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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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11.

Schon waren Monate vergangen seit der Übergabe von Brügge. De Chatillon hatte Herrn de Mortenay zum Stadtvogt ernannt und war nach Kortrijk zurückgekehrt; denn er traute den Brüggern nicht genug, um innerhalb ihrer Mauern zu wohnen. Die Söldner, die er in der eroberten Stadt zurückgelassen hatte, begingen allerlei Missetaten und plagten die Bewohner in der bösartigsten Weise. Dieses Zwanges überdrüssig, kehrten die meisten fremden Kaufleute in ihr Vaterland zurück, und der Handel von Brügge kam täglich mehr herunter. Die Handwerksleute sahen mit Kummer und heißer Rachlust auf den Untergang ihres Wohlstandes nieder; doch die Maßregeln, die die Franzosen getroffen hatten, waren streng genug, um die Wut der Bürger im Zaum zu halten. Ein Teil der Festungswerke war geschleift, und man baute ein starkes Schloß, um die Stadt zu beherrschen und zu bezwingen.

Zur großen Verwunderung seiner Stadtgenossen ließ de Coninck ohne Widerstreben dies alles geschehen und wandelte ruhig und gleichmütig durch die Straßen. In den Versammlungen der Weber verhieß er die Befreiung des Vaterlandes und hielt so die Herzen seiner Brüder warm und erfüllte sie mit edler Hoffnung.

Breydel war nicht mehr zu erkennen: düsteres Sinnen hatte seine jugendlichen Gesichtszüge gealtert, und seine Augenbrauen waren beinahe über die Wimpern herabgesunken. Das stolze Haupt des tapferen Flamen war gebeugt, als hätte eine schwere Last ihn niedergedrückt. Die Unterwerfung und der Anblick der aufgeblasenen Franzosen waren Nattern, die sich um sein Herz geschlungen hatten und es grausam zerfleischten. Für ihn gab es weder Freude noch Vergnügen mehr, und selten verließ er sein Haus; denn jetzt war das besiegte Brügge ihm ein Kerker, dessen Luft ihn erstickte. Dieser mächtige Schmerz verließ ihn keinen Augenblick, und seine Brüder konnten ihn durch nichts trösten oder aufmuntern. In den Augen der Franzosen war für ihn das Hohnwort: Sklave! gleich einem Vorwurf zu lesen.

Eines Morgens stand er sehr früh in seinem Laden, und indem er das nächtliche Sinnen fortsetzte, lehnte er sich mit der Linken auf einen Hackblock; seine flackernden Blicke irrten zwischen den Fleischstücken, die an der Wand hingen, umher, er sah sie nicht; denn seine Seele verweilte bei anderen Dingen. Nachdem er also geraume Zeit regungslos geblieben war, umfaßte seine Rechte unbewußt ein Schlachtbeil, das, viel größer als die anderen, für einen besonderen Gebrauch bestimmt schien. Sobald der blitzende Stahl ihm in die Augen fiel, ging ein geheimnisvolles Lächeln über seine grimmigen Gesichtszüge, und er starrte lange auf das Mordwerkzeug. Plötzlich ward sein Antlitz düster und traurig; er sah wie geistesverwirrt vor sich hin, und von seinen Lippen kam langsam die Klage:

»Es ist vorbei – keine Hoffnung auf Befreiung mehr! ... Wir müssen den Kopf senken und weinen über unser unterworfenes Vaterland. Nun laufen die triumphierenden Franzosen täglich durch die Stadt, jeden höhnend, jeden verspottend ... und wir, wir Flamen, wir müssen es ertragen, es hinunterwürgen! O Gott, wie grausam ist er, der Wurm der Verzweiflung, der mir am Herzen nagt!«

Er umklammerte sein Beil grimmig mit der Faust und sprach, indem er das Mordwerkzeug weiter betrachtete:

»Und du, meine treue Waffe, wozu wirst du mir fortan dienen können? Kein Vaterland mehr zu rächen, kein fremdes Blut mehr zu vergießen ... Tränen der Scham besprengen dich ... Breydel weint wie ein Weib ...« Plötzlich prägte sich rasende Wut auf seinem Gesicht aus; er schleuderte sein Beil zu Boden und setzte den Fuß darauf.

»Fort!« rief er. »Ein Sklave braucht keine Waffe!« und dann stützte er sich wieder mit der Hand auf den Hackblock.

Da ging die Ladentüre auf, und Breydel verwunderte sich höchlichst, als er in dem Eintretenden de Coninck erkannte.

»Ich wünsche Euch guten Tag, Meister,« sprach er; »welch schmerzliche Kunde bringt Ihr so früh?«

»Mein Freund Jan,« antwortete de Coninck, »ich frage Euch nicht, warum Ihr so traurig seid: ich kenne Eure edelmütige Seele. – Der Gedanke an die Sklaverei macht Euch todkrank; dies sehe ich wohl.«

»Schweigt, Meister, schweigt davon; denn mich dünkt, daß die Wände meines Hauses dieses Wort höhnend widerhallen lassen. O Freund, wenn ich auf den Mauern unserer Stadt gestorben wäre, dann hätte ich mir solch bitteren Schmerz erspart! – Wie viele feindliche Franzosen hätten neben mir ihr Grab gefunden! Aber die ruhmreichen Tage sind vorüber ...«

De Coninck blickte bewegt auf den Dekan der Fleischhauer; er verstand durch sein eigenes Leiden, wie tödlich dieser Schmerz für eine Seele wie die Breydels sein mußte – und antwortete:

»Tröstet Euch doch, mein Freund, und bedenkt, daß das Feuer, das unter der Asche glimmt, deshalb nicht erlischt. Dereinst kehren die ruhmreichen Tage wieder; die Nebelluft der Sklaverei klärt sich auf; die Sonne der Freiheit hat schon einige Strahlen auf uns herabgesandt. Dies versteht Ihr nicht; aber ob Ihr mir glauben wollt oder nicht: die Stunde der Befreiung naht! Heute sind wir noch nicht genug unterdrückt; die Ketten der Sklaverei müssen schmerzlicher drücken, damit selbst die Feiglinge sie sprengen. – Und dann, mein tapferer Bruder, dann wird unsere Vaterstadt den schwarzen Löwen von Flandern in die Wolken erheben.«

Breydel betrachtete den Dekan der Weber bei diesen Worten mit einem seltsamen Ausdruck; ein Lächeln des Glückes und der Hoffnung erhellte sein Gesicht, und als wollte sein bekümmertes Herz sich entlasten, stieg ein langer Seufzer aus seiner Brust. Er ergriff die Hand de Conincks, führte sie an sein Herz und sprach:

»Ihr allein, o Freund, kennt mich! Ihr allein könnt meine Seele erheitern und trösten.«

»Aber, Meister Jan,« versetzte de Coninck, »mein Besuch hat einen anderen Zweck. Ihr wißt, daß wir gelobt haben, über die junge Machteld zu wachen?«

»Verdammnis!« rief Breydel ungestüm.

Eine bange Ahnung rötete seine Wangen mit dem Feuer des Zornes, und er seufzte:

»Mein Freund, welch schreckliche – welch schändliche Kunde?«

»Die Franzosen haben die Tochter unseres Herrn aufgehoben und fortgeführt,« lautete die Antwort.

Der Fleischhauer trat einen Schritt vor, hob das Schlachtbeil vom Boden auf und umklammerte es in siedender Wut mit der Faust. Seine Lippen bewegten sich zwar, aber kein Wort kam aus seinem Munde; endlich rannen zwei glitzernde Tränen auf seine Wangen – Tränen der Wut und der Rachsucht.

»O, Löwe von Flandern!« brach er los. »So handeln sie mit deinen Kindern! Und ich soll es dulden? Nein, nein. Es ist vorbei, de Coninck, – es ist vorbei. Ich höre auf nichts mehr – heute muß ich Blut sehen, viel Blut oder ich sterbe!«

»Beruhigt Euch, mein Freund,« antwortete de Coninck, »beruhigt Euch und seid vernünftig; denn Euer Leben gehört dem Vaterland, und Ihr dürft es nicht unnütz wagen.«

»Ich will nichts hören,« versetzte Breydel, »ich danke Euch für Euren weisen Rat, aber [weder werde], noch kann ich ihm folgen; sparet Eure Worte, sie sind vergeblich!«

»Aber, Meister Jan, laßt Euch nicht so hinreißen. Ihr könnt doch nicht allein die Franzosen vertreiben?«

»Das ist gleich. So weit denke ich nicht. Rache für die Tochter des Löwen, und dann den Tod. O, nun bin ich glücklich – meine Seele hat sich losgerissen, das Herz schlägt mir nun wieder so stark und so kräftig! Aber ich will mich beruhigen. Sagt mir denn weiter, was Ihr sonst noch von dem Vorgang wißt.«

»O, nicht viel! Diesen Morgen hat man mich sehr früh geweckt, um eine Dienerin des Herrn van Nieuwland zu empfangen. Aus deren Reden entnahm ich, daß die edle Machteld des Nachts fortgeführt worden ist und daß der Verräter Brakels den Franzosen als Geleitsmann gedient hat.«

»Brakels!« rief Breydel. »Noch einer mehr für mein Beil. Er wird den Franzosen nicht mehr dienen!«

»Wohin man die Jungfrau geführt hat, weiß ich nicht. Man könnte vielleicht annehmen ins Schloß Male; denn die Dienerin hat diesen Namen zweimal von den Söldnern nennen hören. Ihr seht wohl, Breydel, daß es besser wäre, nähere Aufschlüsse abzuwarten, als so unbesonnen vorzugehen; übrigens ist es beinahe sicher, daß die Jungfrau bereits nach Frankreich gebracht worden ist.«

»Ihr klopft an eines tauben Mannes Tür, mein Freund,« rief Breydel; »fürwahr, ich sage Euch, nichts kann mich bewegen. Ich will und werde ausgehen. Vergebt mir, wenn ich Euch stehenden Fußes verlasse.«

Er verbarg das Beil unter seinem Mantel und wendete sich hastigen Schrittes zur Türe; aber de Coninck hatte sich durch eine noch schnellere Bewegung vor ihn gestellt und verhinderte ihn so, den Ausgang zu gewinnen. Wie ein Tiger, der in eine Falle gegangen ist, ließ Breydel seine flüchtigen Blicke im Laden umhergehen und schien einen Ausweg zu suchen. Sein Körper neigte sich vornüber, und seine Glieder strafften sich, als bereiteten sie sich vor, sich auf das Hindernis seiner Flucht zu stürzen.

»Laßt diese nutzlosen Anstrengungen,« redete de Coninck ihm zu; »ich versichere Euch, daß Ihr nicht mit dem Beil ausgehen werdet. Ihr seid mir ein zu teurer Freund und ich halte es für meine Pflicht, Euch vor Unheil zu behüten.«

»Laßt mich durch, Meister Pieter,« rief der Dekan der Fleischhauer, »ich bitte Euch, laßt mich hinausgehen! Ihr martert mich unbarmherzig.«

»Nein, darin bin ich unerbittlich. Glaubt Ihr, daß Ihr Euer Herr seid, daß Ihr Euer Leben nach Belieben aufs Spiel setzen dürft! O, nein, Meister: Gott hat Euch mit einer größeren Seele begabt, und das Vaterland hat mächtigere Glieder in Euch genährt, um Euch als Brustwehr der Freiheit leben zu lassen. Gedenket dieser erhabenen Berufung, Meister, und verschwendet Eure Gaben nicht in unnützen Rachespielereien.«

Während de Coninck also sprach, legte sich die Heftigkeit des Fleischhauers. Seine Haltung ward ruhig, und man hätte sagen können, daß er sich durch die weisen Gründe seines Freundes hatte überzeugen lassen. Dies war zwar keine Verstellung; aber es war auch nicht der wahre Ausdruck seiner Empfindungen. Er schwankte zwischen Rachlust und Ruhe, ohne innerlich zur Ruhe kommen zu können.

»Ihr habt recht, mein Freund,« sprach er, »ich lasse mich zu leicht hinreißen; denn Ihr wißt es, es gibt Leidenschaften, deren Einwirkungen man nicht widerstehen kann. Ich werde meine Waffe wieder dort an die Wand hängen; nun werdet Ihr mich aber doch hinauslassen, denn ich muß heute noch nach Thourout, um Vieh zu holen.«

»Nun will ich Euch nicht länger zurückhalten, obwohl ich weiß, daß Ihr heute nicht nach Thourout gehen werdet.«

»Gewiß, Meister, ich habe kein Vieh mehr in meinen Ställen, und ich muß mich noch vor der Nacht versorgen.«

»Ihr könnt mich nicht täuschen, Meister Jan; ich kenne Euch zu lange. Durch Eure Augäpfel sehe ich in den Grund Eurer Seele: – Ihr geht geradeswegs nach Male.«

»Ein Zauberer seid Ihr, Meister Pieter; denn Ihr kennt meine Gedanken besser als ich selbst. Aber ich versichere Euch, daß dies nur geschieht, um nach der unglücklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich verspreche Euch, die Rache bis zu einer günstigeren Zeit aufzuschieben.«

Die beiden Dekane gingen gemeinsam zur Türe hinaus und trennten sich, nachdem sie noch einige Zeit auf der Straße miteinander gesprochen hatten.

Breydel erreichte nach einer halben Stunde Gehens das Dorf Male.

Die Herrschaft Male liegt eine kleine Meile von Brügge entfernt. Zur Zeit unserer Erzählung bestand sie in der Hauptsache aus etwa dreißig Strohhütten, die hier und da in das Rechtsgebiet des Lehensschlosses eingebaut waren. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern, die das Dorf umgaben, waren durch menschliche Arbeit die fruchtbarsten Felder entstanden. Da die Erde in dieser Gegend ihren Bewohnern dankbar erschien und sie mit reicher Ernte belohnte, konnte man leicht zu der Meinung kommen, daß die Bauern von Male sich guten Wohlstands erfreuten. Und dennoch trugen die Kleidung und das ganze Äußere der Einwohner das Merkmal der Dürftigkeit. Sklaverei und strenge Herrschaft waren die Quellen ihrer Armut; der Schweiß ihres Angesichts floß weder für sie noch für ihre Familien. Alles war für den Lehensherrn, ihren Gebieter, und glücklich schätzten sie sich, wenn ihnen nach Ablieferung der Abgaben noch genug blieb, um ihre Glieder das Jahr über für die schwere Arbeit zu nähren.

In geringer Entfernung vom Schlosse war ein viereckiger Marktplatz, um den einige Steinhäuser näher zusammengebaut waren; in der Mitte stand eine steinerne Säule, wie eine Nadel aufgerichtet, und an dieser befand sich eine Kette mit dem eisernen Halsband. Dies war das Kennzeichen der gräflichen Rechtspflege und der Pranger, an dem man die Verbrecher zur Schau stellte. Auf der einen Seite war eine kleine Kapelle angebaut, und der Kirchhof schob seine Mauern bis an den Marktplatz vor.

Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder Taverne, wo in Male Wein und Bier verzapft wurde. Der Name dieser Schenke war über der Türe bildlich dargestellt, aber so grob und so ungeschickt gemeißelt, daß es schwer gewesen wäre, St. Martin in diesem steinernen Bilde zu erkennen. Der untere Raum war so weit, wie die Außenmauern reichten. Eine breite, unförmliche Herdstätte, deren Platte einige Fuß breit vorsprang, füllte den Hintergrund der Stube aus und ließ weiter keinen Platz übrig, als auf jeder Seite ein Eckchen, wo die Samen und Pflanzwurzeln zum Trocknen hingen. Die übrigen Wände waren mit Kalk geweißt und mit allerlei Holz- und Zinngeschirr beladen; eine Hellebarde und eine Anzahl großer Messer in Lederscheiden hingen an einer Stelle, die für sie besonders gut geeignet war. Der Rauch, der beständig vom Herde in die Stube drang, hatte die Balken der Decke mit einer trüben Farbe gefärbt – einer Farbe, so fahl und so braun wie die Dunkelheit, die überall herrschte, und dies gab dem Ganzen ein frostiges Aussehen. Obwohl die Sonne heiß schien, war die Beleuchtung sehr unsicher; denn die Fenster, halb romanischen, halb gotischen Stils, waren sieben Fuß über dem Fußboden angebracht und aus kleinen Scheiben gebildet. Schwere Stühle und noch schwerere Tische standen hier und dort in der Stube.

Die Wirtin ging ab und zu, um die zahlreichen Personen, die sich in diesem Augenblicke mit Trinken belustigten, zu bedienen. Die zinnernen Kannen oder Becher standen nicht still, und die heiteren Rufe der Gäste vermischten sich zu einem wirren Gesumme, aus dem man nichts verstehen konnte. Am Herde merkte man an den männlichen und energischen Klängen, daß dort Flämisch gesprochen wurde, während in der Stube selbst mehr lispelnde Töne das Französische verrieten. Unter denjenigen, die sich in dieser ausländischen Sprache ausdrückten, war einer, namens Leroux, der seinen Worten mehr Nachdruck gab und wie ein Vorgesetzter zu seinen Kameraden sprach; indessen war er nur Söldner wie sie, aber sein außergewöhnlich starker Körperbau und die Kraft, die ihm eigen war, hatten ihm diese Autorität verschafft.

Während die französischen Kriegsknechte ihre Kannen unter fröhlichen Ausrufen leerten, kam ein anderer Söldner in den Krug und sagte ihnen:

»Ja, Gesellen, ich bringe gute Neuigkeit. Wir werden dieses verfluchte Flandernland verlassen; und vielleicht sehen wir morgen schon unser schönes Frankreich wieder!«

Die Söldner kamen in Erstaunen bei dieser Rede und richteten ihre Blicke mit forschendem Zweifel auf den Boten.

»Ja,« versetzte dieser, »morgen reisen wir mit der schönen Edelfrau, die uns vergangene Nacht so unzeitig besucht hat.«

»Ist es die Wahrheit, was du sagst?« fragte Leroux.

»Sicher ist es die Wahrheit. Unser Herr de St. Pol hat mich gesandt, euch zu benachrichtigen.«

»Ich glaube dir, denn du bist stets ein Unglücksrabe!« rief Leroux.

»Ei, warum erbittert dich die Kunde? Kehrst du nicht gerne nach Frankreich zurück?«

»Durchaus nicht! Wir genießen hier die Früchte des Sieges, und es wäre mir nicht verlockend, sie so früh verlassen zu müssen.«

»Ho, dann erzürne dich nicht so sehr: wir kommen in einigen Tagen zurück. Wir müssen Herrn de St. Pol nur bis Rijssel begleiten.«

In dem Augenblicke, da Leroux antworten wollte, ging die Türe auf, und ein Flame kam in den Krug. Er betrachtete die Franzosen kühn und frei, ließ sich allein an einem Tische nieder und rief:

»He, Wirt! eine Doppelkanne Bier. Schnell, denn ich habe Eile!«

»Sogleich, Meister Breydel,« lautete die Antwort.

»Das ist ein schöner Flaming,« wisperte ein Söldner Leroux ins Ohr. »Er ist zwar nicht so lang wie du, aber welch mächtiger Körper, und die Stimme! Das ist kein Bauer!«

»Wahrhaftig,« antwortete Leroux, »er ist ein hübscher Kerl; er hat Augen wie ein Löwe. Ich fühle mich ihm in Freundschaft zugeneigt.«

»Wirtin!« rief Breydel, sich erhebend, »wo bleibt Ihr? Die Kehle brennt mir schrecklich!«

»Sagt, Flaming,« fragte Leroux, »kennt Ihr Französisch?«

»Mehr als mir lieb ist,« antwortete Breydel in derselben Sprache.

»Nun denn, dieweil ich sehe, daß Ihr ungeduldig seid und Durst habt, biete ich Euch meine Kanne dar. Trinkt! Möge es Euch wohl bekommen.«

Breydel nahm die Kanne mit einer Gebärde des Dankes aus der Hand des Söldners und sprach, indem er sie an seine Lippen führte:

»Auf Eure Gesundheit und Euer Glück im Kriege!«

Aber als er einige Tropfen von dem Wein in den Mund gebracht hatte, stellte er den Becher mit Widerwillen wieder auf den Tisch.

»Was ist das? Erschreckt Ihr vor dem edlen Trank? Den sind die Flamen nicht gewohnt,« rief Leroux lachend.

»Es ist französischer Wein!« antwortete Breydel so gleichgültig, als ob dieser Widerwille ein natürliches Gefühl gewesen wäre.

Die Söldner sahen sich verwundert an, und offensichtlicher Ärger bewegte die Wangen Leroux'. Breydels kühle Miene machte jedoch so viel Eindruck auf ihn, daß er den Flaming, ohne noch etwas zu sagen, zu seinem Sitze zurückkehren ließ. Mittlerweile hatte der Wirt das verlangte Bier gebracht, und der Dekan der Fleischhauer trank mehrmals, ohne auf die Franzosen zu achten.

»Nun denn, Kameraden,« rief Leroux, seinen Becher erhebend, »laßt uns noch einmal gehörig trinken, damit man nicht sagen kann, wir seien mit trockener Kehle abgezogen. Auf die Gesundheit der schönen Edelfrau und in der Erwartung, daß das Feuer sie brennen wird!«

Jan Breydel hielt an sich bei diesem Worte; denn in seinem Inneren war eine heftige Bewegung vor sich gegangen, und seine Augen hatten sich mit Verachtung auf die Söldner gerichtet, die dies jedoch nicht bemerkt hatten.

»Wenn in unserer Abwesenheit nur nichts vorkommt,« sprach Leroux ärgerlich. »Die Brügger fangen wieder an zu murren und zu meutern. Man könnte die Stadt plündern, solange wir in Frankreich sind!«

Breydel knirschte vor innerlicher Wut mit den Zähnen; aber er hatte sein Gelübde und die Worte de Conincks noch nicht vergessen. Er horchte mit größerer Aufmerksamkeit, als Leroux die folgenden Worte sprach:

»Diesen Verlust hätten wir der schönen Edelfrau zu verdanken ... Aber wer mag sie wohl sein! Ich für meine Person denke, daß sie die Frau eines mächtigen Ritters ist und zu den anderen nach Frankreich gebracht werden soll. Sie wird noch bitteres Brot essen! ...«

Der Dekan der Fleischhauer hatte sich von seinem Sitz erhoben, und während er, um seine Bewegung zu verbergen, gleichmütig in der Stube umherging, sang er summend und mit leiser Stimme einige Verse eines Volksliedes, das also lautete:

»Seht ihr den Schwarzen Löwen steigen
So stolz und kühn auf goldnem Feld?
Seht seine starke Riesenklaue,
Die Schlag für Schlag die Feinde fällt;
Seht seine blut'gen Augen glühen,
Seht, wie er stolz den Nacken reckt?
Der Leu ist unser Leu von Flandern,
Der ruhend noch die Welt erschreckt.«

Sobald die Franzosen diese Töne hörten, hoben sie alle zugleich den Kopf und schienen höchlichst verwundert.

»Hört,« sprach einer von ihnen, »das ist das Lied der Klauwaarts. Welche Frechheit! Dies wagt der Flaming in unserer Gegenwart zu singen?«

Obwohl Jan Breydel diese Worte gehört hatte, fuhr er in seinem Gesang fort; er erhob sogar die Stimme, als wollte er die Franzosen herausfordern:

»Er streckt' die Klaue gegen Osten,
Und zitternd wich der Feinde Heer:
In Staub fiel unter seinen Streichen
Der Sarazenen starke Wehr.
Dann zog er wieder nach dem Westen
Und schenkte, ihrem Mut zum Lohn,
Dem unverzagt'sten seiner Söhne
Eine Königs- und eine Kaiserkron' Auf allen Feldzügen, die von den Christen unternommen wurden, um Jerusalem zu gewinnen und das Grab des Erlösers von den Ungläubigen zu befreien, nahmen die Belgier den größten Anteil. Schon im Jahre 1095 drang Gottfried von Bouillon, geboren im Schloß Baisy, vier Meilen von Brüssel, an der Spitze von 300 000 Mann in Palästina ein, und Jerusalem wurde von ihm 1098 genommen. Im Jahre 1204 zog Boudewijn, Graf von Flandern, mit einigen französischen Rittern und mit Dandolo, Doge von Venedig, nach dem Orient und besiegte die Türken in manchem Gefecht. Er wurde wegen seiner Tapferkeit von allen Bundesgenossen zum Kaiser von Konstantinopel erhoben.

»Aber was bedeutet dieser Gesang, den sie ewig im Munde haben?« fragte Leroux einen Flaming aus dem Schlosse, der neben ihm saß.

»Nun, er sagt, daß der Schwarze Löwe von Flandern seine Klauen in den Halbmond der Sarazenen geschlagen und daß er den Grafen Boudewijn zum Kaiser gemacht hat.«

»Hört mal, Flaming!« sagte Leroux zu Breydel, »Ihr müßt zugeben, daß dieser schreckliche Schwarze Löwe der Lilienfahne unseres mächtigen Fürsten Philipps des Schönen hat unterliegen müssen, und nun ist er sicherlich für immer tot.«

Meister Jan lächelte verächtlich und antwortete:

»Es gibt noch einen Refrain des Liedes; hört nur:

Er schlummert nun. – Der Welschen König
Mag halten ihn in Kett' und Band',
Er sende seine Räuberscharen
Bis in des Löwen Vaterland ...
Denn wenn der Leu erwacht – ihr Räuber!
Zermalmt er euch mit frischem Mut,
Und eure stolze Lilienfahne
Sinkt hin, befleckt mit Staub und Blut.

Fragt nun, was dies bedeutet!«

Leroux, der sich den Sinn dieser Worte erklären ließ, stieß seinen Stuhl heftig zurück, schenkte seinen Becher bis zum Rande voll und rief:

»Ich will mein Leben lang ein Hundsfott heißen, wenn ich Euch nicht den Hals breche, so Ihr noch ein Wort sprecht!«

Jan Breydel lachte spöttisch über diese Drohung und antwortete:

»Schwöret doch nicht derart, denn Ihr macht die Rechnung ohne den Wirt. Meint Ihr, daß ich vor Euch schweigen werde? Vor allen Welschen der Welt hielte ich kein einziges Wort zurück! Und sehet, um es Euch zu beweisen, trinke ich zu Ehren des Löwen – und ich trotze den Franzosen; hört Ihr's?«

»Kameraden,« sprach Leroux wutbebend, »laßt mich allein mit dem Flaming gewähren; er wird durch meine Hände sterben.«

Während er diese Worte sprach, trat er zu Breydel und rief:

»Ihr lügt – hoch die Lilie!«

»Ihr selbst lügt – und Heil dem Schwarzen Löwen von Flandern!« rief Breydel zurück.

»Kommt her,« versetzte Leroux, »Ihr seid stark: ich will Euch beweisen, daß die Lilie keinem Löwen weicht. Wir fechten bis zum Tode.«

»So sei es,« antwortete Jan Breydel. »Laßt uns nur beeilen. Es freut mich, einen mutigen Feind gefunden zu haben; das ist der Mühe wert.«

Schon waren sie draußen vor der Schenke, und sie schritten zwischen den Bäumen dahin. Als sie einen geeigneten Platz gefunden hatten, trat jeder einige Schritte zurück und bereitete sich auf ein schreckliches Ringen vor. Breydel warf sein Messer auf den Boden und stülpte die Ärmel seines Kollers bis zu den Schultern auf: seine muskulösen Arme setzten die Soldaten, die seitwärts standen, um dem Kampfe zuzuschauen, in Verwunderung. Da Breydel keine andere Waffe als ein Messer hatte, warf Leroux sein Schwert und seinen Rundschild von sich und blieb so ebenfalls ohne Waffen. Er wendete sich zu seinen Kameraden um und sprach:

»So, was auch geschehen möge, ich will nicht, daß man mir helfe. Der Kampf muß ehrlich ausgefochten werden; denn mein Feind ist ein ehrlicher Flaming.«

»Seid Ihr fertig?« rief Breydel.

»Ich bin bereit!« lautete die Antwort.

Bei diesen Worten zogen die beiden Kämpfer die Köpfe zwischen die Schultern und beugten sie nach vorn; ihre Augen blitzten unter den gesenkten Brauen hervor; ihre Zähne und Lippen preßten sich gewaltsam zusammen, und plötzlich stürmten die beiden gleich zwei wütenden Stieren gegeneinander.

Ein schwerer Faustschlag fiel auf eines jeden Brust, wie der Hammer auf den Amboß, und jeder wich taumelnd zurück – aber dies entzündete die Wut noch mehr. Ein dumpfes Röcheln entstieg ihren Kehlen, und sie schlangen sich gegenseitig die Arme gleich eisernen Gürteln um den Leib. Nun zwangen sie einander durch furchtbare Kraft abwechselnd zum Bücken: Arme, Beine, Schenkel – alle Glieder ihres Körpers schienen jedes für sich Kräfte und Leben zu haben; denn alle diese Körperteile stemmten sich unheimlich gegeneinander, und wiederholt seufzten die Kämpfenden laut auf unter den schmerzlichen Umklammerungen, in die sie bei diesen mühsamen Wendungen gerieten. Das Feuer der Raserei glühte auf ihren roten Gesichtern, und das Weiße ihrer Augen war mit roten Blutäderchen wie durchflochten. Doch konnte keiner von beiden den anderen von der Stelle zwingen: man hätte meinen können, ihre Füße seien im Erdboden festgewurzelt. Die Adern lagen wie Stricke auf den Armen Breydels, so sehr waren sie angeschwollen. Dampfend rann der Schweiß von den Wangen der Ringer, während ihr Atem kurz und glühend wurde. Man sah ihre Brust sich schnell heben und senken; aber nichts weiter hörte man, als einige gedämpfte Flüche zwischen dumpfen Seufzern.

Nachdem sie eine Weile so gerungen hatten, zog der Franzose seine Füße etwas rückwärts, legte seine Arme um den Hals Breydels und drückte seinen Kopf mit solch unwiderstehlicher Gewalt nieder, daß er wankte und sich vornüberneigte. Ohne ihm Zeit zu lassen, sich aufzurichten, machte Leroux, durch diesen Vorteil gestärkt, noch eine kräftige Anstrengung, und Breydel mußte unter unwiderstehlicher Gewalt die Knie beugen.

»Da kniet der Löwe schon!« rief Leroux, indem er Breydel einen so furchtbaren Schlag auf den Kopf versetzte, daß ihm das Blut aus dem Munde schoß. Aber dieser Schlag selbst hatte den Franzosen gezwungen, Breydel mit der einen Hand loszulassen. In dem Augenblick, da sich die Faust von neuem erhob, um den Flamen vollends zu morden, fuhr dieser in die Höhe und wich drei Schritte zurück. Schnell wie der Blitz stürzte er sich brüllend auf den Franzosen und umfaßte ihn mit solcher Wut, daß ihm die Rippen im Leibe krachten; aber dieser krümmte sich und wälzte seine Glieder gleich Schlangen um Breydels Körper, und zwar mit einer Kraft, die durch Kenntnis und Übung gesteigert war. Der junge Flaming fühlte, daß seine Beine unter dem Druck der Knie des Franzosen sich beugten und den Boden verloren.

Dieser lang andauernde Kampf, in dem er zum ersten Male in seinem Leben seinen Mut sinken sah, war ihm qualvoller als die Hölle. Heißer Schaum trat auf seine Lippen, und er wurde wahnsinnig vor Wut. Dann ließ er den Franzosen plötzlich los, und den Kopf auf die Brust senkend, lief er gegen ihn an. Wie ein Sturmbock, der gegen eine Mauer prallt, stieß Breydels Stirne so gewaltig gegen die Brust seines Feindes, daß dieser zurücktaumelte; und nun strömte auch ihm das Blut aus Nase und Mund. Bevor er sich erholen konnte, fiel die Faust des Flamen wie ein zermalmender Stein auf seinen Schädel nieder, und mit einem schmerzlichen Schrei sank er zu Boden.

»Du hast die Klaue des Löwen gefühlt!« seufzte Breydel.

Die Söldner, die diesem Kampf anwohnten, hatten ihren Kameraden durch Zurufe ermutigt; sonst aber hatten sie sich nicht eingemischt. Während sie den sterbenden Leroux vom Boden aufhoben, verließ Breydel langsamen Schrittes den Schauplatz und kehrte in den Krug zurück. Er verlangte eine andere Kanne Bier und trank wiederholt, um seinen brennenden Durst zu löschen.

Schon saß er einige Zeit am Tische, und seine Erschöpfung begann sich zu legen, als hinter ihm die Türe aufging. Bevor er sich hatte umkehren können, um zu sehen, wer eintrat, war er von vier starken Männern gefaßt und zu Boden geworfen; im Nu war das Haus voll bewaffneter Franzosen. Breydel wehrte sich lange in fruchtlosen Anstrengungen gegen seine Feinde; endlich blieb er ermattet und machtlos liegen und musterte die Franzosen mit einem jener giftigen Blicke, die die Vorboten des empfangenen oder gegebenen Todes sind. Mancher der Söldner bebte beim Anblick des niedergestreckten Flamen; denn während sein Körper regungslos auf dem Boden lag, schweiften seine flammenden Augen so kühn und drohend umher, daß die Herzen der Zuschauer sich von einer bangen Ahnung ergriffen fühlten.

Ein Ritter, den man an seiner Kleidung als höheren Offizier erkennen konnte, näherte sich vorsichtig Breydel, und nachdem er befohlen hatte, daß man ihm keinerlei Bewegung gestatten solle, sprach er zu dem Flamen:

»Wir kennen uns von früher her, ruchloser Laat! Du hast im Walde zu Wijnendaal den Schildknappen des Herrn de Chatillon erschlagen und dich erfrecht, uns Ritter mit deinem Messer zu bedrohen. Jetzt wieder wagst du es, auf dem Boden meines Rechtsgebietes einen meiner besten Leute zu ermorden. Es wird dir geschehen, was deinen Taten gebührt; noch heute wird man auf den Mauern von Male einen Galgen aufrichten, damit die Brügger Meuterer an dir ein Beispiel haben.«

»Ihr seid ein Verleumder,« rief Breydel, »ich habe meinen Leib ehrlich im Kampfe verteidigt: und wenn Ihr mich nicht mit verräterischer Gewalt behindern würdet, so wollte ich Euch beweisen, daß ich keine Reue empfinde.«

»Du hast das Wappen Frankreichs zu lästern gewagt ...«

»Ich habe den Schwarzen Löwen meines Vaterlandes gerächt und würde es wieder tun. Aber laßt mich doch nicht so, wie einen geschlachteten Ochsen auf der Erde liegen – oder mordet mich lieber auf der Stelle.«

Ohne ihn loszulassen, ließen die Söldner Breydel auf Befehl de St. Pols aufstehen und brachten ihn mit möglichster Vorsorge zur Türe. Der gefangene Flame schritt langsam zwischen den Kriegsknechten einher; zwei der stärksten hielten ihn an den Armen, vier andere gingen derart vor und hinter ihm, daß ihm keine Möglichkeit geboten war, zu entfliehen.

Während sie also mit dem Gefangenen weiter schritten, schleuderten ihm die Söldner höhnische Scherzreden entgegen. Breydel wurde bei ihren spöttischen Worten von unsäglichem Grimm ergriffen und wünschte sich im Inneren den Tod; doch unterdrückte er seine Wut, bis man ihn also ansprach:

»So, schöner Flaming, wenn du morgen am Strick lieblich vor uns tanzest, werden wir die Raben von deiner Leiche vertreiben.«

Der Dekan der Fleischhauer warf einen verächtlichen Blick auf den Söldner, der in solcher Weise seines Unglücks spottete; dieser fuhr fort:

»Betrachte mich doch nicht so grimmig, verfluchter Klauwaart, oder ich schlage dich ins Gesicht.«

»Feigling!« rief Breydel. »So seid ihr: einen gefangenen Feind verhöhnt und verspottet ihr – unedle Mietlinge eines verächtlichen Herrn ...«

Ein Backenstreich, den ihm ein Söldner versetzte, unterbrach seine Rede. Er schwieg plötzlich und senkte das Haupt, als hätte er den Mut verloren. Aber dies war nicht der Fall; heiße Wut empörte seine Seele, und gleich dem Feuer, das im Schoß der Vulkane glüht, loderte ein rasender Rachedurst im Herzen des Flamen. Die Söldner setzten unablässig ihre Lästerungen fort und wurden durch sein Schweigen noch bissiger.

An der Schloßbrücke stellten sie plötzlich das Lachen ein, und ihre Gesichter erbleichten vor Angst und Schrecken. Breydel sammelte in diesem Augenblick alle Kräfte, die ihm die Natur so freigebig zugeteilt hatte, und riß seine Arme aus den Händen der Wächter. Er stürzte sich wie ein Tiger auf die beiden Söldner, die ihn am meisten gereizt hatten, und schlang seine Hände gleich scharfen Zangen um ihre Kehlen.

»Für dich, o Löwe von Flandern, will ich sterben!« rief er, »aber nicht am Galgen – nicht ungerächt!«

Indem er diese Worte sprach, preßte er den Gürtel der Söldner so fest zusammen, daß ihre Wangen blaß und bleifarbig wurden, und mit dem einen Arm, der in unwiderstehlichen Wendungen die Körper seiner Feinde hin und her schleuderte, stieß er ihre Köpfe mit größter Gewalt gegeneinander. Durch das Würgen schier ohnmächtig geworden, leisteten sie keine Gegenwehr; denn die Arme hingen ihnen schlaff am Leibe herab. Dieser Vorgang ereignete sich jedoch in kürzerer Zeit, als wir zu seiner Schilderung nötig haben.

Beim Anblick der Gefahr ihrer Kameraden eilten die anderen Franzosen fluchend herbei; aber Breydel ließ die Gewürgten schnell zu Boden fallen und ergriff die Flucht. Er wurde von den Soldaten bis zu einem breiten Kanal verfolgt. Daran gewöhnt, sich in Wiesen und Auen zu bewegen, sprang Breydel wie ein Hirsch über das Wasser und eilte nach St. Kreuz. Zwei Söldner, die ebenfalls den Sprung über den Graben wagten, fielen ins Wasser und versanken bis an den Hals und mußten dann jede Verfolgung aufgeben. – Der Dekan der Fleischhauer kam wütend in Brügge an und eilte direkt nach seinem Hause; er fand niemanden daheim als einen jungen Gesellen, der sich eben zum Ausgehen anschickte.

»Wo sind meine Gesellen?« rief Breydel ungeduldig.

»Ei, Meister,« entgegnete der Bursche, »sie sind nach dem Pand gegangen, denn die Fleischhauer sind eiligst zusammenberufen worden.«

»Was ist denn wieder im Werke?«

»Ich weiß es nicht genau, Meister; aber der Stadtbote hat öffentlich ein Gebot verlesen, daß alle Bürger, die ihren Lebensunterhalt im Handwerk gewinnen, jede Woche am Samstag einen Silberpfennig von ihrem Arbeitslohn den Zollknechten bezahlen sollen. Dies ist nach allgemeiner Ansicht die Ursache der Handwerksversammlung, die der Dekan der Weber anbefohlen hat.«

»Bleib hier und schließe den Laden,« sprach Breydel. »Sag' meiner Mutter, daß ich diese Nacht nicht nach Hause komme. Sie fürchte nichts.«

Er nahm sein gewohntes Beil von der Wand; nachdem er es unter seinem Koller verborgen hatte, verließ er sein Haus und begab sich nach dem Pand des Handwerks. Sobald er den Saal betrat, ging ein unterdrückter Freudenruf durch die Menge der Genossen.

»Ha, da ist Breydel, unser Dekan!«

Der Genosse, der seine Stelle einstweilen eingenommen hatte, stand auf und bot ihm den großen Sessel an; aber Breydel nahm, anstatt sich, wie gewöhnlich, am oberen Ende der Tafel niederzulassen, einen kleineren Stuhl und sank mit einem bitteren Lächeln darin nieder.

»O Brüder!« rief er, »kommt und gebt mir die Hand, denn ich brauche eure Freundschaft! Mir und unserem Handwerk ist heute blutige Schmach geschehen!«

Die Meister und Gesellen drängten sich um den Sitz Breydels. Noch nie hatten sie so tiefe Trauer und Niedergeschlagenheit an ihm bemerkt; er schien unter unsäglichen Qualen zu leiden. Aller Augen richteten sich fragend auf ihn. Nach einem langen Seufzer versetzte er:

»Ihr wahren Söhne von Brügge habt nun schon zu lange mit mir durch die Schmach gelitten; auch ihr könnt die Sklaverei nicht ertragen. Aber, o Himmel! Wüßtet ihr, was mir heute geschehen ist, ihr würdet wie die Kinder weinen. O, nagender Hohn! Ich habe nicht den Mut, es zu sagen; die Scham peinigt mich ...«

Schon waren alle diese gebräunten Männergesichter mit dem Rot des Grimms bedeckt; sie wußten noch nicht, worüber sie sich erzürnen sollten, und trotzdem ballten sie krampfhaft die Fäuste, und Verwünschungen entströmten ihrem Munde.

»Höret,« versetzte Breydel, »und sinkt nicht um vor Scham, meine tapferen Brüder – höret wohl ... Die Franzosen haben euren Dekan ins Gesicht geschlagen; und diese Wange – sie ist mit einem schändlichen Backenstreich befleckt!«

Die Wut, die die Fleischhauer bei diesen Worten ergriff, ist unbeschreiblich. Schauerliche Mordrufe hallten von den Gewölben des Saales wider, und jeder leistete innerlich den Eid, diese Schmach zu rächen.

»Womit,« fragte Breydel, »wäscht man solche Schande ab?«

»Mit Blut!« scholl es allgemein zurück.

»Ihr versteht mich, Brüder,« versetzte der Dekan; »ja, Blut allein, der Tod des Beleidigers kann mich reinigen. Wisset, daß die Besatzung des Schlosses Male mich also behandelt hat. Aber sagt es mir: – die Sonne des kommenden Morgens wird kein Schloß mehr zu Male finden!«

»Sie wird es nicht mehr finden!« wiederholten die Fleischhauer rachedurstig.

»Kommt,« sprach Breydel, »laßt uns gehen. Jeder kehre in seine Wohnung zurück, mache sich im stillen bereit und nehme sein bestes Beil. Besorgt euch auch andere Waffen, wenn es möglich ist, wie auch Werkzeug zum Abhacken von Holz; denn wir müssen das Schloß besteigen. Um elf Uhr nachts werden wir uns alle im Elsternwald hinter St. Kreuz versammeln.«

Nachdem er den Ältesten noch einige besondere Anweisungen gegeben, verließ er das Pand, und seine Genossen gingen nach ihm fort.

In der Nacht, kurz bevor die Glocke von St. Kreuz die bestimmte Stunde geschlagen hatte, konnte man zwischen den Bäumen beim matten Scheine des wachsenden Mondes viele Menschen auf allen Pfaden in der Nähe des Dorfes dahinschreiten sehen. Alle begaben sich nach der gleichen Richtung und verschwanden der Reihe nach im Elsternwald. Einige von ihnen trugen Armbrüste, andere Keulen; doch die meisten hatten keine sichtbare Waffe. Jan Breydel stand im Inneren des kleinen Gehölzes und beratschlagte mit den Meistern des Handwerkes, von welcher Seite aus sie den Angriff auf das Schloß wagen sollten.

Endlich ward man darüber einig, beiderseits der Brücke den Graben mit Holz zu füllen und den Versuch zu machen, auf diese Art über die Mauer zu gelangen. Der Dekan machte in aller Eile einen Rundgang durch die Reihen der Genossen, die in großer Anzahl damit beschäftigt waren, Gebüsch und kleine Bäume zu fällen und in Büschel zu binden. Als er sich überzeugt hatte, daß auch Leitern nicht fehlten, gab er den Befehl zum Aufbruch – und die Fleischhauer verließen den Wald, um das Schloß Male zu zerstören.

Nach dem Zeugnis der Chroniken waren es siebenhundert an der Zahl; und dennoch waren sie alle so einmütig in dem Bestreben nach Rache, daß nicht ein einziger unvorsichtiger Laut sich aus der Menge erhob. Man hörte nichts weiter als das Rascheln der fortgeschleppten Äste und das Bellen der Hunde, die durch dieses ungewohnte Geräusch aufgeschreckt wurden. Einen Bogenschuß vom Schlosse entfernt, machten sie halt, und Breydel ging mit einigen Genossen voran, um die Feste zu belauern. Die Schildwache über dem Tor hatte das Geräusch ihrer Schritte vernommen; noch im Zweifel über dessen Ursprung, horchte sie aufmerksamer und trat vor auf den Wall.

»Wartet,« sprach einer der Gefährten Breydels, »ich werde diesen unangenehmen Wächter einmal hineinschicken!«

Bei diesen Worten spannte er seine Armbrust und zielte auf die Schildwache. – Er erreichte sein Ziel, denn der Bolzen zersplitterte auf dem Brustharnisch des Franzosen in Stücke. Dieser lief, durch den Schlag erschreckt, von den Wällen und schrie aus Leibeskräften:

»Frankreich! Der Feind! Zu den Waffen! Zu den Waffen!«

»Vorwärts, Kameraden!« rief Breydel. »Vorwärts! Hierher mit den Bündeln!«

Die Fleischhauer kamen der Reihe nach herbei und warfen ihre Holzbündel in den Graben; er war bald hinreichend gefüllt, um wie auf einer Brücke bis an den Fuß der Mauer gehen zu können. Die Leitern wurden aufgestellt, und ein Teil der Flamen bestieg die Wälle, ohne auf Gegenwehr zu stoßen. Auf den Ruf der Schildwache waren die Söldner der Besatzung von ihren Lagerstätten aufgesprungen, und nach wenigen Augenblicken waren mehr als fünfzig angekleidet und bewaffnet. Ihre Zahl vermehrte sich rasch, das Geschrei der Fleischhauer hatte die Schlafenden gründlicher geweckt als der Ruf der Wache.

Jan Breydel befand sich mit nur dreißig seiner Gefährten innerhalb der Schloßmauern, als eine Menge Söldner und Ritter gegen sie anstürmten. Anfänglich sanken viele der Fleischhauer zu Boden, denn da sie keine Panzerhemden trugen, drangen die Pfeile der Franzosen ungehindert in ihren Körper. Doch dies währte nicht lange; in kurzer Zeit waren alle Flamen innerhalb der Mauern.

»Seht, Brüder,« rief Breydel, »ich beginne das Schlachten! Folgt mir!«

Gleich einem Pflug, der sich selbst eine Spur in die Erde gräbt, so bahnte Breydel sich einen Weg durch die Franzosen. Jeder Hieb seines Beiles kostete einem Feind das Leben, und das Blut seiner Opfer strömte bachweise über seinen Koller. Die anderen Flamen, ebenso wütend wie er, stürzten sich von allen Seiten auf die Söldner; ihre Jubelrufe erstickten die Todesschreie der Franzosen.

Während so im Vorhof und auf den Wällen des Schlosses gekämpft wurde, hatte der Kastellan, Herr de St. Pol, in aller Eile einige Pferde satteln lassen. Sobald man ihm berichtete, daß keine Hoffnung mehr sei und die meisten Söldner am Boden lägen, ließ er das Notpförtchen öffnen. Dann zog man eine weinende Frau mit Gewalt aus dem Gebäude, und nachdem sie in den Armen eines Söldners auf einem Pferde befestigt war, schwammen die Reiter zugleich über den Graben und verschwanden zwischen den Bäumen des Waldes.

Es war den Franzosen unmöglich, der Macht der Fleischhauer zu widerstehen, schon aus dem Grunde, weil diese ihren Feinden auch der Zahl nach bedeutend überlegen waren. Eine Stunde später war kein Sterblicher mehr in Male außer denen, die auf flämischem Boden das Leben empfangen hatten. – Man suchte mehr als zwei Stunden lang mit Fackeln in allen Räumen des Schlosses, traf aber keine Feinde mehr an; denn wer das Leben davongebracht, hatte sich durch das Notpförtchen in das freie Feld begeben.

Nachdem Breydel sich durch einen Diener des Schlosses alle Gemächer des Schlosses hatte zeigen lassen, nahm er an, daß Fräulein Machteld bereits fortgebracht worden sei. Er ließ nun seinem Grimm völlig freien Lauf und steckte das herrliche Schloß an allen vier Ecken in Brand. Während die Flammen himmelhoch stiegen und bereits große Stücke der Mauern unter schrecklichem Getöse einstürzten, hackten die Fleischhauer Bäume, Brücken und alles, was nur zerstört werden konnte, um, bis das Schloß ein Bild vollständiger Zerstörung bot.

Die Glocken der umliegenden Dörfer läuteten Sturm, und die Bauern verließen ihre Hütten, um den Brand zu löschen – aber es war zu spät. Von der gräflichen Burg stand nichts mehr als vier glühende Mauern. Man hörte die helle Stimme Breydels, der rief:

»Ja, ja, so suche die Sonne des kommenden Morgens vergeblich nach dem Schloß Male!«

Nach vollzogener Rache versammelten sich die Fleischhauer wieder und verließen Male unter Jubelgesängen. – Sie sangen das Lied vom Schwarzen Löwen.

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