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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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12.

Zur Zeit des Krieges von 1296, als die Franzosen ganz Westflandern eingenommen hatten, leistete das Schloß Nieuwenhove ihnen hartnäckigen Widerstand. Eine große Zahl flämischer Ritter hatte sich unter Robrecht van Bethune dort eingeschlossen und wollte sich nicht ergeben, so lange nur noch einer in der Lage war, sich zu verteidigen. Aber die Überzahl der Feinde machte diesen Heldenmut nutzlos; – sie fielen fast alle auf den Mauern der Feste. Als sie durch die umgestürzten Wälle in das Schloß traten, fanden die Franzosen nichts anderes mehr als Leichen, und da sie ihre Wut an keinem Feinde mehr kühlen konnten, steckten sie das Schloß in Brand, brachen die Mauern ab und füllten die Gräben mit Schutt.

Die Überreste von Nieuwenhove lagen zwei Meilen von Brügge entfernt in der Richtung gegen Kortrijk, mitten in einem dichten Walde und ferne von der Behausung der Landleute. Es geschah sehr selten, daß der Fuß eines Menschen die Wildnis dieser Ruinenhaufen betrat, um so weniger, als das unablässige Krächzen der Nachtvögel die abergläubischen Dorfbewohner in den Glauben versetzte, daß die Seelen der gefallenen Flamen nach Rache und Labung riefen.

Obwohl der Brand das ganze Schloß in Flammen gesetzt hatte, war es doch nicht so sehr zerstört, daß die noch aufrecht stehenden Mauern nicht seine ursprünglichen Formen dem Auge gezeigt hätten: das Gebäude bestand noch, aber mit zahllosen Rissen und Sprüngen. Die Dächer waren neben den Mauern, die sie einst gestützt hatten, herabgefallen; und von den scheibenlosen Fenstern war nichts übrig geblieben als die langen steinernen Rippen. Alles trug die Merkmale eiliger Zerstörung; denn einige Teile waren noch unverletzt geblieben, während andere mit vielem Aufwand von Arbeit niedergerissen waren. Auf dem Vorhof, der von der halb abgebrochenen Festungsmauer umringt war, lagen da und dort einige Schutthaufen, die sich zu malerischen kleinen Hügeln erhoben.

Sechs Jahre befand sich Nieuwenhove in diesem Zustand zu der Zeit, die wir zu seiner Beschreibung gewählt haben. Die Pflanzen, deren Samen der Wind zwischen die zerstreuten Steine gesät hatte, hatten sich in der Zwischenzeit ungeheuer vermehrt; und üppiges Gras reckte seine grünen Halme allenthalben in die Höhe – und die Feldblumen, die Lieblingskinder der schönen Natur, bewegten ihre silbernen Kelche auf den Gipfeln der Schutthaufen. An den gebräunten Mauern krochen lange Efeuranken empor und wurzelten sich in den ausgebrannten Fugen der Steine ein; andere Gewächse, wie wilder Wein und Gauchheil, schwangen sich von einer Mauer zur anderen und bildeten so vor den tiefen Rissen ein Gewebe vom reizendsten Grün.

Es war vier Uhr morgens; schwache Dämmerung färbte den östlichen Himmel mit einem zweifelhaften Gelb, und ein Kranz goldener Lichtstrahlen glänzte als Vorbote der Sonne am Rande des Horizonts. Aber die Ruinen von Nieuwenhove waren noch mit grauen Schatten bedeckt; unklare Tinten, die man nicht als Farben betrachten durfte, lagen überall auf der noch schlummernden Natur, während das aufsteigende Tagesgestirn sich schon in den blauen Himmelsgründen spiegelte. Da und dort flog noch eine schwerfällige Nachteule ihrem Schlupfwinkel zu und kreischte giftig gegen den Glanz, der sie vertrieb.

In diesem Augenblicke saß ein Mensch auf einem der Schutthaufen inmitten der Ruinen. Ein Helm ohne Federbusch war mit zwei Backenschnüren auf seinem Kopfe festgeschnallt; ein Harnisch umschloß seinen mächtigen Körper, und Stahlplatten bedeckten seine Glieder. Er lehnte mit seinen Handschuhen auf einem eisernen Schilde, dessen Wappenzeichen man vergeblich gesucht hätte, da nichts darauf zu sehen war als ein langer brauner Streifen. Die Waffen, ja selbst der lange Speer, der neben ihm lag, waren schwarz gefärbt; es hatte den Anschein, als ob der Ritter sich infolge Verzweiflung und Trauer derart ausgerüstet hätte. In geringer Entfernung stand ein Pferd, noch schwärzer als der Ritter; da es ebenfalls mit eisernen Platten gewappnet war, bog das Tier seinen Kopf mühsam bis zum Erdboden und graste die feuchten Spitzen der Pflanzen ab. Das Schlachtschwert, das am Sattel hing, war auffallend groß und schien für eine Riesenhand bestimmt zu sein.

Während tödliche Stille über den Ruinen hing, seufzte der Ritter zuweilen mißmutig vor sich hin, und seine Hände bewegten sich, als ob er mit jemandem spräche. Von Zeit zu Zeit wendete er den Kopf mißtrauisch gegen die Wälder und Wege, die außerhalb des Schlosses lagen, und wenn er sich von seiner Einsamkeit überzeugt hatte, hob er das Visier seines Helms in die Höhe. Dadurch enthüllte er seine Gesichtszüge. Er war ein Mann von vorgeschrittenem Alter, mit gefurchten Wangen und ergrauten Haaren. Obwohl die Merkmale der Trauer auf seinem Antlitz ausgeprägt waren, blieb doch noch genug Feuer in seinem Herzen, um seinen Augen eine außergewöhnliche Lebhaftigkeit zu geben. Nachdem er eine Weile auf die übriggebliebenen Mauern von Nieuwenhove gestarrt, trat ein bitteres Lächeln auf seine Lippen; er ließ den Kopf sinken und schien etwas im Grase zu betrachten; zwei Tränen glänzten unter seinen Lidern und rollten glitzernd in den Sand. – Dann sprach er:

»O Helden, meine Brüder! Euer edles Blut ist zwischen diesen Steinen vergossen worden; unter mir schlafen eure Leichen den ewigen Schlaf – und die einsamen Blumen haben sich gleich heiligen Märtyrerkronen über eurem Gebein erhoben. Glücklich seid ihr, die ihr das schmerzenreiche Leben für das Vaterland habt verlieren dürfen; denn die Sklaverei Flanderns habt ihr nicht gesehen. Frei und herrlich seid ihr gefallen – eure Seelen tragen das Schandmal nicht, das der Fremdling dem Haupt der Flamen aufgedrückt hat. Das Blut dessen, dem ihr den stolzen Namen des Löwen gegeben habt, hat mit dem eurigen diesen Boden genetzt; sein Schwert war ein vernichtender Blitz und sein Schild eine Mauer – aber nun, o Schande! nun sitzt er auf euren einsamen Gräbern und seufzet wie ein Ausgestoßener; nun fließen Tränen der Ohnmacht über seine Wangen wie aus den Augen eines schwachen Weibes ...«

Der Ritter stand plötzlich auf und zog das Visier seines Helmes hastig über sein Gesicht; er kehrte sich nach dem Wege um und schien aufmerksam auf etwas zu lauschen. Ein Geräusch wie die Tritte eines Pferdes ließ sich von weitem vernehmen. Als er sich überzeugt hatte, daß sein Ohr ihn nicht täuschte, hob er den Speer auf und ging schnellen Schrittes zu seinem Traber; nachdem er ihm das Gebiß in das Maul gesteckt, stieg er in den Sattel und ritt hinter eine Mauer, die ihn verbergen sollte. Aber er war noch nicht lange in diesem Versteck, als andere Töne sein Ohr erreichten: in das Klirren von Waffen und das Wiehern galoppierender Pferde mischte sich das Jammergeschrei eines Mädchens. Beim Hören dieser Hilferufe erblaßte der Ritter unter seinem Helm; nicht aus Furcht – die Furcht war ihm ein unbekanntes Gefühl – aber die Ritterehre und die Ritterpflicht befahlen ihm, dieser jammernden Frau zu Hilfe zu eilen. Sein mutiges Herz glühte schon vor Verlangen, eine Unglückliche zu retten, obwohl wichtigere Gründe und ein feierliches Gelübde ihm verboten, sich von jemandem erkennen zu lassen; er erbleichte infolge des Kampfes, den er mit sich selber zu bestehen hatte. Nach einer kleinen Weile kam der Trupp näher, und die Klagen der Jungfrau wurden dem Ritter verständlich.

»O Vater! Vater!« rief sie in einem Tone, der ihre Angst verriet.

Nun wich von dem Ritter alle weitere Überlegung; in dieser Stimme lag ein seltsamer Klang, der sein Herz tief bewegt hatte. Er stieß den Sporn heftig in die Weichen seines Trabers und stürmte über die Schutthaufen vor auf die Straße. Hier sah er in kurzer Entfernung den Zug herankommen. Sechs französische Reiter ohne Speere, sonst aber wohlbewaffnet, sprengten mit verhängten Zügeln daher; einer von ihnen hatte eine Frau vor sich auf dem Sattel und hielt sie mit starken Armen umfaßt. Sie wehrte sich verzweifelt gegen den, der sie so gefangen hielt, und erfüllte die Luft mit schmerzlichen Rufen. Der schwarze Ritter blieb auf der Straße stehen und fällte den Speer, um die Entführer zu erwarten. Verwundert über solch unerwartetes Hindernis, verlangsamten die Reiter den Gang ihrer Rosse und betrachteten diesen schwarzen Kämpfer nicht ohne Furcht. Derjenige, der über sie zu gebieten schien, kam heran und rief:

»Aus dem Wege, Herr Ritter! Aus dem Wege, oder wir rennen Euch über den Haufen!«

»Ich fordere euch, falsche und unehrliche Ritter, auf, diese Frau loszulassen,« lautete die Antwort, »wenn nicht, so erkläre ich mich für ihren Kämpfer!«

»Vorwärts! Vorwärts!« rief der Anführer.

Der schwarze Ritter ließ ihnen keine Zeit, näher zu kommen; er beugte sich über den Hals seines Rosses und stürzte sich plötzlich mitten unter die überraschten Franzosen. Mit dem ersten Stich seines Speeres durchbohrte er den Sturmhut und den Kopf eines Franzosen und schleuderte ihn tödlich verwundet aus dem Sattel; aber während es ihm so gelungen war, einen seiner Feinde unschädlich zu machen, schwangen die anderen alle ihre Schwerter über seinem Kopfe, und schon hatte der Anführer de St. Pol mit einem furchtbaren Hieb die Schulterplatte des schwarzen Ritters weggeschlagen. Dieser, von so vielen Feinden bedrängt, ließ seinen Speer fallen und zog sein Riesenschwert aus der Scheide; er umfaßte den Griff mit beiden Händen und schlug so wild um sich, daß kein Franzmann ihm zu nahen wagte; denn jeder Hieb seiner Waffe fiel wie ein schallender Hammerschlag auf die Rüstung seiner Feinde. Der Reiter, der die Dame trug, wehrte sich mit einem langen Degen und drückte mit der anderen Hand das wehrlose Mädchen fest an seinen Leib. Durch die gewaltigen Aufregungen infolge des Schreckens und der Hoffnung hatte die entführte Jungfrau nicht mehr die Kraft, zu sprechen oder zu jammern; ihre Augen blickten starr und hatten einen unheimlichen Ausdruck, und ihre Wangen, wie zart sie auch waren, hatten sich in bebenden Runzeln verzerrt. Zuweilen streckte sie die Arme aus, als flehte sie den Unbekannten an, der sie befreien sollte; doch bald hing sie wieder machtlos und schlaff über dem Rücken des Pferdes.

Die gewaltigen Schläge der Schwerter auf den Helmen und Schilden hallten durch das umgebende Baumwerk, und unter den Harnischen hervor floß das Blut; aber die Fechter achteten in ihrer Rachegier dessen nicht und setzten keuchend den Kampf fort. Die Rüstungen waren an vielen Stellen durchschlagen, und das Pferd de St. Pols hatte eine klaffende Wunde im Nacken; es ließ sich daher von seinem Herrn nicht mehr so leicht lenken, und dieser hatte die größte Mühe, um den Schlägen des schwarzen Ritters auszuweichen. Als er sah, daß der Kampf für die Franzosen eine sehr bedenkliche Wendung nahm, gab er dem Söldner, der die Frau festhielt, einen Wink. Der Reiter verstand ihn und machte den Versuch, dem Befehle gemäß von dem Schlachtfeld zu flüchten; aber der schwarze Ritter erriet die Absicht, gab seinem Traber die Sporen und sprengte plötzlich vor den Söldner. Während er die Schläge der übrigen Feinde geschickt abzuwehren verstand, rief er:

»Wenn dir Leib und Leben lieb ist, so setze diese Dame ab!«

Ohne auf diesen Befehl zu achten, lenkte der Söldner sein Pferd seitwärts und wollte die Straße verlassen; aber das Schwert des Ritters schmetterte mit verdoppelter Kraft auf seinen Helm nieder und spaltete ihm den Kopf bis zu den Schultern. Das Blut schoß in dicken Strahlen aus dem Nacken des Reiters auf das weiße Kleid der Jungfrau; ihre feinen blonden Locken wurden damit getränkt und färbten sich dunkelrot. Der Franzose fiel aus dem Sattel; mit ihm sank die Frau zur Erde.

Unterdessen hatte der schwarze Ritter noch einen anderen Franzosen niedergestreckt, und es blieben ihm nur noch drei Feinde übrig. Der Kampf schien jetzt noch hartnäckiger zu werden; denn beim Anblick des rauchenden Blutes wurden diese streitbaren Männer wie vom Wahnsinn erfaßt; die hin und her gerissenen Pferde wieherten bei jedem Schlag, der auf ihre eiserne Bedeckung niederfiel. Das Mädchen lag ohnmächtig zwischen ihren Füßen. Da sie bei dem Fall zuerst aus dem Sattel gesunken war, lag die blutende Leiche des Söldners über ihr. Verwunderlich war es, daß die Pferde sie nicht verletzten; die Hufe der Pferde stampften nur die Straße und bedeckten die Wangen der Jungfrau mit Kot und Staub.

Die Kämpfer keuchten nach Atem, und waren alle durch schwere Beulen oder Blutverlust geschwächt; dennoch hielten sie nicht inne und riefen, daß sie bis zum Tode fechten würden. Plötzlich trat der Traber des schwarzen Ritters einige Schritte zurück und blieb stehen. Die Franzosen freuten sich beim Anblick der weichenden Bewegung ihres Feindes. Sie glaubten, er bedürfe der Ruhe und würde es bald aufgeben; aber sie täuschten sich; er sprengte wieder mit verhängtem Zügel gegen sie an und hatte seinen Schlag so genau berechnet, daß der Kopf des vordersten Söldners mit dem Helm in den Straßengraben flog. Durch diese Wundertat erschreckt und verblüfft, floh de St. Pol mit seinem übriggebliebenen Kameraden vom Schlachtfeld; sie trieben ihre Pferde an, daß sie wie Pfeile dahinstoben, und verließen den schwarzen Ritter in dem festen Glauben, daß er sich teuflischer Künste bedient habe.

Dieser Kampf hatte nur einige Minuten gedauert; denn die Hiebe der Streiter waren ohne Unterlaß gefallen, deshalb war die Sonne noch nicht über dem Horizont erschienen und die Felder waren noch nicht von ihren Strahlen beleuchtet; aber schon stiegen die Nebel über dem Wald auf und die Wipfel der Bäume schmückten sich mit lieblicherem Grün.

Als der Ritter sich als Herr des Schlachtfeldes sah und keine Feinde mehr gewahrte, stieg er von seinem Pferde, band es an einen Baum und näherte sich der regungslosen Jungfrau. Sie lag ausgestreckt unter der Leiche des Söldners und gab kein Lebenszeichen mehr von sich; der Erdboden rings um sie her war von den Hufen der Rosse zerwühlt und zu Schlamm geknetet. Unmöglich war es dem schwarzen Ritter, ihre Gesichtszüge zu erkennen; das Blut des Franzosen war auf ihren Wangen mit Erde gemischt, und ihre langen Locken waren durch die Füße der Pferde in den Staub getreten. Ohne längere Untersuchung hob der Ritter das unglückliche Opfer vom Boden auf und trug es in die Ruinen von Nieuwenhove. Hier legte er sie sachte auf das Gras des Vorhofes und begab sich in den übriggebliebenen Teil des Gebäudes. Zwischen den aufrechten Mauern fand er noch einen Saal, dessen Gewölbe nicht eingestürzt war und der noch als Versteck dienen konnte. Die Scheiben der Fenster waren zwar durch die Flammen gesprungen und geschmolzen, aber die übrigen Teile waren noch ganz; lange Stücke von zerrissenen Teppichen hingen an der Wand und Teile zertrümmerter Schränke lagen unordentlich auf dem Boden umher. Der Ritter raffte einige dieser Reste zusammen und schichtete sie mit Brettern derart auf, daß das Ganze einer Bettstätte ähnelte; dann riß er die Teppiche vollends von den Wänden und legte sie auf das Lager.

Erfreut über das Auffinden dieses günstigen Platzes, kehrte er zu der ohnmächtigen Jungfrau zurück und trug sie in den Saal. Mit ängstlicher Sorgfalt ließ er sie auf die wunderliche Bettstätte nieder und legte noch ein Stück eines Teppichs unter ihren Kopf. Kein anderes Gefühl als das Gefühl edler Menschenliebe und der Ritterpflicht trieb ihn zu diesen Bemühungen an. Um sich zu versichern, daß sie nicht verwundet sei, untersuchte er genau ihre Kleider und fand zu seiner großen Freude, daß das Blut nur an ihrem Reitkleid hing und daß ihr Herz noch deutlich klopfte. Die Ehrerbietung vor dieser Frau erlaubte ihm nicht, seine Untersuchung noch weiter auszudehnen; nachdem er ihr Mund und Augen abgewischt, verließ er die Ruinen und kehrte nach der Straße zurück, wo die Leichen seiner Feinde lagen; er nahm den Helm eines toten Franzosen und schöpfte ihn voll Wasser aus dem Bache, der dicht beim Kampfplatz vorbeifloß; dann erfaßte er den Zügel seines Trabers und führte diesen in einen Winkel des Schlosses. Im Saale wieder angekommen, riß er ein Stück von seinem Koller ab, den er unter seinem Harnisch trug, und wusch damit das Antlitz der Jungfrau ab. Obwohl der völlige Tagesanbruch nahe war, war es unter diesem Gewölbe noch ziemlich düster; denn der Ritter konnte nicht sehen, ob die Wangen der Jungfrau ganz von Blut und Staub gereinigt seien. Er wusch ihr Kopf, Hals und Hände und deckte sie zum Schutz gegen die Morgenkühle mit einem großen Stück Teppich zu, das er von der Wand riß.

Nachdem er so alle Mittel, die in seinem Bereich lagen, angewendet hatte, und überzeugt war, daß die Jungfrau lebte, überließ er es der Ruhe und der Natur, sie neu zu stärken, und kehrte zu seinem Pferde zurück; er wischte die Rüstung mit Gras ab, um die blutigen Spuren des Kampfes zu entfernen, und machte sich dann daran, auf dem Vorhofe das lange Gras abzureißen und auf einen Haufen zusammenzuwerfen. Die Arbeit kostete ihn geraume Zeit; doch er ward es nicht müde und gebrauchte willig seine edlen Hände zu diesem niedrigen Werke; endlich brachte er seinem Traber einen Arm voll saftiger Nahrung.

Nun war die Sonne emporgestiegen, und ihre Strahlen hatten die Felder mit hellen Farben übergossen. Jetzt drang auch durch das Fenster des Saales genügend Helligkeit, daß man alle Gegenstände erkennen konnte. In der Hoffnung, das junge Mädchen besser sehen zu können, begab sich der Ritter dahin. – Die Jungfrau saß aufrecht auf dem Lager und starrte mit verwunderten Blicken auf die schwarzen Wände ihrer ungastlichen Behausung; sie riß die Augen weit auf und schien ganz verstört; ihre Wimpern senkten sich nicht und waren völlig bewegungslos. Sobald der Ritter ihr sein Gesicht zugewendet hatte, ging ihm ein plötzliches Zittern durch alle Glieder; er erbleichte und fühlte, daß ihn ein Schwindel ergriff, der ihm die Sprache nahm; – anstatt der Worte, die er zu bilden gedachte, kamen nur unverständliche Töne aus seinem Munde. In tiefer Bewegung stürzte er vor, umarmte die Jungfrau und preßte sie in heißer Liebe an seine Brust.

»Mein Kind! Meine unglückliche Machteld!« rief er verzweifelt. »Muß ich darum mein Gefängnis verlassen, um dich so wiederzufinden – in den Armen des Todes!«

Das Mädchen hob mit Abscheu die Hand gegen den Ritter und stieß ihn heftig von sich.

»Verräter!« sprach sie. »Wie kannst du es wagen, die Tochter des Grafen von Flandern zu mißhandeln! Schämst du dich nicht, eine wehrlose Jungfrau mit Gewalt zu entführen? Aber Gott wacht über mich. Sein Blitz wird dich zerschmettern. Höre: deine Strafe naht. – Hörst du, wie der Donner grollt, Bösewicht! ...«

Als er diese Worte hörte, kam ein Tränenstrom aus den Augen des Ritters; er riß sich ungestüm den Helm vom Kopfe, und nun konnte man sehen, wie seine Wangen sich so reichlich mit dem glänzenden Naß netzten.

»O, meine geliebte Machteld!« rief er. »Erkenne mich doch! Ich bin dein Vater Robrecht, den du so liebst, der in seinem Kerker so sehr um dich getrauert hat. Himmel! Du stößt mich von dir? ...«

»Nun zitterst du, ehrloser Entführer! Nun wird dein Herz von der Furcht der Bösewichter ergriffen. Aber es gibt keine Gnade für dich. – Der Löwe, mein Vater, wird mich rächen; du wirst nicht ungestraft das gräfliche Blut von Flandern geschmäht haben. Still! ... ich höre das Gebrüll des Löwen ... mein Vater kommt ... die Erde dröhnt unter seinen Schritten. Für mich einen Kuß, für dich den Tod, o Freude!«

Jedes Wort fuhr wie ein giftiger Pfeil durch das Herz des Ritters. Alle Qualen der Hölle wühlten in seinem Busen, und er ward von unsäglicher Traurigkeit ergriffen; heiße Tränen rannen durch die Furchen seiner Wangen, und er schlug sich verzweifelt an die Brust.

»O, erkenne mich doch, mein armes Kind!« rief er. »Stirb mir nicht. Lache nicht so bitter – deine Blicke töten mich. Ich bin der Löwe, den du liebst, der Vater, den du rufst.«

»Du der Löwe?« antwortete Machteld mit Verachtung. »Du der Löwe! O Lästerer! Höre ich nicht die Sprache der Königin Johanna aus deinem Munde? Die Sprache ... die schmeichelt und verrät ... Der Löwe ist auch gegangen ... man sagte ihm: komm! und eine Kette ... ein Kerker, ein güldner Becher und Gift. – O Frankreich! Frankreich! Sein Blut ... und ich auch ... ich, sein Kind ... Aber du bedenkst nicht, daß das Grab eine Zuflucht ist. Eine Seele kann bei Gott im Himmel nicht entehrt werden!«

Der Ritter konnte seine Verzweiflung nicht bezwingen; er umarmte nochmals das Mädchen und rief:

»Aber du hörst doch, mein Kind, daß ich die Sprache meiner Väter spreche. Welch bitteres Leiden hat dich denn gemartert, daß dein Geist sich derart verwirrt hat? Erinnere dich, daß unser Freund, Herr Adolf van Nieuwland, mich ablöste; und nenne mich nicht mehr Verräter und Bösewicht, denn deine Worte zerreißen mir das Herz.«

Bei dem Namen Adolf erhellten sich die zuckenden Wangen der Jungfrau. Ein sanftes Lächeln vertrieb den schmerzlichen Ausdruck von ihrem Gesicht; und ohne den Ritter von sich zu stoßen, antwortete sie mit ruhiger Stimme:

»Adolf, hast du gesagt? Adolf ist fort, um den Löwen zu holen. Hast du ihn gesehen? Er hat zu dir von der unglücklichen Machteld gesprochen, nicht wahr? O, ja – er ist mein Bruder! Er hat ein Lied für mich gemacht ... Still! Ich höre die Saiten seiner Harfe ... Welch schönes Lied! Aber was ist das? Ja, mein Vater kommt! ... ich sehe schon einen Strahl ... ein heiliges Licht ... Fort, Ehrloser! ...«

Jetzt gingen ihre Worte in dumpfe Töne über, und ihre Rede wurde unverständlich. Ihre Gesichtszüge wurden von einem schmerzlichen Ausdruck verdüstert.

Der Ritter erschrak, als sie ihn mit drohenden Blicken betrachtete. Von tiefem Weh gefoltert, wußte er nicht, was er tun sollte, und fühlte seinen Mut sinken. Wortlos erfaßte er die Hand der kranken Jungfrau und benetzte sie mit Tränen der Liebe und des Kummers. Aber bald riß sie ihre Hand aus der seinen und rief:

»Diese Hand ist nicht für einen Franzosen! – Ein falscher Ritter, ein Entführer wie du, darf sie nicht berühren. Deine Tränen sind Flecken, die der Löwe mit Blut abwaschen wird. Erschrecke, du Schlange! Zittere, denn der Augenblick ist nahe. Siehst du dieses Blut auf meinem Kleide? Das ist auch französisches Blut!«

Der Ritter konnte den Folterqualen nicht mehr widerstehen; er fiel mit flehenden Mienen vor der Jungfrau auf die Knie und stöhnte:

»Um des Himmels willen, meine unglückselige Machteld, stoße die Liebe deines Vaters nicht länger von dir. Laß meine traurige Reise nicht vergeblich sein. Kannst du meine Tränen so gleichgültig betrachten und wird deine teure Stimme kein einziges Trostwort mehr äußern? Willst du mich vor Kummer zu deinen Füßen sterben lassen? O, ich bitte dich, dich, der ich das Leben gab, einen Kuß, o, einen Kuß von deinem Munde!«

Die Jungfrau betrachtete ihn mit Abscheu.

»Ein Wort!« begann der Ritter wieder. »Nenne mich deinen Vater, verstoße mich nicht mehr. Wüßtest du, unglückliches Kind, welch furchtbare Schmerzen deine Abweisung mir bereitet, könntest du die Angst deines Vaters ermessen ... Aber nein, du redest irre: die Verfolgung der Franzosen hat deinen Geist getrübt. O Verzweiflung!«

Er wollte sein fieberndes Kind in die Arme drücken; aber sie erschrak heftig bei seinen Bemühungen und rief mit schneidender Stimme:

»Gehe fort – strecke deine Arme nicht nach mir aus. Es sind Schlangen, die das Gift der Unehre in sich tragen. O, berühre mich nicht – hör' auf, Bösewicht! – Hilfe! Hilfe!«

Durch eine kräftige Bewegung riß sie sich aus den Armen des Ritters und sprang schreiend vom Lager auf; in ihrer Verwirrung rannte sie nach dem Eingang des Saales und wollte entfliehen. Der Ritter bebte und eilte ängstlich hinzu, um sie zurückzuhalten. Wie furchtbar war dieser Anblick, wie unfaßbar die Qual des Ritters! Er umfaßte seine unglückliche Tochter mit banger Sorge und bemühte sich, sie zum Lager zurückzuführen; aber sie sah ihn in ihrer Verwirrung für einen Feind an und leistete ihrem verzweifelten Vater heftigen Widerstand. Durch übermenschlich erscheinende Anstrengungen gelang es ihr zuweilen, sich seinen Händen zu entwinden, und zwang sie ihn, ihr in den Saal zu folgen; sie schrie entsetzlich und schlug wild nach ihm. Um sie an der Flucht zu verhindern, sah der Vater sich genötigt, sie mit Gewalt zurückzuhalten und sie fest an sich zu pressen. Seine ganze Manneskraft aufbietend, hob er das schreiende Mädchen auf und legte sie wieder auf das Bett. Sie musterte ihn mit vorwurfsvoller Miene und begann bitterlich zu weinen.

»Du hast die Kräfte eines Mädchens besiegt,« seufzte sie, »du falscher Ritter! Was zauderst du noch? Niemand sieht ja dein Verbrechen – als Gott allein? Aber Gott hat den Tod zwischen uns beide gestellt. Ein Grab gähnt zwischen uns. Drum weinst du ...«

Der unglückliche Vater war durch Schmerz und Qual derart bewegt, daß er diese Worte nicht hörte. Er setzte sich verzweifelt wieder auf den Stein und betrachtete sein weinendes Kind mit irren Blicken; unerträgliche Martern machten ihn sprachlos, und der Mut entsank ihm; sein Kopf fiel matt auf die Brust herab.

Unterdessen hatten Machtelds Augen sich geschlossen, und sie schien zu schlafen. Ein heller Strahl der Hoffnung drang in das Herz des Vaters: diese Ruhe konnte sein Leid und die Schmerzen seiner Tochter lindern. In diesem Gedanken verhielt er sich regungslos und störte den Schlaf der Jungfrau nicht; er betrachtete sie nur mit liebevollen Blicken und schöpfte daraus bei allem Kummer noch einigen Genuß.

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