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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 16
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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14.

Während der acht Tage, die auf diese Ereignisse folgten, verließen noch mehr als dreitausend Bürger die Stadt Brügge und begaben sich nach Aardenburg zu de Coninck oder nach Damme zum Dekan der Fleischhauer. Durch die Entfernung der streitbaren Männer kühner gemacht, überließen die Franzosen sich allen Ausschweifungen und behandelten die übriggebliebenen Einwohner als gekaufte Sklaven. Dennoch gab es viele Brügger, die von den Franzosen nicht belästigt wurden und mit ihnen verkehrten und guter Dinge waren, als ob sie es mit Brüdern zu tun hätten; aber das waren Flamen, die ihr Vaterland verleugnet hatten und die Gunst der Fremden durch Kriecherei zu erlangen suchten: sie rühmten sich des Namens Leliaart als einer Auszeichnung. Die anderen waren Klauwaarts, echte Söhne Flanderns, die das Joch mit Ungeduld trugen; aber das Gut, das sie im Schweiße ihres Angesichts gesammelt hatten, war ihnen zu teuer, um es wehrlos in die Hände der ausländischen Plünderer zu geben.

Auf diese Klauwaarts und auf die Frauen und Kinder der Verbannten übten die Franzosen ihre kleinliche Tyrannei aus. Nichts konnte sie jetzt in ihren niedrigen Rachegelüsten behindern; sie raubten dreist alles, was ihnen gefiel, holten die Waren mit Gewalt aus den Läden und bezahlten sie mit Scheltworten und Lästerungen. Dies erbitterte die unterdrückten Bürger so sehr, daß sie nichts mehr in ihren Läden zum Verkaufe aushingen und sich gemeinsam weigerten, den Franzosen noch ein Stück Fleisch oder einen Bissen Brotes zu verkaufen. Sie verbargen ihre Lebensmittel in der Erde, um sie den Schnüffeleien des Feindes zu entziehen. In der Zeit von vier Tagen waren die Leute der Besatzung derart ausgehungert, daß sie haufenweise in die Felder hinausliefen, um etwas zu finden. Zum Glück für sie wurden sie teilweise von den Leliaarts versehen; nichtsdestoweniger herrschte ein empfindlicher Mangel in der Stadt. Die Häuser der Klauwaarts blieben geschlossen, niemand trieb irgendeinen Handel, und alles, außer den rührigen Söldnern und den feigherzigen Leliaarts, alles in der Stadt schien im ewigen Schlafe zu liegen. Die arbeitslosen Handwerksleute konnten die Schatzungen nicht aufbringen und waren gezwungen, sich zu verbergen, um den Verfolgungen des Zollherrn Jan van Gistel zu entgehen. Wenn die Zolldiener Samstags umhergingen, um den weißen Pfennig zu empfangen, fanden sie niemals einen Mann zu Hause; es war, als hätten alle Brügger die Stadt verlassen. Viele Handwerksleute klagten bei Jan van Gistel, daß sie, da sie nichts einnahmen, den Zoll nicht bezahlen könnten; aber der entartete Flame hörte nicht auf diese Reden und wollte die Schatzpfennige mit Gewalt erheben lassen. Eine große Anzahl Bürger ward ins Gefängnis geworfen, andere zum Tode gebracht.

Herr de Mortenay, der französische Stadtvogt und Oberste der Besatzung, wollte in dieser peinlichen Lage die Lasten vermindern lassen und sandte in dieser Absicht einen Boten nach Kortrijk, um dem Feldherrn de Chatillon die Hungersnot und die schreckliche Lage der Besatzung zu klagen und ihn zur Abschaffung des Weißen Pfennigs zu bewegen. Jan van Gistel, den seine Landsleute als einen Bastardflaming verfluchten und haßten, benützte diese Gelegenheit, den Feldherrn de Chatillon zur Strenge anzutreiben. Er schilderte die Widerspenstigkeit der Brügger in schwarzen Farben und rief nach Vergeltung wegen ihres Starrsinns, indem er vorgab, daß sie nichts arbeiten wollten, um den Weißen Pfennig mit einem Anschein der Begründung verweigern zu können.

Beim Empfang der Botschaft geriet Herr de Chatillon in heftigen Zorn, er sah, daß alle seine Bemühungen, des Königs Befehle auszuführen, vergeblich blieben; denn das flämische Volk war unzähmbar. In allen Städten gab es täglich Unruhen; der Haß gegen die Franzosen brach überall durch, und an manchen Orten, wie in Brügge, wurden die Diener des Königs Philipp des Schönen sowohl geheim wie bei hellem Tage umgebracht. Die umgestürzten Türme von Male waren auch noch nicht erkaltet, und das Blut der gefallenen Franzosen war noch nicht von seinen Ruinen abgewaschen.

Der Quell, aus dem dieser für Frankreich so bittere Bach über ganz Flandern strömte, entsprang in Brügge; dort hatte sich das Feuer des Aufruhrs zuerst gezeigt. Breydel und de Coninck waren die Häupter des Drachen, der sich nicht unter den Stab Philipps des Schönen beugen wollte. Bei dieser Erwägung beschloß de Chatillon, einen kräftigen Versuch zu machen und die Freiheit Flanderns im Blute der Widerspenstigen zu ersticken; diese strenge Strafe sollte als abschreckendes Beispiel dienen. Er versammelte schnell siebenzehnhundert Reiter aus Hennegau, aus der Picardie und Welsch-Flandern; dazu ließ er eine große Zahl Fußknechte stoßen, und mit diesem Heere zog er, von Grimm erfüllt, gen Brügge.

Unter den Lebensmitteln und anderen Gütern, die diesen Zug begleiteten, waren auch einige große Fässer, mit Stricken und Seilen gefüllt. Diese hatte de Chatillon zu einem grausamen und schrecklichen Werke bestimmt: de Coninck, Breydel und alle ihre Genossen sollten daran aufgehängt werden.

Um den Klauwaarts keine Zeit zu vorhergehenden Meutereien zu lassen, hatte der französische Landvogt sein Kommen Herrn de Mortenay geheim kundgegeben; niemand als der Stadtvogt wußte etwas von der schrecklichen Vergeltung, die geplant war.

Am 18. Mai 1302, um neun Uhr des Morgens, zog das französische Heer mit fliegenden Fahnen in die Stadt ein. De Chatillon ritt an der Spitze seiner siebenzehnhundert Reiter; seine Blicke waren drohend und grausam; die Herzen der Bürger wurden von einem schmerzlichen Angstgefühl bewegt, und schon ahnten sie einen Teil der Leiden, die sie morgen treffen sollten. Die Klauwaarts konnte man an diesem Ausdruck erkennen. Ihre Köpfe waren gesenkt, und die tiefste Trauer prägte sich auf ihren Gesichtern aus; dennoch glaubten sie nicht, daß ihnen viel mehr als die Abforderung des Weißen Pfennigs und eine stärkere Unterdrückung geschehen werde.

Die Leliaarts hatten sich auf dem Freitagsmarkt neben der Besatzung zu einem Haufen geschart. Ihnen war das Erscheinen des Landvogts sehr angenehm; denn er sollte auch sie für die Verachtung der Klauwaarts rächen. Sobald de Chatillon näher kam, riefen die feigen Bastarde laut und wiederholt:

»Heil Frankreich! Heil dem Landvogt!«

Von Neugier angetrieben, war das Volk in Menge herbeigeströmt, und eine dichte Schar hatte sich um den Freitagsmarkt versammelt. Auf allen Mienen war ein unbeschreiblicher Ausdruck der Angst und Furcht zu lesen. Die Frauen preßten ihre Kinder stumm an ihre Brust, und mancher entsank eine Träne, ohne daß sie sich des Grundes bewußt war. Wie bange sie auch vor der Rache des Landvogtes waren, so rief doch niemand von ihnen: »Heil Frankreich!« Wenn auch jetzt ohnmächtig, so glühte doch der Haß gegen die Unterdrücker Flanderns in ihren Herzen, und mitten in ihrer Trauer leuchtete manchmal noch ein drohender Blick wie ein flüchtiger Strahl in ihren Augen auf; denn dann dachten sie an de Coninck und Breydel und träumten von Vergeltung.

Während sie auf die Bewegungen der Franzosen starrten, hatte de Chatillon seine Mannen auf dem Platze folgendermaßen geordnet: eine lange Reihe Reiter stand zu beiden Seiten; ein Fähnlein Söldner verband im Hintergrunde des Marktplatzes diese beiden Reihen der Quere nach, und auf diese Art war dieser Teil des Platzes abgeschlossen; die andere Seite wurde absichtlich offengelassen, damit die Bürger sehen könnten, was vor sich ging. Als diese Verfügungen getroffen und ausgeführt waren, sandte man die übrigen Reiter und Söldner heimlich nach den Stadttoren, um diese zu schließen und zu bewachen.

Herr de Chatillon stand mit einigen höheren Offizieren inmitten seiner Reiter. Der Kanzler Pierre Flotte, der Stadtvogt de Mortenay und Jan van Gistel, der Leliaart, schienen mit ihm über eine sehr wichtige Sache zu verhandeln; ihre Bewegungen waren äußerst lebhaft. Obwohl sie leise genug sprachen, um nicht von den Bürgern gehört zu werden, konnten die französischen Anführer doch manches verstehen; mehr als ein braver Ritter betrachtete das eingeschüchterte Volk mit Teilnahme und den Verräter van Gistel mit Verachtung – denn dieser sprach zu dem Landvogt:

»Glaubt mir, Herr, ich kenne meine störrischen Landsleute; Eure Gnade wird ihren Trotz bestärken. Heget doch nicht die Schlange, die Euch stechen will. Ich weiß es aus Erfahrung, daß die Brügger den Nacken nicht beugen werden, solange die Hetzer unter ihnen wohnen; dieses Unkraut muß man ausrotten, sonst wird man ihrer niemals Herr.«

»Es scheint mir,« fiel der Kanzler lächelnd ein, »daß Herr van Gistel seine Landsleute nicht liebt; denn wenn man ihm glauben wollte, würde es morgen keinen lebenden Menschen mehr in Brügge geben.«

»Fürwahr, ihr Herren,« fuhr van Gistel fort, »es ist die Liebe zu meinem König, die mir diese Worte eingibt. Ich wiederhole es, nur der Tod der Leithämmel kann das Feuer des Aufruhrs in unserer Stadt dämpfen. Die Liste der starrsinnigsten Klauwaarts habe ich im Gedächtnis; solange die Meuterer in Brügge frei umhergehen dürfen, ist die Ruhe unmöglich.«

»Wieviel Namen enthält diese Liste?« fragte de Chatillon.

»Gegen vierzig,« lautete die gleichmütige Antwort.

»Wie?« fiel de Mortenay entrüstet ein, »Ihr wolltet vierzig Bürger aufhängen lassen? Es sind nicht diese, die solche grausame Strafe verdient haben, sondern vielmehr die Verbannten, die sich zu Damme aufhalten. Die Leithämmel de Coninck und Breydel mit ihrem Anhang sind es, die sich des Todes schuldig gemacht haben; aber nicht diese schwachen Bürger, die Ihr aus purer Rache aufgehängt sehen wollt.«

»Herr de Mortenay,« bemerkte de Chatillon, »Ihr habt mir Kunde gesandt, daß sie Euren Söldnern keine Nahrungsmittel verkaufen wollen; ist dies nicht genug?«

»Es ist wahr, Landvogt, sie haben sich mit Unrecht dessen geweigert; es war ihre Pflicht als Untertanen, zu gehorchen; aber meine Söldner haben in sechs Monaten noch keine Bezahlung empfangen, und die Flamen wollen nur gegen klingende Münze verkaufen. Es würde mir wahrhaftig leid tun, wenn mein Sendbrief solche beklagenswerten Folgen haben sollte.«

»Diese Furcht kann der Krone Frankreichs sehr schädlich sein,« sprach van Gistel. »Es wundert mich, daß Herr de Mortenay die meuterischen Brügger in Schutz nimmt!«

De Mortenay wurde bei diesem Vorwurf sehr zornig: denn van Gistel hatte seinen Worten einen höhnischen Nachdruck gegeben. Der edelmütige Stadtvogt betrachtete den Leliaart verächtlich und antwortete:

»Wenn Ihr Euer Vaterland liebtet, würdet Ihr nicht den Tod Eurer unglücklichen Brüder heischen, und ich als Franzose würde sie nicht verteidigen müssen. – Und höret, ich sage es, auf daß der Landvogt es höre: die Brügger hätten uns nicht die Lebensmittel verweigert, wenn Ihr nicht den Weißen Pfennig so unvernünftig und so ungerecht abgefordert hättet. Euch haben wir diese Unruhen zu verdanken; denn Ihr seid nur darauf bedacht, Eure Landsleute zu unterdrücken, und Ihr flößt ihnen bitteren Haß gegen uns ein.«

»Ihr alle seid mir Zeugen, daß ich die Befehle des Herrn de Chatillon getreulich ausgeführt habe!«

»Dies war im allgemeinen Eure Absicht nicht,« fuhr de Mortenay fort, »sondern Ihr hattet Euch wegen der Verachtung der Brügger zu rächen. Ein großer Irrtum des Königs, unseres Herrn, ist es, daß er einen Mann, den alle verfluchen, als Zollmeister von Flandern aufgestellt hat.«

»Herr de Mortenay,« rief van Gistel heftig, »Ihr werdet mir Rechenschaft für diese Worte geben!«

»Meine Herren,« fuhr der Landvogt dazwischen, »ich verbiete euch, in meiner Gegenwart noch weiter miteinander zu sprechen: eure Degen sollen über euren Zank entscheiden. Ich sage Euch, Herr de Mortenay, daß Eure Rede mir mißfällt und daß der Zollmeister nach meinem Willen gehandelt hat; die Krone Frankreichs muß gerächt werden, und wenn die Leithämmel die Stadt nicht verlassen hätten, würde es mehr Galgen als Straßenecken in Brügge geben. In der Erwartung, daß ich die Gewerke von Damme strafen werde, will ich dieser aufrührerischen Stadt ein strenges Beispiel geben. – Herr van Gistel, nennt mir acht der starrköpfigsten Klauwaarts, damit baldigst Recht geschehe.«

Van Gistel ließ seine Blicke über das verwunderte Volk schweifen und suchte acht anwesende Männer aus der Menge aus; diese nannte er dem Landvogt. Darauf ward ein Herold vor das Volk gesandt. Nachdem er mit seiner Fanfare Stille geboten, rief er:

»Im Namen des mächtigen Königs Philipp, unseres Herrn und Gebieters, werden auf der Stelle vor meinen Feldherrn de Chatillon gerufen und gefordert die Bürger, deren Namen ich verkünden werde. Wer sich nicht einfindet, wird mit dem Tode bestraft ohne Aufschub und ohne Gnade!«

Die List gelang vollständig: denn sobald die Namen aufgerufen wurden, erschienen die Klauwaarts aus der Menge auf dem Marktplatz und traten arglos vor de Chatillon; sie wußten wohl, daß sie nichts Gutes zu erwarten hatten, und hätten sich vielleicht durch die Flucht gerettet, wenn dies möglich gewesen wäre. Die meisten von ihnen waren Männer von etwa dreißig Jahren; ein einziger Greis kam langsamen Schrittes und gesenkten Hauptes daher. Sanfte Geduld lag auf seinen Mienen, ohne die geringste Beimischung von Furcht. Er blieb vor de Chatillon stehen und betrachtete ihn mit fragenden Blicken, als wollte er sagen: was forderst du?

Sobald der letzte der Aufgerufenen herbeikam, gab der Landvogt einen Wink, und die acht Klauwaarts wurden trotz ihres Widerstandes mit Stricken gefesselt. Ein dumpfes Murren entstand unter dem Volke; aber ein Teil der Reiter, die sich drohend vor der Menge aufstellten, ließ dieses Geräusch bald verstummen. In wenigen Augenblicken wurde auf dem Marktplatze ein breiter Galgen aufgerichtet und ein Priester zu den Verurteilten gebracht. Beim Anblick des schrecklichen Mordwerkzeuges heulten die Weiber oder Brüder der unglücklichen Klauwaarts um Gnade, und das Volk drängte sich ungestüm zusammen. Ein gewaltiger Seufzer, mit Verwünschungen und Racherufen vermischt, stieg aus der Schar der Bürger auf und lief wie ein Vorbote des Aufruhrs über den Marktplatz. Bald trat ein Fanfarenbläser vor und rief:

»Es sei kund und zu wissen getan! – Der Widerspenstige, der das Gericht meines Herrn, des Landvogts, durch Schreien oder sonstwie zu stören wagt, wird mit den Meuterern an denselben Galgen gehängt werden!«

Bei dieser Ankündigung erstarben die Klagen auf allen Mündern, und Totenstille umfing das eingeschüchterte Volk. Die Frauen weinten mit gen Himmel gerichteten Augen und flehten zu dem, der allein noch die Menschen hört und versteht, wenn ein Tyrann ihnen die Sprache nimmt; die Männer verfluchten ihre Ohnmacht und glühten in fieberhafter Wut. Sieben Klauwaarts wurden der Reihe nach an den Galgen gehängt und starben vor den Augen ihrer Stadtgenossen. Die Trauer der geängstigten Bürger verwandelte sich in Verzweiflung: sooft einer von der Leiter gestoßen wurde, ließen sie tief die Köpfe sinken, um die Augen von dem entsetzlichen Schauspiel abzuwenden. Sicherlich waren viele da, die diese Stätte verlassen hätten, wenn sie den Mut gehabt hätten, sich zu rühren; aber dies war ihnen verboten, und bei der geringsten Bewegung, die unter ihnen vorging, kamen Söldner mit gezücktem Schwerte herbei, um sie zur Ruhe zu zwingen.

Noch ein einziger Klauwaart stand bei Herrn de Chatillon; jetzt war an ihm die Reihe, gehängt zu werden; doch beeilte man sich nicht mit ihm: der Landvogt hatte den Befehl noch nicht gegeben. Unterdessen hatte sich de Mortenay bemüht, Gnade für den greisen Flaming zu erwirken; aber van Gistel, der diesem Klauwaart einen besonderen Haß entgegenbrachte, gab vor, daß er einer von den Leithämmeln sei und sich am meisten der französischen Herrschaft widersetzt habe. Auf Befehl des Landvogts redete er den alten Flaming in dieser Weise an:

»Ihr habt gesehen, wie Eure Gefährten wegen ihres Starrsinns gestraft worden sind; dennoch hat der Landvogt aus Achtung vor Euren grauen Haaren Euch gnädig behandeln wollen. Er schenkt Euch das Leben unter der Bedingung, daß Ihr Euch fortan als ein demütiger Diener Frankreichs unterwerft. – Rettet Euch mit dem Ruf: ›Heil Frankreich!‹«

Der Greis warf einen Blick der Verachtung und des Zornes auf den Bastard und antwortete mit einem bitteren Lächeln:

»Ich würde es tun, wenn ich deinesgleichen wäre, wenn ich meine weißen Haare durch Feigheit besudeln könnte. Aber nein, ich, ein Märtyrer, verachte dich und trotze dir bis in den Tod. – Du, Verräter, gleichst der Schlange, die die Eingeweide ihrer Mutter zernagt, denn du lieferst dem Fremden das Land aus, das dich genährt hat. – Zittere, ich habe noch Söhne, die mich rächen werden, und du – du wirst nicht auf deinem Bette sterben! Du weißt, daß ein Mensch in seiner letzten Stunde nicht lügen kann.«

Jan van Gistel erbleichte bei dieser feierlichen Voraussage des Greises. Nun bereute er seine Rachgier, und sein Herz ward von düsteren Ahnungen erfüllt; – ein Verräter fürchtet den Tod als den Sühneboten des Herrn. De Chatillon hatte auf den Gesichtszügen des Klauwaarts zur Genüge lesen können, daß er hartnäckig blieb.

»Nun, was sagt der Meuterer?« fragte er.

»Mein Herr,« antwortete van Gistel, »er schmäht mich und verachtet Eure Gnade.«

»Man hänge ihn!« lautete der Befehl des Landvogts.

Der Söldner, der das Henkeramt ausübte, nahm den Greis beim Arm, und dieser folgte ihm gehorsam bis zum Fuß der Leiter; es dauerte noch einige Augenblicke, bis der Strick um seinen Hals geschlungen war. Er empfing den letzten Segen des Priesters und setzte endlich seinen Fuß auf die Leiter, um zum Galgen emporzusteigen.

Aber plötzlich kam trotz der Wachen eine ungestüme Bewegung unter das Volk. Durch einen unwiderstehlichen Druck bewegt, taumelten die einen gegen die Mauer der Häuser, andere wurden vorwärts gestoßen – und ein junger Mann mit bloßen Armen drang durch die Menge bis zum Marktplatz vor; sein Antlitz trug die Merkmale der größten Aufregung, der heftigsten Wut und der zärtlichsten Besorgnis. Als er sich aus der dichtgeschlossenen Masse der Bürger losgelöst hatte, warf er einen wilden Blick über den Marktplatz, schoß wie ein Pfeil voran und rief:

»Mein Vater! O, mein Vater! Ihr sollt nicht sterben!«

In dem gleichen Augenblick, da er diese Worte hinaus schrie, kletterte er auf das Schafott, zog sein Messer aus der Scheide und stieß es bis ans Heft in die Brust des Henkers. Dieser sank mit einem Schmerzensschrei von der Leiter und lag unten sterbend in seinem Blute; inzwischen umfaßte der junge Klauwaart seinen Vater, hob ihn vom Boden auf und eilte mit dieser heiligen Last unter das Volk. Die Franzosen waren, wie zu Stein erstarrt, bewegungslose Zuschauer dieses Schauspiels gewesen; aber dies währte nicht lange. De Chatillon weckte sie bald aus ihrer Verstörtheit. Bevor der Jüngling zehn Schritte weiter gelaufen war, hatten mehr als zehn Söldner ihn eingeholt. Er stellte seinen Vater nieder und bedrohte mit dem noch rauchenden Messer seine Feinde. An die fünfzig andere Flamen standen vor ihm; denn er befand sich mitten unter dem Volke, so daß die Söldner durch die Menge dringen mußten, um ihn zu fangen. Wie groß war die Wut der Franzosen, als sie ihre zwanzig Kameraden einen nach dem anderen zu Boden sinken sahen. Mit einem Male blitzten die Messer in den Händen der umstehenden Klauwaarts, und die Söldner wurden unbarmherzig gestochen und geschnitten, während auch mancher Flaming das Leben ließ.

Plötzlich kam die ganze Reiterei in Bewegung und sprengte grimmig auf das fliehende Volk ein; die großen Schlachtschwerter trieben bald die Scharen auseinander, und die Hufe der Pferde zertraten manchen Widerspenstigen im Nu. Sie waren indessen nicht ohne Sühne gestorben, denn sie hatten sich ein Bett von geschlachteten Franzosen bereitet. Der Vater und der Sohn lagen übereinander – der gleiche Degen hatte sie durchbohrt, und ihre Seelen hatten einander auf der letzten Reise nicht verlassen. Das Volk wälzte sich mit bangem Geheul wie ein rollender Strom durch alle Straßen der Stadt dahin; jeder begab sich in höchster Eile in sein Haus; Türen und Fenster wurden geschlossen, und kurze Zeit darauf hätte man glauben können, die Stadt habe keine Einwohner mehr.

Wütend und rasend über den Tod ihrer Kameraden und von Natur zu Gewalttätigkeiten geneigt, liefen die Söldner in Haufen durch die entvölkerten Gassen und ließen sich von den Leliaarts die Häuser der Klauwaarts zeigen. Sie stießen Türen und Fenster ein, raubten Geld und Gut und zertrümmerten alles, was ihnen nicht kostbar genug oder zu schwer erschien. Die weinenden Mägde, die man in Kellern oder anderen Verstecken antraf, wurden grausam mißhandelt; die Männer, die ihre Ehefrauen oder Schwestern verteidigen wollten, waren bald von dieser wilden Meute überrannt und gemordet. Da und dort lagen vor den Türen der geplünderten Häuser verstümmelte Leichen zwischen dem zerschmetterten Hausrat; man hörte nichts mehr als die grimmigen Rufe der Söldner und das Geheul der unglücklichen Frauen. Die Plünderer kamen lachend aus den zerstörten Wohnungen, die Hände voll geraubten Goldes und voll flämischen Blutes! Wenn die einen, gesättigt durch Mord und Beute, sich entfernten, wurden sie von anderen, noch wilderen, ersetzt, und so gaben sich die Franzosen geraume Zeit diesem schändlichen Werke hin: die ganze Reihe der Übeltaten, die ein ungebändigter Kriegsknecht verüben kann, ward von ihnen erschöpft.

Im Hause Pieter de Conincks blieb kein Stück ganz; selbst die Mauern wären nicht stehen geblieben, wenn die Plünderer nicht die Zeit für größere Übeltaten aufgespart hätten. Ein anderer Haufe lief geradeswegs nach dem Hause des Dekans Breydel. In wenigen Augenblicken war die Tür eingeschlagen, und zwanzig Söldner traten fluchend in den Laden; sie trafen niemanden an, obwohl sie alle Räume durchsuchten. – Während sie, erschöpft und müde, mit boshafter Freude die Ruinen betrachteten, kam einer ihrer Kameraden die Treppe herab und sprach:

»Ich habe etwas auf dem Dachboden gehört; sicher stecken dort Flamen unter dem Dach. Ich glaube, daß wir dort bessere Beute finden werden; denn es ist anzunehmen, daß sie ihr Geld bei sich haben.«

Die Söldner wendeten sich eiligst der Treppe zu; jeder wollte zuerst die Hand an den Raub legen, aber die Stimme ihres Kameraden hielt sie zurück.

»Wartet, wartet!« rief er. »Ihr könnt nicht hinauf. Die Falltüre zum Boden liegt zehn Fuß hoch, und die Leiter haben sie emporgezogen. Aber das hat nichts zu sagen; ich habe eine Leiter im Hof stehen sehen. – Verweilt ein wenig, ich werde sie holen.«

Er kehrte bald mit dem Werkzeug zurück und stieg mit seinen Gefährten hinauf. Die Leiter wurde unter die Falltüre gestemmt, und man versuchte sie in die Höhe zu schieben; aber es gelang nicht, weil ein starker Riegel sie festhielt.

»Wohlan!« rief einer, indem er ein schweres Stück Holz vom Boden aufhob. »Wenn sie nicht gutwillig öffnen, wollen wir ein anderes Mittel versuchen.«

Damit schlug er gewaltig gegen die Türe, aber sie blieb fest und unverrückbar. Ein Jammerruf, ein Seufzer, so schmerzlich, als ob mit ihm aus einer Brust das Leben entflohen wäre, ließ sich auf dem Dachboden vernehmen.

»Ha, ha!« riefen die Soldaten, »sie liegen auf der Türe!«

»Wartet!« sprach eine andere Stimme. »Ich werde sie bald zum Ausziehen bringen, wollt ihr mir nur ein wenig helfen.«

Sie nahmen einen schwereren Balken und hoben ihn gemeinsam in die Höhe; dann stießen sie mit solcher Gewalt gegen die Falltüre, daß die Bretter losbrachen und herabfielen. Mit tosendem Jubel legten sie schnell die Leiter an und eilten nach oben. Hier blieben sie bald stehen. Es schien, als hätte ein seltsamer und ergreifender Anblick ihre Herzen erweicht; denn die Flüche erstarben auf ihren Lippen, und sie betrachteten einander unschlüssig.

Im Hintergrunde des Dachbodens stand ein Knabe, nicht über vierzehn Jahre alt, mit einem Schlachtbeil in der Hand; bleich und zitternd hielt er die Waffe gegen die Franzosen gerichtet, ohne daß ein Laut aus seiner Brust kam; aus seinen blauen Augen sprühten Strahlen der Verzweiflung und des Heldenmutes. Es war ersichtlich, daß eine tiefe Bewegung ihn ergriffen hatte, denn die Muskeln seiner zarten Wangen waren verzerrt und verliehen ihm einen unheimlichen Ausdruck. Er glich einem griechischen Marmorbilde. – Hinter dem jungen Fleischhauer lagen zwei Frauen auf den Knien: eine alte graue Mutter mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Blicken, und eine zarte Jungfrau mit losen Haaren. Das furchtsame Mädchen hatte das Antlitz in den Kleidern ihrer Mutter verborgen und die Arme wie in Todesnot um sie geschlungen. In dieser Haltung kniete sie regungslos und gleichsam ohne Leben; sie seufzte nicht, noch klagte sie.

Als sich die Söldner von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, näherten sie sich ungestüm den unglücklichen Frauen und brachen in Schimpfworte gegen sie aus; sie wollten die Hände an sie legen; denn dieses Kind flößte ihnen nicht die geringste Furcht ein. – Wie wurden sie jedoch vom Zorn hingerissen, als der junge Fleischhauer seinen linken Fuß zurückstellte und in dieser festeren Haltung sein Beil bedrohlich schwang. Einen Augenblick wurden sie in ihren verbrecherischen Anschlägen aufgehalten, bis endlich einer von ihnen sich auf das Kind stürzte und es durchbohren wollte; aber der Fleischhauer wehrte den Degen ab und hieb mit verzweifelter Kraft in die Schulter seines Feindes. Dieser fuhr taumelnd zurück in die Arme seiner Gefährten. Als hätte dieser Schlag alle Kräfte des Knaben erschöpft, stürzte er rücklings zu Boden und blieb neben den Frauen liegen. Die Söldner hatten sich augenblicklich um ihren verwundeten Gefährten geschart und entkleideten ihn unter schauerlichen Racherufen und Verwünschungen. Unterdessen weinte die alte Frau in größter Angst und flehte in französischer Sprache um Gnade.

»O, ihr Herren!« rief sie händeringend. »Habt doch Erbarmen mit uns armen Geschöpfen! Um der Liebe des Herrn willen, mordet uns nicht! – Seht doch meine Tränen und erbarmt euch unserer Leiden. Was nützt euch der Tod von zwei wehrlosen Frauen?«

»Das ist die Mutter des Fleischhauers, der zu Male so viele Franzosen ermordet hat!« rief einer der Söldner. »Sie wird sterben!«

»Ach, nein, nein, Herr!« fuhr die alte Frau fort. »Taucht Eure Hände nicht in mein Blut; ich bitte euch beim bitteren Leiden unseres Erlösers, laßt uns leben! Nehmt alles, was wir besitzen, an Euch.«

»Dein Geld! Dein Gold!« schrie eine Stimme.

Auf diese Worte nahm die Frau ein Kästchen, das hinter ihr stand und warf es den Söldnern zu.

»Hier, ihr Herren,« sprach sie, »das ist alles, was uns auf Erden übrig bleibt; ich schenke es euch freiwillig.«

Das Kistchen sprang auf, und eine Menge Goldstücke und kostbare Juwelen rollten auf den Fußboden. Während die Söldner sich um die Beute balgten, packte einer das junge Mädchen am Arm und schleifte sie unbarmherzig über den Fußboden.

»Mutter, o, Mutter, helft mir!« stöhnte die Jungfrau mit ersterbender Stimme.

Durch die Angst um ihr Kind sinnlos geworden, ward die Mutter von rasender Verzweiflung ergriffen; ihre Augen sanken tief unter die Brauen zurück und glühten wie die Augen eines Wolfes in der Dunkelheit, ihre Lippen gingen zuckend auf und entblößten die Zähne, als hätte die Mutter in diesem unheimlichen Augenblick das Herz einer Tigerin erlangt. Sie sprang wütend auf den Söldner zu und schlang ihre Arme um seinen Kopf; dann faßte sie seine Wange mit ihrer Hand wie mit einer Klaue und grub ihre Fingernägel tief in sein Gesicht und zerriß ihm das Fleisch; schon rannen Blutstropfen auf sein Kinn.

»Mein Kind!« heulte sie. »Mein Kind, du Bösewicht!«

Unter den Händen der rasenden Mutter litt der Söldner unerträgliche Schmerzen; seine Mienen verrieten dies deutlich genug, denn die Augen traten ihm aus dem Kopfe. – Ohne das Mädchen loszulassen, durchbohrte er mit seinem Degen die Brust der Mutter. Die unglückliche Frau ließ von ihrem Feinde ab und taumelte gegen die Dachwand; das Blut rann über ihre Kleider, vor ihren Augen flimmerte es, ihre Gesichtszüge verzerrten sich, und ihre Hände haschten nach einer Stütze.

Der Söldner riß die goldnen Ohrringe aus den Ohren des schreienden Mädchens; er zog die Perlenschnur von ihrem Halse und die Ringe von ihren Fingern. Während er ihr mit einem grausamen Lächeln die Brust durchstieß, sprach er scherzend zu der sterbenden Mutter:

»Ihr werdet die lange Reise zusammen machen, flämische Brut!«

Die Mutter stieß noch einen herzzerreißenden Schrei aus, eilte vor und stürzte dann schwer auf die Leiche ihres Kindes.

Die Beschreibung dieses ergreifenden Schauspiels hat nicht länger als die Tat selbst gedauert. Alle diese Vorgänge begannen und endigten in einigen Augenblicken, so daß die anderen Söldner noch damit beschäftigt waren, die Juwelen zusammenzuraffen, als die Mutter und die Tochter diese Erde mit einer besseren Welt vertauschten.

Als die Plünderer alles, was von irgendwelchem Werte war, geraubt hatten, verließen sie das Haus und eilten nach anderen Orten, um das gleiche Handwerk fortzusetzen. – Die unglücklichen Bürger, die nun aus ihren Häusern vertrieben waren oder nicht darin zu bleiben wagten, irrten in den Straßen umher und wurden von den Franzosen mit Schmähreden bedacht. Wie schmerzlich mußte doch die Ohnmacht und die Verzweiflung für diese flämischen Herzen sein! Wie bitter und wie verzweifelt verwünschten sie den Namen der Franzosen!

Gegen Mittag sprengte eine große Anzahl Reiter durch die Stadt, um die Söldner wieder zurückzurufen; denn Herr de Chatillon hielt dafür, daß die Krone Frankreichs nunmehr hinreichend gerächt sei. Es wurde verkündet, daß man die Leichen begraben und daß jeder in seine Wohnung zurückkehren dürfe.

Einige Klauwaarts, die in das Haus Breydels gegangen waren, hatten die Leichen der beiden Frauen vom Dachboden heruntergeholt und trugen sie auf einer Bahre zum Dammer Tor. Hier war noch ein trauriges Schauspiel zu sehen, das jedes Herz mit Teilnahme erfüllte. Tausende weinender Frauen, schreiender Kinder und gebrechlicher Greise flehten auf den Knien, die Stadt verlassen zu dürfen; doch die Söldner, denen befohlen war, die Tore geschlossen zu halten, hörten auf kein Bitten und antworteten mit höhnischen Scherzen auf die Tränen der geängstigten Bürger. Als sie so geraume Zeit vergeblich gebeten hatten, kam eine der Frauen auf den glücklichen Gedanken, den Wächtern ihre Juwelen zu geben. Von vielen anderen wurde dies nachgeahmt, und bald lagen kostbare Perlenschnüre, Armbänder und Ohrgehänge nebst anderem reichen Zierat vor dem Tore.

Die Söldner griffen gierig nach den blitzenden Gegenständen und versprachen die Tore zu öffnen, wenn man ihnen alle Juwelen schenken würde. – Eiligst warfen die Frauen Geld und Gut auf die Straße, und das Tor ward geöffnet.

Mit frohem Jauchzen wurde die glückliche Befreiung begrüßt; die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm, die Söhne stützten den Vater, und so strömten sie durch das Tor – die Männer, die die Leichen der Mutter und der Schwester von Jan Breydel trugen, folgten den anderen auf der Flucht nach. Hinter ihnen wurde die Stadt wieder verschlossen.

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