufen. Machteld war mit ihnen gekommen, und man hatte ihr eine prächtige Wohnung im Prinzenhof angeboten; doch sie zog das Haus Nieuwlands vor, die Stätte, wo sie so manche traurige Stunde zugebracht, an der alle ihre Träume hingen. Hier fand sie in der guten Schwester Adolfs eine zärtliche Freundin wieder, in deren Busen sie die Liebe und die Sorgen ihres bangen Herzens ergießen konnte. Es ist so heilsam, wenn die Trauer uns umfängt, jemanden zu finden, der vermöge seines eigenen Kummers unser Leid verstehen kann: jemanden, der liebt, was wir lieben, und dessen Klagen der Widerhall unserer eigenen Klagen sind: – so umschlingen sich zwei schwanke Wingertranken und trotzen dem zerstörenden Orkan, der ihre stützenlosen Häupter knicken will. Für uns sind Trauer und Leid ein Orkan, der durch seinen eisigen Hauch unsere Seelen des Feuers und des Lebens beraubt und unsere Häupter schon vor dem Alter sich dem Grabe zuneigen läßt, als würden die Jahre des Mißgeschicks dem Menschen doppelt angerechnet.

Zum vierten Male erhob sich die Sonne mit glühender Pracht über dem freien Brügge. – Machteld saß allein in dem Zimmer, das sie ehedem im Haus Adolfs van Nieuwland bewohnt hatte. Der treue Vogel, der geliebte Falke war nicht mehr bei ihr; er war tot. Auf den stillen Gesichtszügen der Jungfrau zeichneten sich Krankheit und Unglück mit bleichen Farben ab; ihre Augen waren dumpf, ihre Wangen abgezehrt, und alles ließ erkennen, daß der Wurm des Leides an ihrem Herzen fraß.

Diejenigen, die lange einen bitteren Schmerz gehegt haben, ergehen sich in wunderlichen Träumen und schaffen sich, als ob die Wirklichkeit sie noch nicht genug kränkte, Gespenster, die sie noch mehr betrüben. So tat auch die unglückliche Machteld. Sie bildete sich ein, daß das Geheimnis der Freilassung ihres Vaters entdeckt sei; sie sah den von der Königin Johanna gedungenen Mörder das Gift in die Nahrung ihres Vaters mischen – und dann ging ein Zittern über ihren Körper, und Tränen der Sorge entquollen ihren Augen. Adolf war für sie gestorben; er hatte seine Liebe und seinen Edelmut mit dem Leben bezahlt. – Die herzzerreißenden Bilder zerstoben und kehrten immer wieder und quälten die arme Jungfrau mit bitterem Kummer.

In diesem Augenblick trat ihre Freundin Maria in das Zimmer. Das Lächeln, das dann über die Wangen der armen Jungfrau glitt, war gleich dem Lächeln, das manchmal nach einem schmerzlichen Tode auf dem Antlitz einer Leiche zurückbleibt: mehr Schmerz und Trauer lag darin als in der leidenschaftlichsten Klage. Sie sah die Schwester Adolfs mit einem Blicke an, der sagte:

»O, gib mir Trost und Labung!«

Maria näherte sich dem verzweifelten Mädchen und drückte ihr mit zärtlicher Teilnahme die Hand. Sie gab ihrer Stimme jenen sanften Ton, der wie süße Musik in die Seelen der Unglücklichen dringt, und sprach:

»Eure Tränen fließen im stillen, mein teures Edelfräulein; Euer Herz zerschmilzt in Trauer und Verzweiflung; und nichts, nichts erleichtert Euer bitteres Los! O! Ihr seid so unglücklich!«

»Unglücklich, sagt Ihr, Freundin? O ja, in mir ist etwas, das mir das Herz zusammenpreßt und beengt. Wißt Ihr, welch schreckliche Spukgestalten mir vor den Augen schweben? Und wißt Ihr, warum ohne Unterlaß meine Tränen fließen? – Ich habe meinen Herrn Vater durch Gift sterben sehen; ich habe die Stimme eines Sterbenden gehört, eine Stimme, die da sagte: Leb wohl, du, das Kind, das ich liebte!«

»Ich bitte Euch, Edelfräulein,« fiel Maria ein, »verscheucht diese wunderlichen Schatten. Ihr macht mich zittern. Euer Vater lebt! Ihr sündigt gröblich durch Verzweiflung. Vergebt mir diese kühnen Worte.«

Machteld ergriff die Hand Marias und drückte sie leise, als wollte sie ihr zu verstehen geben, daß diese Worte tröstlich für sie gewesen seien. Trotzdem fuhr sie in ihrer wehmütigen Rede fort und schien Behagen in ihrem Leid zu suchen. – Auch die Klagen bedrängter Seelen sind Tränen, die das Herz erleichtern. Sie versetzte:

»Ich habe noch mehr gesehen, Maria; ich habe den Henker, den die grausame Johanna von Frankreich gesandt hat, sein Beil über dem Haupte Eures Bruders erheben und dieses Haupt auf den Boden des Kerkers fallen sehen!«

»O Gott!« rief Maria. »Welch schrecklicher Gedanke!«

Sie bebte, und ihre Augen glänzten durch Tränen, die sich unter ihren Wimpern zeigten.

»Und seine Stimme habe ich gehört, eine Stimme, die sagte: Leb wohl, leb wohl!«

Durch diese schauerliche Ausmalung erschüttert, warf Maria sich an den Hals Machtelds, und ihre Tränen rannen auf die wogende Brust der unglücklichen Freundin. Die bangen Seufzer der beiden Jungfrauen erfüllten das Zimmer. Nach einer Weile fragte Machteld:

»Versteht Ihr nun mein Leid, Maria? Versteht Ihr nun, warum ich dahinsieche und langsam sterbe?«

»O ja,« antwortete Maria verzweifelt, »ja, ich verstehe und empfinde Euer Leid mit Euch. O, mein armer Bruder!«

Die beiden Jungfrauen setzten sich erschöpft und sprachlos nieder. Sie betrachteten sich lange Zeit mit unaussprechlicher Trauer; aber die Zähren, die sie vergossen, linderten nach und nach ihr Weh, und unbemerkt kehrte die Hoffnung in ihre erleichterten Herzen zurück. Maria, die älter und auch stärker gegen das Leid war als Machteld, raffte sich zuerst aus der düsteren Stimmung auf und sprach:

»Warum, o Edelfrau, sollten wir uns so sehr durch lügnerische Träume quälen lassen? Nichts bestätigt die schmerzliche Vorahnung, die uns peinigt; ich bin sicher, daß unserem Herrn Robrecht, Eurem Vater, nichts Schlimmes geschehen ist, und daß mein Bruder schon auf dem Wege ist, um in das Vaterland zurückzukehren.«

»Und Ihr habt geweint, Maria? Weint man, wenn die Heimkehr eines Bruders uns winkt?«

»Ihr quält Euch selber, edles Fräulein. Der Schmerz muß tiefe Wurzeln in Eurem Herzen getrieben haben, daß Ihr die trüben Bilder, die Euch ängstigen, so eifervoll verfolgt! Glaubt mir, Euer Vater lebt, und vielleicht steht seine Befreiung bevor. Bedenket, welche Freude Euch erfüllen wird, wenn seine Stimme, dieselbe Stimme, die so schauerlich in Euren Träumen ruft, Euch sagen wird: meine Ketten sind zerbrochen; wenn Ihr seinen zärtlichen Kuß auf Eurer Stirne fühlen werdet und seine feurige Umarmung die Rosen auf Eure entfärbten Wangen zurückrufen wird. Das liebliche Schloß Wijnendaal wird Euch wieder aufnehmen; Herr van Bethune wird den Thron seiner Väter besteigen, und dann werdet Ihr sein Alter durch Eure Liebe verschönen – werdet Ihr nicht mehr anders an Eure jetzigen Leiden denken, als um Euch dessen, was Ihr um der Liebe Eures erlauchten Vaters willen gelitten habt, zu freuen. Sagt mir nun, o Machteld, mein edles Fräulein, werdet Ihr keinen einzigen Hoffnungsstrahl mehr in Eure Seele dringen lassen? Werden diese seligen Aussichten Euch nicht trösten?«

Unter diesen Worten war eine merkliche Veränderung in Machteld vorgegangen. Ihre Augen waren von einer sanften Freude belebt, und ein süßes Lächeln schwebte auf ihren Lippen.

»O Maria,« seufzte sie, indem sie ihren rechten Arm um den Hals der tröstenden Freundin legte, »wüßtet Ihr, welche Erquickung ich fühle, welch unverhofftes Glück Ihr gleich einem lindernden Balsam über mich ausgegossen habt! So tröste Euch der Engel des Herrn in Eurer letzten Stunde. Welch süße Worte hat die Freundschaft Euch eingegeben, meine Schwester!«

»Eure Schwester!« wiederholte Maria. »Dieser Name gebührt Eurer Dienerin nicht, erlauchtes Fräulein; ich bin hinreichend belohnt, nun ich diese tödliche Traurigkeit aus Eurem Herzen verscheucht sehe.«

»Nehmt es an, liebe Maria. Ich liebe Euch so zärtlich – und ist Euer edler Bruder Adolf nicht mit mir erzogen? Ist er mir nicht als Bruder von meinem Vater geschenkt worden? Ja, wir sind von derselben Familie ... O, ich bete ganze Nächte, daß die heiligen Engel Adolf auf seiner gefahrvollen Reise begleiten mögen! Er kann mich noch trösten – noch aufheitern ... Aber was höre ich! Sollte mein Gebet erhört sein? Ja, ja, da ist er, unser lieber Bruder!«

Sie streckte den Arm aus und zeigte bewegungslos nach der Straße hinaus. Sie stand wie ein Steinbild und schien in dieser Haltung einem fernen Geräusch zu lauschen. Maria erschrak; sie dachte, daß die Jungfrau im Geiste irr geworden sei. In dem Augenblick, da sie sprechen wollte, hörte sie die klappernden Hufschläge eines Pferdes vor dem Tore erschallen; dann verstand sie den Sinn von Machtelds Worten. Die gleiche Hoffnung drang in ihr Herz, und auch sie fühlte sich von seligen Gefühlen ergriffen.

Während sie so einige Augenblicke wortlos standen, war das Geräusch, das sie gehört hatten, plötzlich verstummt, und schon begann die frohe Hoffnung sie beide wieder zu verlassen, als die Türe heftig aufgestoßen wurde.

»Da ist er! Da ist er!« rief Machteld. »Hab' Dank, o Gott, meine Augen sehen ihn!«

Sie eilte dem Ritter entgegen, der ebenfalls eilends auf sie zutrat – doch eine plötzliche Bewegung ließ ihn bebend zurückschrecken.

Anstatt der jugendfrischen Jungfrau, die er anzutreffen glaubte, sah er nun ein lebendes Gerippe vor sich stehen – mit hohlen Wangen und tief eingesunkenen Augen. Während er sich selber fragte, ob dieser Schatten Machteld sei, ging ein kalter Schauer über seine Glieder. Das Blut seiner Wangen kehrte in das erschütterte Herz zurück, sein Antlitz ward bleicher als das weiße Kleid seiner Freundin. Seine Arme sanken nieder, und die Augen fest auf die abgezehrten Wangen Machtelds gerichtet, stand er so regungslos, als hätte der Blitz ihn gelähmt. Nur einen Augenblick verharrte er in dieser auffallenden Haltung; plötzlich senkte er die Augen, und eine Flut der bittersten Tränen rollte in glitzernden Perlen über seine Wangen. Er sprach indessen kein einziges Wort; keine Klage, kein Seufzer kam über seine Lippen. Sein Herz war gar zu sehr von Weh zerrissen, als daß er es hätte durch Worte erleichtern können; aber seine Schwester Maria, die aus Ehrfurcht vor Machteld sich bis daher zurückgehalten hatte, warf sich an seine Brust und weckte ihn durch ihre Küsse, die sie unter zärtlichen Worten auf die Wangen ihres geliebten Bruders drückte.

Das junge Edelfräulein starrte mit tiefer Rührung auf diese Äußerung schwesterlicher Zärtlichkeit; sie bebte und fühlte sich von tiefster Niedergeschlagenheit erfüllt. Die Blässe, die auf Adolfs Gesicht erschienen war, und der Schrecken, der ihn so sichtlich ergriffen hatte, hatten ihr gesagt: du bist häßlich, deine ausgezehrten Wangen erschrecken, deine dumpfen Augen flößen Furcht und Abscheu ein; selbst der Mann, den du deinen Bruder nennst, hat vor deinem unheimlichen Blick gezittert!

Während so düstere Verzweiflung sie heftig erschütterte, fühlte sie, daß ihre Beine wankten und sie nicht mehr tragen wollten. Mit Mühe ging sie zu einem Lehnstuhl und sank schlaff und erschöpft darin nieder; sie verbarg den Kopf in beiden Händen, als wollte sie sich dem Anblick einer qualvollen Erscheinung entziehen, und blieb so sitzen. Nach einem Weilchen hörte man nichts mehr im Zimmer; die größte Stille umgab sie, und sie bildete sich ein, daß man sie grausam verlassen habe.

Aber bald fühlte sie eine Hand, die die ihrige drückte; sie hörte eine schmeichelnde Stimme ihr schluchzend zurufen:

»Machteld! Machteld! O, meine unglückliche Schwester!«

Da öffnete sie die Augen und sah Adolf weinend vor ihr stehen. Die Tränen überströmten seine Wangen, und in seinen Blicken glänzte herzliche Zuneigung und innige Teilnahme für sie.

»Ich bin häßlich, nicht wahr, Adolf?« seufzte sie. »Ihr seid bange vor mir – Ihr werdet mich nicht mehr wie ehedem lieben!«

Der Ritter erblaßte bei diesen Worten; er betrachtete das Mädchen mit einem seltsamen Blick. Doch er faßte sich schnell wieder und antwortete:

»Machteld, habt Ihr an meiner Zuneigung zweifeln können? O, Ihr tut nicht wohl daran! In Wahrheit, Ihr seid sehr verändert. Welche Krankheit, welche Trauer hat Euch derart erschöpft, meine Schwester, daß die Farbe auf Eurem Gesicht vergangen ist? Ich habe geweint und bin sehr erschrocken. Ja, aber es geschah aus Mitleid, aus Erbarmen für Euer Los, edles Fräulein. Immer, immer will ich Euer Freund und Bruder sein, Machteld. Ich werde Euch trösten durch eine süße Kunde, Euch heilen durch freudige Nachrichten!«

Die Jungfrau fühlte allmählich eine Empfindung der Freude über sich kommen; die Stimme Adolfs hatte eine wunderbare Macht auf ihr Gemüt. Sie antwortete froh und begeistert:

»Gute Nachrichten, sagt Ihr, Adolf? Gute Nachrichten von meinem Vater? O, sprecht, sprecht, mein Freund!«

Unterdessen zog sie zwei Lehnstühle zu ihrem Sitze heran und bot sie Maria und ihrem Bruder.

Adolf überließ die eine Hand Machteld und die andere seiner teuren Schwester. – So saß er zwischen den erfreuten Mädchen wie ein Geist des Trostes, dessen Worte man wie ein heiliges Lied erwartet.

»Freuet Euch, Machteld, und danket Gott für seine Güte. Euer Vater ist zwar traurig, aber bei guter Gesundheit nach Bourges zurückgekehrt; niemand als der alte Kastellan und Diederik die Vos kennen seine zeitweilige Freilassung. Er genießt noch Freiheit in seinem Gefängnis; die Feinde, die ihn behüten sollten, sind seine besten Freunde geworden.«

»Aber wenn die böse Johanna die Schmach, die Frankreich geschehen ist, an ihm rächen wollte, wer könnte ihn dann vor ihren Henkern schützen? Ihr seid nicht mehr bei ihm, mein edler Freund.«

»Seht, Machteld, die Wachen, denen das Schloß zu Bourges anvertraut ist, sind lauter alte Krieger, die durch schwere Verwundungen zu weiten Zügen unfähig geworden sind. Die meisten von ihnen haben die Waffentaten des Löwen zu Benevent gesehen. Ihr könnt nicht verstehen, welche Liebe, welche Bewunderung ein echter Kriegsmann empfindet für den, dessen Name die Feinde Frankreichs so oft erzittern machte. Wenn Herr van Bethune ohne Erlaubnis des Kastellans entfliehen wollte, würden sie ihn zweifellos zurückhalten. Aber ich versichere Euch – denn ich kenne den Edelmut dieser Krieger, die unter dem Harnisch grau geworden sind – daß sie das Blut, das ihnen noch blieb, für ihn vergießen würden, wenn man ein Haar auf seinem Haupte, daß sie ehren, krümmen wollte. Fürchtet nichts; das Leben Eures Vaters ist sicher, und wenn Euer neues Unglück ihn nicht so sehr ergriffen hätte, so hätte er seine Einkerkerung geduldig ertragen.«

»Ihr bringt mir solch gute Kunde, mein Freund; Eure Worte erquicken mich! Ich fühle mich bei Eurem Lächeln wieder aufleben; sprecht weiter, damit ich den Klang Eurer Stimme höre!«

»Noch süßere Hoffnung hat der Löwe mir für Euch gegeben, Machteld. Vielleicht steht die Befreiung Eures Vaters bevor – vielleicht werdet Ihr bald mit ihm und Euren anderen Angehörigen in dem schönen Wijnendaal sein.«

»Was sagt Ihr, Freund? Eure Zuneigung gibt Euch diese Worte ein. Schmeichelt mir doch nicht mit der Hoffnung auf ein unmögliches Glück.«

»Seid Ihr auch nicht so ungläubig, Machteld. Höret, auf was sich diese frohe Hoffnung gründet. Ihr wißt, daß Charles de Valois, der edelste Franzose, der bravste Ritter, sich nach Italien begeben hat. Er hat am Hofe zu Rom nicht vergessen, daß er die unschuldige Ursache der Gefangennahme Eurer Verwandten gewesen ist. Es schmerzt ihn sehr, denken zu müssen, daß er selbst als Verräter seinen Freund und Waffengefährten, den Löwen von Flandern, in die Hände seiner Feinde geliefert hat; auch gibt er sich alle Mühe, um seine Befreiung zu erwirken. Schon haben die Sendlinge des Papstes Bonifazius sich bei dem König Philipp dem Schönen vorgestellt und von ihm dringend die Freilassung Eures Vaters und aller Eurer Verwandten verlangt. Der heilige Vater spart keine Mühe, um Flandern seinem rechtmäßigen Fürsten zurückzugeben. Der französische Hof hat sich zum Frieden geneigt gezeigt. Lasset uns diese tröstliche Hoffnung hegen, Freundin.«

»Gewiß, Adolf, hegen wir diesen tröstlichen Gedanken; aber schmeicheln wir uns nicht mit einer trügerischen Aussicht? Wird der Fürst der Franzosen nicht seine umgekommenen Söldner rächen? Wird nicht de Chatillon, unser bitterster Feind, seine Base Johanna aufhetzen? Bedenkt doch, Adolf, welche Folterqualen diese blutdürstige Frau ersinnen kann, um uns für die Tapferkeit der Flamen zu strafen.«

»Quält Euch nicht selbst, meine Liebe, Eure Furcht ist nicht begründet. Vielleicht wird auch die schreckliche Vertilgung seiner Söldner Philipp den Schönen zu der Einsicht bringen, daß die Flamen sich niemals durch die Franzosen unterjochen lassen; sonst verliert er das schönste Lehen seiner Krone. Ihr seht, edles Fräulein, daß alles uns günstig ist.«

»Ja, ja, Adolf, in Eurer Gegenwart verläßt mich meine Traurigkeit völlig. Ihr sprecht so schön; Ihr könnt so süße Töne in meinem Herzen erklingen lassen.«

Lange noch sprachen sie in Ruhe über ihre Furcht und ihre Hoffnung. Als Adolf Machteld alle möglichen Erklärungen gegeben und ihr Herz mit Trost erfüllt hatte, sprach er auch mit brüderlicher Zärtlichkeit zu seiner Schwester. Es entstand zwischen ihnen eine angenehme Unterhaltung, die sie wunderbar heiter und froh machte. Machteld vergaß alle erduldeten Leiden; ihre Brust atmete freier und kräftiger, und die Äderchen, die gleich einem Gewebe auf ihren Wangen lagen, füllten sich mit warmem Blute.

Plötzlich hörte man aus den Straßen einen brausenden Lärm aufsteigen. Tausendfache Stimmen hallten über die Dächer der Häuser hinweg, die Freudenrufe der Menge vermischten sich zu einem wirren Durcheinander; aber zuweilen konnte man einzelne Rufe verstehen.

»Flandern dem Löwen! Heil, Heil unserem Grafen!« rief das begeisterte Volk mit frohem Händeklatschen. Adolf hatte sich mit den beiden Frauen dem Fenster genähert. Sie sahen die zahllosen Köpfe der wogenden Scharen einer Wolke gleich sich in der Richtung gegen den Marktplatz bewegen; auch Frauen und Kinder befanden sich in dem Strom, der sich an den gespannt zuschauenden Edelfrauen vorüberwälzte. In einer anderen Straße hörten sie die klappernden Hufschläge einer Menge Pferde. Alles deutete darauf hin, daß eben ein Reiterheer in Brügge angekommen sei. Während sie sich gegenseitig nach der wahrscheinlichen Ursache dieser Volksbewegung frugen, trat ein Diener ein mit der Meldung, daß ein Bote um die Erlaubnis gebeten habe, vor ihnen erscheinen zu dürfen. Sobald die Zustimmung erteilt war, trat der Bote ins Zimmer.

Es war ein junger Hofknappe, auf dessen Mienen Unschuld und Treue zu lesen waren; seine Kleidung war auf der einen Seite von schwarzer, auf der anderen von weißer Seide mit allerlei eleganten Verzierungen. In kurzer Entfernung von den Frauen angelangt, entblößte er ehrfurchtsvoll sein Haupt und senkte es tief, ohne zu sprechen.

»Welch gute Kunde bringst du uns, lieber Knappe?« fragte Machteld freundlich.

Nun hob der Knappe den Kopf in die Höhe und sagte mit süßer Kinderstimme:

»Der erlauchten Tochter des Löwen, unseres Grafen! – Ich bringe eine Botschaft von meinem Herrn und Gebieter Gwijde, der eben mit fünfhundert Reitern in Brügge angekommen ist. Er läßt seine schöne Base Machteld van Bethune grüßen und wird ihr in wenigen Augenblicken persönlich seine tiefe Huld erweisen. Diese meine Botschaft sei Euch kundgetan, edles Fräulein.«

Damit schritt er gebeugten Hauptes rückwärts zur Türe und entfernte sich wieder.

Der junge Gwijde von Flandern war gemäß dem Versprechen, das er im Walde bei den Ruinen von Nieuwenhove de Coninck gegeben, mit der in Aussicht gestellten Hilfe von Namen gekommen. Unterwegs hatte er das Schloß Wijnendaal eingenommen und die dortige französische Besatzung niedergehauen. Ebenso hatte er das Schloß Sijsseele bis auf den Grund zerstört, weil der Schloßherr ein geschworener Leliaart war und den Franzosen innerhalb seiner Mauern eine Zuflucht gewährt hatte. Das siegreiche Erscheinen Gwijdes erfüllte die Brügger mit Freude; in allen Straßen jauchzte die Menge:

»Heil unserem Grafen! Flandern dem Löwen!«

Als der junge Feldherr mit seinen Reitern auf dem Freitagsmarkt angelangt war, brachten die Ältesten ihm die Schlüssel, und so ward ihm als zeitweiligem Grafen von Flandern gehuldigt bis zur Befreiung Robrechts van Bethune, seines Bruders. Die Brügger hielten ihre Freiheit nun für vollständig; hatten sie doch jetzt einen Fürsten, der sie zum Kriege führen konnte. Die Reiter wurden bei den vornehmsten Bürgern untergebracht. Es trat eine große Verwirrung ein; man wetteiferte, wer zuerst den Zaum eines Pferdes ergreifen könne; denn jeder wollte einen der Gefährten des Grafen haben. Man kann sich vorstellen, wie freigebig diese hilfreichen Reiter bewirtet wurden.

Als Gwijde die von de Coninck eingerichtete Regierung bestätigt hatte, ging er ohne Verzug zum Hause van Nieuwlands, umarmte seine kranke Nichte und erzählte ihr in heiteren Worten, wie er die Franzosen vertrieben hatte. Eine köstliche Mahlzeit, die Maria zur glücklichen Heimkehr ihres Bruders hatte bereiten lassen, harrte ihrer. Sie tranken den Wein der Freude auf die Befreiung der gefangenen Flamen und weihten auch eine Träne dem Gedächtnis der vergifteten Philippa.

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