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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 17
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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15.

Jan Breydel hatte sich mit siebenhundert Fleischhauern in der Nähe der Stadt Damme, eine Meile von Brügge, niedergelassen. Dreitausend andere Gesellen aller Gewerke hatten sich unter seinem Befehl geschart; er stand also an der Spitze eines Heeres, zwar gering an Zahl, aber stark durch Mut und Unverzagtheit; denn die Herzen dieser Männer lechzten nach Freiheit und Vergeltung. Im Walde, den der Dekan zum Lagerplatz erkoren hatte, war der Boden auf eine Länge von einer Viertelstunde mit Lagerhütten bedeckt.

Am Morgen des 18. Mai, kurz bevor de Chatillon in Brügge einzog, rauchten vor den regelmäßigen Linien dieses Lagers zahllose Feuer; trotzdem sah man wenig Leute bei den Hütten; zwar standen Frauen und Kinder dort, aber selten ließ ein Mann sich sehen, und wenn sich einer zeigte, so war es eine Schildwache. In einiger Entfernung vom Lager, hinter den Bäumen, die ihre Äste über die Hütten ausstreckten, war ein Platz, der vom Gestrüpp frei war und wo keine Hütten standen. Dort hörte man das wirre Durcheinander zahlreicher Stimmen; das eintönige Summen wurde in gewissen Zwischenräumen von dröhnenden Schlägen übertönt. Der Amboß widerhallte klingend unter den Hämmern der Schmiede, und die größten Bäume stürzten mit lautem Krachen unter den Äxten der Fleischhauer. Lange Holzstücke wurden rund und glatt gemacht und mit einer eisernen Spitze versehen. Schon lagen große Haufen solcher »Gutentags« oder Speere auf dem Boden aufgestapelt. Andere Gesellen flochten Weidenäste zu Schilden, und gaben diese dann an das Lederhandwerk weiter, um sie mit Ochsenhaut zu überziehen. Die Zimmerleute stellten ebenfalls allerlei schwere Kriegswerkzeuge her, um Städte zu berennen, wie Sturmbrücken und anderes Gerät.

Jan Breydel lief von einer Seite zur anderen und eiferte seine Gefährten durch heitere Worte an; häufig nahm er seinen Fleischhauern das Beil aus der Hand und hieb dann zu ihrer Verwunderung mit erstaunlicher Kraft in kurzer Zeit einen Baum um.

Auf der linken Seite dieses offenen Platzes stand ein prächtiges Zelt von himmelblauem Tuch mit silbernen Stickereien. Am oberen Teile hing ein Schild, auf dem ein schwarzer Löwe in goldenem Felde dargestellt war; an diesem Wappen konnte man sehen, daß eine Person aus gräflichem Blute in dem Zelt wohnte. Es war Machteld, die sich unter den Schutz der Gewerke gestellt und in deren Lager Aufenthalt genommen hatte. Zwei Frauen des erlauchten Hauses van Renesse waren aus Seeland gekommen, um ihr als Hofdamen und Freundinnen zu dienen. An nichts gebrach es ihr: den prächtigsten Hausrat, die kostbarsten Kleider hatte der seeländische Adel ihr zugesandt. Zwei Reihen Fleischhauer mit blitzenden Beilen standen zu beiden Seiten des Zeltes und dienten der jungen Gräfin als Leibwache.

Der Dekan der Weber ging vor dem Eingang auf und ab; er schien in tiefes Sinnen versunken, denn seine Blicke hafteten beständig am Boden. Die Leibwächter betrachteten ihn im stillen und wagten nicht zu sprechen, so groß war ihre Achtung vor dem Manne, der ihnen erhaben und edel erschien. Er beschäftigte sich in seinen Gedanken mit der Aufstellung eines allgemeinen Lagerplanes.

Damit es nicht am Nötigen fehle, hatte er selbst das ganze Heer in drei Körper geteilt: die Fleischhauer und die Gesellen der verschiedenen Gewerke hatte er zu Damme unter dem Befehl Breydels lagern lassen; der Hauptmann Lindens hatte sich mit zweitausend Webern bei Sluis zusammengezogen, und de Coninck selbst blieb mit zweitausend anderen zu Aardenburg. Aber die notwendige Entfernung zwischen den Teilen des Heeres verdroß ihn, er hätte lieber alle Scharen vor der Rückkehr des Herrn Gwijde beisammen gebracht. Darum war er nach Damme gekommen und hatte bereits mit Jan Breydel über die Sache verhandelt. Nun wartete er darauf, daß ihm erlaubt werde, die Tochter seines Herrn zu sehen und zu begrüßen.

Während er im Auf- und Abgehen den Plan noch erwog, wurde der Vorhang des Zeltes zurückgezogen, und Machteld schritt langsam über den Teppich, der vor dem Eingang lag. Sie war blaß und kränklich, ihre schwachen Beine trugen sie nur mühsam, sie wankte nach einigen Schritten und ruhte schwer auf dem Arm der jungen Adelheid van Renesse, die sie begleitete. Ihre Kleidung war reich, doch ohne Eleganz; sie hatte jeden Prunk abgelehnt und trug kein anderes Kleinod als die goldene Brustplatte mit dem schwarzen Löwen von Flandern.

De Coninck hatte vor seiner Landesherrin das Haupt entblößt und stand in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihr. Machteld lächelte mit einem ergreifenden Ausdruck; auf ihren Mienen mischte sich bitterer Schmerz mit sanfter Befriedigung, denn sie freute sich, als sie den Dekan erblickte. Mit matter Stimme sprach sie:

»Seid gegrüßt, Meister de Coninck, unser Freund. Ihr seht es, mir geht es nicht gut; meine kranke Brust keucht so beschwerlich! Aber ich darf nicht immer in meinem Zelte bleiben – die Traurigkeit überfällt mich in dieser engen Behausung. Ich will die treuen Untertanen meines Vaters am Werke sehen, wenn meine Füße mich zu ihnen tragen können. Ihr werdet mich begleiten. Ich bitte Euch, Meister, antwortet auf meine Fragen; Eure Erklärungen werden meine kranke Seele erleichtern. Ich begehre nicht, daß die Wachen uns folgen. – Die reine Morgenluft erquickt mich sehr!«

De Coninck begann, seiner Landesherrin folgend, sie von vielen Dingen zu unterhalten; mit seiner gewöhnlichen Klugheit und Beredsamkeit verstand er es, tröstliche Worte für sie zu finden, und so verscheuchte er für kurze Zeit das düstere Grübeln aus ihrem Gemüte. Unter den Handwerksleuten angekommen, ward die Jungfrau überall mit jubelnden Glückwünschen begrüßt. Bald wurde der Ruf allgemein: »Heil! Heil der edlen Tochter des Löwen!« und lief mit lautem Widerhall durch den Wald, und bei diesen Zeichen heißer Liebe empfand Machteld eine reine Freude. Sie trat zu dem Dekan der Fleischhauer und sprach freundlich:

»Meister Breydel, ich habe Euch von ferne zugesehen: Ihr schafft mit größerem Eifer als der letzte Eurer Gesellen. Es scheint, daß diese Arbeit Euch behagt.«

»Meine Herrin,« antwortete Breydel, »wir machen Gutentags, die das Vaterland und den Löwen, unseren Herrn, befreien sollen. Ich freue mich über die Maßen bei dieser Arbeit; denn ich bilde mir ein; daß an der Spitze jeden Gutentags, den wir fertig bekommen, schon ein Franzose steckt. Und wundert Euch nicht, erlauchte Gräfin, wenn ich so heftig in diese Bäume hacke: ich träume dabei, daß ich auf den Feind einhaue, und diese eingebildete Vergeltung macht mein Herz vor Mut schwellen!«

Machteld bewunderte den Jüngling, dessen Blicke das helle Feuer, das so mächtig in seinem Herzen loderte, verrieten, dessen Antlitz, wie das Antlitz einer griechischen Gottheit, die Merkmale einer sanften Gemütsart und flammender Leidenschaften trug. Sie betrachtete mit Freude diese Augen, in denen der männliche Stolz unter langen Wimpern hervorblitzte, und diese milden Züge, die als der Spiegel einer edlen Seele selbstlose Hingabe und Liebe zum Vaterland widerstrahlten. Sie sprach mit einem liebenswürdigen Lächeln:

»Meister Breydel, Eure Gesellschaft wäre mir angenehm, wenn es Euch gefiele, mir zu folgen.«

Jan Breydel warf das Beil weg, strich seine blonden Locken zurück, setzte sich die Mütze auf und folgte stolz der Jungfrau; Machteld flüsterte de Coninck zu:

»Wenn mein Vater tausend solche treue und unerschrockene Männer in seinem Dienst hätte, die Franzosen würden nicht lange in Flandern sein.«

»Es gibt nur einen Flaming von der Art Breydels,« antwortete de Coninck. »Es ist selten, daß die Natur solche flammende Herzen in solch mächtigen Körper kleidet, und das ist eine weise Fügung Gottes, sonst würden die Menschen, wenn sie sich ihrer Kraft bewußt werden, zu hochmütig werden, wie die Riesen der Vorzeit, die den Himmel besteigen wollten ...«

Er wollte seine Rede fortsetzen; aber eine Schildwache mit Rundschild und Schwert kam atemlos herzugelaufen und sprach zu Breydel:

»Meister, meine Gefährten von der Lagerwache haben mich zu Euch gesandt, um Euch zu künden, daß man vor dem Tore unserer Stadt eine dicke Staubwolke von der Straße aufsteigen sieht und das Geräusch wie von einem marschierenden Heere sich vernehmen läßt. Der Zug verläßt die Stadt und bewegt sich gegen unseren Lagerplatz.«

»Zu den Waffen! Zu den Waffen!« rief Breydel mit solcher Gewalt, daß alle es vernahmen. »Jeder geselle sich zu seiner Schar! Beeilt euch!«

Die Werkleute griffen ungestüm nach ihren Waffen und liefen unordentlich durcheinander; aber dies währte nur einen Augenblick. Die Scharen formierten sich schnell, und bald standen die Gesellen unbeweglich in dichtgeschlossenen Gliedern. Breydel ordnete fünfhundert auserlesene Männer rund um Machtelds Zelt, in das die Jungfrau eilends zurückgekehrt war. Ein Wagen und einige lose Pferde wurden vor das Zelt gebracht und alles für eine Flucht vorbereitet. Dann verließ Breydel in aller Eile mit seinen übrigen Mannen den Wald und stellte sich in Schlachtordnung auf, um den Feind zu empfangen.

Sie bemerkten bald, daß sie sich getäuscht hatten; denn der Zug, der den Staub in die Luft wirbelte, bewegte sich ordnungslos daher; es liefen Frauen und Kinder in Menge durcheinander. Diese bewegten sich jammernd und wehklagend um eine Tragbahre, die von Männern getragen wurde. Obwohl nun die Ursache des Waffenrufs nicht mehr vorhanden war, blieben die Handwerksleute noch immer unter den Waffen und warteten neugierig auf die Enthüllung, was dies zu bedeuten habe. Endlich näherte sich der Zug dem Lager. Während viele Frauen und Kinder sich durch die Glieder drängten, um ihre Gatten oder Väter zu umarmen, entwickelte sich vor der Mitte der Scharen ein entsetzliches Bild.

Vier Männer brachten die Tragbahre vor den Dekan der Fleischhauer und stellten zwei Frauenleichen auf den Boden. Deren Kleider waren mit langen Blutflecken beschmutzt; ihre Gesichtszüge konnte man nicht sehen, denn ihre Köpfe waren mit schwarzen Schleiern verhüllt. Während die Leichen von der Bahre gehoben wurden, erfüllten die Weiber die Luft mit ihren Klagen; das herzzerreißende »Wehe!« war zuerst alles, was man verstehen konnte. Endlich rief eine Stimme:

»Die Franzosen haben sie grausam ermordet!«

Dieser Ruf erweckte bei den Handwerksleuten, die bis jetzt erstaunt gewartet hatten, die Wut und die Rachlust; aber der Dekan Breydel wendete sich zu ihnen und rief:

»Der erste, der sein Glied verläßt, wird streng bestraft!«

Er war von einer schmerzlichen Unrast gequält, als zerrisse die Ahnung vor dem Unglück, das ihm geschehen war, ihm im voraus das Herz; ungestüm eilte er zu den Leichen und riß das Tuch von ihren Gesichtern.

Aber, o Gott! Wie schrecklich war der Anblick, der sich seinen Augen bot! ... Kein Seufzer entwich seinem Busen, kein Glied rührte sich an ihm, und er stand wie zur Säule erstarrt da. Er ward bleicher als die Leichen, und seine Haare sträubten sich auf seinem Kopfe; hartnäckig hielt er den Blick starr und bewegungslos auf die verglasten Augen der toten Körper gerichtet; seine Lippen bewegten sich zitternd, und man hätte glauben können, seine Sterbestunde sei gekommen.

In dieser Haltung blieb er nur einige Augenblicke; bald kam ein dumpfes Röcheln aus seiner Kehle. Verzweifelt stürzte er vor zu seinen Scharen und schrie herzzerreißend:

»O, Unheil! Unheil! Meine alte Mutter ... meine arme Schwester!«

Mit diesen Worten warf er sich in die Arme de Conincks und hing kraftlos an der Brust seines Freundes. Mit irren Blicken starrte er um sich und machte seine Kameraden vor Angst und Mitleid zittern. De Coninck gebot den Gesellen, sich in Ordnung an ihr Werk zurückzubegeben, bis ein Befehl sie wieder zu den Waffen rufen würde. Obwohl sie lieber baldigst Vergeltung geübt hätten, wagten sie es nicht, sich diesem Befehl zu widersetzen; denn es war ihnen bekanntgemacht worden, daß der Dekan der Wollweber durch den jungen Gwijde als allgemeiner Statthalter aufgestellt war; sie kehrten murrend nach dem Walde zurück und nahmen widerwillig ihre Arbeit wieder auf.

Als die beiden Dekane in Breydels Zelt angelangt waren, setzte der Dekan der Fleischhauer sich ermattet und niedergeschmettert an den Tisch und ließ den Kopf schwer auf die Brust sinken. Er sprach nicht und sah de Coninck mit seltsamem Gesicht an; ein boshaftes Lächeln lag auf seinen Mienen: es schien, als ob er seines eigenen Unglücks spotte.

»Mein unglücklicher Freund,« redete de Coninck ihm zu, »beruhigt Euch, um Gottes willen!«

»Beruhigen! Beruhigen!« wiederholte Breydel. »Bin ich nicht beruhigt. – Habt Ihr mich jemals so ruhig gesehen?«

»O Freund,« versetzte der Dekan der Weber, »wie bitter ist das Leid Eurer Seele! Ich sehe den Tod auf Eurem Gesicht. Trösten kann ich Euch nicht – Euer Unglück ist zu groß; ich weiß nicht, welcher Balsam Eure Wunden zu heilen vermag.«

»Ich wohl,« antwortete Breydel, »der Balsam, der mich heilen kann, ist mir bekannt; aber es fehlt mir die Kraft. O, meine arme Mutter! Sie haben ihre Hände in dein Blut getaucht, weil dein Sohn ein Flame ist – und dieser Sohn, o Unglück! – dieser Sohn kann dich nicht rächen.«

Der Ausdruck seines Gesichtes veränderte sich bei diesem Ausruf; seine Zähne preßten sich knirschend aufeinander, seine Fäuste umfaßten die Säulen des Tisches, als wollten sie sie zerbrechen; aber er ward wieder ruhig, und auf seinem Antlitz prägte sich jetzt größere Trauer aus.

»Nun, Meister, benehmt Euch wie ein Mann,« sprach de Coninck; »überwindet Eure Verzweiflung, die Feindin Eurer Seele. Seid mutiger gegen die bitteren Leiden, die Euch treffen; das Blut Eurer Mutter wird gerächt werden.«

Ein schreckliches Lächeln trat wieder auf seine Lippen. Er antwortete:

»Gerächt werden! Wie leichthin versprecht Ihr etwas, das Ihr nicht vollbringen könnt. Wer kann mich rächen! Ihr nicht. Glaubt Ihr, daß ein Strom französischen Blutes genüge, um das Leben meiner Mutter zurückzukaufen? Gibt das Blut eines Tyrannen das Blut seiner Schlachtopfer wieder? O, nein, sie sind tot – und für immer, für ewig, mein Freund! Ich werde im stillen darüber klagen und leiden: nichts kann mich trösten – wir sind zu schwach und unsere Feinde zu mächtig.«

De Coninck antwortete nicht auf die Klagen Breydels, er schien über etwas Wichtiges nachzudenken, auf sein Gesicht trat zuweilen ein Ausdruck, als täte er sich Gewalt an, um eine innere Wut zu verbergen. Der Dekan der Fleischhauer betrachtete ihn neugierig und dachte, es müsse etwas Außerordentliches in dem Herzen seines klugen Freundes vorgehen. Der grämliche Zug auf de Conincks Mienen verschwand; er stand langsam auf und sprach in feierlichem Tone:

»Unsere Feinde sind zu mächtig, sagt Ihr? Morgen werdet Ihr dies nicht mehr sagen. Sie haben Verrat und Bosheit zu ihrem Vorteil angewendet und sich nicht gescheut, unschuldiges Blut zu vergießen, als stünde kein Racheengel mehr vor dem Throne des Herrn. Sie wissen nicht, daß ihr aller Leben in meinen Händen ist und daß ich sie zermalmen kann, als wäre mir Gottes Allmacht verliehen. – Sie suchen ihren Vorteil in Verrat und schändlicher Bosheit. Wohlan, ihr eigenes Schwert wird sie vernichten, dies sei gesagt!«

De Coninck erschien in diesem Augenblick wie der Engel, der auf das sündige Jerusalem den Fluch des Herrn herabruft; im Ton seiner Stimme lag ein so majestätischer Ausdruck, daß Breydel mit frommer Ehrfurcht auf das Urteil der Feinde lauschte.

»Wartet ein wenig,« fuhr de Coninck fort, »ich werde einen der Neuangekommenen rufen lassen, damit wir erfahren, wie dies alles geschehen ist. Laßt Euch durch seine Erzählung nicht betrüben; ich verspreche Euch eine Sühne, die Ihr selbst nicht einmal zu fordern gewagt hättet. Denn jetzt ist es doch soweit gekommen, daß die Geduld zuschanden wird.«

Innerer Zorn rötete seine Wangen. Er, der sonst so gelassen war, erglühte nun in heftigerem Grimm als Breydel, wenn sein Gesicht dies auch noch nicht völlig zum Ausdruck brachte. Nachdem er das Zelt verlassen hatte, kehrte er nach wenigen Augenblicken mit einem Handwerksgesellen zurück und ließ ihn die Ereignisse, die an jenem Tage in Brügge vorgekommen waren, mit allen Einzelheiten erzählen. Sie wurden von ihm über die Stärke von de Chatillons neuem Heere, über den Tod der gehängten Bürger und über die schreckliche Plünderung der Stadt unterrichtet.

Breydel hörte diese Erzählung kühl an, denn alle diese Übeltaten waren für ihn nicht so schmerzlich wie der Mord an derjenigen, die ihn in ihrem Schoße getragen. De Coninck dagegen ergrimmte immer mehr in dem Maße, wie dieses entsetzliche Bild vor ihm entrollt ward. Für ihn waren die Umstände dieser Geschichte sehr traurig; aber von diesem Gesichtspunkt aus betrachtete er die Sache nicht. Vaterland und Befreiung waren die beiden Gefühle, die ihn zu solcher Leidenschaft entzünden konnten. Nun sah er, daß es wahrlich Zeit war und daß man ohne Verzug beginnen müsse; denn diese grausame Justiz konnte die Flamen erschrecken und ihnen den Mut nehmen. Er schickte den Gesellen fort und stützte schweigend den Kopf in die Hand, während Breydel ungeduldig darauf wartete, was er sagen würde.

De Coninck trat plötzlich zu Breydel und rief:

»Freund, schärft Euer Beil, verscheucht die Traurigkeit aus Eurem Herzen! – Wir gehen, um die Fesseln des Vaterlandes zu brechen!«

»Was wollt Ihr sagen?« fragte Breydel.

»Höret – ein Landmann wartet, bis die Morgenkühle alle Raupen in einem Neste gesammelt hat; dann schneidet er das Nest vom Baum, wirft es unter seine Füße und zertritt das Ungetier mit einem Male. Versteht Ihr das?«

»Vollendet Eure Rede,« rief Breydel. »O Freund, ein heller Strahl verscheucht meine düstere Verzweiflung. Vollendet, vollendet!«

»Nun, die Franzosen haben sich auch in unserer Vaterstadt gleich dem Ungetier eingenistet: sie sollen nun auch zermalmt werden, als wäre ein Berg auf sie gestürzt. Freuet Euch, Meister Jan, sie sind verurteilt. Der Tod Eurer Mutter soll mit Wucherzinsen heimbezahlt werden, und das Vaterland soll sich ohne Ketten aus diesem Blutbad erheben.«

Breydel ließ seine Augen unstet im Zelte umhergehen und suchte nach seiner Axt; dann erinnerte er sich, daß man sie ihm weggenommen, als er vor den Leichen seiner Mutter und seiner Schwester gestanden hatte. Er ergriff bewegt die Hand de Conincks.

»Mein Freund,« rief er, »Ihr habt mich mehrmals gerettet, aber damals gabt Ihr mir nur das Leben; jetzt erlange ich durch Euch Glück und Freude wieder. Sagt mir doch schnell, wie wir diese Vergeltung bewirken werden, damit ich nicht mehr zweifle.«

»Habt einen Augenblick Geduld, Ihr werdet es gleich hören; diesen Plan muß ich vor allen Dekanen enthüllen. Ich werde sie rufen lassen.«

Er ging eilends aus dem Zelte, rief eine Schildwache und sandte sie zum Walde, um alle Anführer zu sich zu entbieten. Einige Zeit später standen sie ihrer dreißig im Kreise außerhalb des Zeltes. De Coninck sprach zu ihnen:

»Kameraden, die feierliche Stunde ist gekommen; wir werden die Freiheit gewinnen oder den Tod. Lange genug haben wir die Schande ertragen; es ist Zeit, daß wir von den Feinden Rechenschaft verlangen für das Blut unserer Brüder; und wenn wir für das Vaterland sterben müssen, dann bedenkt, o Kameraden, daß am Rande des Grabes die Ketten der Sklaverei fallen und daß wir frei und ohne Makel bei unseren Vätern ruhen werden. Aber nein, wir werden siegen, dies weiß ich. Der schwarze Löwe von Flandern kann nicht untergehen. Und sehet, haben wir nicht das Recht auf unserer Seite? Die Franzosen haben unser Land ausgeplündert, unseren Grafen und die treuen Edlen eingekerkert. Philippa haben sie durch Gift gemordet; unsere Stadt Brügge haben sie verwüstet und die Ehrlichsten unserer Brüder auf eigenem Grund gehängt. Die blutigen Leichen der Mutter und der Schwester unseres unglücklichen Freundes Breydel ruhen zwischen uns. Diese Leichen und die aller derer, die durch die Hände der fremden Tyrannen gestorben sind, rufen euch zur Vergeltung auf. Wohlan, bewahrt, was ich euch jetzt sage, in euren Herzen, wie in einem Grabe. – Die Franzosen haben sich heute an einem bösen Werke müde gearbeitet, sie werden gut schlafen; aber dieser Schlaf wird für die meisten bis zum Jüngsten Gericht währen! Sagt hiervon nichts euren Gesellen; aber führet sie morgen zwei Stunden vor Sonnenaufgang bis hinter St. Kreuz in den Elsternwald. Ich gehe auf der Stelle nach Aardenburg, um meine Mannen vorzubereiten und den Hauptmann Lindens zu unterrichten; denn ich muß heute noch in Brügge sein. Dies verwundert euch – trotzdem werdet ihr mit mir bekennen, daß ein Franzose in Brügge ist, den wir nicht töten dürfen; sein Blut käme über unser Haupt.«

»Herr de Mortenay?« antworteten viele Stimmen.

»Dieser Ritter,« fuhr de Coninck fort, »hat uns stets mit Güte behandelt; er hat gezeigt, daß das Unglück unseres Vaterlandes ihn rührte. Oft hat er den verfluchten Jan van Gistel in seinen grausamen Verfolgungen aufgehalten und Gnade für die Verurteilten erwirkt. Wir dürfen daher unsere Waffen mit diesem edlen Blute nicht beflecken; um dies zu verhindern, will ich heute nach Brügge gehen, wie groß auch die Gefahr sein mag.«

»Aber,« fiel einer der Dekane ein, »wie sollen wir morgen in die Stadt gelangen, wenn die Tore vor Sonnenaufgang noch geschlossen sind?«

»Die Tore werden uns geöffnet werden,« antwortete de Coninck, »ich werde nicht aus der Stadt zurückkehren, bevor die Vergeltung sicher und unfehlbar ist. Ich habe euch genug gesagt; morgen auf dem Versammlungsplatz werde ich euch nähere Befehle geben; haltet eure Mannen bereit. Ich breche mit der jungen Gräfin auf; sie darf dieses blutige Schauspiel nicht sehen.«

Breydel hatte während dieser Rede nicht das geringste Zeichen des Beifalls gegeben; aber stürmische Freude glänzte auf seinem Gesicht. Als die Dekane fort waren, warf er sich de Coninck an den Hals und sprach, während zwei Tränen über seine Wangen rollten:

»Ihr habt mich aus der Verzweiflung geweckt, teurer Freund! Nun werde ich ruhig über den Leichen meiner Mutter und meiner Schwester weinen und sie mit frommen Gefühlen zur Erde bestatten können. – Und dann, wenn sich das Grab über ihnen geschlossen haben wird ... o, was bleibt mir dann auf Erden noch übrig, das ich lieben kann?«

»Euer Vaterland und seine Größe!« lautete die Antwort.

»Ja, ja, Vaterland und Freiheit – und Rache! Denn nun, versteht Ihr, Freund, nun könnte ich vor Groll weinen, wenn die Franzosen unser Land verließen. Dann könnte mein Beil keine Köpfe mehr spalten, ich könnte ihre Leichen nicht zertreten, wie die Hufe ihrer Pferde unsere Brüder zertreten haben. Die Freiheit allein würde ich verwerfen; nur der Anblick des strömenden Blutes kann mir noch gefallen, nun sie das Herz, unter dem ich das Leben empfing, durchbohrt haben. – Brecht schnell auf und geht mit Gott, damit alles wohlgelinge; ich dürste nach der versprochenen Sühne.«

De Coninck entfernte sich mit den Worten:

»Verschwiegenheit und Vorsicht, Freund!«

Bevor er das Lager verließ, ließ er alles für die Abreise der edlen Machteld vorbereiten, und nachdem er mit ihr einige Worte gesprochen, bestieg er seinen Traber und verschwand in der Richtung gegen Aardenburg. Unterdessen waren die Leichen der Mutter und Schwester Breydels von den Frauen gewaschen und aufgebahrt worden. Sie hatten zuerst ein Zelt innen mit schwarzem Tuch ausgeschlagen und in der Mitte die Leichen auf einem Lager ausgestreckt. Sie waren mit einer schwarzen Hülle bedeckt. Aller Häupter waren entblößt. Um das Totenlager brannten acht gelbe Wachskerzen; ein Kruzifix nebst einem silbernen Weihrauchfaß und einigen Palmzweigen stand am Kopfende. Weinende Frauen knieten am Boden und murmelten Gebete.

Sofort nach dem Fortgang de Conincks ging Breydel zum Walde und befahl die Einstellung der Arbeit; er sandte alle Handwerksleute nach den Zelten, um auszuruhen, und kündigte ihnen an, daß sie anderen Tags vor Sonnenaufgang aufbrechen müßten. Nachdem er noch einige weitere Maßregeln getroffen und befohlen hatte, Frauen und Kinder im Lager zurückzulassen, begab er sich zu der Hütte, wo die Leichen aufgebahrt waren. Dort angekommen, schickte er die Frauen fort und verschloß die Türe hinter ihnen.

Mehr als ein Anführer kam zu dem Zelte, um den Dekan zu sprechen und entweder Aufschlüsse oder Befehle einzuholen. Aber wie laut sie auch anklopften, sie erhielten keine Antwort. Zuerst achteten sie diese Trauer, in die ihr Herr in diesem Augenblick zweifellos versunken war; aber als sie schon vier Stunden lang vor der Türe gewartet hatten, ohne daß der geringste Laut sich in dem Totenzelte vernehmen ließ, kam die Furcht über sie. Sie wagten ihre Gedanken kaum auszudrücken. – War Breydel tot? Hatte das Beil oder der Kummer seinen Lebensfaden zerrissen?

Plötzlich ging die Türe auf, und Breydel zeigte sich vor ihnen, ohne daß er ihre Gegenwart zu bemerken schien. Niemand sprach; denn die Gesichtszüge des Dekans trugen einen Ausdruck zur Schau, der fast Schrecken einflößte. Er war bleich, seine Blicke irrten unstet umher, und viele bemerkten, daß zwei Finger seiner rechten Hand mit Blut gefärbt waren. Niemand hatte den Mut, sich ihm zu nahen; – der Tod strahlte aus seinen Augen, und jeder seiner Blicke fuhr wie ein Blitzstrahl in die Seelen derer, die ihn betrachteten.

Namentlich dieses Blut, das an seinen Fingern klebte, machte sie zittern; eine entsetzliche Vermutung ließ sie erraten, woher es kam. Gewiß hatte er die Wunde seiner Mutter berührt; vielleicht hatte er dieses Herz, das ihn so sehr geliebt, befühlt, und aus diesen schrecklichen Berührungen den Grimm geschöpft, der ihm noch mehr Kraft und Rachedurst verleihen sollte! – So wandelte er sprachlos durch den Wald, bis die Nacht, die das Lager mit Dunkelheit umgab, ihn vor den Augen seiner Gefährten verbarg.

Zu Aardenburg angekommen, stellte de Coninck seine zweitausend Weber unter den Befehl eines der vornehmsten Führer und sandte einen Boten mit Anordnungen zu dem Hauptmann Lindens. Als er alle nötigen Maßregeln getroffen, um die gesamte Streitmacht der drei Abteilungen bei St. Kreuz zu vereinigen, stieg er wieder zu Pferde und begab sich geraden Wegs nach Brügge. Er ließ seinen Traber in einer Herberge stehen und ging zu Fuß in die Stadt. Nichts hielt ihn auf, denn es war schon weit am Abend; die Tore waren offen, und man sah keine anderen Söldner als die Schildwachen auf dem Wall. Eine tödliche Ruhe, eine unheimliche Stille herrschte in den Straßen, durch die er zu gehen hatte. Bald blieb er vor einem bescheidenen Hause hinter der St. Donaaskirche stehen und wollte anklopfen; doch da bemerkte er, daß keine Türe an diesem Hause mehr war und daß der Eingang mit einem langen Stück Tuch verhüllt war. Dieses Haus und seine Gemächer mußten ihm wohlbekannt sein; denn indem er das Tuch aufhob, betrat er unverzagt den Laden und ging schnell in ein kleines Hinterzimmer, das durch das zweifelhafte Licht einer Lampe erhellt war. Zwischen dem zertrümmerten Hausrat, der auf dem Fußboden zerstreut umherlag, saß eine Frau weinend am Tische; zwei kleine Kinder hielt sie an ihre Brust gedrückt und küßte sie seufzend, als schätzte sie sich glücklich, daß wenigstens dieser Reichtum ihr geblieben war. In einer Ecke, die nur halb die matten Strahlen des Lichtes empfing, saß ein Mann, den Kopf in die Hand gestützt, und schien zu schlafen.

Bei dem unerwarteten Erscheinen de Conincks erschrak die Frau derart, daß sie ihre Kinder fester ans Herz schloß und durch einen lauten Schrei ihre Angst verriet. Der Mann griff hastig nach seinem Dolchmesser; doch als er seinen Dekan erkannte, stand er auf und sprach:

»O Meister, welch schmerzliche Last habt Ihr mir auferlegt, als Ihr mir gebotet, in der Stadt zu bleiben; die Gnade Gottes allein hat uns von einem schrecklichen Tode errettet. Unsere Häuser sind geplündert, unsere Brüder gehängt und ermordet – und Gott weiß, was morgen geschehen wird. O, gebt mir Erlaubnis, zu Euch nach Aardenburg zu gehen, ich bitte Euch.«

De Coninck antwortete nicht auf diese Bitte; er winkte dem Handwerksmann mit dem Finger und ging mit ihm in den Laden, wo tiefste Finsternis herrschte. Dann sprach er mit leiser Stimme:

»Geeraart, als ich die Stadt verließ, habe ich Euch mit dreißig anderen Gefährten hier bleiben lassen, damit Ihr die Anschläge der Franzosen auskundschaften sollet. Euch habe ich dazu auserwählt, weil mir Euer Mut und Eure reine Vaterlandsliebe bekannt sind. Vielleicht hat der Anblick des Todes Eurer Kameraden Euer Herz mit Furcht erfüllt; wenn dem so ist, erlaube ich Euch, daß Ihr noch heute nach Aardenburg zieht.«

»Meister,« antwortete Geeraart, »Eure Worte betrüben mich; ich fürchte keineswegs den Tod, aber meine Frau und meine armen Kinder bleiben hier jeder Unbill bloßgestellt. Angst und Schrecken machen sie krank; sie weinen und beten den ganzen Tag, und die Nacht gibt ihnen die Kräfte nicht wieder; könntet Ihr sehen, wie bleich sie sind! – Und soll ich bei dem Anblick all dieses Leides, all dieser Angst nicht meine Tränen mit den ihrigen mengen? Ich bin doch ihr Vater und Beschützer? – Und bin nicht ich es allein, von dem sie den Trost, den ich ihnen nicht geben kann, erflehen? O Meister, glaubt mir, ein Vater leidet mehr, als sein Weib und seine Kinder dulden können. Dennoch bin ich bereit, für das Vaterland alles zu vergessen, ja, auch mein Blut; und so Ihr mich zu etwas gebrauchen könnt, Ihr könnt auf mich zählen. Sprecht also, denn ich fühle, daß Ihr mir etwas Wichtiges zu befehlen habt.«

De Coninck ergriff die Hand des braven Geeraart und drückte sie bewegt.

»Noch eine Seele wie die Breydels!« dachte er.

»Geeraart,« sprach er, »Ihr seid ein würdiger Gefährte; habt Dank für Eure Treue und Euren Mut. Höret also; denn ich habe wenig Zeit. Ihr werdet schnell zu Euren Genossen gehen, um sie zu benachrichtigen; diese Nacht werdet Ihr Euch heimlich mit ihnen in das Pfeffergäßchen begeben; Ihr allein werdet auf den Wall zwischen dem Dammer Tor und dem Kreuztor steigen. Legt Euch dort der Länge nach nieder und laßt Eure Augen in der Richtung gegen St. Kreuz gehen. Sobald Ihr ein Feuer im Felde seht, so stürzt Euch mit Euren Kameraden auf die Wache am Tor; öffnet dieses: – es werden siebentausend Flamen vor Euch stehen.«

»Das Tor wird zur bestimmten Stunde offen sein; fürchtet nichts, ich bitte Euch,« antwortete Geeraart gleichmütig.

»Abgemacht?«

»Abgemacht.«

»Guten Abend denn, werter Freund. Gott behüte Euch!«

»Und Euch geleite er, Meister!«

De Coninck ließ den Handwerker zu seiner Frau zurückkehren und verließ selbst das Haus. Bei der alten Halle kam er vor ein prächtiges Haus; er klopfte, und die Türe ward aufgetan.

»Was wollt Ihr, Flaming?« fragte der Diener.

»Ich wünsche Herrn de Mortenay zu sprechen.«

»Ja, aber habt Ihr keine Waffen? Denn Euch Leuten ist nicht zu trauen.«

»Was soll das?« befahl der Dekan. »Geh und sage deinem Herrn, daß de Coninck ihn sprechen will.«

»O, Herr, mein Gott! Ihr heißt de Coninck? Dann kommt Ihr sicherlich mit böser Absicht ...«

Bei diesen Worten eilte der Diener nach oben und kam nach einigen Augenblicken wieder.

»Ihr dürft hinaufgehen,« seufzte er, »es beliebe Euch, mir zu folgen.«

Er führte de Coninck die Treppe hinauf vor den Eingang zu einem Zimmer. De Mortenay saß an einem Tische, auf dem sein Helm und sein Degen neben den eisernen Handschuhen lagen. Er betrachtete verwundert den Dekan; dieser verneigte sich vor dem Stadtvogt und sprach:

»Herr de Mortenay, ich habe mich im Vertrauen auf Eure Ehrlichkeit hierher begeben, mit der Gewißheit, daß ich diese Kühnheit nicht werde zu bereuen haben.«

»Fürwahr,« antwortete de Mortenay, »Ihr werdet zurückkehren, wie Ihr gekommen seid.«

»Euer Edelmut ist unter uns sprichwörtlich geworden,« fuhr de Coninck fort; »auch geschieht es aus diesem Grunde und um Euch zu zeigen, daß wir Flamen einen ehrlichen Feind hochachten, daß ich zu Euer Gnaden gekommen bin. – De Chatillon hat heute unsere Stadt der Wut seiner Söldner übergeben; er hat acht unserer unschuldigen Brüder aufhängen lassen. Bekennt mit mir, Herr de Mortenay, daß es unsere Pflicht ist, ihren Tod zu rächen; denn was konnte der Landvogt ihnen zur Last legen, als das eine, daß sie sich seinen tyrannischen Geboten nicht fügen wollten?«

»Der Untertan muß seinem Herrn gehorchen: wie streng die Strafe auch sein mag, es ist ihm nicht erlaubt, die Taten seiner Obrigkeit zu beurteilen.«

»Ihr habt recht, Herr de Mortenay, so spricht man in Frankreich; und da Ihr ein natürlicher Untertan des Königs Philipp des Schönen seid, geziemt es Euch, seine Befehle auszuführen. Aber wir sind freie Flamen und können diese schändlichen Ketten nicht länger tragen. Nun der Landvogt die Grausamkeit soweit getrieben hat, gebe ich Euch die Versicherung, daß baldigst Blut fließen wird, und wenn das Geschick uns ungünstig wäre und ihr Franzosen den Sieg behieltet – dann würden wenig Sklaven übrigbleiben; denn wir wollen sterben. Aber wie dem auch sein mag, dies ist nicht der Grund meines Kommens, was sich auch ereignen wird, es wird Euch kein Haar auf Eurem Haupte gekrümmt werden; das Haus, in dem Ihr Euch befinden werdet, wird für uns geheiligt sein: kein Flaming wird den Fuß über Eure Schwelle setzen. Nehmt hierüber meine Versicherung entgegen.«

»Ich danke den Flamen für ihre Liebe zu mir,« antwortete de Mortenay, »aber ich lehne den Schutz ab, den Ihr mir anbietet, und werde niemals Gebrauch von ihm machen. Wenn wirklich etwas vorfiele, würde ich mich unter den Bannern des Landvogts und nicht in meiner Wohnung befinden, und wenn ich sterben sollte, so geschähe es mit dem Schwerte in der Faust. Aber ich glaube nicht, daß es soweit kommen wird; denn die Empörungen werden bald gedämpft sein. Ihr, Dekan, verlaßt baldigst dieses Land; dieses rate ich Euch als Freund.«

»Nein, Herr, ich verlasse mein Land nicht; die Gebeine meiner Väter ruhen in dieser Erde. Ich bitte Euch, erwäget, daß alle Dinge möglich sind und daß französisches Blut von uns vergossen werden kann; aber dann dürft Ihr Euch meiner Worte erinnern. Dies ist alles, was ich Euer Gnaden zu sagen hatte; ich wünsche Euch Lebewohl. Gott nehme Euch in seine Hut!«

De Mortenay dachte über die Worte des Dekans genauer nach und fand zu seiner Betrübnis, daß ein schreckliches Geheimnis dahinter stecken müsse; er beschloß deshalb, anderen Tags de Chatillon zur Wachsamkeit anzueifern und selbst einige Maßnahmen für die Sicherheit der Stadt zu treffen. Ohne Ahnung davon, daß das, was er fürchtete, sobald geschehen werde, legte er sich zu Bette und schlief ruhig ein.

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