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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 18
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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16.

Hinter dem Dorfe St. Kreuz, einige Bogenschüsse von Brügge entfernt, lag ein kleiner Wald, der Elsternwald genannt, unter dessen schattigen Bäumen die Einwohner der volkreichen Stadt sich gewöhnlich des Sonntags ergingen. Die Bäume standen ziemlich weit voneinander entfernt, und weicher Rasen bedeckte den Boden wie mit einem bunten Teppich. Um zwei Uhr nachts war Breydel schon an diesem Platze. Undurchdringlich war die Finsternis; der Mond hatte sich hinter schweren Wolken versteckt; leise säuselte der Wind und strich wie ein Seufzer durch das Laubwerk, und das eintönige Rascheln der Blätter erhöhte das Unheimliche dieser unheimlichen Nacht noch mehr.

Im Elsternwalde konnte man beim ersten Blick nichts bemerken; aber bei größerer Aufmerksamkeit konnte man zahlreiche düstere Menschenschatten auf dem Boden ausgestreckt sehen. Neben jedem dieser Körper funkelte ein blitzender Stern, so daß es schien, als wäre der Rasen in ein Himmelsgewölbe umgeschaffen; Tausende von leuchtenden Punkten waren gleichsam mit vollen Händen darüber ausgestreut: diese Sterne waren nichts anderes als die Beile, in deren glattem Stahl das matte Licht des Mondes sich spiegelte. Mehr als zweitausend Fleischhauer lagen reihenweise in gleichmäßiger Haltung auf dem Erdboden; ihre Herzen schlugen heftig und ihr Blut lief schnell; denn die langersehnte Stunde – die Stunde der Befreiung und Vergeltung stand bevor. Die größte Stille herrschte unter diesen Mannen, und etwas Geheimnisvolles und Unheilverkündendes hing gleich einem Zauberschleier über dem schweigenden Heere.

Breydel lag tiefer im Walde; einer seiner Gefährten, dem er wegen seiner Unverzagtheit besonders zugetan war, hatte sich neben ihm auf dem Boden ausgestreckt; mit gedämpfter Stimme hielten sie folgende Zwiesprache:

»Die Franzosen ahnen nichts von diesem seltsamen Erwachen,« flüsterte Breydel, »sie schlafen gut; denn sie haben ein hartes Gewissen, die Bösewichter. Ich bin neugierig, welche Gesichter sie schneiden werden, wenn sie zu gleicher Zeit meine Waffe und den Tod sehen werden.«

»O, mein Beil schneidet wie ein Schermesser; ich habe es geschliffen, bis es mir ein Haar von meinem Arm wegnahm – und ich hoffe, daß es diese Nacht stumpf werden wird – oder ich werde es nicht mehr schleifen!«

»Es ist weit gekommen, Mertyn. Die Franzosen behandeln uns wie eine Herde dummer Ochsen, und sie glauben, daß wir uns ihrer Tyrannei fügen werden; aber Gott weiß es, sie kennen uns nicht und sie täuschen sich, wenn sie uns nach den verfluchten Leliaarts beurteilen.«

»Ja, diese Bastarde rufen: Heil Frankreich! Sie schmeicheln dem Fremden, aber sie haben auch etwas zu erwarten; denn als ich mein Beil mit so vieler Mühe schliff, habe ich sie nicht vergessen.«

»Nein, Mertyn, Ihr dürft das Blut Eurer Landsleute nicht vergießen. De Coninck hat es verboten.«

»Und Jan van Gistel, der feige Verräter, soll er am Leben bleiben?«

»Jan van Gistel wird sterben; er muß Rechenschaft über den Tod von de Conincks altem Freunde geben. Aber dies sei der einzige.«

»Sollen denn die anderen Bastarde ungestraft bleiben? Seht, Meister, dieser Gedanke quält mich; ich kann es nicht übers Herz bringen.«

»Ihre Strafe wird groß genug sein. Die Scham, die Verachtung sei ihr Teil; wir werden sie höhnen und schmähen. Und sagt mir, Mertyn, zittert Ihr nicht bei dem Gedanken, daß jedermann Euch ins Gesicht speien und sagen dürfte: Du bist ein Bastard, ein Feigling, ein Landsverräter? – Dies wird ihnen geschehen.«

»O ja, Meister, Eure Worte jagen mir einen kalten Schauer über den Leib! Welch schreckliche Strafe, wahrlich, tausendmal schmerzlicher als der Tod. Welche Hölle wäre dies für sie, wenn sie eine flämische Seele hätten!«

Nun schwiegen sie einige Augenblicke, als sie ein Geräusch wie ferne Schritte hörten; doch es verstummte bald wieder. Dann fuhr Breydel fort:

»Diese bösen Welschen haben meine alte Mutter ermordet. Ich habe es gesehen: ein feindlicher Degen ist durch das Herz, das mich so sehr liebte, gegangen. Sie haben kein Erbarmen für sie gehabt, weil sie einen unbeugsamen Flaming geboren hat; aber nun werde ich kein Erbarmen mit ihnen haben, und ich werde gleichzeitig mich selbst und mein Vaterland rächen.«

»Geben wir Leibesgnade, Meister? Fangen wir jemanden?«

»Unheil soll mich treffen, wenn ich jemanden fange oder jemandem das Leben schenke! Geben sie Leibesgnade? Nein, sie schöpfen Mut aus dem Morden, sie zertreten die Leichen unserer Brüder unter den Hufen ihrer Rosse. – Und glaubt Ihr, Mertyn, daß ich jetzt – nun der blutige Schatten meiner lieben Mutter mir stets vor Augen schwebt, einen Franzosen sehen könnte, ohne daß mich tolle Raserei überkäme? Ha! Ich könnte sie mit den Zähnen zerfleischen, wenn mein Beil bei dem Blutbad zerbrechen sollte. Aber dies kann nicht sein; meine Waffe ist mir seit langem ein treuer Begleiter.«

»Hört, Meister, das Geräusch auf der Straße von Damme nimmt zu. Wartet ein wenig!«

Er legte das Ohr auf den Erdboden, erhob sich wieder und sprach:

»Meister, die Weber sind nicht mehr weit von hier: noch vier Bogenschüsse.«

»So kommt denn, wir stehen auf. Geht still an den Scharen vorbei und tragt Sorge, daß man sich nicht rühre. Ich gehe de Coninck entgegen, damit er wisse, wo er seine Mannen einordnen kann.«

Einige Augenblicke später drangen viertausend Weber von verschiedene Seiten in den Wald; sie legten sich dem empfangenen Befehle zufolge auf die Erde und verhielten sich stille. Die Ruhe wurde durch ihr Erscheinen nur wenig gestört, und bald hörte man gar nichts mehr. Man konnte nur einige Mannen von der einen Schar zur anderen gehen sehen. Diese überbrachten den Führern den Befehl, sich an das östliche Ende des Waldes zu begeben.

Als sie dort in großer Zahl versammelt waren, scharten sie sich rings um de Coninck, um seine Anweisungen zu empfangen. Der Dekan der Weber redete sie folgendermaßen an:

»Brüder, heute soll die Sonne unsere Freiheit oder unseren Tod bescheinen. Sammelt deshalb allen Mut, der euch durch die Liebe zum Vaterland eingeflößt werden kann; bedenkt, daß ihr für die Stadt, wo die Gebeine eurer Väter ruhen, für die Stadt, wo eure Wiege gestanden hat, fechten sollt. Gebt keine Gnade; mordet alle Franzosen, die euch in die Hände fallen, und laßt keine Wurzel von diesem fremden Unkraut unausgerottet. Wir oder sie müssen sterben! Gibt es einen unter uns, der noch einiges Mitleid hat für diejenigen, die unsere Brüder so unbarmherzig gehängt und zertreten haben; für diese Verräter, die unseren Grafen gefangen und sein Kind vergiftet haben?«

Ein Murren, so düster und so rachedurstig, daß schon der Ton allein geeignet war, das Herz mit Schrecken zu erfüllen, strich einen Augenblick unter dem Laubwerk der Bäume hinweg.

»Sie sollen sterben!« war der Anführer Antwort.

»Nun,« fuhr de Coninck fort, »heute noch werden wir frei sein; aber es wird noch größeren Mutes bedürfen, um unsere Freiheit zu behaupten; denn der französische König wird ohne Zweifel mit einem neuen Heere nach Flandern kommen.«

»Um so besser,« fiel Breydel ein, »dann werden um so mehr Kinder sein, die ihre Väter beweinen, wie ich meine arme Mutter beweine. Gott erbarme sich ihrer Seele!«

Die Worte des Dekans der Fleischhauer hatten die Rede de Conincks unterbrochen. Dieser, der fürchtete, daß die Zeit zur Erteilung der nötigen Anordnungen nutzlos verstreichen möchte, fuhr fort:

»Sehet hier, was ihr zu tun habt; sobald die Glocke von St. Kreuz die dritte Morgenstunde schlägt, werdet ihr eure Mannen aufstehen heißen, sie in Glieder ordnen und vor an die Straße führen. Ich werde mit einigen Genossen bis zur Stadtmauer gehen; einige Augenblicke später, wenn das Tor von den Klauwaarts, die ich in der Stadt zurückgelassen habe, geöffnet sein wird, werdet ihr alle stumm hineinziehen und folgende Richtung nehmen: Meister Breydel mit den Fleischhauern wird das Speitor einnehmen, dieses besetzen lassen und dann mit seinen Mannen auf allen Straßen bis Snaggaartsbrügge gehen. Meister Lindens, Ihr nehmt das Cathelijnentor und sendet eure Mannen auf allen Straßen bis zur Frauenkirche. Das Gerber- und das Schuhmacherhandwerk wird das Genter Tor bis zum Stein und zur Burg besetzen; die anderen Gewerke unter dem Dekan der Maurer werden das Dammer Tor einnehmen und sich um die St. Donaaskirche ausbreiten; ich mit meinen zweitausend Mann werde mich zur Boveriepforte begeben; das ganze Viertel von da bis zur Eselspforte und zum Großen Markt wird von meinen Gesellen umringt werden. Wenn ihr nun in dieser Weise die Wachen der Tore überrumpelt haben werdet, bleibt dann so still als möglich in den Straßen stehen; denn wir dürfen die Welschen nicht wecken, bevor alles bereit ist. Höret wohl: Sobald ihr den Vaterlandsruf: »Flandern dem Löwen!« hören werdet, so wiederholt ihn alle zugleich. Dies wird das Zeichen sein und wird euch in der Dunkelheit gegenseitig erkennen lassen. Dann werdet ihr die Türen der Häuser, wo die Franzosen untergebracht sind, öffnen und alles ermorden.«

»Ja, aber, Meister,« bemerkte einer der Anführer, »wir werden die Franzosen nicht von unseren Stadtgenossen unterscheiden können, da wir sie meistens zu Bett und unangekleidet finden werden.«

»Es gibt ein bequemes Mittel, jeden Mißgriff in dieser Richtung zu vermeiden; höret, was ihr zu tun habt. Wenn ihr nicht beim ersten Blick sehen könnt, ob es ein Franzose oder ein Flame ist, den ihr antrefft, so befehlt ihm, daß er sage: »Schild und Freund!« Wer diese Worte nicht aussprechen kann, hat eine französische Zunge, man schlage ihn tot.«

Die Glocke von St. Kreuz sandte drei hallende Schläge über den Wald hinweg.

»Noch einmal!« sprach de Coninck hastig. »Wisset, daß ich das Haus des Herrn de Mortenay unter meinen Schutz genommen habe; es werde von euch nicht angetastet; niemand setze seinen Fuß über die Schwelle des Hauses dieses edlen Feindes. Geht nun schnell zu euren Mannen, teilt ihnen meine Befehle mit und tut, wie ich euch gesagt habe. Sputet euch! Nicht viel Geräusch, ich bitte euch!«

Die Anführer begaben sich zu ihren Scharen und führten sie eine nach der anderen an den Straßenrand. De Coninck sandte eine große Anzahl Weber bis nahe an die Stadt hinan; dann ging er allein noch näher bis zu den Wällen und durchforschte mit seinen Augen die Finsternis. Eine Lunte, deren glimmendes Ende er in seiner Hand verborgen hielt, schimmerte mit einer roten Glut zwischen seinen Fingern hervor. Er bemerkte einen Kopf, der ein wenig über die Stadtmauer hinausragte; es war der Weber, den er am Abend vorher besucht hatte. Darauf nahm der Dekan einen Büschel Flachs unter seinem Koller hervor, legte ihn auf die Erde und blies heftig auf die Lunte. Bald stieg eine leuchtende Flamme aus dem Felde auf, und der Kopf des Webers verschwand hinter der Stadtmauer. Das Zeichen war kaum gegeben, als die Schildwache, die auf dem Wall stand, mit einem Schmerzensschrei niederstürzte und über die Mauer geworfen ward. Dann hörte man hinter dem Tore noch kurz gedämpftes Waffenklirren und das Ächzen sterbender Menschen: aber auf dieses Geräusch folgte alsbald Totenstille.

Mit der größten Vorsicht zogen alle Gewerke in Brügge ein; jeder Anführer begab sich mit seinen Mannen nach dem Viertel, das ihm de Coninck angewiesen hatte. Eine Viertelstunde später waren die Wächter aller Tore ermordet, und jedes Handwerk befand sich auf seinem Platze. Vor jeder Türe der Herbergen, wo die Franzosen untergebracht waren, standen acht Klauwaarts bereit, sich mit Hämmern und Äxten einen Eingang zu öffnen. Keine einzige Straße war ohne Besatzung; die Stadt war in allen ihren Teilen mit Klauwaarts angefüllt, die jetzt nur auf das Zeichen zum Beginn warteten.

De Coninck stand mitten auf dem Freitagmarkt. Nach kurzer Überlegung sprach er das Urteil über die Franzosen aus, indem er rief:

»Flandern dem Löwen! Was walsch ist, das falsch ist! Schlagt alle tot!«

Dieser Ruf, das Urteil der Franzosen, ging über fünftausend Lippen. Es läßt sich leicht vorstellen, welch schreckliches Geheul, welch schauerliches Mordgeschrei daraus entstand. Im gleichen Augenblicke wurden alle Türen eingestoßen oder zerschmettert. Die Klauwaarts eilten rachedürstend in die Schlafkammern der Franzosen und mordeten alles, was die Losung »Schild und Freund« nicht aussprechen konnte. Da in manchen Häusern mehr Franzosen waren, als man in so kurzer Zeit totschlagen konnte, hatten viele Zeit gehabt, sich anzukleiden und die Waffen zu ergreifen, besonders in dem Viertel, wo de Chatillon mit seinen zahlreichen Wachen untergebracht war. Trotz der Wut Breydels und seiner Mannen hatten sich in dieser Weise gegen sechshundert Franzosen zusammengefunden. Viele, die, obwohl verwundet, dem Schlachten entronnen waren, begaben sich aus den anderen Straßen nach Snaggaartsbrügge und vermehrten die Zahl der Flüchtlinge derart, daß sie, nunmehr bei tausend Mann stark, beschlossen, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen.

Sie standen in einer dichten Schar an den Häusern und verteidigten sich verzweifelt gegen die Fleischhauer. Viele von ihnen hatten Armbrüste und schossen manchen Klauwaart nieder; aber dies erhöhte die Raserei derer, die ihre Kameraden fallen sahen. Man hörte die Stimme de Chatillons, der die Seinen zum Widerstand anfeuerte; man bemerkte ebenfalls de Mortenay, dessen Riesenschwert in der Dunkelheit wie ein Blitzstrahl funkelte.

Breydel tobte wie ein Wahnsinniger und hieb rechts und links auf die Franzosen ein; er stand schon einige Fuß hoch über dem Erdboden, eine so große Anzahl Feinde hatte er niedergeworfen. Das Blut floß in Strömen und der Schrei: »Flandern dem Löwen! Schlagt alles tot!« vermischte sich mit dem schauerlichen Todesgeschrei der Sterbenden. Herr van Gistel befand sich ebenfalls unter den Franzosen. Da er wußte, daß sein Tod unfehlbar sei, wenn die Flamen den Sieg gewannen, rief er ohne Unterlaß: »Heil Frankreich! Heil Frankreich!«, in der Absicht, dadurch die Söldner zu ermutigen. Aber Jan Breydel erkannte seine Stimme.

»Männer!« rief er toll vor Wut, »die Seele des Bastards muß ich haben! Vorwärts, es hat lange genug gedauert – wer mir zugetan ist, der folge mir!«

Mit diesen Worten stürzte er sich mit seinem Beil mitten unter die Franzosen und hieb alle Umstehenden in einem Augenblick nieder. Als seine Gefährten dies sahen, fielen sie mit solcher Gewalt über den Feind her, daß dieser, gegen die Mauer gedrängt, bei fünfhundert Männer verlor. – In diesem gefahrvollen Augenblick, in dieser schrecklichen Sterbestunde, erinnerte sich de Mortenay der Worte und des Versprechens de Conincks; er war froh, daß er den Landvogt noch retten könne, und rief:

»Ich bin de Mortenay: man lasse mich durch!«

Die Klauwaarts ließen ihn respektvoll durch und belästigten ihn in keiner Weise.

»Hierher, hierher, folgt mir, Gefährten!« rief er den übriggebliebenen Franzosen zu, in der Absicht, sie auf solche Art zu retten; aber die Flamen hieben schrecklich auf sie ein. Die Zahl der Flüchtenden wurde so gering, daß nicht mehr als dreißig Personen in das Haus de Mortenays gelangen konnten; die übrigen lagen alle auf dem Erdboden tot oder im Sterben. Breydel hielt seine Mannen vor der Türe des Stadtvogts an und verbot ihnen, das Haus zu betreten; er umringte das Viertel, damit niemand entrinnen könne, und hielt persönlich die Wache vor dem Eingang zur Wohnung de Mortenays.

Während dieser Kampf sich abspielte, war de Coninck in der Steinstraße bei St. Salvator noch damit beschäftigt, die letzten Franzosen aufzuspüren. Das Gleiche taten die anderen Gewerke in den Vierteln, die ihnen zugewiesen waren. Man warf so viel tote Körper aus den Häusern, daß die Straßen ganz damit bedeckt waren und man in der Dunkelheit nur mühsam weiterkommen konnte. Viele Söldner der Besatzung hatten sich verkleidet und versuchten so durch irgendein Tor zu entschlüpfen, aber dies gelang ihnen nicht, da man ihnen gebot, die Worte »Schild und Freund« auszusprechen. Sobald man nur den Klang ihrer Stimme hörte, sauste das Beil auf sie herab, und sie sanken sterbend zu Boden. Aus allen Stadtvierteln erhob sich donnernd der Ruf: »Flandern dem Löwen! Was walsch ist, das falsch ist! Schlagt alle tot!« Da und dort eilte noch ein Franzose vor einem Klauwaart her, der ihn verfolgte; aber dann lief er bald einem anderen in den Weg und starb einige Schritte weiter.

Das Gemetzel dauerte, bis schon die Sonne über dem Horizont stand und die Leichen von fünftausend Feinden beschien. – Fünftausend Fremde wurden in dieser Nacht den Manen der gemordeten Flamen geopfert. Das ist ein blutiges Blatt in den Chroniken Flanderns; diese furchtbare Zahl ist genau aufgezeichnet worden.

Vor dem Hause des Herrn de Mortenay war etwas Seltsames, etwas Schauerliches zu sehen. Tausend Fleischhauer lagerten auf der Erde, mit ihren Beilen in der Hand, die Augen drohend und vor Rachsucht glühend auf die Türe gerichtet. Ihre bloßen Arme und ihre Koller waren mit Blut gefärbt, und zwischen ihnen lagen viele Leichen ausgestreckt; doch sie schienen auf diese gar nicht zu achten. Einige Gesellen von anderen Gewerken stiegen da und dort über die lagernden Fleischhauer hinweg und suchten die Körper der gefallenen Flamen, um sie zur Erde zu bestatten.

Obwohl sie von innerer Wut erfüllt schienen, kam kein einziges Scheltwort aus dem Munde der Fleischhauer. Das Haus de Mortenays war dem gegebenen Wort zufolge für sie geheiligt. Sie wollten das Versprechen, das de Coninck gegeben, nicht brechen; auch hegten sie zu große Achtung vor dem Stadtvogt und begnügten sich daher damit, das Viertel zu besetzen und zu bewachen.

Herr de Chatillon und Jan van Gistel, der Leliaart, waren in das Haus de Mortenays geflüchtet. Die größte Angst hatte sich ihrer bemächtigt; denn der unvermeidliche Tod stand vor ihren Augen. De Chatillon war ein mutiger Ritter, er sah seinem Schicksal kühlen Blutes entgegen; Jan van Gistel dagegen war bleich und zitterte. Er konnte, obwohl er sich Gewalt antat, seine Angst nicht verbergen und erweckte das Mitleid der anwesenden Franzosen, selbst de Chatillons, der sich in der gleichen Gefahr befand. Diese Herren befanden sich in einem Oberzimmer, das auf die Straße hinausging, von Zeit zu Zeit traten sie ans Fenster und blickten mit Entsetzen auf die Fleischhauer hinab, die vor der Türe lagen gleich einem Rudel Wölfe, die auf ihre Beute lauern. Auch Jan van Gistel war einmal ans Fenster gegangen, dabei hatte ihn Jan Breydel bemerkt und ihm mit dem Beil gedroht. Eine ungestüme Bewegung kam unter die Fleischhauer: alle erhoben ihre Waffen gegen den Verräter, den sie töten wollten. – Wie bang wurde dem Leliaart ums Herz, als ihm diese tausend Beile gleich einem Todesurteil entgegenblitzten! Er kehrte sich nach den anderen Rittern um und sprach in traurigem Tone:

»Wir müssen sterben, meine Herren, es gibt keine Gnade mehr für uns! Denn sie lechzen nach unserem Blut wie durstige Hunde. Was werden wir tun?«

»Durch die Hände dieses Pöbels umzukommen, ist nicht ehrenhaft,« antwortete de Chatillon, »ich wollte, ich wäre als Ritter mit dem Degen in der Faust gefallen; aber sei's drum!«

Die Kälte de Chatillons betrübte van Gistel noch mehr.

»Sei's drum!« wiederholte er. »Ach Gott, welch schrecklicher Augenblick! Wie werden sie uns martern! Aber, Herr de Mortenay, ich bitte Euch um Gottes willen, der Ihr soviel über sie vermögt, fragt doch, ob sie uns nicht gegen ein Lösegeld das Leben lassen wollen. Ich will nicht durch ihre Hände sterben und werde alles geben, was sie fordern, wieviel es auch sein möge!«

»Ich werde sie fragen,« erwiderte de Mortenay, »aber laßt Euch nicht sehen, sonst holen sie Euch aus dem Hause.«

Er öffnete das Fenster und rief:

»Meister Breydel, Herr van Gistel läßt Euch fragen, ob Ihr ihm nicht gegen ein hohes Lösegeld Freigeleite geben wollt. Fordert, was Ihr begehrt, bestimmt selbst die Summe. Lehnt es nicht ab, ich bitte Euch.«

»Mannen,« rief Breydel seinen Mannen mit einem bitteren Lächeln zu, »sie bieten uns Geld! Sie meinen, die Rache eines Volkes könnte mit Geld bezahlt werden! Wollen wir es annehmen?«

»Wir müssen den Leliaart haben!« heulten die Fleischhauer. »Sterben muß er, der Verräter, der Bastardflaming!«

Diese Rufe klangen schauerlich in die Ohren van Gistels; ihm war, als versetzten die Beile ihm schon den Todesstreich. De Mortenay ließ das wilde Rachegebrüll sich legen und rief von neuem:

»Ihr habt mir gesagt, daß mein Haus ein Freiplatz sei: warum brecht Ihr nun das gegebene Wort?«

»Wir werden Euer Haus achten,« antwortete Breydel, »aber ich versichere Euch, daß de Chatillon und van Gistel die Stadt nicht lebend verlassen werden; ihr Blut soll das Blut unserer Brüder bezahlen, und wir werden nicht von hinnen gehen, bevor unsere Beile ihnen den Rest gegeben haben.«

»Und darf ich die Stadt frei verlassen?«

»Ihr, Herr de Mortenay, mögt mit Euren Dienern gehen, wohin Ihr wollt: kein Haar auf Eurem Kopfe wird gekrümmt werden. Aber täuscht uns nicht: wir kennen die Männer, die wir suchen, zu gut.«

»Nun denn, ich sage Euch, daß ich binnen einer Stunde nach Kortrijk aufbrechen will.«

»Gott nehme Euch in seine Hut!«

»Ihr habt also gar kein Erbarmen für wehrlose Ritter?«

»Sie haben kein Erbarmen mit unseren Brüdern gehabt; ihr Blut muß fließen! Der Galgen, den sie aufgerichtet haben, steht noch.«

De Mortenay schloß das Fenster und sprach zu den Rittern:

»Meine Herren, ich beklage euch; sie wollen euer Blut vergießen. O, ihr seid in großer Gefahr! Aber ich hoffe, daß ich euch unter dem Beistand des Herrn noch retten kann. Hinten im Hof ist ein Ausgang, durch den es euch gelingen kann, den blutdürstigen Feinden zu entrinnen. Verkleidet euch und steigt zu Pferde; dann werde ich mit meinen Dienern durch die Türe das Haus verlassen, und während ich so die Aufmerksamkeit der Fleischhauer auf mich lenken werde, werdet ihr eilends von hinten hinaus nach den Befestigungen flüchten. Bei der Schmiedepforte ist die Mauer durchbrochen. Es wird euch nicht schwer sein, ins freie Feld zu gelangen; eure Pferde wird man nicht aufhalten können.«

De Chatillon und van Gistel nahmen diesen Ausweg mit Freuden auf. Der Landvogt nahm die Kleider seines Kaplans und van Gistel die eines geringen Dieners; dreißig andere Franzosen, die übriggeblieben waren, holten die Pferde aus den Ställen und machten sich bereit, mit ihrem Feldherrn zu flüchten.

Als sie alle aufgesessen waren, ging Herr de Mortenay mit seinen Dienern auf die Straße, wo die Fleischhauer lagen. Diese, ohne Verdacht, daß man sie an einer anderen Stelle täuschen könne, erhoben sich und betrachteten genau alle, die den Stadtvogt begleiteten. Aber plötzlich wurde der Ruf: »Flandern dem Löwen! Was walsch ist, falsch ist! Schlagt alle tot!« in einer anderen Straße angestimmt, und man hörte die Hufschläge galoppierender Pferde hinter der Straßenecke erschallen. Mit der größten Eile liefen die Fleischhauer in Unordnung und brüllend nach dem Platze, wo das Geräusch sich vernehmen ließ – aber es war zu spät. De Chatillon und van Gistel waren entflohen; von den dreißig Mann, die sie begleiteten, waren ihrer zwanzig erschlagen worden; denn überall, wo sie auf ihrer Flucht vorüberkamen, stießen sie auf Feinde, die sich auf sie stürzten. Doch das Glück wollte, daß die beiden Ritter entkamen. Sie flohen hinter St. Clara vorbei nach der Stadtmauer und kamen bis zur Schmiedepforte; hier sprengten sie mit ihren Pferden in den Graben und schwammen unter großer Gefahr hinüber; der Leibknecht de Chatillons ertrank dabei mit dem Pferde, das er ritt.

Die Fleischhauer waren den flüchtenden Franzosen bis zum Tore gefolgt. Als sie ihre beiden Erzfeinde in der Ferne zwischen den Bäumen verschwinden sahen, ergriff sie schreckliche Wut; sie tobten vor Grimm, schien ihnen doch ihre Rache jetzt unvollständig. Nachdem sie eine Weile wie betäubt die Stelle betrachtet, wo de Chatillon verschwunden war, verließen sie mißvergnügt den Wall und wendeten sich gegen den Freitagmarkt. Plötzlich erregte ein anderes Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Aus der Mitte der Stadt erhob sich ein mächtiges Stimmengewirr, aus dem in gewissen Zwischenräumen weithin hallende Rufe erschollen, als ob ein Fürst seinen frohen Einzug hielte. Die Fleischhauer konnten diese triumphierenden Rufe nicht verstehen; die Stimmen waren noch zu weit von ihnen entfernt. Allmählich näherte sich der jubelnde Strom, und bald wurden die Siegesrufe verständlich:

»Heil dem blauen Löwen! Heil unserem Dekan! Flandern ist frei, Heil! Heil!«

Eine zahllose Menge der Einwohner von Brügge wälzte sich gleich einer Gewitterwolke durch die Stadt. Das Jauchzen dieser durch Kampf befreiten Flamen hallte dröhnend von den Häusermauern wider und rollte wie Donnergrollen über die Stadt hinweg: Frauen und Kinder gingen zwischen den bewaffneten Handwerksleuten, und freudiges Händeklatschen vermischte sich mit dem ununterbrochenen Rufe:

»Heil! Heil dem blauen Löwen!«

Aus der Mitte dieser Scharen erhob sich eine weiße Standarte, in deren wogenden Falten ein steigender Löwe von blauer Seide eingearbeitet war. Dies war die große Fahne der Stadt Brügge, die so lange der Lilie hatte weichen müssen. Nun war sie wieder aus ihrem Versteck hervorgeholt worden, nun wurde die Wiederkehr dieses heiligen Symbols mit tausend Freudenrufen begrüßt.

Ein Mann von kleiner Gestalt trug das bejubelte Banner und hielt es mit auf der Brust geschlossenen Armen an seinem Herzen, als ob es ihm innige Liebe einflößte. Ein Tränenstrom rann über seine Wangen – Tränen der Liebe und des Glückes, ein unbeschreiblicher Ausdruck der Seligkeit schwebte auf seinen Gesichtszügen. Er, der niemals im größten Unheil geweint hatte, vergoß jetzt Tränen – nun er den Löwen seiner Vaterstadt wieder auf dem Altar der Freiheit aufgepflanzt hatte.

Die Augen der zahllosen Bürger wendeten sich unablässig diesem Manne zu, und dann ward der Ruf: »Heil de Coninck! Heil dem blauen Löwen!« mit noch größerer Gewalt wiederholt. Sobald der Dekan der Weber sich mit der Standarte dem Freitagmarkt näherte, erfüllte tolle Freude die Herzen der Fleischhauer; auch sie wiederholten beständig den jubelnden Siegesruf und drückten einander in heißer Liebe die Hände: das Gefühl der Vaterlandsliebe entzündet ja die Herzen in edler Leidenschaft. Breydel stürzte wie wahnsinnig vor, trat unter die Standarte und streckte beide Hände mit merklicher Ungeduld nach dem Löwen aus. De Coninck bot die Fahne dem Dekan der Fleischhauer und sprach:

»Hier, mein Freund, dies haben wir wiedergewonnen, das Symbol unserer freien Ahnen!«

Breydel antwortete nicht; das Herz war ihm zu voll. Zitternd vor Bewegung umschlang er mit seinen Armen das Tuch der Standarte und umarmte den blauen Löwen. Er verbarg sein Haupt in den seidenen Falten und weinte einige Augenblicke, ohne sich zu bewegen; dann ließ er die Fahne los und warf sich an die Brust de Conincks.

Während die beiden Dekane sich einander feurig umarmten, hielt das Volk in seinem Jauchzen nicht inne; – ein hinreißendes Jubelgeschrei hallte beständig über diese Tausende von Köpfen hinweg; eine wogende Bewegung verriet die ungestüme Freude der Menge. Der Freitagmarkt bot nicht Raum genug, um allen anwesenden Bürgern einen Platz zu gewähren, obwohl sie sich eng bis zum Ersticken zusammendrängten. Die Steinstraße war noch bis zur St. Salvatorkirche voll von Menschen; ebenso waren die Schmiedgasse und die Boveriestraße weithin von den weniger lebhaften Frauen und Kindern angefüllt.

Der Dekan der Weber wendete sich gegen die Mitte des Marktes und näherte sich dem noch aufrechtstehenden Galgen. Die Körper der gehängten Flamen waren abgenommen und bereits begraben; aber die acht Stricke hatte man absichtlich drangelassen als Merkmal der Tyrannei. Die Standarte mit dem Brügger Löwen ward neben dem Mordwerkzeug aufgepflanzt und dann mit neuen Freuderufen begrüßt. Nachdem de Coninck noch einmal seine Augen zu dem wiedergewonnenen Wappen erhoben, kniete er nieder, senkte das Haupt und betete mit gefalteten Händen.

Wenn man einen Stein ins Wasser fallen läßt, läuft die Bewegung in schwingenden Kreisen über die ganze Ausdehnung der Fläche. Der Gedanke und die Absicht de Conincks verbreiteten sich in der gleichen Weise unter den Bürgern, obwohl die meisten ihn nicht sahen. Zuerst schwiegen und knieten die nieder, die ihn umstanden, diese teilten die Bewegung den anderen mit, und so senkten sich nach und nach alle Häupter. Die Stimmen verstummten zuerst in der Mitte des weiten Kreises und verminderten sich immer mehr, bis völlige Stille eingetreten war. Achttausend Knie berührten den noch blutigen Erdboden, und achttausend Häupter demütigten sich vor dem Gotte, der die Menschen zur Freiheit geschaffen hat. – Welche Harmonie mochte in diesem Augenblicke vor dem Throne des Höchsten erklingen! Wie angenehm mochte ihm dieses feierliche Gebet sein, das wie eine brausende Huldigung zu ihm emporstieg!

De Coninck erhob sich nach einer kurzen Weile, und während die Stille noch fortdauerte, sprach er mit lauter Stimme, auf daß viele ihn hören könnten:

»Brüder, heute hat die Sonne für uns ein schöneres Licht, die Luft ist rein in unserer Stadt; – der Atem der Fremden vergiftet sie nicht mehr. Die hochmütigen Welschen haben gedacht, daß wir Sklaven seien und bleiben würden; aber sie haben nun auf Kosten ihres Lebens erfahren, daß unser Löwe wohl schlafen, aber nicht sterben kann. Wir haben das Erbe unserer Väter wiedergewonnen und die Fußtapfen der Fremden mit Blut verwischt; aber nicht alle unsere Feinde sind tot: Frankreich wird uns noch mehr bewaffnete Mietlinge senden, denn Blut heischt Blut. Dies ficht uns nicht an, nun sind wir unüberwindlich; doch werdet ihr nicht auf den errungenen Lorbeeren schlafen dürfen. Haltet eure Herzen groß und tapfer und laßt das edle Feuer, das augenblicklich in eurem Busen glüht, nicht verlöschen. Jeder gehe in sein Haus und freue sich mit seiner Familie der glücklichen Befreiung. Jubelt und trinkt den Wein der Fröhlichkeit; denn dies ist der größte Tag, den ihr erleben werdet. Die Bürger, die keinen Wein haben, können nach der Halle gehen; dort wird man für jeden Mann eine Maß verteilen.«

Der Stimmenlärm, der allmählich wieder anschwoll, verhinderte de Coninck in seiner Ansprache fortzufahren; er winkte den umstehenden Dekanen und ging mit ihnen gegen die Steinstraße zu. Die Reihen öffneten sich ehrfurchtsvoll vor ihm, und überall begrüßten ihn freudige Zurufe der begeisterten Bürger. Nun drängte sich alles zur Standarte, die neben dem Galgen aufgerichtet war; alle kamen der Reihe nach herbei, um entzückt den blauen Löwen zu betrachten, und blickten auf dieses Zeichen ihrer Stadt wie auf das Antlitz eines Freundes, der nach langer Reise aus fremden Landen zu seinen Brüdern heimkehrt. Sie streckten die Hände aus und gebärdeten sich so freudenvoll, daß sie einem kühlen und gleichgültigen Auge von weitem als wahnsinnig hätten erscheinen können.

Bald kamen Gesellen, die schon Wein geholt hatten, mit ihren Kannen auf den Marktplatz und verbreiteten die frohe Kunde, daß in der Halle für jeden Mann eine Maß geschenkt werde. Eine Stunde später hatte jeder sein Trinkgefäß in der Hand, und so endete dieser freudige Tag ohne Unordnung und ohne Mißton. In aller Herzen herrschte nur ein Gefühl – das Gefühl, das die Seele eines Gefangenen umschmeichelt, wenn er sieht, daß die Sonne wieder über seinem Haupte steht und die weite Welt allein sein Kerker ist.

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